
Die ökonomischen und politischen Kosten eines US-Präsidenten im Dauer-Skandalmodus: Sexualskandal, Justiz und ökonomische Vertrauenskrise – Bild: Xpert.Digital
Die ökonomischen und politischen Kosten eines Präsidenten im Dauer-Skandalmodus
Wie viel moralischer und wirtschaftlicher Kollateralschaden verträgt die amerikanische Demokratie noch?
Sexualskandal, Justiz und ökonomische Vertrauenskrise
Die Verurteilung des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump wegen sexuellen Missbrauchs und Verleumdung gegenüber der Autorin E. Jean Carroll markiert einen historischen Bruch: Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist ein Präsident rechtswirksam als Sexualstraftäter und Verleumder eingestuft, während er zugleich im Amt ist und zentrale wirtschafts- und sicherheitspolitische Entscheidungen verantwortet. Parallel dazu lasten weitere zivile und strafrechtliche Verfahren wegen Finanzbetrug, Schweigegeldzahlungen und Amtsmissbrauch auf seiner Person. Diese Gemengelage ist nicht nur ein moralisches und rechtsstaatliches Problem, sondern auch ein ökonomisches Risiko: Vertrauen in politische Institutionen, Vorhersehbarkeit wirtschaftspolitischer Entscheidungen und internationale Glaubwürdigkeit sind zentrale Produktionsfaktoren moderner Volkswirtschaften.
Die USA waren über Jahrzehnte geprägt von einem Zusammenspiel aus protestantischer Moral, marktwirtschaftlichem Pragmatismus und institutioneller Resilienz. Präsidenten wie Eisenhower, Reagan oder Obama standen – trotz politischer Kontroversen – persönlich für eine gewisse Basismoral, die von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert wurde. Skandale gab es, aber ein bereits verurteilter Sexualstraftäter im Amt war bislang unvorstellbar. Die Frage, was hier „nicht mehr stimmt“ in den USA, lässt sich nur beantworten, wenn man die juristische Entwicklung im Carroll-Komplex, die Wahrnehmung durch die Wähler, die wirtschaftlichen Daten und die langfristigen Transformationsprozesse der amerikanischen Gesellschaft zusammendenkt.
Im Folgenden wird zunächst der Carroll-Fall und die juristische Entwicklung skizziert, danach werden die politischen und ökonomischen Wirkungen analysiert: auf das Vertrauen in den Präsidenten, die Funktionsweise der republikanischen Partei, auf Konsumverhalten, Kapitalmärkte, internationale Wirtschaftsbeziehungen und die institutionelle Stabilität. Gleichzeitig wird die Rolle der US-Prüderie und moralischen Doppelstandards beleuchtet und die Frage gestellt, warum ein solcher Präsident trotz massiver Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverluste politisch überleben kann.
Historischer Bruch: Der Carroll-Fall und seine juristische Entwicklung
Der Ausgangspunkt ist ein Vorfall Mitte der 1990er Jahre im New Yorker Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman. E. Jean Carroll, eine bekannte Kolumnistin und Autorin, schilderte, dass sie Trump zufällig traf und er sie zunächst bat, ihm bei der Auswahl eines Frauengeschenks zu helfen. Die Situation entwickelte sich in eine Mischung aus spielerischer Provokation und sexueller Anspielung, die schließlich darin mündete, dass beide in eine Umkleidekabine gingen. Dort beschrieb Carroll einen gewaltsamen Übergriff: Trump habe sie gegen die Wand gedrückt, teilweise entkleidet und sie mit den Fingern und seinem Penis penetriert oder versucht zu penetrieren – gegen ihren Willen und unter Einsatz körperlicher Gewalt.
