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Die maritime Industrie als Wachstumsmotor Norddeutschlands: Gegen den Trend – Eine Branche wächst, wenn andere schrumpfen

Die maritime Industrie als Wachstumsmotor Norddeutschlands: Gegen den Trend – Eine Branche wächst, wenn andere schrumpfen

Die maritime Industrie als Wachstumsmotor Norddeutschlands: Gegen den Trend – Eine Branche wächst, wenn andere schrumpfen – Bild: Xpert.Digital

Vom Sorgenkind zum Jobwunder: Wie die geopolitische Wende unsere Küsten verändert

Rheinmetall, TKMS & Co.: Deutschlands Werften werden zum neuen Wirtschaftsmotor

U-Boote, Drohnen & Windkraft: Das unglaubliche Comeback der deutschen Werften

Während weite Teile der deutschen Industrie mit Stellenabbau, schrumpfenden Umsätzen und strukturellen Krisen kämpfen, schreibt der Norden der Republik eine völlig andere ökonomische Geschichte. Die maritime Wirtschaft und insbesondere der deutsche Schiffbau erleben derzeit einen historischen Boom. Getrieben von der geopolitischen Zeitenwende, dem massiven Ausbau der Offshore-Windenergie und einer strategischen industriepolitischen Neuausrichtung platzen die Auftragsbücher der Werften aus allen Nähten. Unternehmen wie ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS), Rheinmetall oder die Neptun Werft vermelden Rekordzahlen und suchen händeringend nach Tausenden neuen Fachkräften. Doch das beispiellose Wachstum bringt nicht nur Wohlstand an die Küsten, sondern birgt auch systemische Risiken: Akuter Fachkräftemangel, ethische Dilemmata durch milliardenschwere Rüstungsaufträge und die harte Konkurrenz aus Asien stellen die Branche vor gewaltige Herausforderungen. Eine umfassende Analyse darüber, wer von diesem Goldrausch wirklich profitiert – und wie nachhaltig der maritime Aufschwung tatsächlich ist.

Während andere Branchen schrumpfen, erlebt der deutsche Schiffbau einen historischen Boom – doch wer profitiert wirklich, und wo lauern die systemischen Risiken?

Die deutschen Werften und die breit aufgestellte maritime Wirtschaft schreiben derzeit eine ökonomische Ausnahmegeschichte. Während die deutsche Industrie insgesamt im Jahr 2025 einen Stellenabbau von 2,3 Prozent verkraften musste – in der Automobilbranche verschwanden allein 50.000 Arbeitsplätze, und die Industrieumsätze sanken innerhalb von zwei Jahren um fast fünf Prozent –, verzeichnete die maritime Industrie im selben Zeitraum ein Beschäftigungswachstum von 6,9 Prozent. Diese Entwicklung ist kein Zufall und kein Strohfeuer, sondern das Ergebnis struktureller Verschiebungen in der Geopolitik, der Energiepolitik und der verteidigungspolitischen Priorisierung auf nationaler wie europäischer Ebene.

Die Bundesregierung hat die Tragweite dieser Entwicklung erkannt. Auf der 14. Nationalen Maritimen Konferenz in Emden, die unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Friedrich Merz stattfand, präsentierte sie einen 15-Punkte-Plan für die Stärkung der Branche. Gleichzeitig soll ein 400-Millionen-Euro-Programm aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz Häfen und Schifffahrt gezielt stärken. Hinter diesen Zahlen steckt eine industriepolitische Neuausrichtung, die weit über bloße Subventionspolitik hinausgeht: Deutschland begreift seine maritime Wirtschaft zunehmend als systemrelevante Infrastruktur für die nationale Sicherheit, die Versorgungssicherheit und die wirtschaftliche Resilienz.

Zwischen Tradition und Transformation: Was die maritime Industrie ausmacht

Die maritime Wirtschaft Deutschlands ist eine außerordentlich heterogene Branche, die weit über den klassischen Schiffbau hinausreicht. Sie umfasst Werften für Handels-, Spezial- und Marineschiffe, die Schiffbauzulieferindustrie, Reedereien, Hafenbetreiber, Offshore-Technik für die Windenergie, Meeres- und Unterwassertechnologie sowie Forschung und Ausbildung. In ihrer gesamten Breite repräsentiert die maritime Industrie laut Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) rund 2.800 Unternehmen und etwas über 205.000 Beschäftigte. Berücksichtigt man die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfungskette, sicherte die maritime Wirtschaft bereits 2018 insgesamt 449.800 Arbeitsplätze mit einer direkten Wertschöpfung von 29,8 Milliarden Euro bei einem Umsatz von 86,3 Milliarden Euro.

