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Warum der Brexit krachend scheiterte – 10 Jahre nach dem Schock: Plant Großbritannien die heimliche Rückkehr in die EU?

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Veröffentlicht am: 20. Juni 2026 / Update vom: 20. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Warum der Brexit krachend scheiterte – 10 Jahre nach dem Schock: Plant Großbritannien die heimliche Rückkehr in die EU?

Warum der Brexit krachend scheiterte – 10 Jahre nach dem Schock: Plant Großbritannien die heimliche Rückkehr in die EU? – Bild: Xpert.Digital

Historische Kehrtwende? 58 Prozent der Briten fordern das Ende des Brexits

„Katastrophaler Fehler“: So plant London den Weg zurück nach Europa

Das geplatzte Versprechen: Wie sich die Briten mit dem Brexit selbst zerstörten

Zehn Jahre nach dem historischen Referendum vom 23. Juni 2016 steht Großbritannien vor einem politischen und wirtschaftlichen Scherbenhaufen. Der Brexit, einst als glorreicher Befreiungsschlag und Rückgewinnung nationaler Souveränität gefeiert, hat sich als ökonomisches Milliardengrab und gesellschaftlicher Sprengsatz entpuppt. Statt der versprochenen Kontrolle über die Grenzen erlebte das Königreich ein ungelöstes Migrationschaos, gepaart mit einer chronischen Wachstumsschwäche, abstürzenden Investitionen und massiven neuen Handelsbarrieren. Nun, eine Dekade später, kippt die Stimmung auf der Insel gewaltig: Eine klare Mehrheit der Briten wünscht sich die Rückkehr in die Europäische Union, und selbst hochrangige Politiker brechen das lange gehütete Brexit-Tabu. Doch der Weg zurück nach Europa ist steinig, die geopolitischen Fronten sind verhärtet und die Bedingungen aus Brüssel wären hart. Eine Bilanz über eine verlorene Dekade, das Erbe des Populismus und die Frage, ob der historische Fehler des Brexits tatsächlich wieder rückgängig gemacht werden kann.

Brexit-Reue: Zurück nach Europa? Zehn Jahre verlorene Dekade oder Aufbruch zur historischen Kehrtwende?

Wer das politische Epizentrum des populistischen Weltbebens verstehen will, muss den Blick nach London richten – und auf den 23. Juni 2016. An jenem Donnerstag stimmten 51,9 Prozent der britischen Wähler für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union. Es war das erste Mal, dass ein Mitgliedstaat in der Geschichte der europäischen Integration die Reißleine zog. Und es war, entgegen der landläufigen Meinung, kein Unfall. Es war die geballte Entladung eines jahrzehntelang angestauten Zorns, der sich gegen Globalisierungsgewinner, politische Eliten und eine als ferngesteuert wahrgenommene Brüsseler Bürokratie richtete.

Der Schock saß tief – in Brüssel ebenso wie in den europäischen Hauptstädten. Vier Monate später wählten die Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten, der sich im Wahlkampf bewusst als „Mr. Brexit“ inszeniert hatte. Was in Großbritannien begann, wurde zum Exportprodukt: die politische Blaupause für einen nationalistischen Backlash, der seither die westlichen Demokratien erschüttert. Nicht nur Trump übernahm den Brexit-Gestus, sondern Politiker von Alice Weidel in Deutschland bis zu Giorgia Meloni in Italien. „Take back control“ – das Versprechen der Brexit-Kampagne – wurde zur globalen Parole der Populisten.

Zehn Jahre nach dem Referendum ist die Frage aktueller denn je: War der Brexit ein historischer Fehler? Und wenn ja – kann er rückgängig gemacht werden?

Brüchige Fundamente: Warum 52 Prozent ein schwaches Mandat waren

Das Abstimmungsergebnis fiel mit 52 zu 48 Prozent denkbar knapp aus. Nicht einmal Boris Johnson und Nigel Farage, die an der Spitze der „Vote Leave“-Kampagne standen, glaubten am Vorabend daran, dass sie gewinnen könnten. Meinungsforscher erklären den Sieg von „Vote Leave“ vor allem damit, dass viele ältere Briten für den Brexit stimmten, während ein erheblicher Teil der jüngeren Generation schlicht zu Hause blieb.

