Karussellgeschäfte vs. Cum-Ex: Der viel größere Steuerskandal in der EU, den niemand kennt? – Warum Politik und Medien schweigen
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Veröffentlicht am: 1. Februar 2026 / Update vom: 1. Februar 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Karussellgeschäfte vs. Cum-Ex: Der viel größere Steuerskandal in der EU, den niemand kennt? – Warum Politik und Medien schweigen – Bild: Xpert.Digital
Die 50-Milliarden-Euro-Masche: Wie Karussellbetrug die EU ausbeutet – und warum kaum jemand davon weiß
Das vergessene Milliardenchaos: Karussellbetrug als Europas größter unterschätzter Steuerbetrug
Während der Cum-Ex-Skandal als Inbegriff krimineller Finanzakrobatik die Schlagzeilen der letzten Jahre dominierte und Politik wie Justiz erschütterte, findet im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit ein weitaus gewaltigerer Raubzug an den europäischen Steuerzahlern statt: der sogenannte Karussellbetrug. Die Zahlen sind so schwindelerregend wie alarmierend. Während Cum-Ex über einen Zeitraum von 20 Jahren einen Gesamtschaden von rund 150 Milliarden Euro verursachte – was einem jährlichen Durchschnitt von etwa 7,5 Milliarden Euro entspricht –, verliert die Europäische Union durch Umsatzsteuerkarusselle jedes Jahr schätzungsweise 50 Milliarden Euro. Allein in Deutschland verschwinden so jährlich bis zu 15 Milliarden Euro im Nirgendwo.
Trotz dieser gigantischen Dimensionen, die sich über drei Jahrzehnte auf eine unvorstellbare Summe von 1,5 Billionen Euro aufaddieren, bleibt der Aufschrei in den Medien und der Öffentlichkeit weitgehend aus. Karussellbetrug ist die „stille Milliarden-Masche“, die das europäische Mehrwertsteuersystem systematisch aushebelt. Dabei nutzen kriminelle Netzwerke die grenzüberschreitenden Handelsregeln der EU aus, um sich Umsatzsteuern erstatten zu lassen, die zuvor niemals an den Staat abgeführt wurden. Es ist ein perfekt organisierter Kreislauf aus Scheinfirmen, “Missing Tradern” und hochpreisigen Waren – von Mobiltelefonen über CO2-Zertifikate bis hin zu Luxusautos.
Warum aber wird über diesen permanenten Ausnahmezustand der Finanzbehörden so wenig berichtet? Während Cum-Ex mit prominenten Bankern und politischen Verstrickungen ein Gesicht bekam, bleibt der Karussellbetrug aufgrund seiner technokratischen Komplexität und anonymen Strukturen für viele schwer greifbar. Zudem offenbart der Skandal ein erschreckendes Versagen der Politik: Behörden tappen mangels statistischer Erfassung oft im Dunkeln, und wichtige IT-Abwehrsysteme wurden in Deutschland erst mit erheblicher Verzögerung eingeführt.
In diesem Artikel werfen wir Licht in das Dunkelfeld des größten Steuerskandals Europas. Wir erklären, wie die Masche funktioniert, warum Deutschland bei der Bekämpfung hinterherhinkt und wieso es trotz effektiver Lösungsansätze wie dem Reverse-Charge-Verfahren Jahrzehnte dauert, bis der Staat den Dieben das Handwerk legt. Es ist die Geschichte eines systematischen Plünderns der Staatskassen, das uns alle betrifft – und über das wir endlich sprechen müssen.
Karussellbetrug vs. Cum-Ex: Der systematische Steuerskandal, der Cum-Ex jährlich übersteigt
- Jährlicher Schaden Karussellbetrug (EU): ~50 Milliarden Euro
- Cum-Ex Gesamtschaden (20 Jahre): ~150 Milliarden Euro
- Pro Jahr beim Cum-Ex-Durchschnitt: ~7,5 Milliarden Euro
Was ist ein Karussellgeschäft und wie funktioniert der Betrug?
Ein Karussellgeschäft, auch als Karussellbetrug oder Missing-Trader-Betrug bezeichnet, stellt eine in der Europäischen Union weit verbreitete Form des Steuerbetrugs dar, die das europäische Mehrwertsteuersystem systematisch ausnutzt. Dabei handelt es sich um eine hochkomplexe Betrugsmasche, bei der mehrere Unternehmen in verschiedenen EU-Mitgliedstaaten zusammenwirken, um sich unrechtmäßig Umsatzsteuer erstatten zu lassen, die niemals an die Finanzbehörden abgeführt wurde.
