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Die bittere Wahrheit über den E-Commerce-Boom: Warum am Ende nur Amazon profitiert

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Veröffentlicht am: 5. Juni 2026 / Update vom: 5. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Die bittere Wahrheit über den E-Commerce-Boom: Warum am Ende nur Amazon profitiert

Die bittere Wahrheit über den E-Commerce-Boom: Warum am Ende nur Amazon profitiern – Bild: Xpert.Digital

Amazon, Temu und KI: Der gnadenlose Überlebenskampf deutscher Onlineshops

„Das Problem ist vor dem Komma“: Warum der klassische Onlineshop vor dem Aus steht

Wachstum als Illusion: Wie ein einziger Gigant den gesamten deutschen Handel auffrisst

Der deutsche Onlinehandel jubelt – zumindest auf dem Papier. Mit einem soliden Umsatzplus scheint die Konsumkrise überwunden, doch der Schein trügt gewaltig. Hinter den jüngsten Erfolgsmeldungen des HDE Online-Monitors verbirgt sich eine dramatische Marktverschiebung: Das viel gefeierte Branchenwachstum existiert zwar, konzentriert sich aber fast ausnahmslos auf einen einzigen Giganten – Amazon. Während der US-Konzern rund 80 Prozent des gesamten Zuwachses absorbiert, strampeln mittelständische Händler auf der Stelle. Als wäre diese Dominanz nicht erdrückend genug, rollt mit chinesischen Billig-Plattformen wie Temu und Shein eine zweite Angriffswelle heran, die das Preisgefüge in Deutschland nachhaltig zerstört. Gleichzeitig stehen wir vor einer technologischen Zäsur: Künstliche Intelligenz und Social Commerce revolutionieren die Customer Journey so radikal, dass der klassische Webshop bald zum Auslaufmodell werden könnte. Eine ungeschönte Analyse darüber, warum kosmetische Shop-Optimierungen längst nicht mehr ausreichen und wir eine völlig neue Physik des Marktes erleben.

Die große Umverteilung: Warum der deutsche Onlinehandel wächst, aber fast niemand davon profitiert

Das Ende des Onlineshops? Wie KI-Agenten und TikTok unser Kaufverhalten komplett zerstören

Der deutsche Onlinehandel wächst. Die Zahlen des HDE Online-Monitors 2026, erstellt in Zusammenarbeit mit dem IFH Köln, weisen für das Jahr 2025 einen Nettoumsatz von 84,9 Milliarden Euro aus, ein Plus von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf den ersten Blick sieht das nach einer Branche im Aufwind aus, nach Erholung, nach Dynamik. Doch wer sich die Mühe macht, hinter die aggregierten Zahlen zu blicken, stößt auf eine Realität, die weniger nach Aufschwung klingt als nach stiller Konzentration. Der Umsatz ist nicht weg, er ist nur woanders. Dieser Satz, den der E-Commerce-Stratege und ehemalige CEO von eBay Deutschland, Stefan Wenzel, seit Jahren als Leitmotiv seiner Analysen verwendet, beschreibt das Kernproblem des deutschen Handels präziser als jede offizielle Wachstumsprognose. Denn das Wachstum findet statt, es verteilt sich nur nicht. Es konzentriert sich. Und zwar bei einem einzigen Akteur.

Der Gravitationskern heißt Amazon

Amazon.de vereint mittlerweile mehr als 60 Prozent Marktanteil am deutschen Onlinehandel auf sich. Laut den aktuellsten Erhebungen des IFH Köln entfallen rund 63 Prozent des gesamten deutschen Online-Einzelhandelsumsatzes auf die Plattform, wenn man Eigenhandel und Marketplace zusammenrechnet. Das allein wäre schon bemerkenswert. Doch die eigentlich brisante Zahl liegt in der Wachstumsverteilung: Amazon absorbiert nach Berechnungen, die Stefan Wenzel auf Basis der HDE- und IFH-Daten aufgestellt hat, fast 80 Prozent des ohnehin schon kleinen Wachstums im Onlinehandel. Was für den Rest der Branche übrig bleibt, ist ein nominales Plus von etwa 2,4 Prozent, und das bedeutet preisbereinigt, unter Berücksichtigung der Inflation der letzten Jahre, eine Nullrunde. Anders formuliert: Der gesamte deutsche Onlinehandel abzüglich Amazon steht real auf der Stelle. Das Wachstum, das in Pressemitteilungen und Branchenberichten gefeiert wird, ist im Wesentlichen Amazons Wachstum. Der Rest der Branche läuft auf einem Hamsterrad.

