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TenneT, Amprion & Co. | Bund steigt ein und dennoch keine Energie‑Souveränität: Wenig Kontrolle über die eigene kritische Infrastruktur

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Veröffentlicht am: 5. Februar 2026 / Update vom: 5. Februar 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

TenneT, Amprion & Co. | Bund steigt ein und dennoch keine Energie‑Souveränität: Wenig Kontrolle über die eigene kritische Infrastruktur

TenneT, Amprion & Co. | Bund steigt ein und dennoch keine Energie‑Souveränität: Wenig Kontrolle über die eigene kritische Infrastruktur – Bild: Xpert.Digital

Wir zahlen, auf sichere Renditen ausgerichtete private und internationale „Investoren“ kassieren: Das fragwürdige Geschäftsmodell hinter unseren Stromnetzen

Gerade beim Ausbau der Stromautobahnen ist es wichtig zu verstehen, dass nicht primär Investoren die Kosten tragen, sondern der Staat über Garantien, KfW‑Kredite und Beteiligungen die Finanzierung sichert – und damit in Wirklichkeit der deutsche Steuerzahler direkt in das Projekt eingebunden ist. Während Netzbetreiber die Trassen betreiben und regulierte Renditen erhalten, liegt das eigentliche Risiko und die Last öffentlicher Unterstützung bei der Staatskasse, was bedeutet, dass die Milliardenkosten für die Stromautobahnen letztlich auf dem Rücken der Steuerzahler abgebildet werden.

Kritische Infrastruktur? Warum unsere „Stromautobahnen“ kaum noch im alleinigen nationalen Einflussbereich liegen

„Energie-Souveränität“ ist das Schlagwort der Stunde in Berlin. Die politische Erzählung klingt verheißungsvoll: Durch den massiven Ausbau von Wind- und Solarkraft soll Deutschland unabhängig von fossilen Importen werden und seine Versorgungssicherheit selbst in die Hand nehmen. Doch während öffentlich über Windräder und LNG-Terminals gestritten wird, bleibt eine unbequeme Wahrheit oft im Dunkeln: Die Kontrolle über die kritische Infrastruktur – unsere Stromnetze – liegt kaum noch allein im nationalen Einflussbereich.

Wer glaubt, dass die deutsche Energiewende ein rein nationales Projekt ist, wird beim Blick auf die Eigentümerstrukturen der Übertragungsnetzbetreiber eines Besseren belehrt. Ob niederländische Staatskonzerne, belgische Netzbetreiber oder internationale Infrastrukturfonds: Die „Stromautobahnen“, ohne die in Deutschland kein Licht brennt, befinden sich zu großen Teilen in ausländischer oder privater Hand.

Das führt zu einem bizarren Widerspruch: Während deutsche Haushalte und Unternehmen über steigende Netzentgelte den milliardenschweren Ausbau finanzieren, fließen die garantierten Renditen oft an internationale Investoren ab. Die Politik spricht von Unabhängigkeit, akzeptiert aber gleichzeitig eine Abhängigkeit bei der wichtigsten Infrastruktur des Landes.

Wer kontrolliert also wirklich, ob und wie der Strom fließt? Wie sicher ist unsere Versorgung in Zeiten geopolitischer Spannungen und Cyber-Bedrohungen, wenn die digitale und physische Hoheit nicht mehr zweifelsfrei beim Staat liegt? Und warum deckt sich die Rhetorik der „Bürgerenergie“ so wenig mit der Realität der Finanzmärkte?

Die folgende Analyse deckt auf, wem unser Stromnetz eigentlich gehört, warum der Begriff der „Souveränität“ zur hohlen Phrase zu verkommen droht und welche Rolle der deutsche Steuerzahler in diesem globalen Spiel wirklich spielt.

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Was ist unter Energie‑Souveränität im Stromnetz zu verstehen?

Energie‑Souveränität im Stromnetz meint, dass ein Staat über seine Energieversorgung selbst entscheiden kann, ohne von außen gesteuert oder erpresst zu werden. In Deutschland wird das vor allem über drei Ziele ausgedrückt: Erstens soll die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern – Gas, Öl und Kohle – deutlich sinken, im Idealfall bis hin zu einem weitgehenden Ausstieg. Zweitens wird die Versorgungssicherheit betont: Der Strom soll rund um die Uhr verfügbar sein, auch bei Extremsituationen. Drittens spielt die Bezahlbarkeit eine Rolle, also die Frage, wie teuer die Energiewende für Haushalte und Unternehmen wirklich wird.

