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In Deutschland ist Werbung für Auswanderung verboten, während seine besten Köpfe ihm still und leise den Rücken kehren

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Veröffentlicht am: 16. Mai 2026 / Update vom: 16. Mai 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

In Deutschland ist Werbung für Auswanderung verboten, während seine besten Köpfe ihm still und leise den Rücken kehren

In Deutschland ist Werbung für Auswanderung verboten, während seine besten Köpfe ihm still und leise den Rücken kehren – Bild: Xpert.Digital

Ein absurdes Gesetz aus dem Jahr 1975: Wie Deutschland seine größte Abwanderungswelle verschleiert

Die Abstimmung mit den Füßen: Warum die deutsche Wirtschaft gerade ihre wichtigsten Macher verliert

Besser als Deutschland? Warum Leistungsträger plötzlich lieber nach Polen oder Rumänien auswandern

Deutschlands Wirtschaftsstandort blutet aus – still, aber mit fatalen Folgen. Während die Politik unermüdlich über den Fachkräftemangel debattiert, stimmen Leistungsträger und Unternehmen längst mit den Füßen ab. Rekordsteuern, eine erdrückende Bürokratie und eine oft mangelhafte Willkommenskultur treiben jährlich Hunderttausende hochqualifizierte Deutsche und Zuwanderer ins Ausland. Die fiskalischen Verluste für den Staat gehen in die Milliarden, der Schaden für die Innovationskraft ist kaum zu beziffern. Anstatt jedoch die strukturellen Ursachen dieser Abwanderungswelle konsequent zu bekämpfen, klammert sich der Gesetzgeber an ein bizarres Gesetz aus dem Jahr 1975, das geschäftsmäßige Werbung für Auswanderung unter Androhung hoher Geldbußen schlichtweg verbietet. Eine tiefgehende Analyse darüber, warum das Land seine besten Köpfe verliert, warum Nachbarstaaten plötzlich attraktiver sind – und was jetzt passieren muss, um diesen beispiellosen Exodus zu stoppen.

Wenn Leistungsträger gehen – Deutschlands stille Standortkrise

Es gibt einen bemerkenswerten Paragrafen im deutschen Recht, der symptomatisch für den Zustand des Landes ist: Gemäß § 2 Absatz 1 des Auswandererschutzgesetzes (AuswSG) von 1975 ist es verboten, geschäftsmäßig für die Auswanderung zu werben. Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße von bis zu 20.000 Euro geahndet werden kann. Die Ironie dieser Vorschrift entfaltet sich vollständig, wenn man sie neben die Realität stellt: Deutschland verzeichnete im Jahr 2023 insgesamt rund 1,3 Millionen Abwanderungen, darunter etwa 265.000 Deutsche und über eine Million Ausländer. Das Gesetz schützt vor dem Wort, nicht vor dem Phänomen selbst. Das ist keine Randnotiz. Das ist ein Spiegel.

Ein Gesetz aus dem Jahr 1975 trifft auf eine Welt von 2025

Das Auswandererschutzgesetz wurde in einer Zeit erlassen, in der staatliche Behörden noch glaubten, Bevölkerungsbewegungen durch bürokratische Verbote steuern zu können. Der historische Kern des Gesetzes war ursprünglich sinnvoll: Es sollte Auswanderungswillige vor unseriösen Vermittlern und falschen Versprechungen schützen – eine Reaktion auf die Massenmigration des 19. Jahrhunderts, als Menschen unter falschen Vorzeichen in die USA gelockt wurden. Heute jedoch wirkt der Paragraf 2 wie ein anachronistisches Denkmal einer Epoche, die noch glaubte, Abwanderung sei ein Kommunikationsproblem, das durch Verbote gelöst werden könne.

