Das Abraham-Abkommen – Trumps Prestigeprojekt bröckelt: Warum arabische Scheichs nur noch lachende Emojis schicken
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 28. Mai 2026 / Update vom: 28. Mai 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Das Abraham-Abkommen – Trumps Prestigeprojekt bröckelt: Warum arabische Scheichs nur noch lachende Emojis schicken – Bild: Xpert.Digital
5 fatale Konstruktionsfehler: Warum das größte diplomatische Abkommen im Nahen Osten zur Zeitbombe wird
Wenn Scheichs lachen und Hardliner schweigen — Trumps größtes Prestigeprojekt auf dem Prüfstand
Israel, Iran und die Golfstaaten: Die bittere Realität hinter der Fassade des Abraham-Abkommens
Das Abraham-Abkommen galt bei seiner Unterzeichnung als historischer Meilenstein und als Donald Trumps größtes außenpolitisches Prestigeprojekt. Doch fast sechs Jahre nach der feierlichen Zeremonie im Rosengarten des Weißen Hauses offenbart ein Blick hinter die Kulissen ein ernüchterndes Bild. Zwar florieren die Handelsbeziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten, doch die eskalierenden Konflikte im Nahen Osten legen die gravierenden Konstruktionsfehler des Vertragswerks schonungslos offen. Vor allem das bewusste Ausklammern der palästinensischen Frage erweist sich zunehmend als strukturelle Zeitbombe für die gesamte Region. Als Trump im Mai 2026 versuchte, das Abkommen mit neuen, geradezu abstrusen Forderungen auszuweiten, erntete er in arabischen Diplomatenkreisen nur noch Spott und lachende Emojis. Ist die hochgelobte Friedensarchitektur in Wahrheit nur eine diplomatische Fassade? Eine tiefgehende Analyse zeigt, was das Abkommen heute wirklich leistet – und warum es zwar noch nicht tot ist, aber dramatisch an Substanz verliert.
Das Abraham-Abkommen: Friedensarchitektur oder diplomatische Fassade?
Am 25. Mai 2026 postete Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social eine Forderung, die in diplomatischen Kreisen sofortiges Stirnrunzeln auslöste: Saudi-Arabien, Katar, Pakistan, die Türkei, Ägypten und Jordanien sollten — gleichzeitig und verpflichtend — den Abraham-Abkommen beitreten. Wer sich weigere, zeige damit „böse Absichten“. Und als krönendes Element: Auch der Iran, Israels erklärter Erzfeind, könnte nach einem möglichen Friedensschluss dem Abkommen beitreten. Was als diplomatischer großer Wurf gedacht war, endete mit einer langen Pause in der Telefonkonferenz — und lachenden Emoji-Antworten arabischer Regierungsvertreter an ehemalige US-Beamte. Diese Episode illustriert exemplarisch, was das Abraham-Abkommen nach fast sechs Jahren seiner Existenz ist: ein ernstzunehmendes diplomatisches Werkzeug mit realen wirtschaftlichen Ergebnissen — und gleichzeitig ein politisches Instrument, das strukturell an seine Grenzen stößt.
Entstehung und Architektur: Was hinter dem Namen steckt
Am 15. September 2020 unterzeichneten Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrains und Israels im Rosengarten des Weißen Hauses Normalisierungsabkommen, die die diplomatischen Beziehungen zwischen diesen Staaten formalisierten. Der Name „Abraham-Abkommen“ leitet sich von der biblischen Figur Abrahams ab, der im Christentum, Judentum und Islam als gemeinsamer Stammvater gilt — ein Symbol religiöser Verbindung, das dem Vertragswerk eine historische Tiefe verleihen sollte. Im Dezember 2020 trat Marokko bei, der Sudan folgte im Januar 2021, wobei die innenpolitische Instabilität dort eine vollständige Umsetzung bis heute verzögert.
Das Dokument selbst umfasst lediglich etwa zwei Seiten und bleibt inhaltlich vage. Es handelt sich im Wesentlichen um Absichtserklärungen zu Frieden, Dialogbereitschaft sowie Kooperation in den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Medizin und Wirtschaft. Konkrete Verpflichtungen, Durchsetzungsmechanismen oder verbindliche Zeitpläne fehlen weitgehend. Dies war von Beginn an sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Vertragswerks: Die Unverbindlichkeit erleichterte die Unterzeichnung, verhinderte aber gleichzeitig eine tiefgreifende institutionelle Verankerung.
