„Ukraine Support Act“ – Rebellion im US-Kongress: 18 Republikaner stellen sich bei Ukraine-Hilfen gegen Trump
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Veröffentlicht am: 5. Juni 2026 / Update vom: 5. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

„Ukraine Support Act“ – Rebellion im US-Kongress: 18 Republikaner stellen sich bei Ukraine-Hilfen gegen Trump – Kreativbild: Xpert.Digital
Historischer Paukenschlag: US-Parlament brüskiert Trump mit gigantischem Sanktionspaket
500 Prozent Strafzölle: Der beispiellose Plan des US-Kongresses gegen Russland
Washington, Juni 2026: Mitten in Donald Trumps zweiter Amtszeit wagt das Repräsentantenhaus den offenen Aufstand. Mit dem „Ukraine Support Act“ peitscht eine überparteiliche Allianz – angetrieben von 18 abtrünnigen Republikanern – nicht nur milliardenschwere Hilfen für Kiew und drakonische Russland-Sanktionen durch, sondern formuliert auch ein unmissverständliches Bekenntnis zur NATO. Doch während der Kongress versucht, den außenpolitischen Kurs der USA zu korrigieren, offenbaren andere Entwicklungen tiefe Risse in der westlichen Sicherheitsarchitektur: Der plötzliche Verzicht auf die Stationierung von Tomahawk-Raketen in Deutschland und massiv geschrumpfte Munitionsbestände infolge des nicht vom Kongress legitimierten Iran-Krieges zeigen deutlich auf, dass Europa sich längst nicht mehr bedingungslos auf den amerikanischen Schutzschirm verlassen kann. Ein tiefer Einblick in eine transatlantische Ordnung, die sich in einem historischen Umbruch befindet.
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Kongress gegen Präsident: Wenn 18 Republikaner genug haben – das Parlament setzt ein Zeichen
Am Donnerstag, dem 5. Juni 2026, vollzog sich im US-Repräsentantenhaus in Washington, D.C., ein parlamentarisches Ereignis von erheblicher symbolischer Sprengkraft: Mit 226 zu 195 Stimmen verabschiedete die Kammer den sogenannten Ukraine Support Act – ein Gesetzespaket, das umfangreiche Milliardenhilfen für die Ukraine sowie drastische neue Sanktionen gegen Russland vorsieht. Was dieses Ergebnis besonders bemerkenswert macht, ist nicht allein das Abstimmungsresultat selbst, sondern die politische Konstellation, die es ermöglicht hat: 18 republikanische Abgeordnete verweigerten ihrer eigenen Parteiführung und US-Präsident Donald Trump den Gehorsam und stimmten gemeinsam mit nahezu allen Demokraten für das Gesetz. Nur eine einzige demokratische Abgeordnete – Ilhan Omar aus Minnesota – votierte dagegen. Die Abstimmung markiert damit den zweiten schwerwiegenden außenpolitischen Rückschlag für Trump innerhalb von nur 48 Stunden: Bereits am Mittwoch zuvor hatte das Repräsentantenhaus mit 215 zu 208 Stimmen eine Resolution verabschiedet, die Trump auffordert, entweder die US-Truppen aus dem Iran abzuziehen oder die formelle Zustimmung des Kongresses für eine Fortsetzung des Krieges einzuholen.
Das Abstimmungsergebnis kommt nicht aus dem Nichts. Ursprünglich war der Ukraine Support Act monatelang in der parlamentarischen Versenkung verschwunden, weil Sprecher Mike Johnson und die republikanische Führung eine Abstimmung konsequent verhindert hatten. Den Durchbruch ermöglichte ein sogenanntes Entlastungsbegehren: Genug Abgeordnete – 218 Unterschriften, die Mehrheitsschwelle – setzten ihre Namen darunter und zwangen damit die Führung, die Vorlage zur Abstimmung zu stellen. Besonders hervorzuheben sind die moderaten Republikaner Don Bacon und Brian Fitzpatrick sowie der unabhängige Abgeordnete Kevin Kiley, die den demokratisch geführten Vorstoß aktiv mitunterstützten und damit den Unmut von Sprecher Johnson auf sich zogen.