Das grundlegende Prinzip des Karussellbetrugs basiert auf drei wesentlichen Schritten, die sich im Kreis wiederholen können. Zunächst verkauft ein Unternehmen aus einem EU-Land Waren an einen Zwischenhändler in ein anderes EU-Land. Nach dem Bestimmungslandprinzip ist diese grenzüberschreitende Lieferung für den Verkäufer umsatzsteuerfrei, während der Käufer zwar Umsatzsteuer entrichten muss, diese aber sofort als Vorsteuer abziehen kann. Im zweiten Schritt verkauft der Zwischenhändler die Waren im Inland weiter und berechnet dabei Umsatzsteuer. Diese vereinnahmte Umsatzsteuer führt er jedoch nicht an das Finanzamt ab und verschwindet vom Markt, weshalb er als Missing Trader bezeichnet wird.
Im dritten Schritt verkauft der letzte Händler in der Kette die Waren wieder ins EU-Ausland zurück, wodurch diese Lieferung erneut umsatzsteuerfrei ist. Gleichzeitig kann dieser Händler jedoch die gezahlte Vorsteuer beim Finanzamt geltend machen und erhält diese zurückerstattet. Das Ergebnis ist verheerend für die Staatskasse: Der Missing Trader hat Umsatzsteuer kassiert, aber nicht abgeführt, während der letzte Händler sich Steuer erstatten lässt. Der Staat zahlt Geld zurück, das er niemals erhalten hat.
„Verschwindet vom Markt“ meint im Kontext des Umsatzsteuerkarussells nicht zwingend einen ordentlichen Konkurs, sondern vor allem:
- Die Firma reagiert nicht mehr: keine Steuererklärungen, keine Erreichbarkeit, kein Ansprechpartner, Post geht ins Leere.
- Häufig handelt es sich um eine Scheinfirma/Briefkastenfirma, die nur für wenige Monate genutzt wird und dann abgemeldet, liquidiert, weiterverkauft oder einfach faktisch „liegen gelassen“ wird.
- Geschäftsführer und Hintermänner sind meist nicht mehr auffindbar oder formell nur Strohmänner ohne Vermögen, sodass die Finanzverwaltung die offene Umsatzsteuer praktisch nicht beitreiben kann.
In der Praxis kann das also bedeuten: formelle Löschung, Scheininsolvenz, Sitzverlegung ins Ausland oder schlicht vollständige Nichterreichbarkeit – entscheidend ist, dass der Staat an das Geld nicht mehr herankommt.
Welche Branchen und Produkte sind besonders betroffen?
Die Betrugsmethode konzentriert sich traditionell auf Waren, die geringes Volumen bei gleichzeitig hohem Wert aufweisen, da diese leicht transportiert und mehrfach über Grenzen bewegt werden können. Die Produktpalette hat sich im Laufe der Zeit deutlich entwickelt und an veränderte Marktbedingungen angepasst.
In den Anfangsjahren begannen die Betrüger mit einfachen Lebensmitteln wie Zwiebeln und Kartoffeln. Später verlagerte sich der Fokus auf hochwertige Waren mit geringem Volumen, insbesondere Metalle wie Aluminium. Einen besonderen Schwerpunkt bildete dann der Handel mit Elektronikgeräten wie Computerchips, Mobiltelefonen, Tablets und Spielkonsolen, die aufgrund ihres hohen Wertes und der einfachen Transportierbarkeit ideal für Karussellgeschäfte geeignet waren.
Besonders spektakulär war die Phase des CO2-Emissionshandels zwischen 2009 und 2010, als Betrüger auf CO2-Zertifikate umstiegen. Diese digital handelbaren Emissionsrechte ermöglichten es, innerhalb kürzester Zeit enorme Transaktionsvolumen zu bewegen, ohne dass physische Waren transportiert werden mussten. Europol schätzte den Schaden durch CO2-Karussellbetrug auf fünf bis zehn Milliarden Euro. Nach der Schließung dieser Lücke wanderte der Betrug weiter in den Energiesektor, zunächst zu Gas und Elektrizität, später zu Ökostromzertifikaten.
