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Sorry, so geht Krise nicht. Vorbildfunktion? 45.000 Berliner Haushalte, 2.200 Betriebe ohne Strom und der Bürgermeister spielt Tennis

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Veröffentlicht am: 8. Januar 2026 / Update vom: 4. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Sorry, so geht Krise nicht. Vorbildfunktion? 45.000 Berliner Haushalte, 2.200 Betriebe ohne Strom und der Bürgermeister spielt Tennis

Sorry, so geht Krise nicht. Vorbildfunktion? 45.000 Berliner Haushalte, 2.200 Betriebe ohne Strom und der Bürgermeister spielt Tennis – Symbolbild: Xpert.Digital

Wenn Sicherheitsversagen Stadtinfrastruktur vernichtet: Der Berliner Stromausfall als Lehrstück institutioneller Verwundbarkeit

Eine Krise, bei der die größte Gefahr darin bestand, nicht als Krise wahrgenommen zu werden

Der Stromausfall im Berliner Südwesten vom dritten Januar 2026 stellt ein kritisches Fallbeispiel für die ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen dar, wenn kritische Infrastrukturen nicht nur durch technische Defekte, sondern durch gezielten Sabotageakt außer Betrieb gesetzt werden. Es handelt sich nicht um ein rein technisches Phänomen, sondern um ein fundamentales Versagen auf mehreren institutionellen Ebenen: der physischen Sicherheit von Infrastruktur, der Reaktionsfähigkeit von Behörden und der Glaubwürdigkeit politischer Führung in Krisensituationen.

Das Ereignis war quantitativ beispiellos: 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbekunden verloren zeitweise ihre Stromversorgung, etwa 100.000 Menschen waren direkt oder indirekt betroffen. Der Blackout war nach Angaben des Netzbetreibers Stromnetz GmbH der längste der Nachkriegsgeschichte in der Hauptstadt und übertraf damit deutlich den vorherigen Septemberanschlag desselben Jahres, bei dem ein etwa 60-stündiger Stromausfall 50.000 Stromkunden beeinträchtigt hatte. Die Dauer von fünf Tagen markiert einen Wendepunkt in der Wahrnehmung von Strominfrastruktur als verwundbar.

Ursache war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über dem Teltowkanal im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, wobei mehrere Hochspannungs- und Mittelspannungskabel zur Zentrale des Kraftwerks Lichterfelde beschädigt wurden. Das Feuer zerstörte nicht nur die Stromleitung an sich, sondern machte auch schnelle Reparaturen unmöglich, da unterschiedliche Materialen der Kabel komplexe technische Lösungen erforderten. Hinzu kamen widrige Witterungsbedingungen und die andauernde kriminalistische Spurensicherung am Tatort.

Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen und ordnete das Ereignis als Verdacht auf verfassungsfeindliche Sabotage, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Brandstiftung und Störung öffentlicher Betriebe ein. Eine linksextremistische Gruppierung bekannte sich zur Tat. Dies verleiht dem Ereignis eine geopolitische und sicherheitspolitische Dimension über das bloße Infrastrukturphänomen hinaus.

Wirtschaftliche Dimension: Millionenschäden und systemische Kaskadeneffekte

Die ökonomischen Auswirkungen des Stromausfalls erstreckten sich über Multiple Dimensionen und waren für verschiedene Unternehmensgruppen dramatisch unterschiedlich schwerwiegend.

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg sprachen von Schäden in Millionenhöhe, die sich auf Maschinenausfälle, Anlagenbeschädigungen und massive Umsatzausfälle zurückführen lassen. Dabei war die räumliche Konzentration des Blackouts von entscheidender Bedeutung: Mit 2.200 betroffenen Gewerbetrieben war der südwestliche Berliner Raum ein hochgradig verdichtetes Zentrum von Handel, Handwerk und Dienstleistungsunternehmen.

Besonders Firmen ohne Notstromaggregate waren vollständig lahmgelegt. Gemäß Erhebungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer aus 2024 verfügen bundesweit nur sieben Prozent der Betriebe über Notstromaggregate und nur elf Prozent über größere Batteriespeicher. Das bedeutet: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Mittelstandsbetriebe ist systemisch unvorbereitet. Ein Drittel aller Betriebe erleben bei Stromausfällen Mehrkosten von bis zu 10.000 Euro, bei jedem siebten Betrieb sogar Mehrkosten jenseits dieser Grenze.

