FDP im freien Fall: Zerstört das Ego zweier Parteigrößen die letzte Rettung? Kindergarten oder Überlebensstrategie?
Xpert Pre-Release
Available in 27 languages 📢
Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 1. Juni 2026 / Update vom: 1. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

FDP im freien Fall: Zerstört das Ego zweier Parteigrößen die letzte Rettung? Kindergarten oder Überlebensstrategie? – Bild: Xpert.Digital
Schlimmster Absturz der Parteigeschichte: Warum die neuen FDP-Bosse das falsche Signal senden
„Lahmes Steckenpferd“: Der brutale Machtkampf in der FDP eskaliert völlig
Wenn zwei alte Schlachtrösser streiten, lacht die Bedeutungslosigkeit
Die FDP erlebt ihre schwerste existenzielle Krise. Nach dem katastrophalen Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 2025 sollte der Parteitag im Mai 2026 eigentlich den ersehnten Befreiungsschlag bringen. Doch statt Einigkeit und Aufbruchstimmung dominiert ein erbitterter, öffentlich ausgetragener Machtkampf: Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann liefern sich ein offenes Duell um den Vorsitz und den Kurs der Liberalen. Handelt es sich bei den giftigen Sticheleien der beiden Polit-Veteranen lediglich um gekränkte Eitelkeiten einer Partei im freien Fall? Oder verbirgt sich hinter dem vermeintlichen Kindergarten-Verhalten ein längst überfälliger, harter Richtungsstreit, den die FDP zwingend führen muss? Diese tiefgehende Analyse beleuchtet den historischen Absturz der Partei, seziert die Führungspersönlichkeiten anhand des psychologischen DISG-Modells und zeigt auf, welche strategischen und wirtschaftspolitischen Weichenstellungen nun über das endgültige Überleben oder den Untergang der FDP entscheiden.
Passend dazu:
- Das DISG-Modell in der Politik: Warum unsere Politiker so oft scheitern – und wie ein psychologisches Modell das ändern könnte
FDP im freien Fall – Sticheleien als Strategie oder Symptom des Niedergangs?
Am 30. Mai 2026 wählte die FDP Wolfgang Kubicki auf ihrem Bundesparteitag in Berlin zum neuen Parteivorsitzenden – mit 59,27 Prozent der Delegiertenstimmen in einer Kampfabstimmung gegen die überraschend kandidierende Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die auf gut 39 Prozent kam. Was wie ein geordneter Übergang aussehen sollte, entpuppte sich als Spiegelbild eines tiefen innerparteilichen Risses: Noch am selben Abend antwortete Kubicki auf die ARD-Frage, wie er Strack-Zimmermanns Anhänger für sich gewinnen wolle, mit einem einzigen, kalten Wort – „Gar nicht“. Die Unterlegene hatte zuvor öffentlich ihre Hand zur Zusammenarbeit gereicht; Kubicki erklärte ihr tags darauf via Bild-Zeitung: „Marie-Agnes, du hast nur 40 Prozent – jetzt weißt du, wo der Hammer hängt“.
Dieses Bild der FDP im Frühsommer 2026 ist nicht nur politisch brisant, es ist analytisch aufschlussreich: Handelt es sich beim Gebaren der beiden Veteranen um kindische Eitelkeit, die einer Partei im Überlebenskampf schadet? Oder ist die Auseinandersetzung zwischen Kubicki und Strack-Zimmermann ein notwendiger, wenngleich schmerzhafter Klärungsprozess, der der FDP die Orientierung zurückgeben könnte, die sie seit Jahren verloren hat? Eine tiefgehende ökonomisch-politische Analyse – ergänzt um eine Persönlichkeitsdiagnose nach dem DISG-Modell – soll diese Frage beantworten.
Vom Scherbenhaufen zur Sinnsuche: Der historische Absturz der FDP
Das schlimmste Wahlergebnis der Parteigeschichte
Der Kontext dieser Auseinandersetzung ist nicht zu unterschätzen. Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 erhielt die FDP unter Christian Lindner nur 4,3 Prozent der Zweitstimmen und scheiterte damit an der Fünf-Prozent-Hürde – das schlechteste Ergebnis in der gesamten Parteigeschichte. Gegenüber 2021 verlor die Partei rund 7,1 Prozentpunkte. Lindner selbst gewann nicht einmal sein Direktmandat; er zog sich aus der Politik zurück. Die Nachwirkungen sind dramatisch: Aktuell liegt die FDP in Bundestagswahlumfragen bei nur etwa 3,5 Prozent – weit unterhalb jeder parlamentarischen Relevanz.