Aktuell sind Karussellbetrüger vor allem im Getränke- und Kraftfahrzeughandel aktiv. Besonders der Handel mit Luxusautos hat sich zu einem bevorzugten Betrugsfeld entwickelt. Die Staatsanwaltschaft Augsburg, eine der führenden Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Karussellbetrug in Deutschland, ermittelte seit Mitte 2011 gegen 350 Beschuldigte, wobei gegen 116 Personen Anklage erhoben wurde.
Welche Dimensionen erreicht der Schaden durch Karussellbetrug?
Die finanziellen Verluste durch Karussellbetrug erreichen schwindelerregende Höhen, die das Ausmaß anderer Steuerskandale bei weitem übertreffen. Nach Schätzungen von Experten und Europol verliert die Europäische Union jährlich rund 50 Milliarden Euro durch Umsatzsteuerkarusselle. Über einen Zeitraum von 30 Jahren summiert sich dieser Schaden auf unfassbare 1,5 Billionen Euro an gestohlenen Steuereinnahmen.
Für Deutschland allein beziffern Experten den jährlichen Steuerschaden auf fünf bis 14 Milliarden Euro, wobei einige Schätzungen sogar von bis zu 15 Milliarden Euro ausgehen. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel berechnete 2020, dass der Schaden innerhalb der EU durch Umsatzsteuerkarusselle bis zu 64 Milliarden Euro pro Jahr betragen könnte, wovon zwölf bis 15 Milliarden auf Deutschland entfallen dürften.
Diese Zahlen sind jedoch mit erheblicher Unsicherheit behaftet, da weder der Bund noch die Bundesländer statistische Aufzeichnungen darüber führen, in welcher Höhe Steuerausfälle durch Umsatzsteuerkarusselle entstehen. Auf eine parlamentarische Anfrage antwortete die Bundesregierung ausweichend, es lägen keine Erkenntnisse zur Häufigkeit, Größenordnung oder Höhe des Schadens vor. Die Bundesregierung hat bis auf ein Planspiel aus 2005 keine Studien zu Umsatzsteuerbetrug oder Umsatzsteuer-Karussellen in Auftrag gegeben.
Der größte einzelne Fall, der bisher aufgedeckt wurde, ist die Operation Admiral der Europäischen Staatsanwaltschaft EPPO. Diese Ermittlung begann im April 2021 mit der Prüfung einer kleinen Firma in Portugal, die mit Mobiltelefonen und Elektronikgeräten handelte. Innerhalb von 18 Monaten deckte die EPPO ein Netzwerk von fast 9000 Unternehmen und mehr als 600 Personen auf, das sich über 22 EU-Staaten und zahlreiche Drittländer erstreckte. Der geschätzte Schaden belief sich auf 2,9 Milliarden Euro, später sogar auf 3 Milliarden Euro.
Welche prominenten Fälle von Karussellbetrug wurden bekannt?
Mehrere spektakuläre Fälle verdeutlichen die Dimension und Professionalität des organisierten Karussellbetrugs. Der Fall der Deutschen Bank im CO2-Zertifikatehandel zwischen 2009 und 2010 gehört zu den bekanntesten Skandalen in Deutschland. Dreizehn Mitarbeiter der Bank wurden verurteilt, weil sie das Institut als Zwischenhändler beim illegalen Karussellhandel mit CO2-Emissionszertifikaten eingebunden hatten. Der Steuerschaden belief sich auf 145 Millionen Euro. Die Deutsche Bank hat die entstandene Steuerschuld ausgeglichen, das Institut selbst wurde nicht beschuldigt, da es in Deutschland kein Unternehmensstrafrecht gibt.
Im Mittelpunkt des Skandals stand ein Abteilungsleiter, der für den Geschäftsbereich Emission Sales verantwortlich war. Er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er aufkommende Zweifel anderer Mitarbeiter zerstreute und eine angeblich positive Überprüfung einer dubiosen Firma vortäuschte. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung.
Der Fall des britischen Staatsangehörigen Imran Ahmed zeigt die internationale Dimension des Karussellbetrugs und die Schwierigkeiten bei der strafrechtlichen Verfolgung. Ahmed, der aus Preston im Nordwesten Englands stammt, stand bereits seit 1998 unter Beobachtung der britischen Behörden wegen möglicher Verbindungen zu Kriminalität und Terrorismus. Er baute über Jahre ein internationales Netzwerk auf, das mit Mobiltelefonen, Textilien, CO2-Zertifikaten und schließlich mit Metallhandel tätig war.
