Warum Top-Manager und Ex-BMW-Chef Wolfgang Reitzle mit seiner Energie-Kritik fatal irrt: Atom und Gas statt Wind und Solar
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Veröffentlicht am: 28. April 2026 / Update vom: 30. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Warum Top-Manager und Ex-BMW-Chef Wolfgang Reitzle mit seiner Energie-Kritik fatal irrt: Atom und Gas statt Wind und Solar – Bild: Xpert.Digital
„Freuen sich über unsere Dummheit“: Warum Reitzles Abgesang auf die Energiewende den globalen Trend ignoriert
Deindustrialisierung durch die Energiewende? Warum die Thesen von Wolfgang Reitzle zu simpel sind
Das Märchen vom teuren Öko-Strom: Was Top-Manager Reitzle in seiner Analyse komplett übersieht
Der ehemalige Top-Manager und Industriepatriarch Wolfgang Reitzle meldet sich zum Ende seiner Karriere mit einer radikalen Forderung zu Wort: Deutschland brauche einen sofortigen Ausbaustopp für erneuerbare Energien und müsse stattdessen zurück zu einem Mix aus Atomkraft und modernen Gaskraftwerken. Mit seinen provokanten Thesen trifft der langjährige Lenker von Unternehmen wie BMW, Linde und Continental den Nerv einer verunsicherten Wirtschaft und befeuert die Debatte um die drohende Deindustrialisierung. Doch wie stichhaltig sind die Argumente des erfahrenen Wirtschaftslenkers wirklich?
Eine detaillierte Analyse zeigt: Reitzles Diagnose benennt zwar reale strukturelle Probleme des Standorts Deutschland, doch seine Schlussfolgerungen zeugen von einem gefährlichen blinden Fleck. Er stützt sich auf ein veraltetes Dogma der Grundlast, verkennt die beispiellose Kostenrevolution bei Wind- und Solarstrom und ignoriert die massiven geopolitischen Risiken fossiler Abhängigkeiten. Warum ein Stopp der Energiewende für Deutschland kein Befreiungsschlag, sondern ein fataler technologischer und wirtschaftlicher Rückschritt wäre – und warum der globale Markt längst in eine völlig andere Richtung steuert, beleuchtet dieser Artikel im Detail.
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Ein Manager im Abschiedsmodus – und warum seine Thesen gefährlich simpel sind
Zum Ende einer langen und beeindruckenden Karriere hat sich Wolfgang Reitzle – Ingenieur, Promotionsabsolvent der TU München, ehemaliger BMW-Vorstand, Linde-Chef und langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender von Continental – in einem viel beachteten Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Wort gemeldet. Was er dort formuliert, klingt nach dem Urteil eines erfahrenen Wirtschaftslenkers, ist in Teilen aber eine erschreckend einseitige Lektüre der energiewirtschaftlichen Realität des 21. Jahrhunderts. Reitzle fordert einen sofortigen Ausbaustopp der erneuerbaren Energien, die Abschaffung aller EEG-Förderungen und propagiert stattdessen einen Mix aus Atomkraft und modernen Gaskraftwerken mit CO₂-Abscheidung. Diese Positionen sind nicht nur empirisch angreifbar – sie widersprechen dem Stand der Wissenschaft, den globalen Markttrends und den eigenen Analysen von Xpert.Digital in zentralen Punkten fundamental.
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Wer ist Wolfgang Reitzle – und warum spricht er so?
Wolfgang Reitzle, geboren 1949 in Neu-Ulm, zählt zu den profiliertesten Industriemanagern der Bundesrepublik. Er studierte Maschinenbau an der TU München, promovierte mit summa cum laude über Metallgitterstrukturen und durchlief das Advanced Management Program der Harvard Business School. Bei BMW stieg er zum Entwicklungsvorstand auf und galt als geistiger Vater der Modelloffensive der 1990er-Jahre. Nach einer Episode als CEO der Premier Automotive Group bei Ford – verantwortlich für Jaguar, Land Rover, Aston Martin, Volvo und Lincoln – übernahm er 2003 den Vorstandsvorsitz der Linde AG und formte den Konzern zu einem global führenden Industriegaseunternehmen. Seit 2009 war er zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Continental AG.