Die strukturellen Ursachen dieses Absturzes sind vielfältig und tiefgreifend. Erstens verlor die FDP durch das spektakuläre Scheitern der Ampelkoalition mit SPD und Grünen im November 2024 massiv an Vertrauen. Das intern zirkulierende „D-Day-Papier“, das eine gezielte mediale Inszenierung des Koalitionsbruchs beschrieb, hinterließ das Bild einer Partei, die taktierte, statt zu regieren. Zweitens litt die FDP in der Ampel an einem Identitätsproblem, das NRW-FDP-Chef Henning Höne später auf den Punkt brachte: Man habe oft nicht gewusst, ob man staatstragende Regierungspartei oder krawallige Opposition in der Regierung sein wolle. Drittens war die FDP in der öffentlichen Wahrnehmung zur Partei des Neins geworden – zum Vetospieler ohne konstruktives Programm, der die Koalition blockierte, ohne Alternativen anzubieten.
Außerparlamentarische Existenz als Zerreißprobe
Die Rolle als außerparlamentarische Opposition (APO), die die FDP seit Februar 2025 einnimmt, stellt für eine Partei mit dem Selbstverständnis, Deutschland wirtschaftspolitisch gestalten zu wollen, eine existenzielle Demütigung dar. Ohne Bundestagsfraktion fehlen finanzielle Ressourcen, Mitarbeiterstab, parlamentarisches Fragerecht und mediale Aufmerksamkeit. Der erste Neuanlauf unter dem im Mai 2025 gewählten Parteichef Christian Dürr verlief wenig überzeugend. Dürr – selbst Teil der gescheiterten Ampel-Mannschaft – verkörperte für viele den Kurs der Kontinuität, wo die Partei Diskontinuität brauchte.
Als im März 2026 der gesamte FDP-Bundesvorstand seinen Rücktritt erklärte, war das Signal eindeutig: Die Partei hatte ihre eigene Führung aufgegeben. In diesem Machtvakuum begann die eigentliche Auseinandersetzung, die sich schließlich beim Berliner Parteitag Ende Mai 2026 entlud.
Der Kampf ums Ruder: Chronologie eines Streits, der keiner sein wollte
Vom Sticheln zum Showdown
Die öffentlich ausgetragene Spannung zwischen Kubicki und Strack-Zimmermann begann im April 2026, als Kubicki seine Kandidatur für den Parteivorsitz ankündigte. Strack-Zimmermanns Reaktion auf X war prägnant: „Die FDP muss von einer neuen Generation in die Zukunft geführt werden, nicht nur von alten Schlachtrössern.“ Kubicki konterte trocken: „Lieber ein altes Schlachtross als ein lahmes Steckenpferd.“ Was nach rhetorischem Schlagabtausch klingt, hatte eine tiefere programmatische Dimension.
Denn die Differenzen zwischen beiden sind nicht bloß persönlicher Natur, sondern spiegeln zwei fundamental unterschiedliche Antworten auf dieselbe strategische Frage: Wie holt die FDP verlorene Wähler zurück? Kubicki, der sich offen gegen eine „Brandmauer“ zur AfD aussprach, wirbt für einen konservativ-liberalen Kurs, der AfD-Wähler durch sachliche Überzeugungsarbeit zurückgewinnen soll – ohne dabei AfD-Positionen inhaltlich zu unterstützen, aber auch ohne die kategorische Abgrenzung, die er für kontraproduktiv hält. Strack-Zimmermann hingegen warnte explizit vor einer Verschiebung der FDP nach rechts und betonte die Verteidigung der politischen Mitte und der liberalen Grundwerte. Für sie ist die Brandmauer zur AfD keine taktische Option, sondern eine Frage des liberalen Selbstverständnisses.
Die Kampfabstimmung und ihre Folgen
Dass Strack-Zimmermann kurz vor der Abstimmung am 30. Mai überraschend doch gegen Kubicki antrat – nachdem sie zuvor den NRW-Chef Höne unterstützt hatte, der wiederum seinerseits die Kandidatur zugunsten Kubickis zurückzog –, ist ein Zeichen dafür, dass sie in letzter Minute befand, dass ein unbestrittener Kubicki-Sieg das falsche Signal wäre. Ihr Ergebnis von 39 Prozent interpretierte sie selbst als politischen Auftrag: Knapp 40 Prozent der Delegierten hätten eben für einen anderen Kurs gestimmt.