Diese demografische Schieflage hatte weitreichende Konsequenzen: Schon im Jahr 2019 berechneten Analysten, dass ein neues Referendum allein aufgrund der Bevölkerungsentwicklung – verstorbene ältere Brexit-Wähler auf der einen Seite, nachgewachsene jüngere EU-Befürworter auf der anderen – zu einem anderen Ergebnis führen würde. Der Tipping Point war längst überschritten, bevor das erste Post-Brexit-Handelsabkommen in Kraft trat. Heute ist der demografische Wandel einer der entscheidenden Faktoren hinter der wachsenden Mehrheit für einen Wiedereintritt. Viele ältere Brexit-Wähler sind gestorben, viele jüngere Briten denken proeuropäisch.

Und dennoch wäre es zu einfach, den Brexit als bloßes demografisches Missverständnis abzutun. Die tieferliegenden gesellschaftlichen Bruchlinien, die das Votum erst möglich machten, sind bis heute nicht überwunden. Sara Hobolt, Politologin an der London School of Economics, beschreibt in ihrer Studie „Tribal Politics: How Brexit Divided Britain“, dass sich viele Briten noch immer primär als „Remainer“ oder als Anhänger von „Vote Leave“ definieren. Der Brexit ist weniger eine politische Entscheidung als eine kollektive Identität geworden.

Die Bilanz der verlorenen Dekade: Was der EU-Austritt wirklich kostete

Zehn Jahre nach dem Referendum lässt sich die ökonomische Bilanz des Brexits mit einer Schärfe ziehen, die zu Beginn noch hinter politischen Nebelkerzen verborgen war. Ökonomen der Eliteuniversität Stanford haben in einer vielbeachteten Analyse errechnet, dass das britische Bruttoinlandsprodukt um sechs bis acht Prozent höher läge, wenn das Königreich in der EU verblieben wäre. Die Investitionen seien durch den Brexit um bis zu 18 Prozent gesunken, die Beschäftigung und Produktivität um bis zu vier Prozent. Das Office for Budget Responsibility (OBR) rechnet langfristig mit 15 Prozent niedrigeren Importen und Exporten im Vergleich zu einem hypothetischen Verbleib in der EU.

Diese erheblichen negativen Auswirkungen sind laut den Forschern auf eine Kombination aus erhöhter Unsicherheit, rückläufiger Nachfrage, zusätzlichem Zeitaufwand für das Management und einer verstärkten Fehlallokation von Ressourcen infolge des langwierigen Brexit-Prozesses zurückzuführen. Bereits zwischen 2021 und 2023 sanken die britischen Warenexporte in die EU um 27 Prozent, während die Importe aus EU-Staaten um 32 Prozent zurückgingen. Die British Chambers of Commerce beziffern den Rückgang der Dienstleistungsexporte in EU-Märkte auf 15,8 Prozent.

Unmittelbar nach dem Referendum hatte Bloomberg die akkumulierten Brexit-Kosten bis Ende 2019 auf bereits 130 Milliarden Pfund beziffert – mit einem prognostizierten Anstieg auf 200 Milliarden Pfund bis Ende 2020. Diese frühen Schätzungen erwiesen sich als konservativ. Allerdings ist die vollständige Isolation des Brexit-Effekts methodisch komplex: Die Covid-19-Pandemie 2020, der Energiepreisschock infolge des russischen Angriffskrieges ab 2022 und eine hartnäckige Inflation überlagerten die Brexit-Effekte und erschwerten eine präzise Zurechnung. Dennoch ist das wirtschaftliche Bild unter dem Strich klar: Großbritannien hat durch den EU-Austritt auf enormes Wachstumspotenzial verzichtet.

