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Der schöne Roboter taugt nichts – die Industrie fragt anders: Die pragmatische Wende der humanoiden Robotik

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Veröffentlicht am: 2. Juni 2026 / Update vom: 2. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Der schöne Roboter taugt nichts – die Industrie fragt anders: Die pragmatische Wende der humanoiden Robotik

Der schöne Roboter taugt nichts – die Industrie fragt anders: Die pragmatische Wende der humanoiden Robotik – Bild: Xpert.Digital

Vergesst tanzende Maschinen: Warum die wahre Roboter-Revolution auf Rädern rollt

Die „Deployment-First“-Strategie: Wie China mit radbasierten Robotern die Industrie der Zukunft dominiert

Fünf Finger sind zu viel: Warum Fabriken jetzt auf simple Roboter-Greifer setzen

Humanoide Roboter galten lange als der Inbegriff einer technologischen Zukunftsvision: zweibeinig, mit menschenähnlichen Gesichtern und hochkomplexen Händen ausgestattet. Doch während im Westen teilweise noch über den perfekten anthropomorphen Arbeiter philosophiert wird, vollzieht sich in den globalen Produktionshallen und Entwicklungslaboren – allen voran in China – eine radikale, pragmatische Wende. Die Industrie pfeift auf ästhetische Eleganz, wenn sie auf Kosten von Zuverlässigkeit und Effizienz geht. Statt auf fehleranfällige Hightech-Hände und rechenintensive Beine setzen führende Hersteller zunehmend auf radbasierte Systeme mit robusten, simplen Greifern. Diese kompromisslose Abkehr von der reinen Science-Fiction-Fantasie hin zu einer bedingungslosen „Deployment-First“-Logik markiert den eigentlichen Reifeprozess der Branche. Begleitet von einem massiven Preissturz und einem unstillbaren Hunger nach realen Betriebsdaten für KI-Modelle, entsteht gerade ein neuer Markt mit billionenschwerem Potenzial. Wer jetzt noch auf den perfekten Androiden wartet, verpasst die industrielle Automatisierungswelle von morgen.

Schluss mit Science-Fiction: So sehen die humanoiden Roboter aus, die wirklich unsere Jobs übernehmen

Die humanoide Robotik befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Lange Zeit dominierte in der öffentlichen Wahrnehmung und in manchen Entwicklerlaboren die Frage, wie menschenähnlich ein Roboter wirken kann. Zweibeiniger Gang, fünffingrige Hände, ein Gesicht mit Displays – das alles zog Aufmerksamkeit auf sich, füllte Messehallen und bescherte Unternehmen Risikokapital. Doch wer heute in Shenzhen durch die Entwicklungsabteilungen und Produktionshallen geht, hört eine andere Frage: Was kann dieser Roboter tatsächlich in der Fabrik leisten? Diese Verschiebung ist keine kosmetische Korrektur. Sie ist ein fundamentaler Reifeprozess einer gesamten Branche – von der Demonstration zur Deployment-Logik, vom ästhetischen Leitbild zur Ingenieursrealität.

Yijun Yu, Gründer der Sino-Cooperation Plattform, hat nach Besuchen mehrerer Unternehmen in Shenzhen eine Reihe von Beobachtungen veröffentlicht, die diesen Wandel präzise benennen. Seine Einschätzungen sind nicht die eines distanzierten Analysten, sondern die eines Branchenkenners, der direkt mit Marktteilnehmern gesprochen hat. Die vier Kernthesen, die er formuliert, decken sich bemerkenswert gut mit dem, was unabhängige Studien von Roland Berger, Nexery und anderen in den letzten Monaten herausgearbeitet haben. Was sich dabei abzeichnet, ist eine Industriegeschichte, die in China gerade in Echtzeit geschrieben wird – mit globalen Konsequenzen.

Räder statt Beine: Der realistische Weg in die Fabrikhalle

Die augenfälligste Erkenntnis aus den Shenzhen-Gesprächen ist technisch, aber hat weitreichende strategische Implikationen: Ein radbasierter Roboter mit Greifarm ist im aktuellen Entwicklungsstadium oft näher an der industriellen Einsatzreife als ein zweibeiniger humanoider Roboter mit fünffingriger Hand. Mehrere Marktteilnehmer schätzen, dass solche Systeme bereits heute 80 bis 90 Prozent typischer industrieller Anwendungen abdecken könnten.

