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Veröffentlicht am: 22. August 2026 / Update vom: 22. August 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Die stille Verschuldung des Silicon Valley: Wie Big Tech mit Rekordgewinnen eine Billionenlücke in den eigenen Bilanzen verschleiert

Die stille Verschuldung des Silicon Valley: Wie Big Tech mit Rekordgewinnen eine Billionenlücke in den eigenen Bilanzen verschleiert – Bild: Xpert.Digital

Rekordgewinne ohne echtes Geld: Die Wahrheit über die Bilanzen von Google & Amazon

Völlig legal, aber riskant: Der heimliche Schuldenberg des Silicon Valley

Versteckte Verpflichtungen: Die dunkle Seite der Bilanzen von Meta, Amazon und Co.

Der Sommer 2026 schien für die Tech-Giganten des Silicon Valley ein weiteres Quartal der unaufhaltsamen Superlative zu sein. Alphabet und Amazon präsentierten der Weltöffentlichkeit historische Rekordgewinne, die Börsen reagierten zunächst mit Euphorie. Doch wer sich nicht nur von den schlagzeilenträchtigen Nettogewinnen blenden lässt, stößt rasch auf einen fundamentalen Widerspruch: Während die Gewinne in schwindelerregende Höhen schießen, bricht der tatsächliche Geldfluss – der freie Cashflow – dramatisch ein.

Wie ist es möglich, dass die mächtigsten und profitabelsten Unternehmen der Welt auf dem Papier Hunderte Milliarden verdienen, in der Realität aber mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen? Die Antwort führt tief in die Grauzonen moderner Unternehmensfinanzierung. Hinter den glänzenden Fassaden der offiziellen Quartalsberichte verbirgt sich eine beispiellose finanzielle Illusion. Getrieben durch den gigantischen Kapitalhunger der künstlichen Intelligenz, setzen die Konzerne zunehmend auf nicht realisierte Buchgewinne und hochkomplexe, außerbilanzielle Konstruktionen. Es ist ein vollkommen legales, aber höchst riskantes Manöver, bei dem Schulden in Billionenhöhe systematisch aus den Bilanzen ausgelagert werden. Die folgende Analyse deckt auf, wie Big Tech seine wahren finanziellen Verpflichtungen verschleiert – und warum das Fundament des gegenwärtigen KI-Booms deutlich fragiler ist, als es uns die offiziellen Zahlen glauben machen wollen.

Das Milliarden-Märchen: Warum die Gewinne von Big Tech in Wahrheit nur auf dem Papier existieren

Im Abstand von nur acht Tagen meldeten Alphabet und Amazon im Sommer 2026 historische Rekordgewinne. Beide Konzerne feierten die höchsten Quartalsergebnisse ihrer Unternehmensgeschichte, beide Aktienkurse reagierten zunächst euphorisch, und beide Unternehmen wiesen im selben Atemzug einen negativen oder stark unter Druck stehenden freien Cashflow aus. Diese scheinbar widersprüchliche Kombination aus Rekordgewinn und schwindender Liquidität wirft eine grundsätzliche Frage auf, die weit über die Bilanzen zweier Technologiekonzerne hinausreicht: Woher kommt das Geld, das gerade in die künstliche Intelligenz fließt, und wie solide ist das Fundament, auf dem der gegenwärtige KI-Boom tatsächlich steht?

Um diese Frage seriös zu beantworten, lohnt sich ein Blick unter die Oberfläche der offiziellen Pressemitteilungen. Was sich dort zeigt, ist keine illegale Bilanzmanipulation im Sinne klassischer Betrugsfälle, sondern ein Geflecht aus vollkommen legalen Bewertungsmethoden, Bilanzierungsregeln und außerbilanziellen Finanzierungskonstruktionen, die in ihrer Summe ein Risikobild ergeben, das mit den offiziell ausgewiesenen Kennzahlen kaum noch etwas zu tun hat.

Wenn Buchgewinne die operative Realität überstrahlen

Alphabet meldete für das zweite Quartal 2026 einen Nettogewinn von rund 112 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von etwa 298 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auf den ersten Blick liest sich das wie eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die von der Cloud-Sparte, der Suchmaschinenwerbung und dem generativen KI-Geschäft getragen wird. Ein genauerer Blick in die Gewinn- und Verlustrechnung offenbart jedoch, dass der überwiegende Teil dieses Gewinnzuwachses nicht aus dem operativen Geschäft stammt.

