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Katherina Reiches Energiepolitik: Eine Ministerin, die das Problem mit der Lösung verwechselt

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Veröffentlicht am: 8. April 2026 / Update vom: 8. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Katherina Reiches Energiepolitik: Eine Ministerin, die das Problem mit der Lösung verwechselt

Katherina Reiches Energiepolitik: Eine Ministerin, die das Problem mit der Lösung verwechselt – Bild: Xpert.Digital

Nicht zu viel Ökostrom, sondern zu wenig Netz: Der große Irrtum der neuen Wirtschaftsministerin

### Gaskraftwerke statt Speicher: Kostet uns Reiches fossiler Rückschritt die Energiewende? ### Das Märchen von den teuren Erneuerbaren: Die wahren Kosten unserer Stromversorgung ### Schluss mit der Selbsttäuschung: Wie Ministerin Reiche das Problem mit der Lösung verwechselt ###

Falsche Zahlen, fatale Folgen? Was wirklich hinter dem Energie-Masterplan der Ministerin steckt

Die 85-Milliarden-Falle: Warum Katherina Reiches Energiepolitik in die falsche Richtung führt

In ihrem viel beachteten FAZ-Gastbeitrag rechnet die neue Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, scheinbar schonungslos mit der bisherigen Energiewende ab. Ihr zentrales Argument: Der einseitige Ausbau erneuerbarer Energien treibe die Systemkosten in unbezahlbare Höhen und drohe, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu ruinieren. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen offenbart eine gefährliche Schieflage in dieser Argumentation. Anstatt die wahren Ursachen für Abregelungen und negative Strompreise – wie ein hinterherhinkender Netzausbau, ein stagnierender Speichermarkt und milliardenschwere fossile Subventionen – ins Visier zu nehmen, nutzt Reiche ihre institutionelle Prägung aus der Gaswirtschaft, um einen fossilen Rollback zu rechtfertigen. Dieser Artikel unterzieht das Narrativ der Ministerin einem umfassenden Faktencheck. Er zeigt detailliert auf, warum wir in Deutschland kein Erzeugungsproblem, sondern ein massives Integrationsproblem haben – und wieso der geplante Bau neuer Gaskraftwerke das Land auf Jahrzehnte in teure und geopolitisch hochriskante Abhängigkeiten stürzen könnte.

Wer ist Katherina Reiche – und warum ist ihr Blickwinkel entscheidend?

Katherina Reiche, 1973 in Luckenwalde geboren, ist seit dem 6. Mai 2025 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie im Kabinett von Friedrich Merz. Ihre Vita verbindet politische und industriewirtschaftliche Erfahrung auf eine Weise, die für ihr Amtsverständnis prägend ist: 18 Jahre Bundestagsmitglied für die CDU, zeitweise stellvertretende Fraktionsvorsitzende, dann Parlamentarische Staatssekretärin im Umwelt- und im Verkehrsministerium. Nach 2015 wechselte sie in die Wirtschaft, übernahm die Hauptgeschäftsführung beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und ab 2020 den Vorstandsvorsitz der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter, die Strom-, Gas- und Wassernetze in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen betreibt.

Diese Industriebiografie ist kein Randdetail, sondern der Schlüssel zum Verständnis ihrer energiepolitischen Grundhaltung. Wer fünf Jahre lang an der Spitze eines integrierten Netzbetreibers und Gasversorgers gestanden hat, bringt zwangsläufig eine institutionelle Perspektive mit: Versorgungssicherheit als Maxime, konventionelle Reservekapazitäten als Stabilitätsanker, Systemkosten als zentrales Bewertungskriterium. Diese Haltung schlägt sich unmittelbar in Reiches politischem Kurs nieder – und damit auch in ihrem viel zitierten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Kritiker, darunter die Grünen, aber auch Branchenverbände der erneuerbaren Energien, werfen ihr vor, die Energiewende zu torpedieren und zugunsten fossiler Großkonzerne zu gestalten. Der Vorwurf des Lobbyismus steht im Raum. Ob er zutrifft, ist eine Frage der Wertung. Was sich aber sachlich prüfen lässt, ist, ob ihre Diagnose der deutschen Energiepolitik der empirischen Realität standhält.