Das Bundeswirtschaftsministerium schätzt das jährliche Umsatzvolumen der maritimen Wirtschaft auf bis zu 50 Milliarden Euro, mit bis zu 400.000 direkt oder indirekt abhängigen Arbeitsplätzen. Für eine Exportnation wie Deutschland, bei der etwa 95 Prozent des interkontinentalen Warenaustauschs über den Seeweg abgewickelt wird, ist diese Branche keine Nischenindustrie, sondern das Rückgrat des globalen Handels. Der maritime Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß (CDU), bringt es auf den Punkt: Die maritime Wirtschaft sei nicht nur enorm wichtig als Grundlage für den Warenexport, sondern sichere auch die Rohstoffversorgung und die Energieversorgung des Landes.

Dabei liegt die Stärke des deutschen Standorts nicht in der Massenproduktion standardisierter Containerschiffe – dieser Markt wird seit Jahrzehnten von ostasiatischen Werften, vor allem in China, Südkorea und Japan, dominiert. Deutschland hat sich auf hochwertige Spezialschiffe konzentriert: U-Boote, Fregatten, Korvetten, Kreuzfahrtschiffe, Flusskreuzfahrtschiffe, Eisbrecher, Forschungsschiffe und Offshore-Plattformen. Genau diese Segmente erleben gegenwärtig eine explosionsartige Nachfragesteigerung.

Der Auftragsrekord: Wenn volle Bücher zur strukturellen Herausforderung werden

Das Jahr 2024 markiert einen Wendepunkt für den deutschen Schiffbau. Deutsche Werften erhielten 2024 Aufträge in einem Gesamtwert, der höher war als die Aufträge der vier vorangegangenen Jahre zusammen. Im zivilen Schiffsneubau wurde mit einem Auftragseingang von rund 10,7 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch erzielt. Der Dachverband Sea Europe errechnete für Deutschland einen Auftragsbestand von 16,3 Millionen Compensated Gross Tonnage (CGT) für das Jahr 2024. Gleichzeitig stieg der Gesamtumsatz der maritimen Industrie um mehr als 15 Prozent, die zivilen Schiffsablieferungen legten sogar um über 20 Prozent zu.

Diese Rekordzahlen sind nicht allein auf den Rüstungsboom zurückzuführen, wenngleich dieser ein wesentlicher Treiber ist. Der zivile Schiffbau profitiert von der globalen Nachfrage nach Spezialfahrzeugen, während der Marineschiffbau von der geopolitischen Lage angetrieben wird. Parallel dazu öffnet sich mit dem massiven Ausbau der Offshore-Windenergie ein völlig neues industrielles Standbein für deutsche Werften, das in seiner wirtschaftlichen Tragweite bislang kaum vollständig erfasst wird.

Allerdings bringen volle Auftragsbücher auch Risiken mit sich. Laut einer Umfrage der IHK Nord sehen 63,7 Prozent der deutschen Werften den Fachkräftemangel als ihr größtes wirtschaftliches Risiko, gefolgt von der Arbeitskostenentwicklung (56,9 Prozent) und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (nahezu 99 Prozent). Die Diskrepanz zwischen Auftragslage und Personalkapazitäten ist die zentrale Engpassfrage der Branche in den kommenden Jahren.

TKMS und der U-Boot-Boom: Wismar als neues Herz des deutschen Marineschiffbaus

Kein Unternehmen verkörpert den aktuellen Aufschwung der deutschen Maritimindustrie so deutlich wie ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). Der nach eigenen Angaben weltweit führende Hersteller konventionell betriebener U-Boote – seit dem 1. Januar 2025 als eigenständige börsennotierte Gesellschaft von ThyssenKrupp abgespalten – meldete für das Geschäftsjahr 2024/25 ein weiteres Rekordjahr. Der Auftragsbestand liegt bei 18,2 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr (11,6 Milliarden Euro) entspricht. Der Umsatz stieg um 9,3 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro, der Nettogewinn kletterte auf 108 Millionen Euro.

