Die gespaltene Republik: Was lesen die Wähler in Deutschland? Wie informieren sie sich?
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 1. September 2026 / Update vom: 1. September 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Die gespaltene Republik: Was lesen die Wähler in Deutschland? Wie informieren sie sich? – Bild: Xpert.Digital
Von Tagesschau bis Telegram: Das sind die wahren „Hausmedien“ der deutschen Parteien
Algorithmen im Wahlkampf: Wer auf Social Media gewinnt – und wer unsichtbar bleibt
Die deutsche Medienlandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel und zeigt deutliche Risse. Wer in Deutschland sein Kreuz bei welcher Partei macht, entscheidet zunehmend auch darüber, in welcher Informationswelt er sich bewegt. Aktuelle Erhebungen – vom Info-Monitor 2025 der Medienanstalten über YouGov- und INSA-Daten bis hin zur Journalismusstudie der TU Dortmund – belegen eine drastische Fragmentierung. Anstelle eines einheitlichen Leitmediums, das die gesamte Gesellschaft erreicht, existieren mittlerweile parallele mediale Realitäten.
Besonders gravierend zeigt sich diese Polarisierung an den entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums: Während Anhänger von Grünen und SPD fast uneingeschränkt auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie auf etablierte Mainstream-Medien vertrauen, wenden sich AfD-Wähler massiv von diesen Quellen ab. Sie formieren sich in einem eigenen Ökosystem, das von sozialen Netzwerken (insbesondere TikTok, Telegram und YouTube) sowie von „alternativen“, rechten Plattformen geprägt ist. Dazwischen bewegen sich die Wähler von Union und FDP, die zwar ein hohes Grundvertrauen in traditionelle Medien aufweisen, jedoch eine deutlich stärkere Affinität zu bürgerlich-konservativen Titeln haben. Verschärft wird diese Spaltung durch die Algorithmen der sozialen Netzwerke, die im Wahlkampf gezielt bestimmte parteipolitische Inhalte priorisieren.
Der folgende Artikel schlüsselt detailliert auf, welche Parteianhänger wo ihre Nachrichten konsumieren, wie es um das Vertrauen in den Journalismus steht und welche Quellen Politiker selbst am häufigsten teilen.
Gesamteinordnung: Fragmentierte Medienlandschaft nach Parteilagern
Die deutsche Medienlandschaft ist politisch stark fragmentiert; es gibt keine einheitliche „Wählermedienwelt“, sondern zwei bis drei parallele Informationsräume. Dies ist besonders sichtbar zwischen Grünen und SPD einerseits und der AfD andererseits, während CDU/CSU, FDP und Linke dazwischen liegen, aber jeweils eigene Schwerpunkte setzen. Diese Muster stammen vor allem aus dem Info-Monitor 2025 der Medienanstalten, YouGov-Daten zum Wahlkampf 2025, INSA-Erhebungen, der TU-Dortmund-Journalismusstudie und Analysen geteilter Medien durch Bundestagsabgeordnete. Sie beschreiben Anhänger bzw. potenzielle Wähler, nicht jedes einzelne Parteimitglied.
Wahlprofile und Kernthemen der Lager
| Partei | Typisches Wählerprofil | Zentrale Themen |
|---|---|---|
| Grüne | Jünger bis mittelalt, urban, formale Bildung, West, überdurchschnittlich Frauen | Klima, gesellschaftliche Liberalität, Europa |
| SPD | Älter, öffentlich Bedienstete, Gewerkschaftsmilieu, etwas stärker West | Sozialstaat, Arbeit, Stabilität |
| CDU | Älter, suburban/ländlich, Mittelstand, konfessionell geprägt | Wirtschaft, Sicherheit, Ordnung |
| CSU | Wie CDU, aber Bayern-spezifisch, etwas konservativer | Bayern-Identität + Unionsthemen |
| Linke | Ost + urbane Linke, jüngere Protestwähler, akademisches Milieu links | Soziale Gerechtigkeit, Frieden, Mieten |
| FDP | Höheres Einkommen, Selbstständige, wirtschaftsliberal | Steuern, Bürokratieabbau, Markt |
| AfD | Überproportional Ost, Männer, mittlere Bildung, Protest | Migration, „Systemkritik“, Sicherheit |
Das große Muster: ÖRR vs. Plattformen vs. „alternative“ Medien
Drei Befunde ziehen sich durch fast alle Studien: Öffentlich-Rechtliche (Tagesschau, ZDF heute, DLF) bleiben die Leitquelle der Mitte und der Linken, mit Vertrauenswerten von 99 % bei Grünen, 93 % bei SPD, 96 % bei CDU/CSU, aber nur 28 % bei der AfD. AfD-affine Personen nutzen gezielt Suchmaschinen, YouTube, Telegram, X, TikTok und alternative Medien wie Nius, Tichys Einblick, Junge Freiheit und Reitschuster. Das Vertrauen in alternative Medien liegt bei der AfD bei 48 %, gegenüber nur 4 % bei Grünen und 7 % bei CDU/CSU. Klassische Qualitätszeitungen wie SZ, FAZ, Zeit und Spiegel bleiben relevant, sind aber parteilich sortiert, während der Boulevard (Bild) und Springer-Titel (Welt) bei Union und AfD präsenter sind als bei den Grünen.