Von den 112 Milliarden US-Dollar Nettogewinn entfielen rund 98 Milliarden Dollar auf eine einzige Position in der Bilanz, die als sonstige Erträge beziehungsweise unrealisierte Gewinne aus Kapitalbeteiligungen ausgewiesen wird. Diese Position bezieht sich vor allem auf die Wertsteigerung von Alphabets Anteilen an nicht börsennotierten Unternehmen, insbesondere an SpaceX und dem KI-Unternehmen Anthropic. Nach dem Börsengang von SpaceX im Sommer 2026 musste Alphabet den Buchwert seiner Beteiligung an das dort erzielte Marktbewertungsniveau anpassen, was allein einen Bewertungssprung in zweistelliger Milliardenhöhe auslöste. Im Vorjahresquartal hatte dieselbe Position gerade einmal etwa 1,3 Milliarden Dollar betragen.

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass es sich überwiegend um nicht realisierte Buchgewinne handelt. Das bedeutet, dass kein Cent dieses Geldes tatsächlich in die Kassen von Alphabet geflossen ist. Es handelt sich um eine bilanzielle Neubewertung von Anteilen, die größtenteils gar nicht verkauft werden dürfen oder aus strategischen Gründen nicht verkauft werden sollen. Das operative Ergebnis, also jener Teil des Gewinns, der tatsächlich aus dem Kerngeschäft mit Werbung, Cloud-Diensten und sonstigen Produkten stammt, lag im selben Quartal bei etwa 40,8 Milliarden Dollar und damit deutlich unter dem medial gefeierten Gesamtgewinn.

Der Cashflow als Realitätscheck

Während die Gewinn- und Verlustrechnung durch Buchgewinne aufgebläht wurde, zeigte die Kapitalflussrechnung ein gänzlich anderes Bild. Alphabet gab im selben Quartal rund 44,9 Milliarden Dollar für Investitionen in Rechenzentren, Chips und sonstige Infrastruktur aus, während der operative Cashflow bei etwa 39,1 Milliarden Dollar lag. Die Differenz führte zu einem freien Cashflow von minus 5,9 Milliarden Dollar, dem ersten negativen Quartal in der Geschichte des Unternehmens seit dem Börsengang im Jahr 2004.

Dieser Befund ist bemerkenswert, weil er zeigt, dass ein Unternehmen trotz eines historischen Rekordgewinns in einem Quartal mehr Geld ausgegeben hat, als es tatsächlich einnahm. Der Aktienkurs reagierte entsprechend nüchtern und verlor am Tag nach der Veröffentlichung mehrere Prozentpunkte, weil professionelle Investoren den Cashflow und nicht den bilanziellen Buchgewinn als maßgebliche Kennzahl für die tatsächliche wirtschaftliche Substanz des Unternehmens heranzogen.

Amazons Milliardengewinn aus einer einzigen Beteiligung

Acht Tage nach Alphabets Zahlen folgte Amazon mit einer strukturell fast identischen Geschichte. Der Konzern meldete für das zweite Quartal 2026 einen Nettogewinn von 62,6 Milliarden Dollar, ein Plus von rund 245 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Auch hier lohnt sich der Blick auf die Zusammensetzung dieses Ergebnisses. Von den 62,6 Milliarden Dollar Gewinn stammten laut eigener Mitteilung des Unternehmens etwa 53,4 Milliarden Dollar aus einer als nicht operativ eingestuften Ertragsposition, die primär auf die Beteiligung an Anthropic zurückgeführt wird.

Amazon hatte seit 2023 in mehreren Tranchen insgesamt rund acht Milliarden Dollar in Anthropic investiert, teils in Form von Wandelanleihen, teils als nicht stimmberechtigte Vorzugsaktien. Nach einer neuen Finanzierungsrunde von Anthropic mit einer Bewertung, die zwischenzeitlich auf mehrere hundert Milliarden Dollar gestiegen ist, musste Amazon seine Beteiligung nach den geltenden Bilanzierungsregeln neu bewerten. Diese sogenannte Mark-to-Market-Anpassung erzeugte einen buchhalterischen Gewinn von über 50 Milliarden Dollar, obwohl kein einziger Anteil verkauft und kein einziger Dollar tatsächlich vereinnahmt wurde.