Carroll sprach darüber jahrzehntelang nicht öffentlich, was typisch ist für viele Opfer sexueller Gewalt, die Scham, Selbstzweifel und die Furcht vor der gesellschaftlichen Reaktion empfinden. Erst im Zuge von MeToo und einem sich verändernden Diskurs über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt ging sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Trump reagierte nicht mit juristisch vorsichtiger Distanz, sondern mit offenen Angriffen: Er bezeichnete Carroll sinngemäß als Lügnerin, phantasierte öffentlich darüber, sie sei „nicht sein Typ“, und stellte ihre Glaubwürdigkeit und Motive wiederholt in abwertender Weise infrage. Diese Kommunikationsstrategie war politisch kalkuliert, juristisch jedoch hoch riskant.
In einem Zivilverfahren in New York kam eine Geschworenenjury 2023 zu dem Ergebnis, dass Carrolls Darstellung eines sexuellen Übergriffs und der anschließenden Verleumdung durch Trump glaubwürdig und beweisbar sei. Juristisch wurde Trump nicht wegen „Vergewaltigung“ im engen strafrechtlichen Sinn des New Yorker Gesetzes verurteilt, sondern wegen sexuellen Missbrauchs beziehungsweise eines sexuellen Übergriffs sowie wegen Verleumdung. Das Gericht sprach Carroll rund fünf Millionen US-Dollar an Schadensersatz und Schmerzensgeld zu.
Später folgten weitere Urteile im Kontext seiner andauernden Verleumdungen, die in einem gesonderten Verfahren zu einer zusätzlichen Entschädigungssumme von über 80 Millionen US-Dollar führten. Damit belaufen sich die zivilrechtlichen Zahlungen aus Carroll-bezogenen Verfahren insgesamt auf eine Größenordnung von knapp 90 Millionen US-Dollar. Ein Berufungsgericht bestätigte Ende 2024 den Kern des Missbrauchsurteils und die Beweiswürdigung, der Supreme Court lehnte 2026 eine Berufung ab, wodurch die Urteile endgültig wirksam wurden.
Dieser juristische Strang ist eingebettet in eine breitere rechtliche Flanke: Zivilurteile wegen mutmaßlichem Finanzbetrug im Zusammenhang mit dem Trump-Imperium, strafrechtliche Verurteilung im Schweigegeldverfahren in New York, Ermittlungen zu Geheimdokumenten, zur Rolle Trumps beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 und zur Wahlmanipulation nach der Wahl 2020. Der Carroll-Fall ist dabei besonders symbolträchtig, weil er den Präsidenten nicht nur als möglicherweise korrupten Geschäftsmann oder machtbewussten Politiker, sondern als persönlich übergriffigen Täter gegenüber einer Frau markiert.
Moralische Doppelstandards: Prüderie, Sexualskandale und politisches Kalkül
Die USA pflegen eine ambivalente Sexualkultur. Einerseits gibt es stark ausgeprägte moralische Normen, insbesondere in konservativen, evangelikal geprägten Bereichen, die sexuelle Selbstdisziplin, traditionelle Rollenbilder und Familie hoch bewerten. Skandale um Ehebruch, Affären oder sexuelle Übergriffe haben in der Vergangenheit Karrieren zerstört – man denke an Politiker, Pastoren oder Lokalpolitiker, die wegen unehelicher Beziehungen oder sexuell expliziter Nachrichten zurücktreten mussten. Andererseits sind Sexualisierung, Pornografie, Promiskuität und mediale Zurschaustellung von Körperlichkeit tief in der Popkultur verankert.
In dieser Spannungslage entsteht bei Spitzenpolitikern ein besonderes Muster: Solange der eigene Kandidat als Garant für ökonomische Stärke, kulturellen Kampf gegen die „liberale Linke“ und Verteidiger traditioneller Werte inszeniert wird, sind viele Wähler bereit, sexuelle Grenzüberschreitungen zu relativieren oder zu verdrängen. Bill Clinton blieb trotz der Lewinsky-Affäre im Amt; Ronald Reagan und George W. Bush waren zwar nicht persönlich sexualskandalbelastet, aber schluckten im Umfeld ihrer Parteien Fälle von Doppelmoral.