Das Paket: Sanktionshammer und Finanzhilfen als doppeltes Signal
Der Inhalt des verabschiedeten Gesetzes ist ambitioniert und in seinen potenziellen Auswirkungen kaum zu überschätzen. Das Herzstück bilden neuartige Sanktionen gegen die russische Wirtschaft: Betroffen wären russische Banken und Finanzinstitutionen, der gesamte Öl- und Gassektor sowie führende Bergbauunternehmen. Darüber hinaus würde das Gesetz einen Sanctions-Waiver aufheben, den Trump Anfang des Jahres eigenmächtig gewährt hatte und der einige bestehende Sanktionsregime faktisch unterlaufen ließ. Besonders weitreichend ist die Bestimmung über Strafzölle: Das Gesetz sieht 500-prozentige Zölle auf alle aus Russland in die USA importierten Waren vor sowie ein direktes Einfuhrverbot für russisches Rohöl.
Diese Zollbestimmung ist kein parlamentarisches Novum – sie lehnt sich an den bereits im Senat diskutierten Sanctioning Russia Act an, der von den Senatoren Lindsey Graham und Richard Blumenthal eingebracht wurde und breite überparteiliche Unterstützung von 85 Mitverfassern genoss. Der Grundgedanke ist ökonomisch simpel, aber strategisch raffiniert: Wer russische Energie kauft, soll beim Zugang zum amerikanischen Markt spüren, dass dieser Kauf einen Preis hat. Es handelt sich damit um eine Form sekundärer Sanktionen, die weit über direkte Beschränkungen gegen Russland hinausgehen und auch Drittländer unter Druck setzen. Auf der Finanzierungsseite sieht der Ukraine Support Act zunächst über eine Milliarde US-Dollar an direkter Hilfe für Sicherheits- und Wiederaufbaumaßnahmen in der Ukraine vor sowie weitere Mittel für die baltische Sicherheit und Radio Free Europe. Über Darlehen und Militärfinanzierungsprogramme sollen darüber hinaus bis zu 8 Milliarden US-Dollar für Waffenkäufe der Ukraine mobilisiert werden. Das Gesetz verlängert außerdem bestehende Unterstützungsprogramme für die ukrainischen Streitkräfte und enthält Bestimmungen gegen russische Desinformation.
Bemerkenswerterweise enthält der Ukraine Support Act auch eine klare politische Grundsatzerklärung: Die Abgeordneten verurteilen russische Kriegsverbrechen, fordern den bedingungslosen Abzug aller russischen Truppen aus ukrainischem Hoheitsgebiet – einschließlich der Krim und des Donbass – und stellen klar, dass jedwede Verhandlungen auf der Grundlage ukrainischer Souveränität beruhen müssen und nicht von Russland diktiert werden dürfen. Überdies bekennt sich das Repräsentantenhaus ausdrücklich zur NATO und speziell zum Artikel 5 des NATO-Vertrages. Diese Formulierung ist im aktuellen politischen Kontext keine Selbstverständlichkeit – sie ist eine implizite Korrektur der wiederholten öffentlichen Infragestellungen des Bündnisses durch den amtierenden Präsidenten.
Der parlamentarische Widerstand und seine Grenzen
Der Symbolwert der Abstimmung ist unbestritten. Und doch wäre es voreilig, bereits jetzt von einem politischen Wendepunkt zu sprechen. Der Weg dieses Gesetzes zur Unterzeichnung ist lang, und er führt durch institutionelle Hindernisse, die seinen Erfolg unwahrscheinlich machen. Im Senat, der zweiten Kammer des Kongresses, haben republikanische Führungspolitiker bisher konsequent verhindert, dass ähnliche Russland-Sanktionsvorhaben zur Abstimmung gelangen. Sie verweisen dabei auf die offizielle Linie der Regierung und ihren Wunsch, Trumps Verhandlungsstrategie nicht zu torpedieren. Selbst wenn das Gesetz den Senat passieren sollte, wofür dort eine Mehrheit von 60 Stimmen erforderlich wäre, würde es anschließend dem Präsidenten zur Unterschrift vorgelegt – der mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Veto einlegen würde.