Was folgte, war der vielleicht symbolträchtigste Moment des gesamten FDP-Dramas: Strack-Zimmermann reichte die Hand, Kubicki schlug sie aus. Er sagte klar, er werde keine Rücksicht auf die innerparteiliche Minderheit nehmen. Das Sticheln hatte sich vom Twitter-Wortwitz zur handfesten Führungsdynamik entwickelt. Der neue Parteichef signalisierte Konfrontation, wo die Geschlagene Kooperation anbot – und das unmittelbar nach einer Wahl, bei der die Partei 3,5 Prozent in Umfragen notiert.
Ist das ein Kindergarten – oder notwendige Klärung?
Die Kindergarten-These: Ego kontra Existenz
Der Vorwurf, die innerparteiliche Auseinandersetzung gleiche einem Kindergarten, hat seine Berechtigung – zumindest oberflächlich. Eine Partei, die ums politische Überleben kämpft, kann es sich eigentlich nicht leisten, dass ihre bekanntesten Figuren öffentlich Sticheleien austauschen, Handreichungen zurückweisen und Machtsignale senden statt Einheitsappelle. Der Spiegel-Kommentator Florian Gathmann formulierte es direkt: Wenn Kubicki und Strack-Zimmermann sich nicht zusammenreißen, können die Liberalen dichtmachen. Diese Sorge ist nicht unbegründet. Jede öffentliche Spaltungsszene schwächt das ohnehin ramponierte Bild der Partei.
Hinzu kommt das generationelle Paradoxon: Kubicki, Jahrgang 1952, und Strack-Zimmermann, Jahrgang 1958, sind beide über 65 Jahre alt und stehen für eine politische Ära, die mit dem Ampel-Debakel in Verbindung gebracht wird. Wenn ausgerechnet diese beiden Veteranen den Neustart repräsentieren, liegt der Verdacht nahe, dass die FDP das falsche Personal für eine glaubwürdige Erneuerung einsetzt. Der „zweite personelle Neuanfang innerhalb von zwölf Monaten“, wie der Tagesspiegel treffend schrieb, mutet mehr nach Personalkarussell als nach strategischer Neuausrichtung an.
Die Klärungs-These: Streit als Suchprozess
Die analytisch tiefere Lesart der Auseinandersetzung ist eine andere: Was wie Sticheleien anmutet, ist in Wirklichkeit ein überfälliger Richtungsstreit, den die FDP schon lange hätte führen müssen. Zwei klar unterscheidbare ideologische Linien prallen aufeinander.
Kubickis konservativ-liberaler Ansatz setzt auf wirtschaftspolitische Konsequenz, Deregulierung, kapitalgedeckte Altersvorsorge und eine pragmatische, nicht-ideologische Oppositionspolitik, die auch die Bereitschaft einschließt, sachlich mit politischen Mitbewerbern zu kooperieren, ohne dabei Koalitionsoptionen zu eröffnen. Sein programmatisches Fundament ist auf dem Berliner Parteitag im Detail ausformuliert worden: Vier-Stufen-Einkommensteuertarif, Karenztage bei Krankheit, Abbau von Bundesbehörden, Rückkehr zur Atomenergie.
Strack-Zimmermanns sozial-liberaler Ansatz hingegen positioniert die FDP als Partei der Mitte – als Korrektiv gegen eine sich radikalisierende politische Landschaft, als Verteidigerin von Rechtsstaatlichkeit, offener Gesellschaft und westlichen Werten. Sie warb beim Parteitag für eine sozial-liberale Ausrichtung und wandte sich gegen jede Form der Brandmauer-Debatte als Wahlkampfinstrument.
Diese Differenz ist keine Kleinigkeit. Sie repräsentiert zwei fundamentale Antworten auf die Frage, was eine liberale Partei im Deutschland der 2020er Jahre sein soll: eine wirtschaftsliberale, pragmatische Kraft, die auch rechtspopulistische Enttäuschte anspricht, oder eine werteliberale, demokratisch-stabilisierende Kraft, die die gesellschaftliche Mitte verteidigt. Diese Frage hätte früher und schärfer diskutiert werden müssen – das Sticheln der letzten Wochen war, so gesehen, ein verspätetes, aber notwendiges Aufeinandertreffen zweier Lagermentalitäten, die bisher unter dem Lack der Ampel-Koalition verborgen geblieben waren.