Im Fall Trump ist die Prüderie der US-Gesellschaft mit einem hochgradig polarisierten politischen Umfeld verschränkt. Evangelikale und christlich-konservative Gruppen sehen in ihm eine Art „Werkzeug Gottes“, das trotz persönlicher Sünden eine konservative Agenda durchsetzt. Die moralische Verurteilung der Tat wird in der eigenen Gruppe überlagert durch das Gefühl, im kulturellen Krieg gegen „Gender-Ideologie“, Abtreibung, liberale Sexualmoral und vermeintlichen „Wokeismus“ einen starken Kämpfer zu brauchen.
Dass viele Amerikaner angewidert oder geschockt sind, zeigen Meinungsumfragen deutlich: Eine Mehrheit bewertet den Carroll-Fall negativ für Trump und hält die Urteile für gerechtfertigt. Gleichzeitig aber existiert eine stabile Minderheit – rund ein Drittel der Amerikaner – die den Präsidenten weiterhin unterstützt und seine Politik befürwortet, obwohl sie die Vorwürfe kennen. Diese Minderheit reicht in einem Mehrheitswahlsystem bei entsprechender geografischer Verteilung, Wahlbeteiligung und institutionellen Besonderheiten (Electoral College, Wahlrechtsbeschränkungen, Gerrymandering), um politische Macht zu erhalten.
Ökonomisches Vertrauen: Daten zur Zustimmung und wirtschaftspolitischen Bewertung
Ökonomisch besonders relevant ist nicht nur, ob Wähler Trump moralisch akzeptabel finden, sondern ob sie ihm zutrauen, die Wirtschaft zu steuern. Lange Zeit galt er für viele als „starker Wirtschaftsmann“, selbst in Phasen politischer und persönlicher Skandale. Dieses Bild hat sich in seiner zweiten Amtszeit deutlich eingetrübt.
Mehrere Umfragen zeigen, dass die Zustimmung zur wirtschaftspolitischen Leistung des Präsidenten auf historische Tiefstände gefallen ist. In einer CNBC-Umfrage billigen nur etwa 34 Prozent der Amerikaner sein Vorgehen gegen Inflation und Lebenshaltungskosten, während 62 Prozent es ablehnen. In anderen Erhebungen liegen seine Zustimmungswerte zur Wirtschaftspolitik bei etwa 38 Prozent, mit Ablehnungsraten um 57 Prozent – der schlechteste Wert seit Beginn seiner Amtszeit.
Eine Reihe von YouGov- und Economist-Umfragen zeichnet ein ähnliches Bild: Nettowerte im deutlich negativen Bereich, nur noch rund 29 bis 35 Prozent Zustimmung, während 60 bis über 60 Prozent seine wirtschaftspolitische Linie kritisieren. Besonders kritisch wird sein Umgang mit Inflation, Lebenshaltungskosten und unsicheren Börsen bewertet. In manchen Erhebungen glauben über 70 Prozent der Befragten, dass seine Politik die US-Wirtschaft zumindest kurzfristig in eine Rezession treiben könnte.
Parallel dazu sinken seine allgemeinen Zustimmungswerte. Eine YouGov-Economist-Umfrage zeigt ihn mit knapp 34 bis 39 Prozent Zustimmung und knapp 59 bis 60 Prozent Ablehnung, Netto also bei minus 19 oder darunter. Eine ABC/Washington Post/Ipsos-Erhebung kommt zum Ergebnis, dass etwa 62 Prozent der Amerikaner unzufrieden mit seiner Amtsführung sind, nur rund 37 Prozent äußern Zufriedenheit.
Diese Zahlen sind ökonomisch bedeutsam, weil sie anzeigen, dass der Präsident seine traditionelle Stärke – das Versprechen von Wachstum, Jobs und Prosperität – verliert. Vertrauen in die Wirtschaftspolitik ist ein zentraler Faktor für Konsumneigung, Investitionsbereitschaft und Kapitalmarktstabilität. Wenn eine Mehrheit annimmt, dass der Präsident die wirtschaftlichen Herausforderungen nicht im Griff hat, sind höhere Risikoaufschläge, stärkere Volatilität und ein vorsichtigeres Investitionsverhalten rational.
