Doppelt scheinheilig: Opportunistische Scheinheiligkeit aller Parteien in Bezug auf die Brandmauer
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 16. März 2026 / Update vom: 4. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Doppelt scheinheilig: Opportunistische Scheinheiligkeit aller Parteien in Bezug auf die Brandmauer – Bild: Xpert.Digital
Auswertung von 11.000 Sitzungen zeigt: Das Märchen von der Brandmauer
Das größte politische Scheingebäude: Warum alle Parteien vom Brandmauer-Märchen profitieren
Ein moralisches Scheingebäude, das längst von allen Seiten untergraben wird
Die Brandmauer gegen die AfD gilt als das höchste moralische Gebot der deutschen Politik – doch hinter verschlossenen Türen ist sie längst zu einem politischen Potemkinschen Dorf verkommen. Geheime WhatsApp-Chats aus Brüssel, überraschende Abstimmungsmehrheiten durch die Grünen und eiskaltes Kalkül auf kommunaler Ebene zeigen: Wenn es der eigenen Macht oder den eigenen Inhalten nützt, wird die angebliche rote Linie von allen etablierten Parteien stillschweigend und opportunistisch überschritten. Von der CDU/CSU über die SPD bis hin zu Grünen und Linken offenbart sich eine beispiellose Doppelmoral. Eine schonungslose Analyse darüber, wie das Festhalten an einer bröckelnden moralischen Fassade die Glaubwürdigkeit der Demokratie massiv beschädigt.
Das Fundament bröckelt – Was Brüssel enthüllt, was Berlin verdeckt
Mitte März 2026 berichtete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) von einem Vorgang, der in Berlin umgehend als politischer Dammbruch behandelt wurde: Die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament – also die politische Heimat von CDU und CSU – hatte offenbar nicht nur gemeinsam mit der AfD und anderen rechten Fraktionen über eine schärfere Migrationspolitik abgestimmt, sondern die Zusammenarbeit aktiv vorbereitet. Laut der dpa-Recherche gab es eine WhatsApp-Gruppe, in der Vertreter der EVP, der rechtskonservativen EKR-Fraktion, des rechtspopulistischen Bündnisses Patrioten für Europa sowie der Fraktion Europa Souveräner Nationen (ESN), der die AfD angehört, koordiniert kommunizierten. Kurz nach Gründung dieser Gruppe fand ein persönliches Treffen statt, an dem vier Abgeordnete der genannten Fraktionen teilnahmen und einen gemeinsamen Gesetzentwurf ausarbeiteten. Der so verhandelte Entwurf erhielt anschließend im zuständigen Ausschuss des Europäischen Parlaments die notwendige Mehrheit. Das geplante Gesetz soll unter anderem die Abschiebung von Asylsuchenden in sogenannte Return-Hubs außerhalb der EU ermöglichen.
Diese Enthüllung trifft auf eine politische Kulisse, in der das Narrativ der Brandmauer seit Jahren sorgsam gepflegt wird. EVP-Chef Manfred Weber, der CSU-Politiker und mächtigste Konservative Brüssels, hatte noch Ende 2025 unmissverständlich erklärt: “Die Brandmauer steht. Wir wissen, wer unsere Feinde sind.” Die AfD bezeichnete er als “antieuropäische Partei”. Und nun legen interne Chats nahe, dass Mitarbeiter seines Hauses auf Vorschläge aus dem Büro der AfD-Abgeordneten Mary Khan mit einem schlichten “Wir können das unterstützen” reagierten. Was Weber offiziell ausschloss, wurde offenbar hinter den Kulissen praktiziert.
