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Wenn Netzwerkpflege zur Regierungsform wird – und externe Berater die Zeche der Steuerzahler kassieren

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Veröffentlicht am: 4. April 2026 / Update vom: 4. April 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Wenn Netzwerkpflege zur Regierungsform wird – und externe Berater die Zeche der Steuerzahler kassieren

Wenn Netzwerkpflege zur Regierungsform wird – und externe Berater die Zeche der Steuerzahler kassieren – Bild: Xpert.Digital

Der gefällige Staat: Warum Lobbypolitiker wie Merz und Reiche die Volkswirtschaft gefährden

Das Grundproblem: Kompetenz als Fehlkategorie

In der Bundesrepublik Deutschland haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zwei parallele Karrierepfade herausgebildet, die in der Theorie getrennt verlaufen sollten, in der Praxis jedoch immer stärker miteinander verschmelzen: der politische und der unternehmerisch-industrielle Pfad. Das Ergebnis dieser Verschmelzung sind Politiker wie Friedrich Merz und Katherina Reiche, die nicht durch außergewöhnliche sachpolitische Kompetenz an die Spitze staatlicher Institutionen gelangt sind, sondern durch etwas Subtileres und in seiner Wirkung Wirksameres: durch die jahrzehntelange systematische Pflege von Netzwerken, die den Übergang zwischen Politik und Privatwirtschaft zu einem reibungslosen, wechselseitig profitablen Dauerstrom werden lassen.

Friedrich Merz war von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Ablegers von BlackRock, dem weltgrößten Vermögensverwalter mit verwalteten Vermögenswerten in einer Größenordnung, die die Wirtschaftsleistung der meisten Staaten übersteigt. Merz’ Aufgabe dort war, wie BlackRock selbst erklärte, keine operativ-unternehmerische, sondern eine dezidiert politische: “die Beziehungen mit wesentlichen Kunden, Regulierern und Regulierungsbehörden in Deutschland für BlackRock zu fördern”. Er war nicht Unternehmer. Er war Türöffner. Gleichzeitig saß er im Aufsichtsrat der Deutschen Börse, der Commerzbank, der Axa Versicherung, dem Immobilienkonzern IVG und vertrat im Förderverein der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) die Interessen der Metall- und Elektrolobby. Als er 2021 in die aktive Politik zurückkehrte und schließlich Bundeskanzler wurde, trug er all diese Bindungen als unsichtbaren Rucksack in sein Amt.

Katherina Reiche folgt strukturell dem identischen Muster. Nach 17 Jahren im Bundestag wechselte sie in die Hauptgeschäftsführung des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), dem Lobbyverband von 1.500 kommunalen Energie- und Wasserversorgern, und anschließend in die Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter mit 10.000 Mitarbeitern und einem der größten Gasnetze Deutschlands. Auch sie war keine Unternehmerin im schöpferischen Sinne. Ihr Wert für die Konzerne bestand in der Zugänglichkeit zu politischen Entscheidungsträgern und der Vertrautheit mit regulatorischen Strukturen. Als Bundesministerin für Wirtschaft und Energie kehrte sie mit diesem Rucksack ins Amt zurück.

Die institutionelle Logik der Inkompetenz

Wer verstehen will, warum ein solches Karrieremuster nicht nur für die betroffenen Personen, sondern für die gesamte Volkswirtschaft strukturell gefährlich ist, muss die institutionelle Logik verstehen, die es erzeugt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ist eines der komplexesten Ressorts der Bundesregierung. Es reguliert Energiemärkte mit einem Jahresumsatz von mehreren hundert Milliarden Euro, gestaltet Industriepolitik für Sektoren, die Millionen von Arbeitsplätzen tragen, verhandelt internationale Handels- und Rohstoffabkommen und formuliert Klimaschutzpolitik, die über Jahrzehnte wirkt. Die inhaltliche Tiefe, die für diese Aufgaben erforderlich ist, übersteigt das, was eine Politikerin mit einem naturwissenschaftlichen Studium und einer Karriere als Lobbyistin und Netzwerkerin ohne weiteres mitbringen kann.

