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Wenn das Kapital die Koffer packt: 8,7 Milliarden-Flucht nach China – Warum sich Investitionen in Deutschland kaum noch lohnen

Wenn das Kapital die Koffer packt: 8,7 Milliarden-Flucht nach China – Warum sich Investitionen in Deutschland kaum noch lohnen

Wenn das Kapital die Koffer packt: 8,7 Milliarden-Flucht nach China – Warum sich Investitionen in Deutschland kaum noch lohnen – Bild: Xpert.Digital

Energie, Bürokratie, Steuern: Warum Deutschlands Industrie-Riesen abwandern

Warnsignal für den Standort: Warum sich Investitionen in Deutschland kaum noch lohnen

Fast neun Milliarden Euro fließen in ein neues Mega-Werk in Südchina – termingerecht fertiggestellt und deutlich unter Budget. Zur gleichen Zeit streicht der Chemiegigant BASF in Deutschland tausende Stellen und schließt Anlagen. Dieser krasse Kontrast ist weit mehr als nur eine unternehmerische Einzelentscheidung des weltgrößten Chemiekonzerns. Er wirkt wie ein Brennglas, das die akute Investitionskrise des Industriestandorts Deutschland schonungslos offenlegt. Während in Asien mit massiver staatlicher Unterstützung neue Wachstumsmärkte erschlossen werden, ersticken heimische Unternehmen an horrenden Energiepreisen, lähmender Bürokratie, einer hohen Steuerlast und einem sich rasant verschärfenden Fachkräftemangel. Doch ist der Abgesang auf „Made in Germany“ bereits besiegelt, oder kann die Politik das Ruder noch herumreißen? Eine tiefgehende Analyse über die Flucht des Kapitals, unterschätzte deutsche Stärken und die Frage, was sich jetzt zwingend ändern muss.

Deutschland als Industriestandort: Erfolgsmodell in der Krise

Deutschlands Investitionskrise am Beispiel BASF

Fast neun Milliarden Euro – das ist eine Summe, bei der selbst hartgesottene Volkswirte kurz innehalten. Am 26. März 2026 weihte BASF in Zhanjiang, Provinz Guangdong im Süden Chinas, seinen neuen Verbundstandort offiziell ein. Mit einer Investitionssumme von rund 8,7 Milliarden Euro ist es das größte Einzelprojekt in der Geschichte des weltgrößten Chemiekonzerns – termingerecht und deutlich unter dem ursprünglich veranschlagten Budget fertiggestellt. Während in Zhanjiang Fanfaren ertönen und chinesische Regierungsvertreter die Bedeutung der ausländischen Investition feiern, stellt sich in Deutschland eine unbequeme Frage: Wann hat eigentlich zuletzt ein Unternehmen eine vergleichbare Summe in einen einzigen deutschen Standort investiert? Die ehrliche Antwort lautet: seit Langem nicht mehr.

Der neue Riese im Süden Chinas: Was in Zhanjiang entstand

Das Werk in Zhanjiang ist kein gewöhnliches Chemiewerk. Auf einer Fläche von rund vier Quadratkilometern hat BASF nach dem bewährten Verbundprinzip eine vollständig integrierte Produktionskette aufgebaut – vom Basischemikalienstrom bis zu Spezialchemikalien für Transport, Konsumgüter, Elektronik und Körperpflege. Mehr als 2.000 Mitarbeitende produzieren inzwischen über 70 Produkte in 18 hochgefahrenen Anlagen und 32 Produktionslinien. Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil liefert das Verbundkonzept: Abwärme, Nebenprodukte und Stoffströme werden systematisch zwischen den Anlagen ausgetauscht, was die Energieeffizienz dramatisch erhöht und Kosten senkt. Dazu kommt ein Alleinstellungsmerkmal, das in China historisch kaum möglich war: Das Werk gehört vollständig BASF, anders als der bestehende Joint-Venture-Standort in Nanjing, der gemeinsam mit dem chinesischen Staatskonzern Sinopec betrieben wird. Zudem wird der gesamte Standort zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom versorgt und gilt damit nach eigener Aussage als Vorbild für klimafreundliche Chemieproduktion.