Tatsächlich regelt das Gesetz nicht die individuelle Entscheidung zur Auswanderung, sondern die geschäftsmäßige, auf Dauer angelegte Werbung dafür. Dennoch offenbart die bloße Existenz dieser Norm einen behördlichen Reflex: Man reguliert die Symptome, nicht die Ursachen. Wer dieses Gesetz im Jahr 2025 ernst nimmt, muss sich die Frage stellen, warum der deutsche Gesetzgeber offenbar lieber das Sprechen über Abwanderung einschränkt, als die Bedingungen zu verbessern, die Menschen zur Abwanderung bewegen.

Die Zahlen hinter dem Schweigen

Die amtliche Statistik erzählt eine nüchterne Geschichte. Im Jahr 2023 verließen rund 265.000 Deutsche mit deutschem Pass das Land – ein Wanderungsverlust von netto 79.554 deutschen Staatsangehörigen. Seit den 1990er-Jahren steigt die Auswanderungsrate von Deutschen langsam, aber stetig an, mit einem besonders deutlichen Sprung im Jahr 2016. Über die Gesamtheit aller Auswanderer – Deutsche wie Ausländer – hinweg gab es 2024 rund 1,26 Millionen Fortzüge aus Deutschland.

Die Zahlen erscheinen in der Gesamtbetrachtung beherrschbar, solange man nur die Quantität misst. Das eigentliche Problem liegt in der Qualität der Abwandernden. Laut dem Migrationsmonitor der Bertelsmann Stiftung 2024 wanderten in den vergangenen Jahren jährlich durchschnittlich rund 20.000 Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten ab, die zuletzt einen Aufenthaltstitel zur Erwerbsmigration innehatten – fast ausschließlich Hochqualifizierte. Eine IAB-Studie aus dem Jahr 2025 beziffert die Zahl der eingewanderten Personen, die über eine Auswanderung nachdenken, auf hochgerechnet 2,6 Millionen, von denen bereits 300.000 konkrete Pläne haben. In wissensintensiven Branchen wie Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen denken zwischen 30 und 39 Prozent der Befragten über einen Wegzug nach.

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat das Problem schon früh auf den Punkt gebracht: In zehn Jahren verliert Deutschland eine halbe Million Leistungsträger netto, und ausländische Zuwanderer können das Minus nicht vollständig ausgleichen, weil sie oft nicht ausreichend qualifiziert sind, sprachliche und kulturelle Barrieren bestehen und viele Hochqualifizierte unter ihnen ebenfalls nach kurzer Zeit wieder weiterziehen.

Was Menschen wirklich zum Gehen bewegt

Die Gründe für Abwanderungsüberlegungen sind gut dokumentiert. In einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung unter 400 abgewanderten, oft hochqualifizierten Ausländern aus dem Jahr 2025 stand die fehlende Willkommenskultur und die Unzufriedenheit mit dem Sozialleben in Deutschland an erster Stelle. Berufliche Gründe wie eine bessere Bezahlung im Ausland kamen erst an zweiter Stelle, gefolgt von konkreten Jobangeboten (22,6 Prozent) und familiären Gründen (20,7 Prozent).

In der IAB-Studie 2025 nennen Abwanderungswillige eine Unzufriedenheit mit der politischen Situation in Deutschland (44 Prozent), persönliche Motive, eine als zu hoch empfundene Steuerlast sowie die Suche nach einem besseren Job. Besonders verbreitet sind Auswanderungsüberlegungen unter Höherqualifizierten, Besserverdienenden sowie Beschäftigten in Engpassberufen. Dies ist kein statistisches Rauschen, sondern ein strukturelles Signal: Das Land verliert bevorzugt jene, die es am dringendsten braucht.

Die beliebtesten Zielländer sind dabei keine Fernziele. Die Schweiz bleibt das bevorzugte Ziel für Weiterwandernde, gefolgt von den USA und Spanien. Innerhalb Europas zieht es viele nach Polen und Rumänien – also in Länder, die noch vor einer Generation als wirtschaftlich schwächer galten. Dass heute das Nachbarland Polen ein attraktiveres Ziel darstellen kann als Deutschland, ist für sich genommen ein Befund von erheblicher politischer Sprengkraft.