Parallel dazu wird die Energiewende als zentrales Instrument der deutschen Politik propagiert: Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien im Strom deutlich über 80 Prozent liegen, bis 2035 wird nahezu 100 Prozent erneuerbarer Strom angestrebt. Damit wird die Aussage transportiert, Deutschland könne sich „selbst“ mit Strom versorgen und gleichzeitig die Klimaziele erreichen.

Allerdings wird in dieser öffentlichen Erzählung oft zu wenig klar kommuniziert, dass die Souveränität nicht nur von der Energiequelle, sondern sehr stark von der Infrastruktur abhängt: Wer das Netz besitzt, wer die Investitionen steuert und wer über die technologischen Standards und die Digitalisierung bestimmt, entscheidet zugleich maßgeblich über die Energiezukunft Deutschlands. Die rhetorische Einengung auf „Energieträger“ verdeckt die eigentliche Kontrollfrage über das Netz.

Wer besitzt die deutschen Stromnetze – und wie ist die Eigentumsstruktur?

Beim Stromnetz ist eine klare Unterscheidung wichtig: Es gibt das Übertragungsnetz (die „Stromautobahnen“ in Hochspannung, 380‑, 220‑ oder 110‑kV‑Leitungen) und die viel umfangreicheren Verteilnetze, die den Strom bis in die Haushalte, Firmen und Kraftwerke transportieren. In Deutschland machen die Verteilnetze etwa 99 Prozent der Netze aus, das Übertragungsnetz nur etwa 1 Prozent. Politisch besonders relevant ist aber das Übertragungsnetz, weil über die Hochspannungsleitungen der große Stromtransport von Nord nach Süd läuft und die Netze europäisch verflochten sind.

Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber – 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW – sind in ihren Regionen regulierte Monopole. Sie werden von der Bundesnetzagentur streng überwacht, was Netzentgelte, Gewinnhöchstgrenzen und Investitionen angeht. Entscheidend ist jedoch die Eigentumsstruktur, die überwiegend in ausländischer oder internationaler Hand liegt.

  • TenneT ist formal ein niederländisches Unternehmen, in Deutschland über die TenneT TSO GmbH tätig, die wiederum in niederländischer Eigentümerhand ist. Die Bundesregierung hat in Deutschland über die KfW eine Minderheitsbeteiligung von 25,1 Prozent, die ihr aber kein Mehrheitsrecht gibt.
  • Amprion war lange Teil des RWE‑Konzerns, ist heute jedoch ein international aufgestellter Netzbetreiber, an dem RWE noch Anteile hält, während große Teile bei institutionellen Investoren liegen.
  • 50Hertz wurde 2018 mehrheitlich an einen belgischen Netzbetreiber verkauft, später wurden Anteile an internationale Infrastrukturfonds übertragen. Die Bundesregierung besitzt hier eine Minderheitsbeteiligung, um sicherheitspolitische Steuerungsmöglichkeiten zu behalten, hat aber nicht die Mehrheit.
  • TransnetBW ist in Baden‑Württemberg verankert, gehört letztlich zu großen Teilen kommunalen und regionalen Energieversorgern, aber auch hier spielen institutionelle Investoren und Landesbeteiligungen eine Rolle.

Damit liegt die operative und wirtschaftliche Kontrolle über die entscheidenden Infrastrukturleitungen überwiegend nicht mehr in vollständig deutscher Hand, sondern in einem Gemisch aus ausländischen Staaten, privaten Konzernen und internationalen Investoren.

Warum stellt dies ein Problem für die Souveränität dar?

Wenn „Souveränität“ so verstanden wird, dass ein Staat über die entscheidenden Ressourcen und Infrastrukturen selbst bestimmen muss, dann entsteht ein Widerspruch: Die Infrastruktur, über die die Energiewende läuft, ist de facto zu einem großen Teil nicht mehr nationalstaatlich kontrollierbar.

