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Chinas stille Verwundbarkeit: Technologische Engpässe hinter der Exportmacht

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Veröffentlicht am: 6. April 2026 / Update vom: 6. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Chinas stille Verwundbarkeit: Technologische Engpässe hinter der Exportmacht

Chinas stille Verwundbarkeit: Technologische Engpässe hinter der Exportmacht – Bild: Xpert.Digital

Chinas geheime Achillesferse: Warum die Exportmacht ohne den Westen stillsteht

Der Scheinriese: Bei diesen 5 Schlüsseltechnologien ist China völlig machtlos

Abhängig statt autark: Der versteckte Engpass der chinesischen Wirtschaft

China überschwemmt den Weltmarkt mit billigen E-Autos, Solarmodulen und Batterien – so lautet das gängige Narrativ in der westlichen Wirtschaftspolitik. Doch die ständige, oft emotional geführte Debatte über chinesische Überkapazitäten blendet eine entscheidende Realität aus: Die vermeintlich übermächtige und monolithische Exportnation hat eine gewaltige strukturelle Achillesferse. In den wichtigsten Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts – von Hochleistungshalbleitern über Chipdesign-Software bis hin zu Flugzeugtriebwerken und Präzisionsmaschinen – ist die Volksrepublik existenziell und in hohem Maße von westlichen Importen abhängig. Wer China nur als wirtschaftliche Bedrohung wahrnimmt, übersieht Beijings stille Verwundbarkeit, die von der Staatsführung längst als massives Sicherheitsrisiko eingestuft wird. Eine tiefgehende Analyse der technologischen Engpässe zeigt: Das Bild der völlig autarken chinesischen Supermacht ist eine Illusion – und eine vollständige wirtschaftliche Entkopplung (Decoupling) wäre für beide Seiten mit verheerenden Kosten verbunden.

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Die Volksrepublik als Exportweltmeister – und trotzdem abhängig: Wo das Narrativ der chinesischen Überkapazität gefährlich zu kurz greift

Die westliche wirtschaftspolitische Diskussion über China folgt seit einigen Jahren einem dominanten Narrativ: China überschwemme die Welt mit billigen Industrieerzeugnissen, schaffe Überkapazitäten in strategischen Sektoren und bedrohe damit die wirtschaftliche Grundlage der westlichen Industrieländer. Dieser Befund ist nicht vollständig falsch – in Bereichen wie Solarmodulen, Batterien, Elektrofahrzeugen und Stahl gibt es tatsächlich erhebliche chinesische Überschussproduktion, die auf globalen Märkten Druck ausübt. Das Problem liegt jedoch nicht im Befund selbst, sondern in seiner selektiven Anwendung: Die Überkapazitätsdebatte blendet systematisch jene Sektoren aus, in denen China keine Exportstärke, sondern erhebliche strukturelle Engpässe aufweist. Das erzeugt ein verzerrtes Bild einer monolithischen chinesischen Exportmaschine, das den realen Verflechtungen globaler Wertschöpfungsketten nicht gerecht wird.

Wer China als bloße Exportbedrohung begreift, übersieht dabei eine fundamentale Asymmetrie: Die Volksrepublik ist in einigen der strategisch wichtigsten Technologiefelder des 21. Jahrhunderts in hohem Maße von westlichen Lieferungen abhängig. Diese Abhängigkeiten sind keine marginalen Randerscheinungen, sondern strukturelle Merkmale der chinesischen Volkswirtschaft, die Beijing selbst als nationale Sicherheitsrisiken klassifiziert. Ein differenzierter Blick auf diese Engpässe ist nicht nur akademisch relevant – er ist die Voraussetzung für eine rationale Außenwirtschaftspolitik, die weder in Naivität noch in geopolitische Hysterie verfällt.

Halbleiter: Das größte strukturelle Defizit Chinas

Kein technologisches Engpassproblem Chinas ist gravierender, bekannter und zugleich hartnäckiger als die Abhängigkeit von Halbleitern. Im Jahr 2021 betrug Chinas Selbstversorgungsquote bei Chips nach Angaben des Marktforschungsunternehmens IC Insights lediglich 17 Prozent. Das ursprünglich im Rahmen der Strategie „Made in China 2025“ formulierte Ziel, diese Quote bis 2025 auf 70 Prozent zu steigern, ist in weite Ferne gerückt. Die Volksrepublik gibt inzwischen mehr Devisen für den Import von Halbleitern aus als für Rohöl: Im Jahr 2020 beliefen sich die chinesischen Halbleiterimporte auf 350 Milliarden US-Dollar und übertrafen damit die Ausgaben für Erdölimporte.