Der fiskalische Preis des Exodus

Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Abwanderung sind konkret berechnet worden. Das ifo Institut für Wirtschaftsforschung hat ermittelt, dass der Staat durch das Auswandern eines 23-jährigen Metallfacharbeiters ein fiskalisches Minus von 281.000 Euro hinnehmen muss. Verlässt eine 30-jährige Ärztin das Land, beläuft sich der Verlust für die öffentlichen Kassen auf knapp 1,1 Millionen Euro – allein an entgangenen Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, ohne die bereits aufgewendeten Bildungskosten. Bis zum Zeitpunkt der Auswanderung hat die Gesellschaft in die Ausbildung dieser Ärztin bereits rund 436.000 Euro investiert.

Seit 2003 sind netto rund 180.000 Fachkräfte in andere Industriestaaten abgewandert. Die kumulierten fiskalischen Kosten dürften sich damit im Milliardenbereich bewegen. Gleichzeitig drohen dem deutschen Arbeitsmarkt bis 2035 laut Bundesagentur für Arbeit Fachkräftelücken von bis zu sieben Millionen Personen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert die verlorenen Produktionskapazitäten durch den aktuellen Fachkräftemangel auf 49 Milliarden Euro für das Jahr 2024 und prognostiziert für 2027 einen Wert von 74 Milliarden Euro.

Hochsteuerland im internationalen Wettbewerb

Ein zentraler Treiber der Abwanderung – sowohl von Personen als auch von Unternehmen – ist die Steuerlast. Deutschland ist und bleibt mit einer tariflichen Steuerbelastung von über 30 Prozent und einer Rekord-Abgabenquote von fast 42 Prozent ein Hochsteuerland im internationalen Vergleich. Konkret: Im Jahr 2024 lag der kombinierte Körperschaftsteuersatz in Deutschland bei 29,93 Prozent. Zum Vergleich: Irland verlangt 12,5 Prozent, Ungarn lediglich 9 Prozent. Die Abgabenquote in Deutschland betrug 2023 rund 38,1 Prozent des BIP – deutlich über dem OECD-Durchschnitt und erheblich höher als in den USA mit 25,6 Prozent oder Irland mit 21,7 Prozent.

Während viele OECD-Staaten ihre Unternehmenssteuern seit 2008 gesenkt haben, blieb die Steuerbelastung für deutsche Unternehmen nahezu unverändert beziehungsweise stieg durch höhere Gewerbesteuersätze leicht an. Gabriel Felbermayr, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, hat diesen Zusammenhang klar formuliert: Hohe Steuern machen zwar vieles möglich, darunter eine gute Infrastruktur, aber sie machen Deutschland auch unattraktiv für Leistungsträger. Umgekehrt wird der Standort für jene Migranten attraktiv, die im unteren Lohnsegment tätig werden – mit strukturell negativen Konsequenzen für die Zusammensetzung des Humankapitals.

In einem Länderindex der Stiftung Familienunternehmen, der die 21 wichtigsten Industriestaaten vergleicht, landet Deutschland beim Subindex Steuern auf dem vorletzten Platz. Osteuropäische Staaten nehmen dort die Spitzenpositionen ein. Beim Faktor Arbeitskosten und Produktivität ist Deutschland ebenfalls auf dem vorletzten Platz, weil hohe Arbeitskosten auf unterdurchschnittliche Produktivität treffen.

Die Bürokratie als Wirtschaftshindernis

Steuerlich ist die Diagnose eindeutig, aber die Bürokratiebelastung ist ein ebenso gravierender Faktor. In der IHK-Unternehmensbarometer-Umfrage 2025 gaben 86 Prozent der befragten Unternehmen an, dass Bürokratie und Auflagen im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 enorm zugenommen haben. Ausnahmslos alle abgefragten Standortfaktoren wurden schlechter bewertet als bei der letzten Umfrage vier Jahre zuvor. Für 90 Prozent der Unternehmen hat sich die Verlässlichkeit der Wirtschaftspolitik erheblich verschlechtert. Das Bürokratieabbau-Thema steht für 95 Prozent der befragten Betriebe an erster Stelle der geforderten Reformen.