Die Bundesnetzagentur kann zwar die Netzentgelte, die Gewinnhöchstgrenzen und die Ausbauplanungen festlegen, aber die operativen Entscheidungen über die Auswahl konkreter Projekte, die technischen Standards, die Priorisierung bestimmter Korridore und die langfristige Finanzierungsstrategie werden in den Unternehmen gefällt, die in internationaler Hand sind. Dazu kommt die Bindung an EU‑Regulierung: Netzausbau, Marktregeln, LNG‑Terminals, Gasnetzkapazitäten – vieles wird in Brüssel mitentschieden, sodass die nationale Handlungsfähigkeit faktisch begrenzt ist.

Die politische rhetorische Ebene bleibt aber unbeeindruckt: Regierende und Parlament sprechen von „Souveränität“, von Unabhängigkeit und nationaler Stärke, während die Eigentumsstruktur der Infrastruktur diesem Anspruch kaum entspricht. Die Frage, die du sehr direkt stellst, ist also berechtigt: Wer kontrolliert eigentlich das Netz – und wen soll diese Rhetorik schützen?

Ausländische Investoren, Rendite und die Rolle des deutschen Steuerzahlers

Die Situation ist ökonomisch klar lesbar: Die deutschen Stromnetze sind für Investoren attraktiv, weil sie als regulierte Monopole hohe Einnahmesicherheit bieten, praktisch nicht abgeschafft werden können und langfristig relativ stabil laufen. Die Bundesnetzagentur legt zwar einen Renditezins fest, der für infrastrukturspezifische Kapitalanlagen gilt, aber dieser ist in der Praxis höher als der reine Kapitalkostensatz und wird so ausgelegt, dass Investoren Renditen über dem marktüblichen Durchschnitt realisieren können.

Die Finanzierung der nötigen Investitionen – Netzausbau, Digitalisierung, Smart Grids, neue Freileitungen, Erdkabel, Umspannwerke – liegt in einem Bereich von mehreren hundert Milliarden Euro bis 2030. Diese Summe kann der Staat nicht allein aus dem Haushalt finanzieren, daher wird die Infrastruktur überwiegend über private Investoren, Infrastrukturfonds und institutionelle Anleger finanziert. Die Kosten werden über die Netzentgelte eingetrieben, die letztlich alle Stromkunden tragen – Haushalte, Mieter, kleine Unternehmen, aber auch die Industrie.

Die daraus resultierende Struktur ist klar:

  • Der Staat und die Gesellschaft übernehmen die Risiken der Infrastruktur (Versorgungssicherheit, Sicherheitspolitik, politische Verantwortung).
  • Die Investoren und Trägerunternehmen erhalten die Renditen, die in den Netzentgelten „eingebaut“ sind.

Genau darüber ärgern sich viele Kritiker: Der deutsche Steuerzahler und die inländische Wirtschaft zahlen über Strompreise und Steuern die Infrastruktur und den Ausbau, während ausländische Investoren, internationale Fonds und einzelne Staaten die langfristigen Cashflows einstreichen.

Was verstehen Politiker eigentlich unter Souveränität?

Die Frage, die sich stellt – „Was verstehen unsere Politiker unter Souveränität?“ – ist die zentrale. In der politischen Praxis wird Souveränität überwiegend auf drei Dimensionen beschränkt:

  1. Energieversorgung: Kein Mangel an Strom und Gas.
  2. Energiequellen: Weniger fossile Importe, mehr Erneuerbare.
  3. Energiekosten: Ein gewisser Grad von Bezahlbarkeit, auch wenn die Politik hier eher vage bleibt.

Nicht wirklich zentral dagegen ist die Dimension „Eigentum und Kontrolle über die kritische Infrastruktur“. Die Bundesregierung verhindert Einstiege ausgewählter ausländischer Investoren, etwa aus China, wenn sie diese als sicherheitspolitisch riskant bewertet, und greift punktuell mit Beteiligungen über KfW oder andere Instrumente ein. Aber eine umfassende Rückführung wichtiger Teile der Infrastruktur in vollständig nationale Hand ist in der politischen Debatte nicht ernsthaft Thema.