Nach Schätzungen soll Ahmed für einen Steuerschaden von insgesamt 110 Millionen Euro verantwortlich sein, wobei nur 40 Millionen Euro anklagbar waren. Im November 2010 wurde er am Flughafer Manchester wegen Geldwäsche festgenommen, aber kurz darauf wieder freigelassen und reiste nach Dubai. Dort lebt er bis heute als freier Mann in luxuriösen Verhältnissen. Bei seiner Festnahme wurden Beweise für ein Vermögen von über 40 Millionen Pfund an Immobilienbesitz in England, Indien und Dubai gesichert, darunter zwei Etagen im Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt.
Da Ahmed in Dubai für die europäische Justiz praktisch unerreichbar ist, einigte man sich mit seinen Anwälten auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Vom ursprünglich auf eine Milliarde Euro geschätzten Steuerschaden blieb bei der Urteilsverkündung Ende 2017 eine Rückforderung von 80 Millionen Euro. Tatsächlich zurückgeholt wurden jedoch lediglich rund vier Millionen Euro, die auf einem italienischen Konto rechtzeitig gesichert werden konnten.
Ein weiterer aufsehenerregender Fall betraf einen ehemaligen Handyhändler namens Amir Baher, dessen Name von den Medien geändert wurde. Der Teenager schaffte es vom kleinen Handyhändler zum Multimillionär. 2014 wurde er festgenommen und wegen Steuerhinterziehung von rund 40 Millionen Euro verurteilt. Zu seinen gehandelten Waren zählten vor allem Mobiltelefone, Konsolen und CO2-Zertifikate. Sein Geld verdiente er nur zu einem Bruchteil mit dem tatsächlichen Verkauf seiner Waren. Hauptsächlich ließ er die angebotenen Produkte mit verschiedenen Missing-Trader-Unternehmen über mehrere EU-Länder hinweg im Kreis laufen.
Im Jahr 2024 wurden in Berlin zwei Männer wegen eines europaweit gestreckten Karussellgeschäfts mit Luxusautos und medizinischen Masken verurteilt. Sie sollen keine Umsatzsteuer abgeführt und sich den Vorsteuerabzug zurückerstatten lassen haben. Der Schaden für den Fiskus wurde auf circa 50 Millionen Euro geschätzt. Die Ermittlungen erstreckten sich durch Deutschland, Tschechien, Polen, Frankreich und Kroatien. Die Männer wurden zu zehn Jahren beziehungsweise acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
Die Operation Vortex der EPPO im Juli 2025 zielte auf einen Karussellbetrug mit Luxusautos im Wert von mindestens 100 Millionen Euro. Bei koordinierten Durchsuchungen in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Ungarn und der Slowakei wurden sechs Personen festgenommen. Mehr als 20 Millionen Euro an Vermögenswerten wurden beschlagnahmt, darunter Bankkonten, Immobilien und Luxusfahrzeuge. Die kriminellen Gruppen verkauften Tausende Fahrzeuge unter Verwendung von Scheinfirmen und gefälschten Dokumenten.
Warum ist Karussellbetrug so schwer aufzudecken?
Die Aufdeckung von Karussellbetrug stellt die Steuerbehörden vor immense Herausforderungen, die in der Struktur des Betrugs selbst begründet liegen. Die Komplexität erhöht sich durch den grenzüberschreitenden Charakter der Transaktionen, den Einsatz weiterer Strohfirmen und andere verschleiernde Elemente, was die Aufdeckung für die Steuerbehörden nahezu unmöglich macht.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass die beteiligten Unternehmen sich gegenüber der Finanzverwaltung zunächst unauffällig verhalten. Ohne umfassende Ermittlung der Hintergründe können die anderen Unternehmen nicht zur Verantwortung gezogen werden. Der Missing Trader verschwindet in der Regel nach etwa einem halben Jahr vom Markt, bevor das Finanzamt den Betrug bemerkt.
Die Waren durchlaufen dabei einen Kreislauf, bei dem sie mit jeder zusätzlichen Transaktion mehrmals die Besitzer wechseln. Mit jedem Zwischenschritt steigt die Möglichkeit, unrechtmäßig hohe Gewinne zu erzielen, während gleichzeitig die Spurensuche für Ermittler immer schwieriger wird. Häufig werden dabei zusätzliche Schein- und Strohfirmen eingesetzt, die beträchtliche Umsatzsteuerbeträge manipulieren.