Warum China? Die Logik hinter der Entscheidung

Die Entscheidung für China war strategisch und marktgetrieben, nicht ideologisch. Gemäß einer Einschätzung von BASF selbst wuchs Chinas Chemiemarkt im Jahr 2024 um 6,8 Prozent, während das Wachstum im Rest der Welt bei lediglich 1,1 Prozent lag. BASF-Chef Markus Kamieth beschrieb China Mitte 2025 als einzigen Markt mit signifikantem Wachstum in der gesamten Chemieindustrie. In China erwirtschaftet BASF bereits rund 14 Prozent seines weltweiten Umsatzes, Tendenz steigend. Die strategische Logik dahinter nennt sich „local-for-local“: Produkte, die in China für chinesische Kunden hergestellt werden, um Transport-, Zoll- und Logistikkosten zu vermeiden und nah am Wachstumsmarkt zu sein. Der chinesische Staat hat diese Investition aktiv gefördert – mit Flächenbereitstellung, günstigen Hafen- und Logistikanbindungen sowie einem regulatorischen Umfeld, das auf schnelle Umsetzung ausgerichtet war. Das Projekt wurde ohne die in Deutschland üblichen Verzögerungen und Kostenexplosionen fertiggestellt – ein Punkt, der in der deutschen Wirtschaftspresse mit einer Mischung aus Bewunderung und Bitterkeit registriert wurde.

Gleichzeitig: Was BASF in Deutschland tut – und was es lässt

Während in Zhanjiang investiert wird, schrumpft BASF in Deutschland. Im Jahr 2024 kündigte der Konzern die Schließung seiner Produktionsstandorte für den Herbizid-Wirkstoff Glufosinat-Ammonium in Knapsack bei Köln und im Frankfurter Stadtteil Höchst an – etwa 300 Stellen wurden gestrichen. Bereits ab Februar 2023 hatte BASF mehrere energieintensive Chemieanlagen in Ludwigshafen geschlossen, darunter eine für Ammoniak und das Kunststoffvorprodukt TDI, als direkte Reaktion auf die explodierenden Energiepreise. Im Geschäftsjahr 2025 sank der BASF-Konzernumsatz auf 59,7 Milliarden Euro – ein Rückgang von knapp drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das operative Ergebnis fiel um rund zehn Prozent auf 6,6 Milliarden Euro. Das Sparprogramm übertraf sogar die eigenen Ziele: Bis Ende 2025 wurden Einsparungen von 1,7 Milliarden Euro jährlich erreicht, 100 Millionen Euro mehr als geplant – weltweit wurden rund 4.800 Stellen abgebaut. Das Stammwerk Ludwigshafen steht dabei im Zentrum des Umbaus, auch wenn eine neue Standortvereinbarung bis Ende 2028 betriebsbedingte Kündigungen ausschließt und jährliche Investitionen von rund zwei Milliarden Euro vorsieht.

 

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Vom Boom zur Abwanderung: Wie hohe Kosten und Bürokratie Investitionen ersticken

Der erste Strukturbruch: Energie als Standortfaktor Nummer eins

Kein anderer Kostenfaktor hat den Standort Deutschland so beschädigt wie der Energiepreis. Im Jahr 2024 lag der durchschnittliche Industriestrompreis in Deutschland bei rund 14 Cent je Kilowattstunde – über dem EU-27-Durchschnitt von zwölf Cent. Frankreich zahlte im gleichen Zeitraum durchschnittlich acht Cent, Spanien neun Cent, Norwegen gar nur fünf Cent. Noch gravierender ist der Abstand zu den wichtigsten globalen Wettbewerbern: China und die USA lagen beide bei etwa acht Cent pro Kilowattstunde. Laut dem Thinktank Bruegel lagen die industriellen Stromtarife in der EU im Jahr 2023 um 158 Prozent über dem Niveau der USA – ein unmittelbares Ergebnis der Energiekrise von 2022 und des Wegfalls russischer Gasimporte. Beim Erdgas, dem zentralen Rohstoff für die chemische Industrie, zahlten europäische Industriekunden in den Jahren 2022 und 2023 fünf- bis sechsmal so viel wie ihre amerikanischen Konkurrenten. Für energieintensive Branchen wie die Chemie bedeutet dieser Preisabstand den Unterschied zwischen profitabler und defizitärer Produktion. BASF hat dies explizit als Hauptmotiv für die Schließung mehrerer Ludwigshafener Anlagen benannt. Die VBW-beauftragte FfE-Studie kommt zu dem ernüchternden Schluss: Eine Trendumkehr bei den deutschen Industriestrompreisen ist derzeit nicht in Sicht.