Stattdessen wird Souveränität gerne als rhetorisches Etikett benutzt, während die eigentlichen Entscheidungen über Infrastruktur und Investitionen in einem stark markt‑ und investorenorientierten Rahmen fallen. Das führt zu einem Eindruck, den du sehr direkt formulierst: Die Ansprache der Souveränität wirkt teils naiv, teils beschönigend, teils bewusst verschleiernd, weil die politische Realität (internationale Investoren, ausländische Eigentümer, EU‑Regulierung) mit der Botschaft der „nationalen Kontrolle“ nicht übereinstimmt.

Warum ist das Netz eigentlich überwiegend in ausländischer Hand?

Die Antwort auf die Frage, „Warum ist das alles so?“, liegt in der historischen Entwicklung und in der Logik der EU‑Regulierung. Die Trennung von Erzeugung, Netzbetrieb und Vertrieb wurde in Europa als Teil der Liberalisierung der Energiebranche vorangetrieben. Die großen Energiekonzerne wurden verpflichtet, ihre Netze auszulagern, um Monopole zu brechen und mehr Wettbewerb zu schaffen.

In der Umsetzung in Deutschland bedeutete das:

  • Die Netze wurden in eigene rechtliche Einheiten abgespalten.
  • Diese Netze wurden als kapitalmarktfähige Unternehmen organisiert, die über Beteiligungen veräußert wurden.
  • Die Käufer kamen teils aus ausländischen Staaten, teils von globalen Infrastrukturfonds, die genau solche stabilen, langfristigen Anlagen suchen.

Gleichzeitig verboten die Rahmenbedingungen keinem ausländischen Investor, in Deutschland zu investieren. Die Politik setzte lieber auf „offene Märkte“, Investitionssicherheit und einen funktionsfähigen EU‑Binnenmarkt, statt auf eine strikte nationale Rückführung der Infrastruktur.

Das Ergebnis ist, dass die Infrastruktur zwar in der Verantwortung deutscher Institutionen bleibt, aber die Eigentumsrechte, Gewinnstrom‑Zusicherungen und teils auch strategische Entscheidungen international verteilt sind.

 

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Die Souveränitäts-Lüge und das Märchen von der Bürgerenergie: Wer bei der Stromversorgung wirklich entscheidet

Was ist los mit der Politik – und wer dient wem?

Die Frage, die sich stellt – „Was machen die Politiker da?“ – drückt eine tief sitzende Unzufriedenheit mit der Transparenz und den wahrgenommenen Interessenkonflikten aus. Objektiv lässt sich sagen: Die Politik operiert in einem System von rechtlich verankerten Rahmenbedingungen, internationalem Investitionsschutz, EU‑Verträgen und starken Lobbystrukturen.

Die Politik möchte

  • die Energiewende technisch umsetzbar hinkriegen,
  • gleichzeitig Investorenbindung und Kapitalmärkte nutzen,
  • Sicherheitsinteressen wahren
  • und zugleich nicht als „staatlich überwachender“ Akteur wahrgenommen werden, weil das gegen das liberale Denken der letzten Jahrzehnte stünde.

Dabei entsteht eine Spannung: Die Rhetorik der Souveränität steht im Widerspruch zur Praxis des Investorenschutzes und der Liberalisierung. Die Regulierung ist so gestaltet, dass Investoren in langfristige Infrastrukturprojekte hineingehen, weil sie sich auf stabile Regeln und Garantien verlassen können. Gleichzeitig bedeutet genau das: Teile der Infrastruktur sind faktisch nicht mehr rückholbar, ohne massive rechtliche Konflikte und Entschädigungen.

Ob das als „Begünstigung fremder Mächte“ beschrieben werden kann, darüber lässt sich streiten; sicher ist jedoch, dass die Entscheidung, die Netze in privater und internationaler Hand zu belassen, im Interesse von Investoren und Kapitalmärkten liegt und weniger im Interesse einer klaren, nationalen Souveränitätsarchitektur.

