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Der Nationalstaat in der Dauerkrise: Die große Entfremdung – Warum immer mehr Bürger den Glauben an „die da oben“ verlieren

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Veröffentlicht am: 23. Februar 2026 / Update vom: 4. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Der Nationalstaat in der Dauerkrise: Die große Entfremdung – Warum immer mehr Bürger den Glauben an „die da oben“ verlieren

Der Nationalstaat in der Dauerkrise: Die große Entfremdung – Warum immer mehr Bürger den Glauben an „die da oben“ verlieren – Bild: Xpert.Digital

Die große Entfremdung: Warum 52 Prozent der Bürger das Gefühl haben, politisch machtlos zu sein

Das Tabu-Thema der Migration: Warum ausgerechnet gut integrierte Einwanderer eine harte Wende fordern

Zwischen Reformstarre, Identitätsverlust und dem Versagen politischer Alternativen

Der Nationalstaat gilt vielen als Auslaufmodell – zu klein für die globalen Krisen unserer Zeit und zu schwerfällig für die rasanten Entwicklungen einer digital vernetzten Welt. Dennoch klammern wir uns an ihn, schlichtweg aus Mangel an funktionierenden Alternativen. Doch der Preis für dieses Festhalten wird für die Bürger zunehmend im Alltag spürbar: Ein wuchernder Bürokratieapparat, der den Wirtschaftsstandort jährlich Milliarden kostet, eine schleichende ökonomische Stagnation und ein tiefgreifendes Gefühl der politischen Ohnmacht.

Während die Politik noch in klassischen Mustern von Links und Rechts denkt, hat sich die Gesellschaft längst neu formiert. Entlang neuer Konfliktlinien wächst ein massives Misstrauen gegenüber den Eliten – eine Entfremdung, die sich durch alle Schichten zieht und paradoxerweise auch jene erfasst hat, die selbst eine Migrationsgeschichte besitzen. In dem Versuch, das unauflösbare Spannungsfeld aus demokratischer Mitbestimmung, globaler Wirtschaft und nationaler Souveränität zu meistern, flüchtet sich die Politik in immer neue Regulierungen. Das Resultat ist eine gefährliche Erosion des gesellschaftlichen Vertrauens. Diese Analyse beleuchtet das wahre Ausmaß der institutionellen Erstarrung und geht der entscheidenden Frage nach: Wie lässt sich die demokratische Handlungsfähigkeit zurückgewinnen, bevor der Staat seine Legitimation endgültig verliert?

Warum das Fundament moderner Staatlichkeit bröckelt und niemand den Mut hat, ein neues zu bauen

Das Ende von Links und Rechts: Die neuen Konflikte, die unsere Gesellschaft wirklich spalten

Die Idee des Nationalstaates als ordnungspolitischer Rahmen für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Prozesse steht seit Jahrzehnten unter Beschuss. Von links wird er als überholtes Relikt kritisiert, das der globalisierten Ökonomie im Wege steht. Von rechts wird er als bedrohte Trutzburg einer kulturell homogenen Gemeinschaft verteidigt. Beide Seiten haben Teile der Wahrheit erfasst, doch keine hat bislang ein funktionsfähiges Alternativmodell vorgelegt, das den komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden könnte. Der Nationalstaat erweist sich in der Praxis als erstaunlich zählebig, obwohl seine institutionellen Schwächen immer offensichtlicher zutage treten. Die eigentliche Krise liegt nicht im Konzept selbst, sondern in der Unfähigkeit der politischen Klasse, dieses Konzept an eine veränderte Realität anzupassen, ohne dabei die demokratische Legitimation zu untergraben.

Das unauflösbare Dreieck: Demokratie, Souveränität und globale Verflechtung

Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik hat mit seinem politischen Trilemma der Weltwirtschaft ein analytisches Werkzeug geschaffen, das die strukturelle Überforderung des Nationalstaates auf den Punkt bringt. Sein Befund lautet, dass Demokratie, nationale Selbstbestimmung und vollständige wirtschaftliche Globalisierung miteinander unvereinbar sind. Nur jeweils zwei dieser drei Ziele lassen sich gleichzeitig verwirklichen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts opferten die westlichen Staaten Teile der Globalisierung zugunsten von Demokratie und nationalstaatlicher Autonomie, was zu einer beispiellosen Wohlstandsperiode führte. In den vergangenen drei Jahrzehnten kehrte sich dieses Verhältnis um: Globalisierung und nationale Autonomie wurden priorisiert, während die demokratische Mitbestimmung zunehmend ausgehöhlt wurde.

