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Zünder- und Thermalbatterien: Ohne dieses Bauteil fliegt keine Rakete – Der heimliche Rüstungs-Boom in Bayern

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Veröffentlicht am: 15. August 2026 / Update vom: 15. August 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Zünder- und Thermalbatterien: Ohne dieses Bauteil fliegt keine Rakete – Der heimliche Rüstungs-Boom in Bayern

Zünder- und Thermalbatterien: Ohne dieses Bauteil fliegt keine Rakete – Der heimliche Rüstungs-Boom in Bayern – Kreativbild zum Thema, mit KI: Xpert.Digital

Vom Autobauer zur Waffenschmiede: Warum Fachkräfte jetzt massenhaft die Branche wechseln

Rüstung statt Risikokapital: Die unglaublichen Zahlen hinter Deutschlands neuem Boom

Milliarden-Boom in der Provinz: Wie eine kleine Batteriefabrik zur Zeitenwende wird

Die Einweihung einer Fabrik für Spezialbatterien in der bayerischen Provinz klingt auf den ersten Blick nach geschäftlicher Routine. Doch der neue „Batterie-Tech-Hub“ des Unternehmens Diehl Defence in Röthenbach an der Pegnitz ist weit mehr als ein gewöhnlicher Industriebau: Er ist das in Beton gegossene Symbol der militärischen Zeitenwende. Während klassische Sektoren wie die Automobilindustrie straucheln, durchlebt die deutsche Rüstungsbranche einen beispiellosen Milliarden-Boom – befeuert durch veränderte Gesetze, gigantische staatliche Sondervermögen und die akute Bedrohungslage in Europa. Wie ausgerechnet unscheinbare Thermalbatterien zum Nadelöhr moderner Kriegsführung wurden, warum Rüstungskonzerne plötzlich Biotope für Zauneidechsen anlegen und wie der Fachkräftemangel durch den Niedergang anderer Branchen wie von selbst gelöst wird, zeigt dieser tiefgehende Blick auf eine Industrie im rasanten Ausnahmezustand.

Rüstungskapital statt Risikokapital: Wie eine bayerische Batteriefabrik zum Symbol der deutschen Zeitenwende wird

Wenn Zauneidechsen und Zünder Nachbarn werden – Deutschlands profitabelste Wachstumsbranche heißt Wiederbewaffnung

Die Einweihung eines neuen Fertigungsgebäudes gehört normalerweise nicht zu den Ereignissen, die überregionale Aufmerksamkeit verdienen. Wenn jedoch der bayerische Innenminister persönlich anreist, um ein Gebäude für Spezialbatterien zu eröffnen, dann sagt dies mehr über den Zustand der europäischen Sicherheitsarchitektur aus als über die Immobilie selbst. Diehl Defence hat mit seinem sogenannten Batterie-Tech-Hub am Standort Röthenbach an der Pegnitz einen Neubau in Betrieb genommen, der als Tochtergesellschaft Diehl Energy Products GmbH firmiert und künftig weit über 180 Mitarbeitende beschäftigen soll. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nutzte den Anlass, um die geopolitische Bedeutung von Batteriezellen für den Verteidigungssektor zu unterstreichen und betonte, dass Sicherheit und Freiheit keine Selbstverständlichkeiten seien, sondern täglich verteidigt werden müssten. Diese Wortwahl eines Landesministers bei der Einweihung einer Fabrikhalle markiert einen Bruch mit jahrzehntelanger deutscher Zurückhaltung gegenüber der öffentlichen Zelebrierung von Rüstungskapazitäten.

Die unterschätzte Schlüsselkomponente moderner Kriegsführung

Batterien gehören zu jenen Bauteilen, die in der öffentlichen Debatte über Aufrüstung selten Erwähnung finden, obwohl sie funktional unverzichtbar sind. Ohne Zünder- und Thermalbatterien bleiben Flugkörper, Lenkwaffen und Abwehrsysteme funktionslose Hüllen, denn die elektronische Steuerung, Zündung und Energieversorgung dieser Systeme hängt vollständig von hochspezialisierten Batterietechnologien ab. Diehl Energy Products produziert in erster Linie Thermalbatterien nach der Technologie des Weltmarktführers EaglePicher Technologies, außerdem kundenspezifische Batterie-Packs sowie seit über zwei Jahrzehnten Lithium-Reservebatterien. Die Tatsache, dass ein solches Nischenprodukt heute einen eigenen Fabrikneubau von rund 10.800 Quadratmetern rechtfertigt, verdeutlicht, wie stark die Nachfragekurve für Rüstungselektronik in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Der Neubau umfasst etwa 7.000 Quadratmeter für Fertigung, Entwicklung und Logistik sowie rund 3.700 Quadratmeter Bürofläche, ergänzt um ein Parkhaus mit über 600 Stellplätzen für den gesamten Standort.