Konzeptionell war das Abkommen eine Weiterentwicklung des „Peace to Prosperity“-Workshops, den Trumps Schwiegersohn Jared Kushner im Juni 2019 in Bahrain initiiert hatte. Die zugrundeliegende Idee war, dass wirtschaftliche Anreize und ein geopolitisches Interessen-Alignment politische Blockaden überwinden könnten — ohne dass die palästinensische Frage als Vorbedingung gelöst werden müsste. Diese konzeptionelle Weichenstellung sollte sich als fundamentaler Konstruktionsfehler herausstellen.
Der geopolitische Kontext: Iran als eigentlicher Klebstoff
Um die Abraham-Abkommen ökonomisch und geopolitisch zu verstehen, muss man ihren wahren Antrieb benennen: Es war nicht in erster Linie Zuneigung zu Israel, sondern die gemeinsame Feindschaft gegenüber dem Iran, die die Golfstaaten an den Verhandlungstisch brachte. Saudi-Arabien, die VAE und Bahrain sahen in einer stillen Sicherheitspartnerschaft mit Israel ein Instrument, um dem iranischen Einfluss in der Region — über Stellvertreter wie die Huthi-Rebellen im Jemen, die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen — entgegenzutreten. Washington positionierte sich dabei als Schutzmacht und Garant, mit dem klaren Ziel, Chinas wachsenden Einfluss im Bereich Spitzentechnologie in der Region auszugleichen.
Dieser Interessenkontext erklärt, warum die Abkommen in ihrer ursprünglichen Form funktionierten: Sie erforderten von den arabischen Unterzeichnerstaaten kein Umdenken in der Palästinenserfrage, sondern lediglich das formale Eingeständnis, dass Israel existiert — und ein nützlicher Partner gegen den gemeinsamen Feind ist. Die bilateralen Beziehungen zwischen den VAE und Bahrain einerseits und Israel andererseits wurden in den ersten drei Jahren nach Unterzeichnung substanziell ausgebaut, insbesondere durch Kooperationen in Wirtschaft, Umwelt und Sicherheit.
Das Freihandelsabkommen (CEPA — Comprehensive Economic Partnership Agreement) zwischen Israel und den VAE, das 2022 unterzeichnet und 2023 finalisiert wurde, schaffte Zölle auf über 96 Prozent der gehandelten Güter ab. Es war das am schnellsten zustande gekommene Freihandelsabkommen in Israels Geschichte. Das emiratische Wirtschaftsministerium erklärte das Ziel, den Handelswert binnen fünf Jahren auf jährlich zehn Milliarden US-Dollar zu steigern.
Wirtschaftliche Realität: Was die Zahlen wirklich aussagen
Die ökonomischen Ergebnisse der Abraham-Abkommen sind real — aber ungleich verteilt und gemessen an den ursprünglichen Versprechen ernüchternd. Der Gesamthandel zwischen Israel und den vier Abkommenstaaten in den Jahren 2021 bis 2024 belief sich auf: VAE 6,44 Milliarden US-Dollar, Marokko 575,9 Millionen US-Dollar und Bahrain lediglich 50,4 Millionen US-Dollar. Die VAE sind damit bei Weitem der dominante Wirtschaftspartner — Bahrain und Marokko spielen wirtschaftlich bislang eine marginale Rolle.
Für die ersten fünf Monate des Jahres 2024 meldete das Abraham Accords Peace Institute folgende Handelsvolumina: Der Handel zwischen Israel und den VAE betrug 1,39 Milliarden US-Dollar (ein Plus von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum), der Handel mit Bahrain erreichte 53,7 Millionen US-Dollar (plus 933 Prozent — allerdings von einem winzigen Ausgangsniveau aus, was Prozentzahlen verzerrt), und der Handel mit Marokko lag bei 53,2 Millionen US-Dollar (plus 64 Prozent). In den ersten sieben Monaten des Jahres 2024 belief sich der bilaterale Handel zwischen Israel und den VAE auf 1,92 Milliarden US-Dollar — 4 Prozent mehr als im selben Vorjahreszeitraum, damit aber deutlich unter dem Wachstumstempo von 2022 und 2023.
