Chinas geheimer Plan B: Wie sich Peking auf den Bruch mit dem Westen vorbereitet
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 26. September 2026 / Update vom: 26. September 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Chinas geheimer Plan B: Wie sich Peking auf den Bruch mit dem Westen vorbereitet – Kreativbild zum Thema, mit KI: Xpert.Digital
Asymmetrische Abhängigkeit: Wie China unbemerkt die Weltwirtschaft umbaut
Ein Waffenstillstand löst Chinas Korridorproblem nicht
Ein Ende oder Einfrieren des Krieges in der Ukraine läge grundsätzlich im chinesischen Wirtschaftsinteresse. Geringere Sicherheitsrisiken, berechenbarere Versicherungsbedingungen und eine mögliche Stabilisierung des europäischen Umfelds könnten eurasische Verbindungen erleichtern. Auch Russland hätte bei einem Waffenstillstand mehr Kapazitäten, seine Rolle als Transit- und Rohstoffpartner auszubauen. Peking könnte sich als diplomatischer Akteur präsentieren und gleichzeitig seine wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa schützen.
Daraus folgt jedoch nicht, dass Chinas Hauptmotiv für einen Waffenstillstand ausschließlich die Sicherung der Belt-and-Road-Korridore wäre. Die Interessen sind breiter. Peking will einen russischen Zusammenbruch vermeiden, eine direkte Konfrontation mit Europa begrenzen, die USA strategisch binden und verhindern, dass westliche Sanktionen zum dauerhaften Vorbild für eine spätere Anwendung gegen China werden. Zugleich profitiert China von günstigen russischen Rohstoffen und von Moskaus wachsender Abhängigkeit. Ein langer Krieg verursacht daher sowohl Kosten als auch Vorteile.
Selbst ein Waffenstillstand würde die alte Handelsordnung nicht automatisch wiederherstellen. Sanktionen könnten fortbestehen, eingefrorene Vermögenswerte blieben umstritten und europäische Unternehmen würden politische Risiken weiterhin einpreisen. Die Ukraine und ihre Unterstützer würden Sicherheitsgarantien verlangen. Russland könnte als Transitland dauerhaft mit einem Risikoaufschlag belegt bleiben. Die Vorstellung, ein Abkommen öffne unmittelbar einen sicheren und politisch neutralen Landkorridor von China bis Westeuropa, unterschätzt die langfristigen Folgen des Krieges.
Für Peking wäre deshalb eine Konstellation am günstigsten, in der die militärische Eskalation endet, Russland politisch nicht besiegt wird und Europa dennoch offen für chinesischen Handel bleibt. Ob diese Ziele miteinander vereinbar sind, hängt nicht allein von chinesischer Diplomatie ab. Die Ukraine, Russland, die Vereinigten Staaten und die europäischen Staaten besitzen eigene Interessen. Chinas Einfluss ist groß, aber nicht unbegrenzt.
Europas Neutralität ist eine Fehlkalkulation
China betrachtet die Europäische Union als bedeutenden Markt, regulatorische Großmacht und potenziell eigenständigen Pol. Aus Pekings Sicht wäre es vorteilhaft, wenn Europa amerikanische Exportkontrollen, Sanktionen und Investitionsbeschränkungen nicht vollständig übernähme. Chinesische Diplomatie betont daher europäische strategische Autonomie, multilaterale Zusammenarbeit und offene Märkte. Gleichzeitig versucht Peking, unterschiedliche Interessen innerhalb der EU zu nutzen, etwa zwischen exportorientierten Industriestaaten, sicherheitspolitisch besonders atlantisch ausgerichteten Mitgliedern und Ländern mit großem Bedarf an Investitionen.
Eine echte Neutralität Europas in einem schweren amerikanisch-chinesischen Konflikt ist jedoch unwahrscheinlich. Die meisten EU-Mitglieder gehören der NATO an. Sicherheitsgarantien, Nachrichtendienste, militärische Strukturen, Finanzmärkte und Technologiesysteme verbinden Europa eng mit den Vereinigten Staaten. Sollte China einen Krieg um Taiwan beginnen oder amerikanische Streitkräfte angreifen, würde die politische Wahrnehmung in Europa nicht von abstrakter Äquidistanz, sondern von Bündnisbeziehungen und der Frage geprägt, wer den Konflikt ausgelöst hat.