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Das FAZ-Narrativ: Systemkosten als Totschlagsargument

Im Zentrum von Reiches FAZ-Gastbeitrag steht ein Argument, das auf den ersten Blick überzeugend wirkt: Die Energiewende sei zu einseitig auf den Ausbau erneuerbarer Energien ausgerichtet worden; die Systemkosten – EEG-Umlage, Kapazitätsreserven, Netzreserven, Redispatch-Kosten – seien dabei ignoriert worden und summierten sich inzwischen auf rund 36 Milliarden Euro pro Jahr, also etwa 430 Euro pro Bürger. Sie formuliert: Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriere, werde das Land ruinieren, das sie zu retten vorgebe.

Diese Formulierung ist rhetorisch wirkungsvoll, aber analytisch unvollständig. Das Kostenproblem wird in der gebotenen Schärfe benannt, doch die kausale Zuschreibung ist irreführend: Nicht der Ausbau erneuerbarer Energien verursacht die Systemkosten, sondern das Missverhältnis zwischen Erzeugungsausbau und Systemintegration. Der entscheidende Faktor – unzureichende Netzinfrastruktur, fehlende Flexibilitätsmechanismen, stagnierender Speicherausbau – taucht in Reiches Analyse allenfalls als Randnotiz auf. Stattdessen bedient das Narrativ eine politische Erzählung, die den Ausbau erneuerbarer Energien selbst als das eigentliche Problem darstellt.

Die FAZ-Analyse von Cleanthinking-Chefredakteur Martin Jendrischik trifft den Kern dieser Schieflage: Reiche nenne konkrete Zahlen stets nur in Bezug auf Kosten erneuerbarer Energien, niemals aber zu den Kosten fossiler Importe, die sich auf rund 80 Milliarden Euro pro Jahr belaufen, oder zu den fossilen Subventionen, die das Umweltbundesamt auf mindestens 65 Milliarden Euro jährlich beziffert. Diese selektive Buchführung ist das eigentliche Problem des Gastbeitrags: Die Rechnung wird nur auf einer Seite aufgemacht.

Das Integrationsproblem, das als Erzeugungsproblem verkauft wird

Der entscheidende analytische Fehler im Reiche-Narrativ liegt in einer kategorialen Verwechslung: Ein Integrationsproblem wird als Erzeugungsproblem gerahmt. Deutschland installierte 2024 rund 16,7 bis 17 Gigawatt neue Photovoltaikleistung – so viel wie nie zuvor in einem einzigen Jahr. Die Gesamtleistung aller installierten Solarstromanlagen überschritt zum Jahreswechsel 2024/25 erstmals die Marke von 100 Gigawatt. Im Jahr 2025 kamen nochmals rund 16,4 Gigawatt Solarleistung und 4,6 Gigawatt Windkraft an Land hinzu.

Dieses Ausbautempo trifft auf ein Netz- und Flexibilitätssystem, das strukturell hinterherhinkt. Im Jahr 2024 verzeichneten die deutschen Strombörsen insgesamt 457 bis 459 Stunden mit negativen Großhandelspreisen – gegenüber 301 Stunden im Jahr 2023. Diese Zahlen belegen nicht, dass zu viel erneuerbare Energie ins System eingespeist wird. Sie belegen vielmehr, dass zu wenig Infrastruktur vorhanden ist, die auf Preissignale reagieren kann. Jede dieser negativstündlichen Überangebotssituationen ist ein Symptom fehlender Systemintegration, kein Beweis für ein Zuviel an Wind und Sonne.