Der Staat verfügt jedoch über eine Antwort auf genau dieses Problem: hochqualifizierte Ministerialbeamte. Das BMWE beschäftigt mehrere hundert Experten, Volkswirte, Juristen, Ingenieure und Branchenspezialisten, die für genau jene Analysen ausgebildet und bezahlt werden, die ein Minister zur Entscheidungsfindung benötigt. Diese Beamten sind weisungsgebunden, aber nicht gefällig. Sie liefern, was das Recht verlangt: eine Analyse nach bestem Wissen und Gewissen, auch dann, wenn das Ergebnis politisch unbequem ist. Genau das ist ihr Problem aus Sicht einer Ministerin, deren politische Prioritäten stärker durch industrielle Netzwerke als durch volkswirtschaftliche Fachkompetenz definiert werden.

Der Ausweg, den das System bereitstellt, ist die Auslagerung an externe Berater. Externe Beratungsunternehmen unterliegen nicht den Berichtspflichten von Ministerialbeamten. Sie können nicht vor parlamentarischen Ausschüssen zur Rede gestellt werden wie Staatssekretäre. Sie hinterlassen in der öffentlichen Dokumentation nur jene Spuren, die der Auftraggeber zulässt. Und sie wissen, wer sie beauftragt und was von ihnen erwartet wird. Das Ergebnis ist eine systematische Umgehung des institutionellen Wissens, das der Staat selbst aufgebaut hat, zugunsten von extern eingekauften Meinungen, die den Vorstellungen der politischen Führung strukturell entgegenkommen.

Das Milliardengrab: Was externe Berater den Staat kosten

Die finanziellen Dimensionen dieser Praxis sind für sich genommen alarmierend. Der Bundesrechnungshof stellte in einem Prüfbericht aus dem Jahr 2025 fest, dass die Bundesregierung in den zehn Jahren zwischen 2015 und 2025 mehr als 1,6 Milliarden Euro für externe Beratungsleistungen ausgegeben hat. Allein von 2020 bis 2023 stiegen die Ausgaben um 39 Prozent auf jährlich knapp 240 Millionen Euro. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte bereits 2020 gefordert, den Einsatz externer Berater substanziell zurückzufahren. Diese Forderung wurde laut Bundesrechnungshof ignoriert. Die meisten Ministerien hätten nicht einmal konkrete Abbauziele formuliert. Der Rechnungshof sieht die “Integrität der Verwaltung” in Gefahr.

Dabei sind die direkten Ausgaben noch die kleinste Problemdimension. Das eigentliche wirtschaftliche Schadenspotenzial liegt in den Entscheidungen, die auf Grundlage dieser Gutachten und Beratungen getroffen werden. Das wohl spektakulärste Lehrbeispiel ist die Pkw-Maut unter Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Das Verkehrsministerium zahlte allein im Jahr 2018 knapp 12 Millionen Euro an externe Berater für die Planung der Maut, obwohl intern und extern frühzeitig auf das rechtliche Risiko einer EU-Klage hingewiesen worden war. Scheuer ließ den Betreibervertrag trotzdem unterzeichnen, bevor das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vorlag. Der EuGH erklärte die Maut für europarechtswidrig. Die anschließenden Schadensersatzforderungen der Betreiberkonsortien beliefen sich auf 560 Millionen Euro. Die externen Berater, die das Projekt begleitet hatten, trugen keinerlei finanzielle Verantwortung. Sie hatten abkassiert und sich aus der Schusslinie gebracht.