Die grenzüberschreitende Natur des Betrugs erschwert die Verfolgung zusätzlich. Nach dem Bestimmungslandprinzip erfolgt keine Verrechnung mit der Vor- oder Umsatzsteuer aus weiteren Teilen der Lieferkette, da die Umsatzsteuer nicht im Ursprungsland, sondern im Bestimmungsland anfällt. Dies führt dazu, dass verschiedene nationale Finanzbehörden beteiligt sind, die oft nur schwer Informationen austauschen können.
Die Ermittlungen dauern in der Regel mehrere Jahre. Die Staatsanwaltschaft Augsburg, die als eine der kompetentesten und engagiertesten Ermittlungsbehörden beim Thema Karussellbetrug gilt, hat seit Mitte 2011 umfangreiche Ermittlungen geführt, die sich von zunächst wenigen Beschuldigten auf mehr als 350 Personen erweiterten. Es wurden acht verschiedene Organisationen identifiziert, die mehrere Karussellstränge betrieben haben. Es handelt sich dabei um hochprofessionelle, im Ausland ansässige Organisationen.
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Der größte Steuerraub, von dem Sie noch nie gehört haben?
Wie steht Deutschland bei der Bekämpfung von Karussellbetrug da?
Deutschland zeigt bei der Bekämpfung von Karussellbetrug erhebliche Defizite, sowohl in der Datenerfassung als auch bei der internationalen Zusammenarbeit. Die Antworten der Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen offenbaren ein erschreckendes Bild der Ahnungslosigkeit. Weder das Bundes- noch die Landesfinanzministerien verfügen über konkrete Daten zur Häufigkeit, Größenordnung oder Höhe des Schadens durch Karussellbetrug. Fälle mit Umsatzsteuerkarussellen werden statistisch nicht gesondert erfasst.
Fabio De Masi, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, kritisierte diese Situation scharf: “Bund und Länder tappen ohne eigene Daten im Dunkeln, während Kriminelle den Staat bei der Umsatzsteuer ausnehmen, wie eine Weihnachtsgans.” Tim Pargent von den bayerischen Grünen ergänzte: “Der Mangel an konkreten Daten und differenzierten Statistiken im Bereich der Steuer- und Finanzkriminalität erschwert die politische Lösungsfindung massiv”.
Ein besonders kritischer Punkt ist die zögerliche Haltung Deutschlands gegenüber dem europäischen Frühwarnsystem TNA (Transaction Network Analysis). Dieses System ermittelt durch künstliche Intelligenz grenzüberschreitenden Umsatzsteuerbetrug und startete im Mai 2019. Deutschland war neben Großbritannien das einzige EU-Land, das zunächst nicht aktiv am TNA-System teilnahm. Die Bundesregierung hatte Anfang Mai 2019 noch Bedenken wegen des Steuergeheimnisses und des Datenschutzes geäußert.
Während andere Länder das System bereits nutzten, prüfte Deutschland noch monatelang mit den 16 Bundesländern die Strukturen, die dieses Instrument ermöglichen sollten. Solche Verzögerungen kosten den deutschen Fiskus jeden Tag Geld. Prof. Marie Lamensch, Expertin für europäische Steuersysteme von der Freien Universität Brüssel, kommentierte: “Wenn die Menschen in Deutschland das wüssten, wären sie wirklich sauer auf die Regierung”.
Der Bundesrechnungshof kritisierte 2020 in einem umfassenden Bericht die unzureichende IT-Unterstützung bei der Betrugsbekämpfung. Zentrale nationale Systeme für die umsatzsteuerliche Kontrolle seien veraltet. Ein nationales IT-Tool für das europäische Frühwarnsystem EUROFISC sei noch nicht entwickelt. Zudem fehle den Zentralstellen für die Betrugsbekämpfung die technische Infrastruktur für einen automatisierten Datenaustausch.
Hinzu kommt, dass effektive Betrugsbekämpfungsinstrumente geschwächt wurden. Die monatliche Erklärungspflicht für Neugründer, die ein wichtiges Frühwarninstrument darstellte, wurde für mehrere Jahre ausgesetzt. Die Umsatzsteuer-Sonderprüfung weist seit Jahren kontinuierlich sinkende Prüfquoten auf, obwohl sie sich als effektives Instrument zur Betrugsbekämpfung bewährt hatte.