Insgesamt betrug der Handel zwischen Israel und den VAE 2024 rund 3,2 Milliarden US-Dollar — ein beachtlicher Wert, aber weit entfernt vom Ziel von zehn Milliarden US-Dollar bis 2028. Dieser Zielwert erscheint für zwei Volkswirtschaften, die zusammen über eine Billion US-Dollar an Wirtschaftsleistung erzeugen, ohnehin als bescheiden. Zum Vergleich: Deutschland wickelt mit einem einzelnen Handelspartner mittlerer Größe innerhalb weniger Monate vergleichbare Volumina ab.
Die handelsbezogene Zusammenarbeit erstreckt sich auf Sektoren wie Technologie, Agrartechnik, Cybersicherheit, Medizin und Finanzen. Israelische Start-ups erschlossen neue Märkte, emiratische Staatsfonds investierten in israelische Tech-Firmen. Im Bereich erneuerbare Energien und Green-Tech zeigte sich insbesondere die Kooperation mit Marokko als zukunftsträchtig. Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und der folgende Krieg führten zwar zu einem allgemeinen Rückgang des israelischen Gesamthandels um 18 Prozent, das Handelsvolumen mit den Abraham-Abkommenstaaten fiel aber lediglich um 4 Prozent — ein Indiz für die wirtschaftliche Resilienz der Partnerschaft.
Dieser Befund ist analytisch bedeutsam: Handel und Investitionen haben eine gewisse Eigenlogik entwickelt, die kurzfristige politische Erschütterungen überdauert. Kaufleute, Fondsmanager und Unternehmen ziehen wirtschaftlichen Nutzen aus der Normalisierung — und dieser wirtschaftliche Eigenantrieb wirkt als Stabilisator. Es wäre jedoch ein Fehler, daraus auf politische Tiefe zu schließen.
Das palästinensische Vakuum: Der blinde Fleck im Vertragswerk
Der schwerwiegendste strukturelle Fehler der Abraham-Abkommen liegt in dem, was sie bewusst ausblenden. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten normalisierten arabische Staaten ihre Beziehungen zu Israel, ohne dass eine Lösung der palästinensischen Frage als Vorbedingung gestellt wurde. Damit wurde die 2002 in Beirut beschlossene Arabische Friedensinitiative de facto begraben — jene Vereinbarung, nach der arabische Staaten Israel nur dann anerkennen würden, wenn Israel sich aus besetzten Gebieten zurückzieht und einen palästinensischen Staat ermöglicht.
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bezeichnete die Abkommen als „Verrat“. Die Hamas sprach von einem „Dolchstoß in den Rücken“. Diese Reaktion war nicht bloß rhetorisch: Die Abkommen signalisierten an die israelische Führung, dass diplomatische Anerkennung möglich ist, ohne der palästinensischen Bevölkerung Konzessionen zu machen. Das schwächte die Verhandlungsposition der Palästinenser strukturell. Mehrere Analysten vertreten die These, dass der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 nicht nur darauf abzielte, Israel zu schädigen, sondern auch die sich damals abzeichnende Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel zu torpedieren.
Ein Carnegie-Report stellte fest, dass die Abkommen darauf ausgelegt waren, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu umgehen — und damit faktisch die israelische Besatzung normalisierten, ohne Perspektiven auf palästinensische Souveränität zu eröffnen. Dieser Systemfehler kehrt nun mit voller Wucht zurück: Solange arabische Bevölkerungen die Bilder des Gaza-Kriegs sehen, sehen sich arabische Regierungen politisch massiv unter Druck gesetzt, eine Normalisierung mit Israel öffentlich nicht weiter voranzutreiben. Der Preis einer Unterstützung der Abraham-Abkommen ist für arabische Regierungen dramatisch gestiegen.
Der 7. Oktober als Stresstest: Was gehalten hat und was zerbrochen ist
Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und die israelische Gegenoffensive im Gazastreifen stellten die Abraham-Abkommen vor ihre schwerste Probe. Das Ergebnis ist ambivalent. Auf der institutionellen Ebene haben die Abkommen gehalten: Botschafter blieben in ihren Positionen, Handelsbeziehungen wurden nicht offiziell unterbrochen, Flugverbindungen existieren weiterhin. Insbesondere die VAE und Bahrain haben ihre Diplomaten in Tel Aviv belassen.
