Europas Defence-Tech-Welle: Wenn Innovation an der Beschaffung scheitert
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 5. Juli 2026 / Update vom: 5. Juli 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein
München wird zur Rüstungs-Hauptstadt: Doch ein fataler Fehler gefährdet den Defence-Tech-Boom
Milliarden für neue Waffen: Warum Europas Rüstungs-Startups an der Bürokratie scheitern
Das wahre Problem der Zeitenwende: Wie die Bundeswehr geniale Defence-Tech-Innovationen ausbremst
Europa erlebt einen beispiellosen technologischen Rüstungsboom: Startups entwickeln in Rekordzeit KI-Software, Drohnenschwärme und autonome Systeme, für die klassische Verteidigungskonzerne Jahrzehnte gebraucht hätten. Mit einem Investitionswachstum von über 150 Prozent und Milliarden an Venture Capital hat sich insbesondere die DACH-Region – allen voran München – zum Innovationsmotor und Epizentrum der europäischen „Defence-Tech“-Welle entwickelt. Doch während die geopolitische Lage technologische Exzellenz fordert und Investoren den Markt mit Rekordsummen befeuern, prallt die Innovationskraft auf eine massive, systemische Barriere: ein träges, auf die Vergangenheit ausgerichtetes Beschaffungswesen. Pilotprojekte glänzen zwar mit Erfolgen, schaffen aber selten den rettenden Sprung in den regulären Truppenalltag. Der folgende Text beleuchtet, warum der größte Engpass der sicherheitspolitischen Zeitenwende nicht in der Technologie liegt, sondern in den Ämtern – und warum Startups wie GovRadar, die diese verkrusteten Beschaffungsprozesse mit KI revolutionieren wollen, heute über den Erfolg der gesamten europäischen Verteidigungsfähigkeit entscheiden.
Milliarden fließen – doch der Weg in die Truppe bleibt versperrt
Selten zuvor hat ein technologischer Sektor in Europa eine so explosive Dynamik entwickelt wie Defence Tech. Über 150 Prozent Wachstum im Venture Capital im Jahr 2025, Startups, die in Monaten Systeme bauen, für die klassische Rüstungskonzerne Jahrzehnte gebraucht hätten, und ein geopolitisches Umfeld, das aus dem Nischensegment „Verteidigungstechnologie“ einen strategischen Kernbereich westlicher Sicherheitspolitik gemacht hat. Doch hinter der glänzenden Oberfläche der Investitionsrekorde lauert ein strukturelles Versagen, das alle Energie der Innovation zu schlucken droht: ein Beschaffungssystem, das für eine andere Epoche gebaut wurde und auf die Geschwindigkeit des 21. Jahrhunderts schlicht nicht ausgelegt ist.
Die im Mai 2026 veröffentlichte „Europe’s Defence 60“-Liste des Newsletters The Venturist dokumentiert, welche sechzig Unternehmen den europäischen Defence-Tech-Markt gegenwärtig prägen. Sie ist nicht nur ein Branchen-Ranking, sondern ein Seismograf einer tektonischen Verschiebung: weg von der schwerfälligen Rüstungsindustrie des Kalten Krieges, hin zu einer Ökonomie schneller, softwaregetriebener Verteidigungslösungen. Wer diese Liste liest, erkennt sofort, dass Europa gerade dabei ist, seine eigene Art von Verteidigungskapazität zu erfinden – und dass dabei die deutsche und österreichisch-schweizerische Innovationskraft eine herausragende Rolle spielt. Gleichzeitig offenbart die Liste, wo der strukturelle Engpass liegt: nicht im Erfinden, sondern im Einführen.
Wo das Geld in Europa hingeflossen ist
Das Jahr 2025 markiert einen historischen Wendepunkt für europäisches Defence-Tech-Kapital. Laut einer gemeinsamen Analyse von Dealroom und dem NATO Innovation Fund sicherten sich europäische Startups im Bereich Defence, Security and Resilience im Jahr 2025 Rekordfinanzierungen in Höhe von 8,7 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr und fast das Vierfache des Niveaus von vor fünf Jahren. Zugleich verzeichnete der reine Verteidigungsbereich ohne Dual-Use-Randbereiche ein noch deutlicheres Wachstum von über 150 Prozent, was ihn zum am schnellsten wachsenden Venture-Segment Europas macht.