Besonders verwundbar waren Unternehmen in stromabhängigen Sektoren. Lebensmittelhandel und Gastronomie litten unter Kühlkettenausfällen, was verderbliche Waren zum Totalverlust führte. Nach Aussage des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga traten Umsatzeinbußen ein, weil Gäste nicht bewirtet oder untergebracht werden konnten. Fleischer, Bäckereien, Floristen und Optiker erlebten Produktionsstillstände, während die Fixkosten weiterliefen. Für Handwerksbetriebe bedeutete der Ausfall Totalausfall bis zu zwei Wochen Betriebsstillstand. Die Berliner Handwerkskammer schätzte, dass es bis zu 800 Handwerksbetriebe in den betroffenen Gegenden gab.

Die Kaskadeneffekte waren beträchtlich. Zulieferer außerhalb des betroffenen Gebietes konnten ihre Kunden nicht beliefern. Logistik brach zusammen, digitale Kommunikation war vielen kleineren Unternehmen unmöglich. Kundenbindung litt erheblich – viele Konsumenten wichen in unbetroffene Bezirke aus und kehrten nicht mehr zurück. Vertrauen wurde beschädigt.

Ein zentrales wirtschaftliches Problem stellte sich bei der Absicherung von Betriebsunterbrechungsschäden dar. Während Versicherungen allgemein eine Betriebsunterbrechungsversicherung für Sachschäden anbieten, ist der Schutz vor Betriebsunterbrechungen ohne vorherigen Sachschaden – genau wie in diesem Falle – in der Versicherungspraxis äußerst selten vorhanden. Die klassische Betriebsunterbrechungsversicherung setzt einen durch eine versicherte Gefahr verursachten Sachschaden voraus. Ein Stromausfall durch Sabotage an einer Infrastrukturanlage außerhalb des betroffenen Betriebes, der nicht zu Sachschaden am Betrieb selbst führt, wird von den allermeisten Policen nicht erfasst. Das Resultat: Unternehmen sitzen auf ihren Verlusten.

Der Gesamtschaden wurde in Millionenhöhe geschätzt, exakte Bezifferung war in der unmittelbaren Phase unmöglich, da viele Betriebe erst Tage später ihre tatsächlichen Verluste quantifizieren konnten. Besonders kleine Betriebe, die keine teuren Notstromaggregate leisten konnten – nach Angaben der Handwerkskammer ein zentrales Strukturproblem – erleben solche Ausfälle als existenzielle Bedrohung.

Kritische Infrastruktur und Gesundheitsversorgung: Die Vulnerabilität des Versorgungssystems

Der Stromausfall zeigte die fundamentale Abhängigkeit von kritischen Infrastrukturen von einer stabilen Stromversorgung – ein Faktum, das oft theoretisch anerkannt, praktisch aber unterbelichtet bleibt.

Vier Krankenhäuser waren von dem Ausfall betroffen: das Helios Klinikum Emil von Behring mit über 500 Betten, das Krankenhaus Waldfriede, das Immanuel-Krankenhaus in Wannsee und das evangelische Krankenhaus Hubertus. Während diese Einrichtungen über Notstromversorgung verfügten und daher nicht kollabiert, funktionierte ein Notbetrieb unter erheblichen Einschränkungen. Patienten mussten teilweise verlegt werden, elektromedizinische Geräte konnten nur in Notfallkapazität weiterlaufen, geplante Eingriffe wurden verschoben.

Das kritischere Problem lag bei Pflegeeinrichtungen. Viele Alten- und Pflegeheime sind nicht ausreichend mit Notstromversorgung ausgestattet. Zwei Einrichtungen – ein Domicil-Heim in Berlin-Zehlendorf und eine Pflege-Wohngemeinschaft in Nikolassee – mussten evakuiert werden. Heimbewohner, viele davon mit Mobilitätseinschränkungen, multiplen Erkrankungen und psychischen Belastungen, mussten mitten im Winter in Ausweichquartiere verlegt werden. Dies war nicht nur logistisch ein Desaster, sondern auch humanitär belastend und medizinisch risikobehaftet.