Das bedeutet nicht, dass Europa jede amerikanische Maßnahme automatisch übernehmen würde. Bei Zöllen, extraterritorialen Sanktionen, Technologiekontrollen oder militärischen Beiträgen könnten erhebliche Differenzen entstehen. Europa kann versuchen, wirtschaftliche Kanäle offenzuhalten, humanitäre Ausnahmen zu sichern und eine Eskalation zu begrenzen. Strategische Autonomie bedeutet jedoch nicht Neutralität, sondern die Fähigkeit, eigene Interessen und Instrumente zu definieren.
Auch die wachsenden Handelsungleichgewichte erschweren Pekings Kalkül. Wenn chinesische Exporte europäische Anbieter in Schlüsselindustrien verdrängen, sinkt die Bereitschaft, offene Kanäle um fast jeden Preis zu bewahren. Europas Politik des De-Risking zielt nicht auf vollständige Entkopplung, sondern auf die Verringerung kritischer Abhängigkeiten. Peking kann europäische Loyalität nicht voraussetzen. Es kann aber darauf setzen, dass die hohen Kosten eines Bruchs, unterschiedliche nationale Interessen und der Wunsch nach industrieller Kooperation eine vollständig geschlossene westliche Wirtschaftsfront verhindern.
Der Bruch mit Amerika wäre kein sauberer Schnitt
China bereitet sich auf einen abrupten Einbruch der Wirtschaftsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten vor, doch ein vollständiger und sofortiger Abbruch wäre für beide Seiten schwer umzusetzen. Güterströme lassen sich über Drittstaaten umleiten, Tochtergesellschaften können Produktionsschritte verlagern und globale Unternehmen besitzen komplexe Lieferketten. Selbst wenn der direkte Handel sinkt, können chinesische Vorprodukte weiterhin über Südostasien, Mexiko oder andere Standorte in den amerikanischen Markt gelangen. Entkopplung ist daher häufig eine Veränderung der Route und der statistischen Zuordnung, nicht das Ende der materiellen Verbindung.
Peking stärkt parallel die Verwendung des Renminbi im grenzüberschreitenden Handel, baut eigene Zahlungssysteme aus, erhöht strategische Reserven und diversifiziert Lieferanten. Chinesische Unternehmen bemühen sich um Ersatz für amerikanische Software, Chips und Industriekomponenten. Der Staat kann den Kapitalverkehr kontrollieren und Banken anweisen, bestimmte Geschäfte zu finanzieren. Diese Instrumente erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber begrenzten Sanktionen.
Gegen eine umfassende Finanzblockade wären die Schutzmechanismen weniger zuverlässig. Der US-Dollar, westliche Kapitalmärkte und internationale Banken spielen weiterhin eine zentrale Rolle. Sekundärsanktionen könnten Unternehmen in Drittstaaten zwingen, zwischen dem Zugang zu China und dem Zugang zum amerikanischen Finanzsystem abzuwägen. Zudem würden Sanktionen gegen große chinesische Banken erhebliche Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft auslösen. Genau diese gegenseitige Verwundbarkeit wirkt abschreckend, macht die Lage aber in einer politischen Krise schwer kalkulierbar.
Das wahrscheinlichere Szenario ist deshalb eine schrittweise Verschärfung selektiver Trennlinien. Besonders sensible Technologien, Daten, Verteidigungsgüter und kritische Infrastruktur werden stärker abgeschirmt. Gleichzeitig bleibt der Handel mit weniger sensiblen Konsum- und Industriegütern bestehen. Eine solche partielle Blockbildung ist ökonomisch ineffizienter als die frühere Globalisierung, aber politisch eher tragfähig als eine totale Trennung.
Die maritime Achillesferse bleibt bestehen
Chinas größte physische Verwundbarkeit liegt weiterhin im Seeverkehr. Das Land ist auf den Import von Rohöl, Flüssigerdgas, Erzen, Agrarrohstoffen und industriellen Vorprodukten angewiesen. Allein durch die Straße von Malakka gelangten im ersten Halbjahr 2025 täglich rund 7,9 Millionen Barrel Rohöl und Kondensat mit Ziel China. Gleichzeitig sind die Taiwanstraße, das Südchinesische Meer und weitere Engstellen für chinesische Im- und Exporte von enormer Bedeutung.