Der Auftragseingang im Geschäftsjahr 2024/25 betrug 8,8 Milliarden Euro – fast sechsmal so viel wie im Vorjahr. Diese Zahlen speisen sich aus einer Reihe strategischer Großprojekte: der Nachbestellung von vier U-Booten im Rahmen des deutsch-norwegischen 212CD-Programms (Auftragsvolumen für die deutschen Einheiten allein: 4,7 Milliarden Euro), dem Bau des Forschungseisbrechers Polarstern II, dem Großauftrag für die Modernisierung von sechs 212A-U-Booten der Deutschen Marine sowie einem Exportauftrag über zwei weitere 218SG-U-Boote für Asien.

Das strategische Herzstück der Expansion ist der Standort Wismar. TKMS übernahm nach der Insolvenz der MV Werften das Gelände und baute es schrittweise zur Hybridwerft aus – einem Standort, der sowohl Unter- als auch Überwasserprojekte abwickeln kann. Am 5. Januar 2026 nahmen über 140 neue Mitarbeitende ihre Tätigkeit in Wismar auf, womit der Standort bereits auf über 400 Beschäftigte kam. Das erklärte Ziel: Bis Ende 2029 sollen bei entsprechender Auftragslage schrittweise bis zu 1.500 Arbeitsplätze entstehen. Bereits heute übersteigt die Nachfrage nach Stellen das Angebot deutlich – der technische Direktor von TKMS berichtete von über 30 Bewerbungen auf eine einzige ausgeschriebene Stelle in Wismar.

Die wirtschaftsgeografische Bedeutung dieser Entwicklung für Mecklenburg-Vorpommern – eines der strukturschwächsten Bundesländer – kann kaum überschätzt werden. Der Aufbau von 1.500 qualifizierten Industriearbeitsplätzen an einem Standort, der jahrelang mit Insolvenz und wirtschaftlichem Niedergang assoziiert war, ist ein strukturpolitischer Quantensprung. Und dieser Effekt vervielfacht sich: Für jeden direkten Werftarbeitsplatz entstehen durch den nachgelagerten Bedarf bei Zulieferern, Dienstleistern und der lokalen Wirtschaft nach gängiger Schätzung mindestens fünf weitere Arbeitsplätze.

Rheinmetall übernimmt Blohm+Voss: Hamburg rüstet sich für die maritime Zeitenwende

Der spektakulärste Eigentümerwechsel in der deutschen Werftenlandschaft der jüngsten Zeit vollzog sich in Hamburg. Der Rüstungskonzern Rheinmetall übernahm die Marinesparte der Bremer Lürssen-Gruppe mitsamt der Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss. Insgesamt zählt die neu akquirierte Gruppe rund 2.100 Beschäftigte. Der Kaufpreis, den Rheinmetall Anfang 2026 erstmals nannte, unterstreicht die strategische Bedeutung des Deals für den Konzern, der bislang primär als Hersteller von Panzern, Munition und Flugabwehrsystemen bekannt war.

Für Blohm+Voss bedeutet die Übernahme eine fundamentale strategische Neuausrichtung. Die Werft, die im Hamburger Hafen seit Generationen als Erkennungszeichen norddeutscher Industrietradition gilt, wird nun zum Herzstück einer maritimen Rüstungsoffensive. Rheinmetall suchte Anfang 2026 für seine Marine-Sparte mehr als 500 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Ingenieure, Physiker, aber auch Schweißer und andere Fachhandwerker. Rheinmetall-Chef Armin Papperger machte dabei deutlich: An allen Standorten, wo der Konzern eingestiegen sei, habe man das Personal deutlich erhöht.