Diese Konzentration ist kein neues Phänomen. Bereits 2017 trug Amazon mit 3,3 Milliarden Euro knapp zwei Drittel des gesamten Onlinezuwachses bei. Doch die Dynamik hat sich seither nicht abgeschwächt, im Gegenteil. Der Marktanteil von Amazon am deutschen Onlinehandel ist in den letzten zehn Jahren um 15 Prozentpunkte gestiegen. Die Plattform hat sich von einem dominanten Akteur zu einem nahezu monopolistischen Gravitationszentrum entwickelt, das alles Wachstum auf sich zieht und den übrigen Marktteilnehmern die Luft zum Atmen nimmt.

Was die Branchenzahlen wirklich erzählen

Der HDE Online-Monitor 2026 liefert auf den ersten Blick ein differenziertes Bild des deutschen Onlinehandels. Alle Branchen verzeichnen nominale Umsatzzuwächse. Die Wachstumsraten der einzelnen Segmente rücken näher zusammen. Der Onlineanteil am Einzelhandel insgesamt steigt leicht auf 13,5 Prozent. Besonders auffällig ist das Wachstum bei den schnelldrehenden Konsumgütern, den sogenannten FMCGs, die mit einem Plus von mehr als dem 2,5-Fachen des Branchendurchschnitts herausstechen. Lebensmittel, Drogeriewaren und Körperpflegeprodukte gehören zu den am schnellsten wachsenden Warengruppen im Netz.

Doch diese sektorale Betrachtung verdeckt das Wesentliche. Das absolute Wachstum im Onlinehandel lag 2025 bei 3,1 Milliarden Euro netto gegenüber dem Vorjahr. Das klingt nach viel, ist aber im Kontext eines Gesamtmarktes von knapp 85 Milliarden Euro bescheiden. Und wenn man bedenkt, dass ein einzelner Akteur den Löwenanteil dieses Zuwachses einstreicht, wird die Lage für den breiten Markt prekär. Die Wachstumsraten der Formate, also der Anbieter mit Online-DNA, stationärer DNA und Hersteller-DNA, haben sich zwar angeglichen, aber auf niedrigem Niveau. Der stationäre Fachhandel, der online aktiv ist, sieht seine Onlineanteile seit dem Corona-Boom kaum wachsen, bei Fashion und Heimwerken sind sie sogar gesunken.

Der HDE-Stellvertreter Stephan Tromp sprach bei der Vorstellung der Zahlen davon, dass die Branche sich trotz schwacher Konsumstimmung als Wachstumsmotor für den gesamten Einzelhandel erwiesen habe. Das stimmt in der Gesamtbetrachtung. Doch es verschleiert, dass dieser Motor einen einzigen Zylinder hat, der den Großteil der Kraft erzeugt. Und alle anderen Zylinder stottern.

Die Nachverdichtung als strukturelles Paradigma

Stefan Wenzel verwendet für dieses Phänomen den Begriff der Nachverdichtung. Gemeint ist damit nicht die städtebauliche Verdichtung im Quartier, sondern eine ökonomische Konzentration, bei der sich Marktanteile, Wachstum, Kundenaufmerksamkeit und letztlich auch Profitabilität bei wenigen Akteuren verdichten, während die Breite des Marktes ausdünnt. Der Begriff ist bewusst gewählt, denn er impliziert, dass der Raum begrenzt ist. Es findet keine Expansion des Gesamtmarktes statt, die allen zugutekommt. Stattdessen verteilt sich ein nahezu gleich großer Kuchen auf immer weniger Teilnehmer, die sich immer größere Stücke nehmen.