Das klingt zunächst ernüchternd für alle, die von anthropomorphen Robotern träumen. Es ist aber in Wahrheit eine Stärke der Branche: Sie lernt, die richtige Frage zu stellen. Das chinesische Unternehmen AgiBot etwa setzt genau auf diesen Ansatz. Sein A2-W-Modell – ein zweiarmiger, radbasierter Roboter – wurde im Juli 2025 live in einer Autoteile-Fabrik in Mianyang getestet. Das Ergebnis war eindrucksvoll: Über drei Stunden bewegten die Roboter mehr als 800 Frachtboxen pro Schicht zwischen Montagestationen, navigierten dabei autonom um Gabelstapler und passten ihre Greifkraft in Echtzeit an verlagerte Kartons an – nahezu fehlerfrei. Diese Demonstration war kein Showroom-Ereignis, sondern ein produktiver Schichteinsatz in einer realen Fabrikumgebung.

Der entscheidende Vorteil radbasierter Plattformen liegt in der Kombination aus Mobilität, Stabilität und verringerter Systemkomplexität. Zweibeinige Roboter müssen ständig ihren Gleichgewichtszustand aufrechterhalten, was Rechenleistung, Energie und Designaufwand verbraucht. Räder hingegen erlauben eine stabile, schnelle Navigation ohne diese Overhead-Kosten. Für Fabrikumgebungen, in denen der Boden eben ist und strukturierte Logistikwege existieren, ist das Bein schlicht kein notwendiges Feature. Fabriken wurden nicht für Beine gebaut – sie wurden für Effizienz gebaut. Die menschenähnliche Form eines Roboters ist dann wertvoll, wenn er in einer für Menschen gebauten Umgebung agieren muss. In einer Fabrik, die man neu oder angepasst gestalten kann, verliert dieses Argument erheblich an Gewicht.

Das bedeutet keineswegs das Ende des zweibeinigen Humanoiden. Tesla baut seinen Optimus-Roboter für den Einsatz in eigenen Produktionsanlagen, BMW testet humanoide Systeme beim Einlegen von Blechteilen in Maschinen, und BYD plant für 2025 den Einsatz von mehr als 1.500 Einheiten in seinen Werken. Doch gerade diese Pilotprojekte zeigen: Der Einstieg läuft über definierte, eng begrenzte Aufgaben, nicht über die universelle Fabrikarbeiterin aus dem Science-Fiction-Film. Bis echte zweibeinige Systeme dort ansetzen, wo radbasierte Plattformen nicht mehr ausreichen, wird noch erheblicher Entwicklungsaufwand nötig sein.

Die fünffingrige Hand: Technologische Brillanz mit industriellen Grenzen

Die fünffingrige „Dexterous Hand“ ist ein zentrales Symbol des technologischen Fortschritts in der Robotik. Sie steht für den Anspruch, universelle Manipulation zu ermöglichen: komplexes Greifen, multimodale Interaktion mit Objekten, flexible Mehrzweckaufgaben. Aus wissenschaftlicher und technologischer Sicht ist diese Entwicklungsrichtung berechtigt und notwendig. Doch aus der Perspektive industrieller Anwender gelten völlig andere Kriterien.

Was zählt in der Fabrik, ist nicht Eleganz, sondern Zuverlässigkeit. Industrielle Entscheider fragen nach Lebensdauer, Wartbarkeit, Ausfallsicherheit und Kosten – und bei all diesen Kriterien zeigt die fünffingrige Hand derzeit erhebliche Schwächen. Roland Berger stellt in seiner Studie aus dem Jahr 2026 fest, dass fortschrittliche Roboterhände in Volumenanwendungen derzeit eine Lebensdauer von weniger als einem Jahr haben. Das ist für eine Industriekomponente ein nahezu inakzeptabler Wert. Eine Maschine, die alle paar Monate grundlegend gewartet oder erneuert werden muss, rechnet sich nicht – erst recht nicht, wenn die Materialkosten für eine solche Hand im vierstelligen Dollar-Bereich liegen.

