Überraschende Studie enthüllt: Warum die deutsche Industrie in Wahrheit nicht stirbt
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Veröffentlicht am: 10. April 2026 / Update vom: 10. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Überraschende Studie enthüllt: Warum die deutsche Industrie in Wahrheit nicht stirbt – Bild: Xpert.Digital
Strukturbruch statt Absturz: 76 % der deutschen Industrie sind sicherer, als alle denken
Vom Autobauer zum System-Anbieter: So erfindet sich die deutsche Wirtschaft gerade neu
Deindustrialisierung – ein Begriff geht um wie ein Schreckgespenst. Angesichts von Zehntausenden gestrichenen Stellen bei Volkswagen oder Bosch und abwandernden Werkshallen scheinen die düstersten Prognosen für den Wirtschaftsstandort Deutschland wahr zu werden. Doch der laute Lärm der automobilen Krise überdeckt eine weitaus komplexere Realität. Eine umfassende gemeinsame Analyse der führenden Wirtschaftsinstitute (ifo, IW und Bertelsmann Stiftung) zeigt nun: Die deutsche Industrie stirbt nicht, sie durchläuft einen beispiellosen, radikalen Strukturbruch. Während die klassische Güterproduktion schrumpft, erwirtschaften Unternehmen durch neue, hybride Geschäftsmodelle weiterhin stabile Werte. Mehr noch: 76 Prozent der industriellen Wertschöpfung entfallen auf zukunftsfeste Branchen, bei denen Pharma und Rüstung aktuell sogar echte Wachstumsbooms erleben. Warum der Abgesang auf Deutschland verfrüht ist, sich das Land aber ein gefährliches Investitions- und Bürokratieproblem leistet, zeigt diese detaillierte Bestandsaufnahme.
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Das entscheidet jetzt über die Zukunft der deutschen Industrie
Die Debatte um den Industriestandort Deutschland bewegt sich seit Jahren zwischen Alarmismus und Schönrednerei. Mal heißt es, eine „schleichende Deindustrialisierung“ erfasse das Land, mal erklärt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Standort befinde sich im freien Fall. Gleichzeitig kündigt Volkswagen an, 35.000 Stellen bis 2030 zu streichen, und Bosch plant den Abbau von 13.000 Arbeitsplätzen, vor allem an deutschen Standorten seiner Mobility-Sparte. Doch was steckt hinter dem Lärm der Schlagzeilen? Drei renommierte Forschungseinrichtungen – das ifo Institut, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und die Bertelsmann Stiftung – haben sich gemeinsam an die Vermessung der deutschen Industrie gewagt. Ihre Ergebnisse, die im März 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden, zeichnen ein Bild, das weder Entwarnung noch Katastrophenmeldung verdient, aber eines deutlich macht: Die Realität ist erheblich differenzierter als das den medialen Diskurs dominierende Gespenst der Deindustrialisierung.
Zwischen Produktionseinbruch und Wertschöpfungsstabilität
Der offensichtlichste Befund klingt beunruhigend: Die Industrieproduktion in Deutschland ist seit ihrem Spitzenwert Anfang 2018 um rund 15 Prozent zurückgegangen. Der BDI errechnete allein für 2024 einen Produktionsrückgang von 4,8 Prozent, 2025 folgte ein weiteres Minus von voraussichtlich zwei Prozent – das vierte Rückgangsjahr in Folge. Im EU-Vergleich hat sich die deutsche Industrie seit 2019 deutlich schlechter entwickelt als der Durchschnitt der europäischen Nachbarn. Wer hier stehen bleibt, kommt zwangsläufig zu dem Schluss, dass der Industriestandort systematisch erodiert.
Doch das ifo Institut zieht in seiner Analyse eine entscheidende Trennlinie, die in der öffentlichen Diskussion häufig untergeht: die Differenz zwischen Produktionsvolumen und Wertschöpfung. Während der Produktionsindex zwischen 2018 und 2024 um 13 Prozent zurückging, sank die umfassendere Bruttowertschöpfung im gleichen Zeitraum lediglich um 3 Prozent. Diese Diskrepanz ist kein statistisches Artefakt, sondern Ausdruck eines fundamentalen Wandels im Geschäftsmodell der deutschen Industrie: Unternehmen produzieren weniger physische Güter im Inland, erwirtschaften dabei aber durch Dienstleistungen, Software, Forschung und Lizenzeinnahmen verhältnismäßig stabile oder sogar wachsende Wertbeiträge. Die reine Betrachtung des Produktionsindexes greift damit strukturell zu kurz.