Die geografische Konzentration ist dabei so eindeutig wie aufschlussreich. Das Vereinigte Königreich führt in absoluten Zahlen mit 2,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025, gefolgt von Deutschland mit 2,1 Milliarden. München hat sich zur unbestrittenen europäischen Hauptstadt des Defence Tech entwickelt, mit insgesamt 7 Milliarden US-Dollar an angehäuftem Kapital. Der Funke ist von München ausgegangen – und das hat strukturelle Gründe: Die Stadt vereint eine starke Industrie- und Rüstungstradition, eine erstklassige technische Universität, den Zugang zur Bundeswehr als Einkäufer und ein dichtes Ökosystem aus Venture Capital und Gründertalenten.
In diesem Kapitalstrom stechen vor allem Megadeals heraus. Helsing, das Münchner KI-Verteidigungsunternehmen, das 2021 gegründet wurde und heute als die bedeutendste europäische Verteidigungsfirma seiner Generation gilt, befand sich im Mai 2026 in fortgeschrittenen Gesprächen über eine Finanzierungsrunde von 1,2 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 18 Milliarden US-Dollar. Quantum Systems, der Drohnenspezialist aus München, schloss im Juli 2026 eine Series-D-Finanzierungsrunde über 1,2 Milliarden US-Dollar ab, die das Unternehmen mit 8 Milliarden US-Dollar bewertet. Stark Defense, der Hersteller von Loitering-Munition-Systemen, sicherte sich 500 Millionen Euro in einer Runde, angeführt von Sequoia Capital und Peter Thiels Founders Fund. Diese Zahlen illustrieren, dass der europäische Defence-Tech-Markt nicht mehr in der Frühphase kleiner Seed-Investments steckt, sondern mit spätphasigen Megadeals die Reifezeichen eines industriellen Transformationsprozesses trägt.
Die DACH-Region als diversifiziertestes Defence-Tech-Ökosystem Europas
Von besonderer Bedeutung ist die Position der deutschsprachigen Region – Deutschland, Österreich und die Schweiz, kurz DACH – innerhalb des europäischen Defence-Tech-Ökosystems. The Venturist kommt in seiner Analyse der „Europe’s Defence 60“ zu einer klaren Einschätzung: Die DACH-Region ist die diversifizierteste Verteidigungstechnologie-Basis Europas. Während andere Ökosysteme wie das britische eine ausgeprägte Konzentration auf Software und Kommandosysteme zeigen oder ukrainische Unternehmen fast ausschließlich im Bereich autonomer Luftsysteme tätig sind, weist Deutschland Unternehmen in sechs der sieben definierten Domänen auf.
Diese sieben Domänen umfassen autonome Luftsysteme, KI und Verteidigungssoftware, Luftabwehr und Counter-UAS, bodengebundene Robotik und Landsysteme, maritime und Marinesysteme, Weltraum- und ISR-Systeme sowie die industrielle Basis einschließlich Fertigung, Beschaffung und Kommunikation. Einzig die maritime Domäne fehlt Deutschland, was geografisch unmittelbar einleuchtet: Im Gegensatz zu Küstenstaaten wie dem Vereinigten Königreich, Norwegen oder Portugal liegt Deutschland nicht primär am offenen Meer. Alle anderen sechs Domänen werden durch eine beeindruckende Reihe von Startups abgedeckt.
Quantum Systems und Stark adressieren die autonome Luftfahrt mit elektrisch angetriebenen Drohnensystemen und Loitering Munition. Helsing und SE3Labs bringen KI und Verteidigungssoftware auf neue Ebenen, Alpine Eagle und TYTAN Technologies decken die Luftabwehr und Counter-UAS-Bekämpfung ab, ARX Robotics hat sich als Europas führender Anbieter unbemannter Bodenfahrzeuge positioniert, Munich Quantum Instruments öffnet die Tür zur Quantensensorik für Verteidigungsanwendungen, und Unternehmen wie 3YOURMIND und GovRadar sichern die industrielle und beschaffungsseitige Basis. Swarm Biotactics schließlich, gegründet 2024 in Kassel, entwickelt eine der unwahrscheinlichsten und zugleich faszinierendsten Innovationen der gesamten Liste: programmierbare Cyborg-Kakerlaken für Aufklärungszwecke in unzugänglichem Gelände. Das Unternehmen hat in unter zwei Jahren das Stadium des Konzepts verlassen und zählt die Bundeswehr bereits zu seinen zahlenden Kunden.
