Weg von Asien-Chips? Assembled in Europe: Schenker, Tuxedo & Co. – Wie heimische Laptop-Bauer den Markt gerade aufmischen
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 21. Juni 2026 / Update vom: 21. Juni 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Weg von Asien-Chips? Assembled in Europe: Schenker, Tuxedo & Co. – Wie heimische Laptop-Bauer den Markt gerade aufmischen – Bild: Xpert.Digital
Geheimtipp „Made in Europe“: Warum Ihr nächster Laptop nicht von Lenovo oder HP stammen sollte
Versteckte Backdoors im PC? Warum immer mehr Nutzer auf diese europäischen Laptops setzen
Der globale Laptop-Markt scheint fest in der Hand asiatischer und amerikanischer Giganten zu sein. Namen wie Lenovo, Apple oder HP dominieren die Bestsellerlisten, während das Herzstück der Geräte – die essenziellen Mikrochips – fast ausnahmslos in den hochgesicherten Werken von TSMC in Taiwan gefertigt wird. Ist der Traum von echter technologischer Unabhängigkeit und einem europäischen Computer also endgültig ausgeträumt? Die Antwort lautet: Nein. Abseits des von Preiskämpfen und Massenfertigung geprägten Mainstreams hat sich in Europa – und speziell in Deutschland – eine stille, aber hochgradig innovative Industrie etabliert.
Mit maßgeschneiderten Build-to-Order-Systemen (BTO), radikaler Transparenz durch quelloffene Firmware und einem konsequenten Fokus auf Datenschutz, Reparierbarkeit und Servicequalität beweisen Hersteller wie Schenker, Tuxedo oder NovaCustom, dass digitale Souveränität viel mehr ist als nur ein politisches Schlagwort. „Assembled in Europe“ bedeutet heute weit mehr als das simple Zusammenschrauben importierter Teile. Es ist eine strategische Antwort auf geopolitische Abhängigkeiten, ein Treiber für Software-Innovationen und ein handfestes Qualitätsversprechen für anspruchsvolle Nutzer, Unternehmen und Behörden, die wissen wollen, was wirklich unter der Haube ihrer Geräte steckt.
Europa baut Laptops. Nur traut es sich kaum, laut darüber zu reden.
Assembled in Europe – Warum der Kontinent mehr kann, als er zeigt
Der globale Laptop-Markt ist ein Milliardengeschäft mit klar definierten Machtverhältnissen. Weltweit wurde das Segment im Jahr 2025 auf rund 115 Milliarden US-Dollar taxiert, bis 2035 soll dieser Wert auf fast 185 Milliarden US-Dollar ansteigen — eine jährliche Wachstumsrate von 4,8 Prozent. Allein in Europa erzielte der Notebook-Markt 2025 einen Umsatz von rund 13,4 Milliarden Euro, wobei der Trend zu teureren Geräten ungebrochen ist: In den ersten Wochen des zweiten Quartals 2026 stiegen die europäischen Notebook-Erlöse um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, obwohl gleichzeitig die verkaufte Stückzahl um drei Prozent zurückging. Der durchschnittliche Verkaufspreis kletterte dabei um 11,4 Prozent — getrieben vor allem durch KI-fähige Prozessorarchitekturen und einen beschleunigten Erneuerungszyklus in Unternehmensumgebungen.
Wer in diesem Markt die Führung beansprucht, sind keine europäischen Namen. Auf Amazon Deutschland führte im Juni 2025 Lenovo mit einem Stückzahlanteil von 31,6 Prozent, gefolgt von Apple, HP und Acer. Europäische Hersteller tauchen in den Bestsellerlisten der großen Plattformen schlicht nicht auf. Das ist kein Zufall, sondern die Folge struktureller Weichenstellungen, die vor Jahrzehnten gesetzt wurden — und die heute, angesichts wachsender geopolitischer Spannungen und dem dringenden Ruf nach digitaler Souveränität, neu bewertet werden müssen.
Das Fundament des Oligopols: Warum ohne Asien kein Chip funkt
Um zu begreifen, warum ein vollständig in Europa gefertigtes Notebook im Jahr 2026 keine reale Option ist, muss man den Blick auf die mikroskopische Ebene richten — auf jene Siliziumschichten, deren Herstellung die komplexeste und kapitalintensivste Tätigkeit der Menschheit darstellt. Das Herzstück jedes modernen Computers, der Prozessor und der Grafikchip, wird von Intel, AMD oder Nvidia entworfen. Gefertigt werden diese Chips jedoch fast ausnahmslos bei TSMC in Taiwan oder bei Samsung in Südkorea.