Wachstum, das die eigene Planung überholt

Besonders aufschlussreich ist die Beobachtung, dass die weltweite Nachfrage nach Spezialbatterien schneller stieg, als bei Planungsbeginn im Jahr 2024 erwartet worden war. Um darauf zu reagieren, wurde parallel zum Hauptgebäude eine zusätzliche Erweiterungsfläche realisiert, wodurch die Fertigungskapazitäten für Zünder- und Thermalbatterien bereits während der laufenden Bauphase spürbar gesteigert werden konnten. Ursprünglich war bei der Grundsteinlegung im Februar 2024 von Platz für 120 Mitarbeitende die Rede gewesen, mittlerweile ist die Zielgröße auf über 180 Beschäftigte gestiegen. Diese Nachjustierung mitten im Bauprozess ist ein Indiz dafür, dass die Auftragslage in der europäischen Rüstungsindustrie volatiler und zugleich dynamischer verläuft, als klassische Investitionsplanungen es normalerweise vorsehen. Wer heute eine Fabrik für Verteidigungsgüter plant, muss offenbar davon ausgehen, dass die tatsächliche Nachfrage die ursprüngliche Kapazitätsannahme noch während der Bauzeit übertrifft.

Der Konzern im Rückenwind der Aufrüstung

Diehl Defence ist längst nicht mehr die kleinere Sparte innerhalb des Nürnberger Familienkonzerns, sondern dessen wichtigster Wachstumstreiber. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte die gesamte Diehl-Gruppe einen Konzernumsatz von 5,42 Milliarden Euro, ein Plus von 15,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während der Nettogewinn von 343,5 Millionen auf 492,3 Millionen Euro stieg. Der Anteil der Rüstungssparte an diesem Ergebnis wuchs überproportional: Diehl Defence steigerte seinen Umsatz um nahezu 28 Prozent auf rund 2,33 Milliarden Euro, womit die Sparte mittlerweile knapp 43 Prozent zum Konzernumsatz beisteuert. Parallel dazu wuchs die Belegschaft der Rüstungssparte im Jahr 2025 um mehr als 800 Personen auf über 5.400 Beschäftigte, mittelfristig plant der Konzern mit rund 7.000 Mitarbeitenden allein in diesem Bereich. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Konzernvorstand mit einem weiteren Umsatzsprung auf rund sechs Milliarden Euro, getragen insbesondere vom international stark gefragten Luftverteidigungssystem IRIS-T.

Eine Investitionsoffensive mit Milliardenvolumen

Der Neubau in Röthenbach ist kein isoliertes Vorhaben, sondern eingebettet in ein konzernweites Investitionsprogramm von rund 1,5 Milliarden Euro, das die Infrastruktur und Produktionslinien an sämtlichen Standorten von Diehl Defence modernisieren und erweitern soll. Strategische Schwerpunkte dieser Investitionswelle liegen auf der Abwehr von Drohnen- und Hyperschallbedrohungen sowie auf der Integration künstlicher Intelligenz in vernetzte Verteidigungssysteme. Damit reagiert das Unternehmen nicht nur auf akuten Munitions- und Ausrüstungsbedarf, sondern positioniert sich zugleich für die nächste Generation asymmetrischer Bedrohungsszenarien, die von Schwärmen kleiner Drohnen bis zu Überschall- und Hyperschallwaffen reichen. Ein Investitionsvolumen dieser Größenordnung, verteilt über mehrere Standorte und Technologiefelder, zeigt, dass Diehl nicht auf einen kurzfristigen Nachfrageschub reagiert, sondern von einer strukturellen und mehrjährigen Verschiebung der europäischen Sicherheitsarchitektur ausgeht.