Diese Biografie ist die eines Mannes, der in den Kategorien der klassischen Schwerindustrie denkt: Zuverlässigkeit, Planbarkeit, Effizienz im Bestand. Es ist eine Denkschule, die bei der Analyse disruptiver technologischer Umbrüche – wie der Energiewende einer ist – strukturelle blinde Flecken produziert. Reitzle hat diese Haltung konsistent über Jahre vertreten. Bereits 2019 forderte er öffentlich die Rückkehr zur Atomkraft und bezeichnete den Atomausstieg als nationalen Alleingang in eine „sündteure Sackgasse“. 2021 nannte er die Energiewende „von Anfang an nicht sauber durchdacht“. Nun, im Abschiedsinterview, zieht er das Fazit seines energiepolitischen Denkens – und zieht es falsch.
Das Subventions-Argument: Ein historischer Kategorienfehler
Reitzles zentrales rhetorisches Geschoss lautet: „Eine Technologie, die auch nach über 30 Jahren immer noch auf Subventionen angewiesen ist, kann nicht richtig sein.“ Dieser Satz klingt nach marktwirtschaftlichem Pragmatismus. Er ist es nicht – er ist ein historischer Kategorienfehler.
Denn die Frage ist nicht, ob erneuerbare Energien gefördert wurden, sondern ob sie im Vergleich zu den Alternativen überproportional gefördert wurden. Die Antwort lautet eindeutig: Nein. Zwischen 1970 und 2016 wurden in Deutschland die Steinkohle mit 337 Milliarden Euro und die Atomkraft mit 237 Milliarden Euro gefördert. Die erneuerbaren Energien kamen in diesem Zeitraum lediglich auf 146 Milliarden Euro an staatlichen Transfers. Fossile Energieträger wurden also in diesem Zeitraum mit insgesamt 674 Milliarden Euro – also mehr als dem Vierfachen der Förderung für Erneuerbare – subventioniert. Darüber hinaus wurden fossile Energieträger in Deutschland bis in die jüngste Zeit mit mehr als 46 Milliarden Euro pro Jahr staatlich bezuschusst – der Großteil davon als Verbrauchersubventionen durch Energiepreisausnahmen und Verkehrssubventionen.
Auf globaler Ebene ist das Bild noch drastischer. Die staatlichen Fördermittel für erneuerbare Energien beliefen sich über einen langen Zeitraum auf nur rund 500 Milliarden US-Dollar – das entspricht weniger als 7 Prozent der weltweiten fossilen Subventionen im gleichen Zeitraum. Wer Reitzles Logik konsequent anwendet – dass eine dauerhaft subventionierte Technologie nicht tragfähig sein kann –, müsste als Erstes Kohle, Gas und Öl aus dem Markt verbannen. Doch genau diese Schlussfolgerung zieht Reitzle natürlich nicht.
Noch wichtiger: Das EEG hat seinen Zweck erfüllt. Es war ein gezieltes Marktentwicklungsinstrument zur Skalierung neuer Technologien – kein Dauersubventionsprogramm für unrettbar unwirtschaftliche Energieformen. Die Förderlogik des EEG ist vergleichbar mit der Anfangsförderung der Automobilindustrie, der Luftfahrt oder der Halbleiterindustrie – allesamt Sektoren, die in ihrer Frühphase massiv staatlich unterstützt wurden, bevor sie sich am Markt durchsetzten. Erneuerbare Energien haben diesen Reifeprozess inzwischen hinter sich.
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Die Kostenrevolution: Was Reitzle ignoriert
Die vielleicht folgenreichste Schwäche von Reitzles Argumentation ist seine vollständige Ignoranz der Kostenentwicklung bei erneuerbaren Energien. Im Jahr 2010 kostete die Erzeugung einer Megawattstunde Strom aus Photovoltaik im weltweiten Durchschnitt noch rund 378 US-Dollar. Bis 2019 war dieser Wert auf etwa 68 US-Dollar gesunken – und der Preisverfall setzt sich bis heute fort. Bloomberg NEF prognostiziert für 2025, dass die Stromgestehungskosten von Photovoltaik-Kraftwerken auf rund 35 US-Dollar je Megawattstunde (3,5 Cent/kWh) fallen werden – mit weiterem Rückgang auf 25 US-Dollar bis 2035.