Zwischen Symbolpolitik und Realpolitik – Die EU-Besonderheit
Um die Dimension des Vorgangs angemessen einzuordnen, muss man die strukturellen Unterschiede zwischen dem Europäischen Parlament in Brüssel und dem Deutschen Bundestag in Berlin verstehen. Im Deutschen Bundestag trifft die Brandmauer auf klare nationale Verhältnisse: Wenige Parteien, transparente Fraktionsgrenzen, direkte öffentliche Beobachtung. In Brüssel hingegen treffen Vertreter von mehr als 170 nationalen Parteien aufeinander, die sich mühsam in acht Fraktionen strukturieren. Die informelle Vereinbarung, die offiziell als “Cordon Sanitaire” bezeichnet wird, gilt im EU-Parlament gegenüber den Fraktionen Patrioten für Europa (PfE) und Europa Souveräner Nationen (ESN), wobei die AfD der letztgenannten angehört. Ob diese Brandmauer auch gegenüber der EKR-Fraktion mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni gelten soll, ist unter den Parteien bis heute strittig.
Die Abstimmungsmehrheiten im Europäischen Parlament haben sich seit der Europawahl 2024 erheblich zugunsten der rechten Fraktionen verschoben. Weber hat auf diese neue Realität längst reagiert – rhetorisch mit der Bekundung strikter Abgrenzung, faktisch mit einer immer pragmatischeren Kooperationsbereitschaft. Schon im März 2024 erklärte er, eine punktuelle Zusammenarbeit mit “europafreundlichen Konservativen” wie Meloni sei für ihn “genauso denkbar wie eine Zusammenarbeit mit den Grünen”. Mit dem Unterschied, dass Melonis Partei der EKR-Fraktion angehört, die formal nicht unter den Cordon Sanitaire fällt. Die Grenzen der Brandmauer wurden also stets flexibel gehandhabt – je nach politischem Opportunitätskalkül.
Eine Geschichte des stillen Übertretens – Die EVP und die Rechten
Der aktuelle Vorgang ist nicht der erste, bei dem die EVP die Brandmauer übertritt – er ist lediglich der bisher bemerkenswerteste, weil die Koordination diesmal dokumentiert ist. Im September 2024, wenige Monate nach Konstituierung des neuen EU-Parlaments, brachte die EVP gemeinsam mit Rechtsaußen-Fraktionen, darunter AfD-Abgeordnete, eine Resolution zu Venezuela auf den Weg. Dies war damals nach Einschätzung des grünen EU-Parlamentariers Daniel Freund ein historisches Novum: Zum ersten Mal überhaupt hatten Konservative und Rechtsaußen nicht nur gemeinsam abgestimmt, sondern einen Text gemeinsam eingebracht. Die Reaktion der EVP war damals: Man habe eine Position zu Venezuela ausgedrückt, die man für richtig halte. Mit wem man dabei zusammen abstimme, sei ein Nebenaspekt.
Im Oktober 2024 stimmte die EVP-Fraktion für einen Änderungsantrag aus der Feder eines AfD-Politikers, der eine “angemessene Finanzierung physischer Barrieren an den Außengrenzen der EU” – im Klartext: Zäune – forderte. Weber sprach damals von sachlich gebotenen Außengrenzkontrollen, nicht von einer Zusammenarbeit mit der AfD. Im November 2025 nutzte Weber die Mehrheit rechter und rechtsaußen Parteien, um das EU-Lieferkettengesetz massiv aufzuweichen. Das Gesetz, das Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards in Lieferketten verpflichten sollte, gilt nun nur noch für Firmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten und einem Umsatz von mindestens 1,5 Milliarden Euro – statt wie ursprünglich vorgesehen ab 1.000 Beschäftigten. Weber argumentierte seinerzeit, die Stimmen der AfD seien für diese Mehrheit nicht entscheidend gewesen. Es sei keine Abhängigkeit von rechtsradikalen Kräften entstanden.
Der Unterschied zum aktuellen Fall liegt nun nicht mehr nur in der Häufigkeit solcher Abstimmungskonstellationen, sondern in der qualitativen Dimension. Bislang konnte Weber stets behaupten, die EVP und die AfD stimmten zufällig gleich ab, weil das Ergebnis sachlich richtig sei. Die WhatsApp-Gruppe und das persönliche Treffen vom 4. März 2026 zeigen jedoch, dass es sich nicht um zufällige Überschneidungen handelt, sondern um aktive Koordination. Es ist ein Unterschied, ob Konservative und Rechtsaußen gleichzeitig die Hand heben – oder ob sie vorab gemeinsam den Entwurf schreiben, den sie heben wollen.
