Kurz vor den Wahlen: 68 Milliarden durch auslÀndische BeschÀftigte? Wie eine IW-Studie im Osten politisch instrumentalisiert werden kann
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 31. August 2026 / Update vom: 31. August 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Kurz vor den Wahlen: 68 Milliarden durch auslĂ€ndische BeschĂ€ftigte? Wie eine IW-Studie im Osten politisch instrumentalisiert werden kann – Bild: Xpert.Digital
Das verschweigen uns die Schlagzeilen: Der groĂe Rechenfehler in der Migrationsdebatte â Was uns die aktuelle Zuwanderungs-Statistik wirklich sagt
Zuwanderung und Wirtschaft: Warum die 68-Milliarden-Zahl des IW in die Irre fĂŒhrt
Wenige Wochen vor den entscheidenden Landtagswahlen in Ostdeutschland dominiert eine Zahl die Schlagzeilen: 68,3 Milliarden Euro. So viel sollen auslĂ€ndische ArbeitskrĂ€fte laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zur ostdeutschen Wirtschaftsleistung beitragen. Die mediale Botschaft, die daraus abgeleitet wird, scheint unmissverstĂ€ndlich: Ohne Zuwanderung droht der Region der wirtschaftliche Zusammenbruch. Doch ein genauerer analytischer Blick offenbart einen massiven methodischen blinden Fleck. WĂ€hrend die produktive Leistung arbeitender Migranten prominent ins Schaufenster gestellt wird, blendet die Studie die fiskalischen Kosten fĂŒr Transferleistungen, Integration und Infrastruktur systematisch aus. Was der Ăffentlichkeit als objektive Wohlstandsbilanz prĂ€sentiert wird, entpuppt sich bei nĂ€herer Betrachtung als hochselektive Hochrechnung â und als politisch wirksames Instrument in einem stark polarisierten Wahlkampf. Diese tiefgehende Analyse deckt auf, weshalb die viel zitierten Zahlen nur die halbe Wahrheit erzĂ€hlen und warum die Debatte um Migration und Wirtschaft dringend ehrlicher gefĂŒhrt werden muss.
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Der Osten, die Zahl und der Wahlkampf: Was die IW-Milliarden wirklich bedeuten
Wenige Wochen vor zwei richtungsweisenden Landtagswahlen veröffentlicht ein wirtschaftsnahes Forschungsinstitut zwei Kurzberichte, die binnen Tagen zur bundesweiten Schlagzeile werden. Am 14. August 2026 verkĂŒndet das Institut der deutschen Wirtschaft, auslĂ€ndische BeschĂ€ftigte hĂ€tten im Jahr 2025 in den sechs ostdeutschen LĂ€ndern einschlieĂlich Berlin rund 68,3 Milliarden Euro beziehungsweise 10,5 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung erwirtschaftet, unter Einbeziehung indirekter und induzierter Effekte sogar mehr als 90 Milliarden Euro oder 14,3 Prozent. Eine Woche spĂ€ter, am 21. August, folgt der zweite Bericht: Ohne Zuwanderung werde die Bevölkerung im erwerbsfĂ€higen Alter zwischen 15 und 66 Jahren in den ostdeutschen FlĂ€chenlĂ€ndern bis 2045 um fast 22 Prozent schrumpfen. Beide Papiere fallen mitten in den Wahlkampf vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September und in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026, und beide werden von der Deutschen Presse-Agentur aufgegriffen und in nahezu identischer Formulierung von Handelsblatt, MDR, Zeit, Spiegel und zahlreichen Regionalzeitungen verbreitet. Die Botschaft, die bei den Lesern ankommt, lautet vereinfacht: Ohne Migranten wĂŒrde der Osten wirtschaftlich zusammenbrechen. Diese VerkĂŒrzung verdeckt jedoch, dass zwei völlig unterschiedliche Fragen miteinander verschmolzen werden, die eine ökonomische Analyse strikt trennen muss.
Die IW-Studie ist keine fiskalische Bilanz. Sie beantwortet die Frage: âWelchen Anteil der Bruttowertschöpfung erwirtschaften sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigte ohne deutschen Pass?â Die Methodik ist eine Hochrechnung ĂŒber angenommene ProduktivitĂ€t, ergĂ€nzt um Input-Output-Multiplikatoren fĂŒr Lieferbeziehungen und Konsum. Was in dieser Rechnung strukturell nicht vorkommt: Transferleistungen, Integrationskosten, Infrastruktur, Bildung, Verwaltung, Rentenanwartschaften. Der Nenner der Bilanz fehlt vollstĂ€ndig. Wer aus â68,3 Milliarden Wertschöpfungâ schlieĂt, Zuwanderung sei ökonomisch vorteilhaft, begeht einen Kategoriefehler.
Das Ergebnis der Studie ist mit dieser Selektionslogik vorprogrammiert. Betrachtet werden ausschlieĂlich BeschĂ€ftigte. NichtbeschĂ€ftigte Zugewanderte â bei ukrainischen Staatsangehörigen etwa 61 Prozent, bei AsylherkunftslĂ€ndern rund die HĂ€lfte â fallen definitorisch heraus. Das ist wie eine RentabilitĂ€tsanalyse, die nur profitable Filialen einbezieht. Die Studie zeigt korrekt, was arbeitende Migranten leisten, und schweigt darĂŒber, was das Gesamtsystem kostet.