Die Dominanz von TSMC ist dabei kaum in Worte zu fassen: Im zweiten Quartal 2025 hielt das Unternehmen einen Marktanteil von 70,2 Prozent im globalen Foundry-Geschäft — ein Rekordwert. Bei 5-Nanometer-Chips liegt TSMCs Anteil bei über 80 Prozent, bei 3-Nanometer-Chips sogar über 90 Prozent. Samsung, der zweitgrößte Auftragsfertiger, fiel auf gerade einmal 7,2 bis 7,7 Prozent zurück. Das chinesische Unternehmen SMIC hält rund 5 bis 6 Prozent. Die Top 10 der Foundries kontrollieren insgesamt 97 Prozent des globalen Marktes.
An dieser Stelle betritt das einzige europäische Unternehmen die Weltbühne des Halbleitergeschäfts, das dort wirklich Gewicht hat: ASML aus den Niederlanden. Das Unternehmen ist der weltweit einzige Hersteller von EUV-Lithografiemaschinen, jenen Belichtungsanlagen, ohne die keine fortschrittlichen Chips unter sieben Nanometern gefertigt werden können. Eine einzelne dieser Maschinen kostet bis zu 150 Millionen US-Dollar. ASMLs globaler Marktanteil in dieser Schlüsseltechnologie wird auf 80 bis 90 Prozent geschätzt — womit das Unternehmen das vielleicht beeindruckendste Monopol der gesamten Technologieindustrie hält. Ohne ASML gäbe es keine modernen Prozessoren, weder von TSMC noch von Intel.
Europa ist damit in der widersprüchlichen Lage, die einzige unverzichtbare Schlüsselmaschine der Chipproduktion zu bauen, die fertigen Chips jedoch fast vollständig importieren zu müssen. Diese strukturelle Lücke ist das eigentliche Kernproblem der europäischen Technologieabhängigkeit.
Zur Lieferkette der Prozessoren kommt die sogenannte Barebone-Industrie hinzu. Nahezu alle Notebook-Gehäuse mitsamt ihren Hauptplatinen werden von einer kleinen Gruppe taiwanischer Auftragsfertiger vorgefertigt. Clevo, 1983 gegründet, gilt als einer der ältesten und bedeutendsten dieser ODM-Hersteller (Original Design Manufacturer) und liefert seine hochgradig anpassbaren Barebone-Systeme an zahlreiche Marken weltweit. Tongfang und Compal ergänzen dieses Oligopol. Die Massenproduktion findet überwiegend in China und in anderen südostasiatischen Ländern statt, wo Lohnkosten, staatliche Subventionen und ein hochentwickeltes Zuliefernetzwerk einen kaum aufzuholenden Kostenvorteil generieren. Kein einziges Consumer-Notebook der Welt kommt ohne asiatische Halbleiter, Displays oder Platinen aus. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt Marketing, keine Industriepolitik.
Zwischen Import und Innovation: Das Modell der europäischen Veredler
Bedeutet diese schonungslose Bestandsaufnahme, dass der europäische Laptop eine Illusion bleiben muss? Die Antwort ist differenzierter, als es die Schlagzeilen vermuten lassen. Denn die entscheidende Wertschöpfung findet heute nicht mehr ausschließlich in der Massenfertigung statt. Sie liegt im Entwurf, in der Konfiguration, im Service und — zunehmend — in der Software.
Europäische Hersteller haben ein Modell etabliert, das sich als BTO-Fertigung (Build-to-Order) beschreiben lässt: Sie importieren rohe, teilbestückte Barebone-Gehäuse aus Asien und transformieren diese in Europa zu maßgeschneiderten Hightech-Geräten. Dieser Prozess umfasst die individuelle Bestückung mit Arbeitsspeicher und Datenspeicher nach Kundenwunsch, die Qualitätskontrolle, Stresstests, die Betriebssysteminstallation und die Konfiguration proprietärer oder freier Firmware. Das BTO-Modell ist kein europäisches Novum — es wurde unter anderem durch Dell in den 1990er-Jahren zur dominanten Strategie im PC-Markt gemacht. Europäische Anbieter haben es jedoch verfeinert und auf spezifische Marktnischen angepasst, die internationale Massenanbieter strukturell nicht bedienen können oder wollen.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Veredlungsleistung sollte nicht unterschätzt werden. Hochqualifizierte Arbeitsplätze in der Montage, im Qualitätsmanagement, im Kundensupport und in der Softwareentwicklung entstehen in Europa, zahlen europäische Steuern und unterliegen europäischen Arbeitsrechten. Die Lieferkette wird durch die lokale Endmontage kürzer, transparenter und resilienter gegenüber globalen Störereignissen — eine Lektion, die die Welt während der COVID-19-Pandemie und der darauffolgenden Chipknappheit schmerzhaft gelernt hat.