Eine vollständige maritime Blockade wäre allerdings weder technisch noch politisch eine einfache Maßnahme. Sie wäre ein kriegerischer Akt, würde neutrale Schiffe und zahlreiche Drittstaaten betreffen und könnte die globale Energie-, Transport- und Versicherungswirtschaft erschüttern. China verfügt über die weltweit größte Handelsflotte nach verschiedenen Kapazitätsmaßen, bedeutende Häfen, eine wachsende Marine und umfangreiche industrielle Ressourcen. Eine Blockade wäre deshalb kein problemloses Absperren weniger Meerengen, sondern ein hochriskanter Großkonflikt.
Dennoch bereitet sich Peking auf Störungen vor. Pipelines aus Russland und Zentralasien, Öl- und Gasspeicher, alternative Häfen, Landkorridore und eine stärkere Marine reduzieren einzelne Risiken. Auch die Elektrifizierung des Verkehrs, der Ausbau erneuerbarer Energien und die große Kohlebasis verringern langfristig die Abhängigkeit von importiertem Öl. Diese Maßnahmen verbessern die Durchhaltefähigkeit, beseitigen die Verwundbarkeit aber nicht.
Die entscheidende Grenze ist das Volumen. Pipelines und Züge können ausgewählte Lieferungen sichern, während Seeschiffe den Massentransport dominieren. Ein Konflikt würde außerdem nicht nur physische Routen treffen. Versicherungen könnten ausfallen, Reedereien Häfen meiden, Zahlungen blockiert und Ersatzteile knapp werden. Selbst ohne formelle Blockade könnten Risikoaufschläge und ein freiwilliger Rückzug privater Unternehmen den Handel drastisch reduzieren. Chinas maritime Vorsorge ist deshalb ein Wettlauf um Zeit, Reserven und Abschreckung, nicht der Aufbau eines vollständig seefreien Wirtschaftsmodells.
Russland ist Partner, Puffer und Abhängiger
Russland besitzt für China einen hohen strategischen Wert. Es liefert Energie und Rohstoffe über Land, bindet westliche Aufmerksamkeit in Europa und teilt Pekings Interesse an einer Begrenzung amerikanischer Macht. Die lange gemeinsame Grenze erlaubt Handels- und Energiebeziehungen, die weniger anfällig für maritime Störungen sind. Gleichzeitig verfügt Russland über militärische Technologien, Rohstoffvorkommen und politischen Einfluss in Eurasien.
Die Partnerschaft ist jedoch asymmetrisch. Chinas Volkswirtschaft ist deutlich größer und industriell breiter. Nach dem Rückzug vieler westlicher Anbieter wurde China für Russland als Lieferant von Fahrzeugen, Elektronik, Maschinen und Vorprodukten noch wichtiger. Russland kann seine Energieexporte nicht beliebig und ohne Preisabschläge von Europa nach Asien verlagern, weil Pipelines, Häfen und Abnehmerstrukturen Grenzen setzen. Dadurch wächst Pekings Verhandlungsmacht.
China hat ein Interesse daran, Russland handlungsfähig zu halten, aber nicht daran, die wirtschaftlichen Kosten Moskaus vollständig zu übernehmen. Peking vermeidet normalerweise Schritte, die große chinesische Banken und Unternehmen unmittelbar massiven Sekundärsanktionen aussetzen könnten. Die Unterstützung konzentriert sich daher stärker auf Handel, Energieabnahmen, diplomatische Rückendeckung und Güter mit ziviler und militärischer Doppelnutzung als auf offen deklarierte Waffenlieferungen.
Sollte sich der Konflikt zwischen China und dem Westen drastisch verschärfen, könnte diese Zurückhaltung abnehmen. Direkte Waffen- und Munitionslieferungen an Russland wären dann denkbarer als heute. Doch auch in einem solchen Szenario müsste Peking abwägen, ob der zusätzliche militärische Nutzen die Gefahr europäischer Sanktionen, den Verlust von Absatzmärkten und eine engere transatlantische Geschlossenheit rechtfertigt. Chinas Russlandpolitik ist deshalb opportunistisch und strategisch, aber nicht bedingungslos.