Diese Nachverdichtung hat mehrere Treiber. Erstens die Infrastruktur: Amazon verfügt über ein Logistiknetzwerk, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Prime-Lieferungen innerhalb eines Tages, ein flächendeckendes Fulfillment-Netzwerk, die Integration von Amazon Haul als Niedrigpreisantwort auf Temu – all das schafft eine Servicequalität, mit der mittelständische Onlinehändler schlicht nicht mithalten können. Zweitens die Datenökonomie: Amazon kennt das Kaufverhalten seiner Kunden besser als jeder andere Akteur im Markt. Die Plattform optimiert Preise, Empfehlungen und Sichtbarkeit in Echtzeit mit einer Datenbasis, die kein einzelner Händler jemals aufbauen kann. Drittens die Marktplatzlogik: Amazon ist längst nicht mehr nur Händler, sondern primär Plattform. Mehr als die Hälfte der Waren, die bei Amazon gekauft werden, stammen von Drittanbietern. Amazon verdient an jeder Transaktion mit, ohne eigenes Warenrisiko zu tragen – ein Geschäftsmodell, das Skalierung fast ohne proportionale Kostensteigerung erlaubt.

Temu, Shein und die zweite Frontlinie

Als wäre die Amazon-Dominanz nicht genug, hat sich in den letzten beiden Jahren eine zweite Frontlinie aufgetan. Temu und Shein, die beiden chinesischen Ultra-Low-Cost-Plattformen, kommen nach Schätzungen des IFH Köln auf einen gemeinsamen Marktanteil von knapp 3,7 Prozent am deutschen Onlinehandel, was einem Umsatz von rund 1,8 Milliarden Euro entspricht. Hochgerechnet kaufen mittlerweile 17,9 Millionen Onlineshoppende in Deutschland bei Temu und Shein. Die durchschnittliche Bestellung liegt bei 38,70 Euro, die Bestellfrequenz bei 8,5 Mal pro Jahr. Das ergibt rechnerisch rund 419.000 Pakete pro Tag, die aus China nach Deutschland geschickt werden.

Die Qualitätswahrnehmung dieser Plattformen ist ambivalent. Der Anteil der Befragten, die angeben, dass die Produkte von schlechter Qualität seien, steigt im Jahresvergleich. Gleichzeitig geben die tatsächlichen Käufer an, wieder dort kaufen zu wollen. Das zeigt ein Muster, das für den restlichen Handel bedrohlich ist: Die Konsumenten wissen, dass sie minderwertige Ware kaufen, tun es aber trotzdem, weil der Preis stimmt. Das untergräbt die Zahlungsbereitschaft im gesamten Markt. Wer jahrelang T-Shirts für 3,99 Euro bei Temu kauft, empfindet 19,99 Euro bei einem deutschen Modehändler nicht mehr als angemessen, sondern als überteuert.

Amazon hat die Bedrohung erkannt und mit Amazon Haul im Juni 2025 eine eigene Niedrigpreisplattform in Deutschland gestartet. Vier Monate nach dem Launch kannte bereits ein Drittel der Internetnutzer das Angebot, 19 Prozent hatten schon dort gekauft. Amazon schließt damit die letzte Lücke in seinem Portfolio und drängt die chinesischen Wettbewerber in eine Zange, während gleichzeitig die traditionellen deutschen Onlinehändler zwischen beiden Fronten zerrieben werden.

