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Europa hat geschlafen – nun soll der Mittelstand die Verteidigung retten

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Veröffentlicht am: 20. Mai 2026 / Update vom: 20. Mai 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Europa hat geschlafen – nun soll der Mittelstand die Verteidigung retten

Europa hat geschlafen – nun soll der Mittelstand die Verteidigung retten – Bild: sme connect

Der Drohnenkrieg als Wirtschaftskrieg – Europas KMU an der Front der Zeitenwende

Zu langsam für die Zeitenwende: Wie EU-Bürokratie Europas Sicherheit gefährdet

Europas Rüstungs-Dilemma: Warum Milliarden an die falschen Firmen fließen

Die europäische Sicherheitsarchitektur steht vor einer epochalen Zäsur: Auf den Schlachtfeldern der Gegenwart haben günstige, massenhaft produzierte Drohnen die Rolle von millionenschweren Großwaffensystemen eingenommen. Doch während die technologische und ökonomische Realität längst von einer neuen, asymmetrischen Kriegsführung diktiert wird, hinkt Europa strukturell hinterher. Zwar mangelt es dem Kontinent weder an Innovationskraft noch an hochspezialisierten mittelständischen Unternehmen (KMU) – doch ein zersplitterter Binnenmarkt, lähmende Genehmigungsverfahren und eine fatale Abhängigkeit von chinesischen Schlüsselkomponenten bremsen die europäische Rüstungswende massiv aus. Der folgende Artikel analysiert die unerbittliche Kosten-Nutzen-Rechnung moderner Konflikte, das Versagen klassischer Beschaffungsprozesse und zeigt auf, welche radikalen Schritte Brüssel jetzt gehen muss, um vom schwerfälligen Friedensmodus zu einer echten, resilienten Verteidigungsbereitschaft zu gelangen.

Das Ende des Panzerzeitalters? Eine brutale Kosten-Nutzen-Rechnung

300-Euro-Drohne gegen Millionen-Panzer: Die brutale neue Logik des Krieges

Am 6. Mai 2026 organisierte SME Connect in Partnerschaft mit European Business Summits einen hochrangigen strategischen Dialog im Europäischen Parlament unter dem Titel “Defending the Future – Drones and European Security“. Die Veranstaltung brachte Vertreter der Verteidigungsindustrie, KMU-Innovatoren und EU-Politiker zusammen, um den strukturellen Wandel zu analysieren, den Drohnentechnologie für moderne Konflikte und die europäische Sicherheitsstrategie bedeutet.

„Das Ziel, strukturierte Zugangswege für KMU in Verteidigungswertschöpfungsketten zu öffnen, ist heute eine Frage geopolitischer Dringlichkeit — und Logistik ist dabei keine Nebensache, sondern eine strategische Säule der Verteidigungsbereitschaft.“

Markus Becker, Head of Business Development, Intralogistics LTW & Co-Chair SME Connect Defence and Security Working Group

Die europäische Verteidigungsdiskussion durchlebt eine strukturelle Erschütterung, wie sie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr zu beobachten war. Was in Brüsseler Konferenzräumen wie ein politikwissenschaftlicher Debattenbeitrag klingen mag, manifestiert sich auf den ukrainischen Schlachtfeldern täglich in einer erbarmungslosen militärökonomischen Logik: Eine handelsübliche FPV-Drohne, zusammengebaut aus chinesischen Standardkomponenten für wenige hundert Euro, vernichtet mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit gepanzerte Fahrzeuge im Millionenwert. Wenn eine 3.000-Euro-Drohne einen drei Millionen Euro teuren Kampfpanzer zerstört, ergibt sich ein Vernichtungskoeffizient, der jede klassische Rüstungsplanung grundlegend infrage stellt.

Diese Asymmetrie ist kein Zufall und kein ukrainischer Sonderweg, sondern das Ergebnis eines strukturellen Technologiebruchs. Das Kampfgeschehen zwischen Russland und der Ukraine wird von Drohnen dominiert, Zehntausende werden jeden Monat produziert und verbraucht. Russland setzt diese Kalkulation zudem auf der Ebene der Luftabwehr fort: Eine russische Shahed-Drohne mit Kosten von 20.000 bis 30.000 Euro zwingt die Ukraine dazu, westliche Abwehrraketen vom Typ IRIS-T oder Patriot einzusetzen, deren Stückkosten zwischen einer halben Million und drei Millionen Euro liegen. Das bedeutet: Selbst wenn die Ukraine jeden einzelnen Angreifer vom Himmel holt, verliert sie ökonomisch. Wer zuerst zahlungsunfähig wird, verliert den Krieg – so lautet die neue Maxime moderner Kriegsführung.