Für 2025 wird dem Vereinigten Königreich zwar ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent attestiert – das zweitstärkste innerhalb der G7 hinter den USA –, doch das verdeckt eine chronische Produktivitätsschwäche, die sich durch alle Sektoren zieht. Die British Chambers of Commerce stellen fest, dass 54 Prozent der befragten exportorientierten Unternehmen angeben, das Handels- und Kooperationsabkommen mit der EU (TCA) habe ihnen nicht dabei geholfen, ihr Geschäft wachsen zu lassen. Rund zwei Drittel dieser Unternehmen berichten von gestiegenem Verwaltungsaufwand durch Ursprungsnachweise, Zollformalitäten und unterschiedliche regulatorische Anforderungen.

Das geplatzte Versprechen: Wie die Einwanderungsfrage ins Gegenteil kippte

Das wohl emotionalste Versprechen der Brexit-Kampagne lautete, die unkontrollierte Einwanderung zu beenden. Dieses Versprechen wurde zumindest in seiner ursprünglichen Absicht spektakulär gebrochen. Der Brexit habe die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus der EU in Großbritannien erheblich verringert, gleichzeitig aber die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Ländern erheblich erhöht. Unter dem Strich ist die Gesamtzahl der im Königreich lebenden Arbeitnehmer ausländischer Herkunft heute höher, als sie es ohne Brexit gewesen wäre.

Erst unter dem anhaltenden politischen Druck durch Reform UK begann die Labour-Regierung unter Keir Starmer ab 2025 mit einer deutlichen Verschärfung der Migrationsregeln. Im Jahr 2025 sank die Nettozuwanderung nach Großbritannien auf 171.000 – ein Rekordtief seit 2012. Doch der Schaden für die öffentliche Wahrnehmung ist kaum zu reparieren: Viele Briten assoziieren den Brexit noch immer mit einem unerfüllten Versprechen, das die Einwanderung zwar umstrukturierte, aber nicht reduzierte. Hinzu kommt, dass der Brexit die Rückführung von illegal über den Ärmelkanal eingereisten Bootsflüchtlingen in EU-Staaten enorm erschwert hat, was politisch erhebliche Sprengkraft entfaltet.

Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst die Migration nach dem Brexit prägnant zusammen: Der Brexit beendete die Freizügigkeit für EU-Bürger im Vereinigten Königreich zum 31. Dezember 2020, führte aber zu einer veränderten – nicht reduzierten – Zusammensetzung der Zuwanderung. Das paradoxe Ergebnis: Wer „die Kontrolle zurückgewinnen“ wollte, erhielt stattdessen ein komplizierteres Migrationsregime, das weder die öffentliche Meinung noch die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landes befriedigte.

Der Meinungsumschwung: Wenn Mehrheiten Fehler eingestehen

Die öffentliche Meinung in Großbritannien hat sich in den vergangenen Jahren fundamental gewandelt. Laut einer YouGov-Umfrage vom April 2026 würden 53 Prozent der britischen Wähler für einen Wiedereintritt in die EU votieren. Eine Umfrage des Ipsos-Instituts kommt sogar auf 58 Prozent für eine Rückkehr. Im Schnitt sprechen sich nach Erhebungen vom Februar 2026 rund 56 Prozent der Briten für einen Wiedereintritt aus.

Fast zwei Drittel der britischen Bevölkerung wünschen sich engere Beziehungen zur EU – eine Haltung, die parteiübergreifend verbreitet ist und sogar bei ehemaligen Leave-Wählern auf 60 Prozent Zustimmung trifft. Die Frage nach einem konkreten Referendum bleibt jedoch heikel: Viele Briten sehen zwar den Brexit als Fehler, sind aber nicht überzeugt, dass ein neues Referendum in naher Zukunft stattfinden sollte.

Bemerkenswert ist auch, wo dieser Meinungsumschwung politisch sichtbar wird. Noch im Jahr 2022 stimmten laut einer WELT-Analyse 53 Prozent der Briten für eine EU-Rückkehr, bei Jüngeren unter 35 waren es sogar 77 Prozent. Die politische Identität als „Remainer“ oder „Leaver“ überlagert dabei nach wie vor die konventionellen Parteilinien – was eine parlamentarische Mehrheit für ein neues Referendum erschwert.