Eine Unternehmensumfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), durchgeführt von Allensbach, zeigt ein dramatisches Bild: Rund ein Drittel der großen Industrieunternehmen hat Forschungs- und Entwicklungsbereiche bereits ins Ausland verlagert. Die Hauptgründe dafür sind Kosten (58 Prozent), geringere Bürokratie im Ausland (47 Prozent) und eine größere Innovationsoffenheit an ausländischen Standorten (34 Prozent). Zwei Drittel der Unternehmen sind überzeugt, dass ausländische Wettbewerber leichter Zugang zu neuen Ideen und Technologien haben. 57 Prozent halten Deutschland für weniger oder gar nicht gut geeignet für ihre Innovationsaktivitäten.

 

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Warum Deutschland seine Firmen verliert – und wie sich das Blatt noch wenden lässt

Unternehmen stimmen mit den Füßen ab

Die Abwanderung ist kein rein akademisches Phänomen mehr, sie ist messbar in Stellenverlusten und Unternehmensschließungen. Zwischen 2021 und 2023 haben rund 1.300 Unternehmen ab einer Größe von 50 Mitarbeitenden teilweise oder vollständig Unternehmensfunktionen von Deutschland ins Ausland verlagert – das entspricht 2,2 Prozent aller deutschen Unternehmen dieser Größenklasse. Durch diese Verlagerungen wurden 71.100 Stellen in Deutschland abgebaut und nur 20.300 neu geschaffen, was einem Nettoverlust von rund 50.800 Arbeitsplätzen entspricht.

Eine aktuelle Deloitte-Studie in Zusammenarbeit mit dem BDI zeigt, dass fast jedes fünfte Unternehmen inzwischen nicht mehr in Deutschland produziert (19 Prozent) – acht Prozentpunkte mehr als noch zwei Jahre zuvor. Die Verlagerung betrifft auch Entwicklung (17 Prozent, zuvor 12 Prozent), Forschung (13 Prozent, zuvor 10 Prozent) und Endmontage (18 Prozent, zuvor 11 Prozent). Besonders beunruhigend: In den kommenden zwei bis drei Jahren planen 43 Prozent der Unternehmen eine weitere Verlagerung ihrer Produktion, gegenüber 33 Prozent in einer vergleichbaren Umfrage vor zwei Jahren. Die Zielländer sind Europa (30 Prozent), USA (26 Prozent) und Asien (19 Prozent ohne China) sowie China selbst (16 Prozent).

Die Chronik der Einzelfälle ist lang und reicht von Volkswagen, das Teile der Golf-Produktion nach Mexiko verlagert und Entwicklung nach China auslagert, über MAN Trucks mit der Verlagerung der Karosseriefertigung nach Krakau, ZF Friedrichshafen mit 4.500 Stellen nach Ungarn, bis hin zu BASF, das Dienstleistungen aus Berlin nach Indien auslagert. Dies ist kein Zufall, sondern die Summe rational handelnder Unternehmen, die auf veränderte Standortbedingungen reagieren.

Strukturelle Stagnation ohne Trendwende

Der ökonomische Kontext ist ernüchternd. Die deutsche Wirtschaft stagniert seit Jahren. Die Industrie befindet sich seit 2018 faktisch in einer Rezession – seit dem damaligen Höchststand liegt die Industrieproduktion über 15 Prozent unter dem damaligen Niveau. Im Fahrzeugbau beträgt der Rückgang gegenüber dem Höchststand mehr als ein Viertel. Für 2025 wird lediglich ein marginales BIP-Wachstum von etwa 0,2 Prozent prognostiziert – es wäre das sechste Stagnationsjahr in Folge.

