
Harte Arbeit vs. Soforthilfe: Warum der Frust auf Neumigranten in der Gastarbeiter-Generation wächst – Kreativbild: Xpert.Digital
Sozialer Sprengstoff: Darum fühlen sich etablierte Zuwanderer vom deutschen Staat ungerecht behandelt
Überraschende Studien-Ergebnisse: Wie Einwanderer der zweiten Generation wirklich über die Asylpolitik denken
„Die anderen bekommen alles gratis“: Warum integrierte Migranten das Bürgergeld für Asylsuchende kritisieren
Es ist ein gesellschaftliches und politisches Phänomen, das in der öffentlichen Debatte oft übersehen oder tabuisiert wird: Die scharfe Kritik an der deutschen Asyl- und Sozialpolitik kommt zunehmend nicht nur aus der alteingesessenen Mehrheitsgesellschaft, sondern von Menschen mit Migrationshintergrund selbst. Wer als Gastarbeiter, Spätaussiedler oder Flüchtling früherer Jahrzehnte nach Deutschland kam, sich die Sprache mühsam aneignete und sich seinen Platz auf dem Arbeitsmarkt hart erkämpfen musste, blickt heute oft mit einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit auf das System. Wenn Neumigranten und Asylsuchende ohne vorherige Beitragszahlungen umfassende staatliche Hilfen wie das Bürgergeld erhalten, empfinden das viele etablierte Migranten als Entwertung ihrer eigenen Lebensleistung. Diese Diskrepanz zwischen der eigenen, oft steinigen Integrationserfahrung und der als bedingungslos wahrgenommenen staatlichen Soforthilfe für Neuankömmlinge birgt massiven sozialen Sprengstoff. Sie verändert politische Landschaften, treibt Wähler zu migrationskritischen Parteien und zwingt die Politik dazu, den Begriff der Leistungsgerechtigkeit im Sozialstaat völlig neu zu verhandeln. Die Datenlage, die soziologischen Hintergründe und die alarmierenden Warnsignale aus den Communitys zeichnen ein klares Bild.
Bürgergeld-Debatte: Warum ausgerechnet Menschen mit Migrationshintergrund strengere Regeln fordern
Paradoxe Wählerwanderung: Wie die Unzufriedenheit über die Asylpolitik Migranten in die Arme der AfD treibt
Ein wachsendes gesellschaftliches Phänomen in Deutschland ist die Kritik von eingebürgerten Migranten, der zweiten und dritten Einwanderergeneration sowie von Menschen mit Migrationshintergrund an der Art und Weise, wie der deutsche Staat mit Asylsuchenden, Neumigranten und Bürgergeld-Beziehern ohne vorherige Einzahlungen in das Sozialsystem umgeht. Diese Kritik speist sich aus einem Gerechtigkeitsempfinden, das durch eigene Integrationserfahrungen geprägt ist: Wer sich jahrelang durch Arbeit, Spracherwerb und gesellschaftliche Anpassung seinen Platz erkämpft hat, bewertet staatliche Transfers ohne entsprechende Gegenleistung als systemisch ungerecht. Das Phänomen ist empirisch belegt, politisch brisant und wird von der öffentlichen Debatte oft unzureichend differenziert.
Datenlage: Bürgergeld, Asylleistungen und Migrationshintergrund
Statistische Ausgangslage
Die Debatte um Sozialleistungen für Migranten ist von konkreten Zahlen geprägt, die in der öffentlichen Wahrnehmung stark gewichten. Ende Oktober 2024 hatten 63,5 Prozent der rund 4 Millionen erwerbsfähigen Bürgergeld-Empfänger in Deutschland einen Migrationshintergrund – in absoluten Zahlen 2,54 Millionen Personen. Menschen mit Migrationshintergrund sind gemäß offizieller Definition all jene, die selbst oder deren Eltern ohne die deutsche Staatsbürgerschaft geboren wurden.
Im Jahr 2025 flossen laut Bundesagentur für Arbeit von insgesamt 46,6 Milliarden Euro Bürgergeld-Ausgaben 21,7 Milliarden Euro an Bedürftige mit ausländischer Staatsbürgerschaft, während deutsche Staatsbürger 24,9 Milliarden Euro erhielten. In einzelnen Bundesländern wie Hessen (76,4 %), Baden-Württemberg (74,1 %) und Hamburg (72,8 %) liegt der Anteil von Bürgergeld-Empfängern mit Migrationshintergrund noch weit höher.
