
„Schlicht erbärmlich“: Ex-Militärs zerpflücken Angela Merkels historisches Erbe nach brisanter EU-Ehrung – Bild: Xpert.Digital
Zündstoff in Straßburg: Warum Merkels höchster EU-Orden alte Wunden aufreißt
Schlimmer als Schröder? Die geheimen Akten hinter dem beispiellosen Streit um Angela Merkel
Der teure Preis der Diplomatie: Was der neu vergebene EU-Orden über Merkels Russlandpolitik enthüllt
Angela Merkel wurde mit dem höchsten neuen Verdienstorden der Europäischen Union ausgezeichnet – Seite an Seite mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Doch was als glanzvolle Würdigung einer historischen Kanzlerschaft gedacht war, hat sich binnen Tagen zu einem politischen Flächenbrand entwickelt. Während Westeuropa den institutionellen Zusammenhalt feiert, erheben Sicherheitsexperten und ehemalige Militärs aus Skandinavien und dem Baltikum schwerste Vorwürfe. Sie sehen in der Ehrung Merkels ein fatales Signal: ein Ausblenden jener sicherheitspolitischen Fehleinschätzungen und ignorierten Warnungen, die Wladimir Putin den Weg für seinen Angriffskrieg geebnet haben. Brisante Kanzleramtsakten befeuern zudem den Verdacht, dass die Abhängigkeit von russischem Gas sehenden Auges in Kauf genommen wurde. Ein Blick auf ein tief zerrissenes politisches Erbe, das Europa heute teurer zu stehen kommt denn je.
Merkels Erbe zwischen Ehrung und Anklage: Wenn ein Orden die Wunden aufreißt, die eine Politik hinterlassen hat
Am 19. Mai verlieh das Europäische Parlament in Straßburg erstmals den neu geschaffenen Europäischen Verdienstorden. In der höchsten Kategorie – als verdienstvolle Mitglieder – wurden drei Persönlichkeiten geehrt: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der frühere polnische Präsident und Solidarnosc-Gründer Lech Wałęsa sowie die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Orden wurde vom Europaparlament im Jahr 2025 anlässlich des 75. Jahrestages der Schuman-Erklärung ins Leben gerufen, um Persönlichkeiten zu würdigen, die bedeutende Beiträge zur europäischen Integration und zu den europäischen Werten geleistet haben. Doch gerade die erst wenige Tage zurückliegende Ehrung Merkels löst weiterhin heftige Kontroversen aus – und das nicht aus parteipolitischen Erwägungen, sondern aus dem Munde erfahrener Militärs und Sicherheitsexperten jener Länder, die Russlands Expansionsdrang am eigenen Leib erfahren haben.
Ein Orden, der die Frage nach dem historischen Urteil aufwirft
Der Europäische Verdienstorden ist dreistufig gegliedert: Mitglieder des Ordens (niedrigste Stufe), Ehrenhafte Mitglieder sowie Verdienstvolle Mitglieder als höchste Auszeichnung. Die Jury setzt sich aus Parlamentspräsidentin Roberta Metsola, den Vizepräsidentinnen Ewa Kopacz und Sophie Wilmès sowie den herausragenden europäischen Persönlichkeiten Michel Barnier, José Manuel Barroso, Josep Borrell und Enrico Letta zusammen. Neben Merkel, Selenskyj und Wałęsa wurden in der mittleren Kategorie unter anderem der frühere EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, Moldaus Präsidentin Maia Sandu, Irlands frühere Präsidentin Mary Robinson sowie Wolfgang Schüssel als ehemaliger österreichischer Bundeskanzler geehrt. In der niedrigsten Stufe fanden sich unter anderem die Mitglieder der Band U2, NBA-Star Giannis Antetokounmpo sowie die Menschenrechtsanwältin Oleksandra Matwijtschuk.
Gerade dieser breite Trägerkreis hat von Beobachtern Kritik auf sich gezogen. Harald Vilimsky, freiheitlicher Delegationsleiter im Europaparlament, bezeichnete die Vergabe als ein Signal des „Realitätsverlusts der EU-Eliten“ und monierte, das Parlament beschäftige sich im „Fließbandverfahren“ mit der Ordensverteilung, während Europa mit Krieg, wirtschaftlichen Einbrüchen und Migrationsfragen konfrontiert sei. So sehr diese Kritik parteipolitisch gefärbt sein mag, trifft sie einen wunden Punkt: Welche Maßstäbe legt ein noch junger Orden an, wenn er in seiner ersten Vergaberunde Persönlichkeiten auszeichnet, deren Wirken bis heute fundamental umstritten ist?