Die Konsequenz ist bemerkenswert: Mehrere Unternehmen haben die fünffingrige Hand bewusst aus ihrer Produkt-Roadmap für die nächsten drei Jahre herausgenommen. Das ist, wie Yijun Yu präzise formuliert, keine Absage an die Technologie, sondern eine klare Priorisierung: Technologische Eleganz und industrielle Umsetzbarkeit sind nicht dasselbe. Wer für die Fabrik baut, muss mit den Kriterien der Fabrik arbeiten. Industrielle Anwender akzeptieren keine Technologie, die nur in Demonstrationen funktioniert.

Dies erklärt auch, warum spezialisierte Greifer – also auf wenige Aufgaben optimierte, robuste Werkzeuge – aktuell die bevorzugte Lösung für industrielle Roboterplattformen sind. Ein Greifer, der für den Umgang mit Kartons ausgelegt ist, kann über Monate zuverlässig arbeiten, ist günstig zu ersetzen und einfach zu warten. Die fünffingrige Hand wird kommen – aber erst dann, wenn sie die industriellen Prüfsteine der Haltbarkeit, Kosteneffizienz und Wartungsfreundlichkeit erfüllt. Bis dahin ist der einfachere Greifer die klügere Wahl.

Aus Branchensicht ist diese Entwicklung gesund. Sie zeigt, dass der Markt zunehmend reif denkt. Die Anfangsphase jeder Technologieindustrie ist geprägt von Features, die beeindrucken. Die Reifephase ist geprägt von Features, die funktionieren. Die humanoide Robotik bewegt sich gerade von der ersten in die zweite Phase.

Daten als strategische Ressource: Das unsichtbare Fundament der Embodied AI

Hinter jedem lernenden Roboter steht eine Dateninfrastruktur. Das ist der Teil, der in Presseberichten über tanzende Roboter und Fabrikeinsätze gerne übersehen wird. Embodied AI – die physisch verankerte, handlungsfähige KI – braucht hochwertige, mehrdimensionale Daten aus realen Arbeitsumgebungen: echte Bewegungen, echte Werkstücke, echte Prozessvarianten und echte Störungen. Diese Daten gibt es nicht im Internet, man kann sie nicht aus Sprachmodell-Korpora destillieren, und sie lassen sich nicht einfach in der Simulation erzeugen.

Das unterscheidet Embodied AI fundamental von Large Language Models wie GPT oder Gemini. Während ein Sprachmodell auf Billionen von Tokens aus dem Web trainiert werden kann, muss ein Roboter-Aktionsmodell Episode für Episode in realen oder physisch simulierten Umgebungen Daten erzeugen – mit einem echten Roboter, einer echten Aufgabe, einem menschlichen Operator oder einem geskripteten Ablauf. Die International Federation of Robotics schätzt, dass weltweit über 3,9 Millionen Industrieroboter in Betrieb sind, die größten öffentlichen Manipulationsdatensätze aber nur rund eine Million Episoden umfassen. Die Lücke schließt sich nicht von selbst.

Noch grundlegender ist das Problem der Verkörperungslücke: Eine Policy, die auf einem sechsachsigen Einarmgreifer trainiert wurde, überträgt sich nicht sauber auf einen zweiarmigen humanoiden Roboter auf Rollen. Jede neue Roboterform setzt die Datenanforderungen effektiv zurück. Das macht Daten zu einem nicht handelbaren Wettbewerbsvorteil – wer sie hat, kann modellieren; wer sie nicht hat, kann das nicht kaufen.

Yijun Yu benennt einen weiteren, oft ignorierten Aspekt: Nicht nur die Daten selbst sind entscheidend, sondern auch das Geschäftsmodell der Datenerfassung. Wenn Datensammlung als einmaliges Projekt konzipiert wird, ist sie kaum skalierbar. Was die Branche braucht, ist ein kostengünstiger, wiederholbarer und nachhaltiger Mechanismus – ein Flywheel, das sich mit jeder neuen Robotereinheit im Feld weiterdreht. Roland Berger empfiehlt in seiner Studie, dass humanoide OEMs Herstellerpartnerschaften nutzen sollen, um reale Produktionsumgebungen gegen Vorzugspreise oder frühen Technologiezugang einzutauschen – genau weil diese Umgebungen die unverzichtbare Datenbasis liefern.