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Kritische Infrastruktur und Cyber‑Sicherheit: Die digitale Seite

Die physische Infrastruktur wird zunehmend durch digitale Systeme gesteuert: Intelligente Zähler, digitale Regelebene, Laststeuerung, Prognosemodelle, Marktdaten und Steuerungssysteme bilden die Grundlage dafür, dass Netz, Stromhandel und Versorgung stabil bleiben. Gleichzeitig wird dadurch die Infrastruktur anfälliger für Cyber‑Angriffe: Eine Störung in der Kommunikation oder in der Steuerung kann zu Ausfällen, Lastverschiebungen oder sogar Kaskadeneffekten führen.

Die Bundesregierung hat deshalb den Begriff der „digitalen Souveränität“ geprägt und betont, dass Deutschland nicht von einzelnen Herstellern oder Cloud‑Anbietern abhängig werden soll. Die Realität sieht aber anders aus: Die Netzbetreiber setzen auf globale Technologieanbieter, Cloud‑Dienste und Softwarelösungen, die nicht zwingend in deutscher oder europäischer Hand sind.

Hier trifft die Eigentumsdebatte auf die Standards‑ und Technologiedebatte: Selbst wenn alle Netzbetreiber in deutscher Hand wären, die Kontrolle über die Software, die Algorithmen, die Analyseplattformen und die Datenverarbeitung wäre noch lange nicht sichergestellt. Die Souveränität wird also auf mehreren Ebenen brüchig: Eigentum, Finanzierung, Technologie, Daten, Regulierung, EU‑Regeln.

Bürgerbeteiligung, Demokratie und die Grenzen der Mitsprache

Die Energiewende ist in der Kommunikation häufig als „Bürgerenergie“ und „Demokratisierung“ der Energieversorgung beschrieben worden. Dezentrale Erzeuger, Bürgerwerke, Energiegenossenschaften, Einspeisung aus Dächern, Mieterstromprojekte – all das wird als Teil der „demokratischen Energiewende“ gefeiert. Diese Ebene ist politisch wichtig, weil sie das Vertrauen in das Projekt stärken soll und den Menschen das Gefühl gibt, sie würden aktiv an der Transformation teilnehmen.

Aber die Entscheidung über die Eigentumsstruktur der großen Netze, die Infrastrukturpolitik, die Netzentgelte und die Investitionsstrategie wird von einem vergleichsweise kleinen Kreis getroffen: Regierungen, Parlamente, Bundesnetzagentur, Netzbetreiber und Investoren. Bürgerinnen und Bürger haben Einfluss auf die parteipolitische Zusammensetzung, können sich in Planungsverfahren beteiligen, sich mobilisieren, Widerstand leisten oder Investoren Druck machen, haben aber keinen direkten Zugriff auf die Eigentums‑ und Finanzierungslogik der Infrastruktur.

Damit entsteht ein Spannungsverhältnis: Die Rhetorik der „Bürgerenergie“ fokussiert auf die Ebene des eigenen Dachstroms, des Ladesäulen‑Baukastens oder der Energiegenossenschaft, während die Kerninfrastruktur – die Hochspannungsnetze, die Systemsteuerung, die großen Speicheransätze – in einem System bleibt, in dem die Entscheidung über Eigentum, Renten und langfristige Strategie in der Hand von Investoren, Managern und politischen Entscheidern liegt. Die Beteiligung bleibt daher eher symbolisch als substantiell, wenn es um die große Frage der Energie‑Souveränität im Netz geht.

Netzausbau, Volatilität und die Rolle von Speichern

Die Energiewende ist nicht nur eine Erzeugungswende, sondern eine Netz‑ und Systemwende. Die dominanten erneuerbaren Energien – Wind und Solar – sind wetterabhängig und erzeugen entsprechend schwankenden Strom. Ohne Netzausbau und Systemflexibilität drohen Überlastungen in wind‑ und sonnenreichen Regionen und gleichzeitig Engpässe in Industriezentren. Insbesondere im Norden, wo große Offshore‑ und Onshore‑Windparks angesiedelt sind, und im Süden, wo die Industriecluster und die Verbrauchsschwerpunkte liegen, werden die Engpässe besonders sichtbar.

Die Antwort darauf ist ein massiver Ausbau der Stromautobahnen Nord‑Süd, aber auch mehr Verteilnetzintelligenz, dezentrale Speicher, Pumpspeicherkraftwerke und flexibles Lastmanagement. Speicher gleichen die Schwankungen aus, verhindern Überlastung und unterstützen die Versorgung während Dunkelflauten, also Zeiträumen mit wenig Wind und wenig Sonne. Smart Grids und digitale Steuerung ermöglichen die Koordination von Millionen dezentraler Erzeuger, Speicher und Verbraucher, sodass die Netzfrequenz über jede Ebene gesteuert werden kann.