Für die europäische Verteidigungsindustrie, die sich seit Jahrzehnten auf hochkomplexe, teure Großsysteme wie Patriot, Eurofighter oder die F-35 spezialisiert hat, ist diese Entwicklung eine epistemische Zäsur. Der Ukraine-Krieg hat nicht nur gezeigt, dass Drohnen schwere Panzer ersetzen können, sondern dass die gesamte Beschaffungsphilosophie des westlichen Bündnisses – teuer, langsam, technologisch überwältigend – gegen eine Welle von Massenwaffensystemen strukturell versagt. Der Verteidigungsökonom Patrick Rose, ehemals Chef-Wissenschaftler der US Navy, fasste das Dilemma prägnant zusammen: Teure Waffen, wenig Wirkung gegen billige Schwärme.

300 Euro gegen 60 Millionen Euro: Die neue Ökonomie des bewaffneten Konflikts

Auf dem hochrangigen strategischen Dialog „Defending the Future – Drones and European Security“, den SME Connect am 6. Mai 2026 im Europäischen Parlament organisierte, benannte der tschechische Abgeordnete Tomáš Zdechovský dieses Phänomen mit bemerkenswert konkreten Zahlen: Wegwerfdrohnen im Wert von 300 bis 400 Euro schalten regelmäßig militärische Hochwertziele im Wert von 50 bis 80 Millionen Euro aus. Die Tschechische Republik allein beherbergt inzwischen mehr als 300 Drohnenproduzenten – ein industrielles Ökosystem, das in dieser Dichte und Geschwindigkeit noch vor drei Jahren undenkbar gewesen wäre.

Diese Zahl ist symptomatisch für eine breitere europäische Dynamik. Überall dort, wo der politische Wille mit dem Überlebenswillen der Industrie zusammentrifft, entstehen Kapazitäten mit beeindruckender Geschwindigkeit. Das Problem ist jedoch nicht die Existenz dieser Kapazitäten, sondern ihre strukturelle Einbindung in einen europäischen Rahmen, der bislang schlicht fehlt. Die 27 Mitgliedstaaten der EU unterhalten de facto 27 separate, weitgehend inkompatible Verteidigungsmärkte, anstatt als einheitlicher Akteur aufzutreten. Diese Fragmentierung macht Europa schwächer, langsamer und deutlich teurer als notwendig – eine Einschätzung, die inzwischen von der S&D-Fraktion des Europäischen Parlaments ebenso vertreten wird wie von Industrievertretern und Sicherheitsexperten.

Die finanzielle Dimension dieser Ineffizienz ist erheblich. Seit Beginn des Ukraine-Krieges wurden 78 Prozent der europäischen Rüstungsbeschaffungen außerhalb der Europäischen Union getätigt, davon 63 Prozent allein in den Vereinigten Staaten. Nur 22 Prozent stammten von EU-Produzenten – ein Wert, der die Schere zwischen dem politischen Anspruch strategischer Autonomie und der industriellen Realität schonungslos offenlegt. Gleichzeitig stiegen die Auftragsbücher der acht größten europäischen Verteidigungsunternehmen 2024 um 15 Prozent, und ihre kombinierten Free Cashflows erreichten mit über 8 Milliarden Euro einen Rekordwert. Das Geld fließt – aber es fließt an die falschen Adressaten.

Das kaputte Rezept: Zutaten vorhanden, Koch fehlt

Fritz v. Stülpnagel, Geschäftsführer von DefenceTech Europe, brachte die strukturelle Dysfunktion auf der Parlamentsveranstaltung mit einer kulinarischen Metapher auf den Punkt, die gleichzeitig präzise ökonomische Analyse ist: Europa besitzt alle notwendigen Zutaten – eine leistungsfähige Industriebasis, erstklassige KI-Expertise, exzellentes Ingenieurwissen und eine gut ausgebildete Belegschaft. Das Rezept jedoch, das aus diesen Ingredienzien ein konkurrenzfähiges kontinentales Verteidigungsprodukt macht, ist fundamental defekt.