In Deutschland bestätigt das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in seiner Studie von 2024 konkrete Zahlen: Photovoltaik erzeugt Strom zu Gestehungskosten von etwa 4 bis 14 Cent/kWh, Onshore-Windkraft zu 4 bis 9 Cent/kWh. Im Vergleich dazu lagen die Gestehungskosten für Kohlestrom bei 15 bis 29 Cent/kWh, für Atomkraft bei 13 bis 49 Cent/kWh. Gasturbinenkraftwerke (GuD) kosteten 2024 zwischen 10,9 und 18,0 Cent/kWh und werden bis 2045 aufgrund steigender CO₂-Preise noch teurer. Die Botschaft des Fraunhofer ISE ist eindeutig: „Photovoltaik- und Windkraftanlagen in Deutschland produzieren längst den günstigsten Strom – und zwar dauerhaft.“
Xpert.Digital hat diese Entwicklung in mehreren Analysen dokumentiert und darauf hingewiesen, dass die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten bei Atomstrom – unter Einbeziehung von staatlichen Förderungen, nicht internalisierten externen Kosten sowie Umwelt-, Klima- und Gesundheitsschäden – so hoch sind wie bei keiner anderen Stromerzeugungsart. Wind- und Solarstrom fallen in dieser Gesamtrechnung erheblich günstiger aus als Kohle oder Atom. Bei der Windenergie fällt nur rund ein Drittel der gesamtgesellschaftlichen Kosten an, die die Braunkohle verursacht.
Reitzles Behauptung, ausschließlich auf erneuerbare Energien zu setzen, sei ein „fataler Irrtum“, weil Solar- und Windstrom „nicht grundlastfähig“ seien, mag im technischen Sinne der alten Energiewelt korrekt klingen. Sie verkennt jedoch, wie das Energiesystem der Zukunft konzipiert ist – und was aktuelle Forschung dazu sagt.
Das Grundlast-Dogma: Überholtes Denken aus dem Industriezeitalter
Der Begriff „Grundlastfähigkeit“ ist ein Relikt aus der Ära zentralisierter Großkraftwerke, das Reitzle wie viele seiner Generation unreflektiert als Totschlagargument einsetzt. Dabei hat die Wissenschaft dieses Konzept längst neu bewertet. Eine gemeinsame Studie der drei deutschen Wissenschaftsakademien – acatech, Leopoldina und Akademienunion – im Rahmen des Projekts „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) kommt zu einem klaren Ergebnis: Eine sichere Stromversorgung ist auch ohne Grundlastkraftwerke möglich.
Die Studie zeigt, dass ein Energiesystem auf Basis einer Kombination aus Solar- und Windenergieanlagen, Speichern, einem flexiblen Wasserstoffsystem, einer flexiblen Stromnutzung und sogenannten Residuallastkraftwerken zuverlässig funktionieren kann. Karen Pittel, Leiterin des ifo-Instituts und stellvertretende Vorsitzende des ESYS-Direktoriums, formuliert es klar: Die Kostenrisiken bei Grundlasttechnologien werden tendenziell sogar höher eingeschätzt als beim weiteren Ausbau der Solar- und Windenergie.
Der entscheidende konzeptionelle Wandel besteht darin, dass ein modernes Stromsystem keine dauerhaft laufenden Kraftwerke braucht, sondern Flexibilität und Speicherkapazität. Deutschland hat hier in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte gemacht: Im Jahr 2024 wurden fast 600.000 Batteriespeicher neu in Betrieb genommen – ein Kapazitätszuwachs von fast 50 Prozent innerhalb eines Jahres. Der Zubau von Batteriespeichern in Deutschland stieg rasant; bundesweit sind inzwischen Anlagen mit mehr als 1,9 Gigawattstunden Speicherkapazität im Einsatz, Tendenz stark wachsend. Weltweit wird zwischen 2025 und 2035 ein Speicherausbau von 1,9 Terawatt erwartet.
Das Argument der mangelnden Grundlastfähigkeit ist damit nicht widerlegt – aber erheblich relativiert. Es beschreibt eine aktuelle technische Lücke, die durch Speichertechnologien, Netzausbau, Lastmanagement und grünen Wasserstoff schrittweise geschlossen wird. Das ist keine idealistische Vision, sondern ein bereits laufender industrieller Prozess.