Der interessanteste Befund ist, dass die Wissenschaft in dieser Frage tief gespalten ist â und zwar nicht entlang der Achse âseriös versus unseriösâ, sondern entlang methodischer Grundentscheidungen. Martin Werding, Mitglied des SachverstĂ€ndigenrats, kommt zu dem Ergebnis, dass 200.000 zusĂ€tzliche Zuwanderer pro Jahr die FinanzierungslĂŒcke der öffentlichen Haushalte um rund 2,5 Prozent des BIP oder 104 Milliarden Euro jĂ€hrlich reduzieren â 7.100 Euro Entlastung pro Person und Jahr. Bernd RaffelhĂŒschen kommt mit dem Modell der Generationenbilanzierung zum genau umgekehrten Befund: Die fiskalische Bilanz zukĂŒnftiger Zuwanderung sei negativ und entspreche etwa dem Anderthalbfachen der jĂ€hrlichen Wirtschaftsleistung, in absoluten Zahlen rund 5,8 Billionen Euro.
Die fiskalische Bilanz hĂ€ngt fast vollstĂ€ndig am Migrationsmotiv und an der Qualifikation. Die Konrad-Adenauer-Stiftung fasst den Forschungsstand so zusammen: Qualifizierte Erwerbszuwanderung bringt fiskalischen Nutzen, unterdurchschnittlich qualifizierte Zuwanderung bringt âgrundsĂ€tzlich fiskalische Kosten zu Lasten des Sozialstaatesâ und ist nicht geeignet, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern. Die niederlĂ€ndische Van-de-Beek-Studie liefert die schĂ€rfste Quantifizierung: Arbeitsmigranten im Alter zwischen 20 und 50 leisten ĂŒber 100.000 Euro positiven Nettobeitrag, Asylmigranten etwa 400.000 Euro negativen, Familienmigranten rund 200.000 Euro negativen. RaffelhĂŒschen selbst betont, die negative Bilanz sei âinsbesondere auf die ungesteuerte und irregulĂ€re Migration zurĂŒckzufĂŒhrenâ.
Die IW-Studie ist somit eine Produktionsrechnung, die als Wohlstandsbeweis kommuniziert wird, und sie schweigt systematisch zum fiskalischen Nettoeffekt derjenigen Zuwanderung, die in Ostdeutschland quantitativ eine groĂe Rolle spielt. FĂŒr eine publizistisch belastbare Kritik sollte man deshalb nicht versuchen, die ausgewiesenen 68,3 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung pauschal zu bestreiten, sondern die begrenzte Aussagekraft dieser Kennziffer offenlegen: Sie steht bundesweit Ausgaben des Bundes fĂŒr Flucht und Migration von knapp 25 Milliarden Euro im Jahr 2025 gegenĂŒber; unter Einbeziehung von LĂ€ndern und Kommunen werden die gesamtstaatlichen Belastungen teils auf rund 50 Milliarden Euro geschĂ€tzt. Diese GröĂen sind allerdings nicht direkt gegeneinander aufrechenbar, weil sie unterschiedliche RĂ€ume, ZeitrĂ€ume, Bevölkerungskohorten und Rechnungsebenen erfassen: Die IW-Zahl betrifft die Wertschöpfung auslĂ€ndischer BeschĂ€ftigter in Ostdeutschland, die Ausgaben betreffen dagegen Flucht, Unterbringung, Transfers, Integration und Verwaltung im gesamten Bundesgebiet. Gerade diese fehlende Vergleichbarkeit ist der Kern des Problems. In der politischen Debatte werden positive BruttowertschöpfungsbeitrĂ€ge und fiskalische Nettokosten nebeneinandergestellt, obwohl sie keine gemeinsame Bilanz ergeben; beide Seiten können daraus jeweils die fĂŒr sie passende Schlussfolgerung ziehen. GlaubwĂŒrdig wird eine Analyse erst, wenn sie Erwerbs-, Bildungs-, Familien- und Fluchtmigration sauber trennt, BeschĂ€ftigung und Leistungsbezug ebenso berĂŒcksichtigt wie Steuern, SozialbeitrĂ€ge, Bildungs-, Wohnungs-, Verwaltungs- und Integrationskosten und die langfristigen AnsprĂŒche an die Sozialversicherungen offenlegt. Ebenso muss sie die erhebliche Bandbreite der Forschung transparent machen â von Martin Werdings optimistischer Entlastungsrechnung bis zu Bernd RaffelhĂŒschens negativer Generationenbilanz â, statt aus einer Wertschöpfungszahl den Anschein einer abschlieĂenden Gesamtbilanz zu erzeugen.
Der eigentliche Streitpunkt lĂ€sst sich prĂ€zise fassen. Das IW misst den Bruttowertschöpfungsbeitrag der bereits beschĂ€ftigten auslĂ€ndischen Arbeitnehmer, also eine reine Produktionsrechnung auf Basis von Lohnsummen und Branchenanteilen. Die Gegenposition, die vor allem von wirtschaftsliberalen und migrationskritischen Kommentatoren formuliert wird, fragt hingegen nach der Netto-Fiskalbilanz aller Zugewanderten, also nach der Differenz zwischen den Steuer- und Sozialabgaben einerseits und den Transferleistungen, Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturkosten andererseits, bezogen nicht nur auf BeschĂ€ftigte, sondern auf sĂ€mtliche Zuwanderer einschlieĂlich derer, die nicht erwerbstĂ€tig sind. Diese beiden Rechenobjekte sind mathematisch nicht dasselbe, und die Vermischung in der öffentlichen Debatte erzeugt genau jene Polarisierung, die sich seit Mitte August in den sozialen Netzwerken und in alternativen MedienkanĂ€len entlĂ€dt.
