Traditions-Baumärkte vor dem Aus: Die große Pleitewelle rollt durch Deutschland
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 28. Juni 2026 / Update vom: 28. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Traditions-Baumärkte vor dem Aus: Die große Pleitewelle rollt durch Deutschland – Bild: Xpert.Digital
Amazon & Temu als Totengräber? Darum sterben jetzt unsere lokalen Baumärkte
Hellweg, BayWa & Hammer in der Krise: Der bittere Absturz der Baumarkt-Giganten
Die einen wachsen, die anderen gehen pleite: Das wahre Problem der deutschen Baumärkte
Die deutsche Baumarktbranche erlebt ein beispielloses Beben: Einstige Branchengrößen wie Hellweg, BayWa Bau & Garten und Hammer melden Insolvenz an, Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Was nach dem gewaltigen Corona-Boom zunächst wie ein normaler Nachfragerückgang aussah, hat sich längst zu einem existenziellen Überlebenskampf ausgeweitet. Eine toxische Mischung aus historischer Baukrise, explodierenden Fixkosten auf riesigen Verkaufsflächen und dem unaufhaltsamen Vormarsch von E-Commerce-Giganten wie Amazon oder Billiganbietern wie Temu zwingt traditionsreiche Händler in die Knie. Doch die Krise trifft nicht alle gleich: Während mittelgroße, national verwurzelte Ketten reihenweise kapitulieren müssen, bauen digital gut aufgestellte Schwergewichte wie Hornbach und Bauhaus ihre Marktmacht weiter aus. Der folgende Artikel beleuchtet die vielschichtigen Ursachen des großen Baumarktsterbens, ordnet die deutsche Misere in den internationalen Kontext ein und zeigt auf, wie sich die Heimwerker-Branche radikal neu erfinden muss, um in der Zukunft zu bestehen.
Das große Baumarktsterben? Warum Deutschland seine Heimwerkerläden verliert
Pleitewelle mitten im Boom-Segment: Was gerade passiert
Mitte Juni 2026 hat die Dortmunder Baumarktkette Hellweg beim Amtsgericht Essen Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt – und der Antrag wurde sofort genehmigt. Betroffen sind 68 Filialen bundesweit, schwerpunktmäßig in Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet, sowie rund 2.900 Beschäftigte, deren Gehälter für drei Monate über das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gesichert sind. Parallel dazu hat die zur Hellweg-Gruppe gehörende BayWa Bau- & Gartenmärkte GmbH & Co. KG ebenfalls ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet – betroffen sind 46 Standorte in Bayern und Baden-Württemberg sowie rund 1.300 Mitarbeiter. Damit stehen allein aus dieser Unternehmensgruppe insgesamt über 4.300 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Diese Entwicklung ist kein Einzelfall, sondern Teil eines sich beschleunigenden strukturellen Wandels. Die Baumarkt- und Einrichtungskette Hammer ist bereits Anfang 2025 in die Krise geraten und hat Ende Januar 2026 erneut Insolvenz beim Amtsgericht Bielefeld beantragt – nach eigenen Angaben aufgrund massiver Anlaufdefizite nach einer Übernahme, technischer Probleme bei der Warenversorgung und daraus resultierender Liquiditätskrisen. Mehr als 1.100 Beschäftigte bangen erneut um ihre Jobs. Auch für einzelne Hagebaumärkte – unter anderem in Mülheim an der Ruhr und Ratingen – wurden 2026 Insolvenzanträge gestellt, nachdem zuvor schon der Standort Langenfeld 2024 in Schieflage geraten war.