Trumps Reaktion auf die Abstimmung dürfte wenig überraschen. Sein außenpolitischer Kurs gegenüber Russland und der Ukraine ist seit dem Beginn seiner zweiten Amtszeit im Januar 2025 klar: Distanz von Kiew, Gesprächsbereitschaft gegenüber Moskau, Skepsis gegenüber Sanktionen als Instrument. Die Maßnahme, gegen die Johnson seine Abgeordneten vergeblich mobilisiert hatte, gilt in Trumps Umfeld als kontraproduktiv für laufende Vermittlungsbemühungen. Gleichzeitig bleibt unübersehbar, dass der Widerstand aus den eigenen Reihen wächst und sich institutionalisiert. Ein Entlastungsbegehren mit 218 Unterschriften ist kein Zufall und kein Einzelakt – es ist das Ergebnis einer koordinierten, parteiübergreifenden parlamentarischen Strategie, die die Führungsmacht des Sprechers gezielt aushöhlt. Dass dies zweimal innerhalb einer Woche gelang, ist ein deutliches Signal an das Weiße Haus.
Die Vergleichszahlen aus der ersten Trump-Regierung und der Biden-Ära geben den Kontext: Im April 2024, als Joe Biden noch Präsident war, hatte das Repräsentantenhaus ein 61-Milliarden-Dollar-Paket für die Ukraine mit einer überwältigenden Mehrheit von 311 zu 112 Stimmen verabschiedet. Die aktuelle Abstimmung bewegte sich mit 226 zu 195 auf einem ungleich knapperen Niveau – ein Beleg dafür, dass die politische Unterstützung für die Ukraine unter Trump merklich geschrumpft ist, auch wenn eine überparteiliche Mehrheit noch immer dafür steht.
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Nahezu zeitgleich mit der Kongressabstimmung wurde ein weiterer, in seiner strategischen Bedeutung kaum weniger gewichtiger Vorgang öffentlich bekannt: Das US-Verteidigungsministerium, das Pentagon, hat offenbar seinen Plan aufgegeben, Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren. Das Nachrichtenportal Politico berichtete unter Berufung auf Insider, dass US-Regierungsvertreter befürchten, Russland könnte eine solche Stationierung als Eskalation interpretieren und Vergeltungsmaßnahmen ergreifen. Dieser Schritt ist deshalb so bedeutsam, weil er ein unter der Biden-Administration im Jahr 2024 formell vereinbartes Abkommen aushöhlt: Beim NATO-Gipfel in Washington im Juli 2024 hatten die USA und Deutschland die Absicht erklärt, ab 2026 US-amerikanische Mittelstreckenwaffen – darunter Tomahawk-Marschflugkörper mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern, SM-6-Raketen und neu entwickelte Hyperschallwaffen – auf deutschem Boden zu stationieren.
Die Stornierung dieser Pläne wurde zunächst durch Berichte über den Abzug von mindestens 5.000 US-Soldaten aus Deutschland vorbereitet, den Trump Anfang Mai 2026 ankündigte und der innerhalb von sechs bis zwölf Monaten umgesetzt werden soll. NATO-Oberbefehlshaber General Alexus Grynkewich bestätigte Ende Mai, dass die Verlegung eines sogenannten „Long Range Fires Battalion“ nicht stattfinden wird. Der US-Truppenabzug und der Verzicht auf die Raketenlieferung stellen zusammen eine erhebliche Schwächung der konventionellen Abschreckungsarchitektur in Europa dar – und das zu einem Zeitpunkt, da Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortsetzt und hybride Kriegsführung gegen NATO-Mitglieder eskaliert.