Hüllhorst, Leipzig, Augsburg: Deutschlands stille Laptop-Industrie
Deutschland beherbergt mehrere der wichtigsten europäischen Akteure in diesem Segment, und ihre Entstehungsgeschichten spiegeln die industriellen Stärken des Landes wider: Mittelstand, Ingenieurkultur und die Bereitschaft, enge Nischen mit hoher Fertigungstiefe zu besetzen.
Die Wortmann AG aus dem westfälischen Hüllhorst ist eines der bemerkenswertesten Beispiele für unternehmerischen Eigensinn in der deutschen IT-Branche. Das Familienunternehmen betreibt eine der bedeutendsten IT-Fertigungsstraßen Deutschlands und assembliert unter der Marke TERRA Laptops, Desktop-PCs, Server und weitere Hardwarekomponenten für den DACH-Markt. Der Umsatz der Gruppe liegt bei rund 2,1 Milliarden Euro, allein die Wortmann AG erzielte zuletzt über eine Milliarde Euro Umsatz. Das Unternehmen richtet sich primär an den B2B-Sektor: Schulen, Behörden, Mittelstandsunternehmen und öffentliche Einrichtungen, die hohe Anforderungen an verlässliche Lieferketten, zertifizierten Service und schnelle Reaktionszeiten im Reparaturfall stellen. Dieses institutionelle Geschäftsmodell schützt Wortmann vor den Preiskämpfen im Consumer-Segment und ermöglicht stabile Margen durch Serviceverträge und langfristige Rahmenabkommen. In einem Markt, der von globalen Konzernen dominiert wird, beweist Wortmann, dass regionale Verwurzelung und branchenspezifische Servicequalität tragfähige Wettbewerbsvorteile sein können — auf Amazon mag man die Marke TERRA selten finden, in deutschen Klassenzimmern und Verwaltungsgebäuden dafür umso öfter.
In Leipzig hat Schenker Technologies seit seiner Gründung im Jahr 2002 durch Robert Schenker eine andere, komplementäre Nische entwickelt. Das Unternehmen, das unter der Marke XMG Hochleistungs-Laptops für Gaming, Content Creation und professionelle Anwender vermarktet, steht exemplarisch für die Möglichkeiten der europäischen BTO-Fertigung im Premiumsegment. Kunden können ihre Geräte in einem Konfigurator bis auf die Komponentenebene anpassen: Welcher Arbeitsspeicher, welche SSD, welches Kühlsystem, welche Display-Variante — all das wird nach dem Auftragseingang in Sachsen zusammengebaut und einem umfangreichen Belastungstest unterzogen. Wer noch eine passende SSD in der Schublade hat, kann ein XMG-Modell auch ohne Laufwerk konfigurieren und die vorhandene Komponente selbst einbauen — ein Serviceprinzip, das bei den globalen Massenherstellern schlicht nicht existiert. Die Qualitätskontrolle findet komplett in Leipzig statt, was kurze Reaktionszeiten im Garantiefall und eine nachvollziehbare Verantwortungskette ermöglicht.
Tuxedo Computers aus dem Augsburger Raum repräsentiert eine dritte Spielart europäischer Laptop-Fertigung: die konsequente Ausrichtung auf Linux. Das Unternehmen kombiniert aktuelle Notebook-Hardware — unter anderem auf Basis von Clevo-Barebones — mit einem tief angepassten Betriebssystem-Stack. Seit Jahren entwickelt Tuxedo mit Tuxedo OS eine eigene Linux-Distribution auf Basis von Ubuntu mit KDE-Plasma-Desktop, die auf Anhieb mit sämtlicher verbauter Hardware läuft — inklusive Grafiktreibern, Tastaturbeleuchtung und Energiemanagement. Das Tuxedo Control Center erlaubt eine feingranulare Steuerung von Lüfterkurven, Energieprofilen und Akkuladegrenzen direkt aus dem Betriebssystem. Für Nutzer, die Windows den Rücken kehren, aber keine aufwendige Treiberkonfiguration in Kauf nehmen wollen, ist das Angebot attraktiv. EU-Käufer profitieren dabei von einer Lieferung inklusive Mehrwertsteuer und einer deutschen Rücksendeadresse im Garantiefall — statt eines transatlantischen Versands.