Warum Optimierung an den Rändern nicht mehr reicht

Stefan Wenzel bringt das Dilemma der meisten deutschen Onlinehändler auf eine griffige Formel: „Mit Optimierung der Rillen ist es für die meisten nicht getan, das Problem ist vor dem Komma.“ Gemeint ist, dass es nichts bringt, die Conversion-Rate um 0,2 Prozentpunkte zu verbessern oder den Warenkorbwert um drei Euro zu steigern, wenn das grundlegende Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Die Stellschrauben, an denen die meisten Händler drehen, betreffen die Nachkommastellen ihres Geschäfts. Das eigentliche Problem sitzt davor: fehlende Relevanz, fehlende Differenzierung, fehlende Zahlungsbereitschaft.

Diese Diagnose wird durch die Daten gestützt. Der Anteil der stationären Händler, die Waren über das Internet verkaufen, liegt 2025 bei 50 Prozent und stagniert. Die Bedeutung des eigenen Onlineshops ist sogar rückläufig. Online ist als Verkaufskanal für viele Händler offensichtlich nicht mehr erfolgversprechend. Der eigene Onlineshop, einst als Rettungsanker des stationären Handels gepriesen, erweist sich für viele als teures Verlustgeschäft. Die Kosten für Traffic-Akquise steigen, die Conversion-Raten sind mäßig, die Logistikkosten in der Konkurrenz zu Amazon-Prime-Erwartungen kaum tragbar.

Die Pro-Kopf-Ausgaben im Onlinehandel steigen zwar, aber vor allem deshalb, weil die durchschnittlichen Ausgaben pro Kopf zunehmen, nicht weil die Zahl der Onlinekäufer explosionsartig wächst. Das Kundenwachstum liegt bei 1,2 Prozent insgesamt, bei den über 55-Jährigen immerhin bei 3,1 Prozent. Das größte Potenzial liegt also in einer Altersgruppe, die traditionell eher preissensibel und markentreu ist. Das sind keine Kunden, die bereitwillig neue Shops ausprobieren. Sie gehen zu Amazon, weil sie die Marke kennen und dem Service vertrauen.

 

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Sichtbarkeit nach der Suche: So gewinnen Händler in einer KI‑dominierten Welt

Die tektonische Verschiebung durch KI und Agentic Commerce

Während die meisten Händler noch damit kämpfen, ihre bestehenden Onlineshops profitabel zu betreiben, zeichnet sich bereits die nächste Disruption ab. Der HDE Online-Monitor dokumentiert, dass 45 Prozent der Internetnutzer KI-Chatbots bereits nutzen, wobei die Gruppe der 25- bis 29-Jährigen mit 53 Prozent regelmäßiger Nutzung heraussticht. 15 Prozent der Verbraucher setzen KI-Chatbots schon heute für die Produktrecherche ein, wobei der Vergleich von Produkteigenschaften, Qualitätsbewertungen und Preisvergleiche im Vordergrund stehen.

Das klingt nach einer graduellen Veränderung, ist aber in Wahrheit der Anfang einer fundamentalen Umwälzung. Der Online-Monitor skizziert vier Szenarien für die Entwicklung von KI im Handel, die von KI-optimierten Webshops über einfache Shopping-Assistenten und All-in-One-Shoppingerlebnisse bis hin zum vollautonomen KI-Concierge reichen. In den fortgeschrittenen Szenarien wird der Webshop als Kundenschnittstelle irrelevant. Der Konsument interagiert nicht mehr mit dem Shop, sondern mit einem KI-Agenten, der autonom Produkte sucht, vergleicht und kauft. Der Händler wird zum Datenlieferanten und Logistikpartner degradiert, die Kundenbeziehung gehört der KI-Plattform.

Stefan Wenzel hat diese Entwicklung in seinem Buch „Agentic Commerce: How AI Agents are Reshaping Commerce and Shifting Decision Power“ eingehend analysiert. Seine These: Wenn KI-Agenten den Kaufprozess übernehmen, verschiebt sich die Entscheidungsmacht fundamental. Nicht mehr der Konsument entscheidet bewusst, bei welchem Händler er kauft, sondern der Algorithmus. Sichtbarkeit hängt dann nicht mehr von SEO oder Shop-Design ab, sondern von der Plattformlogik des KI-Systems. Für Händler, die schon heute 60 Prozent ihres Traffics über Google beziehen und dort zunehmend von KI-generierten Antworten verdrängt werden, ist das eine existenzielle Bedrohung.