Die psychologische Dimension ist gravierend: Pflegebedürftige Menschen, häufig desorientiert und unter Angststörungen leidend, wurden ihrer gewohnten Umgebung entzogen, weit weg von ihren gewohnten Pflegekräften und sozialen Bindungen. Medizinische Geräte, insbesondere Beatmungsgeräte und Dialysemaschinen, funktionieren ohne Strom nicht. Der Ausfall von Mobilität durch Fahrstühle, von Heizung, von Licht – all dies stellt für eine vulnerable Bevölkerungsgruppe eine tatsächliche Lebensgefahr dar.

Tatsächlich gab es ein Todesopfer. Eine 83-jährige Frau wurde in ihrer Wohnung stark unterkühlt von Angehörigen aufgefunden, wurde im Rettungswagen reanimiert, starb aber in der Folge. Die polizeilichen Ermittlungen deuteten auf Unterkühlung als potenzielle Ursache hin, wobei eine Obduktion durchgeführt wurde. Der polizeiliche Vizepräsident Marco Langner bestätigte dies als “sehr bedauerlicher Vorfall”. Dies war kein abstraktes Risiko – es war eine tatsächliche menschliche Katastrophe.

Die Wasserversorgung durch die Berliner Wasserwerke verfügte über Notstromaggregate mit 36-stündiger Kapazität und funktionierte weitgehend, was zumindest eine partielle Versorgungskontinuität gewährleistete. Dennoch zeigt auch hier der Sachverhalt: Das System ist hochgradig fragil. Es wird kontinuierlich davon ausgegangen, dass Notstromsysteme nicht lange in Anspruch genommen werden müssen. Ein längerdauernder Ausfall würde zu Wassermangel führen.

Infrastrukturelle Verwundbarkeit und unzureichender Schutz

Der Berliner Stromausfall legte eine fundamentale und lange bekannte Verwundbarkeit offen: die fehlende physische Sicherung kritischer Stromleitungen.

Das Stromnetz Berlins erstreckt sich über etwa 35.000 Kilometer, wobei 99 Prozent unterirdisch verläuft. Dies bedeutet, dass nur etwa ein Prozent des Netzes oberirdisch läuft und somit angreifbar ist. Dies mag nach hohem Sicherheitsstandard klingen, doch eben diese ein Prozent – die oberirdischen Leitungen – sind häufig kritische Knackpunkte, da sie bei Ausfällen nicht über alternative Routen ersetzt werden können. Diese geografische Konzentration ist ein klassisches Sicherheitsproblem: Ein einziger Punkt macht eine ganze Stadtregion unkontrollierbar.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft beklagte, dass Stromnetz- und Gasnetzbetreiber rechtlich verpflichtet sind, ihre Infrastruktur quasi auf dem Silbertablett öffentlich zu präsentieren – durch Planungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Öffentlichkeitsbeteiligungen werden detaillierte Karten, technische Parameter, Standortinformationen, Leitungs- und Trassenverläufe sowie Infrastrukturstrukturen öffentlich zugänglich gemacht. Das bedeutet: Saboteure finden ihre Ziele mit extremer Leichtigkeit im Internet. Die Gewerkschaft der Polizei forderte mehr Redundanzen (also Parallelleitungen als Backup) und Videoüberwachung.

Der gegenwärtige Schutzansatz basiert auf klassischen physischen Sicherheitsmaßnahmen: Zäune, Überwachungssysteme, Zugangskontrollen. Berlin experimentierte mit elektrifizierten Zäunen mit Alarmanlagen. Doch dies sind reaktive Maßnahmen, nicht präventive. Der Punkt ist: Ein entschlossener Angreifer mit grundlegenden technischen Kenntnissen und Zugang zu leicht beschaffbarem Material (Brandmittel) kann aus einem Kilometer Entfernung kritische Infrastruktur zerstören. Der Aufwand ist minimal, die Wirkung maximal.

Die deutsche Politik reagierte mit einem neuen KRITIS-Dachgesetz (Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen), das 2024 vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Dieses soll bundesweit einen einheitlichen Rahmen für den nicht-digitalen Schutz kritischer Anlagen bieten. Betreiber kritischer Infrastrukturen sollen verpflichtet werden, Risikoanalysen durchzuführen, Notfallkonzepte zu entwickeln, regelmäßig Schwarzstart-Tests durchzuführen und Störfälle an die Bundesbehörden zu melden. Bußgelder drohen, wenn Vorgaben nicht erfüllt werden. Das ist konzeptionell sinnvoll, reicht aber nicht aus. Gesetzliche Mindeststandards setzen nur das durch, was kostengünstig ist – und Betreiber werden, wie jedes rationale Unternehmen, nur das Minimum erfüllen, was vorgeschrieben ist.