Zwei IW-Berichte und ihre eigentliche Aussagekraft
Die Kernzahl der Debatte stammt aus IW-Kurzbericht Nummer 53, verfasst von Wido Geis-Thöne und Benita Zink. Die Berechnung basiert auf einer einfachen, aber folgenreichen Annahme: FĂŒr jeden auslĂ€ndischen BeschĂ€ftigten wird unterstellt, dass seine ProduktivitĂ€t exakt dem Durchschnitt aller ErwerbstĂ€tigen seiner jeweiligen Branche entspricht. Diese Annahme ist methodisch bequem, weil sie ohne individuelle ProduktivitĂ€tsdaten auskommt, sie ist aber inhaltlich angreifbar, sobald man weiĂ, dass auslĂ€ndische BeschĂ€ftigte in Deutschland im Median deutlich weniger verdienen als deutsche. Die Bundesregierung bestĂ€tigte in einer Antwort auf eine Bundestagsanfrage, dass das mediane Bruttomonatsentgelt von VollzeitbeschĂ€ftigten deutscher Staatsangehörigkeit im Dezember 2025 bei 4.396 Euro lag, wĂ€hrend es bei auslĂ€ndischen BeschĂ€ftigten nur 3.358 Euro betrug, ein Abstand von rund 24 Prozent. Wenn die tatsĂ€chliche ProduktivitĂ€t, gemessen am Entgelt, aber systematisch unter dem Branchenmittel liegt, dann ĂŒberzeichnet die IW-Methodik den tatsĂ€chlichen Wertschöpfungsbeitrag der auslĂ€ndischen BeschĂ€ftigten nach oben.
Trotz dieser methodischen SchwĂ€che bleibt ein Kernbefund des Berichts unbestritten und ökonomisch bedeutsam: Zwischen Ende 2023 und Ende 2025 verloren die ostdeutschen LĂ€nder rund 141.000 BeschĂ€ftigte mit deutscher Staatsangehörigkeit, wĂ€hrend die Zahl der BeschĂ€ftigten ohne deutschen Pass im selben Zeitraum um etwa 90.000 zunahm. Der RĂŒckgang der BeschĂ€ftigung deutscher StaatsbĂŒrger betrug in diesem Zweijahresfenster 2,5 Prozent, wĂ€hrend die GesamtbeschĂ€ftigung im Osten nur um 0,8 Prozent sank, weil die auslĂ€ndische BeschĂ€ftigung den demografisch bedingten Einbruch teilweise abfederte. Bundesweit stieg die BeschĂ€ftigung insgesamt sogar leicht um 0,2 Prozent, wĂ€hrend der RĂŒckgang bei deutschen StaatsbĂŒrgern hier nur 1,4 Prozent betrug. Diese Zahlen zeigen ein reales Kompensationsmuster, aber eben kein vollstĂ€ndiges: Netto bleibt in Ostdeutschland ein BeschĂ€ftigungsverlust von ĂŒber 50.000 Personen in zwei Jahren, was die These einer vollstĂ€ndigen Substitution widerlegt. Der AuslĂ€nderanteil an der sozialversicherungspflichtigen BeschĂ€ftigung im Osten stieg von 4,8 Prozent im Jahr 2015 auf 13,3 Prozent im Jahr 2025, mit einem Bestand von rund 845.000 Personen, wobei laut IW zwei Drittel des gemessenen Wertschöpfungsbeitrags auf seit 2015 hinzugekommene BeschĂ€ftigte entfallen.
Der zweite Kurzbericht, verfasst unter Mitwirkung von Philipp Deschermeier, verĂ€ndert die Perspektive von der Gegenwart in die Zukunft. Ohne jegliche Migration wĂŒrde die Bevölkerung im erwerbsfĂ€higen Alter in den ostdeutschen FlĂ€chenlĂ€ndern, also ohne den Sonderfall Berlin, bis 2035 um mehr als ein Achtel und bis 2045 um gut ein FĂŒnftel schrumpfen. Konkret bedeutet dies einen RĂŒckgang auf etwa sechs Millionen Personen im erwerbsfĂ€higen Alter, ein Minus von 22,4 Prozent, verglichen mit einem RĂŒckgang von 17,4 Prozent im Westen im selben Szenario. Diese Zahl ist demografisch plausibel, weil die ostdeutschen BundeslĂ€nder eine besonders ungĂŒnstige Altersstruktur aufweisen, die aus den geburtenschwachen JahrgĂ€ngen nach der Wiedervereinigung und der starken Abwanderung junger Menschen in den 1990er- und 2000er-Jahren resultiert. Problematisch wird der Bericht jedoch dort, wo aus einer reinen Kopfzahl-Projektion eine wirtschaftspolitische Schlussfolgerung gezogen wird, nĂ€mlich dass eine ausbleibende Migration automatisch zu einem Wohlstandsverlust und einer gefĂ€hrdeten Versorgung in Pflege, Handwerk und medizinischer Betreuung fĂŒhre. Diese Aussage vermengt eine demografische Fortschreibung mit einer normativen Bewertung, die weder Löhne noch KapitalintensitĂ€t, ProduktivitĂ€tswachstum durch Automatisierung, Qualifikationsstruktur der Zuwanderung oder die Fiskalkosten der Versorgung selbst berĂŒcksichtigt.