Der zweite Strukturbruch: Bürokratie und Genehmigungsdschungel als Investitionsbremse

Hohe Energiepreise allein erklären den deutschen Investitionsstau nicht vollständig. Ebenso lähmend wirkt das nationale Regulierungs- und Genehmigungssystem. Eine systematische BDI-Auswertung von über 250 immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren aus 27 Branchen über fünf Jahre ergab, dass Planungs- und Genehmigungsverfahren in Deutschland im Schnitt ein halbes Jahr länger dauern als vom Gesetzgeber vorgesehen. Bei vereinfachten Verfahren, für die das Gesetz drei Monate vorsieht, vergehen in der Realität durchschnittlich neun Monate. Für eine vollständige Antragsbearbeitung bis zur Vollständigkeitserklärung der Behörde vergehen im Schnitt bereits elf Monate – bei rund jedem neunten Unternehmen sogar zwei Jahre und länger. Erschwerend kommt hinzu: Unternehmen müssen heute fünf bis zehn Gutachten pro Verfahren einreichen, vor 20 Jahren waren es lediglich zwei. Mehr als 70 Prozent der vom ifo Institut befragten Ökonomen nennen Bürokratie als das größte einzelne Hemmnis für in- und ausländische Investitionen in Deutschland. Zum Vergleich: In China entschied die Provinzregierung von Guangdong aktiv mit, in Zhanjiang eine chemische Industriezone zu errichten – und unterstützte BASF dabei mit Infrastruktur, Logistik und vereinfachten Verfahren, statt das Projekt durch bürokratische Nadelöhre zu treiben.

Der dritte Strukturbruch: Steuerbelastung und mangelnde Investitionsanreize

Zur Energie- und Bürokratieproblematik gesellt sich eine im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Steuerbelastung. Kapitalgesellschaften in Deutschland unterliegen nicht nur der Körperschaftsteuer von 15 Prozent, sondern auch der kommunal festgelegten Gewerbesteuer und dem Solidaritätszuschlag – in der Summe ergibt sich eine Durchschnittsbelastung von rund 30 Prozent, in Hochsteuerstandorten kann sie bis auf 36 Prozent steigen. Im EU-Vergleich überbieten nur noch Portugal und Malta diesen nominalen Unternehmenssteuersatz. Damit ist Deutschland in den vergangenen 15 Jahren gegen den internationalen Trend zum Hochsteuerland geworden – in einer Zeit, in der Länder wie die USA, Großbritannien und osteuropäische Staaten ihre Körperschaftsteuern senkten, um Investitionen anzuziehen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) errechnete in einer Simulation, dass eine stufenweise Senkung der Körperschaftsteuer um fünf Prozentpunkte über fünf Jahre bis 2033 zusätzliche Investitionen von 57 Milliarden Euro auslösen würde – ohne dabei das Maastricht-Kriterium zu gefährden. Aus Sicht des Standortwettbewerbs handelt es sich dabei um eine vergleichsweise einfach zu hebende Stellschraube, die jedoch lange politisch blockiert war.

Der vierte Strukturbruch: Fachkräftemangel und demografischer Druck

Ein Industriestandort braucht qualifizierte Menschen. Auch in dieser Dimension sendet Deutschland ambivalente Signale. Trotz einer anhaltend schwachen Konjunktur und laufender Stellenabbauprogramme vieler Unternehmen fehlten laut Institut der deutschen Wirtschaft im Juni 2025 noch immer rund 391.000 qualifizierte Fachkräfte, für die sich deutschlandweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen fanden. Das ifo Institut bestätigte im Sommer 2025, dass 28,1 Prozent aller befragten Firmen Probleme haben, geeignete Fachkräfte zu finden – mit steigender Tendenz, obwohl die Konjunktur gleichzeitig schwächelt. In der Industrie stieg dieser Anteil trotz breiter Personalabbauprogramme von 17,9 auf 19,3 Prozent. Der demografische Wandel verschärft das Problem strukturell: Das Bundesministerium für Arbeit prognostiziert Engpässe in IT, Gesundheit, Technik und Bildung mindestens bis 2028. ifo-Forscher Klaus Wohlrabe fasste es prägnant zusammen: Langfristig wird sich das Problem weiter verschärfen – der demografische Wandel lässt daran keinen Zweifel. Deutschland besitzt zwar noch immer ein exzellentes duales Ausbildungssystem und leistungsstarke Hochschulen als genuine Standortvorteile, doch der Nachwuchs fehlt zunehmend.

