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Fehlende Integrität und der grüne Preis des Sieges: Özdemirs Triumph und die ökonomische Hypothek für Baden-Württemberg

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Veröffentlicht am: 9. März 2026 / Update vom: 4. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Fehlende Integrität und der grüne Preis des Sieges: Özdemirs Triumph und die ökonomische Hypothek für Baden-Württemberg

Fehlende Integrität und der grüne Preis des Sieges: Özdemirs Triumph und die ökonomische Hypothek für Baden-Württemberg – Bild: Xpert.Digital

Deindustrialisierung im Ländle: Der hohe Preis für Özdemirs Grünen-Sieg?

Das 8-Jahre-Video: Wie u.a. eine Social-Media-Kampagne die CDU in BW stürzte

TikTok-Skandal und Industrie-Beben: Wie Özdemir die Wahl wirklich gewann

Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 markiert einen historischen Wendepunkt: Cem Özdemir führt die Grünen zu einem knappen, aber folgenschweren Sieg über die CDU. Doch hinter dem politischen Triumph, der maßgeblich durch eine beispiellose Social-Media-Kampagne und das neue Wahlrecht ab 16 Jahren befeuert wurde, verbirgt sich eine dramatische wirtschaftliche Realität. Das stärkste Industriebundesland Deutschlands steht am Abgrund einer tiefgreifenden Strukturkrise. Giganten wie Mercedes-Benz und Porsche bauen massiv Stellen ab, Zulieferer kapitulieren vor der verfehlten Transformation, und einst wohlhabende Kommunen wie Sindelfingen verhängen Haushaltssperren. Der folgende Artikel beleuchtet die Anatomie dieses umstrittenen Wahlsiegs und stellt die entscheidende Frage: Kann eine Regierung, die ihre Macht wahlkampftaktischer Härte und viralen Algorithmen verdankt, das wirtschaftliche Fundament Europas retten, bevor die Deindustrialisierung unumkehrbar wird?

Wenn politische Strategie die wirtschaftliche Vernunft überrollt

Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 hat mit dem knappen Sieg der Grünen unter Cem Özdemir ein Ergebnis hervorgebracht, das weit über den Südwesten hinaus Signalwirkung entfaltet. Mit 30,2 Prozent für die Grünen gegenüber 29,7 Prozent für die CDU steht fest, dass die grün-schwarze Koalition unter neuer grüner Führung fortgesetzt wird. Was auf den ersten Blick als demokratische Normalität erscheint, offenbart bei genauerer Betrachtung ein tieferliegendes Problem: Der Weg zum Sieg war gepflastert mit Methoden, die das Vertrauen in politische Integrität erodieren lassen, während gleichzeitig das wirtschaftliche Fundament des stärksten deutschen Industrielandes in besorgniserregendem Tempo erodiert.

Diese Analyse untersucht die fünf entscheidenden Faktoren des Wahlsieges, die ökonomischen Realitäten Baden-Württembergs und die Frage, ob ein derart errungener Sieg die notwendige politische Autorität verleihen kann, um die gravierendste industrielle Strukturkrise seit Bestehen des Bundeslandes zu bewältigen.

Die Anatomie einer kalkulierten Aufholjagd

Die Ausgangslage hätte für die Grünen kaum ungünstiger sein können. Im Herbst 2025 lagen sie in Umfragen satte 14 Prozentpunkte hinter der CDU. Was in den darauffolgenden Monaten geschah, bezeichnete die Analyse des Focus-Journalisten Florian Festl zutreffend als ein machiavellistisches Meisterstück, wobei das Adjektiv hier durchaus in seiner doppeldeutigen Schärfe verstanden werden darf. Cem Özdemir, 60 Jahre alt und seit Jahrzehnten im politischen Geschäft, nutzte seine gesamte Erfahrung und die Schwächen seines Gegners systematisch aus. Sein Kontrahent Manuel Hagel, erst 37 Jahre alt und als CDU-Landeschef vergleichsweise unerfahren, konnte dieser strategischen Übermacht wenig entgegensetzen.