Die grüne Gegenanklage und ihre Grenzen – Das Mercosur-Paradoxon
Kaum war die dpa-Meldung in der Welt, meldete sich Erik Marquardt, Delegationsleiter der deutschen Grünen im Europaparlament, mit harscher Kritik. Er sprach davon, die Christdemokraten hätten eine “schwere historische Schuld” auf sich geladen. Die Empörung war laut und schnell. Sie wäre überzeugender, hätte Marquardt einige Wochen zuvor nicht selbst für Aufsehen gesorgt. Am 21. Januar 2026 stimmte eine Mehrheit der deutschen Grünen-Abgeordneten im Europaparlament, acht von zehn, für die Überweisung des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens an den Europäischen Gerichtshof. Diese Mehrheit kam zustande, weil neben Linken-Abgeordneten auch Vertreter der Rechtsaußen-Fraktionen – explizit darunter 13 AfD-Abgeordnete – dafür stimmten. Mit anderen Worten: Marquardt und seine Kollegen haben nicht nur die Brandmauer nicht aufrechterhalten, sondern eine Abstimmungsmehrheit produziert, die ohne die Rechtsaußen gar nicht möglich gewesen wäre. Das Ergebnis war mit 334 zu 324 Stimmen denkbar knapp.
Was folgte, war charakteristisch für das politische Reflexverhalten: Zuerst die Schutzbehauptung, dann der halbherzige Rückzug. Marquardt erklärte zunächst, man habe nur Rechtssicherheit schaffen wollen und eigentlich nicht gegen das Abkommen gestimmt. Dann jedoch räumte er öffentlich ein: “Man muss selbstkritisch sagen, dass da das falsche Signal vom Europäischen Parlament ausgegangen ist, was die Geopolitik angeht. Und dass das im Ergebnis dazu geführt hat, dass nur mit Rechtsaußen-Parteien diese Mehrheit entstanden ist, auch das ist ein Fehler.” Erst im Deutschen Bundestag, wo CDU/CSU und SPD Ende Januar 2026 eine Aktuelle Stunde zu diesem Vorgang beantragten, räumte auch der Bundestagsabgeordnete Andreas Audretsch (Grüne) ein, das Abstimmungsverhalten der eigenen Fraktion sei ein Fehler gewesen. Dass ausgerechnet Marquardt wenig später zum lautstärksten Ankläger der EVP-AfD-Kooperation wurde, ist eine Chuzpe, die man kaum übertreffen kann.
Bemerkenswert dabei ist der inhaltliche Kontext: Mercosur ist nach jahrzehntelangen Verhandlungen ein strategisch bedeutsames Freihandelsabkommen zwischen der EU und vier südamerikanischen Staaten. Die geopolitische Lage – Handelskrieg mit den USA, wachsende Abhängigkeit von China – macht solche Abkommen dringend notwendig. Den Rechtsaußen aus ganz anderen Motiven eine Mehrheit zu liefern, die dieses Abkommen zumindest zeitlich gefährdet, ist kein Versehen, das mit dem Verweis auf Rechtssicherheitserwägungen wegzuerklären ist. Das Abstimmungsverhalten war absehbar.
Das linke Kalkül – Wem die Brandmauer wirklich nützt
Die Brandmauer ist nicht nur ein Instrument der Ausgrenzung, sie ist auch ein politisches Geschäftsmodell – und zwar hauptsächlich zugunsten jener Parteien, die am lautesten auf ihrer Einhaltung bestehen. Das linke Spektrum, also SPD, Grüne, Linke und BSW, profitiert von der Brandmauer auf mindestens zwei Ebenen: ideologisch und parlamentarisch-strategisch.