Dieser Befund ist weit mehr als eine akademische Fingerübung. Er erklärt, warum in nahezu allen westlichen Demokratien ein wachsender Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, von politischen Entscheidungsprozessen abgekoppelt zu sein. In Deutschland zeigt die Allensbach-Umfrage eine dramatische Entwicklung: Während sich der Anteil derjenigen, die sagten, man habe als Bürger Einfluss auf das, was vor Ort geschieht, zwischen 1992 und 2021 von 22 auf 47 Prozent steigerte, fiel dieser Wert bis 2023 auf 29 Prozent zurück. Parallel stieg das Gefühl der Machtlosigkeit von 30 auf 52 Prozent. In Ostdeutschland gaben sogar 63 Prozent an, sich als Bürger machtlos zu fühlen. Rodriks praktische Schlussfolgerung besteht darin, die Hyperglobalisierung als erstrebenswertes politisches Ziel aufzugeben, um den sozialen Zusammenhalt, der durch Nationalstaat und Demokratie geschaffen wird, zu retten. Ob dieser Vorschlag im Zeitalter digitaler Kapitalströme und globaler Wertschöpfungsketten noch umsetzbar ist, bleibt eine der zentralen offenen Fragen der Gegenwart.

Die erstaunliche Beharrungskraft einer totgesagten Institution

Trotz aller Kritik ist der Nationalstaat nicht nur nicht verschwunden, seine Zahl hat sich sogar dramatisch vervielfacht. Zwischen 1946 und 2018 stieg die Zahl der Staaten weltweit von 74 auf 202. Die Schraubstock-These des Harvard-Ökonomen Alberto Alesina besagt, dass wirtschaftliche Integration zur politischen Desintegration führt: Offenere Märkte, weniger Kriege und mehr Demokratie machen es kleineren Einheiten möglich, die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zu nutzen, ohne den Preis einer erzwungenen Zugehörigkeit zu größeren Gebilden zahlen zu müssen. Diese empirische Entwicklung widerspricht der These, der Nationalstaat sei ein Auslaufmodell. Tatsächlich zeigt sich gerade in Krisenzeiten das Gegenteil: Während der Finanzkrise 2008 waren es nicht der IWF, die G20 oder die EU-Kommission, die das Schlimmste verhinderten, sondern die Nationalstaaten im Verbund mit ihren Notenbanken.

Supranationale Institutionen haben sich bislang als strukturell zu schwach erwiesen, um als tragfähige Alternative zu dienen. Die WTO sieht sich seit Jahren einer systemischen Blockade gegenüber, die Weltbank und der IWF haben an Gestaltungskraft verloren, und selbst die Europäische Union ringt mit einem chronischen Demokratiedefizit, das ihre Legitimation bei den Bürgern untergräbt. Das Experiment der sogenannten Global Governance mit freiem Kapitalverkehr und Personenfreizügigkeit hat nach Auffassung kritischer Ökonomen die Demokratie unterminiert und die Macht in den Händen weniger Multimilliardäre und der Kapitalmärkte konzentriert. Die Bevölkerung wiederum zieht mehrheitlich die nationalstaatliche Identität einer supranationalen Zuordnung vor, wie Umfragen immer wieder belegen.

Der Verwaltungsmoloch: Wie Bürokratie zum Selbstzweck wurde

Das vielleicht greifbarste Symptom der institutionellen Erstarrung des Nationalstaates ist die Expansion seines Verwaltungsapparates. Deutschland gilt nicht ohne Grund als Hochbürokratieland. Nach einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2023 sind 80 Prozent der Bevölkerung der Auffassung, dass sich die Bundesrepublik durch überbordende Bürokratie selbst schade. 71 Prozent der Bürger gaben an, sich in den letzten fünf Jahren über zu viel Bürokratie bei Ämtern und Behörden geärgert zu haben, gegenüber lediglich 48 Prozent im Jahr 2007. Diese Zahlen spiegeln nicht bloß subjektives Empfinden wider. Die jährlichen Bürokratiekosten der Wirtschaft beliefen sich 2024 auf rund 67 Milliarden Euro und lagen damit um etwa 17 Milliarden Euro höher als noch 2018, als sie bei 50 Milliarden Euro gelegen hatten. Das ifo-Institut bezifferte den gesamtwirtschaftlichen Schaden überbordender Bürokratie sogar auf 146 Milliarden Euro pro Jahr an verlorener Wirtschaftsleistung.