Rechnet man diesen einmaligen, nicht zahlungswirksamen Effekt heraus, verbleibt ein operativer Nettogewinn, der schätzungsweise bei etwa 20 bis 21 Milliarden Dollar liegt. Das operative Geschäft von Amazon, angetrieben vor allem durch ein kräftiges Wachstum der Cloud-Sparte Amazon Web Services und ein solides Werbegeschäft, entwickelte sich damit zwar durchaus erfreulich, doch der medial kommunizierte Rekordgewinn war zu rund zwei Dritteln ein Bewertungseffekt einer einzelnen privaten Beteiligung.

Zwei Konzerne, ein Muster

Was bei Alphabet und Amazon im Abstand von wenigen Tagen zu beobachten war, ist kein Zufall, sondern ein systematisches Muster, das sich aus der besonderen Struktur des gegenwärtigen KI-Booms ergibt. Die größten Technologiekonzerne der Welt sind nicht nur Betreiber von Cloud-Infrastruktur und Konsumentenprodukten, sie sind gleichzeitig zu den größten privaten Investoren in KI-Start-ups wie Anthropic und OpenAI geworden. Diese Investitionen erfolgen häufig zirkulär: Ein Cloud-Anbieter investiert in ein KI-Labor, das KI-Labor kauft im Gegenzug Rechenleistung beim selben Cloud-Anbieter, und steigt die Bewertung des KI-Labors in einer neuen Finanzierungsrunde, verbucht der Cloud-Anbieter einen Buchgewinn auf seine Beteiligung.

Diese Konstellation führt zu einer eigentümlichen Verzerrung der Unternehmensberichterstattung. Die Gewinne der größten Technologiekonzerne werden zunehmend von privaten Marktbewertungen getrieben, die selbst kaum überprüfbar und in ihrer Volatilität schwer einzuschätzen sind. Sinkt die Bewertung eines Anthropic oder eines vergleichbaren Unternehmens in einer künftigen Finanzierungsrunde, würde sich der Effekt exakt umgekehrt auswirken und einen entsprechenden Buchverlust auslösen, der die dann ausgewiesenen Gewinne empfindlich schmälern könnte.

Die Schuldenseite der Bilanz und ihre blinden Flecken

Während auf der Ertragsseite Buchgewinne die Wahrnehmung prägen, zeigt sich auf der Schuldenseite ein spiegelbildliches Phänomen. Eine Analyse der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei Asia, die sich durch die Fußnoten der Geschäftsberichte von Alphabet, Microsoft, Amazon, Meta und Oracle gearbeitet hat, kommt zu einem aufsehenerregenden Ergebnis. Die fünf Unternehmen weisen in ihren offiziellen Bilanzen zusammen rund 1,35 Billionen Dollar an ausgewiesenen Schulden aus. Gleichzeitig belaufen sich ihre außerbilanziellen Verpflichtungen, also Zahlungsversprechen und vertragliche Bindungen, die aus verschiedenen bilanztechnischen Gründen nicht als klassische Schulden auf der Bilanz erscheinen, auf geschätzte 1,65 Billionen Dollar.

Damit übersteigen die versteckten Verpflichtungen die offiziell ausgewiesenen Schulden deutlich. Wer also die Verschuldung dieser fünf Unternehmen anhand der offiziellen Bilanzkennzahlen berechnet, arbeitet mit weniger als der Hälfte der tatsächlichen finanziellen Gesamtbelastung. Innerhalb von nur vier Jahren ist dieses außerbilanzielle Volumen nach den Berechnungen der Analysten um etwa das Achtfache gewachsen, was ziemlich genau dem Wachstumstempo der Investitionen in KI-Infrastruktur entspricht.

Wie Schulden aus der Bilanz verschwinden

Der Mechanismus, durch den diese Verpflichtungen aus der klassischen Bilanz verschwinden, ist technisch komplex, aber im Kern nachvollziehbar. Ein wesentlicher Bestandteil sind langfristige Bestellverpflichtungen für Grafikprozessoren und andere Hardware, die vertraglich bindend sind, aber nach den geltenden Rechnungslegungsstandards erst dann als Schuld erfasst werden müssen, wenn die entsprechenden Anlagen tatsächlich in Betrieb genommen werden. Ein Unternehmen kann somit über Jahre hinweg Bestellungen im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar unterschreiben, ohne dass diese Summe in der aktuellen Bilanz als Verbindlichkeit sichtbar wird.