Ideologisch versetzt die Brandmauer das linke Lager in die komfortable Rolle des moralischen Wächters. Wer auf die Einhaltung der Brandmauer besteht, kann sich als Verteidiger der Demokratie inszenieren und gleichzeitig politische Gegner – vor allem CDU/CSU – unter permanenten Rechtfertigungsdruck stellen. Jeder CDU-Antrag, für den die AfD stimmt, wird reflexartig zur Kooperationsbekundung erklärt, unabhängig davon, ob tatsächlich eine Absprache stattgefunden hat. Das schuf im Bundestagswahlkampf 2025 eine Dynamik, in der Friedrich Merz und die Union ständig erklären mussten, warum bestimmte Vorhaben nicht als Zusammenarbeit mit der AfD zu werten seien. Die Deutungshoheit über den Begriff der Brandmauer liegt damit faktisch bei den Parteien links der Mitte.
Parlamentarisch-strategisch ergibt sich ein noch handfesterer Vorteil: Die Brandmauer zwingt die Union, für Mehrheiten auf Parteien zu setzen, die sie ohne diesen Mechanismus nicht bräuchte. Wenn CDU/CSU keine Mehrheit mit der AfD bilden darf – unabhängig vom sachlichen Inhalt eines Vorhabens –, muss sie stattdessen SPD, Grüne oder andere linke Partner gewinnen. Diese wiederum können in Koalitionsverhandlungen weit höhere Preise verlangen, als es ihre Wahlergebnisse rechtfertigen würden. Die Brandmauer ist damit strukturell eine Hebelmechanik, mit der Parteien mit deutlich weniger Stimmen weit mehr Einfluss auf die Regierungspolitik erhalten, als demokratisch eigentlich vorgesehen. Der Politologe Philip Manow brachte diesen Zusammenhang auf den Punkt: Im Schatten der Brandmauer können bei der AfD die Extreme ungestört blühen. Aber je extremer das Auftreten der AfD, desto fester schließen sich die Reihen der selbst ernannten “demokratischen Parteien der Mitte” – auf Kosten des eigenen politischen Profils.
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Die Brandmauer-Lüge: Eine Studie enthüllt das wahre Ausmaß der Zusammenarbeit
Kommunalpolitik als entlarvender Spiegel – Die stille Praxis des Alltags
Der Blick weg vom Europäischen Parlament hin zur kommunalen Realität in Deutschland zeigt, dass die Brandmauer nie ein konsistentes Prinzip aller Parteien war – sie war stets selektiv und situationsabhängig. Forscher des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB) untersuchten systematisch 11.053 Sitzungen von Kreistagen und kreisfreien Städten zwischen Mitte 2019 und Mitte 2024. Das Ergebnis: In knapp 19 Prozent der Fällen kam es bundesweit zu einer direkten Kooperation anderer Parteien mit der AfD. Von insgesamt 4.968 AfD-Anträgen im Untersuchungszeitraum erhielten 934 Anträge die Zustimmung anderer Parteien. Dabei stellten die Forscher explizit fest: Keine der etablierten Parteien hält die Brandmauer “ohne Wenn und Aber” aufrecht. Die Kooperationsrate variiert nach Bundesland und Region – am höchsten ist sie in ostdeutschen Landkreisen mit bis zu 26,9 Prozent, am höchsten unter den Bundesländern in Sachsen-Anhalt mit 27 Prozent.
Besonders aufschlussreich sind die konkreten historischen Einzelfälle, bei denen linke Parteien mit der AfD kooperierten, während sie gleichzeitig am lautesten die Brandmauer ausriefen. Im April 2024 konnte im Thüringer Landtag ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss nur dank AfD-Stimmen auf den Weg gebracht werden – von einer rot-rot-grünen Koalition. Im Dezember 2022 stimmte die SPD in Hildburghausen (Thüringen) gemeinsam mit der AfD für ein Abwahlverfahren gegen einen Linken-Bürgermeister. Im Januar 2024 blieb eine Grünen-Beigeordnete in Blieskastel (Saarland) nur im Amt, weil sie eine AfD-Stimme erhielt. All diese Vorgänge wurden damals kaum diskutiert. Sie passten nicht in das Narrativ.