Vom Friedensversprechen zur sicherheitspolitischen Fehlkalkulation
Für den früheren Chef des finnischen Militärgeheimdienstes, Pekka Toveri, heute Mitglied der EVP-Fraktion im Europaparlament, sendet die Ordensverleihung an Merkel ein falsches Signal über das sicherheitspolitische Denken der EU. Merkel sei eine der zentralen europäischen Politikerinnen gewesen, deren Kurs zu den Rahmenbedingungen beigetragen habe, die letztlich zum Krieg in der Ukraine geführt hätten. Diese Kritik wiegt schwer, weil sie nicht von einer westeuropäischen Parteienperspektive ausgeht, sondern von einem Mann, der jahrelang die geheimdienstlichen Lagebilder über russische Militäraktivitäten analysiert hat – und dessen Land, Finnland, erst 2023 der NATO beitrat, nachdem Jahrzehnte finnischer Neutralitätspolitik am 24. Februar 2022 endgültig obsolet wurden.
Besonders scharf kritisierte Toveri Merkels Äußerungen in einem ungarischen Medium, in dem die Ex-Kanzlerin erklärte, sie habe im Sommer 2021 gemeinsam mit Frankreich ein EU-Russland-Gespräch vorgeschlagen, das am Widerstand Polens und der baltischen Staaten gescheitert sei, woraufhin sie ihr Amt abgegeben habe und danach Putins Aggression begonnen habe. Toveris Urteil darüber ist vernichtend: Diese Erzählung erinnere an bekannte Kremlpropaganda, wonach die NATO-Osterweiterung den Krieg in der Ukraine verursacht habe. Beide seien völlig verfehlte Interpretationen und Ausdruck reiner Opferhaltung in einer Situation, in der eigentlich Selbstkritik nötig wäre. Putins Aggression sei das Ergebnis eines übersteigerten Glaubens an die Allmacht der Diplomatie – nicht eines verpassten Gipfeltreffens.
Das Baltikum erhebt die Stimme – und zieht einen vernichtenden Vergleich
Noch schärfer formuliert es der frühere estnische Oberbefehlshaber und heutige Europaabgeordnete Riho Terras, ebenfalls in der EVP-Fraktion. Er beschreibt Merkels Versuch, dem Baltikum die Verantwortung für das Scheitern von Diplomatieprozessen zuzuschieben, als „schlicht erbärmlich“ und als Schaden an der Einheit der EU. Der Este geht noch weiter und zieht einen Vergleich, der im westeuropäischen politischen Diskurs für Aufruhr sorgen dürfte: Manche Kreise in Estland – und das seien keine Verschwörungstheoretiker gewesen – hätten spekuliert, Putin habe in Merkel eine Art neuen Schröder gefunden, also jemanden, dessen Freundschaft und Gefälligkeiten man sich gewissermaßen erkaufen könne.
Dieser Vergleich mit Gerhard Schröder, dem früheren Kanzler, der nach seiner Amtszeit unmittelbar in den Dienst russischer Energiekonzerne trat und auch nach dem Überfall auf die Ukraine öffentlich vor einer Dämonisierung Russlands warnte, ist von einer explosiven politischen Qualität. Terras sagt damit nicht, Merkel sei bestochen worden – er beschreibt eine wahrgenommene Systemik: eine westeuropäische Großmacht-Kanzlerin, die russischen Wirtschaftsinteressen regelmäßig Vorrang einräumte gegenüber den Sicherheitsbedenken der unmittelbaren östlichen Nachbarn. Ob diese Wahrnehmung gerecht ist, lässt sich diskutieren. Dass sie existiert, und zwar nicht bei irrationalen Verschwörungstheoretikern, sondern bei ehemaligen Streitkräfteführern und gewählten Parlamentariern, ist eine politische Realität, die schwer zu ignorieren ist.
Nord Stream 2: Das teuerste Symbol einer gescheiterten Außenpolitikdoktrin
Die Kritik von Terras an Nord Stream 2 trifft den strategischen Kern: Die Pipeline sei zum klarsten Symbol dafür geworden, wie sehr Europa geglaubt habe, man könne durch Wirtschaftsbeziehungen und Dialog Russlands Denken und Verhalten ändern – und das trotz wiederholter Warnungen nach der Krim-Annexion 2014. Diese Einschätzung spiegelt sich in der wissenschaftlichen und politischen Analyse der sogenannten Doktrin des „Wandels durch Handel“ wider, die nicht nur Russland, sondern parallel auch China prägte.