Diese Zahlen allein unterstreichen das Ausmaß der Abhängigkeit. Doch es sind nicht irgendwelche Chips, auf die China angewiesen bleibt – es sind die fortschrittlichsten Logikhalbleiter, Speicherchips der neuesten Generation und vor allem Hochleistungsprozessoren für künstliche Intelligenz, bei denen chinesische Produzenten einen erheblichen Rückstand gegenüber taiwanesischen, südkoreanischen und US-amerikanischen Herstellern aufweisen. Die westlichen Exportkontrollen, die seit 2022 unter der Biden-Regierung schrittweise verschärft wurden und denen sich Japan sowie die Niederlande in Teilen anschlossen, haben die Lage weiter zugespitzt. Im Jahr 2022 sanken Chinas Halbleiterimporte infolge dieser Sanktionen um 15 Prozent.

Besonders dramatisch ist die Situation bei Autochips. Chinas Selbstversorgungsquote in diesem Segment liegt unter zehn Prozent, wie Luo Daojun, stellvertretender Direktor des Instituts für Komponenten und Materialien beim chinesischen Industrieministerium MIIT, auf mehreren Branchenkonferenzen bestätigte. Für Rechen- und Steuerchips liegt die Quote sogar unter einem Prozent, während sie bei Leistungs- und Speicherchips gerade einmal acht Prozent erreicht. Gleichzeitig treibt Chinas explosives Wachstum bei Elektrofahrzeugen den Bedarf an Autochips massiv in die Höhe: Allein im Laufe des Jahres 2024 produzierte China mehr als 11,49 Millionen Elektrofahrzeuge, was einem Anstieg von 37,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Der Versuch, die Abhängigkeit durch massiven staatlichen Kapitaleinsatz zu überwinden, ist zwar ambitioniert, stößt aber an fundamentale technologische Grenzen. Beijing stellt nach Angaben des US-Branchenverbands Semiconductor Industry Association jährlich rund 17 Milliarden US-Dollar an staatlichen Fördermitteln für den Halbleitersektor bereit. Chinas größter Chipauftragsfertiger SMIC ist mit Mehrfachbelichtungsverfahren auf Basis älterer DUV-Technologie inzwischen in der Lage, Chips in einem 7-Nanometer-Prozess herzustellen – allerdings mit deutlich höheren Fehlerquoten und Kosten als internationale Konkurrenten. Um weiter voranzukommen, wäre der Zugang zur EUV-Lithografietechnologie des niederländischen Weltmarktführers ASML unabdingbar – genau dieser Zugang ist jedoch durch Exportverbote blockiert. In den Jahren 2023 und 2024 wurden weltweit zusammengenommen 97 Produktionsstätten im Halbleiter-Ökosystem in Betrieb genommen, davon allein 57 in China – die dortige Expansion richtet sich jedoch primär auf ältere, sogenannte Mature-Node-Technologien, nicht auf die Spitzenfertigung.

Lithografie und Chipproduktionsequipment: Abhängigkeit von Maschinen, die niemand liefert

Noch fundamentaler als die Abhängigkeit von fertigen Chips ist Chinas Abhängigkeit von den Maschinen, die zur Chipherstellung benötigt werden. Im Jahr 2024 importierte China Halbleiterfertigungsanlagen im Rekordwert von 49,2 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit entfielen 42 Prozent aller weltweiten Ausgaben für Chipproduktionsequipment auf China, gegenüber 34 Prozent im Vorjahr. Die wichtigsten Lieferanten waren Japan, die Niederlande, Singapur und die USA.

Das Kernproblem liegt in der EUV-Lithografie. ASML aus den Niederlanden ist weltweit der einzige Hersteller von EUV-Lithografiesystemen in Serie, die für die Fertigung von Chips mit Strukturbreiten unterhalb von zehn Nanometern zwingend erforderlich sind. Der Export dieser Systeme nach China ist verboten. Im ersten Quartal 2024 entfiel dennoch fast die Hälfte des ASML-Systemumsatzes auf chinesische Chipauftragsfertiger – allerdings ausschließlich für ältere DUV-Systeme, die für reife Fertigungstechnologien eingesetzt werden. Für das Vordringen in die Hochleistungssegmente bleiben chinesischen Chipfertigern die Türen damit verschlossen.