Besonders aufschlussreich ist dabei ein Paradoxon: Der deutsche Verwaltungsapparat ist im internationalen Vergleich gemessen an der Zahl der Beschäftigten gar nicht sonderlich groß. Das eigentliche Problem liegt in der schieren Masse an Regulierungen, Informationspflichten, Dokumentationsvorschriften und Genehmigungsverfahren, die den Bürger und die Wirtschaft belasten. Sabine Kuhlmann, Mitglied des Nationalen Normenkontrollrats, beschreibt den Mechanismus so: Die Politik versucht, neue und komplexe Probleme mit immer mehr Regulierungen bei größtmöglicher Einzelfallgerechtigkeit zu lösen, eingebettet in komplexe föderale Strukturen und eine stark verrechtlichte Verwaltungskultur. Das Ergebnis sind handwerklich schlecht gemachte Regelungen, die in der Praxis nicht funktionieren und das Bürokratieproblem weiter verschärfen. Die Gründung eines eigenständigen Ministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung unter Kanzler Friedrich Merz ist ein Eingeständnis des Problems, zugleich aber auch ein Beleg für die reflexartige Reaktion der Politik: Wenn bekannte Pfade nicht funktionieren, gründet man ein neues Ministerium.

In diesem wuchernden Regulierungsdickicht haben sich die politischen Lager komfortabel eingerichtet. Die Bürokratie schafft Abhängigkeiten, Zuständigkeiten und Verteilungsstrukturen, die sowohl für die Verwaltung selbst als auch für die politischen Akteure, die sie steuern, existenzsichernd wirken. Jeder neue Regulierungskomplex erfordert Personal, Budget und institutionelle Verankerung. Die Bürokratie reproduziert sich dadurch beständig selbst. Jede Regierung seit mindestens zwei Jahrzehnten hat den Abbau von Bürokratie versprochen, doch die Erfolge bleiben mehrheitlich aus. Das seit langem bekannte Problem der bürokratischen Selbstreferenz, in der Regulierung weitere Regulierung nach sich zieht, hat einen Zustand erreicht, den manche Kommunen bereits als Bürokratienotstand bezeichnen. Die Frage, wem dieser Apparat eigentlich dient, stellen sich immer mehr Bürger. Die Antwort fällt für viele ernüchternd aus.

Die neue Konfliktarchitektur: Vertikale Spaltung statt horizontaler Lager

Die traditionelle Einteilung politischer Konflikte in ein Links-Rechts-Schema verliert zunehmend an Erklärungskraft. Die klassische Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan aus dem Jahr 1967 identifizierte vier grundlegende Konfliktlinien europäischer Gesellschaften: Kapital gegen Arbeit, Kirche gegen Staat, Stadt gegen Land und Zentrum gegen Peripherie. Diese Konfliktlinien haben zwar nicht völlig an Relevanz eingebüßt, sie werden aber überlagert von einer neuen Spannungslinie, die sich weniger an klassischen Parteibindungen als an lebensweltlichen Erfahrungen und Zugehörigkeitsgefühlen orientiert.

Die Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer viel beachteten Studie „Triggerpunkte“ vier zentrale Konfliktarenen der Gegenwart identifiziert: Oben gegen Unten im Bereich der sozioökonomischen Ungleichheit, Innen gegen Außen bei Fragen der Nationenzugehörigkeit, Wir gegen Sie in Identitätsdebatten sowie Heute gegen Morgen in der Klimadiskussion. Ihr zentraler Befund lautet, dass in allen Bereichen keine klare Polarisierung feststellbar ist. Es besteht vielmehr ein breiter Grundkonsens in der Mitte der Gesellschaft. Der Eindruck einer gespaltenen Gesellschaft entsteht vor allem durch die politische und mediale Überbelichtung spezifischer Debatten, die von sogenannten Polarisierungsunternehmern vorangetrieben werden.

Jenseits der akademischen Analyse haben sich in der politischen Praxis jedoch zwei deutlich unterscheidbare Gruppendynamiken herausgebildet, die weniger mit den klassischen Kategorien Links und Rechts zu fassen sind als vielmehr mit ihren jeweiligen identitätsstiftenden Narrativen. Die eine Gruppe organisiert sich um das Motiv: Wir hier unten gegen die da oben. Ihr zentrales Anliegen ist die soziale Gerechtigkeit, die Kritik an ökonomischer Ungleichheit und die Wahrnehmung, dass eine abgehobene Elite Entscheidungen trifft, die den Interessen der breiten Bevölkerung zuwiderlaufen. Die andere Gruppe formiert sich um das Motiv: Wir hier drinnen gegen die da draußen. Ihre Sorge gilt dem Schutz des Erreichten, der kulturellen Identität und der Abgrenzung gegenüber einer als bedrohlich empfundenen Zuwanderung oder Globalisierung.

Beide Gruppen eint bei aller inhaltlichen Verschiedenheit ein gemeinsames strukturelles Merkmal: das tiefe Misstrauen gegenüber den Institutionen und den Eliten, die sie repräsentieren. Der Politikwissenschaftler Florian Hartleb hat bereits vor Jahren nachgewiesen, dass Populismus kein exklusives Phänomen des rechten Parteienspektrums ist, sondern in vergleichbarer Form auch im linken Lager auftritt. Beide Varianten richten sich mit Anti-Positionen gegen den Status quo und fixieren sich auf Themen, die Massen mobilisieren. Das Anti-Establishment-Motiv, die Gegnerschaft gegen „die da oben“, ist strukturell identisch, auch wenn die inhaltlichen Forderungen gegensätzlich sein mögen.

