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Das stille Verschwinden einer Infrastruktur: Wer das Coillager in Hagen wirklich braucht – Wenn ein Logistiklager schließt

Das stille Verschwinden einer Infrastruktur: Wer das Coillager in Hagen wirklich braucht – Wenn ein Logistiklager schließt

Das stille Verschwinden einer Infrastruktur: Wer das Coillager in Hagen wirklich braucht – Wenn ein Logistiklager schließt – Kreativbild: Xpert.Digital

Lkw statt Schiene: Wie das Ende des Hagener Coil-Lagers die Verkehrswende ad absurdum führt

Kahlschlag bei DB Cargo: Wie die Schließung eines einzigen Lagers den Mittelstand im Ruhrgebiet trifft

Niemand kennt es, eine ganze Industrie braucht es: Das dramatische Ende des Hagener Stahl-Knotenpunkts

Ein Netzknoten fällt weg. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche betriebswirtschaftliche Randnotiz wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als beispielloses Systemversagen. Wenn das Steel Logistics Center (SLC) in Hagen-Boele seine Tore schließt, verschwindet nicht einfach nur eine Lagerhalle. Es stirbt eine unverzichtbare Infrastruktur, die jahrzehntelang das Rückgrat der stahlverarbeitenden Industrie im Ruhrgebiet und Sauerland bildete. Das hochmoderne Coil-Lager der DB Cargo war ein Musterbeispiel dafür, wie klimafreundlicher Schienengüterverkehr und Just-in-time-Logistik auf der letzten Meile erfolgreich verschmelzen können. Doch anstatt dieses Konzept auszubauen, wird es nun abgewickelt – ohne dass ein gleichwertiger Ersatz in Sicht ist. Die Folgen dieses Kahlschlags treffen weit mehr als nur die direkt beschäftigten Mitarbeiter: Sie bedrohen die Wettbewerbsfähigkeit unzähliger mittelständischer Betriebe, gefährden die Resilienz deutscher Automobil-Lieferketten und konterkarieren sämtliche politischen Bemühungen um eine Verkehrswende. Wie es zu diesem stillen Verschwinden kommen konnte, wen es am härtesten trifft und welche Lösungsansätze das drohende Lkw-Chaos jetzt noch verhindern könnten, zeigt diese tiefgreifende Analyse.

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Ein Netzknoten fällt weg. Was klingt wie eine betriebswirtschaftliche Randnotiz, ist in Wahrheit ein Systemversagen mit Folgen für Stahl, Autos, Klima und Mittelstand.

Wenn ein Logistiklager schließt, schreibt die Öffentlichkeit in der Regel über Arbeitsplatzverluste. Das ist verständlich, trifft aber nur einen Teil der Wirklichkeit. Das Steel Logistics Center (SLC) in Hagen-Boele war nicht irgendein Lager. Es war ein Netzknoten in einer Lieferkette, die das Rückgrat der deutschen Industrie bildet – stiller, unverzichtbarer und verletzlicher, als die meisten wissen. Sein Wegfall betrifft weit mehr als die 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Er betrifft eine ganze Industrie-Ökologie, die sich über Jahrzehnte um diesen Knoten herum geformt hat.

Das eigentliche Problem ist nicht die Schließung selbst. Das eigentliche Problem ist, dass es keinen gleichwertigen Ersatz gibt – und dass dies in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.

Das Hagener SLC: Eine Drehscheibe, keine Lagerhalle

Was das Lager tatsächlich leistete

Das Steel Logistics Center der DB Cargo AG in der Niedernhofstraße in Boele war auf 8.500 Quadratmetern Hallenfläche eine der leistungsfähigsten Coil-Umschlagsanlagen Deutschlands. Es bot Kapazitäten für 60.000 Tonnen Stahlcoils, 1.300 variable Bodenplätze und 170 Meter Gleis innerhalb der Halle – genug für 13 Güterwagen gleichzeitig. Entscheidend war aber nicht die Kapazität allein, sondern das Prinzip: Das SLC verband Just-in-time-Logistik mit schienengebundenem Zulauf und flexibler Lkw-Auslieferung auf der letzten Meile.