Chinesische Ingenieure haben offenbar versucht, die Sperrwirkung der Exportverbote durch Reverse Engineering zu umgehen. Berichten zufolge hat Huawei im staatlichen Auftrag ASML-Systeme auseinandergenommen, um deren Design zu rekonstruieren. Erste Prototypen einer chinesischen EUV-Maschine sollen entwickelt worden sein – allerdings mit erheblichen Zweifeln an ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit und Serientauglichkeit. Die technologische Lücke, die durch Jahrzehnte an Forschung und Milliarden an Investitionen entstanden ist, lässt sich nicht durch ein paar Jahre Aufholarbeit schließen. Die ASML-Maschinen sind nicht nur optische Apparate, sondern komplexe Systeme, in denen mechanische Präzision, Vakuumtechnik, Laserphysik und Software in einer Weise zusammenwirken, die selbst hochkompetenten Ingenieuren über Jahre Kopfzerbrechen bereitet hat.

Chipdesign-Software: Ein oft unterschätzter Engpass

Neben der physischen Chipfertigung ist China auch beim Chipdesign von westlichen Technologien abhängig. Drei US-amerikanische Unternehmen – Synopsys, Cadence und Siemens EDA – kontrollieren den globalen Markt für Electronic-Design-Automation-Software (EDA), ohne die es schlicht nicht möglich ist, moderne Chips zu entwerfen. In China entfielen noch vor wenigen Jahren über 90 Prozent aller EDA-Tool-Verkäufe auf diese drei US-Anbieter. Bis 2025 hat sich dieser Anteil auf rund 80 Prozent reduziert – immer noch deutlich über dem globalen Marktanteil dieser Unternehmen von etwa 70 Prozent.

Für chinesische Halbleiterunternehmen hat diese Abhängigkeit existenzielle Bedeutung: Ohne EDA-Software lassen sich keine modernen Chip-Architekturen entwickeln, keine Designs für Foundries vorbereiten und keine Qualitätssicherung bei der Fertigung durchführen. Im Jahr 2025 untersagte die US-Regierung zeitweise den Export dieser Software nach China und nutzte damit einen wirksameren Hebel als viele physische Exportverbote. Besonders betroffen war Xiaomi, das seinen XRING-O1-Prozessor in 3-Nanometer-Technologie auf Basis von US-Software entwickelt hatte und dessen Zugang zu Updates und technischem Support damit abgeschnitten wurde. Huawei hatte nach Sanktionen seit 2019 begonnen, in chinesische EDA-Alternativen wie Empyrean Technology zu investieren – diese sind jedoch bislang nur für weniger anspruchsvolle Chip-Designs geeignet.

Im Sommer 2025 lockerten die USA die Restriktionen temporär wieder, nachdem China seinerseits die Exportbeschränkungen für Seltene Erden etwas gelockert hatte. Dieser diplomatische Tauschhandel verdeutlicht das eigentliche Wesen der gegenseitigen Abhängigkeit: Beide Seiten halten Druckmittel gegen die andere in der Hand, und ein vollständiger Bruch wäre für beide Seiten schmerzhaft.

KI-Beschleuniger: Der neue Brennpunkt im Technologiekonflikt

Ein neues, besonders dynamisches Kapitel der chinesischen Technologieabhängigkeit schreibt sich derzeit im Bereich der KI-Beschleuniger. Nvidias Hochleistungsprozessoren für KI-Training und -Inferenz – insbesondere die H100-, H200- und Blackwell-Serien – sind de facto alternativlos für das Training großer Sprachmodelle und die Entwicklung anspruchsvoller KI-Systeme. China hat einen immensen Bedarf an diesen Chips – die geschätzte Nachfrage für das Jahr 2026 lag Berichten zufolge bei über zwei Millionen H200-Einheiten. Gleichzeitig unterliegen diese Chips strengen US-Exportkontrollen, die seit 2022 schrittweise verschärft wurden.