Der dritte Blickwinkel: Von oben herab und die Anschlussfähigkeit des Misstrauens

Neben den beiden genannten Gruppendynamiken existiert eine dritte Wahrnehmungsebene, die sich zunächst als Gedankengut der Verschwörungstheorie verorten lässt: die Vorstellung eines „Wir oben gegen die da unten“, also die Annahme, dass eine kleine, mächtige Gruppe bewusst gegen die Interessen der Bevölkerung agiert. Diese Perspektive wäre einfach als Randerscheinung abzutun, wenn sie nicht empirisch weit tiefer in die gesellschaftliche Mitte hineinreichen würde, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt.

Laut der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2019 glaubten 46 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass es geheime Organisationen gebe, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben. 33 Prozent meinten, Politiker und andere Führungspersönlichkeiten seien nur Marionetten dahinterstehender Mächte. 24 Prozent waren überzeugt, dass Medien und Politik unter einer Decke stecken. Eine Erhebung im Rahmen des Statista-Religionsmonitors ergab, dass lediglich 45 Prozent der Befragten angaben, an keine der abgefragten Verschwörungserzählungen zu glauben, während rund 36 Prozent zumindest teilweise zwei oder mehr Verschwörungsmythen zustimmten. Die Bertelsmann-Stiftung stellte 2025 fest, dass der Verschwörungsglaube zwar insgesamt leicht rückläufig ist, das politische Misstrauen jedoch gewachsen ist. Aus den Daten lässt sich kein klares sozioökonomisches Profil von Verschwörungsgläubigen ablesen, was gerade die Besonderheit und Gefahr dieses Phänomens ausmacht: Es ist anschlussfähig an ganz unterschiedliche gesellschaftliche Milieus.

Diese Befunde sind von erheblicher Tragweite. Die Wahrnehmung, dass „die da oben“ gegen „die da unten“ arbeiten, ist kein typisches Thema extremer Ränder. Sie findet sich unterschwellig in der ganzen Breite der Gesellschaft, mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, mal rational begründet durch nachvollziehbare Erfahrungen demokratischer Ohnmacht, mal irrational aufgeladen durch verschwörungstheoretische Erzählungen. Der Historiker Nikolai Wehrs hat darauf hingewiesen, dass der Establishment-Begriff von Anfang an unterkomplex war und stets einen Hauch von Verschwörungstheorie trug: „Die da oben stecken alle unter einer Decke.“ Historisch lässt sich zeigen, dass dieser Begriff von beiden politischen Rändern, von links wie von rechts, gegen die liberale Demokratie ins Feld geführt wird. Die Eliten in Politik und Gesellschaft erleben seit geraumer Zeit einen Reputationsverlust. In den westlichen Nachkriegsdemokratien galten sie noch als unverzichtbare Antreiber einer fortschreitenden Entwicklung. In den aktuellen Krisenzeiten werden sie eher als überforderte Krisenbewältiger wahrgenommen.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat in einer Analyse Anfang 2026 diese Problemstellung klar benannt: Die gesellschaftlichen Gräben verlaufen nicht durch die Mitte der Gesellschaft, sondern zwischen einer in den Medien tonangebenden intellektuellen Elite und der großen Mehrheit der Bevölkerung, in der ein wachsender Teil den Eindruck gewonnen hat, dass auf ihn keine Rücksicht mehr genommen werde. Dieses Auseinanderdriften ist kein Phantomschmerz. Es ist die logische Konsequenz eines politischen Systems, das seine Legitimation zunehmend aus technokratischer Expertise statt aus demokratischer Rückkopplung bezieht. Beide zuvor beschriebenen Gruppenlogiken, die soziale Unten-gegen-Oben-Kritik und die identitäre Drinnen-gegen-Draußen-Abgrenzung, finden in der Wahrnehmung einer bewusst handelnden Gegenelite ihren gemeinsamen Resonanzboden. Was als Verschwörungstheorie abgetan wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung oft als verzerrte, aber durchaus nachvollziehbare Verarbeitung realer Erfahrungen von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung.

 

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Die vergessene Spaltung: Warum alte Migranten die neue Zuwanderung fürchten

Migration als Brennglas: Der vergessene Riss innerhalb der Zugewanderten

Die Migrationsdebatte offenbart eine Dimension gesellschaftlicher Verwerfungen, die in der öffentlichen Diskussion nahezu vollständig ausgeblendet wird: die wachsende Skepsis derjenigen Menschen mit Migrationsgeschichte, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben und sich hier eine Existenz aufgebaut haben, gegenüber den neueren Formen der Migration. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der „Welt am Sonntag“ ergab, dass 40 Prozent der Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte der Meinung waren, Deutschland solle weniger Flüchtlinge aufnehmen als zum damaligen Zeitpunkt. 24 Prozent der Zugewanderten sagten sogar, es sollten gar keine Flüchtlinge mehr ins Land kommen. Die Unterschiede zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund sind in dieser Frage statistisch nicht signifikant.