Im IMD World Competitiveness Ranking verbesserte sich Deutschland 2025 zwar um fünf Plätze auf Rang 19, liegt damit aber noch weit von der Bestplatzierung aus dem Jahr 2014 entfernt, als Deutschland auf Platz 6 war. Beim realen Wirtschaftswachstum liegt das Land auf Rang 61, bei Direktinvestitionen auf Rang 55. Rund jedes dritte ausländische Unternehmen sieht Deutschland beim Netzausbau als EU-Schlusslicht, 43 Prozent bewerten die Energiekosten als EU-weit am schlechtesten. Der KPMG-Standortindex sank auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2017.

Die Lohnstückkosten sind seit 2015 deutlich stärker gestiegen als im G7-Durchschnitt, was in Kombination mit schwacher Produktivitätsentwicklung zu einem schleichenden Verlust an industrieller Wettbewerbsfähigkeit führt. Der Anteil Deutschlands an der weltweiten Wirtschaftsleistung hat sich seit 1995 nahezu halbiert.

Das politische Chaos als Standortrisiko

Zu den strukturellen wirtschaftlichen Problemen gesellt sich eine politische Dimension. Das Zerbrechen der Ampel-Koalition, die gescheiterte Kanzlerwahl im ersten Wahlgang und die seither schwelende Koalitionsdynamik aus CDU und SPD haben das Vertrauen in die Verlässlichkeit der deutschen Wirtschaftspolitik erheblich erschüttert. 73 Prozent der Bevölkerung gaben in Umfragen an, von Bundeskanzler Merz in die Irre geführt worden zu sein, nur 44 Prozent halten ihn für geeignet. Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International, bringt es auf den Punkt: Nichts verabscheuen die Märkte so sehr wie Unsicherheit.

Wirtschaftspolitische Unsicherheit in Deutschland ist seit Beginn des Ukraine-Krieges so intensiv wie nie in der Berichterstattung vertreten. Die Bundesregierung hat mit einem Investitionspaket und dem Sondervermögen für Infrastruktur den Grundstein für strukturelle Erneuerung gelegt, jedoch fehlt es nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) an konsequenten Maßnahmen: Die vorgeschlagenen Schritte seien unzureichend und von Partikularinteressen geprägt. Für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung fehlen Bürokratieabbau, konsequente Deregulierung, ein moderner Rechtsrahmen sowie Investitionen in digitale Infrastruktur und Bildung.

Das Versagen der Willkommenskultur

Es wäre zu einfach, die Abwanderung allein auf Steuern und Bürokratie zu reduzieren. Es gibt eine kulturelle Dimension, die in der öffentlichen Debatte häufig unterschätzt wird. Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung unter abgewanderten Hochqualifizierten zeigt, dass die fehlende Willkommenskultur der meistgenannte Abwanderungsgrund ist – noch vor schlechter Bezahlung. Ausländische Fachkräfte berichten von Alltagsrassismus, mangelnder sozialer Integration und dem Gefühl, dauerhaft als Fremde behandelt zu werden, egal wie lang sie schon im Land leben.

Gleichzeitig hat Deutschland die Fachkräfteeinwanderung aus dem Nicht-EU-Ausland seit 2021 um 77 Prozent gesteigert. Dieser Erfolg ist real, wird aber konterkariert durch eine Abbruchquote, die ebenfalls real ist: Im Juni 2025 fehlten bundesweit immer noch rund 391.000 qualifizierte Arbeitskräfte, und mehr als jede dritte offene Stelle konnte rechnerisch nicht besetzt werden. Das strukturelle Fachkräfteproblem hat sich trotz der gesteigerten Zuwanderung nicht gelöst, weil Abwanderung und unzureichende Integration parallel stattfinden.

