Das nächste politische Schmierentheater: Die EU knickt vor Trump ein – und wir zahlen die Milliarden-Zeche!
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Veröffentlicht am: 20. Mai 2026 / Update vom: 20. Mai 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Das nächste politische Schmierentheater: Die EU knickt vor Trump ein – und wir zahlen die Milliarden-Zeche! – Bild: Xpert.Digital
„Die da oben verarschen uns nach Strich und Faden“: Warum der neue „Durchbruch“ im Handelsstreit ein reines Unterwerfungsprogramm ist
Der Sargnagel für unsere Wirtschaft: Wie die „Elite“ im US-Zolldeal die heimische Industrie opfert
Kompletter Ausverkauf statt „Durchbruch“: Wie uns Brüssel im Zoll-Drama mit den USA endgültig verrät
Es wird uns wieder einmal als großer politischer Befreiungsschlag verkauft: Nach wochenlangem Drama, absurden Ultimaten und nächtlichen Verhandlungsmarathons hat sich die Europäische Union auf die Umsetzung des umstrittenen Zollabkommens mit den USA geeinigt. Die Sektkorken in Brüssel knallen, man spricht von einem „Durchbruch“ und abgewendetem Unheil. Doch wer einen genaueren Blick auf die Zahlen wirft, erkennt schnell das bittere politische Schmierentheater: Anstatt auf Augenhöhe zu verhandeln, hat sich Europa in eine historische Unterwerfung manövrieren lassen. Während die USA ihre Zölle auf unsere Produkte massiv hochhalten, öffnet die EU ihre Märkte, senkt Abgaben auf null und verpflichtet sich zu astronomischen Milliarden-Investitionen jenseits des Atlantiks – inklusive einer völlig neuen, gefährlichen Abhängigkeit von amerikanischem Fracking-Gas. Besonders Deutschland, dessen wirtschaftliches Herzstück der Export ist, droht durch diese asymmetrische Vereinbarung massiv unter die Räder zu kommen. Ist dieser sogenannte „Deal“ wirklich die alternativlose Rettung vor dem wirtschaftlichen Kollaps, oder erleben wir hier die strategische Selbstaufgabe Europas auf Raten? Eine schonungslose ökonomische Bestandsaufnahme zeigt: Die Zeche für dieses Machtspiel zahlt am Ende der europäische Bürger.
Die Debatte um den EU-US-Deal ist auch eine Debatte über den Zustand der internationalen Handelsordnung. Jahrzehntelang galt das Prinzip der Meistbegünstigung und des nicht-diskriminierenden Marktzugangs als Rückgrat des multilateralen Handelssystems, das durch die Welthandelsorganisation (WTO) überwacht wurde.
Der größte Deal der Geschichte oder das größte Zugeständnis Europas?
Der transatlantische Handel gehört zu den größten und verflochtensten Wirtschaftsbeziehungen der Welt. Im Jahr 2024 belief sich der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten auf rund 1,7 Billionen Euro – eine Zahl, die die schiere Tiefe dieser wirtschaftlichen Partnerschaft unterstreicht. Doch diese jahrzehntelang gewachsene Handelsarchitektur wurde durch die zweite Amtszeit Donald Trumps in ihren Grundfesten erschüttert. Was mit vereinzelten Drohgebärden begann, entwickelte sich zu einem systematischen Instrument der politischen Erpressung, das die EU in eine Defensive zwang, aus der sie bis heute nicht vollständig herausgefunden hat.
Der Ausgangszustand vor dem Konflikt war dabei keineswegs von großer Ungleichheit geprägt. Die durchschnittlichen US-Zölle auf EU-Importe lagen bei 1,47 Prozent, die europäischen Gegenzölle auf US-Waren bei 1,35 Prozent. Ein statistisches Gleichgewicht, das Trump jedoch als strukturelle Benachteiligung der USA interpretierte und zur Grundlage einer aggressiven Zollpolitik machte. Ab dem 3. April 2025 erhoben die USA Strafzölle von 25 Prozent auf alle Automobilimporte, die nicht in den USA gefertigt wurden. Gleichzeitig drohte die Trump-Administration mit Zollsätzen von bis zu 30 Prozent auf alle europäischen Waren, sofern keine Einigung erzielt werde. Die Uhr begann zu ticken.