Das zentrale strukturelle Problem liegt in der inneren Fragmentierung des europäischen Beschaffungssystems. Ein Technologieunternehmen, das eine innovative Drohnenkomponente entwickelt hat, sieht sich beim Versuch, diese über eine EU-Binnengrenze zu liefern, mit bürokratischen Prozessen konfrontiert, die länger dauern als der eigentliche Innovationszyklus der Technologie selbst. Dual-Use-Güter – und nahezu alle verteidigungsrelevanten Drohnenkomponenten fallen in diese Kategorie – unterliegen nach der EU-Dual-Use-Verordnung (EU) 2021/821 sowohl bei der Ausfuhr in Drittstaaten als auch in bestimmten Fällen bei der innereuropäischen Verbringung einer Genehmigungspflicht. Was als sinnvolles Instrument zur Nichtverbreitung konzipiert wurde, hemmt im Ergebnis die europäische Rüstungskooperation unter Verbündeten.

In einem Umfeld, in dem die technologische Realität auf dem Schlachtfeld sich wochenweise verändert – neue Drohnentypen, neue Abwehrmethoden, neue Electronic-Warfare-Systeme –, sind Genehmigungsverfahren, die Monate in Anspruch nehmen, nicht nur ineffizient, sondern sicherheitspolitisch gefährlich. Dies ist kein rein akademisches Problem: Andrey Novakov MEP, Mitglied des Sicherheits- und Verteidigungsausschusses SEDE, sprach auf der Parlamentsveranstaltung von einem System, dessen Beschaffungsabläufe für eine Welt konzipiert wurden, in der sich die Bedrohungslage im Jahrzehnt-, nicht im Wochentakt verändert. Der politische Imperativ sei der Wechsel von der theoretischen Diskussion zur konkreten kollektiven Handlung – ein Appell, der deutlich macht, wie weit der institutionelle Rahmen der Realität hinterherhinkt.

Wer produziert eigentlich die Drohne? Die Machtfrage in der Lieferkette

Anna Ruzickova, CEO von S-Tech Ventures, machte auf dem Parlamentsforum eine Beobachtung, die in ihrer strategischen Tragweite kaum zu überschätzen ist: Der eigentliche Wettbewerbsvorteil einer Drohne liegt nicht in ihrer Außenhülle, sondern in den inneren Systemen – der Software, dem Flugcontroller, den Elektromotoren, den Magneten. Und genau bei diesen Schlüsselkomponenten ist Europa gegenwärtig in existenzieller Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter: der Volksrepublik China.

China kontrolliert schätzungsweise 70 bis 80 Prozent der globalen Drohnenproduktion. Diese Dominanz erstreckt sich nicht nur auf fertige Systeme, sondern tief in die Zulieferkette: Motoren, Batterien, Flugsteuerungen, Navigationsmodule – die kritischen Elektronikteile, ohne die keine moderne Drohne fliegt, stammen in ihrer großen Mehrheit aus chinesischer Fertigung. Ende 2024 begann Peking, den Export dieser Schlüsselkomponenten systematisch einzuschränken, zunächst als Reaktion auf US-amerikanische Halbleitersanktionen, de facto jedoch mit unmittelbaren Auswirkungen auf die europäische und ukrainische Rüstungsproduktion. Chinesische Hersteller stellten Lieferungen von Motoren, Batterien und Steuerungsmodulen entweder erheblich ein oder stoppten sie vollständig.

Im Januar 2026 eskalierte die Situation weiter: Simultane Sanktionsmaßnahmen der USA und Chinas lösten das aus, was Branchenkenner als „Phase massiver Störungen“ beschreiben. Die FCC erweiterte ihre sogenannte Covered List und verbot erstmals auf Komponentenebene den Import von Flugcontrollern, Funkübertragungssystemen, Navigationsmodulen, Motoren und Batteriemanagementsystemen aus China. Für Europa bedeutet das: Der bisherige Pragmatismus der Beschaffung – billige chinesische Komponenten, schnelle Integration, günstiger Endpreis – ist zu einem strategischen Sicherheitsrisiko ersten Ranges geworden.