Unsere EU- und Deutschland-Expertise in Business Development, Vertrieb und Marketing

Unsere EU- und Deutschland-Expertise in Business Development, Vertrieb und Marketing - Bild: Xpert.Digital
Branchenschwerpunkte: B2B, Digitalisierung (von KI bis XR), Maschinenbau, Logistik, Erneuerbare Energien und Industrie
Mehr dazu hier:
Ein Themenhub mit Einblicken und Fachwissen:
- Wissensplattform rund um die globale wie regionale Wirtschaft, Innovation und branchenspezifische Trends
- Sammlung von Analysen, Impulsen und Hintergründen aus unseren Schwerpunktbereichen
- Ein Ort für Expertise und Informationen zu aktuellen Entwicklungen in Wirtschaft und Technologie
- Themenhub für Unternehmen, die sich zu Märkten, Digitalisierung und Brancheninnovationen informieren möchten
Kubicki vs. Strack‑Zimmermann: Wer passt zur FDP‑Wiederauferstehung?
Die Anatomie zweier Politikertypologien: Das DISG-Modell als Analysewerkzeug
Theoretischer Rahmen: Was das DISG-Modell leistet
Das DISG-Modell – entwickelt von dem Psychologen John G. Geier in den 1970er Jahren auf Basis der Verhaltensforschung William Moulton Marstons – unterscheidet vier Grundverhaltenstendenzen: Dominant (D), Initiativ (I), Stetig (S) und Gewissenhaft (G). Dabei gilt: Jeder Mensch vereint alle vier Dimensionen in sich, allerdings in unterschiedlichen Gewichtungen. Der stärkste Typus prägt das beobachtbare Verhalten am deutlichsten.
Das Modell ist im politischen Kontext ein nützliches Deutungsinstrument, wenngleich kein wissenschaftlich abgesichertes Diagnosewerkzeug. Es ermöglicht, Kommunikationsmuster, Führungsstile und Konfliktverhalten von Persönlichkeiten strukturiert zu analysieren – und damit auch die Frage zu beantworten, welcher Politiker welchen Anforderungen einer Führungsrolle besser genügt. Ergänzend gilt: Politik kennt Mischtypen, die mehrere DISG-Dimensionen vereinen, was eine nuancierte Einordnung erfordert.
| Kriterium | Wolfgang Kubicki (D/I) | Marie-Agnes Strack-Zimmermann (I/D/G) |
|---|---|---|
| DISG-Profil | Dominant/Initiativ | Initiativ/Dominant (mit Gewissenhaftigkeit) |
| Kernstärke | Rhetorische Schlagkraft; Netzwerk-Macht; mediale Präsenz | Themenführerschaft Verteidigung; pointierte Krisenkommunikation; inhaltliche Tiefe |
| Führungsstil | Führen durch Sichtbarkeit, Charisma, Machtanspruch und gezielte Provokation | Führen durch Motivation, Klartext, Druckaufbau und fachliche Positionierung |
| Umgang mit Druck | Offensiv-humorvoll; rhetorischer Gegenangriff; Eskalation mit Unterhaltungswert | Flucht nach vorn; Druckerhöhung; argumentativ kompromisslos bei Gegenwind |
| Kommunikation | Pointiert, rustikal, unterhaltsam; quotenträchtig; „Quartalsirrer aus dem Norden“ | Schnell, scharf, emotionalisierend; „verständlich“ (76%), aber polarisierend (34% Sympathie) |
| Historisches Erbe | Liberales Urgestein; BT-Vizepräsident 2017–2025; FDP-Bundesvorsitzender 2026; Comeback-Spezialist | Gesicht der verteidigungspolitischen „Zeitenwende“; Vorsitz Verteidigungsausschuss BT & EU-Parlament |
| Größte Schwäche | Ego überlagert Inhalt; Spaltungsrisiko; mangelnde diplomatische Selbstbegrenzung | Härte kostet Anschlussfähigkeit; Empathiedefizit; Konfrontation polarisiert intern |
| Was wir lernen | Sichtbarkeit und Machtinstinkt schaffen Relevanz – aber Polarisierung allein bindet kein Team | Fachliche Klarheit und Energie erzeugen Durchschlagskraft – aber Recht haben ≠ Mehrheiten gewinnen |
| Ideale Ergänzung | Stetig/Gewissenhaft (S/G): Struktur, Faktenprüfung, diplomatische Erdung | Stetig (S): Beziehungsmanagement, Deeskalation, Koalitionspflege |
Wolfgang Kubicki: Der Dominant-Initiativ-Typ (DI)
Kubicki ist, nach allem was öffentlich über sein Auftreten, seine Rhetorik und seine politischen Entscheidungen bekannt ist, ein klassischer Mischtyp aus Dominanz und Initiative – kurz: DI.