Vom Fabrikanten zum Systemintegrator – das neue Geschäftsmodell
Das ifo Institut beschreibt diesen Prozess als die Entstehung hybrider Geschäftsmodelle: Industrieunternehmen kombinieren ihre physischen Produkte zunehmend mit produktbegleitenden Dienstleistungen, verlagern die eigentliche Fertigung teilweise ins Ausland und konzentrieren ihre inländischen Aktivitäten auf Produktentwicklung, Ingenieurleistungen und Serviceangebote. Besonders ausgeprägt zeigt sich dieser Trend in der Automobil- und Maschinenbauindustrie, wo Forschung und Entwicklung sowie produktnahe Dienstleistungen stetig an Bedeutung gewinnen, während traditionelle Fertigungskapazitäten zunehmend ausgelagert werden.
Dies ist kein Zeichen von Schwäche, sondern spiegelt eine Entwicklung wider, die erfolgreiche Industrienationen wie die Schweiz oder die Niederlande schon früher durchlaufen haben. Ein Unternehmen wie ein Maschinenbauer, der nicht mehr nur eine Fräsmaschine liefert, sondern dazu ein digitales Wartungssystem, Bedienerschulungen, Prozessoptimierungsdaten und ein Lebenszyklusmanagement anbietet – der produziert weniger im klassischen Sinne, schafft aber weit mehr Wert. Dass Statistiken, die primär auf physischer Güterproduktion basieren, diesen Wandel nicht vollständig abbilden, ist ein Messproblem, kein wirtschaftliches Versagen.
Trotzdem wäre es naiv, diesen Befund zur Entwarnung umzudeuten. Die Auslagerung von Fertigung ins Ausland birgt mittel- und langfristig Risiken für die Innovationsfähigkeit: Wer nicht mehr produziert, verliert über Generationen das Produktionswissen, das wiederum Voraussetzung für die nächste Produktinnovation ist. Diese Warnung klingt in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte regelmäßig auf, auch wenn der unmittelbare Rückgang der Wertschöpfung bislang moderat bleibt.
Das überraschende Kernresultat – 76 Prozent auf sicherem Kurs
Das überraschendste und gleichzeitig bedeutsamste Ergebnis der gemeinsamen Forschungsstudie lautet: 76 Prozent der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes entfallen auf Branchen, deren Produkte in den vergangenen fünf Jahren immer stärker nachgefragt wurden. Anders formuliert: Die große Mehrheit der deutschen Industrie ist in sogenannten zukunftsfesten Branchen tätig – von der Pharmaindustrie und der Halbleiterfertigung bis hin zum spezialisierten Maschinenbau. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil der industriellen Wertschöpfung entfällt auf Segmente, die unter dauerhaftem Nachfragerückgang leiden.
Diese Zahl verdient eine Einordnung. Die oft genannten Krisenbranchen – vor allem die klassische Automobilproduktion für Verbrennungsmotoren – stehen exemplarisch für einen lautstarken, aber in der Gesamtstruktur der deutschen Industrie nicht dominierenden Teil. Wenn allein die Automobilindustrie zwischen 2019 und 2025 rund 112.000 Stellen verliert und dabei medial Raum einnimmt wie kaum eine andere Branche, entsteht leicht der Eindruck, diese Krise greife auf die gesamte Industrie über. Die Studienergebnisse widerlegen diese Pauschalisierung empirisch.
Oliver Falck, Ökonom am ifo Institut, brachte die Kernbotschaft auf einen prägnanten Nenner: Er wolle die Wette auf die Zukunft nicht ohne die deutsche Industrie machen. Das ist keine Schönfärberei, sondern das nüchterne Urteil eines Forschers, der die Datenlage kennt. Es bedeutet: Deutschland hat industrielle Substanz – die Frage ist, ob die Rahmenbedingungen es erlauben, diese Substanz in den nächsten Jahren zu mobilisieren.
Der Krisenherd Automobil – Sonderfall, nicht Blaupause
Die Automobilindustrie ist mit rund 716.000 Beschäftigten nach wie vor eine der größten und bedeutendsten Industriebranchen Deutschlands. Und sie steckt in einem Transformationsprozess, der durch mehrere Schocks gleichzeitig beschleunigt wurde: den technologischen Übergang zur Elektromobilität, den Verlust von Marktanteilen gegenüber chinesischen Herstellern wie BYD, den strukturellen Rückgang der Pkw-Nachfrage in traditionellen Absatzmärkten sowie die Zollpolitik der USA unter Präsident Donald Trump, der seit 2025 einen Importzoll von 15 Prozent auf die meisten EU-Waren erhebt.