Die Berateraffäre im Bundesministerium der Verteidigung unter Ursula von der Leyen liefert ein strukturell identisches Muster. Die damalige Staatssekretärin Katrin Suder, selbst jahrelang McKinsey-Direktorin, lotste nach Erkenntnissen des Spiegel “zahlreiche Weggefährten aus McKinsey-Zeiten ins Ministerium” und vergab millionenschwere Aufträge an ihre frühere Firma. Der Bundesrechnungshof stellte fest, dass das Ministerium “durchgehend von bestimmten Beratungsunternehmen und Einzelpersonen unterstützt worden sei” und “häufig explizit auf bestimmte Berater bestanden habe”. Das Verteidigungsministerium gab laut Berechnungen allein im Jahr 2020 154,9 Millionen Euro für externe Berater aus und lag damit an der Spitze aller Bundesressorts. Das Parlament wusste davon nichts Vollständiges, weil das Ministerium bei der Beantwortung parlamentarischer Anfragen Aufträge an Unterauftragnehmer systematisch verschwieg.

Die strukturelle Perversität gefälliger Gutachten

Der volkswirtschaftlich gefährlichste Aspekt des Beratermodells ist nicht die finanzielle Dimension, sondern die epistemische: External beauftragte Gutachten werden systematisch so gestaltet, dass sie die politischen Überzeugungen ihrer Auftraggeber bestätigen, nicht herausfordern. Das ist keine Spekulation, sondern dokumentierter Befund.

Im Fall des Wirtschaftsministeriums unter Reiche zeigten Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace, dass zwischen der Originalfassung des EWI-Energiewende-Monitorings vom August 2025 und der veröffentlichten Fassung vom September 2025 mindestens 28 inhaltliche Änderungen vorgenommen wurden. Kritische Passagen zu den Risiken neuer Gaskraftwerke wurden abgeschwächt, Kosten der Energiewende wurden nach Einschätzung von Fachleuten unzulässig überhöht und Handlungsempfehlungen, die das Institut als notwendig erachtete, erschienen in der ministerialen Version als optional. Das Institut, das das Gutachten erstellte, das EWI an der Universität zu Köln, wurde dabei von einem Konsortium unter Führung der BET Consulting GmbH beauftragt – beides Institutionen mit nachgewiesener Nähe zu den fossilen Energiekonzernen E.ON und RWE. Das Resultat: Die Ministerin, die aus dem E.ON-Konzernumfeld stammt, beauftragt Gutachter aus demselben Konzernumfeld mit einer Analyse, die ihre eigene Politik bestätigt. Auf Kosten des Steuerzahlers.

Der Bundesrechnungshof hat in einem grundsätzlichen Bericht aus dem Jahr 2023 die systemische Logik dieses Problems präzise beschrieben: “Setzt die Bundesregierung externe Beratung ein, treffen staatliche Gemeinwohlbelange und unternehmerische Ertragsorientierung in Kernbereichen der Verwaltung aufeinander. Der Einsatz birgt besondere Gefahren für den Bundeshaushalt und die Verwaltungsintegrität.” Das Beratungsunternehmen optimiert seinen eigenen Fortbestand als Auftragnehmer. Es tut das nicht durch Qualität im wissenschaftlichen Sinne, sondern durch Zufriedenstellung des Kunden. Je angenehmer seine Ergebnisse, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Folgeauftrags. Diese Anreizstruktur ist der Feind unabhängiger Politikberatung.

Die Politik ihrerseits gewinnt aus dem Arrangement ebenfalls. Der Spiegel beschrieb es bereits 2019 treffend: Politiker können als Begründung für ihre Entscheidungen auf den “externen und vermeintlich unabhängigen Sachverstand” verweisen. Das schafft eine rhetorische Schutzzone: Wenn eine Maßnahme scheitert, tragen die Berater die intellektuelle Verantwortung, nicht die Ministerin. Wenn die Maßnahme erfolgreich ist, trägt die Ministerin das politische Kapital. Das Risiko wird externalisiert, der Gewinn internalisiert. Für die beauftragende Politikerin ist das ein rational überlegenes Arrangement – für die Volkswirtschaft ist es eine Katastrophe.