Auf der strategischen und öffentlichen Ebene hingegen wurde erheblicher Schaden angerichtet. Der 14. April 2024 zeigte paradoxerweise einen Nutzen der Abkommen: Als der Iran in einem beispiellosen Angriff Raketen und Drohnen auf Israel abfeuerte, teilten die VAE und Saudi-Arabien Geheimdienstinformationen und wirkten an der Abwehr mit. Dies verdeutlichte, dass die sicherheitspolitische Dimension der Abkommen trotz des Kriegs in Gaza funktionsfähig blieb.
Jedoch brachen öffentliche Loyalitätskonflikte in den Unterzeichnerstaaten auf. In Bahrain fanden täglich Demonstrationen für die Palästinenser statt, und der bahrainische Außenminister sah sich zu einer scharfen Verurteilung israelischer Aktionen im Gazastreifen veranlasst. In den VAE, wo soziale Medien streng reguliert sind, kursierten dennoch massenhaft Beiträge zur Unterstützung der Palästinenser. Der israelische Angriff auf ein Hamas-Büro in Doha im September 2025 — der erste israelische Angriff auf eine Golfhauptstadt überhaupt — erschütterte das Sicherheitsgefühl in der Region fundamental und trieb arabische Staaten in eine gemeinsame Notfall-Positionierung.
Die VAE schlossen israelische Rüstungsunternehmen von der Dubai Airshow aus und warnten, dass Israels Annexionspläne im Westjordanland die bilateralen Beziehungen gefährden könnten. Emiratische und bahrainische Offizielle beschrieben sich als „enttäuscht und frustriert“, dass Israel sie in eine „peinliche Lage“ gebracht habe. Die Abkommen leben also fort — aber ihre Substanz wird zunehmend ausgehöhlt.
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Strukturelle Schwächen: Fünf Konstruktionsfehler
Die Schwächen der Abraham-Abkommen sind nicht zufällig — sie liegen in der Anlage des Projekts selbst. Eine systematische Analyse ergibt fünf zentrale Konstruktionsfehler, die die langfristige Wirksamkeit begrenzen.
Der erste Fehler ist das Fehlen einer palästinensischen Lösung, wie bereits dargestellt. Das Ausklammern des palästinensischen Konflikts schuf eine strukturelle Zeitbombe: Solange kein Fortschritt in Richtung einer Zwei-Staaten-Lösung erkennbar ist, bleibt jeder Normalisierungsschritt für arabische Bevölkerungen delegitimiert und für arabische Regierungen politisch kostspielig.
Der zweite Fehler ist die extreme Asymmetrie zwischen den Partnerstaaten. Die wirtschaftliche Beziehung mit den VAE trägt die gesamte Last, während Bahrain und Marokko kaum signifikante Handelsvolumina aufgebaut haben. Eine solche Überabhängigkeit von einem einzigen Partnerverhältnis macht das Konstrukt fragil: Eine ernste Krise zwischen Israel und den VAE würde das gesamte ökonomische Fundament der Abkommen erschüttern.
Der dritte Fehler ist die innenpolitische Legitimationskrise in den Unterzeichnerstaaten. In Bahrain, Marokko und den VAE gibt es erheblichen gesellschaftlichen Widerstand gegen die Normalisierung, der durch den Gaza-Krieg massiv verstärkt wurde. Regierungen, die ohne demokratische Legitimation agieren, können diese Stimmung kurzfristig ignorieren — auf Dauer ist das politisch brisant, insbesondere wenn Israel weiterhin militärische Aktionen eskaliert, die arabische Bevölkerungen provozieren.
Der vierte Fehler ist die Abhängigkeit von einer einzigen amerikanischen Schutzgarantie. Die Abraham-Abkommen wurden von den arabischen Unterzeichnerstaaten auch als Signal der USA verstanden, dass Washington ihre Sicherheit garantiert. Trumps unberechenbare Außenpolitik, die mal Riad umwirbt, mal Druck macht, mal dem Iran Zugeständnisse signalisiert, hat dieses Vertrauen erheblich beschädigt. Die strategische Differenz zwischen Trumps Konfrontationskurs gegenüber dem Iran und dem Wunsch der Golfstaaten nach Deeskalation mit Teheran trat 2025 offen zutage.