Warum eine chinesische Millionenarmee in Europa unrealistisch ist
Die Vorstellung, China könne 15 bis 18 Millionen Soldaten nach Osteuropa entsenden und gemeinsam mit Russland das Gebiet östlich des Rheins militärisch umgestalten, hält einer sachlichen Prüfung nicht stand. Chinas gesamte aktive Streitmacht umfasst nur gut zwei Millionen Angehörige. Selbst unter Einbeziehung von Reserven und paramilitärischen Kräften liegt die Zahl weit unter einem für einen solchen Einsatz behaupteten Kontingent. Eine Mobilisierung von 15 bis 18 Millionen Menschen würde nicht nur den Aufbau einer völlig neuen Massenarmee erfordern, sondern auch Ausbildung, Führung, Bewaffnung, Sanitätsversorgung und Ersatzwesen in kaum vorstellbarer Größenordnung.
Noch größer wäre das logistische Problem. Millionen Soldaten müssten über Tausende Kilometer transportiert und kontinuierlich mit Treibstoff, Munition, Lebensmitteln, Ersatzteilen und medizinischer Versorgung beliefert werden. Die bestehenden eurasischen Bahnstrecken sind bereits für den zivilen Güterverkehr durch Spurwechsel, Grenzübergänge und begrenzte Terminalkapazitäten eingeschränkt. Sie könnten keine derartige Streitmacht versorgen. Ein Transport über See wäre in einem Krieg gegen die USA und die NATO besonders gefährdet.
Hinzu kommt die strategische Logik. In einem amerikanisch-chinesischen Großkonflikt müsste China seine militärischen Ressourcen vor allem im westlichen Pazifik, an den eigenen Küsten, zum Schutz der Seewege und zur Sicherung des Heimatgebiets einsetzen. Eine zweite kontinentale Großoffensive in Europa würde Kräfte genau dort binden, wo sie für Chinas zentrale Ziele fehlen würden. Peking besitzt weder ein europäisches Stützpunktnetz noch die jahrzehntelange operative Erfahrung, um einen Feldzug dieser Größenordnung zu führen.
Ein Angriff auf NATO-Staaten würde außerdem die kollektive Verteidigung des Bündnisses auslösen und das Risiko nuklearer Eskalation schaffen. Er würde die europäischen Märkte zerstören, deren Offenhaltung angeblich Ziel der chinesischen Strategie wäre. Wirtschaftliche Vorsorge, Handelsdiversifizierung und technologische Autonomie können eine härtere chinesische Außenpolitik ermöglichen. Sie liefern aber keinen plausiblen Weg zu einer chinesischen Besetzung Osteuropas.
Realistischer sind indirekte Formen der Unterstützung Russlands: mehr Dual-Use-Güter, Maschinen, elektronische Komponenten, Satellitendaten, Finanzierungshilfen, diplomatische Deckung und im äußersten Fall offenere Waffenlieferungen. Auch Cyberoperationen, Desinformation oder politische Einflussnahme wären eher vorstellbar als chinesische Großverbände am Rhein. Eine seriöse Risikoanalyse muss gefährliche Möglichkeiten benennen, darf aber Größenordnungen, Logistik und politische Kosten nicht ignorieren.
Vier Entwicklungspfade statt eines Weltkriegsfahrplans
Das wahrscheinlichste Szenario für die kommenden Jahre ist eine kontrollierte Rivalität. China, die USA und Europa verschärfen Schutzmaßnahmen in sicherheitsrelevanten Bereichen, während ein großer Teil des Warenhandels fortbesteht. Unternehmen diversifizieren Standorte, halten aber am chinesischen Markt fest. Peking vertieft seine Beziehungen zu ASEAN, Russland und dem Globalen Süden, ohne auf westliche Nachfrage zu verzichten. Dieses Szenario wäre konfliktreich, aber wirtschaftlich beherrschbar.
Ein zweiter Pfad wäre eine beschleunigte Blockbildung. Neue Sanktionen, Zölle und Technologiekontrollen könnten Lieferketten stärker entlang geopolitischer Zugehörigkeit ordnen. China würde seine Standards, Zahlungssysteme und Plattformen in Partnerstaaten ausbauen. Die USA würden verbündete Staaten enger in ein kontrolliertes Technologie- und Investitionssystem einbinden. Europa müsste häufiger entscheiden, wo es eigenständig bleibt und wo es amerikanischen Regeln folgt. Die Kosten wären höhere Preise, doppelte Kapazitäten und geringere Effizienz.