Anna Ruzickova schilderte die unternehmerische Konsequenz dieser Abhängigkeit aus eigener Erfahrung: Ihr Unternehmen kämpft darum, eigene Fertigungslinien für spezialisierte Magnete und Motoren aufzubauen, scheitert dabei jedoch am fehlenden Commitment europäischer Regierungen, entsprechende Stückzahlen abzunehmen. Ohne staatlich garantierte Abnahmemengen rechnet sich keine Produktion im industriellen Maßstab – und ohne industriellen Maßstab können die Stückkosten nicht konkurrenzfähig werden. Das Ergebnis ist eine klassische Marktversagensspirale: Europas innovativste Rüstungs-KMU sind gezwungen, ihre besten Technologien in den Nahen Osten oder nach Indien zu exportieren, nur um wirtschaftlich überleben zu können.

Deutschland versucht diesem Problem partiell zu begegnen, indem es zunehmend Drohnen aus Taiwan importiert – im ersten Quartal 2025 wurde Deutschland zum zweitgrößten Abnehmer taiwanesischer Drohnen weltweit, direkt hinter Polen. Taiwan produziert Drohnen ohne festlandchinesische Zulieferung, was für europäische Partner strategisch attraktiv ist. Eine vollständige Substitution der chinesischen Lieferkette ist das gleichwohl nicht – Taiwan ist eine Alternative, keine strukturelle Lösung für die Abhängigkeit Europas von asiatischen Schlüsselkomponenten.

Das Kapitalmarktversagen: Zu wenig Risikokapital für zu viel Innovations-Potenzial

Guillaume de La Brosse, Leiter der Referate Verteidigungspolitik und Innovation bei der GD DEFIS der Europäischen Kommission, benannte auf der Parlamentsveranstaltung ein Paradoxon, das für jeden Industrieökonomen auf der Hand liegt: Europa verfügt über einen Überfluss an technischem Talent und geistigem Eigentum, aber über einen dramatischen Mangel an Risikokapital für dessen Kommerzialisierung. Diese Diagnose wird durch die Marktdaten bestätigt: Der europäische Verteidigungssektor verzeichnete im ersten Halbjahr 2025 zwar M&A-Transaktionen im Wert von 2,3 Milliarden Dollar – ein Anstieg von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr –, doch das Kapital fließt vornehmlich in die Konsolidierung etablierter Großunternehmen, nicht in die Skalierung von Start-ups.

Rheinmetall übernahm Loc Performance Products für 950 Millionen Dollar, Safran kaufte das KI-Unternehmen Preligens für 220 Millionen Euro, und das Verteidigungstechnologieunternehmen Helsing konnte 600 Millionen Euro in einer Series-D-Runde einwerben. Diese Transaktionen zeigen, dass für bewiesene Konzepte Kapital verfügbar ist – aber genau die Phase zwischen innovativem Konzept und bewiesenem Konzept, also die kritische Skalierungsphase, bleibt ohne ausreichende Risikokapitalversorgung. De La Brosse verwies auf ein notwendiges 20-Millionen-Euro-Pilotprojekt als Mindestgröße, um innovative Start-ups aus der Laborphase in die Massenproduktion zu überführen.

Die Europäische Investitionsbank reagierte auf diesen Befund, indem sie ihr Verteidigungsdarlehensprogramm von 1 Milliarde auf 3 Milliarden Euro aufstockte. Brüssel legte mit dem AGILE-Programm – einem 115 Millionen Euro schweren Pilotinstrument, das explizit auf Start-ups und Scale-ups ausgerichtet ist – nach. Das Versprechen: Zuschüsse innerhalb von vier Monaten statt der üblichen Jahre, vollständige Kostenfinanzierung von bis zu 100 Prozent und ein rückwirkendes Abrechnungsmodell, das Ausgaben bis zu drei Monate vor Bewerbungsschluss berücksichtigt. 20 bis 30 Projekte sollen unterstützt werden, mit dem Ziel, Technologien innerhalb von ein bis drei Jahren in den Streitkräften zu stationieren.

Parallel dazu läuft das deutlich umfangreichere European Defence Industry Programme (EDIP) mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Euro. EDIP stellt über 700 Millionen Euro für die Produktionssteigerung verteidigungsrelevanter Komponenten bereit – darunter explizit Drohnenabwehrsysteme, Raketen und Munition. Über den FAST-Fonds (Fund for the Acceleration of the Supply Chain Transformation in Defence) werden zusätzlich 100 Millionen Euro als Eigenkapital für Start-ups und KMU bereitgestellt. Über das Sicherheitsinstrument SAFE (Security Action for Europe), das im Mai 2025 verabschiedet wurde, können die Mitgliedstaaten zinsgünstige Darlehen in Höhe von insgesamt 150 Milliarden Euro für die gemeinsame militärische Beschaffung abrufen. Das ReArm Europe-Programm, das der Europäische Rat im Frühjahr 2025 gebilligt hat, sieht ein Gesamtvolumen von bis zu 800 Milliarden Euro für europäische Verteidigungsinvestitionen bis 2030 vor.