Coils – aufgerollte Stahlbänder von bis zu 35 Tonnen Einzelgewicht – sind sperrig, schwer und empfindlich. Sie benötigen Kräne, speziell ausgebildetes Personal, klimatisierte Lagerhallen mit Feuchtigkeitsregelung und eine Infrastruktur, die den Aufwand des Umschlags minimiert. Das SLC Hagen bot all das. Es war kein Zwischenlager im simplen Sinne, sondern ein aktives Distributionszentrum: Coils kamen per Zug, wurden nach Kundenvorgabe sortiert, kommissioniert, auf Abmessungen geprüft und per Lkw just in time an Weiterverarbeiter in der Region ausgeliefert.

Der Anteil der per Schiene angelieferten Coils stieg von 23 Prozent im Jahr 2012 auf über 90 Prozent bis 2018 – ein in der Branche außergewöhnlich hoher Wert, der zeigte, dass das Konzept funktionierte. Das SLC war einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem Schiene und Stahlindustrie tatsächlich optimal zusammenkamen.

Das Einzugsgebiet: Stahl im Sauerland und Ruhrgebiet

Die Region, die das SLC Hagen versorgte, ist eines der industriell dichtesten Gebiete Europas. Das märkische Sauerland – Städte wie Iserlohn, Lüdenscheid, Plettenberg, Hemer, Arnsberg – trägt den Spitznamen „Märkisches Nickel“ und ist mit Hunderten metallverarbeitender Betriebe besetzt: Stahl-Service-Center, Kaltwalzwerke, Stanzereien, Federnhersteller, Rohrproduzenten, Automobilzulieferer. Hinzu kommen die industriellen Randbereiche des Ruhrgebiets mit weiteren Werken in Dortmund, Schwerte, Hagen, Witten und Bochum.

Das Stahl-Service-Center Böcker in Schwerte-Westhofen, die Coil-Verarbeiter bei Stahlform Schulte in Arnsberg/Neheim-Hüsten – das SLC Hagen war für all diese Betriebe die regionale Versorgungsdrehscheibe. Die Regionalverkehr Ruhr-Lippe (RLG) nutzte das SLC als Verbundpartner und verlängerte dessen Reichweite tief ins Sauerland: Stahlcoils wurden aus Hagen über das RLG-Netz bis ins Lager Arnsberg-Neheim-Hüsten geliefert, das als Pufferlager für bundesweit agierende Stahlhändler fungierte. Das war kein zufälliges Geflecht, sondern ein über Jahre gewachsenes, funktionierendes System.

Wer trifft es? Die drei Betroffenenkreise

Kreis 1: Die stahlverarbeitenden KMU ohne eigene Lagerkapazität

Der erste und am stärksten betroffene Kreis sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU) der metallverarbeitenden Industrie, die kein eigenes Coillager betreiben und über keinen Gleisanschluss verfügen. Sie bezogen Coils über das SLC nach Bedarf – in Mengen, die zu klein für Direktlieferungen per Ganzzug, aber zu groß und zu schwer für effizienten Lkw-Transport aus fernen Lagern waren.

Für diese Betriebe war das SLC die Lösung des sogenannten „letzten Meters“: Der Zug brachte die Coils günstig und gebündelt aus den großen Stahlwerken nach Hagen, das SLC übernahm die Disaggregation und Lkw-Verteilung in die Region. Fällt dieser Knoten weg, müssen die Betriebe entweder größere Mengen auf Vorrat lagern – mit entsprechendem Kapitalbindungs- und Flächenaufwand – oder auf häufigere Lkw-Direktlieferungen umstellen, was teurer, langsamer und ökologisch nachteiliger ist.

