Zalando schließt Erfurt: Europas Modegigant opfert seine Geburtsstätte – Sparzwang als Preis des Wachstums
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 8. Januar 2026 / Update vom: 8. Januar 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein
Hinter den Kulissen der Fusion: Was die Schließung Erfurts über Zalandos neue Pläne verrät
Schock für die Logistik-Branche: Zalando streicht 2.700 Jobs – Ist das erst der Anfang?
Zalandos Amazon-Plan: Wie der Moderiese heimlich zum Tech-Konzern wird
Die Ankündigung vom 7. Januar 2026 gleicht einem symbolischen Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Online-Handels. Zalando, Europas größter Modeversender, wird Ende September 2026 sein Logistikzentrum in Erfurt schließen und damit 2.700 Arbeitsplätze streichen. Der Standort, der 2012 mit großem Aufwand eröffnet wurde und als erstes selbst entwickeltes Logistikzentrum ein Meilenstein der Unternehmensgeschichte war, fällt der neuen Strategie nach der Übernahme des Hamburger Konkurrenten About You zum Opfer. Was auf den ersten Blick wie eine reine Optimierung der Lagerstandorte wirkt, offenbart bei genauerer Betrachtung die tiefgreifenden Verschiebungen einer gesamten Branche. Die Schließung markiert das Ende des bedingungslosen Expansionsmodells der 2010er-Jahre hin zu einer Phase, in der Gewinn und Effizienz durch Zusammenlegung an erster Stelle stehen.
Der Erfurter Standort galt lange als Vorzeigeprojekt. Mit 130.000 Quadratmetern Lagerfläche und Investitionen von 170 Millionen Euro entstand hier 2012 das damals größte Versandzentrum für Mode und Schuhe in Europa. Die zentrale Lage Thüringens, die exzellente Verkehrsanbindung durch den ICE-Knoten Erfurt und die Nähe zu wichtigen Autobahnen machten die Stadt zu einem idealen Verteilerzentrum für den europäischen Markt. Zalando baute hier nicht nur Lagerkapazitäten auf, sondern nutzte den Standort auch als Testfeld für neue Technik. TORU-Roboter von Magazino, selbstfahrende Transportroboter von idealworks und intelligente Warenwirtschaftssysteme wurden in Erfurt erprobt. Dass ausgerechnet dieser Standort nun aufgegeben wird, verdeutlicht die Härte des neuen Kurses.
Die About-You-Übernahme als Auslöser einer Neuordnung
Die Entscheidung zur Schließung Erfurts ist untrennbar mit der Übernahme von About You verbunden, die im Dezember 2024 angekündigt und im Juli 2025 vollzogen wurde. Für 1,13 Milliarden Euro sicherte sich Zalando über 91 Prozent der Anteile am Hamburger Konkurrenten und verschmolz damit zwei der größten deutschen Online-Modehändler. Der Sinn dieses Kaufs erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine klassische Marktbereinigung in einem zunehmend gesättigten Umfeld. Der gemeinsame Marktanteil beider Unternehmen im europäischen Online-Modehandel liegt trotz ihrer Dominanz nur im einstelligen Prozentbereich eines 450 Milliarden Euro schweren Gesamtmarktes. Die wahre Motivation liegt jedoch tiefer: Zalando will sich vom reinen Online-Händler zum Anbieter einer technischen Plattform für andere Firmen wandeln.
About You bringt mit seiner Tochterfirma Scayle eine hochprofitable Software-Plattform ein, die über 200 Online-Shops in Europa und Nordamerika technisch betreibt. Diese Mietsoftware ergänzt perfekt Zalandos eigenes Geschäftskunden-Angebot Zeos, das Marken und Einzelhändlern die Nutzung der Zalando-Logistik ermöglicht. Die Kombination beider Systeme schafft erstmals ein komplettes Ökosystem, das Händlern alle Dienstleistungen aus einer Hand bietet – von der Shop-Software über die Zahlungsabwicklung bis zum Versand. Zalando verspricht sich von dieser Zusammenarbeit langfristig zusätzliche operative Gewinne von 100 Millionen Euro jährlich. Dieses Geschäftskunden-Segment entwickelte sich bereits im ersten Quartal 2025 zum Wachstumstreiber mit einem Umsatzplus von 11,6 Prozent und stabilen Gewinnmargen.