 

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Beratung und Informationen

Hub für Sicherheit und Verteidigung

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Bild: Xpert.Digital

Der Hub für Sicherheit und Verteidigung bietet fundierte Beratung und aktuelle Informationen, um Unternehmen und Organisationen effektiv dabei zu unterstützen, ihre Rolle in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu stärken. In enger Verbindung zur Working Group Defence der SME Connect fördert er insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit im Bereich Verteidigung weiter ausbauen möchten. Als zentraler Anlaufpunkt schafft der Hub so eine entscheidende Brücke zwischen KMU und europäischer Verteidigungsstrategie.

Passend dazu:

  • Die Working Group Defence der SME Connect – Stärkung der KMU in der europäischen Verteidigung

 

Logistik statt Glamour: Europas Herausforderung in der Lieferkette

Das Beschaffungsparadox: Wer bekommt das Geld wirklich?

Wenn die Mittel vorhanden sind, stellt sich die entscheidende Verteilungsfrage: Wer profitiert tatsächlich von der europäischen Rüstungsoffensive? Karen Jensen, Defence Programme Manager bei European Business Summits, nannte auf der Parlamentsveranstaltung eine Zahl, die das Strukturproblem in seiner ganzen Schärfe illustriert: 70 bis 90 Prozent aller Verteidigungsaufträge werden an einen kleinen Kreis der zehn größten etablierten Unternehmen vergeben. Die KMU, die den eigentlichen Innovationsmotor der Drohnenrevolution darstellen, erhalten den Rest – wenn überhaupt.

Diese Konzentration hat historische Wurzeln. Der europäische Rüstungsmarkt wurde über Jahrzehnte als Instrument nationaler Industriepolitik betrieben: Jedes große Mitgliedsland hatte seine nationalen Champions, die vorzugsweise mit nationalen Beschaffungsmitteln bedacht wurden. Die EU-Ebene war strukturell nachgeordnet. Thales aus Frankreich ist 2024 das nach Rüstungsumsatz größte EU-Unternehmen, gefolgt von dem italienischen Leonardo. Zusammen generierten 20 EU-ansässige Unternehmen unter den Top 100 der globalen Verteidigungsbranche etwa 104 Milliarden Euro Umsatz – ein beeindruckender Wert, der aber nichts darüber aussagt, ob diese Kapazitäten für die Anforderungen des modernen Drohnenzeitalters geeignet sind.

Die Europäische Kommission hat mit ihrer Defence Readiness Roadmap 2030 zwar einen Fahrplan vorgelegt, der unter anderem das Ziel formuliert, mindestens 35 Prozent der Verteidigungsbeschaffung gemeinsam durchzuführen. Außerdem sollen die Mitgliedstaaten mindestens 10 Prozent ihrer Rüstungsbeschaffungsbudgets für aufkommende und disruptive Technologien reservieren. Diese Ziele sind politisch ambitioniert, aber ihre Umsetzung bleibt an den nationalen Regierungen hängen – und nationale Regierungen tendieren dazu, die etablierten heimischen Rüstungskonzerne zu bevorzugen. Der strukturelle Bias zugunsten etablierter Akteure ist kein Versagen des guten Willens, sondern ein Anreizproblem: Beschaffer tragen bei der Auftragsvergabe an erprobte Großunternehmen ein geringeres persönliches Risiko als bei der Förderung unbekannter Start-ups mit unerprobten Systemen.

Das „Agile“-Versprechen: Kann Brüssel schneller werden als der Krieg?

Die eigentliche strategische Frage hinter all diesen Programmen ist nicht finanzieller, sondern prozessualer Natur: Kann die EU-Bürokratie die Innovationsgeschwindigkeit moderner Drohnentechnologie überhaupt erreichen? Der Europäische Verteidigungsfonds (EDF) mit seinem Gesamtvolumen von 8 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021 bis 2027 gilt unter Branchenexperten als „bürokratisches Monster“ – Antragsverfahren, die Jahre in Anspruch nehmen, stehen in krassem Widerspruch zu einem Technologiefeld, das sich in Monaten verändert. Das AGILE-Programm ist das explizite institutionelle Eingeständnis dieses Versagens.