Eine INSA-Erhebung bestätigt dieses Bild eindrücklich: 67 % der Grünen-Wähler informieren sich hauptsächlich über öffentlich-rechtliche Medien, 0 % über alternative Medien. Bei AfD-Wählern sind soziale oder alternative Medien für 49 % die Hauptquelle, der ÖRR nur für 27 %. Die YouGov-Daten zum Wahlkampf 2025 zeigen ein ähnliches Muster bei der TV-Nutzung als Politikquelle: SPD 82 %, Union 76 %, Grüne 61 %, AfD nur 48 %. Bei sozialen Medien liegt die AfD mit 44 % vorn, gefolgt von Grünen mit 38 %, während Union (23 %) und SPD (20 %) deutlich zurückbleiben. X, TikTok und Telegram sind bei AfD-Wählern klar überrepräsentiert, bei den anderen Lagern fast unsichtbar.
Die Journalismusstudie der TU Dortmund (in Kooperation mit Forsa) untermauert diesen Befund zusätzlich: Während Menschen, die SPD, CDU und Grünen nahestehen, zu einem hohen Anteil öffentlich-rechtliche Medien nutzen, ist unter AfD-Anhängern der Anteil derer, die alternative Nachrichtenseiten und Messenger-Gruppenchats nutzen, besonders groß. Laut einer Folgeerhebung nutzen 40 % der AfD-Anhänger „alternative Nachrichtenseiten abseits des Mainstreams“ – wesentlich mehr als alle anderen Gruppen. Nur 7 % der AfD-Anhänger halten den Journalismus in Deutschland generell für glaubwürdig, gegenüber 80 % bei den Grünen. Interessant ist zudem die wahrgenommene politische Schlagseite: Fast die Hälfte der AfD-Anhänger (47 %) sieht eine Nähe des Journalismus zu den Grünen (bei CDU-nahen Befragten sind es 25 %), während Grünen- und SPD-Anhänger den Journalismus umgekehrt eher als konservativ und CDU-nah wahrnehmen.
Partei für Partei: Top-Online-Quellen im Detail
Grüne
Kernmedien sind Tagesschau / tagesschau.de, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, Tagesspiegel und Deutschlandfunk. Die taz ist ein klarer Kern des linken/grünen Milieus; Befragungen der taz-Leserschaft zeigen seit Jahren, dass rund zwei Drittel der Stammleser grün wählen. Online zeigt sich eine sehr hohe Affinität zu Instagram, LinkedIn, Signal und Spotify, aber wenig zu Facebook und TikTok. Bundestagsabgeordnete der Grünen teilen überproportional Spiegel, Zeit, Tagesspiegel und Tagesschau, während alternative rechte Medien praktisch keine Rolle spielen.
SPD
Kernmedien sind Tagesschau, regionale Tageszeitungen, Spiegel und ARD-Magazine; das Fernsehen bleibt mit 82 % laut YouGov die wichtigste Politikquelle. Online stehen Nachrichten-Websites und Apps vor sozialen Netzwerken. Facebook wird etwas stärker genutzt als bei Grünen, liegt aber weit hinter der AfD; die Nutzung alternativer Medien liegt unter 10 %.
CDU
Kernmedien sind regionale Zeitungen, FAZ, Welt, Bild sowie ZDF/ARD. Es besteht deutlich mehr Vertrauen in etablierte Marken als bei der AfD, aber eine größere Offenheit für Springer-Titel als bei Rot-Grün. Bundestagsabgeordnete der Union teilen häufig Bild und Welt. Facebook ist relevanter als bei Grünen/Linken, während alternative rechte Portale nur eine Randerscheinung bleiben.
CSU
Ähnlich der CDU mit bayerischem Einschlag. Die Süddeutsche wird gelesen, oft aber kritisch betrachtet; lokale Titel wie Merkur und AZ sowie Bild/Welt sind präsent. Das Informationsverhalten bleibt insgesamt unionsnah mit dem ÖRR plus regionalen und Springer-Medien.