Der Ursprung des Turnberry-Deals
Die politische Einigung kam am 27. Juli 2025 – und sie kam unter erheblichem Druck. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump verständigten sich in Turnberry, Schottland, auf ein Rahmenabkommen, das Trump sogleich als den „größten Deal der Geschichte“ bezeichnete. Was genau vereinbart wurde, ließ allerdings bei näherer Betrachtung erhebliche Zweifel an der Ausgewogenheit der Vereinbarung aufkommen.
Der Kerninhalt des Abkommens: Die USA begrenzen ihre Zölle auf die überwiegende Mehrheit der EU-Exporte bei 15 Prozent – ein sogenannter All-inclusive-Tarif, der als Obergrenze gilt und keine Aufsummierung weiterer Abgaben erlaubt. Für eine Reihe strategischer Güter – darunter Flugzeuge und Flugzeugteile, bestimmte Chemikalien und Generika, Halbleiterausrüstung sowie bestimmte Agrargüter und kritische Rohstoffe – sind gegenseitige Nullzölle vorgesehen. Im Stahl- und Aluminiumsektor wurde ein Quotensystem vereinbart. Die EU hingegen verpflichtete sich zu einem umfassenden Abbau ihrer eigenen Zölle auf US-Industriegüter bis auf null, zur Ausweitung des Marktzugangs für US-Agrar- und Meeresfrüchteprodukte sowie zu massiven finanziellen Zusagen: Energieeinkäufe aus den USA im Wert von 750 Milliarden US-Dollar über drei Jahre, zusätzliche europäische Investitionen in den USA von 600 Milliarden US-Dollar sowie verstärkte Rüstungskäufe aus amerikanischer Produktion.
Ein asymmetrisches Machtgefüge
Wer die Substanz des Turnberry-Deals nüchtern analysiert, kommt zu einem ernüchternden Befund: Die Vereinbarung ist strukturell zutiefst asymmetrisch. Die EU machte konkrete und quantifizierbare Zusagen – die USA beschränkten sich darauf, künftige Eskalationen zu begrenzen. Während Brüssel seine bereits relativ niedrigen Zölle auf null senkt, behält Washington eine Abgabenrate bei, die den historischen Standard um ein Vielfaches übersteigt.
Besonders aufschlussreich ist die Gesamtrechnung, die österreichische Gewerkschaftsökonomen angestellt haben: Den EU-Zugeständnissen in Form von rund fünf Milliarden Euro jährlicher Zolleinsparungen durch den Deal stehen finanzielle Verpflichtungen der EU von insgesamt 1,35 Billionen US-Dollar gegenüber. Der bisherige EU-Handelsüberschuss mit den USA von rund 50 Milliarden Euro pro Jahr droht sich dadurch langfristig in ein Defizit zu wandeln. Selbst die Einschätzung der Analysten von BNP Paribas, die den Deal als „Schadensbegrenzung“ bezeichnen, kommt nicht umhin festzustellen: „Der Deal ist zweifellos ein negativer Schock im Vergleich zu dem Zollniveau, das zu Jahresbeginn herrschte“ – mit einem effektiven Zollsatz, der sich etwa verzehnfacht hat.
Gleichwohl bleibt die Gegenperspektive nicht ohne Substanz. Ohne Einigung hätten die USA Zölle von 30 Prozent und mehr verhängt, was die EU-Exporte in die USA fundamental bedroht hätte. Die Einigung schuf ein Mindestmaß an Planungssicherheit für Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks und verhinderte eine Eskalationsspirale, deren wirtschaftlicher Schaden kaum zu berechnen gewesen wäre.