Volkswagen strich ursprünglich bis zu 50.000 Stellen und revidierte die Zahl nach Verhandlungen mit dem Betriebsrat auf rund 35.000 Stellen bis 2030. Bosch kündigte den Abbau von 13.000 Stellen in seiner Mobility-Sparte an, mit besonderem Schwerpunkt auf Standorten in Baden-Württemberg wie Feuerbach, Schwieberdingen, Bühl und Homburg. Die deutschen Automobilausfuhren in die USA sanken in den ersten elf Monaten 2025 um 9,4 Prozent auf 135,8 Milliarden Euro; allein Autos und Autoteile verzeichneten einen Rückgang von rund 17 Prozent beim Exportwert.
Wer jedoch die Automobilkrise mit einer allgemeinen Industriekrise gleichsetzt, unterliegt einer kategorialen Verwechslung. Der Sektor leidet an einer Kombination aus selbstverschuldeten strategischen Fehlentscheidungen – zu lange am Verbrenner festgehalten, zu spät in Elektroarchitekturen investiert – und externen Schocks durch Geopolitik und Handelspolitik. Diese Kombination ist singulär, nicht repräsentativ für das Gesamtbild der deutschen Industrie.
Wachstumspole im Schatten der Krisenmeldungen
Während die Automobilbranche schrumpft, wachsen andere Segmente kräftig. Die Pharmaindustrie sticht dabei als besonders robustes Gegenbeispiel hervor: Ihre Beschäftigung stieg 2025 leicht um 0,2 Prozent und soll 2026 um 1,1 Prozent zunehmen, die Investitionen wachsen gegen den allgemeinen Trend um 2,7 Prozent (2025) und 3,0 Prozent (2026), die Produktion legte 2025 um 3,2 Prozent zu. Die Pharmaindustrie trotzt damit dem konjunkturellen Gegenwind und unterstreicht ihre Rolle als Schlüsselsegment für den deutschen Industriestandort.
Noch dramatischer ist der Wachstumspfad der deutschen Rüstungsindustrie. Mit dem historischen Bundestagsbeschluss vom 18. März 2025, der die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben von über einem Prozent des BIP aussetzt, und dem Ziel von Bundeskanzler Friedrich Merz, die Bundeswehr zur konventionell stärksten Armee in Europa aufzubauen, hat die Branche strukturell geänderte Rahmenbedingungen erhalten. Die deutsche Rüstungsindustrie umfasst 105.000 Beschäftigte und erwirtschaftet bereits jetzt einen Umsatz von 31 Milliarden Euro – mit stark steigender Tendenz. Eine Analyse von EY und DekaBank geht davon aus, dass europäische Verteidigungsinvestitionen allein in Deutschland bis zu 360.000 Industriearbeitsplätze sichern oder schaffen könnten. Die Aktie von Rheinmetall, dem größten deutschen Rüstungsunternehmen, stieg von etwa 59 Euro im Jahr 2020 auf Kurse zwischen 1.700 und 1.800 Euro im Juni 2025.
Auch der Maschinenbau zeigt ein zweigeteiltes Bild: Trotz eines Exportrückgangs von 1,8 Prozent (preisbereinigt 3,3 Prozent) im Jahr 2025 und einbrechender Exporte in die USA (-8,0 Prozent) sowie nach China (-8,2 Prozent) hält die Branche insgesamt ein Exportvolumen von 198,5 Milliarden Euro. Im EU-Binnenmarkt bleibt das Geschäft vergleichsweise stabil. Wachstumsimpulse kommen aus der Medizintechnik, der Energietechnik sowie aus spezialisierten Lösungen für die industrielle Automatisierung und Digitalisierung.
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Strukturwandel 2030: Wie Deutschland seine Industrie neu erfindet
Strukturwandel als Megatrend – die Fünf großen D
Das ifo Institut beschreibt die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft als tiefgreifenden Strukturwandel, der durch fünf gleichzeitig wirkende Megatrends bestimmt wird: Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel, Deglobalisierung und eine veränderte Rolle Chinas in der Weltwirtschaft. Kein anderes industrialisiertes Land ist von dieser Kombination stärker betroffen als Deutschland, weil hier das verarbeitende Gewerbe eine ungewöhnlich hohe gesamtwirtschaftliche Bedeutung hat und weil der demografische Wandel besonders ausgeprägt ist.