Reitzles Gaskraftwerk-Fantasie: Teuer, riskant und widersprüchlich
Reitzle plädiert für moderne Gaskraftwerke mit CO₂-Abscheidung (Carbon Capture and Storage, CCS) als Alternative zu erneuerbaren Energien. Dieser Vorschlag hat drei fundamentale Probleme: Er ist teuer, technologisch unreif für den Einsatz an intermittierend betriebenen Gaskraftwerken und schafft neue geopolitische Abhängigkeiten.
Zur Kostenfrage: Das Fraunhofer ISE weist für wasserstoffbetriebene Kraftwerke im Jahr 2035 Stromgestehungskosten von 30,5 bis 49,8 Cent/kWh aus. CCS an Gaskraftwerken schneidet noch schlechter ab: Die CO₂-Vermeidungskosten für CCS an Gaskraftwerken zur Spitzenlastdeckung werden auf 360 bis 880 Euro je Tonne CO₂-Äquivalent beziffert. Diese Zahlen stehen in einem absurden Missverhältnis zu den aktuellen Gestehungskosten von Wind- und Solarstrom.
Zur technischen Frage: CCS an Gaskraftwerken ist wirtschaftlich nur bei kontinuierlichem Betrieb sinnvoll. Die von der Bundesregierung geplanten Gaskraftwerke sollen jedoch nicht dauerhaft laufen, sondern nur in Spitzenlastzeiten einspringen. CCS an intermittierend betriebenen Kraftwerken würde laut Expertenmeinung nur bei massiver staatlicher Subvention möglich sein – womit Reitzle genau das kritisiert, was er selbst propagiert.
Zur Versorgungssicherheit: Reitzles Plädoyer für Gaskraftwerke übergeht vollständig die Erfahrungen der Energiekrise von 2022. Im Jahr 2021 stammten rund 55 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. Der Einbruch dieser Lieferungen durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine führte zu explodierenden Gaspreisen und erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden. Nach einer Greenpeace-Studie zahlte Deutschland im Jahr 2022 voraussichtlich allein für russisches Öl und Gas rund 32 Milliarden Euro – mehr als die Hälfte des russischen Militärbudgets des Jahres 2020. Seitdem liefert Russland gar kein Gas mehr direkt nach Deutschland. Erneuerbare Energien aus Sonne und Wind dagegen können nicht boykottiert, sanktioniert oder politisch instrumentalisiert werden. Sie sind das strukturelle Gegenstück zur fossilen Importabhängigkeit.
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Reitzles Kritik im Faktencheck: Systemische Fehler statt Technologieproblem
Die Strompreis-These: Richtig beobachtet, falsch diagnostiziert
Reitzle liegt durchaus nicht in allem falsch. Sein Verweis auf die hohen deutschen Industriestrompreise trifft einen echten Nerv. Deutsche Industrieunternehmen zahlen im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viel: Im Jahr 2025 lagen die Industriestrompreise für kleine bis mittlere Betriebe bei rund 18,3 Cent/kWh – rund 17 Prozent über dem EU-Durchschnitt von 15,6 Cent/kWh. Günstigere Länder wie Finnland (8,0 Cent/kWh) oder Norwegen (7,4 Cent/kWh) verfügen über besondere geografische Vorteile bei der Wasserkraft.
Doch die Diagnose, dass die Energiewende und der Ausbau erneuerbarer Energien die Ursache der hohen Preise seien, ist zu simpel. Die Struktur des deutschen Strompreises setzt sich aus zahlreichen Komponenten zusammen: Netzentgelten, Steuern, Konzessionsabgaben, Umlagen und dem eigentlichen Energiebeschaffungspreis. Der Börsenstrompreis – also der Marktpreis für Energie – ist durch den massiven Ausbau von Wind und Solar signifikant gesunken. Agora Energiewende dokumentiert, dass der stetige Ausbau der Erneuerbaren bereits 2024 zu einem messbaren Rückgang der Großhandelspreise geführt hat. Der sogenannte Merit-Order-Effekt – also der preissenkende Effekt günstiger erneuerbarer Energien auf den Börsenstrompreis – ist in der akademischen Literatur gut belegt.
Was den deutschen Industriestrompreis verteuert, sind also primär systemische Faktoren: überhöhte Netzentgelte, die unter anderem durch eine jahrzehntelange Vernachlässigung des Netzausbaus entstanden sind, hohe Steuern und Abgaben sowie die Kosten der Systemintegration volatiler Erzeuger. Hinzu kommt das Netz-Infrastruktur-Problem: Netzbetreiber wie das Bayernwerk melden Anschlussanfragen für erneuerbare Energien in einer Größenordnung von über 60 Gigawatt, die sie nicht bedienen können – Wartezeiten von fünf bis fünfzehn Jahren für den Anschluss neuer Solarparks sind keine Seltenheit. Diese strukturellen Engpässe sind das eigentliche wirtschaftspolitische Problem – nicht der Ausbau erneuerbarer Energien an sich.