Bayern als Experimentierfeld für ein neues Genehmigungsrecht

Ein zentraler Erfolgsfaktor für die zügige Realisierung des Batterie-Tech-Hubs war ein neues Landesgesetz, das gezielt auf die Beschleunigung von Rüstungsprojekten zugeschnitten wurde. Bayern hatte bereits 2024 als erstes deutsches Bundesland ein Gesetz zur Förderung der Bundeswehr erlassen und legte im April 2026 mit dem Gesetz zur Förderung der Verteidigungsindustrie in Bayern nach, das seit dem 1. Mai 2026 in Kraft ist. Ziel dieses Gesetzes ist es, regulatorische Hürden für die Entwicklung, Erprobung und Herstellung von Verteidigungsgütern abzubauen und Bayern als Führungsregion für Innovation im Defense-Sektor zu positionieren. Konkret sieht das Gesetz Erleichterungen und Beschleunigungen im Baurecht sowie im Denkmalschutz vor, gewichtet die Belange der Verteidigungsindustrie in der Landesplanung höher und unterstützt Unternehmen zusätzlich bei der Kapitalbeschaffung, unter anderem über die Förderbank LfA. Für Standorte wie Röthenbach bedeutet dies in der Praxis, dass Bauvorhaben, die früher Jahre an Genehmigungsverfahren benötigt hätten, in einem Bruchteil der Zeit realisiert werden können.

Grüner Anstrich für eine Rüstungsfabrik

Ungewöhnlich für ein Rüstungsprojekt ist die demonstrative Betonung ökologischer Standards. Nach Angaben von Diehl Defence nutzt das neue Gebäude effiziente Wärmepumpen für Heizung und Kühlung, um den Energiebedarf zu minimieren und soll künftig zusätzlich mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet werden. Während der Bauarbeiten wurden außerdem gezielte Ausgleichsmaßnahmen für die Natur umgesetzt, darunter Aufforstungen sowie die Schaffung von Habitaten für Zauneidechsen und die Installation von Nistkästen für Fledermäuse und Vögel. Diese Kombination aus Munitionszubehör und Naturschutzmaßnahme wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, ist jedoch Ausdruck einer bewussten Kommunikationsstrategie der Rüstungsbranche, die versucht, sich als verantwortungsbewusster, ESG-konformer Industriepartner zu präsentieren. Für ein Unternehmen, das zunehmend auf Kapitalmärkte, öffentliche Fördermittel und die gesellschaftliche Akzeptanz seiner Standorterweiterungen angewiesen ist, sind solche Maßnahmen weniger Kosmetik als strategische Notwendigkeit, um Widerstände in Genehmigungsverfahren und in der lokalen Öffentlichkeit zu minimieren.

 

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Beratung und Informationen

Hub für Sicherheit und Verteidigung

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Bild: Xpert.Digital

Der Hub für Sicherheit und Verteidigung bietet fundierte Beratung und aktuelle Informationen, um Unternehmen und Organisationen effektiv dabei zu unterstützen, ihre Rolle in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu stärken. In enger Verbindung zur Working Group Defence der SME Connect fördert er insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit im Bereich Verteidigung weiter ausbauen möchten. Als zentraler Anlaufpunkt schafft der Hub so eine entscheidende Brücke zwischen KMU und europäischer Verteidigungsstrategie.

Passend dazu:

  • Die Working Group Defence der SME Connect – Stärkung der KMU in der europäischen Verteidigung

 

Deutschlands Rüstungsindustrie im Umbruch: Wie Diehl Defence vom neuen Wehretat profitiert

Der fiskalische Unterbau der Aufrüstungswelle

Die Investitionsentscheidungen von Diehl und anderen Rüstungsunternehmen finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern sind unmittelbare Antwort auf eine historische Umschichtung der öffentlichen Haushalte. Der deutsche Bundeshaushalt 2026 sieht Gesamtausgaben für Verteidigung von 108,2 Milliarden Euro vor, zusammengesetzt aus 82,7 Milliarden Euro im regulären Wehretat und 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Für 2027 ist bereits ein weiterer Anstieg auf 139,7 Milliarden Euro und für 2028 auf 153,9 Milliarden Euro budgetiert, was den beispiellosen Charakter dieser fiskalischen Neuausrichtung unterstreicht. Allein für militärische Beschaffungen sind 2026 insgesamt rund 47,9 Milliarden Euro vorgesehen, wovon 12,67 Milliarden Euro aus dem regulären Wehretat und weitere 2,13 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen gezielt für Munition eingeplant sind. Ermöglicht wurde diese Größenordnung erst durch die 2022 beschlossene Grundgesetzänderung, die Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ausnahm, sowie durch das ursprüngliche Sondervermögen Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro. Für Unternehmen wie Diehl Defence bedeutet dies eine seltene Kombination aus verlässlicher, mehrjährig zugesicherter Nachfrage und politischem Rückenwind, wie sie in kaum einer anderen deutschen Industriebranche derzeit existiert.