Wolfgang Kaschuba, damaliger Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, bezeichnete diese Konstellation als einen interessanten, aber unbeabsichtigten Integrationseffekt: Immer wenn neue Fremde kommen, werden diejenigen, die vorher angekommen sind, weniger fremd. Die Ressourcen sind knapp, und Menschen, die über Jahrzehnte an der deutschen Gesellschaft partizipiert haben, neigen ebenso wie die einheimische Bevölkerung zu der Frage, ob es nicht zu viel werde und ob sie das Erreichte teilen müssten. Die Bertelsmann-Stiftung bestätigte 2024, dass 78 Prozent der Befragten Mehrkosten für den Sozialstaat durch Zuwanderung erwarteten, 74 Prozent Wohnungsnot befürchteten und 71 Prozent sich um Probleme in den Schulen sorgten. Die gestiegene Skepsis sei vorwiegend nicht auf eine ablehnende Haltung gegenüber den zugewanderten Menschen zurückzuführen, sondern auf die Sorge um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kapazitäten für eine gelingende Aufnahme und Integration.

Für Menschen mit älterem Migrationshintergrund kommt zu diesen allgemeinen Sorgen eine spezifische Befürchtung hinzu: Sie fürchten, mit den negativen Begleiterscheinungen neuerer Migrationsentwicklungen gleichgesetzt zu werden. Wer sich über Jahrzehnte integriert, Steuern gezahlt, Eigentum erworben und seine Kinder in deutschen Schulen ausgebildet hat, sieht sich durch pauschale Debatten über Integration oder Migrationskriminalität in einen Topf geworfen mit gänzlich anderen Bevölkerungsgruppen. Diese Menschen gehören weder zum progressiven Lager, das jede Migrationskritik als Rassismus brandmarkt, noch zum nationalistischen Lager, das Migration als existenzielle Bedrohung stilisiert. Sie befinden sich in einem diskursiven Niemandsland, in dem ihre Erfahrungen und Sorgen von keiner Seite adäquat repräsentiert werden. Die demografische Dimension verschärft das Problem: Im Jahr 2010 waren 1,5 Millionen beziehungsweise 9,4 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund 65 Jahre und älter. Bis Anfang der 2030er Jahre wird ein Anstieg auf 15 Prozent erwartet. Diese wachsende Gruppe älterer Migranten, deren Rückkehrabsichten sich in der Regel nicht realisieren und die dauerhaft in Deutschland verbleiben, findet in der politischen Debatte keinen angemessenen Platz.

Ökonomische Stagnation als Katalysator der Entfremdung

Die Bundesrepublik befindet sich nach Feststellung des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im Jahr 2025 in einer Stagnation, nachdem die Wirtschaft 2023 und 2024 in einer Rezession verharrte. Die aktuelle Schwäche wird neben konjunkturellen Faktoren durch einen tiefgreifenden Strukturwandel sowie durch geopolitische Veränderungen verursacht, die das deutsche Exportmodell gefährden. Der Sachverständigenrat prognostizierte für 2025 einen preisbereinigten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von lediglich 0,2 Prozent und für 2026 von 0,9 Prozent. Diese ökonomische Schwäche ist nicht bloß ein statistisches Problem. Sie ist der materielle Nährboden, auf dem das Misstrauen gegenüber Institutionen und Eliten besonders gut gedeiht.

Wenn der Kuchen nicht mehr wächst, verschärfen sich die Verteilungskonflikte. Die Sorge der breiten Bevölkerung um ihre wirtschaftliche Zukunft ist real und messbar. Die Bürokratiekosten von 67 Milliarden Euro pro Jahr sind nur die Spitze eines Eisbergs aus strukturellen Ineffizienzen, die sich zu einem Standortnachteil auswachsen. Würde Deutschland bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung auf das Niveau Dänemarks aufschließen, wäre die Wirtschaftsleistung laut ifo-Institut um 96 Milliarden Euro pro Jahr höher. Diese Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der verpassten Chancen. Gleichzeitig steigt die Staatsverschuldung, die laut Modellrechnungen des Sachverständigenrates bis 2035 auf über 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen könnte, wenn die Mittel des Sondervermögens für Infrastruktur und Verteidigung konsumtiv statt investiv verwendet werden.