Die verschwiegene Gegenrechnung: Wer zahlt fĂŒr wen
Der Kernvorwurf lautet, das IW rechne lediglich eine Teilmenge, nĂ€mlich die bereits erwerbstĂ€tigen AuslĂ€nder, hoch, blende aber systematisch aus, wie viele Zugewanderte nicht arbeiten, welche Transferleistungen sie beziehen und wie stark sich die Herkunftsgruppen in ihrer wirtschaftlichen SelbsttragfĂ€higkeit unterscheiden. Diese Kritik lĂ€sst sich anhand amtlicher Daten teilweise ĂŒberprĂŒfen und in wichtigen Punkten bestĂ€tigen.
Bundesweit lag die SGB-II-Quote, also der Anteil der EmpfĂ€nger von BĂŒrgergeld an der jeweiligen Bevölkerungsgruppe, im Jahr 2025 bei deutschen Staatsangehörigen bei etwa 4,6 bis 5,3 Prozent, wĂ€hrend sie bei AuslĂ€ndern rund 19 bis 19,2 Prozent betrug, also mehr als das Dreifache. FĂŒr Sachsen-Anhalt, eines der beiden WahllĂ€nder, wird die SGB-II-Quote unter AuslĂ€ndern im MĂ€rz 2026 mit 26,3 Prozent angegeben, gegenĂŒber lediglich 7,7 Prozent bei Deutschen im selben Bundesland. Der IAB-Zuwanderungsmonitor vom Juli 2026 prĂ€zisiert dieses Bild weiter: Die SGB-II-Hilfequote unter auslĂ€ndischen Staatsangehörigen lag bei MĂ€nnern im April 2026 bei 17,1 Prozent, wobei innerhalb der auslĂ€ndischen Bevölkerung erhebliche Unterschiede nach Herkunftsgruppe bestehen. Eine Bundestagsdrucksache benennt sogar noch drastischere Werte fĂŒr einzelne Gruppen: Die höchste SGB-II-Quote wird mit 59 Prozent bei Personen ukrainischer Staatsangehörigkeit ausgewiesen, gefolgt von Personen aus den acht wichtigsten AsylherkunftslĂ€ndern. Diese Zahlen zeigen, dass sich hinter der Sammelkategorie âAuslĂ€nderâ enorme Unterschiede verbergen, die die IW-Kommunikation in ihrer öffentlichen Kurzfassung nicht abbildet.
Auf der anderen Seite der fiskalischen Rechnung stehen konkrete Ausgabenposten. Die Nettoausgaben nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beliefen sich fĂŒr Deutschland im Jahr 2025 auf rund 5,90 Milliarden Euro, wobei die ostdeutschen LĂ€nder eigene, teils erhebliche MilliardenbetrĂ€ge fĂŒr Unterbringung, Versorgung und Integration aufwenden. Der FlĂŒchtlingskostenbericht des Bundesfinanzministeriums bezifferte die migrationsbezogenen Bundesausgaben fĂŒr 2025 auf 24,8 Milliarden Euro, ein RĂŒckgang von 3,2 Milliarden Euro gegenĂŒber dem Vorjahr, was zumindest eine Trendumkehr bei den absoluten Kosten andeutet. Diese Zahl bildet jedoch nur einen Kostenblock ab, nicht die vollstĂ€ndige gesamtstaatliche Fiskalbilanz, weil Bildungsausgaben fĂŒr Kinder aus Zuwandererfamilien, kommunale Integrationskosten und mittelbare Gesundheitsausgaben darin nicht vollstĂ€ndig erfasst sind.
Die akademische Generationenbilanz-Forschung liefert hierzu ein methodisch strengeres, aber ebenso umstrittenes Gegenmodell. Bernd RaffelhĂŒschen und die Stiftung Marktwirtschaft kommen in ihren Modellrechnungen zu dem Ergebnis, dass zusĂ€tzliche Zuwanderung im heutigen Durchschnittsprofil die fiskalische NachhaltigkeitslĂŒcke des deutschen Staates vergröĂert, nicht verkleinert. Konkret wird in einer Publikation der Stiftung ein negativer fiskalischer Effekt ausgewiesen, der in Relation zum Bruttoinlandsprodukt erhebliche AusmaĂe annimmt. Diese Gegenposition steht in offenem Widerspruch zur These, wonach Migration den demografisch bedingten Kollaps der Sozialsysteme abwenden könne. Auf der anderen Seite argumentieren Ăkonomen wie Martin Werding mit einer anderen Methodik, die stĂ€rker auf den demografischen Entlastungseffekt jĂŒngerer Zuwanderer fĂŒr die umlagefinanzierten Sozialversicherungen abstellt und tendenziell zu positiveren Bilanzen kommt. Diese MethodenabhĂ€ngigkeit ist selbst eine zentrale Erkenntnis: Ob Migration den Staatshaushalt entlastet oder belastet, hĂ€ngt maĂgeblich davon ab, welche Zuwandererpopulation, welcher Zeithorizont und welche Ausgabenkategorien in das jeweilige Modell einflieĂen. Es gibt in Deutschland derzeit keine amtliche, nach Zuzugskanal getrennte Netto-Fiskalbilanz speziell fĂŒr die ostdeutschen LĂ€nder zwischen 2023 und 2025, die diesen Streit empirisch entscheiden könnte.