Das Bild wird durch den Smart-Meter-Rollout noch deutlicher. Obwohl die Bundesnetzagentur meldet, dass die gesetzlich geforderte Quote von 20 Prozent der Pflichteinbaufälle Ende 2025 gerade eben erreicht wurde, sind gemessen an allen Messlokationen erst 3,8 Prozent der deutschen Haushalte und Betriebe mit intelligenten Messsystemen ausgestattet. Im europäischen Vergleich verfügten Ende 2024 bereits 63 Prozent der EU-Stromkunden über einen Smart Meter. Deutschland digitalisiert sein Stromnetz also mit einer Geschwindigkeit, die weit hinter dem steht, was für eine effiziente Flexibilisierung des Systems notwendig wäre.

Dynamische Stromtarife sind seit Anfang 2025 zwar verpflichtend von allen Energieversorgern anzubieten, doch die tatsächliche Marktdurchdringung bleibt begrenzt. Ende 2024 nutzten etwa sieben Prozent der Haushalte flexible Tarifmodelle. Das Potenzial, das in einer echten Lastverschiebung über Preissignale läge, bleibt damit weitgehend ungenutzt. §-14a-fähige steuerbare Verbrauchseinrichtungen – Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Großgeräte – existieren regulatorisch, aber kaum in der gelebten Praxis. Das Ergebnis: Überschüsse, die in einem flexiblen System von Verbrauchern absorbiert würden, treffen auf starre Nachfragestrukturen.

Die Abregelungskosten: Ein Netz- und kein Erzeugungsproblem

Besonders aufschlussreich ist die Debatte um die Kosten für Abregelungen und Netzengpassmanagement. Reiche hat in verschiedenen Kontexten suggeriert, die Abregelung erneuerbarer Energien koste pro Jahr bis zu drei Milliarden Euro – eine Zahl, die Jendrischik als schlicht falsch bezeichnet. Die tatsächlichen Daten geben ihm recht: Die Bundesnetzagentur weist für 2024 Kosten des gesamten Netzengpassmanagements von rund 2,78 Milliarden Euro aus, was einem Rückgang gegenüber 3,34 Milliarden Euro im Jahr 2023 entspricht. Davon entfielen 554 Millionen Euro als direkte Entschädigungszahlungen an Betreiber abgeregelter Wind- und Solaranlagen. Der Löwenanteil der Systemkosten entsteht nicht durch erneuerbare Energie, sondern durch den Redispatch mit konventionellen Kraftwerken, die gegenläufig eingesetzt werden müssen, um Leitungsabschnitte vor Überlastung zu schützen.

Die Abregelung von Photovoltaikanlagen stieg 2024 um 97 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1.389 Gigawattstunden an. Das klingt alarmierend – ist aber statistisch eine direkte Folge des Rekordausbaus und der ungewöhnlich hohen Sonneneinstrahlung im Sommer 2024. Eingespeist werden konnten immer noch 96,5 Prozent der gesamten erneuerbaren Stromerzeugung. Insgesamt machten die Abregelungen 3,5 Prozent der gesamten erneuerbaren Stromerzeugung aus. Dies ist ein reales Effizienzproblem – aber eines, das durch Netzausbau, Speicherausbau und Flexibilisierung gelöst werden kann und muss, nicht durch das Bremsen des Ausbaus.

Im dritten Quartal 2025 stiegen die Netzengpassmanagement-Kosten erneut leicht auf 667 Millionen Euro (Q3 2024: 608 Millionen Euro). Die Abregelung von Windkraftanlagen an Land lag dabei um 46 Prozent über dem Vorjahresquartal. Diese Zahlen machen transparent, was die eigentliche Aufgabe ist: nicht weniger Erneuerbare bauen, sondern das System schneller anpassen.