Der dramatischste und aktuellste kommunale Fall ereignete sich im Februar 2026 im Thüringer Landtag: Die Linksfraktion brachte einen Antrag zur Förderung und Sanierung von Sportstätten durch – und das mit den Stimmen der AfD. Die Abstimmung endete mit 32 zu 30 Stimmen, wobei die Regierungskoalition aus CDU, SPD und BSW nicht vollzählig anwesend war. Bemerkenswert: Der AfD-Abgeordnete Uwe Thrum hatte in der Debatte vor der Abstimmung offen angekündigt, die AfD werde zustimmen. Die parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion erklärte auf Nachfrage sinngemäß, es handle sich um einen Antrag der eigenen Fraktion – wer ihm zustimme, sei ihr egal. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) verteidigte die Abstimmung damit, die AfD habe ihr Abstimmungsverhalten “perfide” verändert. Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Bundestagslinken, sprach von einer “Zufallsmehrheit” ohne vorherige Absprache. Das mag formell stimmen – gleichwohl wussten die anwesenden Linken-Abgeordneten spätestens nach der Rede von Thrum, wie die Abstimmung ausgehen würde. Und sie stimmten trotzdem zu.
CDU/CSU im Zugzwang – Wenn Opportunismus und Prinzip kollidieren
Die CDU/CSU steht in dieser Debatte in einer besonders exponiert widersprüchlichen Situation. Einerseits hat sie die Brandmauer als Verfassungsmaßgabe verkauft – kein Koalitionsvertrag mit der AfD, keine Abhängigkeit von deren Stimmen, keine strukturelle Zusammenarbeit. Andererseits lockt der Sprung über die Mauer mit politischen Resultaten, die sonst nicht erreichbar wären: Mehrheiten für schärfere Migrationspolitik, für die Aufweichung des Lieferkettengesetzes, für symbolische Resolutionen zu autoritären Regimen. Jedes Mal, wenn die Union über die Brandmauer springt, geschieht dies mit denselben semantischen Verrenkungen: Es sei kein Zusammenwirken, sondern ein Zusammentreffen. Die AfD stimme zufällig gleich. Die eigene Position sei ohnehin mehrheitsfähig gewesen.
Im Deutschen Bundestag platzte dieses Konstrukt im Februar 2025. Als ein CDU/CSU-Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag eine Mehrheit erhielt, weil die AfD dafür stimmte, brach ein beispielloser politischer Sturm los. Der Begriff der Brandmauer dominierte den Bundestagswahlkampf. Friedrich Merz musste sich erklären – und tat das mit dem Argument, er habe nicht um AfD-Stimmen geworben, sondern für seine Überzeugungen votiert. Wer zustimme, sei nicht seine Verantwortung. Die Logik klingt plausibel, wenn man den Maßstab anlegt, der für Grüne und Linke auch gälte – tut es aber in der öffentlichen Wahrnehmung nicht, weil die Union in Deutschland die Partei ist, die am lautesten die Brandmauer propagiert hat.
Webers Verteidigungsstrategie nach der dpa-Enthüllung fiel spärlich aus. Er erklärte, er habe von der WhatsApp-Gruppe nichts gewusst. Das mag zutreffen. Es bleibt dennoch eine zutiefst unbefriedigende Antwort auf die Frage, wie in einer Fraktion unter seiner Führung eine solche Kooperation zustande kommen konnte. Die EVP hat in der jüngsten Vergangenheit mehrfach gemeinsame Abstimmungen mit Rechtsaußen produziert, und Weber hat jede einzelne davon mit denselben Minimaleinsichten kommentiert: Es gebe keine Abhängigkeit, keine Zusammenarbeit, keine Koalition. Wem das glaubwürdig erscheint, der muss erklären, warum Mitarbeiter seines Hauses auf AfD-Vorschläge mit Zustimmung reagieren und Klatsch-Emojis in der Gruppe verteilen, wenn eine Einigung erzielt ist.