 

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Milliardenrisiko Fehlberatung: Warum externe Gutachten die Wirtschaft teurer machen

Warum das für die Wirtschaft konkret gefährlich ist

Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Konstellation ist nicht abstrakt. Er manifestiert sich in drei unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Kanälen.

Der erste Kanal ist der direkte Fehlallokationskanal

Energiepolitische Entscheidungen, die auf der Grundlage gefälliger Gutachten getroffen werden, lenken Investitionen in falsche Richtungen. Wenn externe Berater aus dem Gaskonzernumfeld dazu beitragen, dass Deutschland langfristige Gaslieferverträge bis 2036 abschließt, anstatt die Erneuerbaren zu beschleunigen, dann binden diese Verträge Kapital und Infrastruktur für mindestens ein Jahrzehnt an eine Technologie, die im internationalen Vergleich teurer ist als heimisch produzierter Ökostrom. Die Energy Watch Group berechnete, dass ein verzögerter Erneuerbaren-Ausbau bis 2045 gegenüber einem auf 2035 beschleunigten Szenario Mehrkosten von 320 Milliarden Euro erzeugt. Diese 320 Milliarden Euro sind nicht abstrakt – sie sind Energiekosten für Unternehmen, die damit ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verlieren, und für Haushalte, die damit weniger Kaufkraft haben.

Der zweite Kanal ist der Regulierungskanal

Eine Wirtschaftsministerin, die aus dem Umfeld fossiler Konzerne kommt und deren wichtigste externe Berater aus demselben Umfeld stammen, produziert Regulierung, die die Interessen dieser Konzerne bevorzugt. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine institutionell vorhersehbare Konsequenz. Wenn die Einspeisevergütung für kleine Photovoltaikanlagen abgeschafft wird, verlieren Mittelstand und Privathaushalte eine Möglichkeit zur Eigenversorgung, während große Energieversorger ihren Kundenstamm absichern. Wenn Vorrangregeln für Wind und Solar in Regionen fallen, sinkt die Rentabilität von Projekten, in die mittelständische Projektierer investiert haben. Die Regulierung verlagert Marktmacht systematisch von dezentralen, kleinteiligen Akteuren zu den etablierten Großkonzernen. Das ist das Gegenteil von Marktwirtschaft.

Der dritte Kanal ist der Kompetenzerodrierungskanal

Wenn Ministerien systematisch eigene Kapazitäten zugunsten externer Berater vernachlässigen, verlieren sie über Zeit die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte eigenständig zu beurteilen. Der Bundesrechnungshof warnte ausdrücklich, dass die staatliche Abhängigkeit von externen Beratern insbesondere in strategisch kritischen Bereichen wie der IT, aber auch in der Energie- und Industriepolitik, dazu führt, dass die öffentliche Hand nicht mehr in der Lage ist, die Qualität der ihr gelieferten Gutachten zu beurteilen. Ein Ministerium, das nicht mehr weiß, ob ein Gutachten gut ist, hat die Kontrolle über seine eigene Politik verloren. Es ist dann nicht mehr der demokratisch gewählte Gesetzgeber, der entscheidet, sondern das Consulting-Unternehmen, das den Auftrag erhalten hat.

Das Drehtürprinzip als systemisches Risiko

Das Drehtür-Phänomen zwischen Politik und Wirtschaft ist älter als die aktuelle Regierung. Aber die Kabinettszusammensetzung unter Friedrich Merz hat ihm eine neue Qualität gegeben. Laut einer Recherche von abgeordnetenwatch.de aus dem Jahr 2025 lassen sich im Kabinett Merz zahlreiche Minister identifizieren, die unmittelbar vor ihrer Berufung als Lobbyisten, Unternehmensberater oder Konzernmanager tätig waren. Das erzeugt eine Regierung, die strukturell aus Vertretern genau jener Interessen zusammengesetzt ist, die sie eigentlich regulieren soll.