Die Bundesregierung in Berlin reagiert mit einer pragmatischen Ausweichstrategie: Sie bemüht sich nun darum, die Tomahawk-Marschflugkörper nicht mehr zur Stationierung, sondern zum Kauf zu erwerben. Verteidigungsminister Boris Pistorius unternahm einen Besuch in Washington und überreichte im Juli 2025 bereits einen formellen Letter of Request für das Typhon-Raketenwerfersystem, in das Tomahawks integriert werden können. Laut Financial Times sei die Bundesregierung sogar bereit, einen Aufpreis zu zahlen. Parallel dazu werden Möglichkeiten geprüft, ob im Rahmen eines Joint Ventures zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmen Tomahawk-Marschflugkörper künftig auch in Deutschland produziert werden könnten.
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Der eigentliche strategische Hintergrund für Washingtons Zögern ist jedoch nicht allein der Wunsch, Russland nicht zu provozieren. Ein zweiter, materieller Faktor spielt eine entscheidende Rolle: Die US-Streitkräfte haben in den ersten Wochen des Iran-Krieges – eines militärischen Konflikts, der ohne formelle Kriegserklärung durch den Kongress begann – gewaltige Mengen an Präzisionsmunition verschossen. Nach einer Analyse des Centre for Strategic and International Studies (CSIS) gaben die USA in den 38 Kriegstagen vor dem Waffenstillstand mindestens 25 Milliarden US-Dollar aus, um Tausende von Tomahawk- und Patriot-Raketen auf über 13.000 iranische Ziele abzufeuern und iranische Angriffe abzuwehren. Bei einigen dieser Schlüsselwaffensysteme – Patriot-Raketen, THAAD-Abfangraketen und Tomahawks – sollen zwischen einem Drittel und der Hälfte der US-Bestände eingesetzt worden sein.
Die politische Debatte über diesen Munitionsschwund ist lebhaft und aufgeladen. Verteidigungsminister Pete Hegseth spielte die Sorgen zunächst herunter und bezeichnete die öffentliche Diskussion darüber als „törichterweise und wenig hilfreich übertrieben“. Gleichzeitig enthüllte der Pentagon-Finanzchef Jules Hurst vor dem Haushaltsausschuss des Kongresses, dass sich die Gesamtkosten des Iran-Krieges mittlerweile auf 29 Milliarden US-Dollar belaufen – vier Milliarden mehr als noch Ende April geschätzt. Demokratische Senatoren zeichnen ein dramatischeres Bild: Senator Mark Kelly aus Arizona, Mitglied des Streitkräfteausschusses, erklärte öffentlich, die Munitionsbestände bei Tomahawks, ATACMS, SM-3 und Patriots seien auf erschreckende Weise aufgebraucht worden, und verwies darauf, dass es nach eigenen Angaben Hegseths in einer öffentlichen Anhörung „Monate und Jahre“ dauern werde, die Bestände wieder aufzufüllen. Das Wall Street Journal hatte sogar berichtet, es könne bis zu sechs Jahre dauern.
Für Europa hat dieser Munitionsschwund unmittelbare sicherheitspolitische Konsequenzen, die über das Tomahawk-Problem hinausgehen. Der SPIEGEL berichtete, die US-Regierung wolle der NATO auch bei anderen militärischen Schlüsselfähigkeiten erheblich weniger bereitstellen – einschließlich US-Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnen und Tankflugzeuge. Diese Kombination aus politischem Rückzug und materiellem Unvermögen schafft eine neue sicherheitspolitische Wirklichkeit in Europa.