Gibt es wirksame Lösungen gegen Karussellbetrug?
Experten sind sich weitgehend einig, dass das sogenannte Reverse-Charge-Verfahren die wirksamste Lösung gegen Karussellbetrug darstellt. Bei diesem Verfahren wird die Steuerschuldnerschaft umgekehrt: Nicht der leistende Unternehmer führt die Umsatzsteuer ab, sondern der Leistungsempfänger. Dieser muss zwar die Umsatzsteuer entrichten, kann sie aber gleichzeitig als Vorsteuer geltend machen. Im Ergebnis entsteht ein Nullsummenspiel, das den Anreiz für Karussellbetrug eliminiert.
Das Reverse-Charge-Verfahren würde den Warenhandel zwischen Unternehmen von der Umsatzsteuer befreien und damit die Anreize für den Karussellbetrug abschaffen. Der Missing Trader könnte keine Umsatzsteuer mehr einbehalten, da diese gar nicht erst gezahlt wird. Gleichzeitig gäbe es keine unrechtmäßigen Vorsteuererstattungen mehr, da der letzte Händler in der Kette die Steuer selbst abführen müsste.
In Deutschland wird das Reverse-Charge-Verfahren bereits für bestimmte betrugsanfällige Branchen und Warengruppen verpflichtend angewendet, insbesondere im Bausektor und beim Handel mit Mobiltelefonen, Tablet-PCs, Computer-Chips und Spielekonsolen. Diese Maßnahmen haben in den betroffenen Bereichen die Betrugsfälle deutlich reduziert.
Die bayerische Landesregierung und Politiker verschiedener Parteien fordern eine EU-weite Ausweitung des Reverse-Charge-Verfahrens. Fabio De Masi forderte: “Finanzminister Olaf Scholz sollte sich für ein Reverse-Charge-Verfahren in der EU einsetzen.” Die Position Deutschlands bei der Diskussion über ein generelles Reverse-Charge-Verfahren auf europäischer Ebene ist jedoch nicht klar.
Ein weiteres wichtiges Instrument ist das erwähnte TNA-System im Rahmen von EUROFISC, dem multilateralen Frühwarnsystem der Mitgliedstaaten. Durch automatisierte Datenanalyse und künstliche Intelligenz können verdächtige Netzwerke frühzeitig aufgedeckt werden. Das System ermöglicht es, Transaktionsmuster zu erkennen, die auf Karussellbetrug hindeuten, und diese Informationen schnell zwischen den Mitgliedstaaten auszutauschen.
Präventive Maßnahmen für Unternehmen umfassen die sorgfältige Überprüfung von Geschäftspartnern. Verdächtige Anzeichen sind unter anderem Barzahlung von höheren Beträgen, Bankkonten in einem anderen Land als die Geschäftsadresse, Zweifel an der UID-Nummer oder steuerlichen Registrierung sowie ungewöhnlich hohe Provisionen. Unternehmen sollten die Identität und Adresse möglicher Vertragspartner an deren Geschäftsadresse überprüfen und eine weitere Person einbeziehen, die diese Überprüfung bestätigen kann.
Warum ist Karussellbetrug in den Medien und der Öffentlichkeit kaum bekannt?
Die geringe öffentliche Bekanntheit von Karussellbetrug im Vergleich zu anderen Finanzskandalen wie Cum-Ex ist ein vielschichtiges Phänomen, das mehrere Ursachen hat. Dabei übersteigt der jährliche Schaden durch Karussellbetrug in Höhe von 50 Milliarden Euro in der EU den gesamten Cum-Ex-Schaden von geschätzten 150 Milliarden Euro über 20 Jahre deutlich, wenn man die Zeiträume vergleicht.
Ein wesentlicher Grund liegt in der Komplexität des Betrugs. Während Cum-Ex-Geschäfte zwar ebenfalls kompliziert sind, konzentrieren sie sich auf Aktiengeschäfte rund um den Dividendenstichtag, was ein eingrenzbares und medial vermittelbares Konzept darstellt. Karussellbetrug hingegen umfasst verschiedenste Warengruppen, verändert sich ständig und erstreckt sich über multiple Jurisdiktionen. Die Mechanik ist für Laien schwerer zu verstehen als das bereits komplexe Cum-Ex-System.