| Kette | Status (2025/26) | Umfang |
|---|---|---|
| Hellweg | Insolvenz in Eigenverwaltung (Juni 2026) | 68 Märkte, ~2.900 Beschäftigte |
| BayWa Bau & Garten | Insolvenz/Sanierung verbunden mit Hellweg | 46 Märkte in Bayern/BW, ~1.300 Beschäftigte |
| Hammer | Erneute Insolvenz (Januar 2026) | >1.100 Beschäftigte |
| Hagebau (Einzelstandorte) | Einzelne Standorte insolvent | u.a. Mülheim, Ratingen, Langenfeld |
Das Ende des Corona-Strohfeuers: Marktdaten zur Umsatzentwicklung
Um die aktuelle Krise zu verstehen, muss man den zeitlichen Bogen etwas weiter spannen. Die deutschen Bau- und Heimwerkermärkte profitierten während der Pandemiejahre 2020 und 2021 von einem außergewöhnlichen Konsumboom: Zwangsweise zu Hause eingesperrte Verbraucher renovierten, bauten um und entdeckten das Heimwerken als Freizeitbeschäftigung. Die Kassen klingelten wie selten zuvor, und die Branche schrieb historische Umsatzrekorde.
Doch dieser Sonderkonjunktur folgte die unvermeidliche Normalisierung. Der Umsatz im deutschen DIY-Kernmarkt – bestehend aus Bau- und Heimwerkermärkten, Fachmärkten und Kleinbetriebsformen – erreichte 2022 seinen Höchstpunkt, um dann 2023 mit rund 50,8 Milliarden Euro leicht zu sinken. Im Jahr 2025 lag der Branchenumsatz bei rund 49,10 Milliarden Euro, wobei der Gesamtbruttoumsatz der reinen Bau- und Heimwerkermärkte in Deutschland auf 24,67 Milliarden Euro kam. Das klingt nach einer stabilen Größe, täuscht aber: Real, also unter Berücksichtigung der Inflation, ist der Markt in drei aufeinanderfolgenden Jahren geschrumpft. Die zwanzig größten deutschen Baumarktbetreiber verzeichneten 2023 zusammen 25,5 Milliarden Euro Umsatz – ein Rückgang von 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Besonders aufschlussreich ist die Analyse der Top-Sechs-Anbieter. Sie erwirtschafteten 2024 zusammen 19,533 Milliarden Euro, was einem Gesamtrückgang von 0,7 Prozent entsprach. Dabei entwickelten sich die Akteure höchst unterschiedlich: Während Hornbach seinen Nettoumsatz im Geschäftsjahr 2025/26 um 3,8 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro steigerte und ausdrücklich Marktanteile in Deutschland und Europa hinzugewann, konnte OBI seine Umsätze in Deutschland auf knapp 4,19 Milliarden Euro nahezu stabil halten. Bauhaus übernahm 2024 erstmals die inländische Marktführerschaft mit einem Bruttoumsatz von 8,3 Milliarden Euro (europaweit) und hängte damit OBI (8,2 Milliarden Euro) knapp ab. Auf der anderen Seite stehen Ketten wie Hellweg, die weder die Skalierungsvorteile der Marktführer nutzen können noch klein genug sind, um flexibel auf Kundenwünsche zu reagieren – eine strukturelle Zwickmühle, die Handelsexperten schon seit Jahren beschreiben.
Baukrise als Brandbeschleuniger: Der Einbruch im Neubausegment
Ein zentraler makroökonomischer Faktor, der die Baumarktbranche mit voller Wucht trifft, ist der historische Einbruch im deutschen Wohnungsbau. Die Krise begann mit der Zinswende 2022: Plötzlich kostete Fremdkapital für Neubauprojekte wieder vier Prozent und mehr, was viele Vorhaben unwirtschaftlich machte. Die Folge war ein dramatischer Rückgang der Baugenehmigungen – im Jahr 2024 wurden in Deutschland nur noch 215.900 Wohnungsgenehmigungen erteilt, 16,8 Prozent weniger als im Vorjahr und so wenige wie zuletzt im Jahr 2010.