Der fünfte Fehler ist die fundamentale Schwäche des Vertragstexts selbst. Zwei Seiten, keine verbindlichen Verpflichtungen, keine Durchsetzungsmechanismen. Was als Flexibilität verkauft wurde, ist in der Praxis Unverbindlichkeit. Wenn ein Abkommen juristisch so weich ist, dass keine Partei es einhalten muss, ist es kein Abkommen — sondern eine bloße Absichtserklärung.
Die Saudische Frage: Das ungekrönte Kronjuwel
Das eigentliche strategische Ziel der Abraham-Abkommen war nie Bahrain oder Marokko — es war Saudi-Arabien. Eine Normalisierung zwischen Riad und Jerusalem würde die regionale Dynamik im Nahen Osten fundamental verändern: Das religiös-politische Zentrum des sunnitischen Islam, Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina, das Land mit den größten Ölreserven der Welt — wenn Saudi-Arabien Israel offiziell anerkennte, hätte Trump tatsächlich Geschichte geschrieben.
In den Monaten vor dem 7. Oktober 2023 schien dieses Szenario greifbar. Kronprinz Mohammed bin Salman schloss öffentliche Beziehungen zu Israel nicht mehr aus. Hinter den Kulissen wurden Verhandlungen geführt. Das Scheitern war dann umso dramatischer. Saudi-Arabien erklärte nach dem Gaza-Krieg unmissverständlich, es werde keine Beziehungen zu Israel aufnehmen, bis Israels Führung der Gründung eines palästinensischen Staates zustimme. Eine saudische Quelle formulierte es gegenüber internationalen Medien noch präziser: Normalisierung setze einen „irreversiblen Pfad“ zu palästinensischer Staatlichkeit voraus.
Die strukturellen Hindernisse für eine saudi-israelische Annäherung sind gewaltig. Riad würde für die Unterzeichnung eines Abkommens konkrete US-Sicherheitsgarantien in Form eines Verteidigungspakts fordern — etwas, das der amerikanische Senat derzeit wohl nicht ratifizieren würde. Gleichzeitig verhindert die saudi-emiratische Rivalität paradoxerweise eine schnelle saudi-israelische Normalisierung: Was die VAE als Wirtschaftsvorteil errungen haben, kann Riad nicht einfach unter identischen Bedingungen wiederholen. Carnegie-Senior-Fellow Aaron David Miller fasste es pointiert zusammen: Was bringt es den Golfstaaten, jetzt mit Israel zu normalisieren, solange Israel keine Zugeständnisse in der Palästinenserfrage macht?
Trumps Ausweitungsforderung vom Mai 2026: Politisches Kalkül statt Diplomatie
Die Forderung Trumps vom 25. Mai 2026, gleichzeitig eine Reihe muslimischer Staaten in die Abraham-Abkommen einzubeziehen — und dies sogar mit den laufenden Iran-Verhandlungen zu verknüpfen —, ist aus nüchterner analytischer Sicht weniger als diplomatische Initiative zu bewerten denn als innenpolitisches Manöver. Analysten der International Crisis Group zufolge versuchte Trump, den Iran-Deal als „Abraham-Abkommen Staffel 2“ zu verpacken — um ihn für republikanische Hardliner, die dem Iran zu viele Zugeständnisse befürchteten, akzeptabler zu machen. Senator Lindsey Graham, ein enger Trump-Vertrauter, hatte zuvor gefragt, warum der Krieg überhaupt begonnen worden sei, wenn nun Verhandlungen stattfinden.
Ein Golf-Diplomat gegenüber Politico: „Es ist eine kluge Taktik, um die wütende Basis zu beruhigen. Er wird das immer wieder zur Sprache bringen. Aber es wird nicht Teil der Vereinbarung sein.“ Als ein früherer US-Regierungsvertreter von Trumps Forderungen hörte, schickte er scherzhafte Nachrichten an arabische Regierungsvertreter — und erhielt lachende Emojis zurück.