Die Mobile-Wende und Social Commerce als parallele Verschiebung

Parallel zur KI-Revolution findet eine weitere stille Verschiebung statt: 50 Prozent der Onlineumsätze entfallen bereits auf mobile Endgeräte, also Smartphones und Tablets. Die Hälfte der mobilen Käufe wird über Apps getätigt, nicht über mobile Websites. Das bedeutet: Wer keine App hat oder in keiner relevanten App präsent ist, verliert die Hälfte des Marktes. Auch hier profitiert Amazon überproportional, denn die Amazon-App gehört zu den meistinstallierten Shopping-Apps in Deutschland.

TikTok Shop, erst seit Kurzem in Deutschland aktiv, erreicht nach nur sechs Monaten eine Bekanntheit von 52 Prozent unter Internetnutzern. 9 Prozent haben dort bereits gekauft, und zwar vor allem Bekleidung, Kosmetik und Freizeitprodukte. Der Umsatz von TikTok Shop lag 2025 bei geschätzten 225 Millionen Euro laut PwC. Das ist im Verhältnis zum Gesamtmarkt noch bescheiden, aber die Wachstumsdynamik ist enorm. Social Commerce verschiebt die Customer Journey grundlegend: Der Kaufimpuls entsteht nicht mehr bei einer Google-Suche, sondern beim Scrollen durch einen TikTok-Feed. Die Entdeckung des Produkts und der Kauf verschmelzen zu einem einzigen Moment. Für traditionelle Händler mit klassischem Funnel-Marketing ist das eine Struktur, die sie kaum bedienen können.

Durchschnittlich 31 Prozent der Internetnutzer haben schon einmal Produkte gekauft, auf die sie durch soziale Medien aufmerksam geworden sind. Bei den 20- bis 24-Jährigen liegt dieser Wert bei 53 Prozent. Diese Generation entwickelt Kaufgewohnheiten, die mit dem klassischen Onlineshop wenig zu tun haben. Sie kaufen dort, wo sie unterhalten werden. Und das ist nicht die Produktdetailseite eines mittelständischen Fachhändlers.

Das Secondhand-Paradoxon

Ein Segment, das mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 5,3 Prozent überdurchschnittlich zulegt, ist der Online-Secondhand-Markt. Der Onlineumsatz mit gebrauchter Ware erreichte 2025 ein Volumen von rund 3,5 Milliarden Euro. Bücher haben den größten Secondhand-Anteil, gefolgt von Fashion und CE/Elektro.

Auf den ersten Blick könnte man dies als nachhaltigkeitsgetrieben interpretieren, und das ist es teilweise auch. Doch die treibende Kraft ist zunehmend ökonomischer Natur: Verbraucher kaufen gebraucht, um Geld zu sparen. In einer Phase stagnierenden Realeinkommenswachstums und steigender Lebenshaltungskosten weichen Konsumenten auf günstigere Alternativen aus. Für den Neuwarenhandel bedeutet jeder Euro, der in den Secondhand-Kreislauf fließt, einen Euro weniger Umsatz. Das Wachstum des Secondhand-Marktes ist damit nicht nur ein Nachhaltigkeitstrend, sondern auch ein Indikator für die sinkende Kaufkraft und Zahlungsbereitschaft breiter Bevölkerungsschichten.

Der stationäre Handel als stiller Verlierer

Die Offline-Perspektive vervollständigt das Bild der strukturellen Verschiebung. Im Fünfjahresvergleich zeigen die Branchen Heimwerken und Garten, Wohnen und Einrichten sowie CE/Elektro ein Minus beim Gesamtumsatz. Offline sind die Werte mit Ausnahme der FMCGs nahezu flächendeckend im negativen Bereich. Die Pro-Kopf-Ausgaben offline sinken in den meisten Kategorien, während sie online steigen.