Die Zusammenlegung der Logistiknetzwerke beider Unternehmen erfordert jedoch schmerzhafte Einschnitte. Vor der Integration betrieben Zalando und About You zusammen mehr als 17 Lagerstandorte in Europa. Nach der Neuausrichtung sollen nur noch 14 Zentren in sieben Ländern verbleiben. Neben Erfurt werden drei weitere Standorte außerhalb Deutschlands, die von externen Partnern betrieben wurden, nicht weitergeführt. Diese Reduktion folgt einer klaren wirtschaftlichen Logik: Die Bündelung der Waren in weniger, dafür aber größeren und moderneren Standorten ermöglicht Kostenvorteile durch Größe, verringert die Komplexität und senkt die Kosten pro verschicktem Paket. Zalando setzt auf eine flexible Lagerhaltung, bei der Bestellungen für Zalando, About You und externe Partner aus denselben Zentren bearbeitet werden können.
Die wirtschaftliche Logik der Standortentscheidung
Die Wahl, ausgerechnet Erfurt zu schließen, erscheint zunächst widersprüchlich. Der Standort verfügt über eine gute Infrastruktur, erfahrene Mitarbeiter und liegt geografisch zentral. Die Entscheidung lässt sich jedoch durch mehrere Faktoren erklären, die zusammen ein klares Bild ergeben. Erstens liegt Erfurt in Ostdeutschland, einer Region, die trotz Fortschritte strukturelle Nachteile gegenüber westdeutschen Standorten aufweist. Die Wirtschaftskraft pro Kopf liegt in Thüringen noch immer unter dem westdeutschen Niveau, und die Produktivität in der Industrie ist oft geringer. Für ein Logistikunternehmen können diese Unterschiede Nachteile bei der Vernetzung mit Zulieferern oder der Verfügbarkeit spezialisierter Dienstleister bedeuten.
Zweitens spielt die Ausrichtung auf Westeuropa eine entscheidende Rolle. Zalandos wichtigste Wachstumsmärkte liegen in Frankreich, den Niederlanden, Italien und Spanien. Die verbleibenden deutschen Standorte Mönchengladbach, Lahr und das im Aufbau befindliche Zentrum in Gießen liegen geografisch deutlich näher an diesen Kernmärkten. Mönchengladbach etwa profitiert von der unmittelbaren Nähe zu den Niederlanden und Belgien, während Lahr den französischen und schweizerischen Markt bedient. Erfurt hingegen war primär auf die Versorgung Osteuropas und Deutschlands ausgerichtet – Märkte, die entweder bereits gut durch andere Standorte wie das polnische Stettin abgedeckt sind oder weniger stark wachsen als der Westen.
Drittens spielt auch die Kostenstruktur eine Rolle. Obwohl Ostdeutschland teils niedrigere Lohnkosten aufweist, werden diese Vorteile oft durch höhere Logistikkosten aufgezehrt. Zalando hat in seinen moderneren Standorten wie Lahr massiv in Automatisierung investiert. Dort kommen zahlreiche Roboter und hochmoderne Sortieranlagen zum Einsatz. Erfurt nutzte zwar ebenfalls Technik im Testbetrieb, erreichte aber nicht denselben Automatisierungsgrad wie die neueren Anlagen. Die Kosten, den 14 Jahre alten Standort technisch komplett nachzurüsten, hätten sich bei der geplanten Verkleinerung des Netzwerks wirtschaftlich nicht gerechnet.
Viertens zeigt sich hier das Prinzip der Netzwerkauslastung. In der Logistik gilt: Ein gut ausgelastetes Lager ist weitaus günstiger zu betreiben als mehrere halbvolle. Erfurt hatte Kapazitäten für deutlich mehr Pakete, als zuletzt bearbeitet wurden. Nach der Integration von About You entstanden durch Überschneidungen im gesamten Netzwerk ungenutzte Kapazitäten. Anstatt alle Standorte mit niedriger Auslastung weiterlaufen zu lassen, konzentriert Zalando das Volumen auf die effizientesten Orte. Die zusammengerechnete “leere Luft” in den Regalen mehrerer Standorte rechtfertigt betriebswirtschaftlich die Schließung eines kompletten Zentrums, wenn dessen Arbeit von anderen übernommen werden kann.
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Die neue Macht der Plattformen: Was Zalandos Wandel für alle Händler bedeutet
Der Zwang zum Gewinn als treibende Kraft
Die Standortentscheidung muss im Zusammenhang mit Zalandos Wandel vom Wachstum um jeden Preis hin zur Gewinnerzielung gesehen werden. Nach Jahren der aggressiven Expansion, die oft Verluste mit sich brachte, hat das Unternehmen seit 2020 umgesteuert. Das operative Ergebnis (EBIT) verbesserte sich von 166 Millionen Euro im Jahr 2020 auf voraussichtlich 510 Millionen Euro im Jahr 2024. Die Gewinnmarge stieg im ersten Quartal 2025 auf 1,9 Prozent. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Sparmaßnahmen und strategischer Fokussierung.