Diehl im Wettbewerb der deutschen Rüstungsschwergewichte

Diehl Defence ist Teil eines breiteren Trends, in dem deutsche Rüstungsunternehmen ihre Produktionskapazitäten in einem historisch beispiellosen Tempo ausbauen. Rheinmetall, der größte deutsche Konkurrent, erzielte 2024 einen Konzernumsatz von rund 9,75 Milliarden Euro, wovon etwa 8,4 Milliarden Euro auf den Sicherheitsbereich entfielen, und investierte im gleichen Jahr 766 Millionen Euro in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte, was einer Investitionsquote von 7,9 Prozent entspricht. Auch Rheinmetall hatte im Februar 2024 mit einer neuen Munitionsfabrik in Unterlüß den Spatenstich für eine Produktionskapazität von 200.000 Schuss Artilleriemunition pro Jahr gesetzt, was die zeitliche Parallelität und den branchenweiten Charakter dieser Kapazitätsoffensive verdeutlicht. Im Vergleich dazu bewegt sich Diehl mit seinem 1,5-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm in einer ähnlichen Größenordnung relativ zum eigenen Umsatz, konzentriert sich jedoch stärker auf Lenkwaffentechnologie, Luftverteidigung und die dafür notwendigen elektronischen und energetischen Komponenten statt auf klassische Artilleriemunition. Diese Arbeitsteilung zwischen den deutschen Rüstungskonzernen zeigt, dass die aktuelle Aufrüstungswelle nicht nur ein einzelnes Unternehmen, sondern ein ganzes industrielles Ökosystem in Bewegung versetzt.

Fachkräfte als knappste Ressource der Zeitenwende

Ein oft unterschätzter Aspekt des Kapazitätsausbaus ist die Frage, woher das notwendige Personal kommen soll. Die Defence-Sparte von Diehl hat ihre Mitarbeiterzahl allein 2025 um mehr als 800 Personen auf über 5.400 gesteigert und plant mittelfristig mit rund 7.000 Beschäftigten. Bemerkenswert ist die Aussage des Defence-Chefs Helmut Rauch, dass angesichts der schwächelnden Automobilindustrie derzeit viele Bewerbungen eingehen und aktuell keine Engpässe bei der Rekrutierung neuen Personals bestehen. Dies deutet auf eine tektonische Verschiebung des deutschen Arbeitsmarktes hin: Fachkräfte, die in der Automobilindustrie aufgrund der Transformation zur Elektromobilität und schwacher Absatzzahlen freigesetzt werden, finden in der boomenden Rüstungsindustrie eine naheliegende Auffangbranche. Für Regionen wie Mittelfranken, in denen sowohl Zulieferer der Automobilindustrie als auch Rüstungsstandorte konzentriert sind, ergibt sich damit eine strukturelle Chance, industrielle Beschäftigung trotz der Krise der klassischen Fahrzeugindustrie zu erhalten.

Die geopolitische Logik hinter der Batteriefabrik

Die Investition in Spezialbatterien lässt sich nicht losgelöst von der internationalen Sicherheitslage betrachten. Der anhaltende Krieg Russlands gegen die Ukraine, die intensivierte Diskussion über eine mögliche Ausweitung des Konflikts auf NATO-Territorium sowie die zunehmende Bedrohung durch Drohnenschwärme und Hyperschallwaffen haben die Nachfrage nach europäischer Luftverteidigung dramatisch erhöht. Diehl liefert sein IRIS-T-System inzwischen an mehrere europäische Kunden, was direkt erklärt, warum die zugrunde liegende Zünder- und Batterietechnologie zum Flaschenhals werden könnte, wenn die Produktionskapazitäten nicht mitwachsen. Die Bundesregierung stellt zudem im Rahmen der sogenannten Ertüchtigung völkerrechtswidrig angegriffener Staaten, im Wesentlichen zur Unterstützung der Ukraine, im Jahr 2026 zusätzliche 11,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Diese Mittel fließen zumindest teilweise auch in Bestellungen bei deutschen Rüstungsherstellern und verstärken damit die bereits bestehende Nachfragedynamik, der Diehl mit dem Kapazitätsausbau in Röthenbach begegnet.

