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Die große SMR-Illusion: Warum Europas Mini-Reaktoren zur Milliardenfalle werden könnten

Die große SMR-Illusion: Warum Europas Mini-Reaktoren zur Milliardenfalle werden könnten – Kreativbild zum Thema, mit KI: Xpert.Digital

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Teurer als Wind und Solar: Warum der SMR-Hype unsere Energiewende gefährdet

Die politische Debatte um die Kernenergie ist in Europa und überraschenderweise auch in Deutschland wieder neu entbrannt. Im Zentrum der Diskussion stehen dabei sogenannte Small Modular Reactors (SMR) – kleine, modular aufgebaute Atomkraftwerke, die laut der EU-Kommission und Teilen der Politik als innovative Heilsbringer für Klimaschutz, günstigen Strom und geopolitische Energiesicherheit fungieren sollen. Doch hinter den vollmundigen Versprechen von industrieller Serienfertigung und revolutionären Sicherheitskonzepten verbirgt sich bei genauerer Betrachtung eine völlig andere Realität: explodierende Baukosten, ungelöste Atommüllfragen, neuartige Sicherheitsrisiken durch höher angereichertes Uran und ein Zeitplan, der völlig an den drängenden Klimazielen bis 2030 vorbeigeht. Die umfassende Analyse zeigt auf, warum der politische Hype um die Mini-Reaktoren weniger einer greifbaren technologischen Revolution gleicht, sondern sich vielmehr als ein teures Ablenkungsmanöver entpuppt, das den dringend notwendigen und wirtschaftlich sinnvolleren Ausbau von erneuerbaren Energien und Speichern massiv auszubremsen droht.

Kleine Reaktoren, große Illusion: Warum Europas Milliarden-Wette auf Mini-Atomkraft die Energiewende ausbremsen könnte

Die Europäische Kommission hat mit ihrer im März 2026 vorgestellten Strategie für Small Modular Reactors (SMR) eine neue industriepolitische Priorität gesetzt, die in ihrer Symbolkraft kaum zu unterschätzen ist. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierte das Papier beim Nuclear Energy Summit in Paris und bezeichnete den europäischen Rückzug aus der Kernenergie in den vergangenen Jahrzehnten als „strategischen Fehler“, den man nun korrigieren wolle. Flankiert wurde die Ankündigung von einem mit 200 Millionen Euro dotierten Garantieinstrument aus Mitteln des europäischen Emissionshandels, das private Investitionen in die Technologie mobilisieren soll. Auch in Deutschland ist die Debatte neu entbrannt: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärte Anfang Februar 2026 bei einer Veranstaltung der BMW Foundation am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz, man schaue sich „nicht nur Speicher und erneuerbare Energien an, sondern auch SMRs“. Diese politische Kehrtwende wirft die Frage auf, ob kleine modulare Reaktoren tatsächlich das Potenzial haben, bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts einen relevanten Beitrag zur Energiesicherheit und zu den Klimazielen der Europäischen Union zu leisten, oder ob es sich dabei um ein teures politisches Ablenkungsmanöver handelt, das den eigentlich notwendigen Ausbau von erneuerbaren Energien und Speichertechnologien verzögert.

Der politische Rahmen einer neuen Nuklear-Ambition

Die von der EU-Kommission vorgelegte Strategie (COM/2026/117) sieht vor, die ersten SMR-Projekte in Europa bereits in den frühen 2030er-Jahren ans Netz zu bringen, wobei die installierte Kapazität bis 2050 auf 17 bis 53 Gigawatt anwachsen soll, was rund vier bis zwölf Prozent der heutigen europäischen Stromerzeugung entspräche. Um diese Ambition zu untermauern, setzt die Kommission auf neun konkrete Maßnahmen, darunter den Aufbau einer europäischen Industrieallianz für SMR, die Einrichtung sogenannter „SMR-Valleys“ zur Bündelung von Fertigungskapazitäten sowie eine engere regulatorische Zusammenarbeit zwischen den nationalen Aufsichtsbehörden, um gemeinsame Vorabprüfungen und regulatorische Testräume unter dem Net-Zero Industry Act zu ermöglichen. Bemerkenswert ist dabei das Missverhältnis zwischen politischer Rhetorik und tatsächlichem finanziellem Engagement: Von den insgesamt bis 2050 als notwendig erachteten 241 Milliarden Euro an nuklearen Investitionen stellt die Kommission über das InvestEU-Programm gerade einmal 200 Millionen Euro an Garantien sowie 15 Millionen Euro für Sicherheitsforschung im Rahmen von Euratom bereit, was einem verschwindend geringen Bruchteil der tatsächlich erforderlichen Summe entspricht. Elf Mitgliedstaaten haben mittlerweile eine gemeinsame Erklärung zur Unterstützung der Technologie unterzeichnet, doch bis Anfang 2026 wurde in der gesamten Europäischen Union noch keine einzige Baugenehmigung für einen SMR erteilt, was den Abstand zwischen politischer Ankündigung und industrieller Realität schlaglichtartig verdeutlicht.