Linke
Kernmedien sind taz, junge Welt, nd (Neues Deutschland), Spiegel und teilweise NachDenkSeiten. Der ÖRR wird noch genutzt, alternative linke Seiten jedoch stärker als bei SPD/Grünen. Online zeigt sich eine größere Nähe zu Instagram als zu Facebook, TikTok wird von einem Teil der jüngeren Anhänger genutzt (ähnlich wie bei der AfD, aber mit anderen Inhalten). X wird eher gemieden und Telegram weniger genutzt als bei der AfD.
FDP
Kernmedien sind FAZ, Handelsblatt, Welt, ntv und teilweise Bild. X wird überdurchschnittlich genutzt (die FDP ist zusammen mit der AfD das Lager, das X politisch am stärksten nutzt), ergänzt durch LinkedIn und wirtschaftsnahe Portale. Bundestagsabgeordnete der FDP teilen Handelsblatt und FAZ überproportional.
AfD
Kernmedien sind Nius, Tichys Einblick, Junge Freiheit, Compact (soweit erreichbar), einschlägige YouTube-Kanäle, Telegram-Kanäle und X. Der größte Bruch zu allen anderen Lagern liegt in der gezielten Information über YouTube, WhatsApp, Facebook, X, Telegram und TikTok bei extrem niedriger ÖRR-Nutzung und entsprechend geringem Vertrauen. Bundestagsabgeordnete der AfD verlinken überproportional Nius und Junge Freiheit – oft häufiger als klassische Leitmedien –, während Bild und Welt zwar geteilt werden, Spiegel und Zeit aber kaum vorkommen.
Bild, Welt, taz, Spiegel im Vergleich: Stärken und Vertrauen nach Lager
| Medium | Stärkstes Lager | Schwächstes Lager | Rolle |
|---|---|---|---|
| Tagesschau/ARD | Grüne, SPD, Union | AfD | Reichweitenstärkstes und vertrauenswürdigstes Angebot insgesamt |
| Spiegel | Grüne, SPD, Linke | AfD, Teile der Union | Klassisches rot-grünes Leitmedium, von SPD/Grünen-MdBs am meisten geteilt |
| taz | Grüne, Linke | Union, FDP, AfD | Milieumedium, kein Massenblatt, klar grün-linke Leserschaft |
| Zeit/SZ | Grüne, SPD, akademische Mitte | AfD | Qualitäts- und Debattenmedien der urbanen Linksliberalen |
| FAZ / Handelsblatt | CDU, FDP | Grüne, Linke | Bürgerlich-wirtschaftsliberal |
| Welt | CDU, FDP, AfD | Grüne | Konservativ-liberaler Springer-Titel |
| Bild | Union, AfD, Teile SPD | Grüne, Linke | Reichweitenkönig, Agenda-Setter, aber geringes Vertrauen bei Linken/Grünen |
| Nius/Tichy/JF | AfD | Alle anderen | Alternatives rechtes Online-Ökosystem |
Wichtig ist dabei: Reichweite und Vertrauen fallen oft auseinander. Die Bild hat eine enorme Reichweite und wird oft zitiert, gilt aber in rot-grünen Milieus als unseriös, während die Tagesschau bei nahezu allen Lagern außer der AfD beides vereint. Studien zur Verlinkung durch Politiker (nicht durch Wähler selbst) bestätigen diese Sortierung: Grüne und SPD verlinken vor allem Spiegel, Zeit und Tagesschau; Union, FDP und AfD eher Bild und Welt; die AfD zusätzlich Nius und Junge Freiheit.
Soziale Medien als Trennlinie zwischen den Lagern
| Plattform | Überrepräsentiert bei | Unterrepräsentiert bei |
|---|---|---|
| YouTube | AfD | Grüne |
| Telegram | AfD | Grüne, SPD |
| X (Twitter) | AfD, FDP | Grüne, SPD, Linke |
| TikTok | AfD, Teile Linke (jung) | Union, SPD |
| AfD, ältere Union | Grüne, Linke | |
| Grüne, jüngere Linke/SPD | AfD (relativ) | |
| Bluesky / Signal | Grüne, Linke | AfD |
Algorithmen verstärken diesen Effekt zusätzlich: Analysen zum Wahlkampf 2025 zeigten, dass AfD- und Linken-Inhalte auf TikTok, X und YouTube überproportional ausgespielt wurden, während SPD und CDU/CSU in den Feeds deutlich an Sichtbarkeit verloren.