Das Grundproblem liegt in dem, was Ökonomen als “Regulatory Capture” bezeichnen: die allmähliche Übernahme einer Regulierungsbehörde durch die Industrie, die sie regulieren soll. Regulatory Capture entsteht nicht durch offene Korruption, sondern durch subtilere Mechanismen: durch geteilte Weltbilder, durch persönliche Vertrautheit, durch die stille Überzeugung, dass das, was gut für die Industrie ist, auch gut für das Land ist. Wenn der Kanzler selbst aus dem Umfeld des weltgrößten Vermögensverwalters kommt und die Wirtschaftsministerin aus dem Umfeld des größten regionalen Energieversorgers, dann ist Regulatory Capture kein theoretisches Risiko, sondern strukturelle Realität.

LobbyControl dokumentierte in seiner Lobby-Akte der Regierung Merz, wie frühere Auftraggeber der jetzigen Regierungsmitglieder über Gesetzgebungsprozesse unmittelbar profitieren können. So verzichtet der Koalitionsvertrag explizit auf ein Verbot der “Ewigkeitschemikalien” PFAS, was der Chemieindustrie direkt zugutekommt, zu der enge Netzwerkverbindungen bestehen. Ein Zufall? Vielleicht. Ein Muster? Definitiv.

Der Widerspruch, der alles zusammenfasst

Hier liegt der fundamentale Widerspruch, der das gesamte System beschreibt: Merz und Reiche positionieren sich öffentlich als Anwälte der Wirtschaft. Reiche spricht von Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Merz betont die Notwendigkeit, Deutschland als Wirtschaftsstandort zu stärken. Beide verstehen sich als pragmatische Realisten, die nach den ideologischen Jahren der Ampelkoalition endlich wieder auf die Bedürfnisse der Unternehmen hören.

Aber was bedeutet das in der Praxis? Versorgungssicherheit durch Gasverträge bis 2036, die Deutschland erneut in geopolitische Abhängigkeit treiben und die Energiekosten langfristig erhöhen. Bezahlbarkeit durch den Abbau von Einspeisevergütungen, die dezentrale Erneuerbaren-Investitionen angetrieben haben und die Abhängigkeit von teuren Großkonzernen verringert hätten. Industrielle Wettbewerbsfähigkeit durch einen Industriestrompreis, der so dimensioniert ist, dass Fachleute ihn als “homöopathisch” bezeichnen. Und eine externe Beraterpraxis, die Steuermillionen in Consulting-Unternehmen pumpt, die für ihre Empfehlungen keine Verantwortung tragen müssen, deren Empfehlungen aber milliardenschwere Investitionsentscheidungen prägen.

Der Widerspruch ist nicht, dass Merz und Reiche der Wirtschaft schaden wollen. Der Widerspruch ist, dass sie einem bestimmten Segment der Wirtschaft nützen, jenem, aus dem sie kommen und mit dem sie verbunden sind, während sie gleichzeitig vorgeben, für die gesamte Volkswirtschaft zu handeln. Die Wirtschaft, für die sie handeln, ist die Wirtschaft der Großkonzerne, der Finanzinvestoren und der fossilen Infrastrukturbetreiber. Die Wirtschaft, die davon ausgeschlossen bleibt, ist die der Mittelständler, der Bürgerenergiegenossenschaften, der Solarpioniere, der Startups in der Speichertechnologie und der Millionen von Haushalten, die als Prosumenten zum Gelingen der Energiewende beitragen könnten, wenn man ihnen die regulatorischen Voraussetzungen ließe.