Das Projekt Nord Stream 2 wurde 2015 – ein Jahr nach der Krim-Annexion – von Gazprom und fünf europäischen Konzernen initiiert. Die Pipeline sollte bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr von Russland nach Deutschland transportieren. Das strategische Dilemma war von Beginn an offensichtlich: Was für die deutsche Seite primär als wirtschaftliches und energiepolitisches Vorhaben galt, bewerteten osteuropäische und baltische Partner sowie die USA als hochgradig politisches Instrument, das Russland Erpressungspotenzial gegenüber der Ukraine und dem gesamten östlichen Teil des Kontinents verschaffen würde. Analysen der Konrad-Adenauer-Stiftung hatten bereits 2021 darauf hingewiesen, dass das Projekt mit hohen politischen Risiken behaftet bleibe und die deutsche Energiepolitik strategischer und europäischer werden müsse.
Besonders brisant sind interne Dokumente aus dem Bundeskanzleramt, deren Veröffentlichung die Süddeutsche Zeitung 2025 juristisch erstritten hat. Aus diesen geht hervor, dass Merkel am 2. September 2015 schriftlich über den Asset-Tausch zwischen BASF/Wintershall und Gazprom informiert worden war, bei dem Gazprom eine Beteiligung am Gashandel in Deutschland erhalten sollte. Das Kanzleramt erkannte damals klar die Gefahren: Mit der Übernahme werde Gazprom zum direkten Vorlieferanten von Stadtwerken, regionalen Gasversorgern, Unternehmen und Kraftwerken in Deutschland. Dennoch wurde kein Veto eingelegt. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte BASF signalisiert, es bestünden keine energiepolitischen Bedenken gegen den Tausch. Dieser Vorgang, der sich ein Jahr nach der Krim-Annexion abspielte, als Russlands revisionistischer Charakter bereits offen demonstriert worden war, dokumentiert eine politische Entscheidung, die im Rückblick schwer zu verteidigen ist.
Die wirtschaftliche Rechnung: Was die Abhängigkeit Deutschland kostete
Die wirtschaftlichen Folgen dieser jahrzehntelang aufgebauten Abhängigkeit sind messbar. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 und dem damit verbundenen Ende russischer Gaslieferungen verlor Deutschland nach Berechnungen des Wirtschaftswissenschaftlers Sebastian Dullien von der Hans-Böckler-Stiftung etwa fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. Umgerechnet bedeutet das pro Kopf einen jährlichen Verlust von durchschnittlich etwa 2.600 Euro – verglichen mit dem EU-Durchschnitt von 880 Euro, dem schwedischen Wert von 1.700 Euro oder dem italienischen von nur 230 Euro. Deutschland trägt damit einen strukturellen Sonderpreis für seine besondere Anfälligkeit, die direkt aus der einseitigen Ausrichtung seiner Energieversorgung auf russisches Pipelinegas resultiert.
Zwischen Januar und Juni 2022 floss russisches Gas in Höhe von 1.350 bis 1.700 Gigawattstunden täglich von Russland nach Deutschland – ein Fluss, der innerhalb weniger Monate vollständig versiegte. Der Umbau der Gasversorgung kostete enorme Summen: Allein die gemieteten LNG-Plattformen verschlangen nach Berechnungen der WirtschaftsWoche im Sommer 2024 täglich rund eine Million Euro. Hinzu kamen massive Preissteigerungen an den Energiemärkten: Der durchschnittliche Großhandelspreis für Strom in Deutschland kletterte 2022 auf rund 235 Euro pro Megawattstunde, bevor er sich bis 2024 auf etwa 80 Euro beruhigte – womit Europa laut dem Thinktank Bruegel im Jahr 2023 noch immer industrielle Stromtarife zahlte, die 158 Prozent über dem Niveau der USA lagen.