SelektivitÀt als unterschÀtzte Variable
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte fast vollstĂ€ndig untergeht, ist die SelektivitĂ€t der Zuwanderung, also die Frage, ĂŒber welchen rechtlichen Kanal Menschen nach Deutschland und speziell in die ostdeutschen LĂ€nder gelangen. Die IW-Zahl von plus 90.000 auslĂ€ndischen BeschĂ€ftigten in zwei Jahren ist eine aggregierte GröĂe, die EU-Binnenwanderung, Arbeitsmigration aus Drittstaaten ĂŒber die Blaue Karte oder die Westbalkanregelung, Fluchtmigration aus der Ukraine sowie Asylzuwanderung aus den acht wichtigsten AsylherkunftslĂ€ndern in einen einzigen Topf wirft. Der IAB-Zuwanderungsmonitor liefert hierzu differenziertere BeschĂ€ftigungsquoten: Bundesweit lag die BeschĂ€ftigungsquote von AuslĂ€ndern im Mai 2026 bei 58,4 Prozent, wobei die Quoten fĂŒr Personen aus AsylherkunftslĂ€ndern und fĂŒr ukrainische Staatsangehörige deutlich niedriger liegen als der Durchschnitt. Diese HeterogenitĂ€t bedeutet, dass die pauschale Formulierung âZuwanderung stĂŒtzt den Wohlstandâ eine erhebliche Vereinfachung darstellt, weil sie Gruppen mit sehr unterschiedlichen BeschĂ€ftigungs- und Transferprofilen gleichsetzt.
Interessant ist zudem eine gegenlĂ€ufige Bewegung, die das IW selbst dokumentiert, aber in der öffentlichen Kommunikation kaum betont: Seit 2024 verlassen rund 7.800 BeschĂ€ftigte aus den neuen EU-Mitgliedstaaten die ostdeutschen LĂ€nder wieder. Diese Zahl ist im VerhĂ€ltnis zum Zuwachs von 90.000 gering, wird aber in migrationskritischen KanĂ€len zu einem eigenen Narrativ verdichtet, wonach qualifizierte, EU-interne Arbeitsmigranten aufgrund von Lohnkonvergenz in Polen, mangelndem Willkommensklima oder besseren Konjunkturaussichten in ihren HeimatlĂ€ndern wieder abwandern, wĂ€hrend gering qualifizierte Zuwanderer aus Asyl- und Fluchtkontexten bleiben und stĂ€rker auf Transferleistungen angewiesen sind. Belastbare, nach Qualifikation und Aufenthaltsstatus getrennte Wanderungsbilanzen, die dieses Narrativ empirisch bestĂ€tigen oder widerlegen könnten, liegen bislang nicht in ausreichender Differenzierung vor. Genau hier liegt die entscheidende LĂŒcke der aktuellen Debatte: Die politische Schlussfolgerung des IW, wonach mehr gezielte Zuwanderung aus Drittstaaten notwendig sei, ist durch die vorliegenden Wertschöpfungszahlen nicht zwingend gedeckt, wenn nicht gleichzeitig geklĂ€rt wird, welcher Anteil der bisherigen BeschĂ€ftigungszuwĂ€chse tatsĂ€chlich ĂŒber gesteuerte FachkrĂ€ftekanĂ€le und welcher Anteil ĂŒber andere, weniger selektive Zuzugswege erfolgte.
Der Arbeitsmarkt als BĂŒhne fĂŒr zwei ErzĂ€hlungen
Die jĂŒngsten bundesweiten Arbeitsmarktdaten liefern den Hintergrund, vor dem sich diese Debatte abspielt, und sie sind selbst ambivalent. Ende August 2026 meldete die Bundesagentur fĂŒr Arbeit, dass erstmals mehr als sechs Millionen auslĂ€ndische Staatsangehörige sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigt waren, konkret 6,02 Millionen im Juni 2026. BA-Vorstandsvorsitzende Andrea Nahles bezeichnete diese BeschĂ€ftigten angesichts des Renteneintritts der Babyboomer-Generation als unverzichtbar fĂŒr den deutschen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig zeigt der Gesamtarbeitsmarkt aber deutliche SchwĂ€chezeichen: Die Zahl der Arbeitslosen stieg im August 2026 auf 3,061 Millionen, ein Anstieg von 54.000 gegenĂŒber dem Vormonat, und die Arbeitslosenquote kletterte auf 6,5 Prozent. Diese Gleichzeitigkeit von RekordbeschĂ€ftigung bei AuslĂ€ndern und steigender Gesamtarbeitslosigkeit lĂ€sst sich nicht eindeutig kausal miteinander verknĂŒpfen, sie zeigt aber, dass der deutsche Arbeitsmarkt strukturell zweigeteilt ist: Wachstum bei auslĂ€ndischer BeschĂ€ftigung in bestimmten Sektoren und Regionen bei gleichzeitiger konjunktureller SchwĂ€che in anderen Bereichen der Gesamtwirtschaft.