Ein Kernproblem liegt darin, dass Germany im internationalen Vergleich lange Zeit davon ausging, dass großflächige Stromausfälle “unmöglich” sind. Die Stromversorgung in Deutschland war außerordentlich zuverlässig. Diese Zuverlässigkeit führte zu Nachlässigkeit. Nun, mit zwei großen Sabotageakten innerhalb weniger Monate (September und Januar), muss diese Annahme radikal revidiert werden: Großflächige Stromausfälle sind nicht nur möglich, sie werden wiederholt verursacht und sind vorhersehbar.

 

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Die Tennis-Lüge: Wie ein Bürgermeister nach dem Blackout das Vertrauen einer ganzen Stadt verspielte.

Das Krisenmanagement-Versagen und der Vertrauensverlust

Ein unter normalen Umständen technisches Problem wurde zu einer Legitimationskrise der politischen Führung durch ein gravierendes Krisenmanagement-Versagen.

Die Großschadenslage wurde nicht am Samstagmorgen (etwa 06:00 Uhr bei Stromausfall) oder Samstagnachmittag ausgerufen, sondern erst am Sonntagnachmittag – etwa 36 bis 37 Stunden später. Krisenmanagement-Experte Dietrich Läpke kritisierte dies als zu spät: Die Ausrufung hätte bereits Samstag um 12:00 oder 14:00 Uhr erfolgen müssen, da zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass die Stromversorgung nicht innerhalb von wenigen Stunden wiederhergestellt werden konnte. Eine zentrale Krisenstabsleitung auf Senatsoberer Ebene hätte früher zentralisiert werden müssen, mit Innensenator, Regierende Bürgemeister und Amtshilfe der Bundeswehr.

Dieses Verfahrensproblem ist nicht akademisch – es verzögerte die Aufbringung von Notstromaggregaten, die Bereitstellung von Unterkünften und die Kommunikation mit der Bevölkerung. Menschen saßen längere Zeit in kalten, dunklen Wohnungen, bevor Hilfe mobilisiert wurde.

Besonders gravierend war eine demonstrative und später dokumentierte Unehrlichkeit des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner. Im Wortlaut versicherte er am Wochenende, circa 30 Stunden nach dem Stromausfall: “Ich habe mich gestern weder gelangweilt noch die Füße hochgelegt, sondern ich war den ganzen Tag am Telefon und habe versucht zu koordinieren und mich bestmöglich zu informieren.” Er betonte, dass er “zu Hause in Kladow” gewesen sei, sich “in meinem Büro zu Hause eingeschlossen – im wahrsten Sinne – und dann koordiniert” habe.

Drei Tage später kam heraus: Diese Darstellung war nicht korrekt. Nach Informationen des rbb spielte Wegner am Mittag Tennis in einer Anlage an der Berliner Stadtgrenze zwischen 13:00 und 14:00 Uhr. Die Senatskanzlei bestätigte dies. Wegners Lebensgefährtin, die Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, war mit ihm beim Tennisspielen.

Die Erklärung, dass Wegner “jederzeit erreichbar” gewesen sei, verschärfte die Situation. Dies ist das klassische Argument, das Führungskräfte bringen, um Abwesenheit zu rechtfertigen, wenn das Problem eigentlich darin besteht, dass während einer Krise der Bürgermeister nicht sichtbar, nicht präsent und nicht symbolisch mit den Betroffenen verbunden war. Ein Krisenmanager muss nicht nur funktional ansprechbar sein, sondern muss die Krise auch als persönliche Verantwortung manifestieren.

Der Junge Union Berlin-Chef Harald Burkart beschrieb dies sarkastisch: “Der Regierende Bürgermeister hat die Krise halt sportlich genommen. Immerhin hatte ER noch Energie… Während Berlin im Ausnahmezustand war, stand der Regierende Bürgermeister auf dem Tennisplatz. Gleichzeitig erklärte er öffentlich, er habe im Homeoffice gesessen und ‘nicht die Füße hochgelegt’. Herr Wegner hat offenbar die Bevölkerung angelogen, den Ernst der Lage völlig verkannt und den Bezirk Zehlendorf hängenlassen. Das ist kein Führungsstil, das ist Realitätsverweigerung.”