Fossile Abhängigkeit: Die Kosten, die Reiche nicht aufzählt

Der strukturelle Bias in Reiches Kostendarstellung wird besonders greifbar, wenn man die Zahlen für fossile Abhängigkeit hinzufügt. Deutschland importierte im Jahr 2024 fossile Brennstoffe im Wert von rund 76 Milliarden Euro – fünf Milliarden weniger als der Durchschnitt der Jahre seit 2008, aber immer noch ein enormer jährlicher Abfluss von Kaufkraft ins Ausland. Aufgeteilt nach Energieträgern entfielen allein 51 Milliarden Euro auf Erdöl, 19 Milliarden auf Erdgas und fünf Milliarden auf Steinkohle. Der Importanteil beim Erdgas liegt bei 95 Prozent, beim Erdöl bei 98 Prozent, bei der Steinkohle bei 100 Prozent.

Das Umweltbundesamt beziffert die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland – im Wesentlichen fossile Steuerausnahmen und Begünstigungen – auf mindestens 65,4 Milliarden Euro pro Jahr, und das bereits für das Jahr 2018; neuere Schätzungen gehen von höheren Beträgen aus. Für das Jahr 2023 wurden laut Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft fossile Subventionen von insgesamt rund 85 Milliarden Euro gewährt, einschließlich krisenbedingter Sondermaßnahmen. Der Kontrast ist eklatant: Wer die Systemkosten der Energiewende auf 36 Milliarden Euro pro Jahr beziffert und gleichzeitig fossile Subventionen von 65 bis 85 Milliarden Euro pro Jahr nicht in die Rechnung einbezieht, betreibt selektive Buchführung, keine wirtschaftliche Analyse.

Hinzu kommen die volkswirtschaftlichen Folgekosten der fossilen Importabhängigkeit, die sich erst in Krisenzeiten in voller Schärfe zeigen. 2022, nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, stiegen die deutschen Ausgaben für fossile Energieimporte auf 137 bis 146 Milliarden Euro – ein Betrag, der die Volkswirtschaft in einer Weise destabilisierte, die weit über die Kosten einer beschleunigten Energiewende hinausgeht. Die aktuelle Energiekrise, die Reiche selbst als eine der gravierendsten der Geschichte beschreibt, ist eine Folge genau jener fossilen Abhängigkeit, die ihr politischer Kurs perpetuiert.

Gaskraftwerke statt Systemintegration: Ein fossiler Lock-in auf Jahrzehnte

Der gravierendste Einwand gegen Reiches energiepolitische Strategie betrifft nicht einzelne Maßnahmen, sondern die Grundrichtung: Der Aufbau von mindestens 20 Gigawatt neuer Gaskraftwerkskapazität bis 2030, zunächst ohne verbindliche Wasserstoffumrüstungspflicht, schafft Infrastruktur mit einer Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Diese Kraftwerke werden am Netz sein, wenn Deutschland laut eigenem Klimaschutzziel klimaneutral sein soll. Wer heute fossile Gasinfrastruktur baut, ohne verbindliche und kurzfristig wirksame Dekarbonisierungspfade vorzuschreiben, erzeugt einen Lock-in-Effekt der Energieversorgung, der die Transformation systematisch verzögert.

Dieser Einwand kommt nicht nur von Umweltverbänden. Die EU-Kommission hat Reiches ursprünglichen Plänen für 20 Gigawatt erheblichen Widerstand entgegengesetzt und zunächst nur bis zu 8.000 Megawatt Gaskraft genehmigen wollen – mit der Auflage, dass diese Anlagen von vornherein wasserstofffähig (H2-ready) sein und spätestens 2045 dekarbonisiert werden müssen. Selbst bei dieser reduzierten Variante warnen Energieexperten, darunter Claudia Kemfert vom DIW, dass das Risiko neuer fossiler Lock-in-Effekte bestehen bleibt, wenn nicht gleichzeitig massiv in Speicher und Flexibilität investiert wird.

Die Energieexpertin hat recht. Das strukturelle Problem liegt nicht darin, dass Deutschland Reservekapazitäten für Dunkelflauten braucht – das tut es tatsächlich. Das Problem liegt darin, dass Gaskraftwerke als Lösung für ein System aufgebaut werden, das grundsätzlich anders aussehen könnte und müsste: mit Batteriespeichern, Power-to-X-Technologien, Demand-Response-Systemen und einem europäisch integrierten Verbundnetz, das Überproduktionsspitzen intelligent verteilt.