Die protektionistische und sprunghafte Handelspolitik der USA unter Donald Trump dämpft das globale Wirtschaftswachstum zusätzlich und zwingt die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft zu schmerzhaften Anpassungen. In einem solchen Umfeld wirtschaftlicher Unsicherheit suchen Menschen nach Erklärungen und Schuldigen. Die Frage, ob die nationale Politik überhaupt noch Handlungsfähigkeit besitzt oder ob sie im Geflecht supranationaler Abhängigkeiten und globaler Marktmechanismen gefangen ist, wird zur entscheidenden Legitimationsfrage des Nationalstaates. Die Antwort der Politik, man müsse zunächst internationale Abstimmungen abwarten, bevor man nationale Reformen in Angriff nehme, empfinden viele Bürger als Ausweichmanöver.

Europas Sonderweg: Zwischen Vertiefung und Zerfall

Die Europäische Union stellt den ambitioniertesten Versuch dar, den Nationalstaat in eine supranationale Ordnung zu überführen. Die Ergebnisse sind zwiespältig. Einerseits zeigen modellbasierte Analysen des Sachverständigenrates, dass eine weitere Vertiefung des EU-Binnenmarktes durch den Abbau von Handelshemmnissen das reale Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union in deutlich größerem Umfang steigern könnte, als dies durch die bisherigen Integrationsschritte erreicht wurde. Ein zentrales Hemmnis liegt in der unzureichenden Integration der europäischen Kapitalmärkte. Andererseits hat der Prozess der Zentralisierung, der durch die Europäische Währungsunion noch beschleunigt wurde, die demokratische Rückkopplung an die nationalen Souveräne zunehmend ausgehöhlt.

Eine Gegenströmung formierte sich mit der sogenannten Neuen Hanse, einer Gruppe von EU-Mitgliedstaaten um Irland, die Niederlande, die baltischen Staaten und skandinavische Länder, die sich gegen die deutsch-französische Dominanz zusammentat. Ihr Anliegen ist eine Neuordnung der vertikalen Kompetenzverteilung: Nur Aufgaben, die der Europäischen Union einen echten Mehrwert bringen, sollen von der EU-Kommission verantwortet werden. Darüber hinaus sollen Kompetenzen, die bisher auf EU-Ebene liegen und dort zu Effizienzverlusten führen, auf die Nationalstaaten zurückverlagert werden. Dieses Ringen um die Kompetenzverteilung zwischen nationaler und supranationaler Ebene ist mehr als ein institutioneller Streit. Es geht um die Frage, auf welcher Ebene demokratische Legitimation am wirksamsten hergestellt werden kann.

Der Ökonom Werner Vontobel formulierte es zugespitzt: Das Experiment der Global Governance mit freiem Kapitalverkehr und Personenfreizügigkeit sei krachend gescheitert. Es produziere immer mehr mächtige Multimilliardäre und vernichte den Wohlstand der anderen, unterminiere die Demokratie und gefährde den sozialen Frieden. Diese Einschätzung mag überzeichnet sein, sie trifft aber den Nerv einer Bevölkerung, die sich von der europäischen Integration mehr Wohlstand und Sicherheit versprochen hat und nun feststellt, dass die Früchte sehr ungleich verteilt werden.

Die Polarisierung der Ohnmacht: Warum die Mitte schweigt

Die soziologische Studie „Triggerpunkte“ hat ergeben, dass die breite gesellschaftliche Mitte endideologisiert und nur schwach parteipolitisch gebunden ist, was ihre Mobilisierungs- und Artikulationsfähigkeit schwächt. Die Konfliktformierung im öffentlichen Raum entfaltet sich vor allem über die Ränder, was den falschen Eindruck vermittelt, die Gesellschaft verfalle in antagonistische Lager. Eine Studie der Freien Universität Berlin hat die weitverbreitete Annahme einer strukturellen Polarisierung zwischen dem progressiven Bildungsbürgertum und dem abgehängten Proletariat empirisch widerlegt. Zwar stehen Arbeiter der Migration und der Europäischen Union im Schnitt kritischer gegenüber als hochqualifizierte Beschäftigte, doch die Meinungsvielfalt innerhalb der Berufsklassen ist so groß, dass von einer homogenen Lagerbildung keine Rede sein kann.

Dennoch greift die Diagnose einer fehlenden Polarisierung zu kurz. Das eigentliche Problem liegt nicht in einer Spaltung der Mitte, sondern in ihrem Verstummen. Wenn 52 Prozent der Bevölkerung sich als politisch machtlos empfinden, wenn die Bürokratie als unüberwindbare Mauer zwischen Bürger und Staat wahrgenommen wird und wenn die etablierten Parteien als austauschbare Varianten desselben Problems erscheinen, dann entsteht ein Vakuum, das von denjenigen gefüllt wird, die am lautesten schreien. Die beiden beschriebenen Gruppendynamiken, das soziale Unten-gegen-Oben-Narrativ und das identitäre Drinnen-gegen-Draußen-Narrativ, gewinnen nicht deshalb an Kraft, weil sie die Mehrheitsmeinung repräsentieren, sondern weil die Mehrheit selbst keine Stimme mehr findet.