Die Stahl-Service-Center der Region sind zwar technisch in der Lage umzustellen, aber die Kostenmehrbelastung ist real. Wer bisher durch den Schienenvorlauf günstige Transportkonditionen hatte, zahlt künftig Straßentransportpreise – oder muss seinen Bezug über weiter entfernte Großlager in Mannheim, Köln oder Nürnberg abwickeln, was die Vorlaufzeiten verlängert und die Flexibilität senkt.

Kreis 2: Stahl-Service-Center mit eigenem Gleisanschluss – aber ohne Netz

Der zweite Betroffenenkreis umfasst größere Betriebe mit eigenem Gleisanschluss, die jedoch auf ein funktionierendes Rangier- und Zugbildungsnetz angewiesen sind. Ein Gleisanschluss ist wertlos, wenn kein Zug mehr kommt. Das SLC Hagen war ein Knotenpunkt, an dem Zugbildung, Rangierung und Verteilverkehr koordiniert wurden.

Die Robert Schmitz Spedition – inzwischen Teil der Rhenus-Gruppe und mit eigenem Gleisanschluss in Hagen ausgestattet, der wöchentlich mehr als 250 Waggons abwickeln kann – ist ein Beispiel für diesen Typ: technisch auf Schiene ausgerichtet, betrieblich aber auf ein funktionierendes Netzwerk angewiesen. Rhenus hat beim Erwerb von Schmitz ausdrücklich auf die Stärke des Hagener Standorts als Tor ins Ruhr-, Sieger- und Sauerland hingewiesen. Wenn DB Cargo das Netz ausdünnt und Rangierbahnhöfe konsolidiert, werden solche privaten Anbieter mit eigenem Gleisanschluss strukturell geschwächt – nicht wegen eigener Fehler, sondern wegen schwindender Netzinfrastruktur.

Kreis 3: Die Automobilindustrie und ihre Zulieferer

Der dritte Betroffenenkreis ist auf den ersten Blick weniger naheliegend, aber strategisch bedeutsam: die Automobilindustrie. Stahlcoils sind das Hauptmaterial für Karosserieteile, Strukturkomponenten und Sicherheitsbauteile im Fahrzeugbau. Automobilhersteller und ihre Zulieferer arbeiten mit engsten Just-in-time-Lieferfenstern, in denen Verzögerungen von Stunden Produktionsstopps auslösen können.

Das SLC Hagen fungierte als regionaler Puffer, der Schwankungen in der Lieferkette abfederte. Das Modell des von DB Cargo und voestalpine entwickelten „Bayern-Shuttles“ – täglich werden drei bayerische Automobilhersteller mit Stahlcoils versorgt, im Rücklauf geht Schrott aus den Autowerken ins Stahlwerk nach Linz – zeigt exemplarisch, wie schienenbasierte Stahllogistik funktionieren kann, wenn Netzknoten vorhanden sind. Dieses Modell spart 8.000 Tonnen CO₂ pro Jahr gegenüber dem Lkw-Transport. Es funktioniert nur, weil belastbare Umschlagspunkte existieren. Das SLC Hagen war einer davon. Sein Wegfall schwächt die regionale Resilienz der Automobilzulieferkette im westfälischen und südwestfälischen Raum.

Warum es keinen gleichwertigen Ersatz gibt

Das Infrastrukturproblem: Abgerissen ist abgerissen

Der grundlegende Grund für das Fehlen eines gleichwertigen Ersatzes ist die Irreversibilität von Infrastrukturabbau. Eine Lagerhalle mit Gleisanbindung, Krananlage, Klimasteuerung und 1.300 Bodenplätzen entsteht nicht in wenigen Monaten. Sie erfordert Jahre der Planung, Genehmigung und Investition. Wer heute schließt, baut nicht morgen wieder auf – schon gar nicht in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem der Schienengüterverkehr strukturell unter Druck steht.

DB Cargo selbst hat angekündigt, die Coil-Logistik auf die verbleibenden großen Einzelwagenverkehrs-Standorte in Mannheim, Köln-Gremberg, Nürnberg und Seelze zu verlagern. Für Kunden im südlichen Ruhrgebiet und im Sauerland verlängern sich die Transportwege damit erheblich. Was bisher als Tageskurzlieferung aus Hagen organisiert war, wird zum Übernachtverkehr aus Köln oder zum Mehrtagesgeschäft aus Mannheim. Die Flexibilität schwindet, die Kosten steigen, die Liefertreue leidet.