Die Medienberichterstattung zu Cum-Ex profitierte von mehreren Faktoren, die beim Karussellbetrug fehlen. Erstens gab es bei Cum-Ex prominente Akteure wie Banken, die in der Öffentlichkeit bekannt waren, und Verbindungen zu Politikern wie Olaf Scholz im Zusammenhang mit der Warburg Bank. Diese personalisierte Berichterstattung erzeugt mehr öffentliche Aufmerksamkeit als abstrakte Ermittlungen gegen anonyme Scheinfirmen.
Zweitens führte die intensive Recherche von Correctiv, Panorama und anderen Medien bei den CumEx-Files 2018 zu einem nachhaltigen Medienecho. Die Veröffentlichung wurde von einer groß angelegten Medienkampagne begleitet, die das Thema in den öffentlichen Fokus rückte. Obwohl Correctiv 2019 mit “Grand Theft Europe” eine vergleichbare Recherche zu Karussellbetrug veröffentlichte, die 35 Medien aus 30 Ländern umfasste, blieb das öffentliche Echo deutlich geringer.
Ein wichtiger Aspekt ist die juristische Klarheit. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2020 eindeutig, dass Cum-Ex-Geschäfte strafbar sind und nicht nur ein Steuerschlupfloch darstellen. Diese klare Einordnung als Straftat und die daraus resultierenden Verurteilungen mit teils hohen Haftstrafen machten das Thema nachrichtenwürdig. Bei Karussellbetrug fehlt häufig diese eindeutige Zuordnung, da viele Beteiligte unwissentlich in Betrugsketten verwickelt werden.
Die Beschaffenheit der Medienlandschaft spielt ebenfalls eine Rolle. Wirtschaftskriminalität und insbesondere Steuerbetrug gelten als sperrige Themen, die schwer zu vermitteln sind. Deutsche Medien konzentrieren sich eher auf innenpolitische Skandale mit direktem Personenbezug. Die grenzüberschreitende und anonyme Natur des Karussellbetrugs bietet weniger Anknüpfungspunkte für personalisierte Berichterstattung.
Die fehlende statistische Erfassung in Deutschland trägt zusätzlich dazu bei, dass das Thema nicht in der öffentlichen Debatte präsent ist. Ohne offizielle Zahlen und regelmäßige Berichte der Regierung fehlen die Anlässe für wiederkehrende Berichterstattung. Bei Cum-Ex gab es hingegen konkrete Schadensschätzungen, Gerichtsverfahren und parlamentarische Untersuchungsausschüsse, die kontinuierlich neue Nachrichten produzierten.
Ein weiterer Faktor ist die internationale Dimension. Während Cum-Ex primär als deutscher Skandal mit internationalen Verstrickungen wahrgenommen wurde, ist Karussellbetrug ein gesamteuropäisches Problem ohne klaren nationalen Schwerpunkt. Dies erschwert die mediale Einordnung und reduziert das nationale Identifikationspotenzial.
Die Rolle investigativer Journalisten und die Herausforderungen der Verdachtsberichterstattung dürfen nicht unterschätzt werden. Bei Cum-Ex gab es zugespitzte Dokumente und Insider-Informationen, die klare Narrative ermöglichten. Bei Karussellbetrug sind die Täter oft in Dubai oder anderen Jurisdiktionen außerhalb der EU, wodurch eine Berichterstattung rechtlich riskanter und faktisch schwieriger wird.
Schließlich spielt auch die Geschwindigkeit der Aufklärung eine Rolle. Cum-Ex entwickelte sich über Jahre zu einem Dauerthema mit regelmäßigen neuen Enthüllungen, Prozessen und politischen Konsequenzen. Karussellbetrug hingegen wird zwar seit Jahrzehnten bekämpft, aber ohne die öffentlichkeitswirksamen Höhepunkte, die Medienaufmerksamkeit generieren würden.
Welche Rolle spielt die Europäische Staatsanwaltschaft EPPO?
Die Europäische Staatsanwaltschaft EPPO, die im Juni 2021 ihre Arbeit aufnahm, markiert einen Wendepunkt in der Bekämpfung von grenzüberschreitendem Steuerbetrug. Die Organisation hat gezeigt, dass koordinierte europäische Ermittlungen deutlich effektiver sind als nationale Alleingänge.