Die Politikwissenschaft spricht von einer neuen Konfliktlinie, die sich nicht mehr entlang der klassischen sozioökonomischen oder religiös-kulturellen Bruchlinien verorten lässt, sondern entlang der Frage, ob man sich als Gewinner oder Verlierer der Modernisierung versteht. Diese Konfliktlinie durchzieht alle Schichten, alle Milieus und alle Altersgruppen. Sie ist nicht identisch mit der Trennlinie zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land oder zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Sie markiert vielmehr die Grenze zwischen denjenigen, die das Gefühl haben, noch Zugang zu den Entscheidungsstrukturen zu besitzen, und denjenigen, die sich abgehängt fühlen, unabhängig von ihrer tatsächlichen sozioökonomischen Position.

Weder Reform noch Revolution: Das Dilemma der politischen Gestaltung

Die zentrale Tragik der gegenwärtigen Konstellation liegt darin, dass sowohl die Verteidiger als auch die Kritiker des Nationalstaates in ihren jeweiligen Positionen weitgehend erstarrt sind. Die Nationalisten betreiben eine romantische Verklärung einer Zeit, die es in dieser Form nie gegeben hat. Die Kosmopoliten propagieren eine supranationale Ordnung, für die weder die institutionellen Voraussetzungen noch die demokratische Legitimation vorhanden sind. Dazwischen steht eine pragmatische Mitte, die weder das eine noch das andere glaubt, aber keine eigene Vision zu formulieren vermag.

Der Schweizer Publizist Rainer Hank hat den Kern des Problems in einem Begriff gefasst: die Herrschaftsrente. In der Blütezeit der Nationalstaaten boten große Nationen größere ökonomische Märkte und mehr militärische Sicherheit. Der Preis war oft eine diktatorische Herrschaftsrente, also die Rendite, die politische Akteure aus ihrer Kontrolle über den Staatsapparat ziehen. In der modernen Demokratie ist diese Herrschaftsrente subtiler geworden, aber sie existiert weiterhin: in Form von bürokratischen Zuständigkeiten, die Arbeitsplätze sichern, in Form von Regulierungskomplexität, die Beratungsindustrien nährt, und in Form von Transfersystemen, die Abhängigkeiten schaffen. Der aufgeblähte Verwaltungsapparat ist nicht das Ergebnis eines bewussten Plans, sondern das Produkt eines sich selbst verstärkenden Prozesses, in dem jeder Akteur seine Stellung verteidigt und jede Reform mit Widerstand aus dem System selbst rechnen muss.

Die Debatte über den Nationalstaat wird dadurch zu einer Scheindebatte. Weder seine Abschaffung noch seine nostalgische Restaurierung sind realistische Optionen. Was fehlt, ist eine nüchterne Analyse der Frage, welche Aufgaben auf welcher Ebene am effizientesten und am demokratisch legitimiertesten erfüllt werden können. Die Antwort darauf wird nicht einheitlich sein: Manche Probleme erfordern globale Kooperation, andere nationale Steuerung, wieder andere regionale Autonomie. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, ein Mehrebenensystem zu gestalten, das flexibel genug ist, um auf unterschiedliche Problemlagen angemessen zu reagieren, ohne dabei die demokratische Kontrolle zu opfern. Bislang hat sich eine solche Alternative nirgendwo etabliert. Der Nationalstaat bleibt „faute de mieux“ die Standardoption, ein bekanntes Übel, das man behält, weil das unbekannte Bessere noch nicht erfunden wurde.

Vertrauen als knappe Ressource: Die eigentliche Währung der Krise

Alle beschriebenen Phänomene, die bürokratische Erstarrung, die gesellschaftliche Entfremdung, das Misstrauen gegenüber Eliten, die Spannungen innerhalb der Migrationsbevölkerung und die ökonomische Stagnation, verweisen auf ein gemeinsames Fundament: den Verfall gesellschaftlichen Vertrauens. Vertrauen ist die unsichtbare Grundlage jeder funktionierenden Demokratie und jeder leistungsfähigen Volkswirtschaft. Wenn Bürger glauben, dass der Staat ihre Interessen vertritt, zahlen sie Steuern, halten sich an Gesetze und akzeptieren auch Entscheidungen, die ihnen persönlich nicht zupasskommen. Wenn dieses Vertrauen erodiert, beginnt die Erosion des gesamten institutionellen Gefüges.