 

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Warum Netzausbau und Speicher jetzt wichtiger sind als neue Gaskraftwerke

Batteriespeicher: Das unterschätzte Herzstück der Systemintegration

Die Logik, die hinter der Forderung nach mehr Speichern statt mehr Gaskraftwerken steht, ist industrieökonomisch klar. Batteriespeicher sichern Versorgung, stabilisieren Netze und schaffen ohne fossile Abhängigkeit steuerbare Kapazitäten. In Deutschland sind bis Ende 2025 rund 2,4 Millionen stationäre Batteriespeicher mit einer Gesamtkapazität von über 25 Gigawattstunden in Betrieb. Die Kapazität hat sich innerhalb von fünf Jahren verfünffacht. Allein 2025 wurden knapp 600.000 neue Speichersysteme mit einer Kapazität von 6,5 Gigawattstunden in Betrieb genommen.

Das klingt beeindruckend – und belegt die Wachstumsdynamik des Sektors. Gleichzeitig macht ein Blick auf die absoluten Zahlen das Ausmaß des Nachholbedarfs deutlich: 25 Gigawattstunden Gesamtkapazität reichen aus, um den durchschnittlichen Tagesstromverbrauch von über drei Millionen Zwei-Personen-Haushalten zu speichern. Deutschland verbraucht täglich etwa 1.420 Gigawattstunden Strom. Der Bundesverband Solarwirtschaft hat errechnet, dass der jährliche Ausbau von Batteriespeicherkapazitäten mehr als verdoppelt werden müsste, um die Stromversorgung effizient auf erneuerbare Energien umzustellen. Studien prognostizieren einen erforderlichen Anstieg der Speicherkapazität auf 104 Gigawattstunden bis 2030 und 178 Gigawattstunden bis 2040.

Großspeicher zeigen eine besonders vielversprechende Dynamik: Eine Studie aus dem Januar 2024 geht davon aus, dass die Kapazität der Großbatteriespeicher in Deutschland bis 2030 auf 57 Gigawattstunden bei 15 Gigawatt Gesamtleistung steigen könnte, sofern die regulatorischen Rahmenbedingungen das unterstützen. Genau hier liegt ein zentraler Hebel: Nicht die Erzeugung bremsen, sondern Speicher durch kluge Regulierung und gezielte Investitionsanreize forcieren.

Aus industrieller Sicht ist das Argument für Speicher keine ideologische Position, sondern eine Frage wirtschaftlicher Vernunft. Ein Unternehmen, das gleichzeitig unter volatilen Gaspreisen leidet und dabei zusieht, wie günstigster Solarstrom abgeregelt wird, verliert doppelt: an Preisstabilität und an Wettbewerbsfähigkeit. Speicher, die Überschüsse auch für Prozesswärme nutzbar machen, sind ein aktives Instrument zur Risikominderung in der Energiebeschaffung – und damit unmittelbar relevant für die Standortsicherheit von Industriebetrieben in Europa.

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Der Netzausbau: Das eigentliche Nadelöhr der Energiewende

Der Engpass im deutschen Energiesystem liegt nicht in der Erzeugung, sondern in der Transportinfrastruktur. Windkraft an Land erreichte 2025 zwar einen Zubau von 4,6 Gigawatt – fast doppelt so viel wie 2024 – und Deutschland kam beim Netzausbau mit rund 2.000 genehmigten Leitungskilometern voran. Um das gesetzliche Ziel von 115 Gigawatt installierter Windleistung bis 2030 zu erreichen, müssten jedoch jährlich durchschnittlich 9,4 Gigawatt zugebaut werden – mehr als das Doppelte des aktuellen Niveaus. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht für 2026 bereits eine installierte Windkraftleistung von 84 Gigawatt vor; die tatsächlich installierte Leistung lag Ende 2025 bei rund 68 Gigawatt.