Die zentrale Frage, die aus wirtschaftspolitischer Perspektive beantwortet werden muss, lautet jedoch nicht, ob Özdemirs Wahlkampf brillant war. Die Frage lautet, ob Methoden, die auf maximale Destabilisierung des Gegners abzielen, eine tragfähige Basis für die Bewältigung einer industriellen Jahrhundertkrise schaffen können.

Digitale Vernichtung: Der TikTok-Faktor als Wahlentscheider

Der erste und vermutlich wirkungsmächtigste Faktor des Grünen-Erfolgs war die Verbreitung eines acht Jahre alten Videos, in dem der damals 29-jährige Manuel Hagel in einem Lokalsender-Interview von einem Schulbesuch berichtete und dabei das Aussehen einer 16-jährigen Schülerin namens Eva mit den Worten beschrieb, er werde ihre rehbraunen Augen nie vergessen. Die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer aus Karlsruhe stellte den Clip wenige Tage vor der Wahl auf TikTok und Instagram ein, wo er innerhalb kürzester Zeit 15 Millionen Aufrufe generierte. Dreizehn grüne Mandatsträger, darunter Parteichef Felix Banaszak, teilten das Video in den ersten Stunden.

Die Wirkung war verheerend. Hagel wurde in sozialen Medien in die Nähe von Pädophilie gerückt und sogar mit Jeffrey Epstein verglichen. Er erhielt mehrfach Morddrohungen. CDU-Generalsekretär Tobias Vogt sprach von einer gezielten Schmutzkampagne, die Menschen vernichte, und warf Özdemir persönlich mangelnden bürgerlichen Anstand vor. Ministerpräsident Kretschmann betonte zwar, es habe sich nicht um eine konzertierte Aktion gehandelt, das Führungspersonal der baden-württembergischen Grünen habe von dem Video zunächst nichts gewusst. Özdemir selbst nahm Hagel sogar in Schutz und meinte, dieser würde das heute sicher nicht mehr so formulieren.

Doch diese demonstrative Distanzierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein systematischer Multiplikatoreffekt durch Parteistrukturen stattfand. Das Zusammenspiel zwischen dem Posting einer einzelnen Abgeordneten und der sofortigen Verbreitung durch 13 Mandatsträger in den ersten Stunden lässt sich schwerlich als Zufall interpretieren. Für die wirtschaftliche Glaubwürdigkeit eines künftigen Ministerpräsidenten ist dieser Vorgang insofern relevant, als er die Frage aufwirft, welches Verhältnis zur Wahrheit und zur Verhältnismäßigkeit die künftige Regierungsspitze pflegt. Unternehmensführer und Investoren beobachten politische Gepflogenheiten genau, und eine Regierung, die ihren Aufstieg einer viralen Diffamierungskampagne verdankt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie mit derselben Rücksichtslosigkeit auch Wirtschaftsinteressen opfern würde, wenn es dem politischen Kalkül dient.

Die aufgeweichte Trennlinie zwischen Schwarz und Grün

Der zweite Erfolgsfaktor liegt in der spezifischen politischen Konstellation Baden-Württembergs. Nach 15 Jahren unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann in einer grün-schwarzen Koalition sind die ideologischen Grenzen zwischen den Lagern weitgehend erodiert. Die SPD ist mit 5,5 Prozent in die Bedeutungslosigkeit abgesunken, die FDP schaffte mit 4,4 Prozent den Einzug in den Landtag nicht. Für das gemäßigte Bürgertum reduzierte sich die Wahl damit faktisch auf eine Personalentscheidung: der erfahrene, bundesweit bekannte Özdemir gegen den junge, noch wenig profilierten Hagel.

Aus ökonomischer Perspektive birgt diese Konstellation ein gefährliches Paradox. Die Verwischung ideologischer Grenzen mag kurzfristig Stabilität suggerieren, doch sie eliminiert auch den notwendigen wirtschaftspolitischen Wettbewerb der Ideen. Wenn es für Wähler keinen Unterschied mehr macht, ob Grüne oder CDU regieren, dann verliert auch die wirtschaftspolitische Richtungsentscheidung an Bedeutung. Genau in dieser Indifferenz liegt das Problem: Baden-Württemberg bräuchte angesichts seiner industriellen Krise eine scharf konturierte wirtschaftspolitische Debatte. Stattdessen erhält es eine Persönlichkeitswahl, die strukturelle Fragen in den Hintergrund drängt.