Deutschlands vorsichtige Rückkehr zu einer alten Debatte

In Deutschland vollzieht sich die Annäherung an die Kernenergie deutlich zurückhaltender als auf europäischer Ebene, ist aber ebenso bemerkenswert, weil sie nur zwei Jahre nach der endgültigen Abschaltung der letzten deutschen Atomkraftwerke im Frühjahr 2023 erfolgt. Ministerin Reiche betonte mehrfach, dass eine Rückkehr zu den alten, abgeschalteten Reaktoren nicht geplant sei, während gleichzeitig eine ressortinterne Arbeitsgruppe gebildet wurde, die im Ausland zu neuen SMR-Konzepten recherchieren soll. Gegenüber der Financial Times wurde Reiche noch deutlicher und stellte die Frage, ob Deutschland weiterhin allein auf Gas setzen und sich damit von einer einzigen Energiequelle abhängig machen wolle, oder ob man wieder Interesse an der nuklearen Technologie entwickeln solle. Auch auf bilateraler Ebene bewegt sich etwas: Anfang Februar 2026 vereinbarten Reiche und der tschechische Industrieminister Karel Havlíček eine mögliche Zusammenarbeit im Bereich kleiner modularer Reaktoren, wobei Tschechien im grenznahen Tušimice bereits einen Mini-Reaktor mit neuartiger Technologie plant. Diese Entwicklungen zeigen, dass die deutsche Position weniger von belastbaren technischen oder wirtschaftlichen Fakten als von geopolitischer Verunsicherung getrieben wird, insbesondere durch den Nahostkonflikt und die Sorge vor einer zu einseitigen Energieabhängigkeit.

Was SMR technisch eigentlich bedeuten

Small Modular Reactors werden von der EU-Kommission als innovative nukleare Technologien definiert, die im Vergleich zu klassischen Großreaktoren zwei zentrale Merkmale aufweisen sollen: eine deutlich geringere elektrische Leistung, üblicherweise bis zu 300 Megawatt pro Modul, sowie eine modulare Bauweise, bei der Reaktoren oder ihre Komponenten in Fabriken vorgefertigt und anschließend zur Baustelle transportiert werden können. Dieses Konzept unterscheidet sich fundamental von klassischen Großreaktoren mit einer Leistung von 1.000 bis 1.600 Megawatt, die vollständig vor Ort errichtet werden. Die politische Erzählung rund um SMR verspricht kürzere Bauzeiten, geringere Vorlaufkosten und durch Serienfertigung sinkende Stückkosten, ähnlich dem Prinzip industrieller Massenproduktion. Genau diese Versprechen halten jedoch einer nüchternen Prüfung der bisherigen Projekterfahrungen kaum stand, denn nach heutigem Kenntnisstand handelt es sich bei den allermeisten SMR-Konzepten weiterhin um Konzeptstudien und nicht um marktreife, industriell erprobte Technologien.