Zusammenfassende Einordnung
Es gibt kein einheitliches „deutsches Leitmedium“ mehr für alle Wähler. Die Tagesschau kommt dem noch am nächsten, scheitert aber an der AfD-Wählerschaft. Bild und Welt sind keine Grünen- oder SPD-Medien, sondern Anschlussmedien für Union und AfD, während die taz kein Massenmedium der SPD, sondern das Kernmedium von Grünen und Linken ist. Der Spiegel bleibt das wichtigste überregionale Online-Leitmedium der Mitte-links-Seite. Die schärfste Kluft verläuft heute nicht zwischen CDU und SPD, sondern zwischen ÖRR-Vertrauenden (Grüne, SPD, große Teile der Union) und ÖRR-Ablehnenden (AfD, Teile BSW) – mit einem Gesamtvertrauen in etablierte Medien von 85 % bei den Grünen, 78 % bei der SPD, 68 % bei der Union, aber nur noch 16 % bei der AfD.
Einschränkend gilt: Fast alle Zahlen messen Parteineigung oder Wahlabsicht, nicht die tägliche Lesezeit jedes Einzelnen, und innerhalb jeder Partei gibt es Überschneidungen. Die Dominanz der Quellen und vor allem das entgegengebrachte Vertrauen unterscheiden sich jedoch sehr klar zwischen den Lagern.
Was Wähler in Deutschland wählen
Bei einer Bundestagswahl stimmen die Wahlberechtigten mit Erststimme (Direktkandidat) und Zweitstimme (Parteiliste) ab, Letztere entscheidet über die Sitzverteilung im Bundestag. Die relevanten Parteien lassen sich politisch verorten: Grüne und Die Linke stehen links der Mitte (ökologisch bzw. sozialistisch), die SPD für Sozialdemokratie, CDU/CSU für eine christlich-konservative Politik der Mitte-rechts, die FDP für Wirtschaftsliberalismus und die AfD für rechtspopulistische bis rechtsnationale Positionen.
Erweiterte Übersicht: Wöchentliche Nutzung von Online-Nachrichtenportalen nach Partei
Die folgende Tabelle basiert auf der repräsentativen Reset/pollytix-Studie (wahlberechtigte Internetnutzer, wöchentliche Nutzung):
| Online-Quelle | Alle | SPD | CDU/CSU | Grüne | FDP | AfD | Linke |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| tagesschau.de | 39 % | 45 % | 46 % | 54 % | 41 % | 28 % | 40 % |
| Spiegel Online | 22 % | 25 % | 19 % | 34 % | 31 % | 16 % | 27 % |
| Focus Online | 20 % | 20 % | 21 % | 19 % | 30 % | 21 % | 21 % |
| Bild.de | 19 % | 20 % | 20 % | 11 % | 23 % | 28 % | 14 % |
| Welt Online | 15 % | 15 % | 14 % | 15 % | 21 % | 18 % | 14 % |
| RT Deutsch | 4 % | 3 % | 2 % | 3 % | 3 % | 12 % | 4 % |
| Epoch Times | 1 % | 1 % | 1 % | 1 % | 2 % | 4 % | 1 % |
Ergänzend zeigt eine domänenbasierte Tracking-Studie (Stier et al., N=1.347, tatsächliche Browserdaten) die insgesamt meistbesuchten Nachrichtendomains: bild.de (513.434 Sessions), zdf.de (151.890), spiegel.de (149.309), welt.de (93.384), focus.de (90.920), ardmediathek.de (68.061), ntv.de (58.528), express.de (55.875), stern.de (50.917) und daserste.de (39.850).
Nius, Bild, FAZ, Welt, Spiegel und Tagesschau: Wer teilt was?
Eine Analyse geteilter Medienlinks von Bundestagsabgeordneten auf X zeigt: AfD-Abgeordnete teilen kein anderes Medium so häufig wie Nius – das 2023 von Julian Reichelt gegründete rechtskonservative Portal mit über 265 Millionen YouTube-Views. Unions-Abgeordnete teilen am häufigsten Bild, gefolgt von FAZ und Welt; bei der FDP führen ebenfalls FAZ und Welt. Bei SPD und Grünen dominieren Spiegel und tagesschau.de. Nius thematisiert die Grünen mit weitem Abstand am häufigsten (über 300 Erwähnungen; Robert Habeck allein 198-mal).
Zeit Online, Frankfurter Rundschau und weitere Qualitätsmedien
Zeit Online und Frankfurter Rundschau tauchen in großen quantitativen Massenbefragungen nicht als separate Kategorie auf, lassen sich aber Grünen/SPD-nahen bzw. linksliberalen Zielgruppen zuordnen. Die Frankfurter Rundschau erreicht wegen ihrer begrenzten Gesamtreichweite in Repräsentativbefragungen keine signifikanten Fallzahlen, ähnlich wie die taz.