Özdemirs migrationspolitische Quadratur des Kreises

Der dritte Faktor betrifft Özdemirs geschicktes Navigieren in der Migrationsdebatte. Er positionierte sich als Sicherheitsdenker mit türkischen Wurzeln, der wenig Toleranz für eingewanderte Kriminelle zeigt, ohne das Thema ins Zentrum zu rücken, was der AfD zusätzliche Wähler zugetrieben hätte. Sein persönlicher Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im September 2024, in dem er schilderte, auch seine Tochter sei in Berlin sexueller Belästigung durch junge Männer mit Migrationshintergrund ausgesetzt gewesen, setzte einen öffentlichkeitswirksamen Akzent. Die kurz vor der Wahl vollzogene Trauung durch den parteilosen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der als innergrüner Querdenker und Realist gilt, wurde als bewusstes Signal an das bürgerliche Lager interpretiert.

Wirtschaftspolitisch ist diese Positionierung ambivalent zu bewerten. Einerseits demonstriert sie politische Flexibilität und die Fähigkeit, über ideologische Grenzen hinweg Brücken zu bauen. Andererseits offenbart sie eine opportunistische Grundhaltung, die Anlass zur Sorge geben kann: Wer in einer derart sensiblen Frage wie der Migration seine Position primär nach wahlstrategischem Kalkül ausrichtet, der könnte auch in industriepolitischen Fragen eher dem öffentlichen Stimmungsbild als der ökonomischen Vernunft folgen.

Der Merz-Malus und Berlins Schatten über dem Südwesten

Der vierte Faktor lag weitgehend außerhalb der Kontrolle beider Kandidaten. In Baden-Württemberg hängen rund 500.000 Arbeitsplätze an der Automobilindustrie. CDU-Kandidat Hagel hätte dringend Rückenwind aus der Bundespolitik gebraucht, eine anziehende Konjunktur, Signale der wirtschaftlichen Trendwende. Stattdessen artikulierten Mittelstandsvertreter lautstark ihren Unmut über den als zu sozialdemokratisch empfundenen Kurs von Bundeskanzler Friedrich Merz. Gleichzeitig gelang es Hagel nicht, seine Pläne für ein transformiertes Hightech-Baden-Württemberg überzeugend zu vermitteln.

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion Baden-Württemberg hatte bereits im Januar 2026 in deutlichen Worten gewarnt: Aus dem versprochenen Herbst der Reformen sei ein eisig kalter Winter der Deindustrialisierung geworden. Als konkretes Beispiel diente die Verlagerung der A-Klasse-Produktion von Mercedes-Benz aus dem baden-württembergischen Rastatt nach Ungarn. Die MIT forderte eine sofortige Kehrtwende in der Energie- und Klimapolitik einschließlich einer Hinwendung zur Atomkraft und spürbarer Steuersenkungen.

Dieser Faktor offenbart die tiefste wirtschaftspolitische Ironie des Wahlausgangs: Die Frustration über ausbleibende Reformen auf Bundesebene unter einem CDU-Kanzler trug dazu bei, dass auf Landesebene ausgerechnet die Grünen profitieren, deren wirtschaftspolitische Bilanz im Land selbst alles andere als überzeugend ausfällt.

 

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Ein Sieg mit Verfallsdatum: Warum der politische Triumph zur wirtschaftlichen Falle wird.

Das Momentum der Sieger und die Psychologie der letzten Tage

Der fünfte Faktor war psychologischer Natur. Aus der Wahlforschung ist bekannt, dass unentschlossene Wähler bei knappen Entscheidungen dazu neigen, auf der Seite des erwarteten Siegers zu stehen. Hagels Wahlkampf war in den letzten Wochen fast ausschließlich von negativen Nachrichten geprägt, vom viralen Video bis hin zu einem verunglückten Auftritt in einer Gesamtschule, bei dem er sich vor laufender ARD-Kamera von einer Lehrerin provozieren ließ. Die Abwärtsspirale fraß sich in die Wahrnehmung, während Özdemir zunehmend Momentum aufbaute.