Wie die deutsche Wirtschaft den Schock spürt
Für keine europäische Volkswirtschaft sind die Folgen des Zollkonflikts so spürbar wie für Deutschland. Die Bundesrepublik ist der mit Abstand größte europäische Exporteur in die USA, und die betroffenen Branchen – Automobilindustrie, Maschinenbau, Pharmaindustrie – gehören zum Kernbestand des deutschen Industriemodells. Allein auf Autos, Maschinen und Pharmaprodukte entfallen etwa 60 Prozent aller deutschen Exporte in die Vereinigten Staaten.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat errechnet, dass die Kombination aus einem generellen Zoll von 15 Prozent und den Sonderzöllen auf Stahl und Aluminium das deutsche BIP innerhalb eines Jahres um 0,15 Prozent drückt – das entspricht rund 6,5 Milliarden Euro ausbleibender Wirtschaftsleistung. Das Münchner ifo-Institut kommt für die mittlere Frist auf ein Minus von 0,2 Prozent, was rund 8,6 Milliarden Euro entspricht. Mittelfristig, so die Prognosen des ifo-Instituts, könnten die deutschen Exporte in die USA um bis zu 15 Prozent zurückgehen. Lisandra Flach, Leiterin des ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, bringt die Lage auf den Punkt: „Ein Deal mag die Unsicherheit für Unternehmen leicht senken – doch US-Zölle von 15 Prozent schaden der deutschen Wirtschaft.“
Bis April 2025 hatte die deutsche Automobilindustrie noch von einem Standard-US-Zollsatz von lediglich 2,5 Prozent profitiert. Der Sprung auf 15 Prozent und die zwischenzeitliche Androhung von 25 Prozent stellen daher einen historischen Einschnitt dar, der die Wettbewerbsposition europäischer Fahrzeughersteller fundamental verschlechtert. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnte, dass die Belastungen für deutsche Autobauer durch die seit April 2025 geltenden Strafzölle „in die Milliardenhöhe“ gingen. Der Druck auf die Branche war und ist immens – was erklärt, warum die Industrie einerseits die Einigung begrüßte, andererseits aber weiterhin auf einen Abbau der verbleibenden Belastungen drängt.
Das Parlaments-Theater: Zwischen Souveränitätsanspruch und Erpressbarkeit
Dabei verlief die innere Geschichte des Deals keineswegs reibungslos. Das Europäische Parlament, das der Ratifizierung des rechtsverbindlichen Abkommens zustimmen muss, zeigte sich von Beginn an skeptisch gegenüber den asymmetrischen Konditionen. Der Vorsitzende des Handelsausschusses, Bernd Lange von der SPD, wurde zur zentralen Figur in diesem Ringen – mal als Warner, mal als Bremser, mal als pragmatischer Verhandler.
Im Januar 2026 geriet die Ratifizierung erneut ins Stocken, als ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA die rechtliche Grundlage der Trumpschen Zollpolitik untergrub: Das Gericht entschied, dass der Präsident nicht befugt sei, auf Basis eines ausgerufenen wirtschaftlichen Notstands Zölle zu erheben. Die Folge war paradox: Der Zollsatz auf EU-Waren sank zunächst von 15 auf 10 Prozent – doch Trump führte sogleich neue Zölle auf Basis anderer gesetzlicher Bestimmungen ein, sodass sich die Gesamtbelastung für viele Produkte wieder auf 25 Prozent erhöhte. Lange reagierte konsequent: Er erklärte, die USA hätten den Deal gebrochen, und forderte eine Aussetzung des Ratifizierungsverfahrens. „Für uns ist glasklar, dass die USA den Deal brechen“, sagte Lange in der Euronews-Sendung „Europe Today“.
Das EU-Parlament bestand auf verbindlichen Garantien, bevor es seinen Segen geben würde. Es forderte eine Aussetzungsklausel, die es der EU erlaubt, Zollpräferenzen für die USA wieder einzuziehen, sollte Washington erneut gegen Absprachen verstoßen; eine sogenannte „Sunrise Clause“ (Sonnenaufgangsklausel), wonach EU-Zollsenkungen erst dann in Kraft treten, wenn die USA ihre Verpflichtungen erfüllen; sowie ein festes Ablaufdatum für die gesamte Vereinbarung. Das Parlament war damit bereit, den Deal zu akzeptieren – aber zu seinen eigenen Bedingungen.