All diese Investitionen sind teuer und werden, wie bereits beschrieben, überwiegend über die Netzentgelte und damit über alle Stromkunden finanziert. Die Frage der Souveränität verschärft sich damit: Wer kontrolliert nicht nur die Leitungen, sondern auch die technologischen Standards, die Datenarchitektur und die Businessmodelle hinter den Speichern und Steuerungssystemen? Wenn die Infrastruktur in internationaler Hand ist, wird die Kontrolle über die Energiewende‑Architektur teilweise externalisiert.

Digitalisierung, Cyber‑Sicherheit und digitale Souveränität

Die Digitalisierung macht das Stromnetz zu einem „intelligenten“ System, aber auch zu einem Angriffsziel in der Cybersphäre. Automatisierte Regelebene, Kommunikationssysteme, fernsteuerbare Lasten und Milliarden von Datenpunkten stellen sicher, dass die Netzfrequenz stabil bleibt und Engpässe rechtzeitig erkannt werden. Gleichzeitig entstehen hier neue Risiken: Cyber‑Angriffe könnten Teile des Netzes lahmlegen, technische Fehler oder Softwareprobleme könnten zu Kaskadeneffekten führen.

Die Bundesregierung hat deshalb den Begriff der „digitalen Souveränität“ formuliert und betont die Notwendigkeit, kritische Systeme selbst zu steuern. In der Praxis ist die Abhängigkeit von internationalen Technologieanbietern – etwa für Cloud‑Infrastruktur, Industrie‑Software oder Messsysteme – jedoch kaum reduziert worden. Viele Netzbetreiber setzen auf global verbreitete Plattformen und Softwarelösungen, die nicht zwingend in deutscher Hand sind.

Die Folge ist, dass die technische Souveränität – die Fähigkeit, Systeme zu kontrollieren, zu warten und zu sichern – nicht vollständig mit der Eigentumsstruktur der Netzbetreiber übereinstimmt. Die Politik betont Souveränität, realisiert aber oft nur einen Teil der dafür notwendigen Maßnahmen, nämlich Regulierung und Monitoring, nicht aber die Kontrolle über die technischen Grundlagen.

Was ist falsch an der aktuellen Debatte – und wo ist die Wahrheit?

Die Debatte über Energie‑Souveränität wirkt häufig oberflächlich, weil sie auf die Energiequelle und nicht auf die Infrastruktur abzielt. Die Öffentlichkeit wird mit Begriffen wie „Importunabhängigkeit“, „Erneuerbare“ und „Klimaschutz“ konfrontiert, während die Eigentumsstruktur der Netze, die Renditeerwartungen der Investoren und die realen Machtverhältnisse hinter der Infrastruktur kaum beleuchtet werden.

Viele Reden und Positionspapiere der Politik betonen die Notwendigkeit von Investoren, von Kapitalmärkten und von „stabilen Rahmenbedingungen“, ohne klar zu machen, dass genau diese Rahmenbedingungen die Souveränität in entscheidenden Bereichen schwächen. Die Bürgerinnen und Bürger werden mit der Einsparung von CO₂ und der Belastung durch Strompreise konfrontiert, aber nicht mit der Frage, warum internationale Fonds und ausländische Trägerfirmen Renditen einstreichen, während die Infrastruktur überwiegend aus Steuergeldern, Abgaben und Netzentgelten bezahlt wird.

Darin liegt die Spannung: Die politische Rhetorik spricht von Souveränität, die praktische Infrastrukturpolitik aber von liberalisierten Märkten, internationalen Investoren und regulierten Monopolen. Ob man das als „bewusste Verschleierung“, „naive Selbsttäuschung“ oder „logische Konsequenz liberaler Märkte“ beschreibt, ist Interpretationssache – aber faktisch wird die Souveränität in ihrem Kern, nämlich der Kontrolle über die Infrastruktur, relativiert.