Der Erfolg der Operation Admiral verdeutlicht die Schlagkraft der EPPO. Was im April 2021 als routinemäßige Überprüfung einer kleinen portugiesischen Firma begann, entwickelte sich innerhalb von 18 Monaten zur Aufdeckung des größten VAT-Karussellbetrugs, der jemals in der EU untersucht wurde. Die EPPO konnte durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit Verbindungen zwischen fast 9000 Unternehmen und über 600 Personen herstellen, die sich über 22 EPPO-Mitgliedstaaten sowie Drittländer wie China, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Schweiz und Großbritannien erstreckten.
Am 28. November 2022 führte die EPPO koordinierte Durchsuchungen in 14 EU-Mitgliedstaaten durch, bei denen über 200 Durchsuchungen stattfanden. Die kriminellen Aktivitäten umfassten nicht nur Steuerbetrug, sondern auch Geldwäsche und Verbindungen zu organisierter Kriminalität. Die Ermittlungen ergaben Hinweise auf russische organisierte Kriminalität, wobei Vermögenswerte im Austausch gegen Zahlungen und Einfluss auf die Geschäftsführung in die Operation eingebracht wurden.
Die EPPO konnte in Portugal bereits im Mai 2025 die ersten Verurteilungen im Rahmen der Operation Admiral erreichen. Zehn Personen und 13 Unternehmen wurden für schuldig befunden, eine der größten internationalen VAT-Betrugsfälle organisiert zu haben. Diese Verurteilungen stellen den ersten juristischen Ausgang einer umfangreichen, grenzüberschreitenden Untersuchung dar, die im Rahmen der EPPO weiterhin aktiv ist.
Ein tolerierter Milliardenbetrug?
Karussellbetrug stellt den größten laufenden Steuerbetrug in Europa dar, mit einem jährlichen Schaden von mindestens 50 Milliarden Euro EU-weit und bis zu 15 Milliarden Euro allein in Deutschland. Über drei Jahrzehnte summiert sich dies auf 1,5 Billionen Euro an gestohlenen Steuereinnahmen. Diese Gelder fehlen für Investitionen in Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und Sicherheit.
Die geringe öffentliche Bekanntheit des Phänomens steht in krassem Widerspruch zu seinem Ausmaß. Während Cum-Ex mit einem Gesamtschaden von etwa 150 Milliarden Euro über 20 Jahre hinweg intensive Medienaufmerksamkeit erhielt und zu politischen Konsequenzen führte, bleibt Karussellbetrug trotz eines vergleichbaren jährlichen Schadens weitgehend unbekannt. Dies liegt an der Komplexität des Betrugs, der fehlenden Personalisierung, der mangelhaften statistischen Erfassung und der grenzüberschreitenden Natur des Problems.
Deutschland hinkt bei der Bekämpfung massiv hinterher. Das Fehlen statistischer Daten, die zögerliche Teilnahme an europäischen Frühwarnsystemen und die unzureichende IT-Infrastruktur ermöglichen es kriminellen Organisationen, Jahr für Jahr Milliarden zu erbeuten. Die Bundesregierung hat seit 2005 keine Studien mehr zum Thema in Auftrag gegeben.
Dabei existieren wirksame Lösungen. Das Reverse-Charge-Verfahren hat sich in den Bereichen, in denen es angewendet wird, als effektiv erwiesen. Eine EU-weite Ausweitung würde den Anreiz für Karussellbetrug eliminieren. Die Erfolge der EPPO zeigen zudem, dass grenzüberschreitende Ermittlungen funktionieren können, wenn der politische Wille vorhanden ist.
Die Frage, ob Karussellbetrug ein tolerierter Steuerbetrug ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Einerseits gibt es engagierte Ermittlungsbehörden wie die Staatsanwaltschaft Augsburg und erfolgreiche Operationen wie Admiral. Andererseits sprechen die fehlende Datenerfassung, die jahrzehntelange Untätigkeit bei wirksamen Gegenmaßnahmen und die geringe öffentliche Aufmerksamkeit dafür, dass dem Problem nicht die Priorität eingeräumt wird, die seinem Ausmaß entsprechen würde. Jeden Tag gehen in der EU rund 136 Millionen Euro an Steuergeldern verloren, Geld, das die Bürger durch höhere Steuern oder schlechtere öffentliche Leistungen letztlich selbst tragen müssen.
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