Ein weiterer, noch bedeutsamerer Baustein sind Gemeinschaftsunternehmen mit spezialisierten Kapitalgebern aus dem Bereich der privaten Kreditfonds. Das prominenteste Beispiel dafür ist die Finanzierung des Rechenzentrumskomplexes Hyperion von Meta im US-Bundesstaat Louisiana. Für dieses Projekt gründete Meta gemeinsam mit dem Kreditfonds-Anbieter Blue Owl Capital eine eigenständige Projektgesellschaft. Diese Gesellschaft, rechtlich unabhängig von Meta strukturiert, nahm über die Ausgabe von Anleihen rund 27,3 Milliarden Dollar an Fremdkapital auf. Blue Owl und angeschlossene Investoren halten etwa 80 Prozent der Anteile an dieser Projektgesellschaft, Meta selbst nur rund 20 Prozent.

Meta bezahlt für die Nutzung der so finanzierten Rechenzentren eine langfristige Miete, die über Jahrzehnte hinweg fest vertraglich vereinbart ist und faktisch wie eine Kreditrückzahlung wirkt, ohne aber technisch als Fremdkapital von Meta selbst zu gelten. Weil Meta nach den einschlägigen Kriterien für die Konsolidierung von Zweckgesellschaften nicht als wirtschaftlicher Eigentümer des Projekts gilt, muss der Konzern die 27,3 Milliarden Dollar Schulden nicht in seiner eigenen Bilanz ausweisen. Sichtbar wird lediglich der Anteil an der Projektgesellschaft sowie zukünftige Mietzahlungen, die erst mit Inbetriebnahme der Anlagen im Jahr 2029 bilanzwirksam werden.

Nach Angaben der Nikkei-Analyse hat Meta inzwischen außerbilanzielle Verpflichtungen von insgesamt rund 420 Milliarden Dollar aufgebaut, fast das Dreifache der offiziell ausgewiesenen Verschuldung des Unternehmens. Damit ist Meta der Konzern mit der ausgeprägtesten Nutzung dieser Finanzierungstechnik unter den fünf untersuchten Unternehmen.

 

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Versteckte Schulden im KI-Zeitalter: Was die Fußnoten der Quartalsberichte verschweigen

Warum diese Konstruktionen legal, aber nicht harmlos sind

Bei den Bilanzskandalen der frühen 2000er-Jahre, etwa im Fall des Energiekonzerns Enron, wurden Schulden ebenfalls in Zweckgesellschaften ausgelagert, allerdings unter Verstoß gegen geltendes Recht und mit dem Ziel, Investoren aktiv zu täuschen. Die heutigen Konstruktionen der großen Technologiekonzerne unterscheiden sich davon in einem entscheidenden Punkt: Sie sind vollständig legal, sie entsprechen den geltenden Rechnungslegungsstandards, und sie werden in den Fußnoten der jeweiligen Geschäftsberichte offengelegt.

Genau darin liegt jedoch auch das eigentliche Risiko. Während gegen illegale Bilanzmanipulation Strafverfolgungsbehörden vorgehen können, gibt es gegen vollständig legale, aber wirtschaftlich hochriskante Konstruktionen kein vergleichbares Korrektiv. Es bleibt im Wesentlichen nur die Aufklärung durch unabhängige Analysten, Fachjournalisten und eine kritische Öffentlichkeit, die diese Fußnoten liest, versteht und einordnet. Die relevanten Informationen sind öffentlich zugänglich, verteilen sich aber über Hunderte Seiten von Quartalsberichten, technischen Bilanzanhängen und separaten Mitteilungen von Ratingagenturen, sodass sie in ihrer Gesamtheit kaum jemandem auf den ersten Blick auffallen.

Die Rolle der privaten Kreditmärkte

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist das enorme Wachstum der privaten Kreditmärkte in den vergangenen Jahren. Fonds wie Blue Owl Capital, aber auch große Namen wie Pimco und BlackRock, sind bereit, sehr langfristige, mit spezifischen Projekten besicherte Kredite zu vergeben, die Renditen deutlich über dem Niveau klassischer Unternehmensanleihen der beteiligten Technologiekonzerne bieten. Im Fall der Hyperion-Finanzierung lag der Zinsaufschlag gegenüber vergleichbaren US-Staatsanleihen bei etwa 225 Basispunkten, was einer effektiven Verzinsung von rund 6,6 bis 6,9 Prozent entspricht und damit deutlich über dem liegt, was Meta für klassische, auf der eigenen Bilanz ausgewiesene Unternehmensanleihen zahlen müsste.