Das bedeutet: Der stationäre Handel verliert nicht nur Marktanteile an online, sondern schrumpft in vielen Segmenten absolut. Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Innenstädte unter Druck stehen, sondern wie schnell sich der Strukturwandel vollzieht. Der Onlineanteil liegt im Nonfood-Bereich bereits bei über 25 Prozent und wächst weiter. In einzelnen Warengruppen wie Foto, Musik oder Lederwaren liegen die Onlineanteile bei 40 Prozent und mehr. Für den stationären Fachhandel in diesen Segmenten wird es existenziell eng.

Retourenkosten als verhaltensökonomischer Hebel

Ein Detail am Rande, das aber strukturelle Relevanz hat: Der HDE Online-Monitor zeigt, dass steigende Retourenkosten das Konsumentenverhalten messbar verändern. 50 Prozent der Befragten vermeiden Onlineshops mit zu hohen Versand- und Retourenkosten. 39 Prozent informieren sich ausgiebiger zum Produkt, um die Retourenwahrscheinlichkeit zu senken – ein Wert, der im Jahresvergleich gestiegen ist.

Das ist ökonomisch relevant, weil es die Preissensibilität des Marktes unterstreicht. Konsumenten reagieren nicht nur auf Produktpreise, sondern auf die gesamten Transaktionskosten. Und hier hat Amazon mit kostenlosem Prime-Versand und großzügiger Retourenpolitik einen strukturellen Vorteil, den kleinere Händler nicht replizieren können, ohne ihre Margen vollständig zu opfern.

Warum die Branche ein neues Narrativ braucht

Die Fakten sind eindeutig: Der deutsche Onlinehandel wächst nominal, aber dieses Wachstum ist hochkonzentriert. Amazon dominiert mit über 60 Prozent Marktanteil und absorbiert den Großteil des Zuwachses. Chinesische Plattformen fressen sich von unten in den Markt. KI und Agentic Commerce drohen, die verbliebenen Kundenschnittstellen der Händler zu eliminieren. Social Commerce verlagert den Kaufimpuls weg vom Onlineshop. Der stationäre Handel schrumpft absolut. Der Secondhand-Markt kannibalisiert den Neuwarenhandel. Und die Retourensensibilität der Konsumenten begünstigt Plattformen mit tiefen Taschen.

Was die Branche braucht, ist keine weitere Optimierung der Stellschrauben, kein besseres Newsletter-Marketing, keine weitere Verbesserung der Conversion-Rate um 0,1 Prozentpunkte. Was sie braucht, ist ein grundlegend anderes Verständnis davon, wo Wertschöpfung in einer plattformdominierten Ökonomie noch möglich ist. Das bedeutet erstens: radikal differenzierte Produkte, die sich dem Preisvergleich entziehen. Zweitens: Kundenbeziehungen, die tiefer gehen als eine E-Mail-Adresse in einer Newsletter-Datenbank. Drittens: Geschäftsmodelle, die nicht auf Google-Traffic angewiesen sind, der ohnehin von KI-Systemen absorbiert wird. Viertens: eine ehrliche Bestandsaufnahme, welche Händler in dieser neuen Landschaft überhaupt eine Zukunft haben und welche nicht.

Der Satz, dass der Umsatz nicht weg sei, sondern nur woanders, ist dabei keine Tröstung. Er ist eine Warnung. Denn woanders bedeutet in diesem Fall: bei Amazon, bei Temu, bei TikTok Shop, bei KI-Plattformen. Für den breiten deutschen Mittelstand im Handel heißt woanders: außer Reichweite. Die Nachverdichtung im Handel ist kein vorübergehendes Phänomen. Sie ist die neue Physik des Marktes. Und in dieser Physik gilt: Masse zieht Masse an. Je größer der Gravitationskern, desto stärker die Anziehung, desto schwieriger der Weg für alle anderen. Wer das nicht versteht, optimiert Rillen auf einer Schallplatte, die niemand mehr auflegt.

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