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Bilaterale Machtpolitik statt WTO: Der Handelspakt, der die Weltordnung verwischt
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Die Lage eskalierte erneut am 1. Mai 2026, als Trump auf Truth Social ankündigte, die Zölle auf Autos und Lastwagen aus der EU ab der folgenden Woche von 15 auf 25 Prozent zu erhöhen, weil die EU „ihre Verpflichtungen nicht einhalte“. Die Begründung ließ an Schärfe nichts zu wünschen übrig: Trump behauptete, es sei „bekannt vereinbart“ worden, dass keine Zölle auf Fahrzeuge erhoben werden – eine Interpretation, die von der EU-Seite bestritten wurde.
Eine Woche später, am 7. Mai 2026, nach einem Telefonat mit Ursula von der Leyen, setzte Trump eine neue Frist: Bis zum 4. Juli 2026, dem 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten, müsse die EU ihre Verpflichtungen aus dem Abkommen vollständig umsetzen – oder die Zölle würden „sofort auf ein viel höheres Niveau schnellen“. Die symbolische Aufladung dieser Fristsetzung war dabei kein Zufall: Trump rahmte den Handelskonflikt einmal mehr als Frage nationaler Würde und amerikanischer Stärke.
Der nächtliche Durchbruch und seine Konstruktionsmängel
In der Nacht vom 19. auf den 20. Mai 2026 kam es dann zu der Einigung, über die nun berichtet wird. Vertreter der EU-Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments verständigten sich auf die vollständige Umsetzung des Zolldeals, verbunden mit einem Sicherheitsnetz an Schutzklauseln. Die wesentlichen Elemente sind bekannt: Abschaffung der EU-Zölle auf US-Industriegüter, verbesserter Marktzugang für US-amerikanische Meeresfrüchte und Agrarprodukte sowie – als entscheidende europäische Versicherungspolice – ein ganzes Arsenal an Sicherheitsmechanismen.
Konkret sieht die Einigung vor, dass EU-Zollzugeständnisse bei Verstößen der USA gegen Absprachen wieder ausgesetzt werden können. Ein festes Ablaufdatum legt fest, dass zum 31. Dezember 2029 die Auswirkungen des Deals auf die europäische Wirtschaft umfassend überprüft werden und bei Feststellung von Schäden oder neuen Ungleichgewichten automatisch die Notbremse gezogen wird. Die EU-Kommission wird verpflichtet, alle drei Monate über die Handelsentwicklung zu berichten; sechs Monate vor Ablauf der Zollvorteile muss eine umfassende Bewertung vorgelegt werden, auf deren Basis EU-Institutionen über eine mögliche Verlängerung entscheiden.
Die Einigung muss noch vom Ministerrat und dem Plenum des Europäischen Parlaments formal bestätigt werden, bevor sie – spätestens vor dem 4. Juli – in Kraft tritt. Die formalen Hürden sind bekannt, die politische Richtung ist jedoch vorgegeben.
Eine Energieabhängigkeit mit System
Eines der am wenigsten diskutierten, aber ökonomisch folgenreichsten Kapitel des gesamten Abkommens betrifft die Energiepolitik. Die EU verpflichtete sich mit dem Turnberry-Deal, über drei Jahre Energieprodukte aus den USA im Wert von 750 Milliarden US-Dollar zu beziehen – vorwiegend in Form von Flüssigerdgas (LNG). Was auf den ersten Blick wie eine Diversifizierungsstrategie weg von russischem Gas klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als systematischer Austausch einer Abhängigkeit durch eine andere.