Diese Breite ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer früh einsetzenden Industriekultur in Bayern, die lange vor der Post-2022-Welle erste Gründungen hervorgebracht hat. Quantum Systems wurde bereits 2015 gegründet, ARX Robotics entstand 2022 als Spin-off der Universität der Bundeswehr München. Die akademisch-industrielle Vernetzung rund um München hat eine Gründungskultur ermöglicht, die technische Tiefe mit unternehmerischer Reife verbindet – eine Kombination, die in anderen europäischen Regionen so kaum anzutreffen ist.
Das Innovationsvorhaben als Blaupause – und als Warnung
Auf dieser Liste der sechzig prägenden Unternehmen Europas findet sich neben den bekannteren Namen auch GovRadar – und seine Präsenz erklärt sich nicht durch spektakuläre Drohnentechnologie oder KI-gesteuerte Kampfsysteme, sondern durch etwas Fundamentaleres: die Modernisierung des Beschaffungsprozesses selbst. GovRadar, gegründet und geführt von Sascha Soyk, einem Unternehmer und Reserveoffizier, positioniert sich als SaaS-Lösung, die durch den Einsatz von KI öffentliche Beschaffungsprozesse optimiert. Das Unternehmen fungiert in gewisser Weise wie ein Amazon oder Check24 für öffentliche Institutionen: Mitarbeiter geben ihren Bedarf ein, die Plattform sucht passende Angebote heraus und generiert mithilfe von KI die erforderlichen Leistungsbeschreibungen.
Das konkrete Produkt dieser Positionierung heißt KI-PROcure, ein Innovationsvorhaben in Zusammenarbeit mit dem Bundeswehr Cyber Innovation Hub. Der Hintergrund ist denkbar nüchtern: Für Anschaffungen der Bundeswehr ab einem Wert von 5.000 Euro müssen detaillierte Leistungsbeschreibungen erstellt werden. Diese werden noch immer manuell angefertigt, ein Prozess, der personal-, zeit- und kostenintensiv ist. KI-PROcure setzt an diesem Punkt an: Die Software soll die Erstellung dieser Beschreibungen mittels KI vereinfachen, standardisieren und beschleunigen. Erste Tests mit dem Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw) haben gezeigt, dass Ausschreibungsprozesse tatsächlich standardisiert werden können. In einem weiteren Sprint wurde KI-PROcure auf den Sanitätsdienst der Bundeswehr ausgeweitet, mit pharmaziespezifischen Datenbanken angereichert und in Bundeswehrkrankenhäusern von Hamburg bis Ulm eingeführt.
GovRadar verspricht eine Zeitersparnis von bis zu 90 Prozent bei der Erstellung von Ausschreibungen – Leistungsbeschreibungen sollen in Tagen statt Wochen entstehen. Das ist keine Marginalverbesserung, sondern eine Größenordnungsverschiebung. Wenn diese Angabe auch nur näherungsweise stimmt, hätte der flächendeckende Einsatz solcher Systeme eine transformative Wirkung auf die Beschaffungsgeschwindigkeit der gesamten öffentlichen Hand – nicht nur der Bundeswehr. Genau dort liegt das ungelöste Problem.
Das Tal zwischen Pilotprojekt und Wirkbetrieb
Wer den Weg von GovRadar durch das Innovationsökosystem der Bundeswehr verfolgt, erkennt in ihm stellvertretend das Grunddilemma des gesamten deutschen Defence-Tech-Sektors. Das Innovationsvorhaben KI-PROcure wurde erfolgreich pilotiert, in mehrere Bereiche der Bundeswehr ausgerollt, von den Nutzern positiv bewertet und ist nachweislich skalierbar. Und dennoch ist der Sprung in den „planbaren Wirkbetrieb“ – in eine verbindliche, strukturell verankerte und dauerhaft finanzierte Nutzung – bislang nicht vollzogen worden.