Besonders aufschlussreich für die künftige technologische Ausrichtung ist das Drohnenprogramm. Blohm+Voss soll in Kooperation mit dem britischen Technologiepartner Kraken Technology Unmanned Surface Vehicles (USVs) produzieren – ferngesteuerte Überwasserdrohnen, die Geschwindigkeiten von bis zu 90 km/h erreichen und für Überwachungs-, Aufklärungs- und Kampfeinsätze ausgelegt sind. Geplant ist zunächst eine Produktion von rund 200 Drohnen pro Jahr, die bei entsprechender Nachfrage auf bis zu 1.000 Einheiten im Dreischichtbetrieb skaliert werden könnte, wobei bis zu 400 neue Stellen in Hamburg entstehen würden. Parallel entwickelt Rheinmetall vollständig autonome Drohnen für den militärischen Einsatz, was in der Hamburger Öffentlichkeit kontroverse Debatten über die ethischen Implikationen auslöst.

Diese Entwicklung fügt sich in einen größeren Trend ein: Blohm+Voss sei laut NDR-Einschätzung „wieder ein lupenreiner Rüstungskonzern“, wobei die geopolitische Lage dem Unternehmen einen unerwarteten Aufschwung beschere. Die Debatte darüber, ob dieser Aufschwung gesellschaftlich und ethisch ausreichend reflektiert wird, ist berechtigt und notwendig – sie schmälert aber nicht die ökonomische Realität einer Werft, die nach Jahren der Stagnation wieder auf Wachstumskurs ist.

Flensburg: Phönix aus der Asche des Windhorst-Debakels

Kaum ein Kapitel der jüngeren deutschen Werftgeschichte ist so dramatisch wie das der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG). Die traditionsreiche Werft – seit 150 Jahren Teil der Flensburger Industriegeschichte – erlebte unter dem Investor Lars Windhorst eine schleichende Erosion. Aufträge wurden nicht planmäßig abgewickelt, Lieferanten brachen die Zusammenarbeit ab, weil Rechnungen nicht bezahlt wurden. Die Belegschaft, die um die Jahrtausendwende noch über tausend Menschen (einschließlich Fremdfirmen) umfasste, wurde über die Jahre auf unter 300 ausgedünnt. Am 12. Dezember 2024 beantragte eine Krankenkasse die Insolvenz – nicht Windhorst selbst. Für die IG Metall war es nach eigenen Worten ein „Tag der Befreiung“.

Die Insolvenzverwalter handelten mit Tempo. Im Januar 2025 fand sich mit der Bremerhavener Heinrich-Rönner-Gruppe ein neuer Eigentümer, der auf Schiffbau und schweren Stahlbau spezialisiert ist. Als Kooperationspartnerin trat die australische Reederei SeaRoad auf, deren Fähre bereits auf der Werft im Bau war. Ab März 2025 konnte die Produktion wieder anlaufen – zunächst unter erheblichem Aufwand, denn Maschinen mussten gewartet, Gasanlagen instand gesetzt und Lieferantenbeziehungen mühsam reaktiviert werden. Im November 2025 ereignete sich dann der symbolträchtige Moment des Neubeginns: Ein Stapellauf nach dreieinhalb Jahren Pause – die RoRo-Fähre Searoad 1 lief erfolgreich vom Stapel.

Ende Januar 2025 beschäftigte die umbenannte FSG Shipyard GmbH 287 Mitarbeiter, darunter 19 Auszubildende. Weitere Einstellungen sind geplant, und Werftinhaber Thorsten Rönner zeigte sich zuversichtlich: Man sei optimistisch, im zweiten Jahr nach der Übernahme den endgültigen Turnaround zu erreichen. Im Februar 2026 startete mit dem Brennstart für eine 48 Meter lange schwimmende Technologieplattform für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) der erste echte Neubauauftrag nach der Insolvenz. Das Flensburger Fallbeispiel zeigt eindrücklich, wie unter den richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und mit qualifizierten Managern eine totgeglaubte Werft reanimiert werden kann.

NEPTUN WERFT Rostock: Vom Flusskreuzfahrtschiff zur Offshore-Infrastruktur

Weniger dramatisch in der Geschichte, aber nicht minder bedeutsam in der wirtschaftlichen Perspektive ist die Entwicklung der NEPTUN WERFT in Rostock-Warnemünde. Als Teil der MEYER-Gruppe seit 1997 hat sich das Unternehmen kontinuierlich weiterentwickelt und zählt heute mit mehr als 650 Mitarbeitenden zu den Marktführern im Bau von Flusskreuzfahrtschiffen. Mit der Einführung der 35-Stunden-Woche im Jahr 2024 setzte das Unternehmen ein arbeitsmarktpolitisches Zeichen in einer Branche, die um Fachkräfte kämpft.