Die Dekarbonisierung zwingt energieintensive Industrien zur Transformation ihrer Produktionsprozesse. Deutschland zählt dabei weiterhin zu den Ländern mit den höchsten Industrieenergiepreisen weltweit. Im Jahr 2023 lagen die industriellen Stromtarife in der EU um 158 Prozent über dem Niveau der USA. Auch wenn die Preise seit dem Extremjahr 2022 (bis zu 235 Euro pro MWh) gefallen sind, bleiben sie im internationalen Vergleich mit rund 80 Euro pro MWh strukturell erhöht. Für energieintensive Prozesse in der Chemie, der Metallverarbeitung oder der Glasproduktion ist das ein gravierender Wettbewerbsnachteil.
Die Digitalisierung bietet gleichzeitig Chancen und Risiken. Chancen entstehen dort, wo Deutschland seine Stärken in der Systemintegration, dem Maschinenbau und der Messtechnik mit softwarebasierten Lösungen verbindet. Risiken bestehen darin, dass die Plattformökonomie und die Softwarewertschöpfung tendenziell in amerikanischen oder chinesischen Ökosystemen konzentriert bleiben, während deutsche Unternehmen häufig in der zweiten Reihe als Hardwarelieferanten verbleiben.
Der demografische Wandel wiederum verstärkt mittelfristig einen strukturellen Engpass: Obwohl die konjunkturelle Schwäche die Fachkräftelücke kurzfristig abgemildert hat – im März 2025 gab es erstmals seit der Coronapandemie wieder mehr qualifizierte Arbeitslose als offene Stellen – bleibt der langfristige demografische Druck unverändert. Für das Jahr 2027 prognostizieren manche Experten ein Defizit von 700.000 Fachkräften. Wenn die Konjunktur anzieht, wird dieser strukturelle Mangel wieder schmerzhaft sichtbar werden.
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Das Investitionsdilemma – zu wenig, zu zögerlich
Ein zentraler Befund der Studie der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem IW lautet: Die Investitionstätigkeit der deutschen Industrie nimmt weiter ab. Nur noch rund die Hälfte der Unternehmen plant bis Ende 2026 Erhaltungs- oder Ersatzinvestitionen – das sind rund 15 Prozentpunkte weniger als in vorangegangenen Befragungen. Bei Neuinvestitionen in Erweiterungen, Forschung und Entwicklung plant sogar nur noch ein Viertel der Unternehmen, aktiv zu werden. Gleichzeitig beläuft sich der Investitionsbedarf bis 2030 auf rund 1,4 Billionen Euro, den Industrie und Staat aufbringen müssten, um Wettbewerbsfähigkeit und Klimaziele zu sichern.
Diese Investitionszurückhaltung ist kein Zeichen mangelnder Mittel in jedem Einzelfall, sondern Ausdruck einer tiefen Unsicherheit über die Standortbedingungen. Unternehmen, die nicht wissen, wie sich Energiepreise, Bürokratielasten, Steuersätze und Handelspolitik in den nächsten fünf Jahren entwickeln, tendieren zu Wartepositionen. 34 Prozent der Industriebetriebe investieren laut IHK-Befragung weniger in ihre betrieblichen Kernprozesse, über 18 Prozent verschieben Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen, mehr als 20 Prozent sparen bei Forschung und Innovation.
Dies ist eine gefährliche Spirale: Ausbleibende Investitionen heute bedeuten geringere Produktivität und Innovationsfähigkeit morgen. Wenn sich die strukturelle Investitionsschwäche – die in Deutschland seit Jahrzehnten im internationalen Vergleich niedrig liegt – verstetigt, gefährdet sie langfristig genau jene zukunftsfesten Branchen, die derzeit noch Stärke demonstrieren. Der Befund ist nicht dramatisch im kurzfristigen Sinne, aber strukturell besorgniserregend.