Dieses Muster ist keine Einzelerscheinung. Es beschreibt das systemische Grundproblem der deutschen Verteidigungsbeschaffung: Die Fähigkeit, Innovationen zu pilotieren, ist vorhanden. Die institutionellen Strukturen, um erfolgreiche Pilotprojekte in reguläre Beschaffungsprogramme zu überführen, fehlen weitgehend. Rafaela Kraus, Professorin an der Universität der Bundeswehr München, beschreibt das Problem als Silodenken: Ressorts agieren losgelöst voneinander, stehen teilweise im internen Wettbewerb und verhindern durch das Fehlen ressortübergreifender Innovationsökosysteme genau jene Skalierung, die notwendig wäre. Die CDU/CSU-Fraktion hat diesen Befund in einem 71-Punkte-Plan zur Beschaffungsreform systematisch unterfüttert, indem sie feststellt, dass viele der im Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz von 2022 vorgesehenen Erleichterungen in der Praxis schlicht nicht angewendet werden.
Das Ergebnis dieses Strukturversagens ist, dass Deutschland im Jahr 2026 Milliarden in Verteidigungstechnologie investiert – und gleichzeitig riskiert, dass diese Investitionen im Sand verlaufen, weil die letzte Meile fehlt: der institutionalisierte Weg von der Innovation zur Fähigkeit. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) selbst klagt über mangelnde Kapazitäten der Rüstungsindustrie, während diese wiederum auf bürokratische Hürden verweist. Beide haben nicht ganz Unrecht – aber die eigentliche Schwachstelle liegt tiefer: im Fehlen eines abgestimmten, verbindlichen Verfahrens zur Überführung von Innovationsvorhaben in den geregelten Betrieb.
Hub für Sicherheit und Verteidigung - Beratung und Informationen
Der Hub für Sicherheit und Verteidigung bietet fundierte Beratung und aktuelle Informationen, um Unternehmen und Organisationen effektiv dabei zu unterstützen, ihre Rolle in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu stärken. In enger Verbindung zur Working Group Defence der SME Connect fördert er insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit im Bereich Verteidigung weiter ausbauen möchten. Als zentraler Anlaufpunkt schafft der Hub so eine entscheidende Brücke zwischen KMU und europäischer Verteidigungsstrategie.
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Die Beschaffung als strategischer Engpass der Zeitenwende
Die finanzielle Zeitenwende ist eingeläutet. Deutschland hat beschlossen, den Verteidigungsetat von rund 62 Milliarden Euro im Jahr 2025 schrittweise auf rund 152 Milliarden Euro im Jahr 2029 zu steigern und damit das NATO-Ziel von 3,5 Prozent des BIP sechs Jahre früher als gefordert zu erfüllen. Für das Jahr 2026 hat der Bundestag Verteidigungsausgaben von über 108 Milliarden Euro beschlossen, die sich aus dem regulären Etat von 82,7 Milliarden Euro und 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen zusammensetzen. Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag im Sommer 2025 einigten sich die Bündnispartner zudem auf ein langfristiges Ziel von insgesamt 5 Prozent des BIP bis 2035, aufgeteilt in 3,5 Prozent für Verteidigung und 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Infrastruktur.
Diese Zahlen sind atemberaubend. Sie beschreiben eine Verdreifachung der deutschen Verteidigungsausgaben innerhalb weniger Jahre. Doch Geld allein löst keine strukturellen Probleme – im Gegenteil, es kann sie verschärfen. Wenn Milliarden in ein Beschaffungssystem gelenkt werden, das für deutlich niedrigere Durchsatzraten ausgelegt ist, entstehen Staus, Ineffizienzen und Fehlallokationen. Rafaela Kraus hat diesen Zusammenhang klar benannt: Geld sei wichtig, aber es löse keine strukturellen Probleme. Wer Geld in ein ineffizientes System gebe, könne noch mehr Ineffizienzen erzeugen. Der Bundesrechnungshof und externe Ökonomen wie das Institut der deutschen Wirtschaft warnen bereits, dass ohne eine Beschaffungsreform ein erheblicher Teil der geplanten Investitionen versickern könnte.