Hinzu kam eine bedeutsame strukturelle Neuerung: Erstmals durften bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Diese Reform war 2022 von CDU, Grünen und SPD gemeinsam beschlossen worden. Die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre erweiterte die Wählerschaft um eine Altersgruppe, die überproportional empfänglich für Social-Media-basierte Wahlkampfführung ist und tendenziell stärker zu grünen Positionen neigt. Die Ironie, dass die CDU einer Wahlrechtsreform zugestimmt hatte, die nun zu ihrem eigenen Nachteil wirkte, blieb in der Debatte nicht unbemerkt.

Die ökonomische Realität: Ein Industrieland im freien Fall

Jenseits aller wahlkampftaktischen Betrachtungen stellt sich die entscheidende Frage, was der Wahlsieg Özdemirs für die wirtschaftliche Zukunft des Landes bedeutet. Die Daten zeichnen ein alarmierendes Bild. Baden-Württemberg ist mit einer industriellen Bruttowertschöpfung von 128 Milliarden Euro und einem Industrieanteil von 32,5 Prozent an der gesamten Wertschöpfung das mit Abstand stärkste Industriebundesland Deutschlands. Der Bundesschnitt liegt bei lediglich 19,7 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes betrug 2024 rund 650 Milliarden Euro. Mit jährlichen Einzahlungen von rund fünf Milliarden Euro in den Länderfinanzausgleich war Baden-Württemberg 2024 nach Bayern der zweitgrößte Nettozahler und stemmte allein 27 Prozent des Gesamtausgleichsvolumens.

Diese beeindruckenden Zahlen täuschen jedoch über die dramatische Erosion hinweg, die sich bereits vollzieht. Die Zahl der offenen Stellen im Land ist gegenüber 2022 um 30 Prozent eingebrochen. Bis 2030 sollen allein in der Automobilindustrie 14.000 Arbeitsplätze verschwinden. IG-Metall-Landeschefin Barbara Resch beschreibt die Lage als sehr angespannt und warnt, dass Zulieferern, die viel in Elektromobilität investiert haben, finanziell die Luft ausgeht, weil die Nachfrage nicht kommt.

Sindelfingen als Menetekel der Deindustrialisierung

Das Schicksal der Stadt Sindelfingen verdichtet die Krise wie unter einem Brennglas. Die ehemals reichste Stadt Deutschlands, Heimat des zentralen Mercedes-Benz-Werks, musste im Dezember 2025 eine Haushaltssperre verhängen. Das Defizit im Gesamthaushalt explodierte von geplanten 20,8 Millionen auf 68,5 Millionen Euro. Für 2026 wird ein Fehlbetrag von 73,2 Millionen Euro prognostiziert. Der Hauptgrund: Die Gewerbesteuereinnahmen, die ursprünglich bei 128 Millionen Euro veranschlagt waren, brachen auf lediglich 30 Millionen Euro ein, ein Rückgang um nahezu 80 Prozent.

Oberbürgermeister Markus Kleemann spricht offen von einer strukturellen Krise. Sindelfingen ist dabei kein Einzelfall, sondern ein Symptom einer flächendeckenden Entwicklung. Auch Stuttgart selbst hat gemeinsam mit elf weiteren Landeshauptstädten einen Brandbrief an Bundeskanzler Merz geschrieben, in dem die Städte sich finanziell am Limit sehen.

Mercedes, Porsche, Bosch: Die Industrieikonen wanken

Der Stuttgarter Automobilkonzern Mercedes-Benz hat nach einem massiven Gewinneinbruch ein Sparprogramm von fünf Milliarden Euro aufgelegt. Rund 40.000 Beschäftigten in der Verwaltung wurden Abfindungsangebote unterbreitet. Ein 55-jähriger Teamleiter mit 30 Jahren Betriebszugehörigkeit kann mit einer Abfindung von über 500.000 Euro rechnen. Die Verlagerung der A-Klasse-Produktion von Rastatt nach Ungarn steht exemplarisch für den Trend der Produktionsverlagerung ins Ausland.