Ein dritter Pfad wäre eine schwere Taiwan-Krise ohne lang andauernden Großkrieg. Schon militärische Übungen, Quarantänemaßnahmen oder begrenzte Kampfhandlungen könnten Reedereien, Versicherer und Investoren zum Rückzug bewegen. Sanktionen und chinesische Gegenmaßnahmen würden globale Lieferketten treffen. In diesem Fall würden Chinas Landkorridore und Reserven helfen, aber die Verluste des Seehandels nicht kompensieren. Europa geriete unter starken Druck, politische und wirtschaftliche Maßnahmen mit den USA abzustimmen.
Der vierte Pfad wäre ein offener amerikanisch-chinesischer Krieg mit umfassender maritimer und finanzieller Konfrontation. Er hätte extrem hohe globale Kosten und könnte sich einer rationalen wirtschaftlichen Steuerung entziehen. Für China wäre dann nicht die Expansion bis zum Rhein, sondern die Aufrechterhaltung der eigenen Energieversorgung, Industrieproduktion, Finanzstabilität und inneren Ordnung entscheidend. Gerade weil dieses Szenario so zerstörerisch wäre, investieren alle Seiten in Abschreckung, Resilienz und Krisenvorsorge.
Europas wirtschaftliche Antwort
Europa sollte Chinas Vorsorgestrategie weder verharmlosen noch spiegelbildlich kopieren. Eine vollständige Abkopplung wäre teuer und würde europäische Unternehmen von einem bedeutenden Markt sowie von wichtigen Lieferketten abschneiden. Ein unkritisches Festhalten an bestehenden Abhängigkeiten wäre jedoch ebenfalls riskant. Die wirtschaftspolitische Aufgabe besteht darin, Verwundbarkeit zu senken, ohne Offenheit als Wohlstandsquelle aufzugeben.
Dazu gehört eine präzise Bestandsaufnahme kritischer Abhängigkeiten. Nicht jedes Handelsdefizit ist ein Sicherheitsproblem und nicht jedes chinesische Produkt muss ersetzt werden. Entscheidend sind Güter, bei denen ein Ausfall zentrale Infrastruktur, Verteidigungsfähigkeit, Energieversorgung, Gesundheitswesen oder industrielle Kernprozesse lahmlegen würde. In solchen Bereichen sind mehrere Lieferanten, Lagerbestände, Recycling, europäische Mindestkapazitäten und verlässliche Partnerschaften sinnvoll.
Europa benötigt außerdem eine aktivere Industrie- und Innovationspolitik, die nicht nur Subventionen verteilt. Genehmigungen, Energiepreise, Kapitalmärkte, Forschungstransfer, digitale Infrastruktur und Skalierungsmöglichkeiten bestimmen, ob europäische Unternehmen konkurrenzfähig bleiben. China gewinnt nicht allein durch niedrige Löhne, sondern durch industrielle Cluster, schnelle Umsetzung, große Stückzahlen und koordinierte Infrastruktur. Wer darauf nur mit Zöllen reagiert, schützt bestehende Anbieter, löst aber das Produktivitätsproblem nicht.
Gleichzeitig sollte Europa seine Verhandlungsmacht nutzen. Der Binnenmarkt, technische Standards, Wettbewerbspolitik und öffentliche Beschaffung sind starke Instrumente. Marktzugang kann an Gegenseitigkeit, Transparenz und faire Wettbewerbsbedingungen geknüpft werden. Die EU muss jedoch einheitlich handeln, weil bilaterale Sonderwege einzelner Staaten Pekings Fähigkeit erhöhen, europäische Interessen gegeneinander auszuspielen.
Deutschlands Geschäftsmodell im Stresstest
Deutschland ist von der Neuordnung besonders betroffen. Die Industrie profitierte lange von chinesischer Nachfrage nach Fahrzeugen, Maschinen, Chemieprodukten und hochwertiger Ausrüstung. Gleichzeitig bezog sie preisgünstige Vorprodukte, Elektronik und Konsumgüter aus China. Dieses Modell gerät unter Druck, weil chinesische Unternehmen in immer mehr Bereichen selbst zu leistungsfähigen Wettbewerbern werden und Peking lokale Wertschöpfung bevorzugt.
Für deutsche Unternehmen reicht es daher nicht, lediglich den Absatzmarkt China zu verteidigen. Sie müssen prüfen, welche Technologien, Daten, Komponenten und Gewinne im Krisenfall blockiert wären. Ein belastbarer Stresstest sollte Szenarien von neuen Zöllen über Exportkontrollen bis zu Sanktionen gegen Banken und Transportwege abbilden. Lieferketten müssen nicht vollständig aus China verlagert werden, sollten aber alternative Bezugsquellen und realistische Notfallpläne besitzen.