Pakistan lehnte die Forderung öffentlich ab. Verteidigungsminister Khawaja Asif formulierte klar: Er glaube nicht, dass Pakistan Teil solcher Abkommen sein werde. Saudi-Arabien schwieg offiziell. Katar, das gleichzeitig als neutraler Vermittler für Hamas-Verhandlungen fungiert, sieht sich durch einen eventuellen Beitritt zu den Abraham-Abkommen in seiner Vermittlerrolle gefährdet. Den Iran als möglichen Unterzeichner der Abkommen zu nennen, gilt in diplomatischen Kreisen als schlichtes Wunschdenken: Die Feindschaft gegenüber Israel ist ein zentraler Bestandteil der iranischen Staatsdoktrin.
Die Forderung drohte sogar, den laufenden Iran-Friedensprozess zu belasten. Regierungsvertreter im Nahen Osten sahen in ihr eine „vergiftete Pille“ — neue Bedingungen für Frieden, die weder der Iran noch die betreffenden Staaten akzeptieren würden.
Die Iran-Dimension: Wenn der Klebstoff sich auflöst
Es entbehrt nicht einer gewissen historischen Ironie, dass ausgerechnet der Iran-Krieg des Jahres 2026 — der in den Abraham-Abkommen stets als geeinter Feind die arabisch-israelische Partnerschaft zusammenhielt — nun das Fundament des Abkommens zu destabilisieren droht. Solange der Iran als Bedrohung wahrgenommen und das US-Sicherheitsversprechen als glaubwürdig eingestuft wurde, hatten Golfstaaten Anlass, auf der Seite Israels und der USA zu stehen. Das Bombardement israelischer Truppen auf eine Golfhauptstadt — Doha — veränderte diese Kalkulation fundamental. Nun sahen sich Golfstaaten mit einer Regionalmacht konfrontiert, die nicht mehr als verlässlicher Partner, sondern als potenzielle direkte Sicherheitsbedrohung wirkt.
Eine KAS-Studie zur ersten Trump-Regierungsperiode analysierte die entstehenden strategischen Spannungen präzise: Während Trump auf Konfrontation mit dem Iran und eine Ausweitung der Abraham-Abkommen setzte, verfolgten die Golfstaaten eine Politik der Deeskalation gegenüber Teheran und verlangten Fortschritte in der Palästinenserfrage. Diese Divergenz ist kein kommunizierbares Missverständnis — sie ist ein fundamentaler Interessenkonflikt, der durch rhetorische Gesten nicht überbrückt werden kann.
Chancen und Grenzen: Eine nüchterne Bilanz
Bei aller berechtigten Kritik wäre es analytisch unredlich, die realen Errungenschaften der Abraham-Abkommen zu ignorieren. Erstmals seit den Friedensverträgen mit Ägypten (1979) und Jordanien (1994) normalisierten arabische Staaten offiziell ihre Beziehungen zu Israel. Botschaften wurden eröffnet, Handelsbeziehungen institutionalisiert, kommerzielle Flugverbindungen eingerichtet. Die gemeinsame Abwehr des iranischen Raketenangriffs im April 2024 demonstrierte eine funktionsfähige Sicherheitskooperation. Das Handelsvolumen zwischen Israel und den VAE von über drei Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 ist trotz des Kriegs in Gaza wirtschaftlich beachtlich.
Der wesentliche Beitrag der Abkommen liegt vielleicht weniger in den unmittelbaren wirtschaftlichen Kennzahlen als in der Normierungsleistung: Sie haben gezeigt, dass arabisch-israelische Kooperation möglich ist — und haben damit einen Denkrahmen verändert, der seit Jahrzehnten eingefroren schien. Unter dem Einfluss dieser Abkommen entstand eine neue Generation wirtschaftlicher Akteure in der Region, die ein Interesse an ihrer Fortsetzung hat.
Die Grenzen sind jedoch ebenso deutlich. Jede auf der Basis der Abraham-Abkommen stattfindende Normalisierung bleibt, solange es keine glaubwürdige Verpflichtung zur Anerkennung eines palästinensischen Staates gibt, eine Sisyphusarbeit — eine ständig wiederholte und niemals vollendete Anstrengung. Wirtschaftliche Verbindungen können eine politische Delegitimierung auf Dauer nicht kompensieren. Die Expansion auf neue Länder — Saudi-Arabien, Katar, Pakistan, die Türkei — ist unter den aktuellen Bedingungen nicht realistisch.