Was Deutschland noch hat: Die unterschätzten Stärken

Es wäre analytisch unredlich, den deutschen Standort nur durch die Linse seiner Schwächen zu betrachten. Deutschland verfügt über erhebliche strukturelle Stärken, die sich nicht so einfach wegrechnen lassen. Die politische und rechtliche Stabilität schafft eine Planungssicherheit, die in autokratischen Ländern wie China strukturell nicht existiert – und die auch BASF durch seine wachsende China-Abhängigkeit geopolitisch riskiert. Rechtssicherheit, transparente Verwaltungsprozesse und eine unabhängige Justiz gelten laut GTAI-Studien als wesentliche Investitionsargumente für internationale Unternehmen. Hinzu kommt die geografische Zentrallage in Europa und der unmittelbare Zugang zum größten Binnenmarkt der Welt. Das Bildungsniveau und die Qualität wissenschaftlicher Einrichtungen werden im ifo-Ökonomenranking von über 60 Prozent der Befragten als ausdrückliche Stärke des Standorts Deutschland genannt. Das duale Ausbildungssystem, Fraunhofer-Institute, Max-Planck-Gesellschaft und leistungsstarke Technische Universitäten schaffen eine Innovationsinfrastruktur, die sich nicht von heute auf morgen replizieren lässt. China investiert zwar massiv in den Aufbau dieser Strukturen, doch der Qualitätsvorsprung Deutschlands bei angewandter Forschung und Ingenieursausbildung bleibt real.

Der Deloitte-Befund: Eine Verschiebung von historischem Ausmaß

Dass der BASF-Fall kein Einzelphänomen ist, belegen aktuelle Umfragedaten in erschreckender Deutlichkeit. Der CFO Survey von Deloitte aus dem Oktober 2024 zeigte: Während aktuell noch 82 Prozent der befragten deutschen Finanzvorstände ihren Investitionsschwerpunkt in Deutschland sehen, wird das in fünf Jahren nur noch für 63 Prozent gelten. In den Kernindustrien Automobil, Chemie und Maschinenbau ist die Verschiebung noch gravierender: Dort bewerten aktuell 74 Prozent Deutschland als wesentliches Investitionsziel – in fünf Jahren werden es voraussichtlich nur noch 54 Prozent sein. Der DIHK-Bericht zu Auslandsinvestitionen der Industrie 2025 beschreibt den Saldo der Inlandsinvestitionen mit minus 17 Punkten, während Auslandsinvestitionen bei plus 9 Punkten liegen – eine Lücke von 26 Punkten, die der Verband als außergewöhnliches Warnsignal bewertet. Nur 24 Prozent der deutschen Unternehmen planen laut DIHK-Konjunkturumfrage erhöhte Investitionen – ein Drittel will sie sogar verringern. Die Ausrüstungsinvestitionen lagen Mitte 2025 noch immer zehn Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau.

Was sich ändern muss: Der Weg zurück zur Investitionsattraktivität

Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat inzwischen reagiert. Im Juli 2025 trat das steuerliche Investitionssofortprogramm in Kraft, das mehrere relevante Maßnahmen bündelt: Sonderabschreibungen von bis zu 30 Prozent für Investitionen zwischen Juli 2025 und Dezember 2027, eine schrittweise Senkung des Körperschaftsteuersatzes ab 2028 von 15 auf zehn Prozent bis 2032 sowie Absenkungen des Thesaurierungssteuersatzes. Der Bundeskanzler bezeichnete es als die größte Unternehmenssteuerreform seit mehr als 15 Jahren. Flankiert wird dies durch ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für die Modernisierung der Infrastruktur und den Übergang zur Klimaneutralität. Das IW Köln errechnete, dass die steuerlichen Entlastungsmaßnahmen bis 2033 zusätzliche Investitionen von mindestens 57 Milliarden Euro auslösen können – ein erster, aber strukturell notwendiger Schritt.