Die eigentliche Wachstumsperspektive liegt jedoch in einem neuen Segment: dem Bau von Offshore-Konverterplattformen. Diese schwimmenden Umspannwerke sind kritische Infrastruktur für die Offshore-Windenergie: Sie wandeln den von Windturbinen auf See erzeugten Wechselstrom in Gleichstrom um, der sich mit wesentlich geringeren Verlusten über lange Strecken an Land übertragen lässt. Angesichts der ambitionierten deutschen Ausbauziele für Offshore-Wind – 30 Gigawatt bis 2030, 40 Gigawatt bis 2035 und 70 Gigawatt bis 2045 – ist der Bedarf an diesen Plattformen enorm.

Im Juni 2026 erhielt die NEPTUN WERFT von 50Hertz, einem der deutschen Übertragungsnetzbetreiber, einen Milliardenauftrag für den Bau wesentlicher Teile einer Offshore-Konverterplattform für die Nordsee. Das Gesamtvolumen der damit verbundenen Aufträge für Produktion und Dienstleistungen kann sich nach Angaben von 50Hertz auf rund 2,5 Milliarden Euro summieren, überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern. Mehr als 500 neue Arbeitsplätze sollen dadurch entstehen – bei den direkt beteiligten Unternehmen und ihren Zulieferern. Allein für die Konverterplattform-Produktion sucht die Neptun Werft in den kommenden Jahren rund 400 neue Beschäftigte.

Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) begrüßte diesen Auftrag als industriepolitisches Signal: Er zeige das Potenzial der Offshore-Windenergie für heimische Wertschöpfung, Beschäftigung und Innovation. Der Aufbau eigener maritimer Fertigungskapazitäten für Konverterplattformen stärke zudem die Resilienz der Offshore-Wind-Lieferkette und reduziere Abhängigkeiten von Anbietern außerhalb Europas. Langfristig sollen in dem eigens dafür vorgesehenen Marinearsenal Warnowwerft in Rostock bis 2040 schwimmende Umspannwerke für Offshore-Anlagen gebaut werden – mit einem Gesamtpotenzial von rund 500 Arbeitsplätzen an diesem Standort allein.

 

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Forschungsförderung als Treiber: So wird Deutschland wieder Weltspitze im Schiffbau

Der Multiplikatoreffekt: Wie ein Werftarbeitsplatz fünf weitere schafft

Eine der wirtschaftlich bedeutsamsten, aber öffentlich am wenigsten diskutierten Dimensionen des maritimen Aufschwungs ist der Multiplikatoreffekt auf die Gesamtwirtschaft. Der maritime Koordinator Ploß fasst es prägnant zusammen: Für jeden Arbeitsplatz, der in einer Werft an der Küste entsteht, entstehen mindestens fünf bis sechs neue Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftsbereichen. Dieser Effekt ist empirisch gut belegt: Eine Studie des DIW Econ von 2021 kam zu dem Ergebnis, dass 100 Arbeitsplätze in der Maritimen Wirtschaft weitere 130 Arbeitsplätze in Deutschland sichern.

Die Logik dahinter ist einfach: Eine moderne Werft ist ein hochkomplexes Systemintegrator-Unternehmen. Ein einziges Schiff enthält Tausende von Komponenten – Motoren, Elektronik, Stahlstrukturen, Isolierungsmaterialien, Navigationssysteme, Rohrleitungen, Farben und Beschichtungen –, die von einem dichten Netz spezialisierter Zulieferbetriebe gefertigt werden. Hinzu kommen Dienstleister für Logistik, Planung, Konstruktion, Softwareentwicklung, Ausbildung und Instandhaltung. Die maritime Zulieferindustrie zählt derzeit rund 65.000 Beschäftigte und verzeichnete 2024 ein Umsatzplus von durchschnittlich 5,5 Prozent; die Auftragseingänge stiegen um 4,6 Prozent. Zwei Drittel der befragten Unternehmen gehen für 2025 von einer stabilen oder wachsenden Nachfrage aus.