Peking befindet sich dabei in einer strategischen Zwickmühle: Einerseits brauchen chinesische KI-Unternehmen Spitzen-Hardware, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Andererseits will die Regierung die technologische Unabhängigkeit fördern und heimische Chiphersteller schützen. Die chinesische Regierung hat deshalb heimische Technologieunternehmen angewiesen, den Kauf von Nvidias H200-Chips vorübergehend auszusetzen, und ein Quotensystem erwogen, bei dem Nvidia-Käufer auch einen bestimmten Anteil heimischer KI-Chips erwerben müssten. Ein legaler Schwarzmarkt für KI-Beschleuniger floriert unterdessen in China.

Chinesische Alternativen wie Huaweis Ascend-Chips, Baidus Kunlun-Prozessoren oder Chips von Cambricon sind zwar vorhanden und technologisch nicht bedeutungslos, aber nach übereinstimmender Einschätzung von Branchenkennern noch deutlich leistungsschwächer als Nvidias Spitzenprodukte. Eine vollständige Substitution des KI-Chip-Bedarfs durch heimische Produkte ist mittelfristig nicht realistisch – zumal auch für die Entwicklung dieser Chips westliche EDA-Software und Fertigungsanlagen benötigt werden.

Zivilluftfahrt und Triebwerke: Abhängigkeit in der Hochkomplexität

In keinem zivilen Sektor zeigt sich die technologische Abhängigkeit Chinas plastischer als in der Luft- und Raumfahrt. Chinas nationaler Flugzeughersteller COMAC hat mit der C919 zwar ein Passagierflugzeug der Boeing-737/Airbus-A320-Klasse entwickelt, das in China erheblichen politischen Symbolwert besitzt. Das Flugzeug fliegt jedoch ausschließlich mit LEAP-1C-Triebwerken von CFM International, einem Joint Venture der US-amerikanischen GE Aerospace und des französischen Safran-Konzerns. Ohne diese westlichen Antriebe würde die C919 am Boden bleiben.

Das einheimische chinesische Alternativtriebwerk CJ-1000A hat im Jahr 2025 zwar die Zulassung der chinesischen Luftfahrtbehörde CAAC erhalten, ist jedoch für den regulären Einsatz in der kommerziellen Luftfahrt noch nicht bereit. Bis zur Großserienfertigung und internationalen Zertifizierung dürften noch Jahre vergehen. In der Zwischenzeit hat die US-Regierung im Jahr 2025 den Verkauf kritischer US-Triebwerkskomponenten an China ausgesetzt – eine Maßnahme, die die Produktion der C919 unmittelbar bedroht. China erwägt als Reaktion, Airbus in den Lieferprozess einzubeziehen, um US-Komponenten durch europäische zu ersetzen.

Die fundamentale Herausforderung im Triebwerksbau liegt in der Materialtechnologie: Moderne Zivilgasturbinen erfordern Einkristall-Turbinenschaufeln, Keramik-Matrix-Komposite und Hochtemperatur-Superlegierungen, für deren Herstellung jahrzehntelange Erfahrung und hochspezialisiertes Know-how erforderlich sind. Hinzu kommt die Abhängigkeit von präzisen Fünf- und Sieben-Achs-Werkzeugmaschinen für die Triebwerksfertigung, die China weiterhin aus Deutschland, Japan, Italien und Südkorea importieren muss. Diese Maschinen sind nicht nur teuer, sondern repräsentieren einen kumulierten Wissensbestand, der sich nicht durch staatliche Direktiven beschleunigt aufbauen lässt.

 

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Warum Präzisionsmaschinen Chinas Achillesferse bleiben — und was das für Europa heißt

Biomedizin und Pharma: Zwischen aufstrebendem Exporteur und struktureller Importabhängigkeit

Das Bild der chinesischen Biomedizin ist besonders vielschichtig, weil China hier gleichzeitig aufstrebender Exporteur und weiterhin strukturell abhängiger Importeur ist. Auf der Exportseite ist der Befund bemerkenswert: Allein von 2023 bis 2024 stieg der Wert von Deals, bei denen westliche Pharmaunternehmen aus Europa und den USA chinesische Biotech-Unternehmen einbanden, um 66 Prozent auf 41,5 Milliarden US-Dollar. Im ersten Halbjahr 2025 flossen rund 48,5 Milliarden US-Dollar in Kooperationen mit chinesischen Biotechs. China entwickelt sich zunehmend zu einem globalen Innovationsmotor in der Arzneimittelentwicklung und meldet inzwischen mehr Patente im Pharmabereich an als die europäische Konkurrenz.