Für 2025 errechnete das DIW Berlin einen Rückgang der realen Wohnungsbaufertigstellungen um 6,4 Prozent, während das gesamte reale Bauvolumen um weitere 1,2 Prozent sank. Die Zahlen verschiedener Institute weichen in ihrer Prognose zwar etwas ab, doch der Trend ist eindeutig: 2025 wurden in Deutschland lediglich rund 206.600 Wohnungen fertiggestellt – der niedrigste Wert seit 2012. Eine Studie von Bulwiengesa und dem Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) errechnete sogar, dass die Zahl der Baustarts von Wohnprojekten zwischen Ende 2022 und Ende 2025 um 77 Prozent eingebrochen ist. Für 2026 wird von JLL lediglich mit etwa 211.000 Fertigstellungen gerechnet – bei einem jährlichen Defizit von rund 80.000 Einheiten.
Dieser Einbruch im Neubausegment ist für die Baumarktbranche von direkter materieller Bedeutung. Neubauaktivitäten treiben die Nachfrage nach Baumaterial, Werkzeug, Sanitärartikeln, Bodenbelägen und allem, was mit einem frisch gebauten oder kernsanierten Haus zusammenhängt. Der IFH-Studie von 2024 zufolge verlieren Handwerk und Verarbeiter insbesondere in jenen Gewerken Umsätze, die in unmittelbarem Zusammenhang mit Neubauvorhaben stehen. Das trifft indirekt auch die Baumärkte, die entsprechende Profi- und Heimwerkerkunden bedienen. Zwar sieht das DIW Berlin für 2026 erstmals seit fünf Jahren wieder ein reales Wachstum des gesamten Bauvolumens um 1,7 Prozent, doch Wohnungsbau und gewerblicher Bau werden davon kaum profitieren – der Impuls kommt nahezu ausschließlich aus dem öffentlichen Bau, getrieben durch Infrastrukturausgaben aus dem Sondervermögen.
Digitale Disruption von innen und außen: Amazon, Temu und die verschlafene Transformation
Zu den makroökonomischen Belastungen kommt ein struktureller Wettbewerbsdruck hinzu, der die schwächeren Anbieter gleichsam von außen aushöhlt. Amazon hat sich in Deutschland zum Dreh- und Angelpunkt für DIY-Produktsuchen entwickelt: Die meisten Verbraucher, die ein Produkt aus dem Baumarkt-Sortiment suchen, beginnen ihre Recherche nicht auf den Websites der Ketten, sondern direkt auf Amazon – und kaufen dort auch. Der internationale Kreditversicherer Atradius schätzte bereits 2024, dass der gesamte DIY-E-Commerce-Markt in Deutschland rund 2,77 Milliarden Euro umfasst, von denen auf Amazons Marktplatz nach Expertenschätzung schon rund eine Milliarde Euro entfällt – mit stark steigender Tendenz. Die klassischen Bau- und Heimwerkermärkte konnten lediglich rund 500 Millionen Euro für sich verbuchen, was einem Marktanteil von 17,5 Prozent im eigenen digitalen Kanal entspricht.
Branchenanalysten und Zeitreihenauswertungen zeigen, dass Baumarktunternehmen wie Hornbach und OBI die digitale Transformation deutlich früher und konsequenter angegangen sind als Ketten wie Hellweg, die im Online-Vertrieb hinterherhinkten. Im Jahr 2012 gaben bereits 42 Prozent aller Befragten an, DIY-Produkte bei anderen Online-Anbietern als den Baumärkten selbst zu kaufen; 2018 waren es bereits 54 Prozent. Das eigene Online-Angebot der Baumärkte war dabei stets nachgelagert – obwohl sieben von zehn Kunden die Baumarkt-Websites besuchten, kauften sie nicht dort.
Neben Amazon betreten seit 2023 und 2024 neue Akteure die Bühne: Chinesische Plattformen wie Temu und Shein haben ihr Sortiment massiv um Heimwerker-, Werkzeug- und Einrichtungsprodukte erweitert und adressieren damit direkt die preissensiblen Segmente des klassischen Baumarkt-Kundenkreises. Allein 2024 wurden geschätzte 4,6 Milliarden Niedrigwert-Sendungen unter 150 Euro aus China in die EU geliefert. Die Preise, die diese Plattformen aufrufen, unterbieten stationäre Anbieter systematisch – was vor allem mittelgroße Ketten ohne Eigenmarken-Strategie und ohne starkes Serviceangebot trifft.
Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz durch den Lebensmitteleinzelhandel: Mit 2,9 Milliarden Euro Umsatz im Heimwerker- und Gartenbereich wuchs der Lebensmittelhandel in den vergangenen fünf Jahren um 13 Prozent, während Baumärkte in denselben Kategorien nur um 9 Prozent zulegten. Besonders Discounter wie Lidl, Aldi und Norma setzen mit Eigenmarken wie Lidls „Parkside“ bei Elektrowerkzeugen oder saisonalen Gartenaktionen gezielte Nadelstiche, die Frequenzkunden abgreifen.
Strukturelle Kostenfalle: Mieten, Energie und das Modell der Großfläche
Die Geschäftsmodelle vieler mittelgroßer Baumarktketten basieren auf einem Konzept, das in den 1990er und frühen 2000er Jahren entwickelt wurde: großflächige Standorte auf der grünen Wiese, günstige Langzeitmieten und ein breites Sortiment als Hauptdifferenzierungsmerkmal. Dieses Modell funktioniert in einem Umfeld inflationärer Kostensteigerungen zunehmend schlechter. BayWa Bau- & Gartenmärkte nannte in seiner Insolvenzpressemitteilung ausdrücklich steigende Miet- und Betriebskosten sowie gestiegene Energiepreise als Mitursachen der drohenden Zahlungsunfähigkeit.
Das Problem liegt in der Kostenstruktur: Große Verkaufsflächen bedeuten hohe Fixkosten – für Miete, Heizung, Beleuchtung und Personal –, die auch dann anfallen, wenn die Kundenfrequenz sinkt. Anders als ein Onlinehändler kann ein stationärer Baumarkt seine Kapazität nicht kurzfristig drosseln. Die Kombination aus postpandemischer Nachfrageschwäche und gleichzeitig gestiegenen Energiekosten infolge der Energiepreiskrise 2022/23 hat die Marge vieler Standorte dauerhaft unter die Rentabilitätsschwelle gedrückt. Brancheninsider berichten außerdem von Standorten, die strukturell benachteiligt waren – etwa durch Baustellen in direkter Nachbarschaft, ungünstige Verkehrsanbindung oder schwache demografische Entwicklung im Einzugsgebiet.
Hellweg, das 1971 in Dortmund gegründete Unternehmen, befand sich zudem in einer strategischen Zwischenlage: Mit 68 Filialen zu groß für die regionale Nische, aber zu klein für die Skalierungsvorteile der Marktführer Bauhaus, OBI und Hornbach. Der Druck auf die Lieferketten – und damit auf die Einkaufskonditionen – trifft kleinere Ketten proportional stärker. Hinzu kam ein konkreter externer Schock: Die selbst in finanziellen Schwierigkeiten befindliche BayWa AG hatte der Hellweg-Gruppe zuvor Unterstützungen in Millionenhöhe entzogen, und der Warenkreditversicherer Allianz Trade schloss Lieferungen an Hellweg mit sofortiger Wirkung vom Versicherungsschutz aus, was die Warenversorgung zusätzlich gefährdete.
Gewinner und Verlierer: Die zwei Geschwindigkeiten der Branche
Die aktuelle Krise zeigt mit schonungsloser Deutlichkeit, dass der deutsche Baumarkt-Sektor in zwei Lager zerfällt: auf der einen Seite leistungsstarke, digital gut aufgestellte und international tätige Konzerne, die die Schwäche des Wettbewerbs gezielt für Marktanteilsgewinne nutzen; auf der anderen Seite mittelgroße, national verwurzelte Ketten ohne ausreichende strategische Differenzierung.