Wenn allein in den norddeutschen Küstenwerften – wie vom maritimen Koordinator Ploß in Aussicht gestellt – 9.000 neue Arbeitsplätze entstehen, dann bedeutet der Multiplikatoreffekt weitere 45.000 bis 54.000 Stellen in der Zulieferindustrie und den nachgelagerten Wirtschaftsbereichen. Diese Zahl erklärt, warum das ursprünglich angegebene Ziel von über 100.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in der gesamten maritimen Industrie keine politische Übertreibung ist, sondern eine auf belastbaren ökonomischen Grundlagen basierende Projektion.

Die geopolitische Zeitenwende als Wachstumstreiber

Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat die Rahmenbedingungen für den deutschen und europäischen Marineschiffbau fundamental verändert. Was zuvor als nicht zukunftsfähige Nischenindustrie galt, ist heute systemrelevant für die nationale Sicherheit. Deutschland rüstet seine Marine massiv auf. Die Beschaffungsvorhaben umfassen unter anderem acht neue Fregatten des Typs F127 mit einem geschätzten Gesamtvolumen von rund 26 Milliarden Euro, mehrere neue U-Boote der Klasse 212CD und den Ausbau der Korvetten-Flotte. TKMS beziffert seinen Auftragsbestand bereits auf 18,2 Milliarden Euro – mit weiteren potenziellen Großprojekten in der Pipeline.

Parallel dazu suchen andere NATO-Staaten verlässliche Partner für konventionelle U-Boote. TKMS konkurriert um einen Auftrag für acht bis zwölf konventionelle U-Boote für Kanada, eine Entscheidung wird für 2026 erwartet. Ende November 2025 lieferte TKMS das zweite von insgesamt sechs U-Booten an die Türkei aus. Das Unternehmen hat darüber hinaus Gespräche über eine Übernahme der Kieler Nachbarwerft German Naval Yards (GNY) aufgenommen, die derzeit rund 400 Beschäftigte zählt und zur französischen Werftengruppe CMN Naval gehört. Eine Konsolidierung würde TKMS sowohl räumlich als auch kapazitätsmäßig erheblich stärken.

Bundeskanzler Merz hat das Verteidigungsbudget auf über zwei Prozent des BIP angehoben, und die 355-Milliarden-Euro-Einkaufsliste der Bundeswehr sieht allein 19 Milliarden Euro für neue Marinefähigkeiten vor. Dieser Kapitalstrom fließt direkt in die norddeutsche Werftindustrie. Die Branche ist sich bewusst, dass diese Sondersituation sorgfältig gemanagt werden muss: Überhitzung, Kapazitätsprobleme und die Entstehung einseitiger Abhängigkeiten von Rüstungsaufträgen sind reale Risiken.

Staatliche Förderarchitektur: Das maritime Forschungsprogramm als Innovationsmotor

Hinter dem Aufschwung steht nicht nur der günstige konjunkturelle und geopolitische Wind, sondern auch jahrelange Forschungsförderung. Das Maritime Forschungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) bildet die Wertschöpfungskette der Branche vollständig ab – von der Materialentwicklung über die digitalisierte Produktion bis zur demonstrierten Einsatzfähigkeit komplexer maritimer Systeme. Es gliedert sich in fünf Förderschwerpunkte: MARITIME.zeroGHG (Klimaneutrales Schiff), MARITIME.green (Maritimer Umweltschutz), MARITIME.smart (Maritime Digitalisierung), MARITIME.safe (Maritime Sicherheit) und MARITIME.value (Maritime Ressourcen).

Diese Förderstruktur hat in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen, dass deutsche Unternehmen trotz des asiatischen Kostendrucks ihre technologische Führerschaft in Spezialsegmenten erhalten konnten. Heute schaffen Innovationen in der klimaneutralen Schifffahrt, in autonomen Systemen und in der Offshore-Technik die Grundlage für die nächste Wachstumswelle. Die Maritime Forschungsstrategie 2025 des BMWE schafft einen übergreifenden Rahmen, der die Branche bei der Entwicklung nachhaltiger Technologien unterstützt und gleichzeitig die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärkt.