Chancen und Risiken einer einseitigen Wachstumsstory

Aus ökonomischer Perspektive stellt sich die Frage, wie nachhaltig dieses Wachstumsmodell tatsächlich ist. Die aktuelle Nachfrage nach Rüstungsgütern beruht überwiegend auf politischen Entscheidungen und geopolitischen Spannungen, nicht auf einem organisch wachsenden zivilen Markt. Sollte sich die Sicherheitslage in Europa entspannen oder sollten künftige Bundesregierungen die Verteidigungsausgaben aus fiskalischen Zwängen wieder zurückfahren, könnten die derzeit hohen Investitionsquoten in den Kapazitätsaufbau schnell zu Überkapazitäten führen. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die geplanten Haushaltszahlen bis 2028 mit einem weiteren Anstieg auf 153,9 Milliarden Euro, dass die politische Verpflichtung zu hohen Verteidigungsausgaben mittelfristig als gesichert gilt. Für Unternehmen wie Diehl Defence bedeutet dies ein selten hohes Maß an Planungssicherheit, verbunden allerdings mit der strukturellen Abhängigkeit von staatlichen Aufträgen und der politischen Großwetterlage, die sich naturgemäß schneller ändern kann als eine mehrjährige Investitionsentscheidung in Beton und Maschinen.

Regionale Wertschöpfung und industrieller Strukturwandel

Für die Region Nürnberg und speziell für Röthenbach an der Pegnitz hat der Ausbau der Diehl-Standorte erhebliche strukturpolitische Bedeutung. Neben dem Batterie-Tech-Hub entstehen bis Ende 2026 am Standort weitere Gebäude für Verwaltung, Produktion, Integration, Logistik, Systemtests sowie Ausbildung und Training. Diese Konzentration von Investitionen an einem einzigen Standort schafft nicht nur direkte Arbeitsplätze bei Diehl selbst, sondern zieht typischerweise auch Zulieferbetriebe, Dienstleister und Fachkräfte aus der Umgebung an, wodurch ein regionaler Multiplikatoreffekt entsteht. Gleichzeitig verändert sich der wirtschaftliche Charakter der Region: Wo früher Automobilzulieferer den industriellen Kern bildeten, rückt nun die Verteidigungsindustrie stärker in den Mittelpunkt der lokalen Wertschöpfung. Diese Verschiebung ist Teil eines größeren bundesweiten Trends, bei dem traditionelle Industrieregionen ihre wirtschaftliche Basis im Zuge der sicherheitspolitischen Zeitenwende neu ausrichten.

Eine Branche im Ausnahmezustand

Die Eröffnung des Batterie-Tech-Hubs in Röthenbach ist letztlich mehr als eine unternehmerische Randnotiz: Sie ist ein Fallbeispiel für den fundamentalen Wandel, den die deutsche Industrie- und Sicherheitspolitik seit der Zeitenwende von 2022 durchläuft. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Rüstungsindustrie von einem politisch sensiblen Nischensegment zu einem der dynamischsten Wachstumssektoren der deutschen Wirtschaft entwickelt, getragen von Rekordumsätzen, zweistelligen Wachstumsraten und einer beispiellosen fiskalischen Unterstützung durch den Staat. Gleichzeitig bleibt die Branche in einem eigentümlichen Spannungsfeld gefangen: Sie muss gesellschaftliche Akzeptanz für Produkte gewinnen, deren Zweck die Zerstörung ist, und tut dies unter anderem durch ökologische Kompensationsmaßnahmen und durch die Betonung ihrer Rolle als verlässlicher Arbeitgeber in strukturschwachen Regionen. Ob dieses Wachstumsmodell über das kommende Jahrzehnt hinaus trägt, wird maßgeblich davon abhängen, ob die zugrunde liegende geopolitische Bedrohungslage bestehen bleibt und ob die politische Bereitschaft zu immer höheren Verteidigungsausgaben in einer möglicherweise fiskalisch angespannteren Zukunft aufrechterhalten werden kann.

 

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