Die ökonomische Dimension: Was Sanktionen können und was sie nicht können
Die im Ukraine Support Act vorgesehenen Sanktionen sind nicht im luftleeren Raum zu betrachten. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 haben die EU und ihre Partner zahlreiche Sanktionspakete gegen Russland verhängt – bis April 2026 war die EU beim zwanzigsten Sanktionspaket angelangt. Die kumulierten Auswirkungen dieser Sanktionen sind schwer zu beziffern und politisch umstritten. Einerseits ist die russische Wirtschaft unter erheblichen Druck geraten: Der Rubel hat massiv an Wert verloren, die Inflation ist gestiegen, und der Zugang zu westlicher Technologie wurde erheblich eingeschränkt. Andererseits hat Russland einen weitaus stabileren wirtschaftlichen Kurs gezeigt, als westliche Analysten ursprünglich erwartet hatten – gestützt durch hohe Staatsausgaben im Rüstungsbereich, Handel mit China, Indien und anderen Ländern des globalen Südens sowie staatliche Eingriffe in den Energiesektor.
Die im Ukraine Support Act vorgesehenen 500-prozentigen Zölle auf russische Importe wären in ihrer Absolutheit historisch beispiellos – falls sie in Kraft treten würden. Der US-Handel mit Russland ist zwar seit 2022 stark zusammengebrochen, aber gewisse Restströme bestehen noch. Bedeutsamer wären jedoch die Auswirkungen auf Drittstaaten: Sekundärsanktionen, die Länder bestrafen, die weiterhin russisches Öl und Gas kaufen, würden China, Indien, die Türkei und andere Staaten unter erheblichen wirtschaftlichen Druck setzen. Ob dieser Druck diplomatisch durchzusetzen wäre, ist eine andere Frage – die Erfahrungen mit bisherigen Sekundärsanktionen zeigen, dass die USA hier regelmäßig auf den Widerstand wichtiger Handelspartner stoßen. Das Council on Foreign Relations hat gewarnt, ein zu scharfes Sanktionsregime dieser Art könnte die globale Wirtschaft destabilisieren, wenn es konsequent durchgesetzt würde.
Dennoch verändert bereits die parlamentarische Botschaft die Verhandlungsgeometrie. Wenn das russische Führungszentrum beobachtet, dass ein bedeutender Teil des US-Kongresses bereit ist, für drastische wirtschaftliche Maßnahmen zu stimmen – unabhängig davon, ob der Präsident unterschreibt –, dann ist das ein Signal über den Zustand der amerikanischen Innenpolitik, das in Moskau mit Aufmerksamkeit registriert wird.
Europas strukturelle Abhängigkeit und das Ende des alten Sicherheitsmodells
Was sich in Washington gerade abspielt, ist mehr als ein politisches Tauziehen zwischen Kongress und Exekutive. Es ist der sichtbarste Ausdruck einer tektonischen Verschiebung in der transatlantischen Sicherheitsarchitektur, die jahrzehntelang auf einem einfachen Grundmodell ruhte: Die USA liefern die schwerste militärische Hardware und die nuklearen Sicherheitsgarantien, die Europäer stellen Basen, Logistik und einen substanziellen Teil der konventionellen Streitkräfte. Dieser Deal – ermöglicht durch den gemeinsamen Kalten-Krieg-Kontext und die nachfolgende, vom Westen dominierte Ordnung – bröckelt seit Jahren. Unter Trump beschleunigt sich dieser Prozess dramatisch.
Der US-Truppenabzug aus Deutschland – derzeit mindestens 5.000 von rund 36.500 dort stationierten Soldaten, mit angekündigten weiteren Reduktionen – hat auch eine unmittelbare wirtschaftliche Dimension: Eine Studie des ZEW Mannheim und der Universität zu Köln errechnete, dass pro abgezogenem US-Soldaten rund eine halbe Vollzeitstelle in der betroffenen Region verloren geht, da 61 Prozent der Arbeitsplatzverluste regionale Unternehmen betreffen, die von den Konsumausgaben der Truppe und ihrer Familien abhängen. Betroffene Gemeinden reagierten historisch mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, und die negativen Beschäftigungseffekte hielten nachweislich bis zu 15 Jahre an. Die ökonomischen Verwundungen durch den militärischen Rückzug sind also real und langfristig.