Gleichzeitig bestehen erhebliche strukturelle Schwächen. Bei hochkomplexen medizinischen Großgeräten dominieren ausländische Hersteller weiterhin große Marktanteile: Die Lokalisierungsraten für Magnetresonanztomographen lagen zuletzt bei 38 Prozent, für PET-CT-Geräte bei 41 Prozent und für Computertomographen bei 52 Prozent. Hörgeräte wurden 2022 zu 74 Prozent importiert. Im Bereich der Hochpräzisions-Diagnostikgeräte und innovativer Medikamente für die personalisierte Medizin klafft noch immer eine beträchtliche Lücke zwischen chinesischen Ambitionen und chinesischen Kapazitäten.

Besonders relevant für die Frage der gegenseitigen Abhängigkeit ist die Situation bei Biopharmazeutika und Biosimilars: Noch werden 51 Prozent der Biosimilars in Europa produziert, aber China holt massiv auf und hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 globaler Marktführer bei Biopharmazeutika zu werden. Solange China dieses Ziel nicht erreicht hat, ist es auf westliches biotechnologisches Know-how, westliche Fermentations- und Produktionstechnologie sowie westliche Regulierungsexpertise für klinische Studien angewiesen. Die Ironie ist also, dass China im Pharmabereich gleichzeitig als geopolitische Druckkomponente für den Westen (über die Wirkstoffproduktion) fungiert und selbst von westlichem Innovationstransfer abhängig ist.

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Präzisionsinstrumente, Messtechnik und Werkzeugmaschinen

Ein weiterer Sektor, in dem China trotz allem Fortschritt strukturell importabhängig bleibt, ist die Präzisionsmesstechnik und der Maschinenbau für die Hochpräzisionsfertigung. Nach Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) entfielen bei chinesischen Importen von Mess- und Kontrollinstrumenten 64 Prozent auf westliche Herkunftsländer. Bei Maschinen allgemein lag der westliche Importanteil bei 63 Prozent, bei elektrischen Maschinen und Apparaten bei 35 Prozent. Diese Werte platzieren Präzisionsinstrumente und Maschinen unter Chinas strategisch bedeutsamsten Importkategorien.

Koordinatenmessgeräte aus Deutschland, hochpräzise Werkzeugmaschinen aus Tschechien und Japan sowie Schweizer Messtechnik bilden das technologische Rückgrat nicht nur der chinesischen Zivilindustrie, sondern auch der Rüstungsproduktion. Ein ehemaliger Insider der chinesischen Militärindustrie attestierte, dass ohne Zugang zu westlichen Maschinen und Rohstoffen die chinesische Rüstungsproduktion nicht aufrechtzuerhalten wäre. Ironischerweise besteht also in dem Sektor, in dem China am aggressivsten militärische Stärke demonstriert, eine der tiefgreifendsten technologischen Abhängigkeiten vom Westen.

Chinas Maschinenbaukapazitäten entwickeln sich zwar dynamisch, und europäische Hersteller beklagen zunehmend Dumpingkonkurrenz durch chinesische Anbieter im Niedrig- und Mittelsegment. Im absoluten Hochpräzisionsbereich – also bei Fünf- und Sieben-Achs-Bearbeitungszentren, Elektroerosionsmaschinen für feinste Geometrien oder Ultraschall-Positioniersystemen – bleibt China jedoch auf westliche Zulieferer angewiesen.

Seltene Erden: Stärke und blinder Fleck zugleich

Seltene Erden gehören zu den wenigen Bereichen, in denen China tatsächlich eine beherrschende Machtstellung innehat: Rund 70 Prozent der globalen Förderung finden in China statt, und bis zu 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung werden in der Volksrepublik durchgeführt. Peking hat diese Dominanz zuletzt im Handelskonflikt mit den USA demonstriert, indem es Exportbeschränkungen verhängte, die westliche Industrien unter erheblichen Druck setzten. Deutschland bezieht rund zwei Drittel seiner Seltene-Erden-Importe aus China.