Der Rekordausbau: Was die Zahlen erzählen
Während Reitzle einen Ausbaustopp fordert, schreibt die Realität eine andere Geschichte. Im Jahr 2024 erreichten erneuerbare Energien in Deutschland laut Statistischem Bundesamt einen Rekordanteil von 59,4 Prozent an der inländisch erzeugten und ins Netz eingespeisten Strommenge. Das Fraunhofer ISE kommt sogar auf 62,7 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Die CO₂-Emissionen aus der Stromerzeugung erreichten zeitgleich ein neues Tief. Die Photovoltaik erzielte 2024 mit 72 Milliarden kWh einen neuen Bestwert, der Rekordzubau von rund 17 Gigawatt übertraf das Vorjahresziel. Windkraft stellte mit einem Anteil von rund einem Drittel den mit Abstand wichtigsten Energieträger im deutschen Strommix dar.
Weltweit ist das Bild noch dramatischer. Im Jahr 2024 flossen rund 2 Billionen US-Dollar in den Ausbau erneuerbarer Energien – doppelt so viel wie in fossile Energien. Die globalen Investitionen in Solar-PV erreichten 2024 mit 554 Milliarden US-Dollar einen Rekordwert, ein Anstieg von 49 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Über 90 Prozent der weltweiten Investitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten entfielen 2024 auf erneuerbare Energien – der Zubau von 585 Gigawatt entsprach einem Anteil von 92,5 Prozent am gesamten Kapazitätsausbau. Diese Zahlen machen deutlich: Der Markt hat entschieden. Nicht ideologisch, sondern ökonomisch.
Reitzle müsste als Ingenieur und Ökonom eigentlich wissen, dass man keinen Markt, der sich mit dieser Geschwindigkeit transformiert, durch administrative Stopps effektiv zurückdrehen kann. Ein Ausbaustopp wäre nicht nur kontraproduktiv – er wäre auch wirtschaftspolitisch selbstschädigend, weil er Deutschland aus einem globalen Wachstumsmarkt herauslösen würde.
Arbeitsplätze und Beschäftigungseffekte: Die verdrängte Realität
Reitzle beklagt die Deindustrialisierung Deutschlands als Folge verfehlter Energiepolitik – ein berechtigter Hinweis auf ein reales Problem. Was er aber ausblendet, sind die erheblichen Beschäftigungseffekte der Energiewende selbst. Im Jahr 2023 waren in Deutschland rund 406.300 Personen im Bereich der erneuerbaren Energien tätig. Nach Daten des Bundeswirtschaftsministeriums waren es schon 2022 rund 387.700 Beschäftigte, mit einem Zuwachs von fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung dokumentiert, dass die Zahl der Stellenausschreibungen im Bereich erneuerbarer Energien und Energieinfrastruktur zwischen 2019 und 2024 von 173.000 auf 372.500 gestiegen ist – mehr als eine Verdoppelung. Während in der Industrie Stellen abgebaut werden, entstehen in der Erneuerbaren-Branche nach wie vor zusätzliche Jobs. Jede 25. Stelle in Deutschland wird heute für die Energiewende nachgefragt.
Diese Beschäftigungseffekte sind kein marginales Phänomen. Sie repräsentieren einen strukturellen Wandel des deutschen Arbeitsmarkts, der die traditionelle Industrie nicht ersetzt, aber zunehmend ergänzt und in Teilen substituiert. Wer die Energiewende stoppt, stoppt auch diesen Beschäftigungsmotor – und zwar genau in einem Moment, in dem Deutschland Wachstumsimpulse dringend braucht.