Der dominante Anteil zeigt sich in seiner direkt-konfrontativen Rhetorik, seiner Kompromisslosigkeit gegenüber Koalitionspartnern und seinem klaren Machtanspruch. Er formuliert prägnant, knapp und auf Wirkung ausgerichtet. Die Berliner Zeitung beschrieb seine Parteitagsrede als „kämpferisch“ in der ersten Hälfte und stellte fest, dass er offensiv Position bezieht – getreu der dominanten Maxime, dass Kontrolle und Ergebnis wichtiger sind als Konsens. Sein Satz „Es ist völlig egal, wie wir uns da selbst empfinden, ob wir lustig oder traurig sind“ – gerichtet an Strack-Zimmermanns Anhänger – ist prototypisch für den dominanten Politiker, der Ergebnisse über Befindlichkeiten stellt.
Der initiative Anteil ist ebenso ausgeprägt. Kubicki ist ein politischer Entertainer, der das Rampenlicht sucht, schlagfertig ist und es versteht, andere – Parteifreunde wie Gegner – zu polarisieren und damit Aufmerksamkeit zu erzeugen. In der Forschung gilt der Initiative als jemand, der „gerne neue Kontakte knüpft, redet und andere von seinen Ansichten überzeugt“. Genau das hat Kubicki in Jahrzehnten als FDP-Urgestein, Bundestagsvizepräsident und TV-Talkshowgast perfektioniert. Sein im Handelsblatt beschriebener Anspruch, den Leuten „nicht zu erklären, was sie denken, essen oder anziehen sollen“, spiegelt das liberale Freiheitspathos, das er charmant und eingängig zu kommunizieren versteht.
Die Schwachstellen des DI-Typs sind in der Politiksimulation deutlich erkennbar: mangelnde Geduld mit Details, Tendenz zu einsamen Entscheidungen statt Teamkonsens, und ein Auftreten, das als arrogant oder rücksichtslos empfunden wird. Kubickis Weigerung, auf die 40-Prozent-Minderheit in der FDP zuzugehen, ist ein klassisches DI-Verhalten: Der Typ priorisiert Durchsetzungskraft über Teamintegration – effektiv in einer Krisensituation, wenn schnelles Handeln gefragt ist, toxisch, wenn innerparteiliche Heilung nötig wäre.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Der Initiativ-Dominant-Typ (ID) mit gewissenhaften Anteilen
Strack-Zimmermann ist ebenfalls einem kombinierten Typus zuzuordnen, wobei der initiative Anteil dominant zu sein scheint, ergänzt durch Dominanz-Elemente und einen bemerkenswert starken gewissenhaften Anteil – ID/G.
Der initiative Kern zeigt sich in ihrer Fähigkeit, komplexe Themen – Verteidigungspolitik, europäische Sicherheit, Rüstungslieferungen – populär zu kommunizieren und emotional aufzuladen. Ihre öffentliche Wahrnehmung ist eindeutig: 76 Prozent der Bürger, die sie kennen, sagen, sie rede verständlich; 62 Prozent halten sie für kompetent, 61 Prozent für führungsstark. Der initiative Typus „wirkt durch seine Energie sehr motivierend“ – und genau diese Eigenschaft hat Strack-Zimmermann zu einer der markantesten FDP-Figuren der letzten Dekade gemacht. Ihr selbstgewähltes Kürzel „MASZ“, ihre Präsenz auf TikTok, ihr Slogan „Oma Courage“ – all das ist typisch für den Initiativ-Typ, der Sichtbarkeit als Ressource begreift und Humor als politisches Instrument nutzt.
Der dominante Anteil zeigt sich in ihrer Bereitschaft, Konflikte zu suchen statt zu meiden: Streit mit der Bundestagspräsidentin, Querelen mit dem Kanzleramt, die Taurus-Abstimmung gegen die eigene Koalitionsräson. Sie ist keine Harmoniepolitikerin – aber sie sucht den Konflikt strategisch, nicht reflexartig.
Besonders aufschlussreich ist der gewissenhafte Anteil in ihrer Persönlichkeit: Ihr Doktorat in Politikwissenschaften, ihre jahrelange inhaltliche Expertise in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, ihre analytische Genauigkeit bei Positionierungsfragen zeugen von einem Politiktypus, der Substanz über Show stellt – auch wenn die Show aus taktischen Gründen eingesetzt wird. In der Kritik an Dürr, er betreibe „Realitätsverweigerung“, steckt die Gewissenhaftigkeit der Analytikerin, die die tatsächliche Stimmungslage präzise zu lesen versucht.