Der Wert dieser Daten ist enorm. Konservative Schätzungen beziffern das potenzielle Marktvolumen für Embodied-AI-Daten auf über zehn Billionen US-Dollar – dreimal so viel wie der gesamte Datenwert der Internetindustrie. Hintergrund ist die Analogie zu Internetunternehmen, die pro Nutzer etwa 600 Dollar an Datenwert generieren, verglichen mit einem Roboter, der für das Unternehmen ein lebenslanges Verhältnis aus physischer Interaktion, Lernkurven und proprietären Modellen erzeugt. Wer die Daten kontrolliert, kontrolliert die KI. Wer die KI kontrolliert, kontrolliert die Wettbewerbsposition in der nächsten Generation der industriellen Automatisierung.

China hat diese strategische Logik früher verstanden als der Westen. Die chinesischen Unternehmen Unitree und AgiBot verantworten knapp 80 Prozent des globalen Liefervolumens an humanoiden Robotern im Jahr 2025. Das ist kein Zufall und kein Preisdumping allein – es ist eine bewusste Deployment-First-Strategie, die darauf abzielt, so schnell wie möglich reale Einsatzdaten zu generieren und über diesen Vorteil die Software-Kompetenz zu schärfen.

 

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Deployment statt Perfektion: So verändert China die Entwicklung industrieller Humanoiden – Jetzt Daten sammeln, später dominieren

Preisverfall als Beschleuniger: Was sinkende Kosten für die Marktdynamik bedeuten

Das vielleicht konkreteste Signal für den industriellen Reifegrad der Branche kommt aus den Preiskurven. In China sind die durchschnittlichen Verkaufspreise für industrielle humanoide Roboter innerhalb nur eines Jahres spürbar gefallen: von rund 800.000 RMB im Jahr 2025 auf derzeit rund 550.000 RMB. Wichtiger noch: Die Materialkosten sind auf etwa 200.000 RMB gesunken – ein Wert, der zeigt, dass die Konsolidierung und Skalierung der Lieferketten bereits reale Auswirkungen hat.

Für westliche Beobachter sind diese Zahlen in RMB nicht unmittelbar greifbar. Zum Vergleich: Der Durchschnittspreis globaler humanoider Roboter fiel von rund 85.000 US-Dollar im Jahr 2023 auf etwa 25.000 US-Dollar bis Mitte 2025 – eine Kostenreduktion von mehr als 70 Prozent in weniger als drei Jahren. Morgan Stanley hat seine Prognose für Chinas humanoide Roboterproduktion für 2026 bereits auf 28.000 Einheiten verdoppelt. Elon Musk prognostiziert für die Zukunft Preise von 20.000 bis 25.000 US-Dollar – also auf dem Niveau eines Mittelklassewagens.

Hinter diesem Preisverfall stehen zwei strukturelle Ursachen, die Yijun Yu klar benennt. Erstens werden Aktuatoren und Getriebe zunehmend modularisiert und in höheren Stückzahlen produziert. Aktuatoren sind die Kernkomponente jedes humanoiden Roboters – sie bestimmen Drehmomentdichte, dynamische Leistung und Energieeffizienz. Wenn diese Schlüsselkomponenten von individuell gefertigten Einzelteilen zu standardisierten Modulen werden, die in Automotive-ähnlichen Fertigungslinien entstehen, fallen nicht nur die Stückkosten, sondern auch Vorlaufzeiten, Qualitätsschwankungen und Wartungsaufwand. Roland Berger schätzt, dass allein im Bereich der Aktuatoren für den Körper bis 2035 ein Marktvolumen zwischen 26 und 79 Milliarden US-Dollar entsteht.

Zweitens verändert sich die Fertigung der Strukturteile. Der Übergang von CNC-basierten Einzel- und Kleinserienprozessen hin zu werkzeuggebundenen Serienfertigungsverfahren – also von der Zerspanung einzelner Teile hin zur Umformung und Gießtechnik in Serie – senkt die Stückkosten erheblich. Das ist derselbe Weg, den die Automobilindustrie vor Jahrzehnten gegangen ist: weg von handwerklicher Präzisionsfertigung, hin zu skalierbarer Massenproduktion mit engen Toleranzen.