Was es braucht, damit Menschen bleiben wollen

Die Frage, die am Ende aller Daten stehen muss, lautet nicht: Wie verhindert man Abwanderung? Sondern: Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit qualifizierte Menschen, ob deutsch oder zugewandert, sich entscheiden zu bleiben?

Die Antwort ergibt sich aus der Ursachenanalyse. Erstens braucht es eine substanzielle Steuerentlastung für Unternehmen und Leistungsträger. Die Bundesregierung plant, die Unternehmenssteuerbelastung schrittweise auf rund 25 Prozent zu senken – das ist ein Anfang, aber es muss schnell und konsequent umgesetzt werden, um nicht nur auf dem Papier zu existieren. Zweitens ist ein echter, messbarer Bürokratieabbau unerlässlich. Die IHK-Forderung nach einem jährlichen Bürokratieabbaugesetz und einem sofortigen Moratorium für neue Regulierungen ist nicht radikal, sondern rational. Drittens müssen Genehmigungsverfahren, besonders für Infrastrukturprojekte und Unternehmensgründungen, dramatisch beschleunigt werden. Die OECD empfiehlt in ihrem Länderbericht Deutschland 2025 ausdrücklich eine Vereinfachung und Harmonisierung der Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Viertens braucht Deutschland eine echte Willkommenskultur – nicht als PR-Kampagne, sondern als gelebte gesellschaftliche Praxis. Die Tatsache, dass fehlende soziale Integration wichtiger als monetäre Faktoren bei der Abwanderungsentscheidung ist, zeigt, dass das Problem weit über die Wirtschaftspolitik hinausgeht. Fünftens bedarf es politischer Stabilität und Verlässlichkeit. Investitionen fließen dorthin, wo Planungssicherheit herrscht. Die zyklischen politischen Krisen der vergangenen Jahre – von der Ampel bis zur Haushaltskrise – untergraben genau dieses Vertrauen.

Standortproblem, kein Kommunikationsproblem

Das Auswandererschutzgesetz von 1975 verbietet geschäftsmäßige Werbung für die Auswanderung. Es hindert niemanden daran, das Land zu verlassen. Es löst keines der Probleme, die Menschen dazu bewegen zu gehen. Es ist, in gewissem Sinne, das perfekte Symbol für ein grundlegendes Missverständnis: die Vorstellung, Systemprobleme ließen sich durch Kommunikationsverbote aus der Welt schaffen.

Die Abwanderung von Fachkräften, Unternehmern und Leistungsträgern aus Deutschland ist kein vorübergehendes Phänomen, das sich durch günstige Konjunkturlagen von selbst auflöst. Es ist die rationale Reaktion kompetenter Menschen auf ein System, das ihre Leistung bestraft, ihre Zeit durch Bürokratie vernichtet und ihre Ideen in Genehmigungslabyrinthen ertränkt. Der fiskalische Schaden beläuft sich auf Milliarden. Der Schaden für die Innovationsfähigkeit, die demografische Vitalisierung und die langfristige Wettbewerbsposition des Landes ist schwerer zu beziffern, aber nicht weniger real.

Deutschland besitzt nach wie vor außerordentliche Stärken: eine exzellente Infrastruktur in weiten Teilen, starke Institutionen, hohe öffentliche Sicherheit, ein robustes Bildungssystem und eine Forschungslandschaft von Weltrang. Aber Stärken zehren sich auf, wenn strukturelle Schwächen sie Jahr für Jahr erodieren. Der Länderindex der Stiftung Familienunternehmen zeigt: Führend ist Deutschland noch beim Subindex Finanzierung. Das ist eine knappe Grundlage.

Die Botschaft der Daten ist eindeutig: Nicht das Gespräch über Abwanderung ist das Problem. Das Problem sind die Gründe, die Menschen zum Gehen bewegen. Solange diese Gründe nicht ernsthaft und mit politischem Mut angegangen werden, wird kein Gesetz und keine Kommunikationsstrategie verhindern, dass Deutschland – still und ohne großes Aufsehen – weiter an Substanz verliert.

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