Das Bürokratieproblem – ein unterschätzter Kostenfaktor
Kaum ein Thema dominiert die Standortdebatte so anhaltend wie die überbordende Bürokratie. Mittelständische Unternehmen wenden im Durchschnitt rund 7 Prozent ihrer Arbeitszeit für bürokratische Prozesse auf, was etwa 32 Stunden pro Monat und Unternehmen entspricht – in Summe 1,5 Milliarden Stunden Arbeit im Jahr allein in den rund 3,8 Millionen mittelständischen Betrieben. Das Gutachten des Sachverständigenrates 2025 attestiert dem Bürokratiekostenindex nur eine sehr geringfügige Senkung seit 2012. Planungs- und Genehmigungsverfahren, die in anderen Ländern Monate dauern, erstrecken sich in Deutschland regelmäßig über Jahre.
Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat im Koalitionsvertrag 2025 das Ziel formuliert, die Bürokratiekosten für die Wirtschaft in dieser Legislaturperiode um 25 Prozent zu reduzieren, was rund 16 Milliarden Euro entspricht. Der Jahreswirtschaftsbericht 2026 bekräftigt, dass gezielte Reformmaßnahmen zum Bürokratieabbau und zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren die Produktivität steigern und ein innovationsfreundlicheres Umfeld schaffen sollen. Wie weit diesen Bekenntnissen tatsächliche Umsetzung folgt, wird eine der entscheidenden wirtschaftspolitischen Fragen der nächsten Jahre sein.
Die Handelspolitik als Wildcard
Kaum ein externer Faktor belastet die deutsche Industrie gegenwärtig so stark wie die veränderte US-Handelspolitik unter Präsident Donald Trump. Seit August 2025 gelten für die meisten Waren aus der Europäischen Union US-Zölle von 15 Prozent. Die Ausfuhren in die USA gingen in den ersten elf Monaten 2025 um 9,4 Prozent auf 135,8 Milliarden Euro zurück, während die Importe aus den USA gleichzeitig um 22 Prozent auf 86,9 Milliarden Euro anstiegen – ein Gleichgewicht, das exakt dem politischen Ziel Trumps entsprach, den amerikanischen Handelsüberschuss zu reduzieren. Auch das China-Geschäft schrumpfte 2025 um zehn Prozent auf 81 Milliarden Euro.
Für exportorientierte Branchen wie den deutschen Maschinenbau sind diese Einbrüche schmerzhaft, aber nicht existenzbedrohend. Maschinenbauexporte in die USA sanken 2025 um 8,0 Prozent auf knapp 25,2 Milliarden Euro, was den Blick auf den EU-Binnenmarkt als Stabilisierungsanker verstärkt. Die Pharmaindustrie hingegen konnte ihre Exportzahlen in die USA trotz Zollumfeld stabil halten und erzielte sogar ein Plus von 0,7 Prozent. Das zeigt, dass sektorspezifische Resilienz und Preisunelastizität der Nachfrage – Medikamente kauft man nicht wegen des Preisunterschieds von 15 Prozent weniger – entscheidende Differenzierungsmerkmale sind.
Im Frühjahr 2026 zeichnete sich eine partielle Entspannung ab: Die EU und die USA einigten sich auf erste Eckpunkte eines Handelsabkommens, das Bundeskanzler Merz ausdrücklich begrüßte. Ob diese Einigung hält und zu einer dauerhaften Normalisierung des transatlantischen Handels führt, bleibt angesichts der Unberechenbarkeit der US-Handelspolitik offen. Für die deutsche Industrie ist Planungssicherheit im Außenhandel ein kaum zu überschätzender Standortfaktor.
Die Gesamtbilanz – Strukturbruch, kein Niedergang
Das differenzierte Bild, das die drei Forschungsinstitute zeichnen, lässt sich in einer zentralen These verdichten: Deutschland erlebt keinen schleichenden Niedergang seiner industriellen Basis, sondern einen tiefgreifenden Strukturbruch. Der Unterschied ist fundamental. Ein Niedergang bedeutet, dass die industrielle Substanz zerbröckelt und an Wert verliert. Ein Strukturbruch bedeutet, dass sich das Gefüge neu ordnet – dass alte Stärken an Gewicht verlieren, während neue entstehen oder gestärkt werden.
Die Automobilbranche verliert Arbeitsplätze und Marktanteile, weil ein hundert Jahre altes Technologieparadigma – der Verbrennungsmotor – durch ein neues abgelöst wird. Gleichzeitig entstehen in der Rüstungsindustrie, der Pharmaindustrie, der Energietechnik und teilweise im Maschinenbau neue Wachstumspole. Die Frage ist nicht, ob Deutschland eine Industrie haben wird, sondern welche Industrie Deutschland haben wird – und ob die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen diesen Übergang unterstützen oder behindern.