Für die kreditgebenden Fonds ist dieses Geschäft attraktiv, weil sie eine implizite Bonität nahe an der von Meta selbst erhalten, kombiniert mit einer deutlich höheren Rendite. Die Ratingagentur Standard & Poor’s bewertete die Anleihen der Projektgesellschaft mit A+, nur eine Stufe unterhalb der eigenen Bonitätseinstufung von Meta, weil eine sogenannte Restwertgarantie des Konzerns das Risiko für die Kreditgeber weitgehend absichert. Für institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungen, die nach langfristigen, gut verzinsten und vermeintlich sicheren Anlagen suchen, sind solche Papiere derzeit äußerst gefragt.

Gleichzeitig bedeutet dies, dass sich die Risiken des KI-Baubooms nicht mehr allein auf die Bilanzen der Technologiekonzerne konzentrieren, sondern zunehmend in das gesamte Finanzsystem hineingetragen werden, in Pensionsfonds, Versicherungsportfolios und andere institutionelle Anlagevehikel, deren Kunden von dieser Risikoverschiebung häufig nichts wissen.

Die Wette auf ewig steigende Bewertungen

Sowohl die Gewinnseite als auch die Schuldenseite der aktuellen KI-Bilanzen basieren letztlich auf derselben grundsätzlichen Annahme, nämlich dass die Bewertungen der beteiligten privaten KI-Unternehmen und die zugrunde liegende physische Infrastruktur dauerhaft an Wert gewinnen oder zumindest stabil bleiben. Steigt die Bewertung von Anthropic in einer künftigen Finanzierungsrunde weiter, werden Alphabet und Amazon erneut Buchgewinne verzeichnen können. Bleibt die Nachfrage nach Rechenleistung ungebrochen hoch, werden die über Zweckgesellschaften finanzierten Rechenzentren ihre Mietzahlungen zuverlässig erwirtschaften und die zugrunde liegenden Kredite bedienen können.

Sollte sich diese Annahme jedoch als zu optimistisch erweisen, etwa weil sich die tatsächliche wirtschaftliche Nutzung generativer KI-Anwendungen langsamer entwickelt als von den derzeitigen Bewertungen unterstellt, könnten sich beide Effekte gleichzeitig ins Negative drehen. Sinkende Bewertungen privater KI-Beteiligungen würden zu erheblichen Buchverlusten bei den Investoren führen, während gleichzeitig die vertraglich fixierten Mietzahlungen für die neu gebauten Rechenzentren unverändert weiterlaufen müssten, unabhängig davon, ob die Nachfrage nach dieser Rechenleistung tatsächlich vorhanden ist.

Verschiedene Marktbeobachter und Ratingexperten haben in diesem Zusammenhang bereits vor einer Fehlallokation von Kapital gewarnt. Kritische Stimmen aus dem Bereich der Kreditanalyse verweisen darauf, dass mit diesen Finanzierungsstrukturen faktisch zwanzig- bis dreißigjährige Zahlungsverpflichtungen für eine Technologie eingegangen werden, deren konkrete Hardwaregeneration innerhalb von nur wenigen Jahren technologisch veraltet sein könnte. Diese Diskrepanz zwischen der Laufzeit der Finanzierung und dem tatsächlichen wirtschaftlichen Lebenszyklus der finanzierten Anlagen gilt als eine der zentralen Schwachstellen der gegenwärtigen Konstruktion.

Ein Vergleich mit früheren Finanzkrisen

Die aktuelle Situation weist strukturelle Parallelen zu früheren Phasen der Finanzgeschichte auf, in denen komplexe, aber technisch legale Finanzierungskonstruktionen zunächst als Innovation gefeiert wurden, bevor sich ihre systemischen Risiken offenbarten. Vor der globalen Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 wurden ebenfalls große Mengen an Risiken über strukturierte Zweckgesellschaften aus den Bilanzen der beteiligten Banken ausgelagert und an ein breites Spektrum institutioneller Investoren weiterverteilt. Auch damals galten die verwendeten Konstruktionen als rechtlich einwandfrei, bis die zugrunde liegenden Annahmen über stabile oder steigende Immobilienpreise sich als falsch erwiesen und eine Kettenreaktion durch das globale Finanzsystem auslösten.

Die heutige Situation unterscheidet sich in wichtigen Details, insbesondere darin, dass die beteiligten Technologiekonzerne über außergewöhnlich starke operative Geschäfte, hohe Barmittelbestände und im historischen Vergleich sehr hohe Kreditwürdigkeit verfügen. Dennoch teilen beide Episoden ein gemeinsames Grundmuster: die Verlagerung von Risiken in weniger transparente Strukturen, die Konzentration dieser Risiken bei spezialisierten, aber im Verhältnis zum Gesamtvolumen eng aufgestellten Kreditgebern, und eine kollektive Wette auf eine ununterbrochene Fortsetzung des aktuellen Wachstumstrends.