Hornbach ist dabei das bemerkenswerteste positive Gegenbeispiel zur Branchentendenz. Im Geschäftsjahr 2025/26 steigerte der Konzern seinen Umsatz trotz eines schwierigen Konsumumfelds um 3,8 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro und gewann ausdrücklich Marktanteile in Deutschland und Europa hinzu. Der Schlüssel: konsequente Preisstrategie, frühzeitiger Aufbau des Interconnected-Retail-Konzepts – also der nahtlosen Verknüpfung von Online und stationärem Handel – sowie ein klares Profil als Anbieter für Heimwerker und Handwerker mit anspruchsvollen Projekten. Bauhaus, mit einem Bruttoumsatz von 8,3 Milliarden Euro nun größte Baumarktkette in Europa nach Umsatz, profitiert von seiner Doppelstrategie als Anbieter für Privatverbraucher und gewerbliche Kunden.
Das E-Commerce-Wachstum innerhalb der Branche ist dabei ein wichtiger Indikator für Zukunftsfähigkeit. Die E-Commerce-Umsätze mit DIY-Sortimenten stiegen 2024 um rund 4,8 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. B&Q (Kingfisher) in Großbritannien verdoppelte seinen Online-Marktplatz auf über zwei Millionen Produkte und erzielte 2025 ein Online-Wachstum von 17,2 Prozent. Ketten, die diese Verschiebung ignoriert haben, verlieren nicht nur Umsatz, sondern auch die Kundenbindung, die für das stationäre Geschäft existenziell ist.
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Deutschlands Baumarktkrise im Vergleich: Warum Konsolidierung unumgänglich ist
Internationaler Vergleich: Wie Deutschland im globalen Kontext dasteht
Was China, USA und Frankreich lehren: Strategien gegen die Baumarktschieflage in Deutschland
Die Baumarktproblematik ist kein rein deutsches Phänomen – aber die Intensität und Häufung der Insolvenzen verleihen der hiesigen Situation eine besondere Qualität.
Auf globaler Ebene schrumpfte der weltweite Home-Improvement-Markt 2024 um 1,9 Prozent. Der Haupttreiber dieses Rückgangs war dabei nicht Europa, sondern China: Das Land verzeichnete 2024 einen Marktrückgang von 15,4 Prozent, der die gesamte Asien-Pazifik-Region in den negativen Bereich zog. Ohne Chinas Sondereffekt wäre der Weltmarkt tatsächlich um 1,5 Prozent gewachsen. Zum Vergleich: Nordamerika und Europa wuchsen 2024 im nominalen DIY-Marktsegment jeweils um 1,0 Prozent. Chinas Absturz erklärt sich dabei aus einer Kombination aus Immobilienkrise, gedämpfter Verbraucherstimmung und den strukturellen Folgen regulatorischer Eingriffe in den Wohnungsmarkt. Interessanterweise hatte China den Weltmarkt 2023 noch vor einem stärkeren Einbruch bewahrt, als es als einzige große Region wuchs.
In Frankreich zeigt sich ein dem deutschen sehr ähnliches Bild. Der französische DIY-Markt schrumpfte 2024 um 4,3 bis 6,4 Prozent auf rund 22,1 bis 22,8 Milliarden Euro. Marktführer Leroy Merlin, der etwa 39 Prozent des französischen Markts kontrolliert, startete ein Kostensenkungsprogramm. Kingfishers Castorama und Brico Dépôt, die zusammen rund 25 Prozent des französischen Markts halten, verzeichneten einen Umsatzrückgang von 5,9 Prozent. Auch die Gesamtgruppe Kingfisher – mit Marken wie B&Q (UK), Screwfix (UK), Castorama und Brico Dépôt (Frankreich) – musste im Geschäftsjahr 2024/25 einen Umsatzrückgang von 1,5 Prozent auf 12,78 Milliarden britische Pfund hinnehmen. Der Vorsteuergewinn brach um 35 Prozent ein. Deutschland und Frankreich erleiden also beide eine Nachfragekrise, die durch eine schwache Baukonjunktur, hohe Zinsen und vorsichtige Konsumenten gekennzeichnet ist.