Das Investitionsdefizit, die hohen Energiepreise, die Bürokratielasten und der demografische Fachkräftemangel sind reale Hemmnisse. Sie allein rechtfertigen die Katastrophenrhetorik nicht, aber sie erfordern entschlossenes Handeln. Die 76-Prozent-Zahl, die zeigt, dass der größte Teil der industriellen Wertschöpfung in wachsenden Segmenten liegt, ist ein Befund der Stärke – aber eine Stärke, die nicht selbstverständlich erhalten bleibt, wenn Investitionen ausbleiben und Standortbedingungen sich nicht verbessern.
Sechs Handlungsfelder für die industrielle Zukunft Deutschlands
Oliver Falck vom ifo Institut und Daniel Schraad-Tischler von der Bertelsmann Stiftung haben im Dezember 2025 konkrete Empfehlungen veröffentlicht, wie Deutschland seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit sichern kann. Zusammengefasst lassen sich daraus sechs prioritäre Handlungsfelder ableiten:
- Energiepreise dauerhaft senken durch einen Energiepreisdeckel für industrielle Großverbraucher, den forcierten Ausbau erneuerbarer Energien und die Verbesserung der Netzinfrastruktur, um den Industriestrompreis international konkurrenzfähig zu machen.
- Bürokratie substanziell abbauen durch die konsequente Umsetzung des Ziels aus dem Koalitionsvertrag (eine 25-prozentige Kostenreduktion), die Digitalisierung staatlicher Genehmigungsprozesse und die Verkürzung von Planungsverfahren nach dem Vorbild skandinavischer Länder.
- Investitionsanreize schaffen durch steuerliche Sofortabschreibungen für Investitionen in Zukunftstechnologien, den Abbau der vergleichsweise hohen Unternehmenssteuerbelastung im internationalen Wettbewerb und die Mobilisierung des staatlichen Sondervermögens für Infrastrukturinvestitionen.
- Fachkräftepotenzial maximieren durch eine pragmatische Zuwanderungspolitik für qualifizierte Fachkräfte, die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmern sowie die frühzeitige Ausrichtung des Bildungssystems auf die Kompetenzbedarfe der Zukunftsbranchen.
- Technologiesouveränität in Schlüsselbereichen stärken, insbesondere in der Halbleiterproduktion, der Quantentechnologie, der Batterietechnik und der KI-basierten Produktionssteuerung, um strategische Abhängigkeiten zu reduzieren.
- Außenhandelsrisiken diversifizieren durch die Erschließung neuer Absatzmärkte in Südostasien, Indien und Lateinamerika sowie die Festigung des EU-Binnenmarktes als Stabilitätsanker gegen externe handelspolitische Schocks.
Das entscheidende Jahrzehnt
Deutschland steht vor einem wirtschaftlichen Jahrzehnt der Entscheidungen. Die Substanz ist vorhanden: drei Viertel der industriellen Wertschöpfung in wachsenden Segmenten, eine Rüstungsindustrie mit historisch einzigartigen Wachstumsaussichten, eine Pharmaindustrie, die gegen den Trend investiert, ein Maschinenbau, der trotz erheblichen Gegenwinds ein Exportvolumen von fast 200 Milliarden Euro hält. Das ifo Institut formulierte es so: Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel, der durch Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografische Veränderungen und geopolitische Umbrüche geprägt ist – und es gelingt ihr nur langsam und kostspielig, sich durch Innovationen und neue Geschäftsmodelle anzupassen.
Langsam und kostspielig – das ist die entscheidende Diagnose. Das Transformationspotenzial ist unbestritten, aber die Transformationsgeschwindigkeit ist unzureichend. Wenn es Deutschland gelingt, Investitionsbarrieren zu senken, Energiepreise zu stabilisieren, Bürokratie zu reduzieren und das Bildungssystem auf die Bedarfe der nächsten Industriegeneration auszurichten, dann ist die Prognose von Oliver Falck – die Wette auf die Zukunft nicht ohne die deutsche Industrie zu machen – eine fundierte Position. Wenn nicht, dann könnte aus dem Strukturbruch doch noch ein schleichender Niedergang werden. Die Entscheidung darüber fällt nicht in den Fabriketagen, sondern in den Parlamenten und Ministerien der kommenden Jahre.
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