ErgĂ€nzend berichtete das ifo-Institut am 24. August 2026, dass das deutsche Sozialbudget 2025 einen Rekordwert erreicht habe, wobei Alter und Krankheit als Haupttreiber der Ausgabendynamik identifiziert wurden, nicht primĂ€r die Migration. Dieser Befund relativiert die migrationszentrierte Debatte in einer wichtigen Hinsicht: Die demografische Alterung der einheimischen Bevölkerung belastet die Sozialsysteme unabhĂ€ngig von der Zuwanderungsfrage erheblich, was sowohl das Argument fĂŒr mehr Zuwanderung zur Entlastung der Rentenkassen als auch das Argument gegen zusĂ€tzliche Sozialkosten durch Migration relativiert, weil beide Effekte gegenĂŒber der reinen Alterungsdynamik der Babyboomer-Generation quantitativ in den Hintergrund treten könnten.
Zwischen plausiblem Verdacht und nachweisbarem Auftrag: Die Politik der Zahlen
Die zeitliche NĂ€he der beiden IW-Kurzberichte zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist ein Fakt, der sich kalendarisch zweifelsfrei belegen lĂ€sst. Der erste Bericht erschien am 13. beziehungsweise 14. August 2026, gut drei Wochen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September, der zweite eine Woche spĂ€ter, mitten in der heiĂen Wahlkampfphase und noch vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September. Damit fiel die Veröffentlichung eindeutig in die entscheidende Phase des Wahlkampfs und nicht in ein politisch neutrales Sommerloch. Bei einer seriösen Einordnung ist jedoch zwischen einem plausiblen Verdacht auf strategisches Timing und einem tatsĂ€chlich nachweisbaren politischen Auftrag klar zu unterscheiden, denn beide Kategorien werden in der öffentlichen Debatte hĂ€ufig vermischt.
Der zeitliche Befund und seine Grenzen
Das Thema der beiden Kurzberichte ist maximal anschlussfĂ€hig an den regionalen Wahlkampf. Es adressiert Ostdeutschland als Untersuchungsraum, es nutzt ArbeitskrĂ€ftemangel, Demografie und einen drohenden âWohlstandsverlustâ als Warnkulisse, und es bewegt sich mit dem Thema Zuwanderung mitten im politisch polarisierendsten Streitpunkt der ostdeutschen LandtagswahlkĂ€mpfe. VerschĂ€rft wird dieser Befund durch einen ausdrĂŒcklich normativen Schlusssatz im zweiten Bericht, wonach die Region auslĂ€ndischen ArbeitskrĂ€ften nicht signalisieren dĂŒrfe, sie seien ânicht willkommenâ. Damit handelt es sich nicht mehr um eine rein technische Veröffentlichung statistischer Befunde, sondern um eine interventionistische Kommunikationsform, bei der Daten unmittelbar in eine Handlungsempfehlung und eine politische Deutung eingebettet werden.
Die harte, belegbare Aussage lautet: Das IW hat eine auf Ostdeutschland zugeschnittene Studie zu einem zentralen Wahlkampfthema wenige Wochen vor zwei ostdeutschen Landtagswahlen veröffentlicht und mit einer politischen Schlussfolgerung kommuniziert. Das ist ein Fakt und keine Unterstellung; die Studie ist damit mindestens wahlkampfrelevant platziert. Der Zeitpunkt allein legt den Verdacht nahe, dass die Veröffentlichung nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kommunikativ-strategisch geplant war; einen direkten Nachweis einer parteipolitischen Einflussnahme liefert dieser Zeitpunkt jedoch nicht.
Warum strategisches Timing plausibel ist
Das IW ist keine staatliche Statistikbehörde, die Daten nach einem festen, politisch neutralen Kalender veröffentlicht, sondern ein arbeitgebernahes wirtschaftspolitisches Institut, dessen TrĂ€gerstruktur eng mit den ArbeitgeberverbĂ€nden BDA und BDI verbunden ist. Arbeitgeber haben ein nachvollziehbares Eigeninteresse daran, ArbeitskrĂ€fteengpĂ€sse öffentlich sichtbar zu machen und fĂŒr eine erleichterte Erwerbszuwanderung zu werben, weil dies unmittelbar ihre Personalgewinnung erleichtert. Daraus folgt nicht, dass jede einzelne IW-Studie âbestelltâ oder inhaltlich manipuliert wĂ€re, es bedeutet aber, dass die Auswahl der Forschungsfrage, der regionale Fokus, der Veröffentlichungszeitpunkt und die öffentliche Verpackung der Ergebnisse nicht in einem interessenfreien Raum erfolgen.
Der Framing-Mechanismus vor der Wahl
Der entscheidende Wirkungsmechanismus besteht nicht darin, dass das IW offen eine Wahlempfehlung ausspricht. Er funktioniert stattdessen ĂŒber eine Kette kleinerer, jeweils fĂŒr sich plausibler Schritte: Es wird ein zugespitztes Extremszenario gewĂ€hlt, wonach ohne Zuwanderung ein Wohlstands- und Versorgungsverlust drohe. Dieses Szenario wird gezielt auf jene Regionen konzentriert, in denen Migration wahlpolitisch besonders umkĂ€mpft ist. Eine hohe, gut kommunizierbare Bruttowertschöpfungszahl wird prominent in den Vordergrund gestellt, wĂ€hrend die fiskalischen Kosten und die Unterschiede zwischen Arbeits-, Flucht-, Familien- und Bildungsmigration nicht in gleicher AusfĂŒhrlichkeit parallel bilanziert werden. Aus dieser einseitig aufbereiteten Rechnung wird schlieĂlich ein gesellschaftspolitischer Appell abgeleitet. In der Summe entsteht dadurch ein Deutungsrahmen, in dem, wer Zuwanderung kritisch beurteilt, leicht so erscheint, als gefĂ€hrde er Wohlstand, Versorgung, Handwerk, Pflege, Logistik und wirtschaftliche StabilitĂ€t insgesamt. Das ist politisch hochwirksam, auch wenn es formal keine explizite Wahlempfehlung darstellt.