Vier Monate von der Bewerbung bis zur Förderzusage – das wäre eine Revolution für ein System, das normalerweise Jahre braucht. Aber auch dieses Versprechen steht unter dem Vorbehalt der institutionellen Umsetzung. Das AGILE-Instrument muss erst noch durch das Europäische Parlament und den Rat, soll Anfang 2027 einsatzbereit sein, und die eigentlichen Technologien sollen dann innerhalb von ein bis drei Jahren bei den Streitkräften ankommen. In einer Welt, in der sich die technologische Realität auf dem Schlachtfeld wochenweise verändert, ist ein Zeithorizont von drei bis fünf Jahren zwischen Idee und Einsatz strukturell unzureichend.

Die EU-Kommission hat ihren Aktionsplan zur Drohnenabwehr im Februar 2026 vorgelegt, der auf vier Prioritäten abzielt: bessere Abwehrbereitschaft durch technologische Entwicklung und schnellere Industrieproduktion, bessere Drohnenerkennung durch KI-Softwaretechnologien und 5G-Netze, koordiniertere Reaktion durch EU-Drohnenabwehrsysteme sowie bessere Verteidigungsbereitschaft durch Industriekooperation. Deutschland hat im Februar 2026 gemeinsam mit Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen die LEAP-Initiative (Low-Cost Effectors Autonomous Platforms) ins Leben gerufen, mit dem Ziel, günstige Systeme zur Drohnenabwehr schnell und in großer Stückzahl zu entwickeln. Das erste Teilsystem soll bis Ende 2026 einsatzbereit sein, das Gesamtsystem bis Ende 2027.

Logistik als unterschätzter strategischer Faktor

Markus Becker, Leiter Geschäftsentwicklung bei Intralogistics LTW und Co-Vorsitzender der SME Connect Defence and Security Working Group, brachte auf der Parlamentsveranstaltung einen Aspekt in die Diskussion ein, der in öffentlichen Debatten über europäische Verteidigung regelmäßig vernachlässigt wird: Logistik ist kein nachgelagertes operatives Detail, sondern eine strategische Kernkomponente der Verteidigungsbereitschaft.

Diese Einschätzung findet starke historische Unterstützung. Kriege werden letztlich durch die Fähigkeit gewonnen, Ressourcen schneller, zuverlässiger und in größeren Mengen an den Ort des Geschehens zu bringen als der Gegner. Im modernen Drohnenzeitalter, in dem Zehntausende Systeme monatlich verbraucht werden, ist die logistische Kette – von der Komponentenfertigung über die Montage bis zum Fronteinsatz – genauso kriegsentscheidend wie die Technologie der Drohne selbst. Die Ukraine produziert und repariert Drohnen buchstäblich im Hinterhof, am Küchentisch – ein Zeichen extremer logistischer Improvisationsfähigkeit, aber kein Modell für die industrielle Kriegsführung, die Europa braucht.

Becker plädierte für Dual-Use-Konzepte, die zivile Industriekapazitäten mit militärischen Anforderungen verbinden – schnelle Mobilisierung, sichere Lagerung, schützbare Transportlinien. Drohnen für den Infrastrukturschutz und die Überwachung von Versorgungsrouten sind dabei nicht etwa ein nettes technologisches Extra, sondern essenzieller Bestandteil eines kriegsbereiten europäischen Logistiksystems. Die EU hat in ihrer Defence Readiness Roadmap 2030 mit der „Eastern Flank Watch und European Drone Defence Initiative“ explizit eine umfassende Grenzverteidigung entlang der östlichen Außengrenze vorgesehen, die Drohnen- und Drohnenabwehrkapazitäten, Luftverteidigung und Küstenschutz kombiniert. Die zivil-militärische Dualität von Logistiksystemen, die Becker ansprach, ist dabei der konzeptionelle Schlüssel zur Kosteneffizienz: Lager- und Transportsysteme, die im Frieden der Wirtschaft dienen, müssen im Krisenfall nahtlos für militärische Zwecke aktiviert werden können.