Das ungelöste Erbe radioaktiver Abfälle

Eines der zentralen Gegenargumente gegen SMR betrifft die Entsorgungsfrage, die durch die neue Reaktorgeneration keineswegs entschärft, sondern in mehrfacher Hinsicht verschärft wird. Eine viel zitierte Stanford-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass kleine modulare Reaktoren im Vergleich zu konventionellen Großkraftwerken bis zum 30-Fachen an radioaktiven Abfällen pro erzeugter Energieeinheit produzieren können, was auf die höheren Neutronenverluste in kleineren Reaktorkernen zurückzuführen ist. Da für die Kernreaktion in vielen SMR-Konzepten stärker angereichertes Brennmaterial verwendet wird und der Reaktorkern kleiner dimensioniert ist, muss mehr Abschirmmaterial verbaut werden, das im Laufe des Betriebs selbst radioaktiv kontaminiert und später endgelagert werden muss. Auch das deutsche Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung kommt in einer aktuellen Stellungnahme zu dem Schluss, dass Druckwasser-SMR aufgrund geringerer erreichbarer Abbrandraten im Vergleich zu klassischen Druckwasserreaktoren größere Mengen und Massen an hochradioaktiven Abfällen pro erzeugter Gigawattstunde produzieren würden. Hinzu kommt, dass hochradioaktiv verseuchtes Material nur in geringen Mengen pro Behälter verpackt werden kann, wodurch sich der Aufwand für Transport, Zwischenlagerung und den benötigten Endlagerplatz zusätzlich erhöht. Bereits 2021 stellte der Präsident des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, Wolfram König, in einem Gutachten fest, dass die derzeit diskutierten neuen nuklearen Technologien weder die Altlasten der bisherigen Atomenergienutzung beseitigen noch die anstehenden Zukunftsfragen des Klimawandels lösen könnten. Das strukturelle Grundproblem der Kernenergie, ein bislang weltweit nicht gelöstes Endlager für hochradioaktive Abfälle über geologische Zeiträume von Hunderttausenden Jahren, bleibt damit auch im SMR-Zeitalter vollständig ungelöst.

Höher angereichertes Uran als Sicherheitsrisiko

Ein weiterer gewichtiger Kritikpunkt betrifft den Brennstoffkreislauf zahlreicher SMR-Konzepte, die auf höher angereichertes Uran angewiesen sind, im Fachjargon als HALEU bezeichnet, mit Anreicherungsgraden zwischen fünf und zwanzig Prozent, deutlich über dem in klassischen Leichtwasserreaktoren üblichen Anreicherungsgrad von etwa drei bis fünf Prozent. Diese höhere Anreicherung ist technisch notwendig, um bei kompakteren Reaktorkernen dieselbe Energieausbeute zu erzielen, erhöht aber gleichzeitig die Herausforderungen der nuklearen Nichtverbreitung erheblich, da höher angereichertes Material technisch näher an waffenfähigem Material liegt und damit strengere, aber auch aufwendigere internationale Sicherungsmaßnahmen erfordert. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung weist in seiner Stellungnahme zur SMR-Strategie zudem darauf hin, dass im Falle einer weltweiten Verbreitung der Technologie mit einer entsprechend großen Zahl an Reaktoren auch das Risiko der Proliferation, also der militärischen Nutzung von Kernmaterial, insgesamt zunehmen würde. Diese Problematik wird in der öffentlichen Debatte um SMR bislang deutlich unterbelichtet, obwohl sie aus sicherheitspolitischer Sicht mindestens ebenso gewichtig ist wie die Entsorgungsfrage, insbesondere wenn man bedenkt, dass eine breite kommerzielle Verbreitung von SMR naturgemäß eine deutlich größere Zahl an Standorten, Transportwegen und beteiligten Akteuren mit sich bringt als der Betrieb einer vergleichsweise kleinen Zahl zentraler Großkraftwerke.

Neue Sicherheitsfragen statt gelöster alter Risiken

Die Befürworter von SMR argumentieren regelmäßig, dass die neuen Reaktorkonzepte durch passive Sicherheitssysteme, kleinere Kernvolumina und modernere Bauweisen grundsätzlich sicherer seien als klassische Großreaktoren. Diese Behauptung lässt sich nach heutigem Kenntnisstand jedoch nicht eindeutig belegen, denn die zugrunde liegenden Konzepte existieren größtenteils nur auf dem Papier oder in frühen Demonstrationsphasen und haben noch keine ausreichende Betriebserfahrung gesammelt, um belastbare Aussagen über ihre tatsächliche Sicherheitsperformance im Dauerbetrieb zu treffen. Gleichzeitig weist das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung darauf hin, dass eine breite Verbreitung von SMR neue, reaktorspezifische nationale und internationale Sicherheitsstandards erforderlich machen würde, weil die bestehenden Regelwerke primär auf Großreaktoren zugeschnitten sind. Paradoxerweise könnte gerade die hohe Anzahl der für eine relevante Gesamtkapazität notwendigen SMR-Einheiten – Experten gehen von mehreren tausend baugleichen Modulen aus, bevor eine echte Lernkurve mit sinkenden Kosten einsetzt – das aggregierte sicherheitstechnische Gesamtrisiko in der Fläche erhöhen, selbst wenn das Einzelrisiko pro Reaktor geringer ausfallen sollte. Fragen zu Rückbau, Zwischenlagerung, Brennstofftransport und Störfallmanagement bei einer großen Zahl dezentral verteilter kleiner Anlagen sind bislang kaum systematisch untersucht und bleiben weitgehend ungeklärt.