Wichtig zur Einordnung: Asylsuchende haben während des laufenden Verfahrens keinen Anspruch auf Bürgergeld, sondern erhalten die geringeren Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) – für Alleinstehende derzeit 455 Euro monatlich gegenüber 563 Euro im Bürgergeld. Anerkannte Flüchtlinge hingegen haben bei Bedürftigkeit die gleichen Ansprüche wie deutsche Staatsbürger.
Integrationserfolge und ihre Grenzen
Eine häufig übersehene Nuance: Ein erheblicher Teil der Bürgergeld-Empfänger mit Migrationshintergrund arbeitet bereits, kann aber vom Lohn allein nicht leben und muss „aufstocken“. Etwa 800.000 Bürgergeld-Bezieher (aller Nationalitäten) gehen einer Erwerbstätigkeit nach, erzielen aber zu geringe Einkünfte. Zudem sind über 2 Millionen Empfänger aus verschiedenen Gründen nicht unmittelbar für den Arbeitsmarkt verfügbar – wegen gesundheitlicher Einschränkungen oder fehlender Kinderbetreuung.
Die schleppende Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten ist ein strukturelles Problem: Fast jeder zweite Teilnehmer von Integrationskursen erreichte 2023 das Sprachziel B1 nicht. Die Kosten für Integrationskurse haben sich von 586 Millionen Euro (2022) auf 1,23 Milliarden Euro (2024) mehr als verdoppelt. Seit 2015 wurden insgesamt 6,4 Milliarden Euro für Integrationskurse aufgewendet.
Das Gerechtigkeitsempfinden von etablierten Migranten
Eigene Integrationserfahrung als Maßstab
Das Kritikphänomen unter etablierten Migranten ist soziologisch gut erklärbar: Menschen, die selbst oder deren Eltern unter oft schwierigen Bedingungen nach Deutschland kamen, sich Sprachkenntnisse erarbeiten mussten, auf dem Arbeitsmarkt Diskriminierung erfuhren und jahrzehntelang Beiträge in das Sozialsystem einzahlten, messen neue Ankömmlinge häufig an ihrem eigenen Maßstab.
In Interviews, Medienberichten und Leserkommentaren taucht das Motiv wiederholt auf: Wer selbst jahrelang kämpfen musste, empfindet staatliche Sofortversorgung für Neuzuwanderer als Ungleichbehandlung. Dieses Gefühl ist besonders stark in Gruppen verbreitet, die als „Wirtschaftsmigranten“ kamen oder als Spätaussiedler einreisten und nicht die sofortige und umfassende Unterstützung erhielten, die heutigen Schutzsuchenden zusteht.
Das Phänomen bei Russlanddeutschen
Russlanddeutsche (Spätaussiedler) bilden mit rund 2,4 Millionen die größte zusammenhängende Gruppe unter den wahlberechtigten Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Diese Gruppe entwickelte eine auffällige politische Verschiebung hin zur AfD.
Wesentliches Motiv: Viele Russlanddeutsche vertreten die Ansicht, die Flüchtlinge aus dem arabischen Raum seien freundlicher aufgenommen worden und bekämen staatliche Leistungen, die sie selbst sich hart erkämpfen mussten. Das Gefühl lautet: „Wir mussten uns beweisen, die anderen bekommen alles gratis.“ Verstärkt wird dieses Narrativ durch kulturelle Wertvorstellungen – Arbeitsethos, Familientradition, religiöse Verwurzelung im Christentum –, die als inkompatibel mit der als zu permissiv empfundenen Asyl- und Sozialpolitik erlebt werden.
Die Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2025 zeigt, dass unter Russlanddeutschen die AfD inzwischen fast so hoch im Kurs steht wie die CDU/CSU, während die Grünen bei diesen Wahlberechtigten weit abgeschlagen sind.
Türkeistämmige Deutsche und kritische Stimmen
Auch in der türkischstämmigen Community, die traditionell eher linken Parteien zugeneigt war, lassen sich kritische Stimmen gegenüber Neumigranten nachweisen. Bei der Bundestagswahl 2025 schnitten BSW und AfD unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund besser ab als zuvor.
Die deutsch-türkische Publizistik liefert hierzu qualitative Belege: Autorinnen wie Ilgin Seren Evisen (Cicero) thematisieren, dass viele Deutsch-Türken die Kritik an ungesteuerter Zuwanderung teilen – nicht als Ablehnung von Migration grundsätzlich, sondern als Forderung nach Leistungsorientierung und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Forderung lautet: Wer kommt, soll sich integrieren – so wie die eigene Elterngeneration es getan hat.