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Der China-Faktor: Geopolitische Abhängigkeit als Sicherheitsproblem

Hinter der technologischen und finanzpolitischen Debatte liegt eine geopolitische Grundfrage, die auf dem Parlamentsforum mehrfach explizit angesprochen wurde: In welchem Ausmaß darf Europa in einem System der kollektiven Sicherheit von einem potenziellen strategischen Konkurrenten abhängig sein? Tomáš Zdechovský MEP formulierte dazu eine eindeutige Position: Die Lieferkette für europäische Verteidigungsdrohnen muss vollständig China-unabhängig sein – nicht als handelspolitisches Statement, sondern als operative Notwendigkeit zum Schutz militärisch sensibler Daten.

Diese Forderung hat konkrete technologische Grundlagen. Drohnen, die mit chinesischen Flugcontrollern, Funkübertragungssystemen oder Navigationssoftware ausgestattet sind, übermitteln potenziell Daten über Einsatzpositionen, Flugrouten und Zielpunkte an systeminterne Server – oder können dazu veranlasst werden. In einem System mit 500 oder 5.000 im Einsatz befindlichen Drohnen entstünde dadurch eine strategische Informationslücke, die jeden taktischen Vorteil der eigenen Systeme zunichtemachen kann. Dies ist der eigentliche Kern des Sicherheitsarguments gegen chinesische Komponenten in militärischen Systemen.

Die EU-Kommission reagierte auf diese Erkenntnis im Aktionsplan zur Drohnenabwehr vom Februar 2026 mit der Ankündigung eines EU-Gütesiegels für vertrauenswürdige Drohnen sowie einer koordinierten Risikobewertung zum Schutz der technologischen Lieferketten. Ein Drohnen-Sicherheitspaket soll die bestehenden Vorschriften für zivile Drohnen überarbeiten und ein Industrieforum für Drohnen und Drohnenabwehr zur Förderung des Dialogs einrichten. Diese Maßnahmen sind notwendig, aber nicht hinreichend: Zertifizierungssysteme und Qualitätssiegel lösen das zugrundeliegende Produktionsproblem nicht. Europäische Unternehmen brauchen keine Etiketten für nicht chinesische Produkte – sie brauchen Produktionslinien für nicht chinesische Komponenten, die sich wirtschaftlich rechnen. Und das rechnet sich nur, wenn Regierungen sie abnehmen.

Andrey Novakov MEP wählte auf der Parlamentsveranstaltung ein Bild, das die Dimension des Problems plastisch illustriert: Tausende chinesische Pakete, die täglich nach Europa importiert werden, als Metapher für eine Produktions- und Logistikgeschwindigkeit, die Europa noch nicht einmal annähernd erreicht. In diesem Bild steckt mehr als rhetorischer Schwung – es ist eine Beschreibung des realen Wettbewerbsgefälles in der Massenproduktion, das Europa zu überwinden hat.

Vom Friedensmodus zur Kriegsbereitschaft: Eine systemische Transformation

Der Abschlusskonsens der Parlamentsveranstaltung – ein kollektiver Aufbruch vom Friedensgeist zur tatsächlichen Kriegsbereitschaft – markiert eine Zäsur, die über die militärische Dimension weit hinausgeht. Was hier beschrieben wird, ist im Kern eine vollständige Neuausrichtung des europäischen Industriemodells: weg von Just-in-Time-Produktion und globaler Arbeitsteilung nach dem Prinzip der absoluten Kostenoptimierung, hin zu resilienten, redundanten, sicherheitsorientierten Produktionsketten, die im Krisenfall hochskalierbar sind.

Diese Transformation hat erhebliche ökonomische Kosten, die ehrlich benannt werden müssen. Europäisch produzierte Elektromotoren für Drohnen sind teurer als chinesische Pendants. Europäische Magnete kosten mehr als Importware. Dezentralisierte Lagerhaltung mit militärischer Sicherheitszertifizierung ist aufwendiger als optimierte Zentrallager im Just-in-Time-System. Der volkswirtschaftliche Mehrwert dieses Umbaus liegt jedoch nicht in der einzelbetrieblichen Kostenoptimierung, sondern in der gesamtgesellschaftlichen Versicherungsprämie gegen strategische Erpressung durch Lieferkettenunterbrechungen – eine Lektion, die Europa in der COVID-19-Pandemie bei Medikamenten und Halbleitern auf schmerzliche Weise bereits gelernt hat.