Dabei wird jedoch ein entscheidender Zusammenhang übersehen: Chinas Stärke bei Seltenen Erden kompensiert nicht seine Schwächen bei der Veredelung und dem technologischen Einsatz dieser Materialien in Spitzenprodukten. Die Verarbeitung von Seltenen Erden zu Hochleistungsmagneten, wie sie für Windturbinen, Elektromotoren oder Verteidigungssysteme benötigt werden, erfordert spezialisiertes Know-how. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) warnt, dass es weltweit nur noch sehr wenige Experten außerhalb Chinas gibt, die Seltene Erden verarbeiten können. Dieser Kompetenzabfluss ist das Ergebnis von jahrzehntelanger strategischer Verlagerung. Er bedeutet: Der Westen hat das dreckige und kostenintensive Geschäft gerne China überlassen – und muss jetzt mit den geopolitischen Konsequenzen leben.

Gleichzeitig ist jedoch auch China für die Nutzung von Seltenen Erden in der Hochtechnologie auf westliches Equipment angewiesen. Permanentmagnete höchster Güte für moderne Elektromotoren erfordern präzise Fertigungsprozesse, bei denen chinesische Anbieter zwar aufgeholt haben, aber in Teilbereichen noch auf ausländische Maschinen und Prozesssteuerung zurückgreifen.

Digitale Infrastruktur: Zwischen Entkopplungsambition und verbleibenden Abhängigkeiten

Auch im Bereich der digitalen Infrastruktur und Software kämpft China an mehreren Fronten gegen technologische Abhängigkeiten. Traditionell dominierten westliche Betriebssysteme, Datenbankmanager und Cloud-Plattformen auch den chinesischen Markt. Microsoft Azure, Microsoft 365 und andere westliche Unternehmenssoftware wurden in China verbreitet eingesetzt. Im Jahr 2025 hat sich China jedoch entschieden, Microsoft als Betreiber seiner eigenen Cloud-Dienste abzulösen. Die digitale Infrastrukturabhängigkeit wird im Rahmen des 15. Fünfjahresplans (2026–2030) systematisch reduziert, mit dem Ziel, eine weitgehend autarke digitale Infrastruktur aufzubauen.

Im Bereich Firmware hat China mit UBIOS einen eigenen Standard vorgestellt, der langfristig den westlichen UEFI-Standard ablösen soll. China hat chinesischen Unternehmen inzwischen angewiesen, auf Cybersicherheitslösungen von mehr als einem Dutzend westlicher Anbieter zu verzichten. Diese Entkopplungsambitionen sind real und politisch ernsthaft. Sie verdeutlichen aber zugleich, wie tief die ursprünglichen Abhängigkeiten reichen: Eine vollständige digitale Autarkie ist noch weit entfernt und würde erhebliche Verluste an Effizienz und Innovationsgeschwindigkeit bedeuten. Vor allem im Bereich der Halbleiter-Designwerkzeuge, wo EDA-Software das Grundgerüst für die gesamte Chipentwicklung bildet, bleibt China noch auf einem langen Weg zur Unabhängigkeit.

Die Kosten der Entkopplung: Was die Zahlen sagen

Die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen China und dem Westen sind kein zufälliges Nebenprodukt der Globalisierung, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger wirtschaftlicher Integration, die für alle Beteiligten erhebliche Wohlfahrtsgewinne erzeugt hat. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass eine vollständige Entkopplung der beiden größten Volkswirtschaften die globale Wirtschaftsleistung um bis zu sieben Prozent schmälern könnte. Eine für Deutschland erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Kosten einer Entkopplung für China langfristig etwa 60 Prozent höher wären als für Deutschland. Chinas BIP würde durch einen abrupten Handelsabbruch mit dem Westen etwa doppelt so stark schrumpfen wie das BIP westlicher Volkswirtschaften.

Diese Asymmetrie ist analytisch wichtig: China leidet strukturell mehr unter einer erzwungenen Entkopplung als der Westen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Westen ohne Kosten davonkäme – die Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen, Wirkstoffvorprodukten, Elektronikkomponenten und bestimmten verarbeiteten Materialien würde auch für westliche Volkswirtschaften erhebliche Anpassungskosten verursachen. Wie das Mercator Institute for China Studies (MERICS) analysiert hat, bestehen in 103 Produktkategorien, darunter Elektronik, Chemie, Mineralien und Arzneimittel, kritische EU-Abhängigkeiten von chinesischen Importen.