Die Schwäche des ID-Typs liegt in der Tendenz, eher begeisternd als konsequent zu wirken, und manchmal Strategie zugunsten von Impulsentscheidungen zu opfern. Die kurzfristige Kandidaturentscheidung kurz vor dem Parteitag – ohne vorher eine tragfähige Kampagne oder Unterstützungsbasis aufgebaut zu haben – war typisch: Der initiative Politikertypus handelt aus dem Momentum heraus, nicht immer kalkuliert.
Das DISG-Fazit: Wer ist für den Neuanfang besser geeignet?
Die ehrliche Antwort ist: Für unterschiedliche Phasen des Neuanfangs braucht die FDP unterschiedliche Qualitäten.
Kubicki bringt als DI-Typ das, was eine Partei in einem initialen Überlebenskampf braucht: Durchsetzungswillen, Symbolkraft, Bekanntheit und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Sein Anspruch, die FDP innerhalb eines Jahres wieder über fünf Prozent zu führen und mittelfristig die Zehn-Prozent-Marke zu erreichen, ist ambitioniert – aber typisch für den dominanten Typus, der hohe Ziele setzt, um sich und andere zu mobilisieren. Er selbst hat eingeräumt, „nicht die Zukunft der FDP“ zu sein, aber sicherstellen zu wollen, dass die Partei überhaupt eine Zukunft hat. Das ist ein selbstbewusstes Selbstbild: Der DI-Typus als kurzfristiger Krisenmanager, nicht als langfristiger Visionär.
Strack-Zimmermann bringt als ID/G-Typ die Qualitäten, die eine Partei für ihre langfristige inhaltliche Repositionierung braucht: programmatische Substanz, gesellschaftliche Anschlussfähigkeit, emotionale Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, breite Bevölkerungsschichten anzusprechen, die von der AfD-Rhetorik abgestoßen sind. Ihre Warnung vor einem Rechtsruck ist nicht nur eine moralische Position, sondern eine marktstrategische Überlegung: Die politische Mitte ist das größte potenzielle Wählerreservoir der FDP.
Das DISG-Modell legt nahe, dass die FDP langfristig eine Führungsfigur des Typs ID/G braucht – jemand, der kommuniziert wie Strack-Zimmermann, aber präziser plant. Kurzfristig kann Kubickis DI-Energie die Partei stabilisieren und das Überleben sichern. Das Ideal wäre eine echte Tandemlösung – was Strack-Zimmermann anfänglich auch vorschlug –, bei der Kubickis Mobilisierungskraft mit Strack-Zimmermanns inhaltlicher Verlässlichkeit kombiniert wird. Die Wahl der Delegierten hat diese Option vorerst verworfen. Ob sie sich in der Praxis noch ergibt, hängt davon ab, ob Kubicki die Fähigkeit entwickelt, seinen dominanten Impuls zu zügeln und den Gewissenhaften in der Parteiführung Raum zu lassen.
Ökonomische Dimension: Was der FDP-Machtkampf für die Wirtschaftspolitik bedeutet
Der konservativ-liberale Kurs als ökonomisches Programm
Kubickis erklärter „konservativ-liberaler Kurs“ ist nicht nur eine ideologische Positionierung, sondern ein konkretes wirtschaftspolitisches Signal. Das auf dem Berliner Parteitag verabschiedete Programm enthält substanzielle Vorschläge: Ein vereinfachtes Vier-Stufen-Steuersystem, das die Einkommensteuer von der heute komplexen Stufenstruktur auf vier klare Tarifstufen (15, 25, 35 und 42 Prozent) reduziert, würde insbesondere mittlere Einkommen entlasten. Die Forderung nach Abschaffung von 100 der über 900 Bundesbehörden innerhalb von fünf Jahren ist ein konkreter Deregulierungsansatz, der die wirtschaftliche Effizienz in der Verwaltung steigern soll.
Die Rückkehr zur Atomenergie und die Einführung einer kapitalgedeckten Aktienrente sind Positionen, die in der volkswirtschaftlichen Fachdiskussion als tragfähig gelten – und die die FDP von allen anderen Bundestagsparteien unterscheiden würden, falls sie in den Bundestag zurückkehrt. In einer Zeit, in der Deutschland durch die 500-Milliarden-Euro-Sonderschuldenpolitik der Merz-Regierung finanzpolitisch unter enormem Druck steht, hat eine klar wirtschaftsliberale Opposition durchaus eine Marktlücke.