Ist das eine Prestige-Blase? Eine differenzierte Antwort
Die Frage, ob die Abraham-Abkommen letztlich eine Prestige-Blase Trumps sind, lässt sich weder mit einem einfachen Ja noch mit Nein beantworten. Sie sind es insofern, als Trump die Abkommen in der Innenwirkung als epochalen Friedensdurchbruch vermarktet, während die strukturellen Probleme systematisch ausgeblendet werden. Das Bild der feierlichen Unterzeichnungszeremonie im Weißen Haus übertünchte, was faktisch ein Handelsabkommen mit geopolitischem Marketinglabel war. Die Rhetorik eines „neuen Nahen Ostens“ ignorierte, dass 70 Prozent der arabischen Bevölkerung die Abkommen ablehnten, weil sie die palästinensische Frage ausklammerten.
Es ist keine Prestige-Blase insofern, als reale wirtschaftliche und sicherheitspolitische Verbindungen entstanden sind, die auch unter dem Druck des Gaza-Kriegs nicht vollständig zusammengebrochen sind. Der Handel läuft, Botschaften sind geöffnet, Geheimdienste kooperieren. Diese Substanz ist nicht nichts. Aber sie ist weit weniger als das, was versprochen wurde, und deutlich weniger als das, was nötig wäre, um den Nahen Osten grundlegend zu transformieren.
Was bleibt, ist eine charakteristische Mischform: echte diplomatische Fortschritte, ideologisch überhöht und strategisch unterfinanziert. Ein Abkommen, das in seiner Substanz ernstzunehmen ist — und in seiner Vermarktung kritisch zu hinterfragen bleibt. Die Scheichs, die Trump mit lachenden Emojis antworten, spiegeln nicht Verachtung für das Abkommen wider — sondern Skepsis gegenüber dem Versuch, es als kosmisches Friedensprojekt zu deuten, wenn gleichzeitig Golfhauptstädte bombardiert werden und palästinensische Zivilisten sterben. Das ist kein Nein zum Handel mit Israel — es ist ein Nein zu diplomatischer Vereinnahmung ohne Gegenleistung.
Zwischen Resilienz und Regression
Die Fünfjahresbilanz der Abraham-Abkommen zum September 2025 fiel in diplomatischen Kreisen nüchtern bis düster aus. Kein einziger neuer arabischer Staat ist seit 2020 dem Abkommen beigetreten — mit Ausnahme der Ankündigung Kasachstans, das ohnehin seit 1992 diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält. Das „Kronjuwel“ Saudi-Arabien ist weiter entfernt denn je. Das Abkommen steht im fünften Jahr seiner Existenz unter dem größten Druck seit seiner Unterzeichnung.
Gleichzeitig ist ein vollständiger Kollaps der bestehenden Abkommen unwahrscheinlich. Die wirtschaftlichen Interessen sind zu real, die sicherheitspolitischen Verflechtungen zu tief, die Abkehr politisch zu kostspielig. Was sich abzeichnet, ist eine Zwischenphase: Das Abkommen wird in seinen bestehenden Grenzen konserviert, ohne wesentliche Fortschritte zu machen. Eine arabisch-israelische Normalisierung im großen Stil bleibt ein fernes Szenario, das an eine echte Lösung der palästinensischen Frage geknüpft ist.
Europäische Politiker sehen in diesem Kontext Handlungsbedarf: 85 Prozent deutscher und 77 Prozent europäischer Abgeordneter befürworten laut einer Befragung aus dem Jahr 2024 die Nutzung der Abraham-Abkommen zur Förderung des Wiederaufbauprozesses in Gaza und des Friedensprozesses in der Region. Die EU könnte als zusätzliche Garantiemacht auftreten — ein Potenzial, das bislang systematisch unterschätzt wird.
Die Abraham-Abkommen sind weder der historische Wendepunkt, als den Trump sie feiert, noch der totale Fehlschlag, als den ihre schärfsten Kritiker sie beschreiben. Sie sind das, was komplexe geopolitische Realitäten häufig hervorbringen: ein unvollständiges, widersprüchliches, aber nicht irrelevantes Instrument — das entweder zur Brücke ausgebaut oder zur Kulisse degradiert werden kann, je nachdem, ob diplomatisches Handwerk oder politisches Theater dominiert.
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