Die Folgen für die deutsche Industrie sind gravierend und langfristig. Laut einer Erhebung der Deutschen Industrie- und Handelskammer erwogen 2022 noch 21 Prozent der Industriebetriebe Produktionseinschränkungen oder Verlagerungen – dieser Anteil stieg auf 32 Prozent im Jahr 2023 und weiter auf 37 Prozent im Jahr 2024. Unter energieintensiven Betrieben lag der Anteil derer, die Standortverlagerungen erwogen, bereits bei 45 Prozent. PwC bezeichnete die Lage 2024 als existenzielles Niveau, warnte vor Deindustrialisierung im kritischen industriellen Kern und stellte fest, dass Deutschland im globalen Wettbewerbsvergleich der Energiekosten mit großem Abstand das Schlusslicht bilde – hinter den USA, China, dem Nahen Osten und dem restlichen Europa. Im Jahr 2022 und 2023 zahlten europäische Industriekunden zudem fünf- bis sechsmal mehr für Gas als US-amerikanische Konkurrenten.
Es wäre jedoch zu simpel, diese Entwicklung ausschließlich Merkel anzulasten. Die strukturellen Probleme des deutschen Industriestandorts – überbordende Bürokratie, Fachkräftemangel, chronische Unterinvestition in die Infrastruktur – existierten bereits vor der Energiekrise. Der Universitätsforscher Moritz Schularick von der Universität Bonn wies 2023 darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft dem Ende der russischen Gasimporte letztlich standgehalten habe, was die in Prognosen befürchteten BIP-Einbrüche von bis zu drei Prozent in dieser Schärfe abmilderte. Gleichwohl: Der Anpassungsprozess war kostspielig, schmerzhaft und hätte in großen Teilen vermieden werden können, wenn frühere Warnzeichen ernster genommen worden wären.
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Merkels Vermächtnis unter Beschuss: Wie interne Akten die Russlandpolitik entzaubern
Das Minsk-Abkommen: Friedensinstrument oder strategische Zeitkauf-Politik?
Parallel zur Energiepolitik hat eine zweite Kontroverse Merkels außenpolitisches Vermächtnis beschädigt: ihre eigene Charakterisierung des Minsker Abkommens. Ende 2022 äußerte die Ex-Kanzlerin in Interviews mit Die Zeit und dem Spiegel, das Minsker Abkommen von 2014 sei der Versuch gewesen, der Ukraine Zeit zu geben – Zeit, die die Ukraine auch genutzt habe, um stärker zu werden. Merkels Mitstreiter François Hollande bestätigte diese Lesart gegenüber dem Kyiv Independent.
Diese Aussagen lösten eine scharfe Debatte aus. Kritiker warfen Merkel vor, damit nachträglich eingestanden zu haben, dass das Abkommen in Wirklichkeit kein ehrliches Friedensprojekt gewesen sei, sondern ein diplomatisches Mittel, um Zeit für die militärische Aufrüstung der Ukraine zu gewinnen. Befürworter der Kanzlerin entgegnen, in Minsk habe man das Optimale aus einer schwachen Verhandlungsposition herausgeholt: Die ukrainische Armee stand damals vor dem Zusammenbruch, und ein eingefrorener Konflikt war der verfügbare Kompromiss. Beide Lesarten haben ihre innere Logik. Was bleibt, ist die Beobachtung, dass ein solches nachträgliches Bekenntnis – falls es als Eingeständnis einer strategischen Täuschung verstanden wird – das Vertrauen in die diplomatische Verlässlichkeit des Westens insgesamt belastet.
Für Toveri ist die Verbindung zwischen diesem Mindset und dem späteren Scheitern klar: Der übersteigerte Glaube an die transformative Kraft von Diplomatie und wirtschaftlicher Verflechtung habe Russland die Zeit und den Raum verschafft, seinen Angriff militärisch vorzubereiten. Diese Perspektive erklärt, warum viele kleine und mittlere osteuropäische Staaten, die seit 1991 permanent auf die russische Bedrohung hingewiesen haben, das westeuropäische Reaktionsmuster der Jahre 2008 bis 2022 als eine Art strukturelles Versagen betrachten – nicht als bösen Willen, sondern als eine gefährliche Mischung aus Naivität, wirtschaftlichen Interessen und dem Wunsch, der eigenen Bevölkerung die Komfortzone der Normalisierung zu erhalten.