Strack-Zimmermanns wirtschaftliche Kompetenzdefizite
Demgegenüber fällt auf, dass Strack-Zimmermann – trotz ihrer kommunikativen Stärke – in der Wirtschaftspolitik nie zu den profiliertesten Stimmen der FDP gehörte. Ihr Schwerpunkt lag auf Verteidigungs- und Europapolitik. Das ist für eine Partei, die Wirtschaftspolitik als Kernkompetenz definiert, eine relevante Einschränkung. Der ID/G-Typus kann zwar komplexe Themen kommunizieren – aber für die wirtschaftspolitische Glaubwürdigkeit braucht es inhaltliche Tiefe, nicht nur rhetorische Gewandtheit.
Die ökonomische Gesamtlage: Zwischen Relevanz und Irrelevanz
Die FDP befindet sich in einer klassischen Falle kleiner Oppositionsparteien: Ohne Parlamentspräsenz fehlt der institutionelle Resonanzboden für wirtschaftspolitische Botschaften. Gut formulierte Steuerreformkonzepte und Deregulierungsvorschläge finden in der öffentlichen Debatte kaum Gehör, wenn die Partei, die sie vorschlägt, unter vier Prozent in Umfragen notiert. Gleichzeitig ist die FDP die einzige Partei außerhalb des Parlaments, die sich klar am marktwirtschaftlichen Spektrum verortiert – ein potenzieller Alleinstellungsvorteil, wenn es gelingt, diesen Anspruch glaubwürdig zu füllen.
Die entscheidende ökonomische Frage für die FDP lautet deshalb nicht, welches Steuerprogramm sie wählt, sondern ob sie es schafft, das Vertrauen von Unternehmern, Selbstständigen und Leistungsträgern zurückzugewinnen, die nach dem Ampel-Debakel tief enttäuscht sind. Dieses Vertrauen wird nicht durch Parteiprogramme wiederhergestellt, sondern durch politisches Verhalten. Und genau hier ist der öffentliche Machtkampf zwischen Kubicki und Strack-Zimmermann kontraproduktiv: Er sendet das Signal, dass die FDP ihre Energie in interne Rangkämpfe investiert statt in politische Inhalte.
Strukturelle Parallelen: Was die FDP aus 2013 lernen kann – und was nicht
Die FDP hat in ihrer Geschichte bereits einmal den Weg aus dem Bundestag zurück gefunden: Nach dem Rauswurf 2013 gelang 2017 unter Christian Lindner mit dem Satz „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“ ein überzeugender Wiedereinzug mit 10,7 Prozent. Das war möglich, weil Lindner eine klare Erzählung anbot, persönlich unverbraucht wirkte und die Partei intern – trotz aller Spannungen – nach außen geschlossen auftrat.
Die Situation 2026 ist in wesentlichen Punkten anders und schwieriger. Erstens ist das aktuelle Personal deutlich stärker verbraucht: Kubicki und Strack-Zimmermann sind keine frischen Gesichter, sondern Protagonisten genau jener Ära, die das Scheitern mitverantwortet hat. Zweitens ist das politische Umfeld komplexer: Mit der AfD als etablierter Großpartei, einer deutlich nach rechts gerückten CDU und einer Grünen-Partei, die ebenfalls um ihre Relevanz kämpft, ist der Marktraum für die FDP enger geworden. Drittens hat die FDP durch das „D-Day-Papier“ einen langfristigen Glaubwürdigkeitsschaden erlitten, den selbst ein erfolgreicher Neustart nur langsam heilen kann.
Die tiefere Lehre aus 2013 für 2026 ist keine taktische, sondern eine strategische: Der Wiedereinzug gelang, weil die FDP eine klare inhaltliche Antwort auf eine gesellschaftliche Frage gab. Das Mantra lautete: liberale Wirtschaftspolitik als Alternative zum sozialdemokratischen Konsens. Die heutige FDP braucht ein Äquivalent – eine ebenso einprägsame Antwort auf die Fragen der Gegenwart. Ob Kubicki die Energie und die Konzentration aufbringt, dieses Narrativ zu formulieren – statt sich in innerparteilichen Schlagabtauschen zu erschöpfen –, ist die eigentliche offene Frage des FDP-Neuanfangs.