Die Frage der Ehrlichkeit – Was Wähler verdienen
Hinter dem Streit um die Brandmauer steckt ein tieferes demokratisches Problem. Eine Partei wie die AfD, die bei der Bundestagswahl 2025 rund 20,6 Prozent der Zweitstimmen erhielt und in aktuellen Umfragen zwischen 25 und 27 Prozent liegt, repräsentiert einen erheblichen Teil des deutschen Wählers. In einer Umfrage aus dem Januar 2026 sprach sich jeder Zweite in Baden-Württemberg offen für verschiedene Formen einer Zusammenarbeit anderer Parteien mit der AfD aus – 24 Prozent für eine fallweise Kooperation, 26 Prozent sogar für Koalitionen. Nur 42 Prozent lehnten jede Form der Zusammenarbeit generell ab. Die Brandmauer als absolutes Prinzip hat damit keine demokratische Mehrheit hinter sich.
Das wirft die Frage auf, ob die Brandmauer mehr der Selbstpositionierung der Parteien dient als dem Schutz demokratischer Grundwerte. Sicher: Die AfD ist in weiten Teilen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, manche Landesverbände explizit. Eine unkritische politische Normalisierung wäre unklug. Aber es gibt einen Unterschied zwischen normativer Abgrenzung – keine Koalitionen, keine gemeinsamen Personalentscheidungen, kein inhaltliches Entgegenkommen – und einer sakrosankten Scheinmoral, bei der jede zufällige Stimmüberschneidung als Verrat an der Demokratie interpretiert wird, während die eigenen Verstöße gegen dasselbe Prinzip stillschweigend als Ausnahmen oder Zufälle erklärt werden.
Der Politologe Philip Manow hat das Dilemma strukturell beschrieben: Die Brandmauer hat die AfD langfristig nicht geschwächt, sondern gestärkt. Die Partei hat ihren Stimmenanteil seit 2013 mehr als vervierfacht. Wer in einer Demokratie einer Partei mit 20 bis 27 Prozent Stimmenanteil durch eine informelle Kooperationsblockade die parlamentarische Wirksamkeit entzieht, erzeugt bei deren Wählern genau jenen Frust, den die AfD für weiteres Wachstum nutzt. Das ist kein Plädoyer für eine AfD-Regierungsbeteiligung. Es ist ein Argument für ehrlichere Kommunikation und eine differenziertere Praxis.
Strukturelle Scheinheiligkeit – Wenn alle gegen alle verstoßen
Was die bisherige Analyse zeigt, ist eine strukturelle Scheinheiligkeit, die alle Beteiligten erfasst – wenn auch in unterschiedlichem Maß und mit unterschiedlichen Motiven. Die Union verstößt gegen die eigene Brandmauer, wenn sie politischen Nutzen darin sieht. Die Grünen tun dasselbe, wenn es ihren inhaltlichen Positionen dient, und erklären es dann als “normales Verfahren” oder bedauernswerten Fehler. Die Linkspartei kooperiert mit der AfD faktisch, wenn die Mehrheitsverhältnisse im Landtag es erlauben, und spricht von “Zufallsmehrheiten”. Selbst kommunalpolitisch zeigt sich: In ostdeutschen Landkreisen, wo die AfD die stärkste Kraft ist, stimmten andere Parteien in fast 27 Prozent der Fälle für AfD-Anträge. CDU-Fraktionen in Sachsen und Thüringen haben schon kurz nach Beginn einer Legislaturperiode gemeinsam Mehrheiten mit der AfD organisiert.
Das Muster ist eindeutig: Die Brandmauer wird von allen Parteien dann aufrechterhalten, wenn es politisch kostengünstig ist, also wenn keine eigenen Mehrheiten auf dem Spiel stehen. Sobald eigene Vorhaben nur mit AfD-Stimmen durchsetzbar sind, finden sich Wege, die Kooperation kleinzureden, in einen anderen Kontext zu stellen oder als Zufall zu bezeichnen. Wer sich dabei am moralischsten gebärdet, tut es oft gerade dann, wenn er sich selbst gerade keinen Verstoß leisten konnte – oder bereits einen geleistet hat, der aber der Öffentlichkeit noch nicht aufgefallen ist.