Dieser Rückstand beim Netzausbau erklärt zu weiten Teilen, warum Abregelungen stattfinden und warum negative Strompreise zunehmen: Die erzeugte Energie findet keinen Weg zu den Verbrauchern. Reiche selbst hat in neueren Statements, die ihrem FAZ-Beitrag zeitlich nachfolgen, signalisiert, dass die Windenergie einen zusätzlichen Boost von bis zu zwölf Gigawatt bis 2030 erhalten solle, und betont, dass der Zubau systemdienlich erfolgen müsse. Diese Rhetorik ist begrüßenswert, aber sie steht im Widerspruch zur gleichzeitigen Praxis, Einspeisevergütungen für Photovoltaik zu beschneiden und den Gaskraftwerksausbau in den Vordergrund zu stellen.

Das eigentliche Signal an Investoren und Netzplaner müsste lauten: Netzausbau und erneuerbare Erzeugung müssen synchronisiert werden, nicht sequenziell behandelt. Solange das Netz hinterherhinkt, entstehen Kosten – nicht als Folge zu vieler Erneuerbarer, sondern als Folge unzureichender Systemkoordination. Ein strategisch kohärenter Ansatz würde Netzplanung und Ausbauziele bereits im Planungsprozess parallelisieren, statt den Ausbau erneuerbarer Energien der Infrastrukturträgheit anzupassen.

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Strompreise und Wettbewerbsfähigkeit: Ein komplexeres Bild

Reiche hat die Senkung der Strompreise als zentrales wirtschaftspolitisches Ziel definiert – und damit einen Nerv in der deutschen Industrie getroffen. Der Industriestrompreis in Deutschland lag 2025 bei rund 18,75 Cent pro Kilowattstunde (inklusive Stromsteuer). Im internationalen Vergleich sind die Preise für große Industriekunden in den USA, Frankreich und China mit 6 bis 9 Cent pro Kilowattstunde deutlich niedriger. Frankreichs günstige Kernenergiepreise und staatlich gedeckelte Tarife für Industriekunden bedeuten strukturell geringere Energiekosten für energieintensive Branchen.

Dieser Wettbewerbsdruck ist real und muss politisch ernst genommen werden. Die Bundesregierung plant ab 2026 einen staatlich subventionierten Industriestrompreis für 91 Wirtschaftsbereiche – eine kurzfristige Entlastungsmaßnahme, die jedoch das strukturelle Problem nicht löst. Langfristig gilt, was mehrere unabhängige Analysten und Verbände übereinstimmend feststellen: Nur der massive Ausbau heimischer erneuerbarer Energien kann die Strompreise in Deutschland dauerhaft senken, weil er die Importabhängigkeit bei Erdgas reduziert und damit den volatilsten und teuersten Einflussfaktor auf den Strompreis verringert. Ein beschleunigter Ausbau von Wind und Solar ist damit nicht nur Klimapolitik, sondern die effizienteste Form industriepolitischer Standortsicherung.

Hinzu kommt, dass dynamische Stromtarife ein bereits heute wirkungsvolles Instrument sein können: Die Bundesnetzagentur hat modelliert, dass dynamische Tarife seit April 2025 durchgängig unter Fixpreistarifen lagen – selbst ohne Verhaltensänderungen oder Lastverschiebungen durch Verbraucher. Die Differenz entsteht in Stunden hoher erneuerbarer Einspeisung, wenn die Spotmarktpreise fallen. Für Industrieunternehmen mit flexiblen Produktionsprozessen bietet das bereits heute erhebliches Einsparpotenzial – wenn die technische Infrastruktur in Form von Smart Metern und steuerbaren Verbrauchseinrichtungen vorhanden ist.