Amsterdam und Valencia: Das radikale Datenschutzprogramm aus den Nischen Europas
Außerhalb Deutschlands hat sich eine bemerkenswerte europäische Nische gebildet, die das Konzept der digitalen Souveränität konsequenter interpretiert als alle anderen. In den Niederlanden agiert NovaCustom, in Spanien Slimbook — beide Unternehmen richten sich an Nutzer, die nicht nur ein alternatives Betriebssystem suchen, sondern fundamentales Misstrauen gegenüber der gesamten proprietären Software-Infrastruktur moderner Notebooks hegen.
NovaCustom hat sich dabei auf ein technisches Alleinstellungsmerkmal konzentriert, das in der Mainstream-Hardware-Industrie schlicht nicht existiert: die vollständige Ersetzung des proprietären BIOS/UEFI durch Dasharo, eine maßgeschneiderte Implementierung des quelloffenen Firmware-Systems coreboot. Das herkömmliche BIOS/UEFI einer Notebook-Hauptplatine ist eine geschlossene Softwareschicht, die tief unterhalb des Betriebssystems operiert, für den Nutzer nicht einsehbar ist und prinzipiell als Angriffsfläche für Backdoors oder staatlich installierte Schadsoftware genutzt werden könnte. Die gesamte Debatte um staatlich mandatierte Überwachungssoftware, wie sie in den vergangenen Jahren immer wieder europäische Sicherheitsbehörden beschäftigt hat, berührt genau diese Schicht des Systems. Dasharo-coreboot von NovaCustom macht den vollständigen Quellcode der Firmware öffentlich zugänglich und dokumentiert ihn lückenlos. Aktuelle Modelle der NovaCustom-Laptop-Linien werden unter anderem auf Qubes OS vorinstalliert, einem auf Sicherheit durch Isolierung spezialisierten Betriebssystem. Dass das Unternehmen darüber hinaus auf Speichermodule von GOODRAM setzt, dem polnischen Hersteller Wilk Elektronik, der als einziges Unternehmen in Europa noch DRAM-Module fertigt, rundet das Bild einer konsequenten Lokalisierungsstrategie ab. Die Chips selbst stammen freilich noch aus Asien — eine Restabhängigkeit, die NovaCustom offen kommuniziert.
Slimbook aus Valencia, betrieben durch das Unternehmen Grupo Odín, verfolgt eine etwas offenere Strategie: Die Geräte werden standardmäßig mit verschiedenen Linux-Distributionen ausgeliefert, besonders eng ist die Kooperation mit dem KDE-Projekt, aus der die KDE-Slimbook-Produktlinie entstanden ist. Slimbooks Stärke liegt in einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis kombiniert mit konsequenter Linux-Kompatibilität. Die Basismodelle beginnen bei unter 1.000 Euro, Spitzenmodelle mit AMD Ryzen 7 und 16 GB RAM liegen bei rund 1.000 Euro und bieten damit eine ernst zu nehmende Alternative zu den Premium-Linux-Notebooks von Tuxedo oder System76.
Der Code als Wettbewerbsvorteil: Europas Software-Schicht als echte Innovation
Die tiefgreifendste Innovation, die europäische Laptop-Hersteller in den letzten Jahren hervorgebracht haben, liegt nicht im Löten neuer Platinen, sondern im Schreiben von Code. Diese Erkenntnis ist für das Verständnis der europäischen Wettbewerbspositionierung entscheidend.
Das klassische BIOS/UEFI, das in nahezu allen handelsüblichen Laptops weltweit verbaut ist, ist ein proprietäres System, das der Nutzer weder einsehen noch wirklich kontrollieren kann. Europäische Firmen wie Tuxedo Computers und NovaCustom haben erkannt, dass genau hier ein echter Mehrwert geschaffen werden kann, den Lenovo, HP oder Acer strukturell nicht bieten wollen — weil ihre Massenmarkt-Logik auf Standardisierung und Kontrolle ausgerichtet ist, nicht auf Transparenz.