Der Online-Handel in Europa konsolidiert sich. Nach dem Boom während der Pandemie folgten schwierige Jahre mit Inflation und Kaufzurückhaltung. Im Jahr 2024 meldeten viele deutsche Online-Händler Umsatzrückgänge. Der Wettbewerbsdruck stieg durch chinesische Billig-Plattformen wie Temu und Shein, die mit aggressiven Preisen etablierte Anbieter unter Druck setzen. Temu erreichte in Deutschland in kürzester Zeit enorme Umsätze.
In diesem Umfeld können sich nur Anbieter behaupten, die entweder durch Größe sehr günstige Kosten haben oder durch besondere Angebote höhere Preise erzielen können. Zalando versucht beides. Die Verkleinerung des Logistiknetzwerks senkt die Kosten pro Bestellung. Gleichzeitig positioniert sich das Unternehmen durch seine Dienstleistungssparte für andere Händler als unverzichtbarer Infrastruktur-Anbieter. Dieses Modell ähnelt dem von Amazon: Eine profitable Infrastruktur wird nicht nur selbst genutzt, sondern auch an andere vermietet, was zusätzliche Gewinne bringt und die Auslastung verbessert.
Der Vorteil dieses Plattform-Modells ist enorm. Je mehr Händler die Zalando-Infrastruktur nutzen, desto besser werden die Lager ausgelastet und desto günstiger wird es für alle. Je mehr Shops die Software nutzen, desto wertvoller wird diese durch ständige Verbesserungen. Zalando wandelt sich damit von einem reinen Händler zu einem Technologie-Konzern. Dieser Wandel erklärt auch die Bereitschaft, über eine Milliarde Euro für About You zu zahlen – deren Software-Sparte gilt als hochprofitabel und zukunftsfähig.
Das teure Problem der Retouren
Ein oft unterschätzter Faktor für die Gewinnschwierigkeiten im Modehandel sind die Retouren. In Deutschland werden 40 bis 50 Prozent der bestellten Kleidung zurückgeschickt, bei Kauf auf Rechnung sogar noch mehr. Die Kosten pro Rücksendung liegen bei etwa 20 Euro, wenn man Transport, Prüfung, Neuverpackung und Wertverlust einrechnet. Für die deutschen Modehändler summierte sich diese Belastung 2024 auf Milliardenbeträge. Das erklärt, warum viele Online-Modehändler trotz hoher Umsätze kaum Gewinn machen.
Zalando versucht zwar, die Retourenquote durch bessere Größenberatung und künstliche Intelligenz zu senken, doch Rücksendungen bleiben ein Grundproblem. Die Zusammenlegung der Logistikzentren ermöglicht eine effizientere Bearbeitung dieser Retouren. In einem großen, modernen Zentrum können zurückgeschickte Waren durch spezialisierte Prozesse schneller wiederaufbereitet und erneut verkauft werden als in vielen kleinen Standorten. Diese Effizienzgewinne sind ein weiterer Grund für die Schließung.
Die reinen Abwicklungskosten im Online-Handel setzen sich aus vielen Teilen zusammen: Lagerkosten, Kosten für das Zusammenstellen und Verpacken (ca. 1,20 bis 1,70 Euro) sowie Versandkosten. Bei einer durchschnittlichen Bestellung von 50 Euro ergeben sich Logistikkosten von acht bis zehn Euro – ohne Retouren. Wenn fast die Hälfte zurückkommt, steigen die realen Kosten pro verkauftem Artikel deutlich an. Da im Modehandel die Gewinnmargen ohnehin knapp sind, wirkt sich jede Einsparung in der Logistik stark auf den Unternehmensgewinn aus.
Folgen für die Region: Strukturschwäche trifft Konzernstrategie
Für Erfurt und Thüringen ist die Schließung ein schwerer Schlag. Mit 2.700 Arbeitsplätzen war Zalando einer der größten privaten Arbeitgeber. Die Logistikbranche hatte sich in Erfurt zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt, auch dank der Ansiedlung von Amazon und anderen Firmen. Die zentrale Lage und die Verkehrsanbindung boten ideale Voraussetzungen.