Social-Media-Reichweite im Wahlkampf 2025
Bei jungen Nutzern (21–25 Jahre) erschien das erste AfD-bezogene TikTok-Video bereits nach 11–12 Minuten, ein SPD-Video erst nach rund 70 Minuten. Von allen parteipolitischen TikTok-Inhalten hatten 50 % einen AfD-Bezug, aber nur 15 % einen CDU/CSU-Bezug. Die AfD postete mit 555 Videos die größte Content-Menge aller Parteien im Untersuchungszeitraum vor der Bundestagswahl.
Vertrauen, Misstrauen und „Filterblasen“-Effekt
Nicht- und AfD-Wähler konsumieren die geringste Anzahl unterschiedlicher Nachrichtenquellen und zeigen die höchsten Werte bei autoritären Einstellungen. Wer sich ausschließlich online informiert, wählt deutlich häufiger die AfD oder geht gar nicht wählen. Das Misstrauen gegenüber etablierten Medien ist unter AfD-Anhängern und in Ostdeutschland besonders ausgeprägt.
Weitere rechte / AfD-nahe alternative Medien
Apollo News
(2018 gegründet) gilt als wachsender Nius-Konkurrent und war laut CeMAS zeitweise das meistgeteilte Alternativmedium auf Telegram. Tichys Einblick und die Achse des Guten zählen zu den publizistischen Vorläufern, während AUF1, Reitschuster.de und Report24.news über Telegram enorme Reichweiten erzielen. Etablierte Publikationen der „Neuen Rechten“ wie Junge Freiheit, Compact und Sezession gelten teils als quasi-Wahlkampforgane der AfD; Compact wurde 2024 zeitweise verboten. Weitere relevante Angebote sind Kontrafunk, Deutschlandkurier, Die Freie Welt, Journalistenwatch, Ansage.org, Unzensuriert.at, Wochenblick.at, NachDenkSeiten, Multipolar, Free21 und Exxpress.at.
Weitere linke/linksalternative Medien
Neues Deutschland (nd)
(Seit 2022 eine Genossenschaft) steht historisch der Linkspartei nahe. Die junge Welt ist eine marxistisch orientierte Tageszeitung links der Linkspartei und feierte 2026 ihr 70-jähriges Bestehen. Der Freitag (im Besitz von Jakob Augstein) und die Jungle World ergänzen dieses Spektrum. Hinzu kommen Telepolis, Correctiv.org, Belltower News, Blätter für deutsche und internationale Politik sowie die deutsche Ausgabe von Jacobin.
Zusammenfassende Übersichtstabelle: Top-Quellen je Partei
| Partei | Top-Online-Nachrichtenportale | Meistgeteiltes Medium (X/Twitter) | Bevorzugte Social-Media-Kanäle |
|---|---|---|---|
| Grüne | tagesschau.de, Spiegel Online, Zeit Online, taz | Spiegel, tagesschau.de | LinkedIn, Instagram, Signal |
| SPD | tagesschau.de, Spiegel Online, Focus Online | Spiegel, tagesschau.de | WhatsApp, Facebook, Telegram |
| CDU | tagesschau.de, Focus Online, Bild.de, FAZ, Welt | Bild, FAZ, Welt | WhatsApp, Facebook, LinkedIn |
| CSU | Süddeutsche, Merkur, AZ, Bild, Welt | Bild, Welt | Facebook, WhatsApp |
| FDP | Spiegel Online, FAZ, Handelsblatt, Welt Online | FAZ, Welt | X, LinkedIn |
| Linke | tagesschau.de, taz, junge Welt, nd, Spiegel | Spiegel | Instagram, TikTok |
| AfD | Bild.de, Nius, Tichys Einblick, Junge Freiheit | Nius, Junge Freiheit | Facebook, YouTube, Telegram, X, TikTok |
Von Boulevard bis Parteibindung: Neue Muster in der Online-Mediennutzung deutscher Wähler
Bild.de bleibt bei AfD-Wählern eine reichweitenstarke, klassische Online-Quelle, doch Nius und die Junge Freiheit haben sich zu zentralen, parteipolitisch besonders eng mit der AfD verzahnten Medienangeboten entwickelt. Welt und FAZ sind eher bei CDU/CSU und FDP verbreitet; Zeit Online, Spiegel und taz bei SPD, Grünen und Linken. Nischenmedien wie die Frankfurter Rundschau, nd und junge Welt bleiben trotz inhaltlicher Relevanz in großen Reichweitenstudien statistisch kaum sichtbar.