Kritische Intellektuelle mit Migrationshintergrund
Prominente Persönlichkeiten mit eigenem Migrationshintergrund sind zu öffentlichen Figuren der migrationskritischen Debatte geworden:
- Ahmad Mansour (palästinensisch-israelischer Psychologe): warnt seit Jahren vor gescheiterter Integrationspolitik, Islamismus und den Folgen unkontrollierter Zuwanderung; erhält für seine Positionen gleichermaßen Preise und Anfeindungen.
- Seyran Ateş (türkischstämmige Juristin): kritisierte bereits 2007 politisches Versagen bei der Bekämpfung parallelgesellschaftlicher Strukturen und fordert konsequente Integrationsanforderungen.
- Cem Özdemir: thematisierte Frauenfeindlichkeit unter neu zugewanderten Männern aus dem Nahen Osten und löste damit eine Debatte aus, in der sich viele Deutsch-Türken ausdrücklich auf seiner Seite sahen.
Unsere EU- und Deutschland-Expertise in Business Development, Vertrieb und Marketing
Unsere EU- und Deutschland-Expertise in Business Development, Vertrieb und Marketing - Bild: Xpert.Digital
Branchenschwerpunkte: B2B, Digitalisierung (von KI bis XR), Maschinenbau, Logistik, Erneuerbare Energien und Industrie
Mehr dazu hier:
Ein Themenhub mit Einblicken und Fachwissen:
- Wissensplattform rund um die globale wie regionale Wirtschaft, Innovation und branchenspezifische Trends
- Sammlung von Analysen, Impulsen und Hintergründen aus unseren Schwerpunktbereichen
- Ein Ort für Expertise und Informationen zu aktuellen Entwicklungen in Wirtschaft und Technologie
- Themenhub für Unternehmen, die sich zu Märkten, Digitalisierung und Brancheninnovationen informieren möchten
Warum Migrantinnen und Migranten das Bürgergeld kritisieren — ein neues Gerechtigkeitsverständnis
Konkrete Kritikpunkte an der politischen Praxis
Leistungsgerechtigkeit und Sozialbeitrag
Der Kernvorwurf lautet: Das deutsche Sozialsystem wurde als Beitragsversicherungssystem aufgebaut, in das über Jahrzehnte eingezahlt wird, bevor man im Notfall entnimmt. Für Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge gelten diese Voraussetzungen nicht. CDU-Politiker Jens Spahn bezeichnete den stetig wachsenden Migrantenanteil im Bürgergeld als „sozialen Sprengstoff“ und warnte, die Bevölkerung werde es langfristig nicht akzeptieren, dass der Anteil von Menschen mit kurzer Aufenthaltsdauer im Bürgergeld stetig steige.
Interessant ist, dass dieser Diskurs nicht auf rechte Parteien beschränkt ist: Zwei SPD-Landräte aus Thüringen forderten 2025, Asylbewerber und Ausländer aus Nicht-EU-Staaten sollten Sozialleistungen künftig als zinsloses Darlehen erhalten – mit dem ausdrücklichen Ziel, eine „Neiddebatte gegenüber Migranten“ zu vermeiden. Das Modell sah Erlass bei schneller Arbeitsaufnahme vor, ähnlich dem BAföG-Prinzip.
Wahrgenommene Ungleichbehandlung im Sozialsystem
Ein besonderer Streitpunkt ist, dass Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet und eingezahlt haben – darunter auch eingebürgerte Migranten –, im Alter oder bei Arbeitslosigkeit oft weniger oder kaum mehr erhalten als Neuzuwanderer ohne jede Einzahlungsgeschichte. Dieses Ungleichgewicht wird als fundamentaler Verstoß gegen das Gerechtigkeitsprinzip wahrgenommen, das auch die eigene Integrationsbiografie trägt.
Hinzu kommt: Die Leistungsunterschiede zwischen Asylbewerberleistungen (455 Euro) und Bürgergeld (563 Euro) sind in der öffentlichen Wahrnehmung verschwommen. Viele Bürger – auch solche mit Migrationshintergrund – nehmen nicht wahr, dass es differenzierte Regelungen gibt. Die Debatte über Ukrainer im Bürgergeld (statt im Asylbewerberleistungsgesetz) hat diese Ungleichheit zusätzlich sichtbar gemacht.
Integrationsverweigerung als provozierendes Reizthema
Besonders empfindlich reagieren etablierte Migranten auf wahrgenommene Integrationsunwilligkeit Neuangekommener. Wer selbst Opfer von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt war, wegen des Namens keine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekam und trotzdem Erfolg erzielt hat, empfindet Berichte über verweigerte Arbeit oder gescheiterte Sprachkurse als persönliche Provokation.