Das Deindustrialisierungs-Argument: Ursachen differenziert betrachten
Die Behauptung, die Energiewende sei der Treiber der deutschen Deindustrialisierung, ist ein zu simplizistisches Narrativ, das komplexe Ursachengeflechte auf einen einzigen Faktor reduziert. Tatsächlich ist die Deindustrialisierung Deutschlands ein multifaktorielles Problem. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) berichtet, dass der Anteil von Unternehmen, die Produktionseinschränkungen oder Abwanderungen erwägen, von 21 Prozent im Jahr 2022 auf 37 Prozent im Jahr 2024 gestiegen ist – bei Betrieben mit hohen Stromkosten sogar auf 45 Prozent. Doch hinter diesen Zahlen stecken neben Energiepreisen auch strukturelle Faktoren wie überbordende Bürokratie, mangelnde Digitalisierung, hohe Lohnkosten, fehlende Fachkräfte, geopolitische Unsicherheiten und ein überfälliger Strukturwandel in der Automobilindustrie.
Die Energiekrise von 2022, die zu extremen Preisanstiegen führte, war zu einem erheblichen Teil auf die viel zu lange aufrechterhaltene Abhängigkeit von russischem Gas zurückzuführen – also auf eine Strategie, die Reitzle selbst in Teilen befürwortet hatte und die das genaue Gegenteil von Versorgungssicherheit war. Hätte Deutschland die Energiewende früher und konsequenter umgesetzt, wäre die Exposition gegenüber russischen Gaspreisschocks deutlich geringer gewesen. Dieser Zusammenhang wird in der öffentlichen Debatte systematisch unterschätzt, auch von Reitzle.
Die 100-Prozent-Erneuerbaren-Frage: Zwischen Realität und Dogma
Reitzle hat recht, wenn er darauf hinweist, dass das Ziel von 100 Prozent erneuerbarem Strom bis 2035 ambitioniert ist. Auch der aktuelle Monitoring-Bericht zur Energiewende erkennt, dass der Strombedarf langsamer wächst als ursprünglich angenommen, und sieht Anpassungsbedarf bei einigen Förderinstrumenten. Das Bundeswirtschaftsministerium hat selbst Reformbedarf signalisiert – ein Ausbaustopp ist jedoch nicht die Schlussfolgerung.
Hier liegt der Unterschied zwischen einer nuancierten Systemkritik und Reitzles Maximalkritik. Erstere fragt: Wie können wir die Energiewende kosteneffizienter, systemischer und gerechter gestalten? Letztere behauptet: Der gesamte Ansatz ist falsch, wir müssen zurück zu Atom und Gas. Das ist kein reformorientierter Pragmatismus – es ist ideologische Restauration. Dass Reitzle behauptet, das 100-Prozent-Ziel sei „ohnehin unerreichbar“, widerspricht dem aktuellen Entwicklungsstand: Im Jahr 2024 deckten erneuerbare Energien bereits rund 55 bis 63 Prozent des deutschen Stromverbrauchs, je nach Berechnungsmethode. Bei einem Ausbautempo, das sich seit 2019 mehr als verdoppelt hat, ist das als Obergrenze schwer zu rechtfertigen.
Das Beispiel des Akademieprojekts „Energiesysteme der Zukunft“ zeigt, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft differenzierter denkt als Reitzle: Grundlastkraftwerke könnten unter bestimmten Umständen eine sinnvolle Ergänzung darstellen – sie sind aber keine notwendige Voraussetzung für Versorgungssicherheit. Das ist der Unterschied zwischen Technologieoffenheit und ideologischer Fixierung auf das Altbewährte.
Exkurs: Infrastrukturengpässe als eigentliche Wachstumsbremse
Ein Aspekt, der in Reitzles Energiekritik vollständig fehlt, ist die Frage der Infrastruktur. Das eigentliche Nadelöhr der deutschen Energiewende ist nicht der Mangel an Erzeugungskapazitäten, sondern der Ausbaustand des Stromnetzes. Das bekannte Nord-Süd-Gefälle – im windreichen Norden entsteht ein Stromüberschuss, der die Industriezentren im Süden nicht erreicht – ist ein systemisches Versagen, das nichts mit der Qualität erneuerbarer Energietechnologien zu tun hat, sondern mit jahrzehntelangem Versäumnis beim Netzausbau. Xpert.Digital hat in seiner Analyse zur Stromnetz-Infrastruktur dokumentiert, dass das Problem nicht die Erzeugung ist, sondern die Distribution: Netzbetreiber wie das Bayernwerk berichten von Anschlussanfragen in einer Größenordnung von über 60 Gigawatt, die derzeit nicht bedient werden können.