Vertrauen im internationalen Vergleich: Trump versus seine Vorgänger
Im Vergleich zu seinen Vorgängern zeigt sich, dass Trump eine deutlich niedrigere und instabilere Vertrauensbasis hat. Präsidenten wie Bill Clinton oder Barack Obama hatten in ihren Amtszeiten Phasen mit Zustimmungsraten von über 50 Prozent und vergleichsweise stabilen Werten, selbst wenn einzelne Skandale oder Krisen auftraten. George W. Bush erlebte nach dem Irakkrieg einen Vertrauensverlust, aber seine Werte fielen in ihrer schlimmsten Phase typischerweise in den Bereich um 30 Prozent, bevor sie teilweise wieder anstiegen.
Trump hingegen bewegt sich über weite Strecken seiner Amtszeit im Bereich um oder unter 40 Prozent Zustimmung, oft mit netto stark negativen Werten, und das über längere Zeiträume. Aus ökonomischer Sicht bedeutet dies, dass die „politische Prämie“ – also der Unsicherheitsaufschlag für wirtschaftliche Akteure im Hinblick auf zukünftige politische Entscheidungen – bei ihm tendenziell höher ist. Unternehmen und Finanzmärkte müssen einkalkulieren, dass politische Entscheidungen mit geringer demokratischer Rückendeckung getroffen werden, was die Wahrscheinlichkeit politischer Gegenreaktionen, gerichtlicher Blockaden und plötzlicher Kurswechsel erhöht.
Der Carroll-Fall verstärkt diese Vertrauenskrise, weil er die Wahrnehmung stützt, der Präsident sei nicht nur politisch umstritten, sondern persönlich unzuverlässig und zu Manipulationen sowie Verleumdungen bereit. Mehrere Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Amerikaner der Ansicht ist, Trump nutze das Amt des Präsidenten primär für persönliche Vorteile und missbrauche zentrale Institutionen wie das Justizministerium zur Verfolgung politischer Gegner. Damit wird das Bild eines Präsidenten gezeichnet, der zentrale rechtsstaatliche und ökonomische Vertrauenselemente beschädigt.
Ökonomische und politische Folgen: Konsum, Investitionen, Kapitalmärkte
Die direkte Verbindung zwischen Carroll-Fall und makroökonomischen Kennzahlen ist naturgemäß komplex. Sexualstraftaten und Verleumdungsprozesse sind keine klassischen ökonomischen Variablen. Die Wirkung entsteht über das Vertrauen in Institutionen und persönliches Vertrauen in die Führung.
Auf der Konsumseite führt politische und moralische Unsicherheit zu einem zurückhaltenderen Konsumverhalten, insbesondere bei Haushalten, die steigende Lebenshaltungskosten und unsichere Einkommensperspektiven erleben. Wenn 76 Prozent der Amerikaner den Umgang des Präsidenten mit Lebenshaltungskosten kritisch bewerten und 72 Prozent seine Inflationspolitik negativ sehen, signalisiert dies eine verbreitete Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage, die Konsum und Kreditaufnahme dämpfen kann.
Unternehmen reagieren auf politische und reputative Risiken, indem sie Investitionen verschieben oder an Standorte verlagern, die als politisch stabiler gelten. Der Eindruck, dass der Präsident in einen dauerhaften Rechtskonflikt verstrickt ist und gleichzeitig konfliktorientierte Außen- und Handelspolitik betreibt, verstärkt Standortunsicherheit. Handelskonflikte mit China, Zollpolitik, unberechenbare außenpolitische Reaktionen – all dies sind Faktoren, die zusammen mit den persönlichen Skandalen ein Bild von Unberechenbarkeit zeichnen.