 

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Brexit‑Folgen zehn Jahre danach: Warum die populistischen Wunden tiefer sind als angenommen

Politisches Vakuum: Von Starmer zu Burnham und der Schatten von Farage

Die innenpolitische Lage Großbritanniens ist zum Zeitpunkt dieser Analyse turbulent. Premierminister Keir Starmer, der die Parlamentswahlen 2024 mit einem erdrutschartigen Sieg für Labour gewann, befindet sich nach nur zwei Jahren im Amt in einer tiefen politischen Krise. Das unter einer chronischen Wachstumsschwäche leidende Königreich lässt sich nicht aus der Dauerkrise führen, und Starmer wird das Scheitern angelastet.

Sein wahrscheinlicher Nachfolger innerhalb der Labour-Partei, Manchester-Bürgermeister Andy Burnham, wäre der siebte Premierminister in zehn Jahren. Burnham hat sich ungewöhnlich klar positioniert und erklärt, er wünsche sich, dass Großbritannien noch zu seinen Lebzeiten wieder der EU beitrete – ohne dabei allerdings ein sofortiges zweites Referendum zu fordern. Gesundheitsminister Wes Streeting, der aus Protest gegen Starmers zögerlichen Europa-Kurs zurückgetreten ist, nennt den Brexit einen „katastrophalen Fehler“, den er als Premierminister korrigieren würde.

Das sind in der britischen Politik ungewöhnlich offene Töne. Lange war es in London politisches Tabu, die alten Brexit-Wunden wieder aufzureißen – zu schmerzhaft und traumatisch waren die Erinnerungen an die erbittert geführte Kampagne. Doch ausgerechnet zum zehnten Jahrestag des Brexits bricht dieses Tabu.

Im Hintergrund lauert der Rechtspopulist Nigel Farage, dessen Reform-UK-Partei die britischen Umfragen seit Monaten mit rund 30 Prozent anführt. Der britische Wirtschaftsminister Peter Kyle warnte ausdrücklich vor den Gefahren, die eine Regierungsübernahme der Rechtspopulisten für das Land bedeuten würde. Das paradoxe Ergebnis der Brexit-Dekade: Ausgerechnet der Mann, der 2016 für den EU-Austritt kämpfte, profitiert nun vom anhaltenden Chaos dieses Austritts – und meidet dabei selbst das Thema, das ihn groß gemacht hat.

Die Kosten der Rückkehr: Was Brüssel von London verlangen würde

Eine EU-Rückkehr Großbritanniens wäre alles andere als kostenlos oder unkompliziert. Der letzte britische EU-Kommissar Julian King hat klargestellt, dass Großbritannien bei einem Wiedereintritt auf den Haushaltsrabatt verzichten müsste, den Margaret Thatcher 1984 herausgehandelt hatte. Das bedeutete jährliche Mehrzahlungen von mindestens fünf Milliarden Euro. Hinzu kämen strukturelle Beitragszahlungen als eine der größten Volkswirtschaften Europas.

Doch das ist nur die finanzielle Dimension. Politisch würde ein Wiedereintritt bedeuten, dass Großbritannien die vier Grundfreiheiten des EU-Binnenmarkts – freier Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr – vollständig akzeptieren müsste, einschließlich der Personenfreizügigkeit. Genau diese Freizügigkeit war 2016 ein Hauptmotiv der Leave-Wähler. Noch im Juni 2026 ergab eine YouGov-Umfrage, dass fast 60 Prozent der Briten nicht bereit wären, eine geringere britische Kontrolle über Gesetze und Vorschriften als Teil einer künftigen Vereinbarung zur Vertiefung der wirtschaftlichen Integration mit der EU zu akzeptieren.