Das klingt nach einem internen deutschen Verwaltungsproblem, ist aber in Wahrheit eine gesamteuropäische Herausforderung. Defence Tech in Europa, egal ob in Deutschland, Großbritannien oder Frankreich, steht vor der gleichen systemischen Frage: Wie werden Startups, die im Innovationsvorhabenmodus operieren, zu verlässlichen und dauerhaften Lieferanten nationaler Verteidigungsfähigkeiten? Wie gelangen neue Lösungen aus dem Pilotprojekt in den Regelbetrieb? Das britische Ministry of Defence hat diese Frage nach Einschätzung mehrerer Unternehmen aus der „Europe’s Defence 60“-Liste bislang noch weniger beantwortet als Deutschland: Helsing, Stark und Quantum Systems erwägen, ihre Aktivitäten in Großbritannien zugunsten kontinentaleuropäischer Märkte zu reduzieren, solange keine verbindlichen Beschaffungssignale folgen.
Junges Ökosystem, strategische Verantwortung
Die Daten der „Europe’s Defence 60“-Liste offenbaren noch eine weitere Dimension, die ökonomisch und strategisch gleichermaßen bedeutsam ist: die extreme Jugend des Ökosystems. 31 der 60 gelisteten Unternehmen wurden nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Jahr 2022 gegründet. In der baltischen und der ukrainischen Gruppe liegen die Anteile sogar bei 71 beziehungsweise 75 Prozent. Defence Tech in Europa ist, mit wenigen Ausnahmen, ein Kind des geopolitischen Schocks von 2022.
Das hat weitreichende Konsequenzen für die ökonomische Beurteilung des Sektors. Ein Ökosystem, das primär aus Post-2022-Gründungen besteht, verfügt über wenig institutionelles Gedächtnis, geringe Bilanzstärke (Balance-Sheet-Stärke) und ist im Falle eines Abflauens der geopolitischen Dringlichkeit einem erheblichen Rückschlagsrisiko ausgesetzt. Historische Parallelen warnen: Nach dem Ende des Kalten Krieges kollabierten Verteidigungsbudgets und mit ihnen ganze Industriezweige. Ein strukturell ähnliches Risiko existiert auch heute, wenn politische Prioritäten wieder wechseln oder die Ukraine-Krise diplomatisch entschärft wird.
Gleichzeitig zeigt die Investorenstruktur, dass der Sektor nicht mehr auf naive Wachstumserwartungen setzt, sondern zunehmend auf „Mission-aligned Capital“ anzieht. Der NATO Innovation Fund als multilaterale Kapitalstruktur aus 24 NATO-Mitgliedstaaten ist der aktivste Investor in der „Europe’s Defence 60“-Liste und hält Beteiligungen in sieben der sechzig Unternehmen – darunter ARX Robotics, Stark und Aquark Technologies. Rund 40 Prozent der Unternehmen auf der Liste haben strategisches Kapital von staatlich orientierten Vehikeln wie EUDIS, Bpifrance, Definvest oder nationalen Verteidigungsministerien erhalten. US-amerikanische Investoren dominieren inzwischen die späten Phasen: Zwischen 40 und 50 Prozent des europäischen Defence-Tech-Kapitals in späten Runden kommen aus den USA. Das verschafft europäischen Startups Skalierungskapital, wirft aber auch Fragen der technologischen Souveränität auf.
Zugleich wächst die Konsolidierungsbewegung. M&A-Aktivitäten haben sich gegenüber dem Stand von vor vier Jahren vervierfacht; sogenannte Neo-Primes bauen durch Zukäufe breite Fähigkeitsportfolios auf. Quantum Systems hat das Unternehmen Fernride akquiriert und sich gleichzeitig einen Großauftrag der Bundeswehr gesichert. Helsing hat Grob Aircraft übernommen und drückt damit in den Bereich unbemannter Luftkampfsysteme vor. Der Markt befindet sich in einem Reifungsprozess, der typisch für technologische Wellen in der Phase des Übergangs von Experiment zu Industrie ist: von vielen kleinen, schnellen Spielern hin zu wenigen, kapitalstarken Plattformen.