Die Nexery-Studie aus dem Jahr 2026 sieht industrielle humanoide Roboter bis Ende des Jahrzehnts bei unter 55.000 US-Dollar – ein Preisniveau, bei dem sich Investitionen in geeigneten Anwendungen in weniger als einem Jahr amortisieren könnten. Das verändert die Investitionslogik fundamental. Keine Großunternehmen mehr als alleinige Käufer, keine siebenstelligen Pilotprojekte mehr als Eingangshürde – sondern breit zugängliche Automatisierungswerkzeuge für mittelständische Fertiger.

China als globales Testzentrum: Die Deployment-First-Logik und ihre Konsequenzen

China hat in der humanoiden Robotik eine strategische Position eingenommen, die über einfache Kostenführerschaft hinausgeht. Das Land liefert derzeit 53 Prozent der weltweit relevanten Anbieter und baut seine Marktführerschaft dynamisch aus. Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission registrierte 2025 mehr als 150 Unternehmen für humanoide Robotik, mit einem jährlichen Wachstum von über 50 Prozent. Das Finanzierungsvolumen in der Embodied-Intelligence-Branche lag in den ersten elf Monaten des Jahres 2025 bei 33,5 Milliarden Yuan – viermal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die chinesische Strategie ist dabei nicht primär auf technologische Eleganz ausgerichtet, sondern auf Deployment-Geschwindigkeit. Mehr als 15.000 humanoide Roboter wurden 2025 in China produziert – mindestens 30-mal so viele wie in Nordamerika und über 150-mal so viele wie in der EMEA-Region. Diese Skalierung dient nicht in erster Linie dem Verkaufsvolumen, sondern der Datengenerierung. Jede eingesetzte Einheit ist ein Datenpunkt im realen Betrieb – und diese Betriebsdaten fließen in die KI-Modelle der nächsten Generation.

Das schafft einen selbstverstärkenden Vorteil: Mehr Deployment bedeutet mehr Daten, mehr Daten bedeuten bessere Modelle, bessere Modelle bedeuten mehr Deployment. China baut dieses Flywheel systematisch auf, während westliche Ökosysteme noch in der Pilotphase verharren. Das chinesische Startup AgiBot hat bereits seinen 10.000sten in Serienproduktion gefertigten humanoiden Roboter vom Band gerollt. UTECH Robotics meldete für 2025 einen 22-fachen Anstieg des Umsatzes mit humanoiden Robotern in voller Größe.

Gleichzeitig ist das chinesische Ökosystem nicht immun gegen die grundlegenden technologischen Herausforderungen. Auch chinesische Unternehmen ringen mit der Sim-to-Real-Lücke, mit der Qualität der Trainingsdaten und mit der Langlebigkeit von Komponenten im Schichtbetrieb. Doch der Unterschied ist: China löst diese Probleme im laufenden Betrieb, mit realen Industriepartnern und echten Produktionsumgebungen – während andere Regionen noch die Bedingungen für Pilotprojekte ausverhandeln.

Für europäische und deutsche Industrieunternehmen ist diese Entwicklung ein Weckruf. Deutschland beschäftigt laut Roland Berger mehr als 45 Prozent seiner produzierenden Unternehmen mit unbesetzten Stellen. Die Arbeitskräftekrise ist real und wird sich bis 2050 noch verschärfen – die arbeitsfähige Bevölkerung in Deutschland soll um etwa 18 Prozent schrumpfen. Humanoide Roboter sind eine der wenigen Antworten auf diese strukturelle Herausforderung. Die Frage ist, ob europäische Unternehmen die Technologie aus dem eigenen Ökosystem beziehen oder zunehmend abhängig von chinesischen Plattformen oder US-amerikanischen KI-Stacks werden.

Das Marktpotenzial und der lange Weg zur vollständigen Autonomie

Die wirtschaftlichen Aussichten für humanoide Robotik sind eindrucksvoll – aber sie verlangen nach Nuancierung. Roland Berger prognostiziert für den Sektor bis 2035 ein Marktvolumen von bis zu 750 Milliarden US-Dollar auf OEM-Ebene, mit langfristigen Szenarien jenseits von vier Billionen US-Dollar bis 2050. Das entspräche der heutigen Automobilindustrie. Das Chinesische Institut für Elektronik geht von einem chinesischen Markt allein von 870 Milliarden Yuan bis 2030 aus. Nexery schätzt, dass bis Ende des Jahrzehnts 20 Millionen humanoide Roboter im Einsatz sein könnten – zum Vergleich: Heute sind weltweit rund 4,3 Millionen klassische Industrieroboter im Einsatz.