Kapitalmärkte verarbeiten Skandale vor allem über Erwartungen. Wenn politische Unsicherheit und Vertrauensverlust dominieren, steigen tendenziell Volatilität und Risikoaufschläge. Dabei muss man nüchtern feststellen: Finanzmärkte sind oft zynischer als die allgemeine Öffentlichkeit. Solange der Präsident Unternehmenssteuern senkt, Regulierung reduziert und große Konzerne faktisch profitieren, sind manche Akteure bereit, moralische Skandale zu ignorieren. Dennoch sind wiederholte Rechtsniederlagen und die Möglichkeit weiterer massiver Schadenersatzforderungen – etwa im Carroll- oder Betrugsbereich – ein Risiko für Unternehmen in Trumps Umfeld und für Gläubiger.
Ein weiterer ökonomischer Aspekt ist die potenzielle persönliche Zahlungsunfähigkeit des Präsidenten. Juristische Experten halten es für möglich, dass die Kombination aus Carroll-Urteilen und anderen Zivilklagen Trump in die Nähe eines Bankrotts bringen könnte. Ein Präsident, dessen persönliche Finanzlage massiv unter Druck steht, kann sich politisch anders verhalten: Er könnte versuchen, durch politische Entscheidungen die eigene materielle Lage oder die seiner Unternehmen zu verbessern, was Interessenkonflikte verschärft und das Vertrauen in die sachorientierte Politik weiter untergräbt.
Republikanische Partei: Warum hält sie an Trump fest?
Eine zentrale Frage ist, warum die republikanische Partei einen Präsidenten trotz solcher Skandale und Vertrauensverluste weiterhin unterstützt. Hier wirken mehrere Mechanismen zusammen.
Erstens ist die Partei über Jahre strukturell auf Trump ausgerichtet worden. Personalentscheidungen, Parteiapparate, lokale Strukturen und Medienökosysteme wurden in weiten Teilen „trumpifiziert“. Viele Funktionäre verdanken ihre Karriere seiner Unterstützung oder seiner Wählerbasis. Ein abrupter Kurswechsel hätte das Risiko eines massiven innerparteilichen Konflikts und einer Spaltung zur Folge, die unter Umständen neue Parteien (MAGA-Bewegung als eigene Formation) hervorbringen könnte.
Zweitens ist die Kernbasis Trumps trotz aller Skandale bemerkenswert stabil. Ein Drittel der amerikanischen Wähler, mit höherer Dichte in bestimmten Bundesstaaten, reicht aus, um im republikanischen Vorwahlsystem dominieren zu können. Diese Gruppe sieht in ihm weniger den moralisch vorbildlichen Familienvater, sondern den kompromisslosen Kämpfer gegen ein verhasstes Establishment. Skandale werden als Belege dafür interpretiert, dass das System ihn bekämpft, nicht dass er moralisch ungeeignet ist.
Drittens hat die republikanische Partei über Jahre hinweg eine Kommunikation gepflegt, die Medien, Gerichte und wissenschaftliche Institutionen als voreingenommen, „liberal“ und anti-konservativ markiert. Wenn ein Gericht Trump verurteilt, wird das Ergebnis nicht als neutrale Rechtsprechung gedeutet, sondern als politisch motivierte Attacke. Dadurch kann man in der eigenen Wählerbasis die Folgen der Urteile kommunikativ entschärfen.
Viertens spielt ökonomische Interessenpolitik eine Rolle. Trump hat in seiner Amtszeit bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen durchgesetzt, die bei Unternehmenseliten und wohlhabenden Personen beliebt sind: Steuererleichterungen, Deregulierung, schwächere Umweltauflagen. Diese Gruppen sind oft bereit, moralische Einwände hintanzustellen, solange ihre wirtschaftlichen Interessen gewahrt bleiben. Die republikanische Partei ist in weiten Teilen eine Allianz aus wirtschaftlichen Eliten und kulturell konservativen Wählern; Trump bedient beide mit einer Mischung aus wirtschaftlichem Populismus und kulturellem Kulturkampf.