Die Doktrin des Wandels durch Handel: Idee, Anwendung und Scheitern
Das Konzept des „Wandels durch Handel“ hat tiefe Wurzeln in der deutschen Außenpolitik. Es knüpft an die sozialdemokratische Ostpolitik Willy Brandts an, die in der Tat nachweisbare Erfolge beim Abbau von Spannungen im Kalten Krieg hatte. In der Ära Merkel wurde dieses Prinzip zu einer Art meta-politischen Doktrin erhoben, die gleichermaßen auf Russland wie auf China angewendet wurde: Durch tiefe wirtschaftliche Verflechtung sollten autoritäre Systeme allmählich zur Öffnung und zu rechtsstaatlichen Reformen bewegt werden.
Was in Teilen für das Deutschland des Kalten Krieges funktioniert hatte, erwies sich unter fundamental anderen geopolitischen Bedingungen als Irrglaube. Russland nutzte die wirtschaftliche Interdependenz nicht als Anreiz zur politischen Mäßigung, sondern als Druckmittel. Die Energieabhängigkeit wurde – wie etwa der Politikwissenschaftler Andreas Heinemann-Grüder vom Bonn International Centre for Conflict Studies beschreibt – zur strukturellen Schwäche des westlichen Bündnisses. China zog analoge Konsequenzen: Auch dort haben intensivierte Wirtschaftsbeziehungen der vergangenen zwei Jahrzehnte weder zur Demokratisierung noch zur außenpolitischen Mäßigung geführt. Ein DW-Kommentator nannte den Wandel-durch-Handel-Ansatz für China treffend eine „Lebenslüge der deutschen Außenpolitik“.
Dass diese Doktrin scheitern würde, war indes nicht zwingend vorherzusagen – und wurde von seriösen Ökonomen und Politikwissenschaftlern noch bis weit in die 2010er Jahre als plausible Option verteidigt. Das macht das Scheitern nicht weniger folgenreich, aber es verlangt ein differenziertes Urteil: Merkel operierte in einem Konsens, den viele ihrer europäischen und deutschen Zeitgenossen teilten. Die Frage, die bleibt, ist nicht ob, sondern ab wann und mit welchem Gewicht die entgegenstehenden Signale hätten ernst genommen werden müssen – und ob tatsächlich, wie die nun veröffentlichten Kanzleramtsdokumente nahelegen, wider besseres Wissen gehandelt wurde.
Was die Kanzleramtsdokumente enthüllen: Das Wissen um die Risiken
Die Veröffentlichung interner Kanzleramtsunterlagen durch die Süddeutsche Zeitung im Jahr 2025 stellt das bislang überzeugendste Argument für eine kritische Neubewertung der Merkel-Ära dar. Die Dokumente belegen: Das Bundeskanzleramt hat die Risiken der Gazprom-Expansion in Deutschland, des Gasspeicher-Deals und der damit verbundenen energiepolitischen Abhängigkeit intern klar benannt – und die Kanzlerin war darüber informiert. Dennoch wurde weder der Gasspeicher-Verkauf verhindert, noch wurde das Nord-Stream-2-Projekt trotz der Krim-Annexion gestoppt oder auch nur grundsätzlich infrage gestellt.
Michael Kellner, ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium der Ampel-Regierung, formulierte es gegenüber der Süddeutschen Zeitung direkt: Merkel habe über die Risiken Bescheid gewusst und sei ihnen geflissentlich aus dem Weg gegangen. Damit sei sie ihrem Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, nicht gerecht geworden. Die Grünen-Fraktion forderte im Mai 2025 einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Diese Forderung trifft auf den Widerstand von CDU/CSU, die das Erbe der langjährigen Regierungschefin zu schützen bestrebt sind – womit der Vorgang die Grenzlinie zwischen historischer Aufarbeitung und aktivem Parteienkampf überschreitet und damit an analytischer Trennschärfe zu verlieren droht.
Dennoch bleibt der dokumentierte Sachverhalt bestehen: Es handelte sich nicht allein um eine tragische Fehleinschätzung, sondern um eine politische Entscheidung, die gegen explizite interne Warnungen getroffen wurde. Der Unterschied zwischen Irrtum und Fahrlässigkeit – in juristischer wie in politisch-ethischer Hinsicht – ist dabei von erheblicher Bedeutung für das historische Urteil.