Die Allianzlogik als ökonomisches Modell
Eine besonders bemerkenswerte Entwicklung ist die Entstehung formalisierter Allianzen zwischen Defence-Tech-Unternehmen. ARX Robotics und Quantum Systems haben gemeinsam mit weiteren Partnern die sogenannte UXS Alliance gegründet, ein Bündnis von Unternehmen im unbemannten Systemsegment, das deutschen und europäischen Sachverstand bündeln und einen signifikanten Beitrag zur NATO-Sicherheit leisten soll. Parallel dazu haben Helsing und ARX Robotics eine strategische Partnerschaft zur gemeinsamen Entwicklung eines KI-basierten Aufklärungs- und Wirkverbunds geschlossen, mit dem Ziel, den fragmentierten und analogen Landbereich zu digitalisieren und zu vernetzen.
Diese Allianzen folgen einer ökonomischen Logik, die über bloßes Kooperationsinteresse hinausgeht. Einzelne Startups können die volle operative Einsatztiefe, die Streitkräfte benötigen, aus eigener Kraft kaum bereitstellen. Echte Verteidigungsfähigkeit entsteht aus dem Zusammenwirken von Sensorik, KI, autonomen Systemen und Lagezentren – ein System von Systemen, das nur durch enge technische Integration verschiedener Anbieter entstehen kann. Die entstehenden Allianzen sind somit nicht nur Marketingkonstrukte, sondern Antworten auf eine technische und institutionelle Notwendigkeit.
Für die Beschaffungsseite hat das unmittelbare Implikationen. Klassische Vergabeverfahren sind auf einzelne Produktkategorien ausgelegt, nicht auf integrierte Systemlösungen, die mehrere Anbieter umfassen. Wer diese neuen Allianzprodukte beschaffen will, braucht daher auch neue Beschaffungslogiken – Rahmen- und Optionsverträge, performancebasierte Servicevereinbarungen und die Fähigkeit, mehrstufige Vergabeverfahren durchzuführen, die kleinen und mittelgroßen Unternehmen sowie Startups eine reale Chance geben. Dass dies bislang noch nicht in ausreichendem Maße geschieht, ist eines der zentralen Hemmnisse für die Transformation der europäischen Verteidigungsfähigkeit.
Beschaffung als Verteidigungsfähigkeit – nicht als Verwaltungsfunktion
GovRadar hat durch seine Arbeit mit dem Bundeswehr Cyber Innovation Hub und die Ergebnisse des Innovationsvorhabens KI-PROcure eine These empirisch untermauert, die in der politischen Debatte noch nicht ausreichend angekommen ist: Moderne Beschaffung ist keine Verwaltungsaufgabe, sondern ein Kernbaustein der Verteidigungsfähigkeit. Eine Truppe ist nur so gut wie die Systeme, die sie erhält – und diese Systeme gelangen nur in die Truppe, wenn der Beschaffungsprozess schnell, präzise und skalierbar ist. Solange die Erstellung einer Leistungsbeschreibung für Büromaterial Wochen dauert und die Überführung einer erprobten Softwarelösung in den Regelbetrieb Jahre, ist auch die technologisch ausgefeilteste Innovation am Ende wirkungslos.
Die strukturellen Anforderungen sind klar definiert: Leistungsbeschreibungen brauchen verbindliche Zeitgrenzen, Vergabeverfahren müssen vollständig digitalisiert werden, Direktvergabegrenzen müssen erhöht werden und Startups benötigen einfachere Zugangswege zu öffentlichen Ausschreibungen. Diese Reformagenda ist nicht neu, sie liegt auf dem Tisch. Die CDU/CSU-Fraktion hat sie in ihrem 71-Punkte-Plan detailliert beschrieben, der Bitkom und andere Industrieverbände haben analoge Forderungen formuliert, und das Beschaffungsamt selbst hat immer wieder auf die strukturellen Engpässe hingewiesen. Politischer Wille und institutionelle Umsetzungsfähigkeit sind jedoch zwei verschiedene Dinge.