Warum ist Trump noch im Amt, obwohl so viel „nicht mehr stimmt“?
Dass Trump trotz Carroll-Fall, Schweigegeldverurteilung und Vertrauenskrise im Amt ist, hat sowohl verfassungsrechtliche als auch politische Gründe. Die US-Verfassung sieht einen Präsidenten mit starken Kompetenzen vor, dessen Absetzung nur über Impeachment-Verfahren mit hohen Hürden möglich ist. Diese Verfahren sind politisch und nicht rein juristisch: Das Repräsentantenhaus klagt an, der Senat spricht das Urteil. Mit einer republikanischen Mehrheit oder mindestens einer geschlossenen republikanischen Minderheit lässt sich eine Absetzung verhindern.
Zugleich sind Wahlen in den USA komplex: Wahlmänner, swing states, Wahlrechtsregelungen, Gerrymandering und unterschiedliche Wahlbeteiligungsraten führen dazu, dass ein Kandidat mit weniger Stimmen landesweit dennoch Präsident werden kann. Wenn Trumps Gegner fragmentiert sind, die demokratische Partei schwach mobilisiert oder unpopuläre Kandidaten stellt, kann ein Präsident mit deutlich unter 50 Prozent Zustimmung durch eine Kombination aus Mobilisierung der eigenen Basis und strukturellen Vorteilen weitergewählt werden.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem der amerikanischen politischen Kultur: Die Polarisierung hat ein Niveau erreicht, bei dem viele Wähler die Politik nicht mehr im Modus „Wer ist kompetent und integer?“ betrachten, sondern im Modus „Wer schadet meinen Feinden am meisten?“ In einem solchen Umfeld kann ein persönlich skandalträchtiger Präsident überleben, solange er politisch als effektive Waffe gegen das verhasste Lager wahrgenommen wird. Das erklärt, warum trotz Prüderie und moralischen Normen ein signifikanter Teil der Bevölkerung bereit ist, über Carroll, Schweigegeld und andere Skandale hinwegzusehen.
Institutionelle Erosion: Was stimmt in den USA nicht (mehr)?
Die Frage, was „nicht mehr stimmt“ in den USA, ist komplex. Es wäre falsch, die gesamte Gesellschaft pauschal zu verurteilen oder zu behaupten, moralische Maßstäbe seien komplett verschwunden. Vielmehr lässt sich eine Reihe von Entwicklungen identifizieren, die in ihrer Kombination eine problematische Dynamik erzeugen.
Erstens hat die wirtschaftliche Ungleichheit massiv zugenommen. Ein großer Teil der Bevölkerung erlebt stagnierende Reallöhne, unsichere Jobs, steigende Lebenshaltungskosten und soziale Abstiegsängste. Dies erzeugt Frustration und Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment. In solchen Lagen sind Wähler eher geneigt, radikale Figuren zu unterstützen, die versprechen, das System aufzumischen, selbst wenn sie persönlich moralisch fragwürdig sind.
Zweitens haben Medien- und Kommunikationslandschaft sich fragmentiert. Klassische, relativ vertrauenswürdige Medien konkurrieren mit ideologischen Kanälen, sozialen Netzwerken, algorithmisch verstärkten Echokammern. Fakten, juristische Bewertungen und moralische Standards werden nicht mehr breit geteilt, sondern innerhalb von „Informationsstämmen“ selektiv verarbeitet. Für Trump-Anhänger ist der Carroll-Fall zu großen Teilen eine Erzählung aus „feindlichen Medien“, für seine Gegner ein Beleg für den moralischen Bankrott des Präsidenten.
Drittens sind die republikanische und die demokratische Partei in einem Kulturkrieg gefangen, in dem Kompromissbereitschaft als Schwäche gilt. Das belohnt Politiker, die maximale Konfrontation suchen. Trump ist eine extrem zugespitzte Ausprägung dieser Logik.