Ein konkretes Beispiel für die Wirksamkeit dieser Förderarchitektur ist die Offshore-Konverterplattform-Technologie. Deutschland hatte vor mehr als einem Jahrzehnt bei den nordischen Werften in Mecklenburg-Vorpommern eine Weltspitzenposition in diesem Segment inne, verlor sie dann durch politische Fehler bei der Synchronisierung des Windparkausbaus und der Netzanbindung. Jetzt, mit politischer Flankierung durch den Koalitionsvertrag und staatlicher Förderung, kehren diese Kapazitäten zurück – mit dem Großauftrag an die NEPTUN WERFT als vorläufigem Höhepunkt.

Das Rüstungsdilemma: Wachstum mit moralischem Gewicht

Eine ehrliche Analyse des maritimen Aufschwungs kommt nicht umhin, die ethischen und gesellschaftspolitischen Spannungsfelder zu benennen. Ein erheblicher Teil des Wachstums ist unmittelbar auf Rüstungsaufträge zurückzuführen. TKMS liefert U-Boote für die Deutsche Marine und für ausländische Kunden; Rheinmetall baut bei Blohm+Voss künftig bewaffnungsfähige Überwasserdrohnen, die bereits in Länder wie Ägypten und Bulgarien vermarktet werden. Friedensforscher wie Prof. Michael Brzoska von der Universität Hamburg warnen, dass die Rüstungsindustrie den gestiegenen gesellschaftlichen Stellenwert von Verteidigung nutze, um Rüstungsexporte offensiver voranzutreiben – und dass diese Entwicklung häufig nicht ausreichend wahrgenommen werde.

Diese Kritik verdient ernsthafte Auseinandersetzung. Gleichzeitig wäre es analytisch unvollständig, das maritime Wachstum als rein rüstungsgetriebenes Phänomen darzustellen. Die Offshore-Windkraft, der Bau von Forschungsschiffen, Eisbrecher für die wissenschaftliche Arktisforschung und Flusskreuzfahrtschiffe für den Tourismussektor sind ebenso starke Wachstumssäulen. Die Diversität der Auftragsbücher ist letztlich auch eine wirtschaftliche Schutzfunktion gegen zyklische Schwankungen im Rüstungsbereich.

Strukturelle Risiken: Was den Aufschwung bremsen könnte

Wachstumsprognosen im Schiffbau haben in der Geschichte oft enttäuscht, und die aktuellen Rekordaufträge schaffen kein Recht auf Sorglosigkeit. Vier strukturelle Risikofaktoren verdienen besondere Aufmerksamkeit:

Der Fachkräftemangel ist das unmittelbarste Hindernis. Schiffbau erfordert hochspezialisierte Qualifikationen – Schiffbauingenieure, Konstrukteure, Schweißer, Elektriker und Rohrleitungsbauer –, die nicht kurzfristig am Arbeitsmarkt verfügbar sind und für deren Ausbildung Jahre benötigt werden. TKMS hat bereits angekündigt, jährlich bis zu 60 Auszubildende in Wismar einzustellen, doch das Missverhältnis zwischen der geplanten Personalexpansion und den verfügbaren Fachkräften ist eine systemische Engpassgröße.

Die Abhängigkeit von staatlichen Großaufträgen birgt ein zweites Risiko. Bundeswehr-Beschaffungsprojekte haben in der Vergangenheit regelmäßig erhebliche Verzögerungen und Budgetüberschreitungen produziert. Das Fregattenprojekt F126 der Deutschen Marine ist aktuell in erhebliche Schwierigkeiten geraten, und die TKMS-Einschätzung, Alternativlösungen liefern zu können, ist zwar ökonomisch nachvollziehbar, aber politisch noch nicht gesichert. Werden Aufträge verschoben oder neu vergeben, können Werftkapazitäten schnell zum Kostenfaktor werden.

Der Wettbewerb mit chinesischen Werften ist das dritte strukturelle Problem. China produziert bereits 60 Prozent aller Schiffsneubauten weltweit, und staatlich gestützte chinesische Konglomerate können Preise anbieten, die für europäische Werften mit ihren höheren Arbeitskosten und Umweltstandards schlicht nicht konkurrenzfähig sind. Die Verlagerung europäischer Reederaufträge nach China setzt sich trotz der politischen Gegenbewegungen fort: Seit 2021 gingen Aufträge in Höhe von rund 310 Milliarden Euro nach China.