Die wirtschaftliche Kernschwäche der Mini-Reaktoren

Der vielleicht schlagkräftigste Einwand gegen SMR betrifft jedoch die schlichte Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu erneuerbaren Energien und Speichertechnologien. Eine umfassende Analyse des US-Bundesstaates Utah zu einem geplanten SMR-Projekt kommt zu dem Ergebnis, dass die Stromgestehungskosten des betrachteten SMR-Portfolios bei rund 67 US-Dollar pro Megawattstunde liegen, während alternative Portfolios aus Wind, Solar und Batteriespeichern lediglich zwischen 38 und 43 US-Dollar pro Megawattstunde kosten, ein Kostenunterschied von 40 Prozent zugunsten der erneuerbaren Alternativen. Über die Laufzeit der Anlagen summiert sich dieser Unterschied auf einen Gegenwartswert von bis zu 355 Millionen US-Dollar an potenziellen Einsparungen, die durch den Verzicht auf die SMR-Option realisierbar wären. Auch der jährlich erscheinende Levelized-Cost-of-Energy-Report des Finanzberatungsunternehmens Lazard bestätigt dieses Muster: Unsubventionierte Wind- und Solarenergie bleibt demnach die günstigste Form neu zu errichtender Stromerzeugung, während neue Kernkraftkapazität am oberen Ende der Kostenskala rangiert. Eine Fallstudie zu einem SMR-Block im britischen Darlington veranschlagt Baukosten von etwa 15.000 Euro pro installiertem Kilowatt, während selbst ein klassischer Großreaktor wie der EPR-Block Hinkley Point C mit rund 12.600 Euro pro Kilowatt vergleichsweise günstiger kalkuliert wird, was die vermeintliche Kostenüberlegenheit kleiner, modularer Anlagen empirisch widerlegt.

Steigende Kosten trotz jahrzehntelanger Erfahrung

Besonders bemerkenswert ist die gegenläufige Kostenentwicklung zwischen Kernenergie und erneuerbaren Energien über die vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Während die Erzeugungskosten für Solar- und Windkraftanlagen seit 2009 durch technologisches Lernen und Skaleneffekte um 70 bis 90 Prozent gefallen sind, sind die Kosten für Kernenergie im westlichen Ausland im selben Zeitraum um etwa 26 Prozent gestiegen, ein Trend, der der klassischen Erwartung einer Lernkurve durch zunehmende Erfahrung diametral widerspricht. Diese Entwicklung wird häufig mit dem Fehlen echter Serienfertigung, komplexen und immer wieder angepassten Sicherheitsauflagen sowie den langen Bauzeiten begründet, die sich negativ auf die Finanzierungskosten auswirken. Eine ökonomische Analyse veranschaulicht die Hebelwirkung von Finanzierungskosten am Beispiel eines hypothetischen Gigawatt-Kernkraftwerks mit mittleren Baukosten: Bei einem Kapitalkostensatz von acht Prozent belaufen sich die jährlichen Finanzierungskosten auf rund 640 Millionen Euro, während sie bei einem staatlich abgesicherten, niedrigeren Kapitalkostensatz von fünf Prozent auf rund 400 Millionen Euro sinken würden. Ohne eine solche staatliche Risikoübernahme durch Kreditgarantien, Differenzverträge oder Kofinanzierung bleibt Kernenergie gegenüber dezentralen erneuerbaren Energien aufgrund der enormen Zinslast wirtschaftlich chancenlos, was letztlich bedeutet, dass jedes wirtschaftlich tragfähige SMR-Projekt in Europa in erheblichem Umfang von Steuergeldern oder Verbraucherumlagen abhängig wäre.