Der Rückkopplungseffekt: Fossiler Ausbau verhindert Systemintegration

Die strategische Tiefendimension der Reiche-Debatte liegt im Rückkopplungseffekt fossiler Energiepolitik auf die Systemintegration. Wenn staatliche Investitionen und politische Prioritäten auf Gaskraftwerke ausgerichtet werden, fehlen finanzielle und regulatorische Kapazitäten für Speicherausbau, Smart-Grid-Infrastruktur und Flexibilisierung. Dieser Verdrängungseffekt ist nicht trivial: Jeder Euro, der in Reservekraftwerke mit fossiler Technologie fließt, fehlt bei den Investitionen, die das System dauerhaft preiswerter, resilienter und unabhängiger machen würden.

Das wirtschaftliche Kalkül ergibt sich nüchtern: Solarenergie in Kombination mit Batteriespeichern weist heute die niedrigsten Stromgestehungskosten unter allen Erzeugungstechnologien auf. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat wiederholt bestätigt, dass neue Solar- und Windprojekte in den meisten Ländern günstiger als Neubauten fossiler oder nuklearer Kraftwerke sind. Das strukturelle Argument für den Ausbau erneuerbarer Energien ist damit nicht mehr primär ökologisch, sondern ökonomisch: Es ist die preislich günstigste Erzeugungsoption – vorausgesetzt, das System verfügt über die nötige Flexibilität, um Schwankungen zu absorbieren.

Cleanthinking-Herausgeber Jendrischik formuliert den Kern-Einwand treffend: Reiche torpediere die Bürger-Energiewende und all das, was als systemische Flexibilität bezeichnet werden müsste. Marktakteure versicherten, dass über virtuelle Kraftwerke ebenfalls gesicherte Leistung erbracht werden könne – eine Marktchance erhalten sie unter der aktuellen Regierungspolitik jedoch nicht. Die Überbauung von Netzknotenpunkten durch kombinierte Wind- und Solaranlagen – die kaum zeitgleich ihre Maximalleistung erreichen – und die damit verbundenen Einsparpotenziale beim Netzbau auf allen Ebenen bleiben systematisch ungenutzt.

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Geopolitische Dimension: Neue Abhängigkeiten statt echter Diversifizierung

Ein weiterer Aspekt von Reiches Energiepolitik verdient kritische Betrachtung: die Strategie zur Gasversorgungssicherheit. Inmitten einer Krise, die durch fossile Importabhängigkeit entstanden ist, strebt Reiche langfristige Gaslieferverträge mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko an. Das Ziel lautet Diversifizierung – die Wirkung ist hingegen eine Verlagerung der Abhängigkeit: statt von Russland nun von anderen fossilen Exporteuren mit eigenen geopolitischen Interessen und Risiken.

Der Unterschied zwischen echter Energiesouveränität und strategischer Diversifizierung liegt genau an diesem Punkt: Echte Souveränität entsteht durch heimische erneuerbare Erzeugung, die nicht importiert werden muss und deren Preisbildung nicht von Exportländern beeinflusst wird. Diversifizierung fossiler Importe ist eine Risikominderung – aber keine strukturelle Lösung. Der geopolitische Rückversicherungswert erneuerbarer Energien, der sich im Angriffskrieg gegen die Ukraine auf volkswirtschaftlich messbare Weise gezeigt hat, wird in Reiches Kostenkalkulation systematisch nicht bewertet.

Das Argument für erneuerbare Energien ist eben nicht nur ökologisch und nicht nur ökonomisch – es ist geostrategisch. Energie, die im Inland erzeugt wird, unterliegt keinem Sanktionsrisiko, keinen Exportstopps und keiner Preiswillkür eines Drittstaates. In einer Welt, in der Energieversorgung zunehmend als Instrument geopolitischer Einflussnahme eingesetzt wird, ist Energieautonomie eine Form von Sicherheitspolitik. Dieser Aspekt fehlt in Reiches FAZ-Beitrag vollständig.