Besonders markant war die Stellungnahme des stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Manuel Ostermann: “In einer Notlage ‘zum Kopf-frei-kriegen’ Tennis zu spielen und später sich damit rühmen, man sei ‘erreichbar’ gewesen und habe ‘sofort danach’ weitergearbeitet, ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen in Not. Hätten Rettungsdienste, Krankenhäuser oder Pflegeheime so gehandelt, wären etliche Menschen gestorben – und Mitarbeitende zu Recht fristlos entlassen worden.”

Diese Kritik ist nicht trivial. Sie zeigt die Doppelmoral: Ein Bürgermeister kann sich eine Auszeit während einer Krise nehmen, während Menschen in kalten Wohnungen ohne Strom und ohne Hilfe sitzen. Das erzeugt nicht nur Vertrauensverlust, sondern auch institutionelles Legitimationschaos.

Die SPD-Spitzenkandidatin Steffen Krach kritisierte das Krisenmanagement der CDU-Regierung: “Mein Verständnis von der Rolle eines Regierenden Bürgermeisters ist aber, dass er der oberste Krisenmanager ist, alle Fäden in den Händen hält und die Richtung vorgibt.”

Diese Ereignisse signalisieren einen Vertrauensverlust, der länger nachwirken wird als der Stromausfall selbst. Der Politikwissenschaftler Anthony Downs zeigte in seiner Analyse von Krisenkommunikation, dass Vertrauensbruch sich nicht zeitlich begrenzen lässt – er wirkt nach, je tiefer, desto kostspieliger und länger.

Öffentliche Reaktion und Entschädigungslogik

Die Stadt Berlin versuchte, schnell auf die Krise zu reagieren, indem sie sich bereit erklärte, die Hotelkosten für Betroffene zu übernehmen. Dies war eine pragmatische Maßnahme, führte aber auch zu Marktverzerrungen: Während Betroffene in sichere Hotels zogen (auch in unbetroffene Bezirke), wurden andere Unternehmer begünstigt – Hoteliers in der Stadt profitierten von der Krise, während die Hälfte der betroffenen Gewerbetreibenden ruiniert wurde.

Der Schadensersatz für Unternehmen war deutlich weniger klar. Die Handwerkskammer forderte “unbürokratische” Hilfe des Senats für betroffene Betriebe, insbesondere kleine Betriebe, die sich keine teuren Notstromaggregate leisten konnten. Eine zentrale Frage entstand: Wer trägt die Verantwortung für Infrastrukturschäden, die durch Sabotage entstanden? Das Prinzip der zivilrechtlichen Haftung basiert auf “Verschulden” – wie aber macht man einen Saboteur haftbar, wenn dieser nicht identifiziert oder verurteilt wurde? Und welcher Staat oder welche Stadt übernimmt Haftung für das Versagen ihres eigenen Sicherheitsapparats?

Dies war ein systematisches Versagen, nicht ein Glücksfall. Die Bundesregierung wusste – wie aus Informationen zu früheren Sabotageakten in Deutschland (Nord-Stream-Sprengungen 2022, Bahnkabelsabotagen 2022, weiterer Stromausfall September 2025) bekannt ist – dass solche Anschläge real sind. Die mangelnde physische Sicherung war also ein bewusstes Risiko.

Die Verwundbarkeit der deutschen Infrastruktur

Der Berliner Stromausfall ist nicht isoliert – er ist ein Indikator für eine breite strukturelle Verwundbarkeit des deutschen Infrastruktursystems.

Seit den Sprengungen an den Nord-Stream-Pipelines (2022), den Brandanschlägen auf Bahnkommunikationskabel der Deutschen Bahn (2022), mehreren Brandanschlägen auf Strommasten (September 2025 in Berlin und Januar 2026) zeigt sich ein klares Muster: Kritische Infrastruktur ist verwundbar und wird gezielt angegriffen. Die Angreifer sind weder technisch überlegen noch finanziell unbegrenzt – sie sind relativ einfach motivierte Saboteure, Extremisten oder Aktivisten, die mit niedrigen Ressourceneinsatz (Brandmittel, ein wenig technisches Wissen) maximale ökonomische und gesellschaftliche Disruption erreichen.