Iris Amirsedghi, eine iranische Lehrerin für Integrationskurse, sagte gegenüber Euronews: „Ein relevanter Teil in den Kursen ist nicht integrierbar.“ Trotz hoher Durchfallquoten bei Sprachprüfungen würden weiter Sozialleistungen gewährt.
Empirische Befunde: Was Studien zeigen
SVR-Integrationsbarometer 2024
Das Integrationsbarometer 2024 des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR), die bislang umfassendste Erhebung mit über 15.000 Befragten, zeigt ein differenziertes Bild:
- Der Integrationsklima-Index (IKI) liegt bei 66,3 Punkten (von 100) – leicht unter dem Vorjahreswert von 68,5.
- Menschen mit Migrationshintergrund bewerten das Integrationsklima mit 70,3 Punkten nahezu unverändert positiv.
- Menschen ohne Migrationshintergrund sind mit –3,2 Punkten auf 64,9 Punkte skeptischer geworden.
- Jede dritte Person – sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund – nimmt Geflüchtete inzwischen als Bedrohung für den Wohlstand wahr: Die Werte nähern sich mit 36,8 % (Personen mit Migrationshintergrund) gegenüber 38,5 % (Personen ohne) stark aneinander an.
Diese Annäherung der Einstellungen ist das eigentliche Novum: Die Skepsis gegenüber dem wirtschaftlichen Beitrag von Geflüchteten nimmt in beiden Bevölkerungsgruppen zu.
Bertelsmann-Studie „Willkommenskultur in Krisenzeiten“ (2024)
Die Bertelsmann-Stiftung stellt fest, dass gestiegene Migrationsskepsis in Deutschland nicht primär auf eine ablehnende Haltung gegenüber Menschen zurückzuführen ist, sondern auf Sorgen um wirtschaftliche und gesellschaftliche Kapazitäten für gelingende Aufnahme und Integration. Die Unterscheidung zwischen abstrakten politischen Fragen und persönlichen Erfahrungen ist dabei entscheidend: 78 % sehen eine Willkommenskultur gegenüber Arbeits- und Bildungsmigranten, deutlich weniger gegenüber Asylsuchenden.
Politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund (BpB 2026)
Die Bundeszentrale für politische Bildung analysiert, dass bei der Bundestagswahl 2025 die vergleichsweise größten Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sichtbar wurden: AfD und BSW schnitten unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund besser ab als je zuvor. Unter russlanddeutschen Wahlberechtigten liegt die AfD inzwischen auf einem Niveau vergleichbar mit der CDU/CSU.
Politische Reaktionen und ihre Folgen
Verschärfungen der Migrationspolitik
Die politische Reaktion auf die gesellschaftliche Kritik war erheblich. Die schwarz-rote Koalition hat im Koalitionsvertrag festgelegt:
- Das Bürgergeld wird zu einer „neuen Grundsicherung für Arbeitssuchende“ umgestaltet.
- Ukrainische Geflüchtete, die nach dem 1. April 2025 eingereist sind, erhalten kein Bürgergeld mehr, sondern Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
- Die Einbürgerungsmöglichkeit nach drei Jahren (Ampel-Reform 2024) wurde wieder auf fünf Jahre verlängert.
Das Bundesinnenministerium schränkte zudem ab 2026 den Zugang zu freiwilligen Integrationskursen aus Kostengründen ein – ein Schritt, der von Integrationsfachleuten als kontraproduktiv kritisiert wird.
Die Debatte um Pull-Faktoren
Experten im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales betonten, dass die Höhe von Sozialleistungen nicht entscheidend für Migrationsbewegungen sei. Empirische Studien konnten keinen eindeutigen „Sogwirkungseffekt“ durch ein hohes Sozialleistungsniveau nachweisen. Dennoch bleibt die Wahrnehmung in der Bevölkerung – einschließlich etablierter Migrantengruppen – bestehen, dass Deutschlands Leistungsniveau Zuwanderung attraktiver mache, als gesellschaftlich tragbar ist.
Wirkung auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt
CDU-Fraktionschef Jens Spahn warnte explizit, dass der steigende Migrantenanteil im Bürgergeld zu einem „sozialen Sprengstoff“ werde, der den gesellschaftlichen Frieden gefährde. Gleichzeitig berichtete die Bundeszentrale für politische Bildung, dass 64 % der Mitarbeitenden in lokalen Integrationseinrichtungen die zunehmend kritische Stimmung als erschwerend für ihre Arbeit erleben.