Besonders auffĂ€llig ist dabei der Kontrast zwischen Untersuchungsgegenstand und medialer Botschaft. Die Studie bezieht sich ausschlieĂlich auf sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigte ohne deutschen Pass, sie untersucht also weder die Gesamtzahl aller Zugewanderten noch die Erwerbslosigkeit, den Leistungsbezug, die kommunalen Belastungen oder die langfristige Netto-Fiskalbilanz. Die mediale Botschaft, die daraus abgeleitet wird, lautet jedoch pauschal, ohne Zuwanderung drohe ein Wohlstandsverlust. Das ist eine deutliche und methodisch nicht gedeckte Ausweitung der ursprĂŒnglichen, eng gefassten Aussage.
Warum das nicht zwingend eine koordinierte Kampagne bedeutet
Es wĂ€re ein Fehler, aus diesem Befund automatisch eine koordinierte politische Kampagne oder eine geheime Absprache zu konstruieren. Institutionen handeln in solchen FĂ€llen hĂ€ufig nicht durch verdeckte Vereinbarungen, sondern durch eine ganz gewöhnliche Interessenlogik, die sich in mehreren Schritten nachzeichnen lĂ€sst. ArbeitgeberverbĂ€nde artikulieren ihren ArbeitskrĂ€ftebedarf, arbeitgebernahe Institute liefern Studien, die diesen Bedarf quantifizieren, Medien ĂŒbernehmen zugespitzte Pressemitteilungen, weil markante Zahlen und Warnungen einen hohen Nachrichtenwert besitzen, Politiker und VerbĂ€nde zitieren die Ergebnisse passend zu ihren jeweiligen Positionen, und die komplexere, methodisch umstrittenere und kommunikativ unbequemere Kostenseite bleibt dabei im Hintergrund. Dieser Ablauf kann sich wie ein gezieltes politisches Agenda-Setting auswirken, ohne dass dafĂŒr ein geheimer Masterplan notwendig wĂ€re. Genau deshalb ist Transparenz ĂŒber den Absender, das zugrunde liegende Erkenntnisinteresse und die nicht untersuchten Kostenpositionen von zentraler Bedeutung fĂŒr eine informierte öffentliche Debatte.
Eine abgewogene Einordnung
Eine seriöse Bewertung sollte nicht behaupten, hier liege eine nachgewiesene Wahlbeeinflussung vor, denn dafĂŒr fehlt schlicht der Beleg. Sehr wohl lĂ€sst sich aber festhalten, dass die Veröffentlichung auffĂ€llig wahlkampfnah, thematisch hochpolitisch und in ihrer Kommunikation nicht neutral ist. Das IW prĂ€sentiert keine umfassende volkswirtschaftliche oder fiskalische Gesamtbilanz, sondern eine arbeitgebernahe Arbeitsmarkt- und Wertschöpfungsperspektive. Diese Perspektive ist als solche legitim, problematisch wird jedoch die mediale Ăbersetzung in die allgemeine Aussage, Deutschland oder Ostdeutschland benötige deshalb zwingend mehr Zuwanderung, denn diese Ăbersetzung ist erkennbar verkĂŒrzt.
Bemerkenswert ist zudem der explizit politische Unterton im zweiten Kurzbericht, der vor einem âTeufelskreisâ warnt, sollte eine als migrationsfeindlich wahrgenommene Landespolitik jĂŒngere, qualifizierte Menschen zur Abwanderung bewegen. Diese Formulierung ĂŒberschreitet die Grenze zwischen empirischer Befundlage und politischer Handlungsempfehlung, was aus wissenschaftstheoretischer Sicht kritisch zu betrachten ist. Ein Forschungsinstitut kann legitim demografische Szenarien berechnen, es sollte aber transparent zwischen der reinen Modellrechnung und der normativen Schlussfolgerung trennen, die daraus im politischen Raum gezogen wird. Die kritische Kernfrage sollte daher nicht lauten, ob Zuwanderung grundsĂ€tzlich notwendig sei, sondern welche Zuwanderung, in welcher GröĂenordnung, nach welchen Kriterien, mit welchem Integrations- und Erwerbsverlauf und mit welcher vollstĂ€ndigen Netto-Bilanz fĂŒr Staat, Kommunen, Sozialversicherungen, Arbeitsmarkt und gesellschaftliche StabilitĂ€t tatsĂ€chlich erforderlich ist. Wenn eine Studie diese Fragen nicht beantwortet, darf sie nicht als umfassender Beleg fĂŒr die Behauptung dienen, mehr Zuwanderung sei insgesamt die ökonomisch zwingende Lösung. Sie belegt lediglich, dass bereits beschĂ€ftigte auslĂ€ndische Arbeitnehmer zur Produktion beitragen, was zutreffend, aber eben nur ein Ausschnitt der Gesamtbilanz ist.