Die Vulnerabilität ist struktureller Art. Die größten Netzbetreiber – 50Hertz für den Osten Deutschlands – haben darauf hingewiesen, dass bei Behördenverfahren und Umweltverträglichkeitsprüfungen Daten zu Leitungsverläufen, Standorten und technischen Parametern öffentlich werden – quasi kostenlos. Dies ist ein Informationswettbewerb, den die Sicherheit verliert: Saboteure brauchen nur die offenen Daten zu studieren, um ihre Anschlagspunkte zu identifizieren.

Ein systematisches Risiko liegt in der Zentralisierung von Stromverteilung: Viele Großstädte sind von wenigen kritischen Knotenpunkten abhängig. Fällt eine Kabelbrücke aus, können alternative Leitungen nicht sofort einspringen, da sie nicht vorhanden sind. Der Aufbau von Redundanzen – also parallelen Stromwegen – würde zwar die Sicherheit erhöhen, würde aber auch erhebliche zusätzliche Investitionen erfordern.

Makroökonomische und gesellschaftliche Folgen

Die makroökonomischen Effekte eines fünftägigen Stromausfalls reichen über die direkten Produktionsverluste hinaus.

Direkt berechenbarer Schaden: Etwa 2.200 Gewerketriebe waren betroffen. Bei angenommenen durchschnittlichen Tageserlösen pro Betrieb im Dienstleistungs- und Handelsgewerbe von etwa 2.000 bis 3.000 Euro täglich, multipliziert mit fünf Tagen, ergeben sich Umsatzausfälle von 22 bis 33 Millionen Euro allein beim direkten Betriebsausfall. Die Unternehmensverbände erwarteten Millionenschäden – nicht ohne Grund.

Indirekte Schäden: Lieferkettenstörungen betreffen auch Unternehmen außerhalb des Blackout-Gebiets. Zulieferer konnten nicht liefern, Abnehmer konnten nicht abholen, Logistik-Hubs fielen aus. Dienstleistungserbringung – etwa für IT, Consulting, Marketing – wurde unterbrochen.

Reputationsschäden: Viele Konsumenten und B2B-Kunden, die während des Stromausfalls notgedrungen in andere Bezirke auswichen, kehrten nicht zu ihren ursprünglichen Anbietern zurück. Dies ist ein langfristiger Effekt, der sich in kommenden Monaten und Jahren in niedrigeren Marktanteilen äußern wird.

Vertrauensverlust gegenüber Verwaltung: Das oben diskutierte Versagen des Krisenmanagements durch den Bürgermeister erzeugt langfristige Vertrauensverluste gegenüber Verwaltung und Regierung. Dies reduziert Investitionsbereitschaft und Konsumentenvertrauen.

Inflation und Preisstabilität: Der Blackout führte zu lokalen Preissteigerungen für Notunterkünfte, Verpflegung und andere Krisengüter. Dies ist nicht systemisch inflationär, aber es zeigt, wie lokale Versorgungsstörungen schnell zu Preiskonkurrenz und Marktdestabilisierung führen.

Versicherungsmarkt-Ineffizienzen und Schutzmechanismus-Lücken

Ein zentrales ökonomisches Problem zeigte sich in der Versicherungsarchitektur: Der Betriebsunterbrechungsversicherungsmarkt ist für Stromausfälle ohne vorherigen Sachschaden faktisch leistungsfrei.

Traditionnell deckt eine Betriebsunterbrechungsversicherung Vermögensschäden ab, die dem Unternehmen durch Betriebsunterbrechung entstehen – aber nur, wenn ein Sachschaden den Ausfall verursacht hat. Ein reiner Stromausfall, der keine physische Beschädigung am Betrieb selbst verursacht, wird häufig nicht erfasst. Die Rückwirkungsschadenklausel deckt Lieferkettenstörungen nur bei definierten Voraussetzungen.

Das bedeutet: Der Versicherungsmarkt versagt bei genau der Art von Risiko, die sich jetzt als real herausgestellt hat – großflächige Stromausfälle, die nicht durch Sachschaden an einzelnen Betrieben verursacht sind, sondern durch Infrastruktur-Sabotage. Dies erzeugt ein enormes Schutzloch für Mittelstandsbetriebe.

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, bestätigte, dass “Versicherungen viele Schäden auffangen, aber eben nicht alle” – und dies scheint eine dualistische Aussage zu sein, die tatsächlich bedeutet: Die großen, systemischen Risiken sind unversichert.