Fundamental anders ist die Lage in den USA. Home Depot und Lowe’s dominieren den nordamerikanischen Markt als Duopol mit kombiniertem Umsatz von rund 251 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2025: Home Depot allein erzielte 164,7 Milliarden US-Dollar, Lowe’s 86,3 Milliarden US-Dollar. Das US-amerikanische Marktmodell unterscheidet sich strukturell von dem in Europa in mehreren wesentlichen Punkten: Die beiden Ketten bedienen einen riesigen einheitlichen Binnenmarkt, betreiben intensive Cross-Selling-Strategien zwischen Privatkundengeschäft und professionellem Handwerkermarkt und profitieren von einem Wohnungsmarkt, der auf kontinuierliche Renovierung und Umbau ausgerichtet ist. Hinzu kommt, dass in den USA rund 40 bis 50 Prozent des Umsatzes von professionellen Bauunternehmen stammt – ein deutlich höherer Anteil als im deutschen Markt. Home Depot erwartet für das Geschäftsjahr 2025 ein Gesamtumsatzwachstum von rund 2,8 Prozent, was den strukturellen Stabilitätsvorteil dieses Marktmodells unterstreicht. Es gibt in den USA keine nennenswerten DIY-Ketteninsolvenzen vergleichbarer Größe, weil die oligopolistische Marktstruktur mit zwei dominanten Playern eine stabilisierende Funktion hat.
Japan wiederum stellt einen Sonderfall dar: Der japanische Heimverbesserungsmarkt wird auf rund 95 Milliarden Euro geschätzt und ist stark auf lokale, mittelgroße Ketten wie Cainz, Kohnan und Nafco ausgerichtet, die in einem gesättigten, alternden Markt agieren. Die DIY-Kultur ist in Japan zwar tief verwurzelt, aber der Renovierungsimpuls wird stark durch den demografischen Wandel und den hohen Altersdurchschnitt der Eigentümerhaushalte bestimmt. Insolvenzen größerer Ketten sind dort seltener, was an der defensiven, konservativen Expansionsstrategie der Marktteilnehmer liegt. China schließlich verfügt laut den neuen Berechnungen des Dähne-Verlags über den größten nationalen Heimverbesserungsmarkt der Welt mit schätzungsweise 612 Milliarden Euro – noch vor den USA (426 Milliarden Euro). Die Herausforderung im chinesischen Markt besteht jedoch darin, dass westliche DIY-Konzepte strukturell nicht funktionieren, da billige Arbeitskraft das Heimwerken als Massenpräferenz weitgehend ersetzt; westliche Ketten wie B&Q haben dies schmerzhaft erfahren müssen.
Systemischer Stress: Warum Deutschland besonders hart getroffen ist
Trotz der europaweiten Branchenschwäche ist die Konzentration von Insolvenzen in Deutschland auffallend hoch. Dafür gibt es mehrere strukturelle Erklärungen, die über den allgemeinen Nachfragerückgang hinausgehen.
Erstens ist der deutsche Baumarkt-Sektor historisch zersplitterter als die meisten vergleichbaren Märkte. Anders als in Frankreich, wo Leroy Merlin allein fast 40 Prozent hält, und anders als in den USA mit dem stabilen Duopol, existieren in Deutschland über ein Dutzend relevante Ketten, die um einen Markt konkurrieren, der real schrumpft. Die unvermeidliche Konsolidierung in einem stagnierenden Markt trifft zwingend die schwächsten Glieder zuerst.
Zweitens ist das regulatorische und steuerliche Umfeld in Deutschland für den stationären Einzelhandel besonders kostenintensiv. Hohe Flächentarifverträge, Mindestlohnerhöhungen und bürokratische Anforderungen erhöhen die Fixkostenbasis. Gleichzeitig bietet das Insolvenzrecht mit dem Instrument der Insolvenz in Eigenverwaltung einen vergleichsweise attraktiven Rettungsweg für Unternehmen, die noch operativ arbeitsfähig sind – was erklärt, warum Hellweg und BayWa Bau & Garten diesen Weg wählen und nicht einfach liquidieren.