Viertens zeigt sich eine Erosion des Vertrauens in Institutionen. Ein beträchtlicher Teil der Amerikaner traut Gerichten, Medien, Wissenschaftlern und Verwaltungsbehörden nicht mehr zu, neutral zu handeln. Dieses Misstrauen wird durch Trumps Kommunikation weiter angeheizt, wirkt aber auch unabhängig von ihm: Die Finanzkrise, Irakkrieg, gescheiterte Reformen und soziale Krisen haben das Vertrauen in das „System“ geschwächt.
Unter diesen Bedingungen ist es möglich, dass ein Präsident trotz massiver persönlicher Skandale und ökonomischer Vertrauensverluste im Amt bleibt. Die USA sind institutionell weiterhin eine Demokratie, aber die Qualität ihrer demokratischen Kultur – die Einbindung der Bürger, das Vertrauen in Regeln und die Bereitschaft zur akzeptierten Niederlage – hat gelitten.
Perspektive: Folgen für Wirtschaft, Politik und internationale Ordnung
Ökonomisch betrachtet führt ein Präsident im Dauer-Skandalmodus langfristig zu mehreren Risiken. Erstens können Unternehmen und Investoren das Land als politisch volatiler einstufen und eher auf andere Standorte ausweichen, insbesondere bei Neuinvestitionen mit langer Amortisationszeit. Zweitens kann das Vertrauen in die Fähigkeit der USA, international verlässliche wirtschafts- und handelspolitische Vereinbarungen einzuhalten, sinken. Wenn zentrale Entscheidungen abhängig erscheinen von der persönlichen Tageslaune eines Präsidenten, seiner Rechtslage und seinen innenpolitischen Kämpfen, werden Partnerländer vorsichtiger.
Drittens wirkt ein solcher Präsident auf die innere Kohäsion des Landes. Wenn über 60 Prozent der Bevölkerung seine Amtsführung ablehnen und gleichzeitig eine Minderheit ihn fanatisch unterstützt, entsteht eine fragile Lage. Politisch kann dies zu Blockaden, institutionalisierten Konflikten und Reformunfähigkeit führen. Wirtschaftspolitisch bleibt dann oft nur kurzfristiges Krisenmanagement statt langfristiger Strukturpolitik übrig.
Im Vergleich zu seinen Vorgängern ist das Vertrauen in Trump deutlich schwächer und volatiler. Während frühere Präsidenten einzelne Skandale hatten, aber nicht dauerhaft so stark polarisierten, ist bei Trump der Skandalmodus zur Normalität geworden. Der Carroll-Fall ist dabei besonders gravierend, weil er – anders als etwa ein klassischer politischer Skandal – direkt die persönliche Integrität und den Umgang mit vulnerablen Gruppen (Frauen, Opfer sexueller Gewalt) betrifft.
Eine objektive, nüchterne Bewertung kommt zu dem Schluss, dass die moralische und juristische Lage rund um Donald Trump das ökonomische Risiko- und Vertrauensprofil der USA spürbar belastet. Die amerikanische Demokratie ist robust genug, um kurzfristige Schocks auszuhalten; sie verfügt über Checks and Balances, föderale Strukturen, eine lebendige Zivilgesellschaft und einen leistungsfähigen Privatsektor. Aber die institutionelle Erosion, der Vertrauensverlust in Führung, die Polarisierung und die moralischen Doppelstandards sind nicht folgenlos.
Die entscheidende ökonomische Frage ist nicht, ob ein einzelner Skandal wie der Carroll-Fall unmittelbar Rezession auslöst, sondern ob ein dauerhafter Ausnahmezustand der politischen Kultur die Fähigkeit des Landes untergräbt, kollektive Zukunftsaufgaben zu lösen: Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung, Klimapolitik, soziale Sicherung. Wenn ein großer Teil der politischen Energie darauf verwendet wird, die Skandale eines Präsidenten zu verteidigen oder zu bekämpfen, fehlt sie für konstruktive wirtschaftspolitische Reformen.