Bereits heute stammen mehr als 55 Prozent der europäischen LNG-Versorgung aus den USA. Das Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse (IEEFA) hat errechnet, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 75 und 80 Prozent der gesamten EU-LNG-Importe aus den USA stammen könnten, wenn die geschlossenen Lieferabkommen erfüllt werden und die Gasnachfrage nicht substanziell sinkt – das entspräche bis zu 40 Prozent aller europäischen Gasimporte aus einer einzigen Bezugsquelle. Eine Konzentration auf diesem Niveau untergräbt nicht nur die europäische Versorgungssicherheit, sondern gibt Washington ein mächtiges Druckmittel in künftigen Konflikten an die Hand. Das hat die taz-Analyse pointiert zusammengefasst: „Bis zum Ukrainekrieg war es die Abhängigkeit von russischem Gas, nun hat sich Europa durch zu viel Flüssigerdgas aus den USA erpressbar gemacht.“
Erschwerend kommt hinzu, dass die massiven Investitionszusagen der EU in Höhe von 600 Milliarden US-Dollar in amerikanische Projekte dem europäischen Kapitalmarkt in einer Phase entzogen werden, in der die EU dringend Investitionen in die eigene Innovations- und Rüstungsinfrastruktur benötigt – Empfehlungen, die sowohl der Letta-Bericht als auch der Draghi-Bericht mit Nachdruck formuliert hatten.
Strukturelle Schieflage und das Schweigen der Welthandelsordnung
Die Debatte um den EU-US-Deal ist auch eine Debatte über den Zustand der internationalen Handelsordnung. Jahrzehntelang galt das Prinzip der Meistbegünstigung und des nicht-diskriminierenden Marktzugangs als Rückgrat des multilateralen Handelssystems, das durch die Welthandelsorganisation (WTO) überwacht wurde. Trumps Zollpolitik hat dieses System in einem Ausmaß beschädigt, das sich selbst nach etwaigen Einigungen nicht einfach reparieren lässt.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte nach der jüngsten Einigung unmissverständlich: „Der asymmetrische Charakter des EU-US-Deals darf kein Maßstab für die europäische Handelspolitik werden. Das regelbasierte multilaterale Handelssystem muss erhalten und gestärkt werden.“ Diese Mahnung verdeutlicht das strukturelle Dilemma: Wenn die größten Handelsmächte der Welt bilaterale Deals auf der Basis politischen Drucks abschließen, erodiert die Legitimität multilateraler Institutionen. Andere Länder und Handelsblöcke ziehen entsprechende Schlüsse. Das globale Handelssystem fragmentiert sich in ein Netzwerk bilateraler Machtverhältnisse – mit den USA als zentralem Hub, der die Konditionen vorgibt.
Gleichzeitig hat der Druck durch Trump paradoxerweise die EU zu einer Beschleunigung ihrer eigenen bilateralen Handelsagenda gezwungen. Die Einigung stimulierte die Verhandlungsbemühungen mit anderen Partnern erheblich – vom Mercosur über Indien bis zu diversen indopazifischen Staaten. Dieser Effekt ist real und positiv: Europa diversifiziert seine Abhängigkeiten, auch wenn dies kein Ersatz für stabile transatlantische Verhältnisse ist.
Zwischen Pragmatismus und strategischer Selbstaufgabe
Die nun beschlossene vollständige Umsetzung des Deals wirft eine grundsätzliche strategische Frage auf: Verhandelt Europa mit einer Wirtschaftsmacht, die Verträge grundsätzlich als verhandelbare Ausgangspositionen betrachtet – und welche Strategie ist unter solchen Bedingungen rational?
Auf der einen Seite steht das pragmatische Argument: Ein schlechter Deal ist besser als kein Deal, weil er wenigstens einen Rahmen schafft, innerhalb dessen Unternehmen planen können. Die Unsicherheit selbst ist, wie ökonomische Forschung zeigt, der größte Schaden für Investitionen und Wachstum. Auf der anderen Seite steht die Warnung, dass jedes Nachgeben unter Druck künftigen Eskalationen Tür und Tor öffnet – und dass ein Vertragspartner, der Abkommen mehrfach als gebrochen erklärt hat und einseitig neue Zölle einführt, strukturell kein verlässlicher Partner ist.