Was für eine sachliche Einordnung bleibt

Die entscheidende Schlussfolgerung aus dieser Analyse ist keine pauschale Verurteilung der beteiligten Unternehmen oder eine Vorhersage eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs. Die Investitionen in Rechenzentren, Chips und KI-Modelle beruhen auf einer realen, technologisch fundierten Nachfrageentwicklung, und die beteiligten Konzerne verfügen weiterhin über solide operative Geschäftsmodelle, die unabhängig von den beschriebenen Bewertungseffekten profitabel arbeiten. Die eigentliche Botschaft liegt vielmehr in der Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung der veröffentlichten Kennzahlen.

Wer die Bilanzen der führenden Technologiekonzerne allein anhand der Schlagzeilen zu Nettogewinn und Umsatzwachstum bewertet, übersieht systematisch zwei zentrale Risikoquellen: die zunehmende Abhängigkeit der ausgewiesenen Gewinne von volatilen, nicht zahlungswirksamen Bewertungseffekten privater Beteiligungen, sowie das erhebliche Volumen an Verpflichtungen, das über kreative, aber vollständig legale Finanzierungsstrukturen aus der klassischen Bilanz herausgehalten wird. Beide Effekte verzerren das Bild der tatsächlichen finanziellen Stabilität in eine positivere Richtung, als es eine vollständige, konsolidierte Betrachtung ergeben würde.

Für Investoren, Analysten und eine informierte Öffentlichkeit bedeutet dies, dass die klassischen Kennzahlen wie Nettogewinn oder ausgewiesene Verschuldungsquote allein nicht mehr ausreichen, um die tatsächliche wirtschaftliche Lage dieser Unternehmen angemessen einzuschätzen. Der freie Cashflow, die Zusammensetzung der sonstigen Erträge sowie die in den Fußnoten offengelegten außerbilanziellen Verpflichtungen und Zweckgesellschaften gewinnen dagegen deutlich an Bedeutung. Wer diese Ebenen konsequent mitliest, erhält ein realistischeres, wenn auch deutlich weniger euphorisches Bild von der finanziellen Architektur, auf der der gegenwärtige KI-Boom tatsächlich ruht.

Tech-Giganten unter Druck: Warum klassische Bilanzen beim KI-Boom in die Irre führen

Die kommenden Quartalsberichte werden zeigen, ob sich das beschriebene Muster fortsetzt oder ob sich erste Anzeichen einer Normalisierung zeigen. Sollte die Bewertung von Anthropic in einer weiteren Finanzierungsrunde erneut deutlich steigen, dürften Alphabet und Amazon erneut außergewöhnlich hohe Buchgewinne ausweisen, während der freie Cashflow angesichts weiterhin steigender Investitionsausgaben in Rechenzentren und Chips voraussichtlich unter Druck bleiben wird. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass weitere Technologiekonzerne, darunter Microsoft, Amazon und möglicherweise auch Alphabet selbst, das von Meta erprobte Modell der Zweckgesellschaften mit privaten Kreditfonds für eigene Rechenzentrumsprojekte übernehmen werden, da die eigene Bilanzkapazität angesichts der schieren Größenordnung der geplanten Investitionen zunehmend an ihre Grenzen stößt.

Branchenschätzungen gehen davon aus, dass die fünf größten amerikanischen Technologiekonzerne allein im Jahr 2026 Investitionsausgaben von deutlich über 500 Milliarden Dollar tätigen werden, ein Vielfaches des Niveaus von vor wenigen Jahren. Ein erheblicher Teil dieser Summen wird nicht mehr aus dem laufenden operativen Cashflow der Unternehmen finanziert, sondern über eine wachsende Vielfalt von Fremdfinanzierungsinstrumenten, von klassischen Unternehmensanleihen über Lieferantenfinanzierungen bis hin zu den beschriebenen Zweckgesellschaften. Diese Entwicklung dürfte die Verflechtung zwischen der Technologiebranche und den globalen Kreditmärkten in den kommenden Jahren weiter vertiefen und damit auch das systemische Gewicht dieser Branche für die Stabilität der gesamten Weltwirtschaft erhöhen.

 

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