Die Bertelsmann-Stiftung stellte 2025 fest, dass das politische Misstrauen in Deutschland gewachsen ist, obwohl der Verschwörungsglaube insgesamt leicht zurückgegangen war. Diese scheinbar widersprüchlichen Befunde lassen sich auflösen, wenn man zwischen irrationalem Verschwörungsglauben und rationalem politischem Misstrauen unterscheidet. Letzteres speist sich nicht aus Paranoia, sondern aus konkreten Erfahrungen: aus dem Gefühl, bei politischen Entscheidungen nicht gehört zu werden, aus der Beobachtung, dass die Kluft zwischen politischen Versprechen und realer Umsetzung immer größer wird, und aus der Wahrnehmung, dass die Kosten von Krisen und Strukturwandel ungleich verteilt werden. Dass 87 Prozent der Bevölkerung finden, der Staat solle dafür sorgen, dass Flüchtlinge rasch arbeiten dürfen, zeigt, dass die Mehrheit durchaus zu pragmatischen Lösungen bereit ist, wenn sie das Gefühl hat, dass ihre Sorgen ernst genommen werden.

Die Rekonstruktion von Vertrauen erfordert mehr als Kommunikationsstrategien oder symbolische Gesten. Sie verlangt eine strukturelle Reform des Verhältnisses zwischen Staat und Bürger: weniger Regulierung, mehr Transparenz, kürzere Entscheidungswege und eine Politik, die ihre Entscheidungen nicht mit dem Verweis auf internationale Zwänge entpolitisiert, sondern offen die Abwägungen benennt, die ihr zugrunde liegen. Der Nationalstaat kann diese Aufgabe erfüllen, aber nur dann, wenn er sich von der Illusion verabschiedet, dass Steuerungsfähigkeit durch immer mehr Regelwerk zu erreichen ist. Stattdessen müsste der Fokus auf der Wiederherstellung demokratischer Handlungsfähigkeit liegen, auf der Fähigkeit, Probleme nicht nur zu regulieren, sondern zu lösen.

Die Leerstelle der Moderne: Warum kein Nachfolger in Sicht ist

Das vielleicht bezeichnendste Merkmal der gegenwärtigen Debatte ist ihre Ergebnislosigkeit. Seit Jahrzehnten wird der Nationalstaat für überholt erklärt, ohne dass sich eine überzeugende Alternative herausgebildet hätte. Die Europäische Union ist in ihrer gegenwärtigen Form eher ein Symptom des Problems als seine Lösung. Globale Governance-Strukturen bleiben weit hinter den Anforderungen zurück. Regionale Autonomiemodelle funktionieren in kleinen, homogenen Gesellschaften, sind aber kaum auf die komplexen Verhältnisse einer 84-Millionen-Volkswirtschaft zu übertragen.

Der Kern des Dilemmas liegt darin, dass der Nationalstaat gleichzeitig zu groß und zu klein ist: zu groß für die lokalen und regionalen Unterschiede, die eine differenzierte Politik erfordern, und zu klein für die globalen Herausforderungen, die nationale Alleingänge wirkungslos machen. In diesem Spannungsfeld operiert ein politisches System, das sich in einem bürokratischen Apparat verschanzt hat, der mehr dem Selbsterhalt dient als der Problemlösung. Die beiden großen gesellschaftlichen Strömungen, die vertikale Gerechtigkeitskritik und die horizontale Identitätsverteidigung, artikulieren auf unterschiedliche Weise dasselbe Grundproblem: den Verlust an Kontrolle über die eigenen Lebensverhältnisse. Und die verbreitete Intuition, dass „die da oben“ eigene Interessen verfolgen, erweist sich bei nüchterner Betrachtung weniger als Verschwörungsphantasie denn als vereinfachte, aber in ihrem Kern nachvollziehbare Beschreibung eines Systems, das sich zunehmend von seinen Bürgern entfernt hat.

Die Zukunft des Nationalstaates wird sich nicht in abstrakten Debatten über Souveränität und Supranationalität entscheiden, sondern in der ganz konkreten Frage, ob es gelingt, politische Institutionen so umzubauen, dass die Bürger sich in ihnen wiedererkennen. Dies erfordert einen grundlegenden Wandel der politischen Kultur: weg von der technokratischen Verwaltung des Bestehenden, hin zu einer demokratischen Gestaltung des Möglichen. Der Nationalstaat mag ein unvollkommenes Gefäß sein, aber er ist das einzige, das bislang die demokratische Legitimation besitzt, verbindliche Entscheidungen im Namen seiner Bürger zu treffen. Diese Legitimation zu bewahren und gleichzeitig die Handlungsfähigkeit wiederherzustellen, die durch Bürokratie, Globalisierung und institutionelle Erstarrung verloren gegangen ist, bleibt die entscheidende Herausforderung der nächsten Jahrzehnte. Die Antwort darauf steht noch aus.

 

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