Serienfertigung als unerfüllte Zukunftshoffnung

Ein zentrales Argument der SMR-Befürworter besteht darin, dass sich die Kostenstruktur durch Massenproduktion und industrielle Skaleneffekte grundlegend verändern werde, ähnlich wie bei der Automobil- oder Solarindustrie. Diese Hoffnung wird jedoch durch die bisherige Projekterfahrung nicht gestützt, denn westliche SMR-Vorhaben konnten bislang in keinem Fall nachweisen, dass sie tatsächlich günstiger als klassische Großreaktoren realisiert werden können. Nach Einschätzung von Branchenexperten wäre eine echte Lernkurve, die SMR gegenüber etablierten Technologien wirtschaftlich konkurrenzfähig machen könnte, erst nach der Fertigung von etwa 3.000 baugleichen Reaktoreinheiten zu erwarten, eine Größenordnung, die weder in der aktuellen EU-Strategie noch in absehbaren globalen Marktszenarien realistisch erreichbar erscheint. Eine wissenschaftliche Analyse verschiedener SMR-Bautypen kommt zudem zu dem Schluss, dass sowohl die Baukosten als auch die Betriebs- und Wartungskosten kleiner modularer Reaktoren aufgrund von Diseconomies of Scale, also Nachteilen durch die geringere Anlagengröße, tendenziell über denen klassischer Großreaktoren liegen werden, wobei sich innerhalb der SMR-Familie selbst deutliche Kostenunterschiede zwischen einzelnen Reaktortypen wie BWRX-300, NuScale, Xe-100 oder Natrium zeigen. Die politisch versprochene kostengünstige Serienfertigung existiert damit bislang überwiegend auf dem Papier, während reale Pilotprojekte, etwa in Nordamerika, regelmäßig mit erheblichen Kostenüberschreitungen von teilweise dem Vierfachen der ursprünglich veranschlagten Investitionssumme zu kämpfen haben.

Ein methodischer Gegeneinwand zur Vergleichbarkeit

Fairerweise muss auch auf eine methodische Gegenposition eingegangen werden, die in jüngerer Zeit an den gängigen Kostenvergleichen zwischen erneuerbaren Energien und Kernkraft geübt wird. Eine im Sommer 2026 veröffentlichte Analyse argumentiert, dass die viel zitierten Lazard-Zahlen Erzeugungskosten am Kraftwerkszaun ausweisen, ohne die zusätzlichen Kosten für Ausgleichskapazitäten einzupreisen, die notwendig sind, wenn Wind und Sonne nicht verfügbar sind. Werden Solar- und Windenergie auf denselben Zuverlässigkeitsstandard gehoben wie grundlastfähige Kraftwerke, steigen laut dieser Studie die tatsächlichen Kosten von Solarstrom um etwa 44 Prozent und die von Windstrom um etwa 26 Prozent, während sich die Kosten der Kernenergie kaum verändern. Dieser Einwand ist inhaltlich nicht von der Hand zu weisen und unterstreicht, dass ein vollständiger volkswirtschaftlicher Kostenvergleich stets das gesamte Energiesystem inklusive Netzausbau, Speicherbedarf und Reservekapazität berücksichtigen muss und nicht allein die reinen Erzeugungskosten einzelner Technologien gegenüberstellen darf. Dennoch ändert dieser berechtigte Systemkosten-Einwand nichts an der Grundtatsache, dass SMR selbst unter Einbeziehung von Backup-Kosten für Erneuerbare weiterhin deutlich teurer bleiben als die Kombination aus Wind, Solar und Batteriespeichern, da Nuklearkraft im Gegensatz zu diesen Systemkosten kaum von sinkenden Baukosten oder technologischem Lernen profitiert und selbst in optimistischen Szenarien bei Stromgestehungskosten von rund 170 Euro pro Megawattstunde landet, während Wind- und Solarstrom in Europa meist zwischen 40 und 90 Euro pro Megawattstunde kosten.