Das Sicherheitsnetz, das das Europäische Parlament in die nun beschlossene Umsetzung eingebaut hat, ist insofern nicht nur handwerklich vernünftig, sondern strategisch notwendig. Die Aussetzungsklausel, die Sonnenaufgangsklausel und das Ablaufdatum 2029 schaffen Hebel, die Europa in einer künftigen Eskalation nutzen kann. Sie sind kein Triumph, aber sie sind die bescheidene Versicherungspolice einer Gemeinschaft, die über Drohszenarien nicht in Panik verfallen darf, aber auch nicht naiv sein sollte.
Volkswirtschaftliche Gesamtbilanz: Schaden begrenzt, aber real
Für die ökonomische Gesamtbewertung des Deals und seiner Umsetzung lässt sich eine differenzierte, aber klare Bilanz ziehen. Der EU-Wirtschaft insgesamt beschert der Zollsatz von 15 Prozent ein BIP-Minus von rund 0,1 Prozent – verglichen mit dem hypothetischen Szenario ohne jegliche Zölle. Das ist beherrschbar, aber nicht trivial. Für die EU als Ganzes bleiben die Exporte in die USA mit unter 3 Prozent des EU-BIP verkraftbar. Für einzelne Volkswirtschaften und Branchen – insbesondere Deutschland mit seiner exportorientierten Industriestruktur – ist das Bild deutlich belastender.
Entscheidend für die mittelfristige Entwicklung ist, ob der Deal Bestand hat oder ob Trump weitere Eskalationsrunden einleitet. Der Zeitraum bis Ende 2029 ist in dieser Hinsicht sowohl eine Chance als auch ein Risiko. Eine Chance, weil Europa in dieser Zeit durch Diversifizierung und industriepolitische Anpassungen Resilienz aufbauen kann. Ein Risiko, weil der Zeithorizont Trumpscher Handelspolitik deutlich kürzer ist als der eines strukturellen Wandels.
Die politische Ökonomie des Drucks
Abschließend verdient ein Aspekt besondere Aufmerksamkeit, der im wirtschaftlichen Diskurs häufig unterbelichtet bleibt: die innenpolitische Logik der Trumpschen Handelspolitik. Die Frist zum 4. Juli ist kein zufälliges Datum – sie ist ein Politikum erster Ordnung. Der 250. Geburtstag der USA als Kulisse für den „größten Deal der Geschichte“ ist eine politische Inszenierung, die Trump im Inneren nützt. Für ihn ist Handelspolitik nicht primär Ökonomie, sondern Theater – und in diesem Theater braucht er Siege, die er seinen Wählern präsentieren kann.
Das bedeutet für die EU: Sie ist nicht nur Wirtschaftspartnerin, sondern auch Requisite in einem amerikanischen Innenpolitikdrama. Jede europäische Reaktion, jede Konzession und jede Drohgebärde wird nicht nur an ihrer ökonomischen Rationalität gemessen, sondern auch daran, wie sie in die amerikanische innenpolitische Erzählung passt. Europa täte gut daran, diese Dimension nicht zu ignorieren – und seine Antworten entsprechend zu kalibrieren: fest genug, um als ernstzunehmender Akteur wahrgenommen zu werden, und flexibel genug, um dem anderen die gesuchten Siegermomente nicht gänzlich zu verweigern, solange die eigenen Kerninteressen gewahrt bleiben.
Die Einigung der EU auf die vollständige Umsetzung des Zolldeals ist vor diesem Hintergrund weder eine Kapitulation noch ein Triumph. Sie ist das Ergebnis rationaler Interessenabwägung unter Bedingungen struktureller Ungleichheit – eine pragmatische Schadensbegrenzung, die mit einem robusten Kontrollmechanismus versehen wurde. Ob dieser Mechanismus ausreicht, wird die Zeit zeigen. Die Notbremse ist gezogen. Man muss nur hoffen, dass sie auch funktioniert.