Das Wettbewerbsproblem: Privat kann nicht alles auffangen

Theoretisch könnte ein privater Betreiber das Vakuum füllen. Praktisch scheitert das an der Wirtschaftlichkeit des Einzelwagenverkehrs. Das SLC Hagen funktionierte als Knoten in einem von DB Cargo betriebenen Netz, das die Zugbildung, das Rangieren und den Hauptlauf übernahm. Ein privater Betreiber, der das SLC weiterführen wollte, müsste entweder auf DB Cargo als Netzpartner zählen – was nach dem Rückzug von DB Cargo schwieriger wird – oder ein eigenes Nahbereichsnetz aufbauen.

Die Regionalverkehr Ruhr-Lippe (RLG) zeigt, dass solche regionalen Netzmodelle existieren: Die RLG hat DB Cargo bereits bei der Bedienung des Sauerlands flexibel unterstützt und das Stahllager Arnsberg-Neheim-Hüsten als Satellit des SLC Hagen betrieben. Aber die RLG ist ein kleines regionales Unternehmen, das DB Cargo ergänzt, nicht ersetzt. Und ihr eigenes Netz ist begrenzt.

Captrain und Rail Cargo Group (RCG) sind die realistischsten privaten Alternativen auf Netzebene. RCG bewegt im Segment Stahl und Energie jährlich über 7 Millionen Tonnen europaweit. Captrain hat gemeinsam mit Salzgitter Flachstahl das „SLoT Ost“-Netzwerk für ostdeutsche Coil-Transporte aufgebaut und kommt auf 150.000 bis 200.000 Tonnen jährlich. Diese Modelle zeigen, dass privater Schienengüterverkehr in der Stahllogistik funktioniert. Aber sie sind kein Eins-zu-eins-Ersatz für das SLC Hagen: Sie bedienen andere Einzugsgebiete, arbeiten mit anderen Produktionsmengen und erfordern langjährige Partnerschaftsverhandlungen.

Das Volumenproblem: Kein Ganzzug ohne Masse

Das strukturelle Kernproblem aller Schienenalternativen ist das Volumenminimum. Ein Ganzzug von Linz nach Bayern rechnet sich, weil die Mengen des voestalpine-Stahlwerks für tägliche Umlaufzüge ausreichen. Das Sauerland und das südliche Ruhrgebiet sind dagegen durch Kleinteiligkeit geprägt: Viele mittelgroße Unternehmen mit mittlerem Bedarf, die zusammengenommen relevant, aber einzeln oft zu klein für eigene Ganzzugverbindungen sind. Genau diese Kleinteiligkeit war der Grund, warum das SLC als bündelnder Knoten existierte – und genau dieser Netzknoten fehlt nun.

Ohne Bündelungsinfrastruktur ist der Schienentransport für diese Kundschaft nicht wirtschaftlich. Das Ergebnis ist zwangsläufig eine Verlagerung zum Lkw – nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen.

 

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LTW Intralogistics – Engineers of Flow - Bild: LTW Intralogistics GmbH

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Was möglich wäre: Realistische Lösungsansätze

Lösung 1: Privatisierung des SLC-Konzepts unter neuer Trägerschaft

Die naheliegendste Lösung wäre ein Betreiberwechsel: Ein privater Logistikdienstleister – etwa Rhenus, das über den Erwerb der Robert Schmitz Spedition bereits stark im Hagener Stahllogistikmarkt verankert ist – könnte das SLC oder eine vergleichbare Anlage übernehmen und weiterführen. Rhenus hat in Hagen bereits 200.000 Quadratmeter Lagerfläche, einen eigenen Gleisanschluss mit Kapazität für 250 Waggons pro Woche und tiefes Branchenwissen in der Coil-Logistik.