Xi Jinpings Strategie der gezielten Abhängigkeitskultivierung

Um die geoökonomische Bedeutung dieser Verflechtungen zu verstehen, ist es instruktiv, Chinas eigene strategische Logik zu betrachten. Xi Jinping hat in internen Strategiepapieren und öffentlichen Reden explizit das Ziel formuliert, sogenannte Killertechnologien zu entwickeln, mit denen China die Abhängigkeit internationaler Wertschöpfungsketten vom eigenen Land vertieft und damit die Fähigkeit zur Abschreckung und zu Gegenmaßnahmen gegenüber dem Ausland aufbaut. Diese Strategie ist das spiegelbildliche Gegenstück zu den westlichen Exportkontrollregimes: Während der Westen versucht, Chinas Zugang zu Schlüsseltechnologien zu blockieren, versucht China, den Westen durch eigene Technologiemonopole erpressbar zu machen.

Das strategische Konzept der gegenseitigen Abhängigkeit als geopolitisches Instrument ist jedoch grundlegend anders als die Nullsummenlogik, die die US-Außenwirtschaftspolitik zunehmend prägt. Ökonomen wie Jeffrey D. Sachs haben darauf hingewiesen, dass die US-Handelspolitik gegenüber China in eine destruktive Spirale mündet, die weder den amerikanischen noch den chinesischen Interessen dient, sondern beiden schadet. Die Alternative zur Nullsummenkonfrontation wäre nicht naive Offenheit, sondern eine differenzierte Strategie, die sensible Technologiebereiche schützt, ohne die gesamte wirtschaftliche Integration zu opfern.

Das Paradox der chinesischen Technologiepolitik

Das übergreifende Paradox der chinesischen Technologiesituation lässt sich so beschreiben: China ist in den Bereichen, die es als strategisch wichtigste Exportsektoren identifiziert hat – Grüne Energietechnologie, Elektrofahrzeuge, Batterien –, tatsächlich global wettbewerbsfähig oder sogar führend. In den technologischen Tiefenschichten, die diese Exportstärken erst ermöglichen – Halbleiterfertigung, Chipdesign-Software, Präzisionslithografie, Triebwerkstechnologie, biotechnologische Fermentationsverfahren und Hochpräzisions-Werkzeugmaschinen –, bleibt China in erheblichem Maße auf westliche Importe angewiesen.

Diese Dichotomie macht deutlich, dass Chinas wirtschaftliche Stärke kein homogenes Phänomen ist, sondern auf einer selektiven Tiefe beruht. China hat es verstanden, in bestimmten Produktsegmenten auf der Basis importierter Technologien eine gewaltige Produktionskapazität aufzubauen und dabei massive Skaleneffekte zu erzielen. Aber der Aufbau der zugrundeliegenden technologischen Grundlagen ist ein langfristiger Prozess, der nicht per Regierungsdekret beschleunigt werden kann. Das erklärt, warum Chinas 14. Fünfjahresplan (2021–2025) und die langfristigen Pläne bis 2035 technologische Selbstständigkeit als höchste wirtschaftspolitische Priorität benennen.

Für eine nuancierte Geopolitik der Interdependenz

Chinas technologische Engpässe sind keine Schwäche, die man ausnutzen, und keine Bedrohung, die man ignorieren sollte – sie sind ein Strukturmerkmal einer globalen Wirtschaft, in der tiefe Verflechtungen und strategische Rivalitäten gleichzeitig existieren. Die Volksrepublik ist in bestimmten Bereichen ein gefährlicher Wettbewerber und in anderen ein notwendiger Handelspartner. Beide Wahrheiten müssen gleichzeitig gelten können, um zu einer rationalen Politik zu gelangen.

Eine Außenwirtschaftspolitik, die diese Differenzierung verweigert und stattdessen auf vollständige Entkopplung setzt, würde erhebliche wirtschaftliche Kosten auf sich nehmen, ohne die eigentlichen Sicherheitsziele zu erreichen. Eine Politik, die die strategischen Risiken ignoriert und auf reine Marktlogik setzt, wäre ebenso unzureichend. Der ökonomisch und sicherheitspolitisch rationale Weg liegt dazwischen: gezielte Investitionen in die Resilienz bei tatsächlich kritischen Abhängigkeiten, kombiniert mit dem pragmatischen Erhalt wirtschaftlicher Verflechtungen dort, wo sie für beide Seiten Wohlfahrtsgewinne schaffen. Das ist keine bequeme Politik – aber sie ist die einzige, die der Komplexität der Realität gerecht wird.

 

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