Was eine zukunftsfähige Energiepolitik leisten müsste

Die Kritik an Reiches Kurs impliziert keine Forderung nach blinder Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien ohne Rücksicht auf Systemkosten. Eine strategisch kohärente Energiepolitik müsste vielmehr drei Dimensionen gleichzeitig adressieren:

Erstens müssen erneuerbare Energien weiter zügig ausgebaut werden. Nicht weil Klimaschutzziele es erfordern – obwohl das ein legitimes Argument ist –, sondern weil erneuerbare Energie heute die günstigste Erzeugungsoption ist und Deutschland von fossilen Importen in Höhe von 76 Milliarden Euro pro Jahr befreit. Deutschland hat 2025 den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch auf 55,1 Prozent gesteigert. Das ist ein Fundament, das nicht leichtfertig durch politische Kurswechsel beschädigt werden sollte.

Zweitens müssen Netzausbau und Systemintegration mit derselben Dringlichkeit behandelt werden wie der EE-Zubau selbst. Das bedeutet: deutlich mehr Tempo bei Planung und Bau von Übertragungsleitungen, konsequente Verantwortung der Netzbetreiber für aktives Engpassmanagement, und Speicher als systemdienliche Infrastruktur, nicht als privatwirtschaftliches Randprodukt. Die 3,1 Milliarden Euro Netzengpassmanagement-Kosten pro Jahr sind kein unvermeidliches Naturgesetz – sie sind das Ergebnis von Investitionsrückständen, die politisch gesetzt wurden.

Drittens müssen Flexibilitätsmechanismen konsequent skaliert werden. Smart Meter sind nicht ein technisches Detail – sie sind das Herzstück eines intelligenten, preissignalresponsiven Energiesystems. 3,8 Prozent Marktdurchdringung im Jahr 2025, während der EU-Durchschnitt bei 63 Prozent liegt, ist kein akzeptabler Zustand für ein Land, das in der Energiewende führen will. Dynamische Tarife müssen von Nischenangeboten zu Marktstandards werden, §-14a-Potenziale konsequent genutzt und Industrieflexibilität aktiv in den Strommarkt integriert werden.

Die eigentliche Selbsttäuschung

Katherina Reiche hat ihren FAZ-Gastbeitrag unter dem Titel „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik“ veröffentlicht. Der Titel trifft zu – aber nicht in der von ihr gemeinten Richtung. Die eigentliche Selbsttäuschung liegt darin, ein Integrationsproblem als Erzeugungsproblem zu behandeln, ein Systemkostenproblem ohne seine fossile Gegenseite zu bilanzieren und die strategische Lösung – Speicher, Flexibilität, Netzausbau – mit der Krisenursache – fossile Abhängigkeit, Importkosten, Lock-in-Effekte – zu verwechseln.

Die Energiepolitik Deutschlands steht an einem echten Scheideweg. Die Entscheidung, an diesem Scheideweg die richtige Abzweigung zu nehmen, erfordert ehrliche Zahlen auf beiden Seiten der Kostenbilanz, eine klare Analyse der Kausalitäten und den Mut, systemische Lösungen gegenüber kurzfristigen Symptombehandlungen zu priorisieren. Eine Wirtschaftsministerin, die von ihrer Expertise aus der Netz- und Gaswirtschaft kommt, bringt die Fähigkeit mit, Systemkosten zu verstehen. Was fehlt, ist der politische Wille, aus dieser Expertise die richtigen Schlüsse zu ziehen: nicht Erzeugung bremsen, sondern Systemfähigkeit beschleunigen. Nicht neue fossile Abhängigkeiten aufbauen, sondern bestehende überwinden. Nicht Symptome managen, sondern Strukturen transformieren.

Ökonomisch gesehen ist das nicht Ideologie – es ist rationales Handeln unter Unsicherheit, mit dem Blick auf langfristige Kosten und Risiken statt kurzfristiger Systemoptimierung auf Kosten kommender Generationen.

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