Warum ist das alles so – und was kann man dagegen tun?

Die Frage „Warum ist das alles so?“ lässt sich auf mehrere Ebenen zurückführen. Der staatliche Auftritt bei den Stromautobahnen wirkt dabei besonders widersprüchlich: Einerseits stellen Bundesregierung und EU‑Regulierung immer wieder klar, dass die Finanzierungskapazität des Staates begrenzt sei und er nicht allein mehrere hundert Milliarden Euro für Netzausbau, Speicher, Digitalisierung und steuerbare Kapazitäten bis 2030 tragen könne; andererseits wird gerade bei den Stromautobahnen über Garantien, KfW‑Kredite und Beteiligungen faktisch eine hohe staatliche Mitfinanzierung übernommen – und damit indirekt doch der deutsche Steuerzahler direkt in die Risiken eingebunden, obwohl die EU‑Regulierung gleichzeitig freie Märkte, Investorenschutz und den Binnenmarkt priorisiert und nationale Rückführungen der Netze in volle Staats‑ oder Kommunalhand erschwert.

Staatliche Garantien, KfW‑Darlehen und Beteiligungen schieben zwar die Finanzierung der Stromautobahnen an, aber letztlich zahlen die Kosten vor allem die Stromkunden über die Netzentgelte – während Netzbetreiber und deren Investoren sich an den Milliardenbeträgen sichere Renditen sichern, ohne dass die Verbraucher wirklich die Kontrolle hätten, wer hier wie viel profitiert.

Die Trennung von Erzeugung und Netzbetrieb durch die EU‑Energiepakete war eine zentrale Triebkraft der EU: Die früheren Energiekonzerne mussten ihre Netze abgeben, und diese wurden anschließend an private Investoren, teils international tätige, verkauft. Die politische Logik dahinter war die Vermeidung von Monopolen, aber die Folge war die Überführung der zentralen und somit kritischen Infrastruktur auf sichere Renditen ausgerichtete private und internationale Hände.

Optionale Maßnahmen, die tatsächlich an der Souveränität arbeiten würden, wären beispielsweise:

  • eine stärkere Rückführung der Übertragungsnetze in öffentliche Trägerschaft, etwa über kommunale oder bundeseigene Infrastrukturgesellschaften,
  • die Einbindung sicherheitspolitischer Überlegungen in Investitionsentscheidungen, nicht nur punktuell bei einzelnen Kaufversuchen,
  • die Förderung von Technologie‑ und Dateninfrastruktur in europäischer oder deutscher Hand, um die digitale Souveränität zu stärken,
  • die Transparenz über die Eigentumsstrukturen und Renditeerwartungen, damit die Bürgerinnen und Bürger verstehen, wer wirklich von der Energiewende profitiert.

Ohne diese Schritte bleibt die Diskussion über Souveränität oberflächlich, und die Kritik, dass hinter der Begrifflichkeit oft nur eine Beschönigung der Abhängigkeit steckt, wird nicht verschwinden.

Was bedeutet das für die Zukunft der deutschen Energiewende?

Die Energiewende wird in Deutschland kommen, unabhängig davon, ob sie politisch „richtig“ kommuniziert wird oder nicht. Die technischen und ökonomischen Zwänge, die Notwendigkeit, fossile Energiephasen zu ersetzen, der Klimawandel, die politische Orientierung in der EU – all das wird die Energiewende weiter vorantreiben. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Infrastruktur und die Steuerung dieser Transformation in einem System bleiben, das in weiten Teilen internationalen Investoren zugutekommt, oder ob Deutschland seine eigene Souveränität in der Infrastruktur, in der Technologie und in der Datensteuerung wieder stärker in den Fokus nimmt.

Deine Kritik trifft einen wunden Punkt der deutschen Energiepolitik: Die Kommunikation der Souveränität steht im klaren Kontrast zu der Eigentums‑ und Machtstruktur, die die Infrastruktur tatsächlich bestimmt. Solange diese Diskrepanz nicht offen benannt, analysiert und politisch adressiert wird, bleibt die Debatte fragmentiert, und das Misstrauen gegenüber der Politik, gegenüber Investoren und gegenüber dem ganzen Reformprojekt Energiewende wird weiter wachsen.

 

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