Doch diese Zahlen beschreiben Szenarien, keine Gewissheiten. 73 Prozent der in der Nexery-Studie befragten Unternehmen planen zwar konkret den Einsatz von Embodied-AI-Systemen in den kommenden Jahren, aber vollautonome humanoide Roboter in industriellen Umgebungen werden realistischerweise erst nach 2030 erwartet. Die verbleibenden Lücken sind bekannt: Autonomie in offenen, unstrukturierten Umgebungen erfordert noch fünf bis zehn Jahre weitere KI-Entwicklung. Die Langlebigkeit von Schlüsselkomponenten unter Dauerbetriebsbedingungen ist noch unbewiesen. Regulatorische Rahmenwerke existieren weltweit kaum, und die Fragmentierung zwischen US-amerikanischen, europäischen und chinesischen Standards erschwert internationale Deployments.

Die realistischere, kurzfristig relevante Entwicklungslinie verläuft über genau jene pragmatischen Systeme, die Yijun Yu in Shenzhen beobachtet hat: radbasierte Plattformen mit zuverlässigen Greifern, eingebettet in klar definierte Logistik- und Montageaufgaben, mit robustem Datenerfassungsmodell im Hintergrund. Das ist keine kompromittierte Vision – das ist ingenieurstechnische Vernunft. Zwischen 40 und 60 Prozent der heute manuell ausgeführten Tätigkeiten in Produktion und Logistik gelten grundsätzlich als automatisierbar. Wenn radbasierte Systeme davon bereits 80 bis 90 Prozent abdecken können, ist das ein transformativer Wert – nicht trotz fehlender menschlicher Form, sondern wegen industrieller Fokussierung.

Strategische Schlussfolgerungen für Industrieunternehmen

Die Analyse der Beobachtungen aus Shenzhen, zusammen mit den verfügbaren Marktstudien, ergibt ein klares Handlungsbild für Industrieunternehmen, die sich auf die kommende Welle der Embodied AI vorbereiten wollen.

Erstens: Die Einstiegstechnologie ist verfügbar. Wer wartet, bis der perfekte humanoide Roboter die Fabrik betritt, verpasst die Lernkurve der ersten Welle. Pilotprojekte mit radbasierten Plattformen in definierten Logistik- oder Montageaufgaben sind heute wirtschaftlich darstellbar und liefern gleichzeitig die Betriebsdaten, die für die nächste Entwicklungsstufe entscheidend sind.

Zweitens: Die Datenstrategie ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die jetzt eine strukturierte Infrastruktur für die Erfassung industrieller Bewegungs- und Prozessdaten aufbauen, positionieren sich für die KI-Modelle der nächsten Robotergeneration. Das ist kein rein technisches Thema – es erfordert ein tragfähiges Geschäftsmodell, das Datenerfassung als laufenden Prozess integriert, nicht als einmaliges Projekt.

Drittens: Die Komponenteninvestitionen und Lieferkettenentscheidungen sind jetzt zu treffen. Aktuatoren, Getriebe und strukturelle Komponenten entwickeln sich schnell in Richtung Automotive-ähnlicher Serienfertigung. Unternehmen, die heute in diese Lieferketten einsteigen – als Hersteller, als Integratoren oder als strategische Partner –, sichern sich Positionen in einem Markt, der in den kommenden zehn Jahren mehrere hundert Milliarden Dollar schwer werden wird.

Viertens: Die Haltung gegenüber chinesischen Technologieplayern braucht strategische Klarheit. China führt nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Deployment-Geschwindigkeit und im Aufbau proprietärer Datensätze. Ob man diese Kapazitäten nutzen, umgehen oder eigene europäische Alternativen aufbauen will, ist keine technische, sondern eine wirtschafts- und geopolitische Entscheidung – die aber früh getroffen werden muss.

Die humanoide Robotik war lange Zeit ein Versprechen. Sie wird gerade zu einem Markt. Und der entscheidende Schritt dabei ist nicht der perfekte zweibeinige Roboter mit menschlicher Hand – es ist der zuverlässige, günstige, wartbare Roboter mit Greifer auf Rädern, der heute in Shenzhen seine Schicht antritt und morgen in Frankfurt, Ulm und Stuttgart stehen könnte.

 

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