Der Begriff Brandmauer hat eine eigentümliche Geschichte: Er wurde nicht von politischen Gegnern der AfD erfunden, sondern von der AfD selbst. Ein Porträt über Hans-Olaf Henkel aus dem Jahr 2014 im “Stern” beschrieb ihn als “Brandmauer gegen rechtes Gedankengut” – gemeint war die eigene Funktion als Abgrenzung gegen Extremismus innerhalb der noch jungen Partei. Später griff Lucke die Metapher auf, um sich von radikalen Strömungen in der AfD abzugrenzen. Erst im Zuge der Flüchtlingskrise und des Aufstiegs von Pegida wanderte der Begriff in die Sprache der etablierten Parteien. Die Brandmauer war also ursprünglich ein AfD-Konstrukt – das ihre politischen Gegner übernahmen und zu einem Kampfinstrument gegen die Union formten.
Quo vadis, Brandmauer? – Zwischen Ehrlichkeit und Realpolitik
Was bleibt am Ende dieser Analyse? Die Brandmauer ist in ihrer absolutistischen Form ein politisches Phänomen, das mehr über den Zustand der deutschen Parteienlandschaft aussagt als über die AfD. Sie ist Ausdruck einer politischen Kultur, in der Distinktionsgewinn wichtiger geworden ist als konsistentes Handeln. Wo alle anderen versagen, gilt das eigene Prinzip. Wo man selbst scheitert, gilt es eine Ausnahme zu begründen.
Weber muss Rede und Antwort stehen: Wenn die EVP unter seiner Führung aktiv Gesetzentwürfe mit AfD-Vertretern ausarbeitet, ist die Aussage “Die Brandmauer steht” nicht eine vereinfachte Darstellung der Realität, sondern eine Fehlinformation. Die Wähler der Union – auch jene, die die Brandmauer für das Richtige halten – verdienen eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie weit die Kooperation in Brüssel reicht und wohin sie führen soll.
Marquardt wiederum hat zwar eingeräumt, dass das Mercosur-Votum ein Fehler war. Aber wer einen Fehler unmittelbar danach für Angriffe auf andere nutzt, die exakt dasselbe tun, hat das Lernpotenzial des eigenen Fehlers nicht ausgeschöpft. Eine glaubwürdige Brandmauer erfordert konsistentes Handeln – nicht moralische Empörung, sobald der politische Wind dreht.
Die Linkspartei schließlich kann die Formel von der “Zufallsmehrheit” nicht als Dauerlösung nutzen. Wenn die AfD ihre Zustimmung ankündigt, bevor abgestimmt wird, ist es kein Zufall mehr, sondern eine Entscheidung – entweder für oder gegen den Antrag, mit dem Wissen, wessen Stimmen ihn tragen werden.
Die Brandmauer hat sich als das erwiesen, was sie in der politischen Praxis längst ist: ein rhetorisches Konstrukt ohne konsistente Substanz, das vorrangig jenen dient, die es am lautesten beschwören. Wer ein Fünftel der Wähler dauerhaft von parlamentarischer Wirksamkeit ausschließt, während er selbst im Verborgenen genau jene Kooperation praktiziert, die er öffentlich verteufelt, betreibt keine wehrhafte Demokratie – sondern politische Heuchelei. Was Deutschland braucht, ist nicht die Aufrechterhaltung einer Scheinmauer, die alle feierlich beschwören und alle stillschweigend untergraben. Sondern einen offenen, ehrlichen parlamentarischen Wettbewerb, in dem Mehrheiten sachlich gesucht und transparent kommuniziert werden. Die Wähler aller Parteien verdienen diese Ehrlichkeit. Alles andere stärkt genau die Politikverdrossenheit.




