Bei Porsche stehen nach Angaben des Gesamtbetriebsratschefs Ibrahim Aslan bis zu 5.500 Arbeitsplätze zur Disposition, was einem Viertel der Beschäftigten an den Stammstandorten in Stuttgart-Zuffenhausen und Weissach entspricht. Auch bei Bosch, ZF, Trumpf, Voith und Mahle werden massiv Stellen gestrichen und Strukturen umgebaut. Der Zulieferer Dostech in Mössingen, der 2018 auf Elektromobilität gesetzt hatte, musste bereits Personal abbauen, weil die erhoffte Nachfrage ausblieb.

Die gefährliche Illusion der Kretschmann-Kontinuität

Özdemirs Wahlkampf beruhte wesentlich auf dem Versprechen einer Fortführung der Kretschmann-Linie. Er bot sich als pragmatischer Brückenbauer an, der parteiübergreifend regieren und gute Ideen unabhängig von ihrer Herkunft bewerten wolle. Am Wahlabend deutete er eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit der CDU an und betonte, es gehe nicht um rein grün oder rein schwarz, sondern um Baden-Württemberg.

Diese rhetorische Moderatheit steht jedoch in scharfem Kontrast zu den Methoden des Wahlkampfs und zur wirtschaftlichen Bilanz der grünen Regierungsjahre. In der Zeit unter Kretschmann hat sich Baden-Württembergs industrielle Basis nicht etwa gefestigt, sondern sukzessive ausgehöhlt. Die Energiekosten sind gestiegen, die Bürokratiebelastung hat zugenommen, und die Transformation der Automobilindustrie wurde mehr begleitet als gestaltet. Die Frage, ob Özdemir den Kurs korrigieren wird, beantworten seine bisherigen Positionierungen kaum. Er sprach im Wahlkampf lieber von lebenswerten Heimaten als von Industriestandorten, und die Tatsache, dass auf seinen Wahlplakaten kein Grünen-Logo zu finden war, deutet darauf hin, dass er sich der negativen Assoziationen der eigenen Marke in wirtschaftspolitischen Fragen durchaus bewusst ist.

Das demokratische Dilemma der Jungwähler

Ein besonders kontrovers diskutierter Aspekt ist die Rolle des erstmals abgesenkten Wahlalters. Die 16- und 17-Jährigen, die erstmals an einer Landtagswahl teilnehmen durften, stellen eine Wählergruppe dar, die in ihrer Lebenswirklichkeit von den Konsequenzen industriepolitischer Entscheidungen noch kaum betroffen ist. Die Kritik, dass von grünen Lehrern ideologisierte Schüler durch die Wahlrechtsänderung die Wahl mitentschieden hätten und bald keine Arbeitsplätze mehr hätten, mag polemisch überspitzt sein. Sie enthält jedoch einen rationalen Kern: Die Absenkung des Wahlalters verschiebt die elektorale Gewichtung zugunsten einer Altersgruppe, die naturgemäß stärker auf identitätspolitische und ökologische Themen anspricht als auf Fragen industrieller Wettbewerbsfähigkeit.

Die Gegenüberstellung mit der Feststellung, dass die über 70-Jährigen die größte Wählerschaft darstellen und ihre Schäfchen im Trockenen hätten, macht das generationelle Dilemma deutlich: Weder die Jüngsten noch die Ältesten tragen die unmittelbare wirtschaftliche Last einer verfehlten Industriepolitik. Es ist die mittlere Generation der 30- bis 60-Jährigen, die die Werkbank des Landes am Laufen hält und deren Stimme im TikTok-Wahlkampf offenbar nicht laut genug war.

Koalitionsbildung unter vergifteten Vorzeichen

Die Frage nach der Regierungsbildung stellt sich unter denkbar ungünstigen Vorzeichen. Rechnerisch ergibt sich aus dem Wahlergebnis eine Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition als einzige realistische Option, diesmal jedoch unter umgekehrten Vorzeichen mit grüner Führung. Die CDU erreichte bei den Erststimmen mit 34,3 Prozent zwar einen deutlich höheren Wert als die Grünen mit 25,5 Prozent, doch bei den für die Mandatsverteilung entscheidenden Zweitstimmen lag sie knapp hinter den Grünen.