Darüber hinaus würde Großbritannien bei einem formellen Beitrittsverfahren nach Artikel 49 des EU-Vertrags wie jeder andere Beitrittsstaat behandelt – ohne die früheren Sonderregelungen (kein Schengen-Beitritt, kein Euro), die das Land in seiner früheren Mitgliedschaft genoss. Michael Heseltine, der konservative Europabefürworter und langjährige britische Politiker, prophezeite bereits vor Jahren: Es brauche eine Generation, um die Brexit-Wunden zu heilen – und zwar auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Der Weg zurück ist kein Sprint, er ist ein Marathon-Hindernislauf.

Die Annäherung als Vorstufe: Reset statt Rückkehr

Statt eines formellen Wiedereintrittsantrags zeichnet sich für die nächsten Jahre ein schrittweiser, pragmatischer Reset der Beziehungen ab. Dieser Kurs wurde auf dem EU-UK-Gipfel am 19. Mai 2025 in London eingeleitet, der erste Gipfel dieser Art seit dem Brexit. Unterzeichnet wurden ein Sicherheits- und Verteidigungspakt, eine Solidaritätserklärung sowie Vereinbarungen zu Handel, Fischerei und Jugendmobilität.

Großbritannien erklärte sich bereit, seine Gewässer nach Ablauf des derzeitigen Fischereiabkommens im Jahr 2026 für zwölf weitere Jahre für europäische Fischer offen zu halten. Im Gegenzug lockert die EU die Bürokratie für britische Lebensmittelimporte auf unbestimmte Zeit. Im Bereich Verteidigung und Sicherheit – besonders angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine – ist die Zusammenarbeit zwischen der EU und Großbritannien ohnehin bereits deutlich enger geworden, wenn auch zunächst auf Ad-hoc-Basis.

Der Oxford-Historiker Timothy Garton Ash weist jedoch auf eine strukturelle Schwäche der britischen Debatte hin: Während in London leidenschaftlich darüber diskutiert wird, was für Großbritannien wirtschaftlich am besten wäre, bleibe Europa selbst weitgehend außen vor. Was der Rest Europas denkt oder was ihm wichtig ist, werde kaum berücksichtigt. Das ist ein fundamentales Problem: Ein Wiedereintritt braucht die Zustimmung aller 27 EU-Mitgliedstaaten – und deren Bevölkerungen haben durch den Brexit verlorenes Vertrauen investiert.

Der populistische Ursprung: Was der Brexit wirklich freigesetzt hat

Der Brexit war kein singuläres Ereignis, sondern das erste und bislang deutlichste Symptom einer tiefer liegenden gesellschaftlichen Erosion. In den vier Monaten der Brexit-Kampagne wurden Phänomene sichtbar und hörbar, die seither die westliche Politik prägen: Der Zorn der politisch Vergessenen und wirtschaftlich Zurückgelassenen auf die Globalisierung, die Zweifel am Wahrheitsgehalt von Fakten und an der Wahrhaftigkeit von Experten, die Angst vor Masseneinwanderung, ein nationalistisches „Wir zuerst“-Denken sowie der massenhafte Einsatz von Bots in sozialen Medien zur Meinungsmanipulation.

All das entlud sich zuerst im Brexit-Votum und wurde danach zum Markenzeichen einer ganzen Epoche. „Vote Leave“ war das Ventil für einen Massenprotest gegen politische Verhältnisse, gegen die viele Bürger aufbegehrten, weil sie das Gefühl hatten, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Dasselbe Gefühl, dasselbe Vokabular und dieselbe politische Dynamik lassen sich heute in Deutschland (AfD), Frankreich (Rassemblement National), Italien (Fratelli d’Italia) und in den USA (Trump) beobachten.

Entscheidend ist: Die strukturellen Ursachen, die 2016 zum Brexit-Votum führten, sind bis heute nicht beseitigt. Weder die ungleiche regionale Wirtschaftsentwicklung noch die Entfremdung ganzer Bevölkerungsgruppen von der politischen Klasse noch das Gefühl kultureller Überforderung wurden durch den Brexit gelöst – im Gegenteil. Dieser Befund hat direkte Konsequenzen für jede Diskussion über einen Wiedereintritt: Eine Rückkehr in die EU, die nicht von einer tiefgreifenden politischen Erneuerung begleitet wird, wäre politisch kaum vermittelbar und würde die populistischen Kräfte nur weiter nähren.