Der Haken: Ein solcher Betreiber braucht Sicherheit über das Zugbildungs- und Rangierangebot. Wenn DB Cargo den Einzelwagenverkehr ausdünnt und die Zuführung zur Hagener Region nicht mehr gewährleistet, verliert auch der private Betreiber die Grundlage. Die Privatisierung des SLC müsste also mit einer verbindlichen Vereinbarung über Netzleistungen einhergehen – zwischen dem privaten Betreiber, DB Cargo oder einem alternativen Eisenbahnverkehrsunternehmen und dem Eisenbahn-Bundesamt als Förderbehörde.

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Lösung 2: Regionales Konsortium unter Einbindung der RLG

Ein zweiter Ansatz wäre ein industriell getragenes Konsortium: Die stahlverarbeitenden Unternehmen der Region – Stahl-Service-Center, Kaltwalzwerke, Automobilzulieferer – bilden eine gemeinsame Logistikgesellschaft, die das SLC-Konzept weiterführt und als Genossenschaft oder GmbH betreibt. Die Zugbildungs- und Rangieraufgaben würde die RLG im regionalen Vorlauf übernehmen, den Hauptlauf Captrain oder ein anderes EVU.

Das klingt aufwendig, ist aber kein theoretisches Konstrukt. In anderen europäischen Ländern sind solche branchengetragenen Schienenlogistikmodelle verbreitet. In Österreich und der Schweiz existieren seit Jahrzehnten Verlader-Eisenbahn-Kooperationen, die ähnliche Strukturprobleme gelöst haben. Der Anreiz für die beteiligten Unternehmen ist real: günstigere Transportkosten, verlässlichere Lieferketten und eine nachvollziehbare CO₂-Bilanz, die in der Automotive-Lieferkette zunehmend gefordert wird.

Lösung 3: Nutzung der Betriebskostenförderung Einzelwagenverkehr

Seit Juni 2024 gibt es eine neue „Betriebskostenförderung im Einzelwagenverkehr“ (BK-EWV) des Bundes, die bis Mai 2029 läuft. Sie fördert explizit die erste und letzte Meile im EV-Betrieb sowie Bündelungs- und Direktverkehre. Im Bundeshaushalt 2026 stehen für den gesamten Schienengüterverkehr 707 Millionen Euro bereit, davon 300 Millionen Euro für die BK-EWV und 265 Millionen Euro für die Trassenpreisförderung.

Das ist politisches Kapital, das in der Praxis noch zu wenig auf regionale Schienenlogistik-Infrastruktur gelenkt wird. Ein privater Betreiber, der das SLC-Konzept in Hagen weiterführt und dabei auf die Erste-Meile-Förderung zurückgreift, könnte die Wirtschaftlichkeit des Betriebs substanziell verbessern. Das Eisenbahn-Bundesamt als Bewilligungsbehörde würde solche Anträge grundsätzlich offen empfangen – das Modell ist genau für solche Konstellationen gedacht. Das Problem ist nicht das Fehlen des Förderinstruments, sondern das Fehlen eines privaten Betreibers, der den Schritt wagt.

Lösung 4: Masterplan-Maßnahme 5.1 konsequent umsetzen

Der Masterplan Schienengüterverkehr des Bundesverkehrsministeriums sieht in Maßnahme 5.1 vor, dass bei der Genehmigung und dem Bau aufkommensstarker Industrie- und Logistikstandorte Gleisanschlüsse verbindlich berücksichtigt werden müssen. Die zugehörige Anschlussförderrichtlinie soll in einer neuen Fassung ab dem 1. Januar 2027 in Kraft treten.

Das ist ein richtiger Ansatz – aber er hilft für Hagen heute nicht. Er verhindert zukünftige Verluste von Gleisanschlüssen, schützt aber nicht die bestehende Infrastruktur, die gerade wegbricht. Was fehlt, ist eine ergänzende Schutzklausel für den Bestand: ein Mechanismus, der verhindert, dass bundeseigene oder -gebundene Unternehmen bestehende Gleisinfrastruktur mit überregionaler Versorgungsfunktion einfach schließen, ohne Übergangs- und Alternativangebote bereitzustellen.