Der Vergleich mit Ländern, die in der Defence-Tech-Beschaffung schneller sind, ist ernüchternd. Die Europäische Kommission hat mit ihrem AGILE-Programm ein 115-Millionen-Euro-Pilotinstrument auf den Weg gebracht, das Förderzusagen in unter vier Monaten verspricht. Im Vergleich dazu erscheint die Durchschnittsdauer eines deutschen Vergabeverfahrens für komplexe Beschaffungen – häufig mehrere Jahre – wie aus einer anderen Zeit. Es ist kein Zufall, dass Helsing, Stark und Quantum Systems ernsthaft erwägen, Teile ihrer Kapazitäten aus Großbritannien heraus auf den Kontinent zu verlagern, weil dort die Aussicht auf schnellere Vertragsabschlüsse besser ist. Die Auftragsvergabe wird zum Standortfaktor für die Verteidigungsindustrie.
Wo die Welle bricht – und wie man sie hält
Es wäre unredlich, die Dynamik des europäischen Defence-Tech-Ökosystems nur als Erfolgsgeschichte zu erzählen. Die Welle ist real, sie ist groß, und sie hat echte wirtschaftliche Kraft. Aber Wellen, die auf strukturell schlecht vorbereitete Küsten treffen, verlaufen im Sand – genau das ist die Warnung, die am Ende der Betrachtung stehen muss.
Die notwendigen Schritte lassen sich in drei Ebenen gliedern. Auf der institutionellen Ebene braucht es verbindliche Strukturen, die die Überführung von Innovationsvorhaben in den Wirkbetrieb nicht mehr dem Zufall oder dem Engagement einzelner Personen überlassen, sondern als definierten Prozess mit klaren Verantwortlichkeiten, Zeitvorgaben und Budgets ausgestalten. Auf der rechtlichen Ebene muss das Vergaberecht so reformiert werden, dass softwaregetriebene, skalierbare Lösungen wie KI-PROcure strukturell bevorzugt oder zumindest nicht diskriminiert werden – mit mehrstufigen Verfahren, die Startups tatsächlich eine faire Chance lassen. Auf der kulturellen Ebene schließlich bedarf es des Wandels vom Silodenken hin zu ressortübergreifender Zusammenarbeit zwischen Politik, Bundeswehr, Beschaffungsamt und Industrie.
GovRadar steht auf der Liste der sechzig europäischen Defence-Tech-Unternehmen, die gerade Geschichte schreiben. Es steht dort nicht als Drohnenbauer, nicht als KI-Kriegsmaschine, sondern als Repräsentant des unsexiesten und vielleicht wichtigsten Teils der gesamten Defence-Tech-Kette: der reibungslosen, schnellen, KI-gestützten Einführung von Fähigkeiten in die Truppe. Wenn Innovationsvorhaben wie KI-PROcure nach erfolgreicher Erprobung nicht in den Wirkbetrieb überführt werden, verliert nicht nur ein einzelnes Unternehmen eine Chance. Deutschland verliert die Chance, mit seinen eigenen Steuermitteln schnell und effizient besser gerüstet zu sein. Und Europa verliert den Beweis, dass aus der Defence-Tech-Welle eine dauerhafte strategische Fähigkeit werden kann – und nicht nur ein Investitionszyklus, der wie so viele vor ihm irgendwann seinen Scheitelpunkt erreicht und abebbt.
Die eigentliche Frage ist also nicht, ob Europa Defence Tech kann. Das kann es, und die Liste mit Helsing, Quantum Systems, ARX Robotics, Swarm Biotactics, Stark, GovRadar und Dutzenden weiteren Unternehmen beweist es eindrücklich. Die eigentliche Frage ist, ob Europa die institutionellen Reflexe entwickelt, um das, was es erfindet, auch tatsächlich einzusetzen. Der Unterschied zwischen einer Verteidigungsfähigkeit und einem Verteidigungsversprechen liegt genau dort – im Beschaffungsprozess.
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Chairman SME Connect Defence Working Group
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