Die geopolitische Dimension: Großbritannien als unverzichtbarer europäischer Anker

Jenseits der ökonomischen Debatte gibt es eine zweite, strategisch ebenso bedeutsame Ebene: die geopolitische. Wenn man die Entwicklung der nächsten zwanzig Jahre betrachtet – eine Welt konkurrierender Großmächte mit einem militärisch aggressiven Russland, einem wirtschaftlich aggressiven China und einem Amerika, das sein transatlantisches Engagement nach 1945 nicht vollständig aufrechterhalten wird –, dann ist es offenkundig, dass die beste Option für eine Mittelmacht wie Großbritannien darin besteht, Teil eines größeren Bündnisses von Ländern zu sein, die weitgehend dieselben Interessen und Werte teilen.

Das gilt auch in umgekehrter Richtung: Für die EU wäre es ein erheblicher strategischer Gewinn, Großbritannien mit seiner liberalen Demokratietradition, seiner Innovationskraft, seinem globalen Finanzzentrum London und vor allem seiner beachtlichen militärischen Stärke wieder in den Verbund zu integrieren. Das Land verfügt über Atomwaffen, einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat und eines der schlagkräftigsten Militärs Europas – Ressourcen, die einer erweiterten europäischen Sicherheitsarchitektur fehlen.

Napoleons Credo, dass die Geografie eines Landes sein Schicksal bestimmt, hat nichts von seiner geopolitischen Gültigkeit verloren. Der Brexit war ein Versuch, sich darüber hinwegzusetzen – und er ist nach zehn Jahren kläglich gescheitert. Die Annäherung beim EU-UK-Gipfel 2025 war ein erster Schritt, diesen historischen Fehler zumindest in Teilen zu korrigieren. Ob daraus ein vollständiger Wiedereintritt wird, liegt an politischen Entscheidungen, die erst in den 2030er Jahren fallen werden.

Signalwirkung für die Weltordnung: Was ein Rejoining bedeuten würde

Eine Rückkehr Großbritanniens in die EU wäre mehr als ein nationales politisches Ereignis – es wäre ein globales Signal. Der alte Kontinent, den sowohl die USA als auch China längst in die zweite Reihe verwiesen haben, würde sich mit einem kraftvollen Ausrufezeichen auf der Weltbühne zurückmelden. Eine erweiterte, gestärkte und sicherheitspolitisch gefestigte EU wäre ein anderer Akteur im Wettbewerb der Großmächte als die fragmentierte, von internen Populisten schwankende Union der vergangenen Jahre.

Es wäre zugleich ein weltweites Signal gegen die Geister des populistischen Nationalismus, die der Brexit 2016 gerufen hat. Autokraten wie Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping, die auf das machtpolitische Kalkül „Spalte und herrsche“ setzen, würden eine fundamentale Herausforderung ihrer Weltsicht erleben: dass Kooperation stärker ist als Abschottung, dass multilaterale Bindungen nicht Souveränität kosten, sondern sie erst effektiv machen.

Doch dieser historische Moment ist noch nicht erreicht. Die Narben des Brexits sind tief, das Misstrauen auf beiden Seiten des Ärmelkanals erheblich. Die Hälfte der in Umfragen befragten Briten plädiert für eine Volksabstimmung nach den nächsten Parlamentswahlen 2029 – die zum eigentlichen Showdown zwischen europhilen Rückkehrwilligen und den Kräften der Abschottung werden könnte. Bis dahin bleibt die Frage, ob das Königreich nach einer Dekade auf Abwegen den Weg zurück zur Vernunft – und nach Europa – findet, die wohl drängendste geopolitische Frage des kommenden Jahrzehnts auf dem europäischen Kontinent.

 

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