Das vierte Risiko liegt in der Finanzierungsarchitektur. Große maritime Projekte – Konverterplattformen, Kreuzfahrtschiffe, Marineschiffe – erfordern erhebliche Vorfinanzierungen, die für mittelständische Werften oft schwer zu stemmen sind. Die Aufnahme der Werften in das Großbürgschaftsprogramm des Bundes durch die aktuelle Bundesregierung ist ein wichtiger Schritt, um diesen Nachteil zu mildern und milliardenschwere Projekte bankfähig zu machen.

Norddeutschland als maritimes Rückgrat: Standorte im Aufbruch

Die geografische Konzentration der maritimen Industrie auf Norddeutschland ist kein historischer Zufall, sondern das Ergebnis von Jahrhunderten der Interaktion zwischen Küste, Hafen und Schiffbauhandwerk. Die Standortlandschaft umfasst heute ein dichtes Netz von Werften, Zulieferern und Dienstleistern entlang der Nord- und Ostseeküste sowie in den Hansestädten Hamburg und Bremen.

Kiel bleibt das Zentrum des deutschen Marineschiffbaus mit dem TKMS-Hauptwerk und der benachbarten German Naval Yards. Wismar entwickelt sich unter TKMS-Regie zur zweiten großen Standortadresse für den Marineschiffbau. Rostock-Warnemünde kombiniert mit der NEPTUN WERFT zivilen Schiffbau und aufstrebende Offshore-Technologie. Hamburg verankert mit Blohm+Voss unter Rheinmetall eine maritime Rüstungskompetenz, die durch das Drohnenprogramm eine neue Technologiedimension gewinnt. Flensburg erlebt nach dem Windhorst-Debakel einen Neustart, der in seiner Intensität und Geschwindigkeit bemerkenswert ist.

Ergänzt werden diese Werftenstandorte durch Bremerhaven, Emden, Rostock und die vielen mittelständischen Zulieferstandorte im Binnenland, die Motoren, Elektronik, Hydrauliksysteme und Spezialmaterialien liefern. Diese Verflechtung macht die maritime Industrie zu einem genuinen norddeutschen Wirtschaftscluster – mit der strategischen Bedeutung eines nationalen Wirtschaftsfaktors.

Ausblick: Aufbruch mit Augenmaß

Die maritime Industrie Deutschlands steht vor einem Jahrzehnt des Wachstums, das in dieser Form seit den Hochzeiten des deutschen Schiffbaus in der Nachkriegszeit nicht mehr erlebt wurde. Alle wesentlichen Wachstumstreiber sind intakt: die geopolitische Nachfrage nach Marineschiffbau, die Energiewende als Treiber für Offshore-Konverterplattformen und Spezialschiffe, das globale Spitzensegment für Kreuzfahrt und Forschungsschiffe sowie eine Bundesregierung, die die Branche erstmals seit Jahren als strategisch wichtig und politisch prioritär behandelt.

Das Ziel von mehr als 100.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in der gesamten maritimen Industrie und ihren Zulieferern ist ambitioniert, aber realistisch – sofern die strukturellen Herausforderungen aktiv adressiert werden. Die Ausbildungskapazitäten müssen erhöht, die Großbürgschaftsprogramme ausgebaut, die industriepolitische Kontinuität gewahrt und die Diversifizierung der Auftragsbücher jenseits reiner Rüstungsabhängigkeit gesichert werden.

Das Fallbeispiel der maritimen Industrie taugt als Lehrstück für ein wirtschaftspolitisches Prinzip, das in Deutschland allzu oft vergessen wird: Wenn staatliche Förderung, industrielle Kompetenz, politischer Wille und unternehmerische Initiative zusammenfinden, entstehen Wachstumsökosysteme, die trotz hoher Arbeitskosten und strenger Regulierung weltweit konkurrenzfähig sind. Die maritime Industrie Norddeutschlands beweist, dass Deutschland nicht nur verwalten, sondern auch gestalten kann.

 

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