Drittens hat die spezifische Verknüpfung von Baukrise und Konsumzurückhaltung in Deutschland besondere Wirkung: Während die Baukrise die Professionellen-Nachfrage drückt, führt die allgemeine wirtschaftliche Verunsicherung dazu, dass auch Heimwerker Projekte verschieben. Eine Studie des IFH Köln und von Klaus Peter Teipel Research & Consulting hat für 2024 ein nominales Marktminus von rund 1,9 Prozent vorausgesagt; real, angesichts von Preissteigerungen, lagen die Verluste knapp unter der Drei-Prozent-Marke.
Viertens offenbart der Vergleich mit erfolgreichen Ketten ein Managementversagen bei den insolventen Unternehmen: Die Digitalisierung wurde bei Hellweg klar verschlafen. Wettbewerber wie Hornbach und OBI hatten ihren Online-Vertrieb deutlich früher ausgebaut. Im Jahr 2018 kauften bereits 54 Prozent der Verbraucher DIY-Produkte bei Amazon oder anderen Online-Anbietern – wer zu diesem Zeitpunkt noch keine robuste Omnichannel-Strategie verfolgte, verlor dauerhaft Marktanteile ohne reale Chance auf Rückgewinnung.
Szenarien und Lösungswege: Was sich aus der Krise lernen lässt
Die aktuelle Konsolidierungsphase wird den deutschen Baumarkt-Sektor langfristig verändern. Aus den Insolvenzen, internationalen Vergleichen und Branchenanalysen lassen sich fünf zentrale strategische Handlungslinien ableiten:
Erstens die konsequente Omnichannel-Integration: Die Kunden erwarten heute eine nahtlose Verknüpfung von Online-Recherche, digitalem Kauf und stationärer Beratung oder Abholung. Kingfisher hat mit seinem Marketplace-Modell vorgemacht, wie das funktionieren kann: B&Q bietet inzwischen über zwei Millionen Produkte online an, und Hornbach verbindet physische Beratungskompetenz mit leistungsfähigem E-Commerce. Das Click-and-Collect-Modell schlägt dabei eine Brücke, die den stationären Standort als Logistikknoten aufwertet. KI-gestützte Produktempfehlungen, wie sie Kingfisher bereits einsetzt und die über 100 Millionen Pfund in zusätzlichen Umsätzen generiert haben, sind der nächste logische Schritt.
Zweitens die Entwicklung hin zum Serviceanbieter: Die bloße Bereitstellung von Produkten ist als Alleinstellungsmerkmal nicht mehr ausreichend, wenn dieselben Produkte billiger über Amazon oder Temu zu beziehen sind. Atradius-Experte Michael Karrenberg hat es präzise formuliert: Für viele Baumärkte wäre es gut, wenn sie sich von einem reinen Produktanbieter hin zu einem Anbieter von Produkten und dazugehörigen Dienstleistungen entwickeln würden. Werkzeugverleih, Handwerkervermittlung, Montageservices, Planungsberatung für Küchen und Bäder, energetische Sanierungsberatung – diese Leistungen lassen sich nicht von Amazon einkaufen und schaffen eine Kundenbindung, die über den transaktionalen Einkauf hinausgeht.
Drittens die Portfoliooptimierung und Flächenreduktion: Die Ära der Megastores auf der grünen Wiese neigt sich dem Ende zu. Kingfisher hat damit begonnen, kleinere Formate wie B&Q Local und Screwfix City einzuführen und Großstores in multifunktionale Räume umzugestalten. In Deutschland wäre eine ähnliche Strategie – Verkleinerung von Großstandorten, Kombination mit Handwerkszentren oder Wohnstudios, Untervermietung nicht benötigter Flächen an Partner – ein realistischer Weg, die Fixkostenlast zu senken.