Was die Debatte bislang nicht beantwortet
Trotz der FĂŒlle an Zahlen, die in den vergangenen Wochen kursierten, bleiben zentrale empirische Fragen offen, deren KlĂ€rung notwendig wĂ€re, um die Kernfrage der Debatte seriös zu beantworten. Es fehlt eine transparente, nach Zuzugskanal getrennte AufschlĂŒsselung der ostdeutschen BeschĂ€ftigungszuwĂ€chse, also eine Differenzierung zwischen EU-FreizĂŒgigkeit, ukrainischer Fluchtmigration, Asylzuwanderung aus den wichtigsten HerkunftslĂ€ndern, der Westbalkanregelung und gesteuerter FachkrĂ€ftezuwanderung ĂŒber die Blaue Karte. Es fehlt zudem eine ostdeutsche, nach Staatsangehörigkeit und Branche aufgeschlĂŒsselte Entgeltstatistik, die belastbarer wĂ€re als die bloĂe Ăbertragung des bundesweiten Medianentgelt-Abstands von 24 Prozent auf die ostdeutsche Situation. Ebenso fehlt eine vollstĂ€ndige, gesamtstaatliche Netto-Fiskalbilanz fĂŒr die ostdeutschen LĂ€nder, die Steuer- und Sozialabgabenaufkommen einerseits mit sĂ€mtlichen migrationsbezogenen Ausgaben andererseits verrechnet, statt sich wie die IW-Rechnung ausschlieĂlich auf die Produktionsseite der BeschĂ€ftigten zu konzentrieren.
Auch die Wanderungsdynamik selbst ist unzureichend erklĂ€rt. Warum genau 7.800 BeschĂ€ftigte aus den neuen EU-Mitgliedstaaten den Osten seit 2024 wieder verlassen, ob dies mit Lohnkonvergenz, Wohnkosten, gesellschaftlichem Klima oder konjunkturellen Alternativen in den HerkunftslĂ€ndern zusammenhĂ€ngt, ist bislang nicht systematisch untersucht. SchlieĂlich fehlt eine realistischere Szenarienpalette als das extreme Nullmigrationsszenario des zweiten IW-Berichts: Interessanter und politisch relevanter wĂ€ren Modellrechnungen, die zwischen einem Szenario mit ausschlieĂlich gesteuerter Arbeitsmigration und einem Szenario mit ĂŒberwiegender Schutz- und Familienmigration unterscheiden, weil sich daraus deutlich differenziertere fiskalische und arbeitsmarktpolitische Schlussfolgerungen ableiten lieĂen als aus dem pauschalen Vergleich zwischen aktueller Zuwanderung und vollstĂ€ndigem Zuwanderungsstopp.
Eine Bilanz zwischen zwei berechtigten, aber unvollstÀndigen Wahrheiten
Die ökonomisch redliche Einordnung der aktuellen Debatte lautet, dass die IW-Zahl von 68,3 Milliarden Euro gleichzeitig korrekt als BruttogröĂe der bereits beschĂ€ftigten AuslĂ€nder und unzureichend als vollstĂ€ndige Wohlstands- oder Sozialstaatsbilanz sein kann. Beide Eigenschaften schlieĂen sich nicht aus, sie beschreiben lediglich unterschiedliche Ausschnitte derselben RealitĂ€t. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Schlagzeile âOhne Zuwanderung droht Wohlstandsverlustâ reiĂerisch klingt, sondern ob das Institut seine methodischen Annahmen transparent offenlegt und ob die daraus abgeleitete politische Forderung nach mehr gezielter Drittstaaten-Zuwanderung tatsĂ€chlich durch die gemessene GröĂe gedeckt ist. Nach der vorliegenden Beweislage ist diese Deckung nur partiell gegeben: Die demografische Notwendigkeit einer Erwerbsbevölkerung ist unbestritten belegt, doch der Sprung von dieser Kopfzahl-Notwendigkeit zur konkreten wirtschaftspolitischen Empfehlung ĂŒbergeht die entscheidende Frage der SelektivitĂ€t und der fiskalischen Gesamtbilanz.
FĂŒr die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bedeutet dies, dass beide politischen Lager, die migrationsfreundliche wie die migrationskritische Seite, sich auf Teilausschnitte derselben komplexen RealitĂ€t stĂŒtzen können, ohne dass eine der beiden Positionen durch die vorliegenden Daten vollstĂ€ndig widerlegt oder vollstĂ€ndig bestĂ€tigt wird. Eine seriöse wirtschaftspolitische Debatte mĂŒsste beide Dimensionen, die Produktionsseite der BeschĂ€ftigung und die fiskalische Gesamtbilanz einschlieĂlich aller Zuwanderergruppen, gemeinsam und transparent nach Herkunftskanal aufgeschlĂŒsselt betrachten. Solange diese integrierte Datenbasis nicht öffentlich vorliegt, bleibt die Debatte anfĂ€llig fĂŒr selektive Zitierung durch alle beteiligten politischen Akteure, was letztlich weniger der wirtschaftlichen AufklĂ€rung als der Mobilisierung der jeweiligen WĂ€hlerschaft in den ostdeutschen BundeslĂ€ndern dient.