Das hat langfristige Implikationen: Betriebe werden nicht mehr in kritischen Infrastrukturbereichen investieren, da das Risiko unversichert ist. Dies reduziert wirtschaftliche Aktivität und führt zu Kapitalverschichtung in sicherere Regionen.

Externe Sicherheitsbedrohung und Bedrohungsskalation

Ein fundamentales Problem liegt in der geopolitischen Dimension. Der Berliner Stromausfall war mit hoher Wahrscheinlichkeit das Werk inländischer linksextremistischer Aktivisten – nicht eines ausländischen Staates. Doch die technische Verwundbarkeit der Infrastruktur ist universell. Ein Staat wie Russland oder China könnte mit weit weniger Aufwand als für einen militärischen Angriff eine massive Disruption verursachen.

Hier zeigt sich ein strategisches Versagen der deutschen Sicherheitspolitik: Das Land investiert in Militär und Rüstung, aber nicht in die Härtung der Infrastruktur, die jeden Tag von Millionen von Menschen genutzt wird. Ein Cyberattack oder ein physischer Sabotageakt auf Stromnetze könnte bei Koordination mit anderen kritischen Systemen – Wasser, Gas, Telekommunikation – zu kaskadendem Systemversagen führen.

Johannes Rundfeldt von der AG KRITIS konstatierte: “Die physische Sicherheit unserer kritischen Infrastruktur ist in den letzten Jahrzehnten trotz verschiedener Vorfälle von Störungen über Sabotage kaum verbessert worden.”

Langfristige Lehren und ungelöste Probleme

Mehrere ungelöste Probleme entstehen aus diesem Ereignis:

  • Erstens: Die Frage der Verantwortung. Wer trägt Haftung für einen Stromausfall, der durch Sabotage entstanden ist? Der Netzbetreiber? Der Staat? Die Versicherungswirtschaft? Dies ist rechtlich und wirtschaftlich ungeklärt und wird zu Rechtsstreitigkeiten führen.
  • Zweitens: Die Frage der Prävention vs. Reaktion. Der Staat investiert mehr in Katastrophenbewältigung (Feuerwehr, THW, Rettungsdienste) als in Prävention. Ein Euro in Infrastrukturhärtung wäre vermutlich zehnmal wirksamer als ein Euro in Notfallmanagement nach einem Blackout.
  • Drittens: Die Frage der Dezentralisierung. Berlins Stromversorgung ist zu zentralisiert um wenige kritische Punkte. Eine dezentralere Stromverteilung mit mehr Redundanzen würde die Verwundbarkeit reduzieren – erfordert aber massive Umstrukturierung.
  • Viertens: Die Frage der Transparenz vs. Sicherheit. Öffentliche Daten zu Infrastrukturstandorten sind ein Sicherheitsrisiko – aber auch eine Erfordernis von Demokratie und Rechtsstaat. Wie balanciert man dies?
  • Fünftens: Die Frage der Glaubwürdigkeit der Regierung. Der Vertrauensverlust durch den Bürgermeister wird nicht durch schnelle Reparaturen kompensiert. Dies ist ein langfristiges ökonomisches Risiko für den Standort Berlin.

Der Berliner Stromausfall vom Januar 2026 ist keine isolierte technische Störung, sondern ein Lehrstück in struktureller Verwundbarkeit, institutionellem Versagen und ökonomischer Exposition. Die unmittelbaren Kosten – geschätzt in Millionenhöhe – sind bedeutsam, aber die langfristigen Kosten sind potentiell höher: Vertrauensverlust, reduzierte private und öffentliche Investitionen, rechtliche Unsicherheit.

Was besonders alarmierend ist, dass dieses Ereignis wiederholbar ist. Die Bedingungen haben sich nicht wesentlich geändert. Ein zweiter oder dritter Anschlag ist wahrscheinlich. Das bedeutet: Der Berliner Stromausfall ist nicht das Ereignis selbst – es ist der Anfang einer Serie. Die deutschen Behörden und die Wirtschaft sind damit konfrontiert, dass sie ständig mit der Realität von Sabotage rechnen müssen.

Die politischen Reaktionen – ein neues KRITIS-Dachgesetz, Forderungen nach mehr Redundanzen – sind notwendig, aber werden sich als unzureichend herausstellen, wenn nicht gleichzeitig Investitionen in physische Sicherung massiv erhöht werden. Das Problem ist nicht konzeptioneller Art – es ist eine Frage von Geld und politischem Willen. Und beides scheint begrenzt.

 

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