Besonders gefährlich ist die Annahme, wirtschaftliche Interessen würden politische Eskalation automatisch verhindern. Ebenso gefährlich wäre die gegenteilige Annahme, ein Bruch sei unausweichlich und jede Investition in China daher wertlos. Unternehmen benötigen Wahrscheinlichkeiten, Schwellenwerte und konkrete Handlungsoptionen statt geopolitischer Gewissheiten. Die richtige Strategie ist weder blinde Expansion noch fluchtartige Entkopplung, sondern selektive Präsenz mit begrenztem Risiko.
Deutschland sollte zudem seine eigene industrielle Basis stärken. Günstige und verlässliche Energie, schnellere Planung, leistungsfähige Netze, Fachkräfte, digitale Verwaltung und bessere Finanzierungsmöglichkeiten sind geopolitische Faktoren. Ohne höhere Produktivität wird De-Risking leicht zu De-Industrialisierung. Wirtschaftliche Sicherheit entsteht nicht durch die Abwesenheit chinesischer Produkte, sondern durch die Fähigkeit, kritische Leistungen selbst oder gemeinsam mit Partnern zu erbringen.
Das begründete Urteil
China bereitet sich ernsthaft auf eine härtere, stärker fragmentierte Weltwirtschaft vor. Der interne Kreislauf, technologische Eigenständigkeit, engere Beziehungen zu ASEAN und dem postsowjetischen Raum, eurasische Transportwege und maritime Vorsorge bilden ein zusammenhängendes System. Dieses System soll die Kosten westlichen Drucks erhöhen, Chinas Durchhaltefähigkeit verbessern und politischen Handlungsspielraum schaffen. Es ist damit sowohl Wirtschaftsstrategie als auch Sicherheitsstrategie.
Die Reichweite darf jedoch nicht überschätzt werden. China bleibt auf Außenmärkte, importierte Rohstoffe, internationale Finanzbeziehungen und in einigen Bereichen ausländische Spitzentechnologie angewiesen. Die ASEAN-Staaten, Russland und Zentralasien können Teile der westlichen Beziehungen ergänzen, aber nicht vollständig ersetzen. Landkorridore erhöhen die Resilienz, können den Seeverkehr aber mengenmäßig nicht substituieren. Europa besitzt wirtschaftliche Eigeninteressen, ist sicherheitspolitisch jedoch eng mit den USA verbunden und wird in einem von China ausgelösten Großkonflikt kaum neutral bleiben.
Die Analogie zum deutsch-sowjetischen Handel erinnert zu Recht daran, dass hohe Handelsvolumina keinen Frieden garantieren. Sie wird falsch, wenn aus ihr ein zwangsläufiger chinesischer Kriegsplan abgeleitet wird. Chinas Führung kauft nicht lediglich Zeit für einen bereits beschlossenen Angriff. Sie versucht, Wohlstand, industrielle Macht, Abschreckung und Krisenfestigkeit gleichzeitig zu maximieren. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht die Strategie anspruchsvoll: Dieselben Investitionen, die legitime wirtschaftliche Resilienz schaffen, können auch die Fähigkeit zu Zwang und Eskalation erhöhen.
Eine direkte chinesische Massenintervention in Osteuropa mit 15 bis 18 Millionen Soldaten ist weder personell noch logistisch noch strategisch plausibel. Solche Behauptungen lenken von den realen Risiken ab. Diese liegen in technologischer Blockbildung, wirtschaftlichem Zwang, der Aushöhlung europäischer Industriepositionen, chinesischer Unterstützung für Russlands Kriegswirtschaft, Krisen in der Taiwanstraße und der Verwundbarkeit globaler See- und Finanzwege.
Die angemessene europäische Antwort ist deshalb nüchterne Stärke. Europa muss kritische Abhängigkeiten reduzieren, eigene Innovations- und Produktionsfähigkeiten ausbauen, seine Verteidigungsfähigkeit erhöhen und zugleich wirtschaftliche Gesprächskanäle offenhalten. Es sollte weder auf eine chinesische Friedensdividende vertrauen noch einen unvermeidlichen Weltkrieg herbeireden. Chinas Plan B ist real. Er ist aber kein Beweis dafür, dass Plan A der Krieg ist.
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