Die Prognosen für den Arbeitsmarkt in Thüringen sind jedoch düster. Experten erwarten für 2026 einen Rückgang der Beschäftigung. Thüringen hat mit strukturellen Problemen und dem demografischen Wandel zu kämpfen. In diesem Umfeld wirkt der Verlust von 2.700 Stellen besonders schwer. Die betroffenen Mitarbeiter werden nicht alle in der Region schnell neue Arbeit finden. Zalando bietet zwar Unterstützung und Umzugshilfen an, doch die Bereitschaft, für den Job das Bundesland zu verlassen, dürfte begrenzt sein.
Die Schließung zeigt auch die Grenzen der staatlichen Förderpolitik. Erfurt hatte Zalando damals mit Fördergeldern angelockt. Diese Mittel sollten die Region stärken und dauerhafte Arbeitsplätze schaffen. Vierzehn Jahre später zeigt sich: Subventionen können Unternehmen holen, aber nicht dauerhaft halten, wenn sich die wirtschaftliche Lage ändert. Die Politik steht vor der Frage, ob man weiterhin Geld in direkte Ansiedlungen stecken soll oder besser in allgemeine Standortfaktoren wie Bildung und Infrastruktur investiert.
Sozialplan und Verantwortung
Zalando hat angekündigt, mit dem Betriebsrat einen Sozialplan auszuhandeln. Die Unternehmensführung verspricht finanzielle Hilfen und Unterstützung bei der Jobsuche. Es werden Transfergesellschaften geprüft und Wechselmöglichkeiten zu anderen Standorten angeboten. Die verbleibenden Lager liegen jedoch weit entfernt oder in anderen Bundesländern.
Hier prallen unternehmerische Logik und soziale Verantwortung aufeinander. Einerseits ist die Schließung aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar, um das Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig zu halten. Ineffiziente Strukturen zu bewahren, könnte am Ende noch mehr Jobs gefährden. Andererseits haben die Mitarbeiter in Erfurt Jahre ihres Lebens investiert und zum Erfolg beigetragen. Die Schließung enttäuscht diese Erwartungen abrupt.
In Deutschland wird traditionell versucht, die Interessen von Arbeitnehmern und Unternehmen auszugleichen. Betriebsräte und Sozialpläne sind gesetzlich vorgeschrieben. Dennoch bleibt der Konflikt bestehen: Ein global agierender Konzern muss flexibel bleiben, was oft im Widerspruch zum Wunsch der Mitarbeiter nach Sicherheit am Wohnort steht.
Die neue Landkarte des europäischen Online-Handels
Die Schließung Erfurts ist mehr als nur eine Firmenentscheidung. Sie steht für eine neue Ära im E-Commerce. Die Zeit des wilden Wachstums und des schnellen Aufbaus von Kapazitäten ist vorbei. Jetzt geht es um Professionalisierung und Gewinnoptimierung. Zalando wird mehr und mehr zum Technologie-Anbieter. Die Integration von About You beschleunigt diesen Prozess, um gegen Riesen wie Amazon oder neue Herausforderer wie Shein bestehen zu können.
Die neue Ausrichtung auf Geschäftskunden verspricht stabilere Einnahmen als der schwankende Verkauf an Endkunden. Während das klassische Handelsgeschäft mit Retouren und Preiskämpfen ringt, bringen Software-Lizenzen regelmäßige Einnahmen. Die Kombination aus Logistik-Dienstleistung und Shop-Software ist ein Alleinstellungsmerkmal in Europa. Das könnte Zalando an der Börse wertvoller machen, da Technologie-Firmen oft höher bewertet werden als reine Händler.
Für die Logistik in Europa bedeutet das eine Verschiebung. Ostdeutschland verliert an Attraktivität, während Standorte näher an den kaufkräftigen West-Märkten gestärkt werden. Das folgt der Logik kurzer Lieferwege, zeigt aber auch, dass die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West noch immer bestehen. Die Hoffnung, durch Logistikzentren dauerhaft gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, erfüllt sich hier nicht. Logistik ist ein flüchtiges Geschäft, das schnell auf Kostenänderungen reagiert.
Die 2.700 Mitarbeiter in Erfurt tragen die Last dieses Wandels. Ihre Zukunft wird durch eine Entscheidung bestimmt, die in der Berliner Zentrale getroffen wurde, um die Gewinne und den Aktienkurs zu optimieren. Dieser Konflikt zwischen wirtschaftlicher Vernunft und menschlichem Schicksal ist typisch für unsere moderne Marktwirtschaft. Die Frage, wie man solche Härten abfedern kann, wird die Politik noch lange beschäftigen. Erfurt ist dafür ein trauriges, aber lehrreiches Beispiel.
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