Strukturelle Ursachen der Kritik
Unterschiedliche Einwanderungswege und ihre Asymmetrien
Ein zentrales Problem ist die strukturelle Asymmetrie zwischen verschiedenen Migrationswegen. Gastarbeiter der 1960er/70er Jahre kamen ohne soziale Absicherung, arbeiteten unter schwierigen Bedingungen und bauten sich langsam Ansprüche auf. Spätaussiedler der 1990er Jahre erhielten zwar die Einbürgerung, mussten aber Sprachkurse besuchen, sich qualifizieren und Stellen nachweisen. Heutige Asylbewerber hingegen erhalten vom ersten Tag an umfassende Grundversorgung – ein Unterschied, der von etablierten Migranten als gerechtigkeitsproblematisch erlebt wird.
Kommunikationsversagen der Politik
Die politische Diskussion versäumt es häufig, die Beitragsgeschichten integrierter Migranten zu würdigen, während sie gleichzeitig das Narrativ der unkritischen Aufnahme aller Schutzsuchenden transportiert. Das führt dazu, dass Menschen, die Jahrzehnte ins System eingezahlt haben, das Gefühl entwickeln, systematisch übergangen zu werden – ein Gefühl, das über ethnische und nationale Herkunftsgrenzen hinausgeht.
Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt
Neuzuwanderer konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt vor allem mit den bereits im Land lebenden Ausländern – was bestehende Lohnunterschiede und Beschäftigungsrisiken für etablierte Migranten weiter vergrößern kann. Auf dem Wohnungsmarkt, wo Diskriminierung für Personen mit Migrationshintergrund ohnehin weit verbreitet ist, verschärft die Zuwanderung Engpässe, die überproportional einkommensschwache Bevölkerungsgruppen – darunter viele etablierte Migranten – treffen.
Einordnung und gesellschaftliche Relevanz
Kein Widerspruch in sich
Die Kritik von Menschen mit Migrationshintergrund an der Asyl- und Sozialpolitik ist kein Widerspruch, sondern ein Ausdruck des Gerechtigkeitsprinzips, das sie selbst in ihrem Integrationsprozess verinnerlicht haben. Sie kritisieren nicht Migration als solche, sondern fehlende Reziprozität: Wer erhält, soll – soweit möglich – auch beitragen.
Das SVR-Integrationsbarometer 2024 bringt dies auf den Punkt: Über 60 % der Befragten – mit und ohne Migrationshintergrund – erwarten langfristig einen positiven wirtschaftlichen Beitrag durch aufgenommene Flüchtlinge. Die Skepsis gilt nicht der Aufnahme von Menschen, sondern dem politischen Umgang mit Integrationsversagen und der ausbleibenden Forderung nach Eigenverantwortung.
Politische Instrumentalisierung
Die AfD hat frühzeitig erkannt, dass migrationskritische Positionen auch in migrantischen Communitys Resonanz erzeugen, und bedient diese gezielt. Das BSW greift das Narrativ aus einer linken Sozialstaatsperspektive auf: „Ein starker Sozialstaat funktioniert nur, wenn nicht jeder in ihn einwandern kann“.
Differenzierung als Schlüssel
Die öffentliche Debatte tendiert dazu, zwei Positionen gegenüberzustellen: bedingungslose Willkommenskultur einerseits, pauschale Ablehnung von Migration andererseits. Die Realität eingebürgerter Migranten liegt dazwischen: Sie befürworten Zuwanderung unter klaren Bedingungen, fordern aber Gleichbehandlung, Leistungsorientierung und staatliche Steuerungskompetenz – Forderungen, die von der etablierten Politik nicht ernst genommen wird.
Die wachsende Kritik von Deutschen mit Migrationshintergrund am politischen Umgang mit Asylsuchenden und Bürgergeld-Empfängern ohne vorherige Einzahlungsgeschichte ist ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Signal. Sie speist sich nicht aus Fremdenfeindlichkeit, sondern aus einem eigenen Erfahrungswissen über Integration als Leistungsprozess. Empirische Befunde zeigen, dass die Einstellungsunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Bezug auf wirtschaftliche Skepsis gegenüber Geflüchteten kleiner werden. Politik und Gesellschaft sind gefordert, diese differenzierten Stimmen zu hören – statt die Debatte entweder zu tabuisieren oder zu instrumentalisieren. Ein Sozialsystem, das dauerhaft als ungerecht wahrgenommen wird, verliert seine gesellschaftliche Akzeptanz – bei allen Bevölkerungsgruppen.