Investitionsrisiko ohne staatliches Sicherheitsnetz

Aus Sicht privater Investoren gelten SMR-Projekte nach aktuellem Stand als Hochrisikoinvestitionen, die ohne massive staatliche Unterstützung in Form von Subventionen für die anfänglichen Baukosten und Garantien zur Senkung der Kapitalkosten gegenüber Photovoltaik und Windkraft unter heutigen Marktbedingungen schlicht nicht wettbewerbsfähig sind. Diese Einschätzung deckt sich mit der Beobachtung, dass selbst die von der EU-Kommission vorgeschlagenen 200 Millionen Euro an Garantien ausdrücklich nicht für den eigentlichen Bau oder Betrieb von Kernkraftwerken verwendet werden dürfen, da die zugrunde liegenden InvestEU-Regeln eine solche Unterstützung explizit ausschließen und die Mittel damit faktisch nur für Forschung und Vorkommerzialisierung zur Verfügung stehen. Die eigentliche Finanzierungslücke müsste folglich von den Mitgliedstaaten selbst über nationale Netto-Null-Investitionspläne oder mögliche Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse geschlossen werden, was angesichts angespannter öffentlicher Haushalte in vielen EU-Ländern eine erhebliche politische und fiskalische Herausforderung darstellt. Immerhin könnte ein realistisches Nischensegment für SMR in Bereichen entstehen, in denen die Alternativen ebenfalls sehr teuer sind, etwa bei industrieller Prozesswärme in energieintensiven Branchen oder in geografisch entlegenen Gebieten wie der Arktis, wo eine großflächige Anbindung an erneuerbare Energien und Übertragungsnetze kaum wirtschaftlich realisierbar ist.

Zeitfenster bis 2030 realistisch bewertet

Bezogen auf die konkrete Fragestellung, ob SMR bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts einen nennenswerten Beitrag zur europäischen Energiesicherheit und zu den Klimazielen leisten können, fällt die Antwort nach Auswertung der verfügbaren Fakten eindeutig aus. Selbst die EU-Kommission datiert die Inbetriebnahme der allerersten europäischen SMR-Projekte auf die frühen 2030er-Jahre, also nach dem in der Fragestellung relevanten Zeithorizont, und bereits diese Zeitangabe gilt angesichts fehlender Baugenehmigungen, ungeklärter Lieferketten und noch nicht abgeschlossener Genehmigungsverfahren als ambitioniert bis unrealistisch. Selbst im günstigsten Szenario könnten also bis 2030 in Europa allenfalls einzelne Demonstrationsanlagen mit geringer Gesamtleistung ans Netz gehen, deren Beitrag zur gesamteuropäischen Stromversorgung im Promillebereich liegen und damit für die Erreichung der verbindlichen EU-Klimaziele bis 2030 keine relevante Größe darstellen würde. Im Vergleich dazu haben Wind- und Solarenergie in Europa bereits heute mehrstellige Prozentanteile an der Stromerzeugung erreicht, verfügen über etablierte, serienreife Lieferketten und lassen sich innerhalb von Monaten statt Jahrzehnten errichten, weshalb sie kurz- und mittelfristig das mit weitem Abstand wirksamere Instrument zur Erreichung der Klimaziele und zur Stärkung der Energiesicherheit bleiben.

Politisches Kalkül hinter der nuklearen Renaissance

Die auffällige zeitliche Nähe der SMR-Debatte zu geopolitischen Spannungen, insbesondere dem in mehreren Quellen erwähnten Nahostkonflikt und der allgemeinen Sorge vor einer zu starken Abhängigkeit von fossilen Energieimporten, legt nahe, dass die politische Unterstützung für SMR zumindest teilweise symbolischen und geopolitischen Charakter hat. Die Betonung technologischer Offenheit und Diversifizierung, wie sie Ministerin Reiche und IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi gemeinsam auf der Münchner Sicherheitskonferenz vertraten, lässt sich auch als Versuch lesen, geopolitische Handlungsfähigkeit und industrielle Exportchancen zu demonstrieren, unabhängig von der Frage, ob die zugrunde liegende Technologie kurzfristig tatsächlich einen messbaren energiewirtschaftlichen Nutzen stiftet. Dass die frühere Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns Westenergie, zu dessen Muttergesellschaft E.ON auch umfangreiche Gasnetzaktivitäten zählen, nun als Wirtschaftsministerin eine technologische Öffnung gegenüber Kernenergie propagiert, wirft zusätzlich Fragen nach der industriepolitischen Interessenlage hinter dieser Positionierung auf. Aus ökonomischer Perspektive besteht die eigentliche Gefahr der aktuellen SMR-Debatte weniger in der Technologie selbst als in der Fehlallokation politischer Aufmerksamkeit, regulatorischer Ressourcen und letztlich auch öffentlicher Fördermittel, die andernfalls in den beschleunigten Ausbau von Netzinfrastruktur, Speichertechnologien und erneuerbaren Erzeugungskapazitäten fließen könnten, welche schneller, günstiger und mit geringerem Risiko denselben energiepolitischen Zweck erfüllen würden.

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