Gleichzeitig erzeugt der Druck eine neue europäische Handlungslogik. Die NATO arbeitet daran, amerikanische Fähigkeiten schrittweise durch europäische Eigenkapazitäten zu ersetzen. NATO-Oberbefehlshaber Grynkewich sprach explizit davon, dass Europa die durch den Verzicht auf Tomahawks entstehende Fähigkeitslücke selbst schließen müsse. Deutschland prüft neben dem Kauf amerikanischer Systeme auch die heimische Produktion. Frankreich, das Vereinigte Königreich und Polen haben ihre Rüstungsausgaben erhöht. Die Frage ist, ob diese europäischen Anstrengungen schnell genug Fahrt aufnehmen, um die Sicherheitslücken zu schließen, die der amerikanische Rückzug hinterlässt.
Artikel 5 unter Druck: Die Erosion kollektiver Sicherheitsversprechen
Das Bekenntnis des US-Repräsentantenhauses zu NATO-Artikel 5 im Ukraine Support Act ist symptomatisch für eine Vertrauenskrise innerhalb des Bündnisses, die kaum ausgeprägter sein könnte. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin hat in einer Studie herausgearbeitet, dass die Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitszusagen von drei Faktoren abhängt: dem politischen Willen, den militärischen Kräfteverhältnissen und den operativen Beiträgen. Unter der aktuellen Trump-Administration sind alle drei Faktoren unter Druck geraten: Der politische Wille wird durch öffentliche Relativierungen des Bündniswertes geschwächt, die militärischen Kräfteverhältnisse verschieben sich durch den Munitionsschwund im Iran-Krieg und die angekündigten Truppenreduzierungen, und die operativen Beiträge werden durch den Verzicht auf Tomahawk-Stationierungen und andere Schlüsselfähigkeiten kleiner.
Offiziell bekennt sich die US-Regierung weiterhin zur NATO und zur Beistandspflicht. Vertreter des US-Sicherheitsrates haben das öffentlich bestätigt. Doch die Lücke zwischen offizieller Sprachregelung und tatsächlichem Verhalten wird breiter. Dass eine überparteiliche Mehrheit im Kongress es für notwendig erachtet, das Bekenntnis zu Artikel 5 explizit per Gesetz zu bekräftigen, zeigt, wie sehr das Vertrauen in die Verlässlichkeit amerikanischer Zusagen – selbst innerhalb der USA – erschüttert worden ist. Es ist das parlamentarische Äquivalent einer internen Misstrauenserklärung gegen den eigenen Präsidenten in einer der zentralsten außenpolitischen Fragen.
Die Abstimmung vom 5. Juni 2026 kann deshalb als eines von mehreren Signalen in einem größeren Prozess gelesen werden, der die Grundlagen der westlichen Sicherheitsordnung infrage stellt. Russland, das seine Außenpolitik seit Jahren auf die Annahme aufbaut, dass die westliche Allianz innere Widersprüche produziert, die sie langfristig handlungsunfähig machen, beobachtet diese Entwicklungen mit strategischem Interesse. Die amerikanischen Innenpolitik-Turbulenzen – vom Iran-Krieg ohne Kongressmandat über Truppenabzüge bis hin zu Strafzöllen auf Verbündete – liefern Moskau eine Bestätigung für seine Analysen, auch wenn die Realität komplexer ist als jedes Narrativ.
Was bleibt, ist ein US-Repräsentantenhaus, das – vorerst – seine verfassungsmäßige Rolle als Gegengewicht zur Exekutive mit mehr Entschlossenheit ausfüllt als in den ersten Monaten von Trumps zweiter Amtszeit. Ob sich das in bindendes Recht übersetzt, hängt vom Senat ab. Ob es die europäische Sicherheitspolitik fundamental verändert, hängt davon ab, wie schnell Europa seine eigene Handlungsfähigkeit entwickelt. Und ob es Russland zu einer anderen Verhaltensweise bewegt, hängt von Faktoren ab, die weit über Washingtoner Abstimmungsergebnisse hinausgehen. Die Gavel ist gefallen – aber das Spiel ist bei Weitem noch nicht entschieden.
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