Lösung 5: DAK-Pionierzüge als Hebel für das Sauerland

Die Digitale Automatische Kupplung (DAK) ist keine sofortige Lösung, aber ein strategischer Hebel. Ab 2026 fördert der Bund sogenannte „PioDAK-Züge“ – Pionierzüge im kommerziellen Betrieb mit automatischer Kupplung und durchgehender Datenleitungsfähigkeit. Das Budget für 2026 bis 2029 beträgt rund 36 Millionen Euro. Wer jetzt einen Stahlpendel zwischen dem Sauerland und einem Hauptproduktionsstandort als DAK-Pionierzug konzipiert und förderberechtigt anmeldet, kann Technologie, Wirtschaftlichkeit und Ökologie verbinden. Das Zeitfenster für solche Anträge ist eng, aber offen.

Das eigentliche Versagen: Strukturpolitik durch Unterlassen

Die Schließung des SLC Hagen ist das Ergebnis dreier zusammenwirkender Unterlassungen.

Die erste ist das jahrelange Hinauszögern struktureller Reformen bei DB Cargo, das verhinderte, dass das Unternehmen rechtzeitig Geschäftsmodelle entwickelte, die den EV auf privatwirtschaftlicher Basis tragen können. Die zweite ist das unzureichende Engagement der Bundespolitik beim Schutz netzrelevanter Logistikinfrastruktur: Es existieren Förderprogramme, aber keine Schutzmechanismen für bestehende Netzknoten. Die dritte ist das Schweigen der betroffenen Industrie: Die stahlverarbeitenden Unternehmen des Sauerlandes und Ruhrgebiets haben über Jahrzehnte das SLC genutzt, ohne gemeinsam für seinen Erhalt einzutreten oder eine tragfähige Alternativstruktur vorzubereiten.

Das Ergebnis ist ein Vakuum, das der Lkw füllen wird – nicht weil der Lkw die bessere Lösung wäre, sondern weil er die einzig verfügbare ist. Jeder Coil, der künftig auf der Straße statt auf der Schiene transportiert wird, ist ein kleiner weiterer Schritt in die falsche Richtung: teurer für den Kunden, belastender für das Klima, schlechter für die Straßeninfrastruktur und vollkommen widersinnig angesichts eines politischen Bekenntnisses zur Verkehrsverlagerung auf die Schiene.

Die Kosten des Nichtersatzes

Das SLC Hagen hatte eine unscheinbare, aber systemische Funktion. Es machte Schienentransport für Kunden zugänglich, die keinen eigenen Gleisanschluss haben, keine Ganzzugmengen bündeln können und trotzdem auf verlässliche, kostengünstige und klimafreundliche Coil-Versorgung angewiesen sind. Sein Wegfall trifft nicht einen einzelnen Konzern, sondern eine Industrie-Ökologie aus Dutzenden mittelständischen Betrieben, deren Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich von ihren Logistikkosten abhängt.

Der gleichwertige Ersatz existiert nicht, weil ihn niemand baut. Er wird nicht gebaut, weil die Wirtschaftlichkeit ohne staatliches Netzwerk und Förderrahmen unsicher ist. Und dieser Förderrahmen greift nicht, weil politische Aufmerksamkeit und industrielle Selbstorganisation bislang fehlen.

Das ließe sich ändern – wenn Rhenus als stärkster regionaler Akteur mit Gleisanschluss in Hagen, die RLG als regionales Eisenbahnverkehrsunternehmen, die Stahlindustrie als Verlader und das Eisenbahn-Bundesamt als Förderbehörde an einen Tisch kommen. Die Instrumente liegen auf dem Tisch: BK-EWV-Förderung, PioDAK-Programm, Anschlussförderrichtlinie, Masterplan-Maßnahme 5.1. Was fehlt, ist der Wille, sie zu nutzen – bevor sich das Fenster endgültig schließt.

 

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