Viertens die professionelle Kundensegmentierung: Der Trend, Profi-Handwerker als eigenständiges, ertragsstarkes Kundensegment zu entwickeln, hat in Großbritannien mit Screwfix und dem B&Q-Konzept TradePoint erhebliche Früchte getragen – TradePoint wuchs 2024/25 um 6,4 Prozent und machte bereits 23 Prozent des gesamten B&Q-Umsatzes aus. In Deutschland sind vergleichbare Konzepte noch wenig entwickelt. Handwerker kaufen häufig bei Baustoffhändlern oder direkt beim Großhandel ein; ein klar auf diese Zielgruppe ausgerichtetes Angebot in Baumärkten – mit Profi-Konditionen, Montagetermin-Buchungen und Lagerabholkonzept – könnte erhebliche Marktpotenziale erschließen.
Fünftens die Nutzung der anziehenden Sanierungskonjunktur: Das DIW Berlin erwartet für 2026 erstmals seit fünf Jahren wieder ein reales Wachstum im Bauvolumen, getrieben zunächst durch öffentliche Infrastruktur, aber mit positiven Signalen auch für den Wohnungsbau 2027. Die zweite Hälfte der 2020er-Jahre könnte durch zwei starke strukturelle Trends für die Baumarktbranche positiv sein: die Energiewende im Gebäudebestand (Dämmung, Wärmepumpen, Photovoltaik) und das Aufholen eines jahrelangen Sanierungsstaus. Wer als Kette jetzt in Beratungskompetenz für energetische Sanierung investiert und staatliche Förderprogramme in sein Angebot einbettet, positioniert sich für einen Nachfrageschub, der mit erheblicher politischer und finanzieller Unterstützung kommen wird.
Strukturwandel ohne Rückkehr: Die neue Topografie des Baumarkt-Sektors
Die Insolvenzen von Hellweg, BayWa Bau & Garten, Hammer und einzelnen Hagebau-Standorten sind keine temporären Ausrutscher, sondern beschleunigte Symptome eines seit Jahren sichtbaren strukturellen Wandels. Der postpandemische Nachfragerückgang, der Einbruch im Wohnungsneubau, die digitale Disruption durch Amazon, Temu und Co. sowie die chronisch hohe Fixkostenbasis haben sich zu einer toxischen Gemengelage verdichtet, die mittelgroße, national tätige Ketten ohne klares Differenzierungsprofil in existenzielle Bedrängnis bringt.
Die Branche wird aus dieser Konsolidierungsphase kleiner, aber robuster hervorgehen. Die überlebenden Ketten – allen voran Hornbach, Bauhaus und OBI – werden Marktanteile übernehmen und gestärkt aus der Konsolidierungsphase hervorgehen. Der Markt selbst wird mittelfristig wieder wachsen, sobald die Baukrise in Deutschland ausläuft und staatliche Sanierungsprogramme greifen. Für die betroffenen Mitarbeiter und lokale Versorgungsstrukturen, insbesondere in Regionen mit bisher guter Baumarktdichte wie dem Ruhrgebiet oder Südbayern, bedeutet die aktuelle Marktbereinigung aber zunächst echte Härten – und für viele Kommunen den Verlust eines Ankermieters, der große Gewerbeflächen auf der grünen Wiese belegt hatte, mit ungewissem Nachnutzungskonzept.
International zeigt der Vergleich, dass es kein universelles Erfolgsrezept für den Baumarktbetrieb gibt: Während das US-amerikanische Duopol aus Home Depot und Lowe’s durch schiere Marktmacht stabil ist, profitiert der japanische Markt von konservativer Expansionsstrategie, und der französische Markt leidet trotz stärkerer Konsolidierung ebenfalls erheblich. China beweist, dass westliche Baumarktmodelle in Märkten mit günstiger Arbeitskraft strukturell nicht übertragbar sind. Deutschland hingegen muss seinen eigenen Weg finden – jenseits des bloßen Produktverkaufs auf großen Flächen, hin zu einem integrierten Dienstleistungsmodell für die Heimverbesserung des 21. Jahrhunderts.
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