Für eine nachhaltige Wiederherstellung der Investitionsattraktivität reicht eine Steuerreform allein jedoch nicht aus. Folgende strukturelle Handlungsfelder sind unverzichtbar:

  • Energiepreise: Nur ein wettbewerbsfähiger und langfristig planbarer Industriestrompreis – unabhängig von fossilen Importen – kann energieintensive Industrien in Deutschland halten. Die vorgesehene Senkung der Stromsteuer ist ein erster Schritt, bleibt aber unzureichend, solange die systemischen Netzkosten und Umlagen den industriellen Strompreis strukturell überhöht halten.
  • Genehmigungsverfahren: Eine radikale Vereinfachung und Beschleunigung immissionsschutzrechtlicher Genehmigungsverfahren ist unabdingbar. Die bisherige gesetzlich vorgesehene Verfahrensdauer wird strukturell um durchschnittlich sechs Monate überschritten. Eine Halbierung der tatsächlichen Verfahrensdauern – ähnlich dem Tempo, das beim LNG-Terminal in Wilhelmshaven oder der Tesla-Fabrik in Grünheide demonstriert wurde – muss zum Standard werden, nicht zur Ausnahme.
  • Bürokratieabbau: Die von mehr als 70 Prozent der befragten Ökonomen als größtes Investitionshemmnis identifizierte Bürokratie erfordert tiefgreifende Strukturreformen in der öffentlichen Verwaltung, nicht nur Lippenbekenntnisse.
  • Fachkräftepolitik: Eine gezielte Anwerbung internationaler Fachkräfte, verbunden mit einer substanziellen Beschleunigung der entsprechenden Verwaltungsverfahren und Anerkennungsverfahren ausländischer Berufsabschlüsse, ist angesichts der demografischen Schere unvermeidlich.
  • Investitionsförderung: Gezielte staatliche Anreize für Großinvestitionen in strategisch bedeutsamen Industrien – vergleichbar mit den „Inflation Reduction Act“-Subventionen der USA – könnten den Unterschied ausmachen, wenn Standortentscheidungen im globalen Wettbewerb abgewogen werden.

Zwischen Resignation und Aufbruch: Was der BASF-Fall lehrt

Die Investitionsentscheidung von BASF für Zhanjiang ist kein Beweis dafür, dass Deutschland als Industriestandort unwiederbringlich verloren ist. Sie ist ein Symptom systemischer Fehlanreize, die über Jahre aufgebaut wurden und nun korrigiert werden müssen. BASF selbst hat sich mit der neuen Standortvereinbarung bis Ende 2028 zu Ludwigshafen bekannt und plant jährliche Investitionen von rund zwei Milliarden Euro in das Stammwerk. Die Entscheidung für China war primär eine Wachstumsentscheidung – die Erschließung eines Marktes, der neunmal so schnell wächst wie der Rest der Welt – und keine Entscheidung gegen Deutschland. Das schließt allerdings nicht aus, dass die deutschen Standortbedingungen die zukünftige Gewichtung solcher Entscheidungen verschärfen werden.

Wie belastbar ist die China-Wette selbst? Kritiker verweisen auf wachsende geopolitische Risiken: BASF macht sich nach teuren Abschreibungen durch den Ukraine-Krieg in Russland erneut von einer autokratischen Führung abhängig. BASF-Chef Kamieth räumte kurz vor der Eröffnung ein, dass sich die Investition später als geplant auszahlen wird – chinesische Überkapazitäten in der Basischemie, ein ruinöser Preiswettbewerb und fragiles Wirtschaftswachstum belasten die Profitabilität des neuen Werks bereits in der Anlaufphase. Die Ironie der Geschichte: Gerade China, dessen staatlich subventionierte Überkapazitäten die deutsche Chemiebranche mit Preisdumping unter Druck setzen, erhält nun die größte Einzelinvestition von BASF.

Deutschlands wirtschaftspolitische Aufgabe der nächsten Jahre ist klar: die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Investitionsentscheidungen dieser Größenordnung wieder in Deutschland getroffen werden – nicht aus Patriotismus, sondern weil es sich rechnet.

 

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