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E.ON plant, bis 2028 rund 43 Milliarden Euro in den Netzausbau zu investieren. Das ist der richtige Weg. Ein Ausbaustopp der Erneuerbaren würde dieses strukturelle Problem nicht lösen – er würde lediglich die Nachfrage nach Netzanschlüssen dämpfen, ohne die strukturelle Investitionslücke zu schließen. Langfristig würde Deutschland damit technologisch weiter zurückfallen, nicht aufholen.
Das Narrativ der deutschen Dummheit: Selbstgeißelung ohne Substanz
Reitzles Ausspruch, im Ausland freue man sich „über unsere Dummheit“, ist eine provokante Kurzformel, die mehr Emotion als Analyse transportiert. Sie basiert auf der impliziten These, Deutschland sei das einzige Land, das eine systematische Energiewende versuche, während der Rest der Welt pragmatisch fossile Brennstoffe nutze. Diese These ist faktisch unhaltbar.
Im Jahr 2024 entfielen über 90 Prozent aller weltweiten Investitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten auf erneuerbare Energien. China hat 2024 allein 278 Gigawatt Photovoltaik neu installiert. Die USA, Indien, Südkorea, Japan und die gesamte Europäische Union bauen massiv erneuerbare Kapazitäten aus. Das globale Kapital folgt diesem Trend – nicht Deutschland folgt einer deutschen Ideologie, sondern Deutschland ist – trotz aller berechtigten Kritik an der Umsetzung – Teil einer globalen ökonomischen Entwicklung, die von Kostensenkungspotenzialen, technologischen Lernkurven und geopolitischer Versorgungssicherheit getrieben wird.
Wer angesichts dieser globalen Marktdynamik behauptet, der Ausbau erneuerbarer Energien sei eine deutsche Sonderdummheit, verkennt die Grundzüge der internationalen Energiewirtschaft. Es ist vielmehr die Rückkehr zu Gasabhängigkeit und Atomkraft, die im internationalen Wettbewerb zunehmend wie eine Sackgasse wirkt – ökonomisch, technologisch und geopolitisch.
Berechtigte Sorge, falsche Schlussfolgerung
Wolfgang Reitzle ist kein Demagoge. Er ist ein erfahrener Industriemann mit berechtigten Sorgen über die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland, über überbordende Bürokratie und über die Kosten eines zu hastigen Transformationsprozesses. In diesen Diagnosen hat er teilweise recht. Aber seine Schlussfolgerungen sind falsch.
Ein sofortiger Ausbaustopp erneuerbarer Energien würde Deutschland aus dem wichtigsten globalen Investitions- und Technologietrend herauskatapultieren, der auf jahrzehntelange Kostendegression, technologische Reife und geopolitische Unabhängigkeit setzt. Er würde über 400.000 Beschäftigte in einem der wenigen Wachstumssektoren der deutschen Wirtschaft gefährden. Er würde die neue Abhängigkeit von russischem oder anderweitig importiertem Gas wiederbeleben – einer Technologie, die sich als geopolitisch riskant, preisvolatil und im Betrieb zunehmend teurer erwiesen hat. Und er würde auf einer technologischen Annahme beruhen – der Notwendigkeit klassischer Grundlast –, die führende Wissenschaftsakademien als überholt eingestuft haben.
Die eigentliche Herausforderung Deutschlands liegt nicht im Zuviel an Energiewende, sondern in ihrer mangelnden systemischen Begleitung: zu langsamer Netzausbau, zu hohe Netzentgelte, zu viel bürokratischer Investitionsstau, zu wenig Speicherinfrastruktur und zu wenig europäische Koordination. Xpert.Digital hat in mehreren Analysen gezeigt, dass die Fehler der deutschen Energiepolitik nicht im Ziel, sondern im Weg liegen – in strukturellen Infrastrukturdefiziten und einer jahrzehntelangen Vernachlässigung des Netzes, nicht im Ausbau sauberer Energiequellen selbst.
Passend dazu:
Ein Ingenieur vom Format Reitzles sollte wissen, dass man kein komplexes System optimiert, indem man es stoppt. Man optimiert es, indem man die systemischen Engpässe identifiziert und behebt. Das wäre die Aufgabe – nicht die Rückkehr in eine energiepolitische Vergangenheit, die Deutschland teuer, abhängig und im globalen Wettbewerb zunehmend verwundbar gemacht hat.
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