Die strukturelle Anreizfrage bleibt dennoch offen: Wer zahlt diese Prämie, und wie wird sie verteilt? Das SAFE-Darlehenssystem mit 150 Milliarden Euro schafft Finanzierungsanreize für die gemeinsame Beschaffung. Das EDIP und das AGILE-Programm adressieren die Produktionsseite. Was fehlt, sind verbindliche staatliche Abnahmegarantien für europäische Komponenten – ein Instrument, das der Freihandelslogik widerspricht, aber die einzige Möglichkeit ist, den privatwirtschaftlichen Investitionshemmnissen im Sicherheitsbereich zu begegnen. Ohne solche Garantien werden europäische Mittelständler weiterhin ihre besten Technologien in den Nahen Osten exportieren, statt die europäische Verteidigungskette zu stärken.

Die strategische Synthese: Was Europa jetzt braucht

Die Analyse des Parlamentsdialogs und des zugrundeliegenden ökonomischen und geopolitischen Kontexts ergibt ein klares Bild der Herausforderungen, aber auch der Handlungsoptionen. Europa besitzt tatsächlich alle Zutaten: das technische Können, das industrielle Ökosystem, das politische Bewusstsein und – erstmals seit Jahrzehnten – auch einen hinreichenden politischen Willen zur Finanzierung. Was es benötigt, ist der strukturelle Durchbruch bei vier spezifischen Hemmnissen.

Erstens braucht Europa einen echten Verteidigungsbinnenmarkt ohne bürokratische Innenzölle. Innereuropäische Exportkontrollen für Dual-Use-Güter unter Verbündeten müssen auf das sicherheitspolitisch absolut Notwendige reduziert werden. Ein Komponententransfer von einer tschechischen Drohnenfirma zu einem deutschen Rüstungsmonteur darf nicht länger bürokratisch aufwendiger sein als ein internationales Handelsgeschäft.

Zweitens müssen staatliche Abnahmegarantien für europäische Schlüsselkomponenten – insbesondere Elektromotoren, Magnete, Flugcontroller und Batterien – eingeführt werden. Ohne garantierte Absatzmengen in industriell relevanter Größenordnung lässt sich keine wettbewerbsfähige europäische Komponentenfertigung aufbauen, die fähig ist, chinesische Importe zu substituieren. Die Kommission hat mit ihrer Kartierung strategischer Abhängigkeiten begonnen – der nächste Schritt muss die verbindliche Präferenzierung europäischer Quellen in der Beschaffung sein.

Drittens muss der Zugang von KMU und Start-ups zu Verteidigungsaufträgen strukturell gesichert werden. Die Konzentration von 70 bis 90 Prozent der Aufträge auf die zehn größten Unternehmen ist nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem, sondern ein Innovationsdefizit – denn die technologische Dynamik des Drohnenzeitalters kommt von kleinen, agilen Akteuren, nicht von institutionellen Großkonzernen. Ausschreibungsdesign, Risikoteilung und Anforderungsprofile müssen so gestaltet werden, dass KMU realistisch teilnehmen können.

Viertens – und das ist die langfristig wichtigste Investition – muss Europa eine Dual-Use-Infrastruktur aufbauen, die industrielle Logistikkapazitäten mit militärischen Anforderungen strukturell verknüpft. Lager, Transportrouten, Montagekapazitäten und Überwachungssysteme, die im Normalbetrieb der Wirtschaft dienen, müssen so konzipiert und zertifiziert sein, dass sie im Krisenfall ohne Reibungsverluste militärisch aktiviert werden können. Dies ist die eigentliche industriepolitische Dimension der Verteidigungsbereitschaft – und sie wird in der öffentlichen Diskussion noch immer systematisch unterschätzt.

Die Botschaft des Parlamentsforums vom 6. Mai 2026 ist in ihrer Konsequenz eindeutig: Europa steht an einer Weggabelung, an der technologische Rückständigkeit, strukturelle Fragmentierung und strategische Abhängigkeit zu einer gefährlichen Kombination verschmolzen sind. Die vorhandenen politischen Instrumente und finanziellen Ressourcen sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für den Wandel. Die hinreichende Bedingung ist die institutionelle Bereitschaft, das Tempo der Bürokratie dem Tempo der Technologie anzupassen – und das ist, ehrlich gesagt, die schwerste aller Aufgaben.

 

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