Bewertung und Perspektive: Was jetzt tatsächlich gebraucht wird
Die FDP als Idee ist nicht tot – die FDP als Organisation steht auf der Kippe
Eines ist klar: Der politische Raum, den eine konsequent liberale Partei einnehmen könnte, ist nicht verschwunden. Die Bürger, die gegen überbordende Bürokratie, hohe Steuern, staatliche Bevormundung und ideologisierte Wirtschaftspolitik sind, existieren weiterhin – es sind im Zweifelsfall Millionen. Aber dieser Wählerraum ist nicht automatisch FDP-Raum. Er ist umkämpft: von der wirtschaftsliberalen CDU-Rechten, vom BSW in manchen Milieus, von der AfD bei enttäuschten Mittelständlern.
Für Kubicki bedeutet das: Er hat ein Angebot, aber kein automatisches Publikum. Seine strategische Wette, durch konservativ-liberale Schärfung und Pragmatismus gegenüber der AfD verlorene Wähler zurückzugewinnen, ist nicht irrational – aber hochriskant. Jede Annäherung an AfD-Positionen in der öffentlichen Wahrnehmung könnte das urbane, gut ausgebildete FDP-Stammpublikum endgültig verprellen, das die Partei noch hat.
Für Strack-Zimmermann bedeutet das: Ihre Minderheitsposition von 40 Prozent beim Parteitag ist nicht nur ein Achtungserfolg – sie ist eine Pflicht. Wenn sie ihr Amt als Leiterin der FDP-Europaabgeordneten und ihre Präsidiumsmitgliedschaft nutzt, um programmatische Korrekturen einzufordern und die sozialliberale Strömung der Partei zu artikulieren, kann sie für die langfristige Gesundheit der FDP mehr leisten, als ihre kurzfristige Niederlage vermuten lässt.
Drei Szenarien für die FDP bis 2029
Das erste und optimistischste Szenario lautet: Kubicki stabilisiert die Partei taktisch, holt bei Landtagswahlen erste Achtungserfolge, Strack-Zimmermann entwickelt sich zur programmatischen Gegenspielerin im Hintergrund, und gemeinsam bilden sie eine komplementäre Führungsdynamik, die die FDP 2029 wieder in den Bundestag führt. Das setzt voraus, dass beide ihr Ego der Parteiräson unterordnen.
Das zweite und realistischere Szenario: Der Machtkampf schwelt weiter, die Partei bleibt in Umfragen unter vier Prozent, bei weiteren Landtagswahlen scheitert sie regelmäßig, und Kubicki tritt nach einem Jahr tatsächlich nicht erneut an – wie er selbst angekündigt hat. Dann droht die FDP, zur Splitterpartei zu werden.
Das dritte und düsterste Szenario: Die FDP scheitert erneut 2029 an der Fünf-Prozent-Hürde und verliert dauerhaft ihren Status als relevante politische Kraft im deutschen Parteiensystem. Das wäre ein historisches Novum, aber kein unmögliches Ergebnis – die Geschichte ist voll von Parteien, die ein zweites Comeback nicht schafften.
Kindergarten und Klärungsprozess zugleich
Das Sticheln zwischen Kubicki und Strack-Zimmermann ist beides: ein Kindergarten und ein notwendiger Klärungsprozess – aber nicht in gleichem Maß. Das programmatische Substrat des Streits ist wertvoll und unvermeidlich. Die FDP hat zu lange vermieden, ihren ideologischen Kompass zu kalibrieren. Nun tut sie es – spät, öffentlich und unelegant, aber immerhin.
Der Kindergarten-Anteil liegt im Ton, in der Verweigerung von Gesten und Respekt, im reflexhaften Machtgebaren eines Vorsitzenden, der Stärke durch Unzugänglichkeit demonstriert statt durch Überzeugungskraft. Das ist politisch unnötig und strategisch kontraproduktiv. Eine Partei, die 3,5 Prozent in Umfragen hat, kann sich keinen Spaltungsluxus leisten.
Gemessen an den DISG-Dimensionen braucht die FDP in ihrer jetzigen Lage nicht primär einen dominanten Krisenmanager und nicht primär eine initiative Kommunikatorin. Sie braucht in erster Linie Glaubwürdigkeit – und Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Siegestanz über die innerparteiliche Minderheit, sondern durch die Fähigkeit, zwei starke, unterschiedliche Persönlichkeiten zu einer kohärenten politischen Kraft zu integrieren. Das ist die Aufgabe, an der die FDP gerade scheitert – und an der sie gemessen werden wird, wenn 2029 die nächste Bundestagswahl kommt.

