Der Orden im Widerspruch: Was Europa mit seiner Ehrungspraxis ausdrückt
Vor dem Hintergrund dieser Sachverhalte stellt sich die Frage, was der Europäische Verdienstorden mit seiner ersten Vergabe aussagt. Es ist zulässig, Merkels Verdienste um die europäische Integration zu würdigen: Sie war tatsächlich in zentralen Krisen – der Eurozonen-Krise 2010–2012, der Flüchtlingsbewegung 2015 und der COVID-Pandemie – eine stabilisierende Kraft für den europäischen Zusammenhalt. Ihre 16-jährige Amtszeit hat das institutionelle Gefüge der EU nicht zerrissen, sondern in schwierigen Verhandlungen zusammengehalten. Das EU-Parlament würdigt damit, nach eigenen Angaben, Menschen, die sich um die EU und deren Werte verdient gemacht haben.
Gleichzeitig zeigt die Kontroverse, dass eine einseitige Ehrung ohne Kontextualisierung des Versagens ein politisch problematisches Signal setzt – insbesondere für jene Mitgliedstaaten, die auf Basis eigener historischer Erfahrungen stets ein anderes Russlandbild vertreten haben. Toveri bringt diesen Widerspruch auf den Punkt: Ein Orden, der jemanden in die höchste Kategorie hebt, ohne die sicherheitspolitischen Fehlentscheidungen dieser Person zu thematisieren, reproduziert implizit die Fehlannahmen, die zu diesen Entscheidungen geführt haben. Europäische Werte, so ließe sich argumentieren, schließen auch die Fähigkeit zur ehrlichen Selbstkritik ein – und die Bereitschaft, den kleinen Partnern zuzuhören, die unbequeme Wahrheiten früher erkannt haben.
Das Muster hinter dem Versagen: Strukturelle Ursachen einer Fehlpolitik
Es wäre analytisch zu kurz gegriffen, das Versagen der deutschen Russlandpolitik allein auf eine einzelne Entscheidungsträgerin zurückzuführen. Das politische System der Bundesrepublik, die Wirtschaftslobbys der Energiewirtschaft und der chemischen Industrie, die Interessen der SPD-nahen Gewerkschaftsbewegung, die östliche Nachfrage nach billigem Industriegas sowie die strukturelle Trägheit etablierter Energiepartnerschaften – all das bildete ein Interessengeflecht, das auf Kontinuität drängte und politischen Widerstand gegen Nord Stream 2 marginalisierte. Das Kanzleramt beschrieb das Projekt selbst konsequent als kommerzielles Vorhaben, nicht als geopolitische Frage – eine Rahmensetzung, die politische Kritik konzeptionell bereits vorab entwertete.
Zudem ist die intellektuelle Redlichkeit geboten, zuzugestehen, dass die Alternative – ein vollständiger Bruch mit Russland nach 2014 – mit erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Kosten verbunden gewesen wäre, die die damalige politische Klasse ihrer Bevölkerung kaum zumuten zu können glaubte. Die Frage ist nicht, ob diese Kosten tragbar gewesen wären – die spätere Entwicklung hat gezeigt, dass die Kosten des Nichthandelns weit höher waren –, sondern wie es möglich war, dass die Risikokalkulation so systematisch zuungunsten der Sicherheitsperspektive ausfiel.
Ein differenziertes Urteil: Verdienste anerkennen, Versagen benennen
Die historische Einordnung Angela Merkels als Staatsfrau verlangt eine Unterscheidung zwischen mindestens drei Dimensionen ihres Erbes. Erstens: Ihre Leistungen als Krisenmanagerin des institutionellen Europas sind real und dokumentiert. Zweitens: Ihre Russlandpolitik war kein idiosynkratisches Projekt, sondern repräsentierte den herrschenden westeuropäischen Konsens ihrer Zeit – einen Konsens allerdings, gegen den die östlichen NATO-Partner permanent und erfolglos protestierten. Drittens: Die nun zugänglichen Dokumente legen nahe, dass Entscheidungen wider besseres Wissen getroffen wurden, was das Urteil von einem ehrlichen Irrtum in Richtung einer politischen Fahrlässigkeit verschiebt.
Ein Orden kann und darf Verdienste würdigen, ohne eine Gesamtbilanz zu ziehen. Aber die Reaktionen aus Finnland und dem Baltikum machen deutlich, dass Europa als Gemeinschaft noch keine gemeinsame Sprache für den Umgang mit diesem Kapitel seiner Geschichte gefunden hat. Das ist nicht mehr nur Merkels persönliches Problem – es ist ein Problem der europäischen Erinnerungskultur und der Fähigkeit des Kontinents, aus strukturellen Politikfehlern zu lernen, bevor die nächste Bewährungsprobe kommt.