Die Zusammenarbeit zwischen einer CDU, deren Generalsekretär dem Koalitionspartner Schmutzkampagnen vorwirft, und Grünen, die die Integrität des CDU-Spitzenkandidaten gezielt untergraben haben, dürfte von erheblichem gegenseitigem Misstrauen geprägt sein. Für die Wirtschaft des Landes ist dies eine denkbar schlechte Nachricht: Eine Koalition, die von gegenseitigem Misstrauen und dem Wissen um die Methoden des jeweils anderen geprägt ist, wird kaum den Zusammenhalt und die Entschlossenheit aufbringen, die für eine entschlossene industriepolitische Kurskorrektur nötig wären.

Der Blick nach vorn: Was die Wirtschaft braucht und was sie bekommt

Baden-Württembergs Wirtschaft steht vor einer Transformation von historischem Ausmaß. Das produzierende Gewerbe, das 30,6 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht, ist in einer Phase des Umbruchs, die vom chinesischen Wettbewerb über die holprige Elektrifizierung bis hin zu steigenden Energiekosten getrieben wird. Die Zulieferer, die viel in die Elektromobilität investiert haben, stehen vor dem Dilemma, dass die Nachfrage ausbleibt und ihnen finanziell die Luft ausgeht.

Was das Land braucht, sind mutige Strukturreformen: wettbewerbsfähige Energiepreise, Entbürokratisierung, beschleunigte Genehmigungsverfahren, gezielte Investitionsanreize und eine Industriepolitik, die nicht von ideologischen Prämissen, sondern von ökonomischer Rationalität geleitet wird. Was es stattdessen zu bekommen droht, ist eine Koalition unter grüner Führung, die ihren Sieg einer Social-Media-Kampagne verdankt und deren programmatische Prioritäten im Bereich Klimaschutz und gesellschaftlicher Transformation liegen, nicht in der Bewahrung industrieller Wertschöpfungsketten.

Ein Sieg mit Verfallsdatum

Der Wahlsieg Cem Özdemirs ist ein Lehrstück moderner politischer Kommunikation. Es zeigt, wie ein erfahrener Politiker mit präzisem Timing, digitaler Schlagkraft und der geschickten Nutzung gegnerischer Schwächen eine scheinbar aussichtslose Position in einen Triumph verwandeln kann. Doch ein politisches Meisterstück ist noch keine Regierungsqualifikation. Baden-Württemberg ist kein Wahlkampf-Spielfeld, sondern eine Industrieregion von Weltrang, deren Fundamente in einer Weise erodieren, die rasches und entschlossenes Handeln erfordert.

Die mit allen Wassern gewaschene Kampagne hat einen Ministerpräsidenten hervorgebracht, der sich nun an der härtesten Aufgabe messen lassen muss: der Rettung eines Wirtschaftsmodells, das einst ganz Deutschland Wohlstand garantierte und nun zwischen Deindustrialisierung, globalem Wettbewerb und hausgemachten Strukturdefiziten zerrieben wird. Ob ausgerechnet der Mann, der seinen Sieg dem TikTok-Algorithmus und einem acht Jahre alten Video verdankt, der Richtige ist, um die Werkbank der Republik in die Zukunft zu führen, wird sich schneller zeigen, als es ihm lieb sein dürfte. Die Gewerbesteuereinbrüche in Sindelfingen, die Massenabfindungen bei Mercedes und die Schließung von Zulieferbetrieben warten nicht auf die nächste Legislaturperiode. Sie geschehen jetzt, und sie erfordern eine Antwort, die mit viralen Videos und wahlkampftaktischer Brillanz allein nicht zu geben ist.

Die 30,2 Prozent mögen für einen Wahlabend reichen. Für die Rettung der größten Industrieregion Europas reichen sie nicht. Dafür braucht es Substanz, Vertrauen und wirtschaftspolitische Kompetenz. Ob Özdemirs kalkulierter Sieg diese Grundlagen bieten kann, bleibt die offene und bange Frage, die nicht nur Baden-Württemberg, sondern die gesamte deutsche Volkswirtschaft betrifft.

 

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