Verantwortungslosigkeit als Geschäftsmodell

Ein besonders destruktiver Aspekt des Berater-Politikers-Komplexes ist die vollständige Auflösung von Verantwortlichkeit. In einem funktionierenden demokratischen System trägt der Minister die politische Verantwortung für seine Entscheidungen. Er kann vom Parlament befragt, durch Misstrauensvoten abgesetzt und von der Öffentlichkeit beurteilt werden. Externe Berater unterliegen keiner dieser Kontrollen.

Der Bundesrechnungshof hat dies in seinem Bericht 2023 explizit als Problem benannt: Die parlamentarische Kontrolle der Beratungsleistungen ist nicht gewährleistet, weil viele Aufträge aus der Berichtspflicht fallen oder intransparent verbucht werden. Der Rechnungshof sprach in einem früheren Bericht von einem “erschreckenden Bild der Vergabepraxis”. Ein Ministerium zahlte 17.200 Euro dafür, dass ein externer Berater eine Ausschusssitzung protokollierte – eine Aufgabe, die jeder Referent hätte übernehmen können. Ein anderes zahlte 5.900 Euro für die Beantwortung einer einzigen Parlamentsanfrage. Das sind keine Einzelfälle, sondern Symptome einer systemischen Praxis.

Was folgt daraus? Das Modell des netzwerkpolitischen Managers, der ein komplexes Ressort ohne tiefe Fachkompetenz führt und die fehlende Kompetenz durch externe Berater aus dem eigenen Netzwerk ersetzt, ist nicht nur demokratietheoretisch problematisch. Es ist volkswirtschaftlich schädlich, weil es zu systematischen Fehlentscheidungen führt, die in ihrer Summe Milliarden kosten, und weil es die staatliche Handlungsfähigkeit langfristig aushöhlt. Ein Staat, der nicht mehr weiß, was er selbst weiß, und der seine Kernaufgaben in private Hände delegiert hat, verliert über Jahrzehnte die Fähigkeit, eigenständig zu regieren.

Der Politikwissenschaftler und Lobbyismusexperte Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende formulierte es bei der Rückkehr von Merz in die Politik so: Die entscheidende Frage sei, für welche Art von wirtschaftlichem Handeln dieser stehe – für eine Leistungserbringung im öffentlichen Interesse oder für eine, in der “getrickst und gemauschelt wird”. Diese Frage ist nicht persönlich gemeint. Sie ist strukturell. Und die Struktur der aktuellen Regierung gibt eine eindeutige Antwort.

Was eine echte Lösung erfordern würde

Die Gegenbewegung zu diesem System ist nicht schwer zu beschreiben, aber politisch unbequem. Sie würde erstens eine konsequente Karenzzeit von mindestens fünf Jahren erfordern, in der Politiker nach dem Ausscheiden aus dem Amt keine Tätigkeiten in Branchen aufnehmen dürfen, die sie reguliert haben. Deutschland hat eine solche Karenzzeit formal seit 2015, aber sie ist zu kurz, ihre Durchsetzung zu zaghaft und ihre Wirkung entsprechend begrenzt. Zweitens würde sie einen substanziellen Aufbau eigener staatlicher Fachkapazitäten erfordern, anstatt externe Berater zu beauftragen. Der Bundesrechnungshof fordert dies seit Jahren. Drittens würde sie ein konsequentes Lobbyregister mit vollständiger Transparenzpflicht erfordern, das nicht nur formale Registrierungen umfasst, sondern alle inhaltlichen Einflussnahmen auf Gesetze und Verordnungen dokumentiert.

Solche Maßnahmen werden von Politikern wie Merz und Reiche nicht ernsthaft vorangetrieben werden, weil sie das System beschädigen würden, aus dem ihre eigene Macht erwächst. Das ist kein Vorwurf an ihre Moral. Es ist eine strukturelle Beschreibung ihrer institutionellen Lage. Systeme erhalten sich selbst. Und das System des netzwerkpolitischen Managers mit externem Beratungsarm ist bisher widerstandsfähiger als alle parlamentarischen Forderungen nach Veränderung.

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