Das quelloffene coreboot-System, zu dem NovaCustom mit der Dasharo-Implementierung maßgeblich beiträgt, macht die Firmware-Schicht eines Laptops vollständig transparent, prüfbar und anpassbar. Die praktischen Vorteile sind substanziell: Dasharo vermeidet durch optimierte Temperaturprofile dauerhaft hohe CPU-Temperaturen, was die Langlebigkeit der Hardware verlängert. Die vollständige Kompatibilität mit GNU/Linux-Betriebssystemen ist von Beginn an im Design verankert, nicht nachträglich angepasst. Sicherheitslücken in der Firmware können durch die Open-Source-Community schneller identifiziert und gepatcht werden als in geschlossenen proprietären Systemen — ein Prinzip, das als Linus’ Law bekannt ist und besagt: Mit vielen Augen werden alle Fehler leicht zu finden.
Tuxedo Computers hat mit dem Tuxedo Control Center (TCC) einen komplementären Ansatz gewählt: Anstelle einer vollständigen Firmware-Öffnung bietet das Unternehmen eine tiefe Betriebssystem-Integration, die dem Linux-Nutzer Funktionen zugänglich macht, die unter Windows exklusiv über Hersteller-Tools verfügbar wären. Lüfterkurven, Energiesparmodi, Tastaturbeleuchtungsmuster und Akkuladegrenzen sind dabei nicht nur einstellbar, sondern direkt durch die Open-Source-Community einsehbar und erweiterbar.
Diese europäische Software-Innovation hat reale Konsequenzen für die Produktlebensdauer. Ein Gerät, das mit offenem Firmware-Stack ausgeliefert wird, kann über seinen Hardware-Lebenszyklus hinaus genutzt werden, weil keine Softwaresperre den Austausch von Komponenten verhindert. In einer Welt, in der geplante Obsoleszenz ein zunehmend reguliertes Problem ist — die EU hat mit dem Recht auf Reparatur einen wichtigen legislativen Schritt unternommen — werden genau diese Eigenschaften zu einem handfesten Marktvorteil.
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Berlin's Open‑Hardware‑Revolution: Wie MNT Research den Laptop neu denkt
Berlin als Avantgarde: Das Open-Source-Experiment von MNT Research
Wer die Grenzen des in Europa Machbaren wirklich verstehen will, muss Berlin besuchen — genauer gesagt: das Berliner Kollektiv MNT Research. Das Unternehmen hat mit der Reform-Serie Laptops entwickelt, die in der Geschichte der persönlichen Computer ohne Vergleich sind. Alle Platinen-Layouts sind vollständig Open Source und unter der CERN-OHL-S-2.0-Lizenz und GNU GPLv3 frei verfügbar. Die Leiterplatten werden in Europa gefertigt, die Gehäuse werden in Berlin gefräst oder gedruckt.
Um die strategische Abhängigkeit von Intel und AMD zu vermeiden, verwendet MNT Research ARM-Prozessoren — im ursprünglichen MNT Reform den NXP i.MX8M mit ARM Cortex-A53-Kernen, in neueren Modellen fortschrittlichere ARM-Implementierungen. Das Betriebssystem ist Linux. Das Ergebnis ist kein Hochleistungsgerät für das Rendern von 3D-Animationen oder das Spielen aktueller Titel. Es ist etwas Wertvolleres: der konsequenteste Beweis dafür, dass das Prinzip des vollständig transparenten, reparierbaren und lokalen Computers technisch realisierbar ist.
MNT Reform Next, die neueste Iteration der Produktlinie, nimmt diese Prinzipien auf ein neues Niveau: Modularität, Aufrüstbarkeit und Reparierbarkeit sind von der ersten Designentscheidung an in die Hardware eingebettet. Sämtliche Hardwaredokumentationen, Firmware-Quellcodes und Fertigungsunterlagen sind im Internet frei zugänglich — ein Standard, der im Mainstream-Laptop-Geschäft undenkbar wäre, weil er die Grundlage proprietärer Wettbewerbsvorteile zerstören würde. MNT Research hat mit seinem Ansatz eine kleine, aber wachsende Gemeinschaft von IT-Puristen, Sicherheitsforschern und Open-Hardware-Aktivisten angesprochen — und damit bewiesen, dass es in Europa einen Markt für radikale technologische Selbstbestimmung gibt.
Die wirtschaftliche Tragfähigkeit des MNT-Modells bleibt eine Frage, die offen zu diskutieren ist. Das Unternehmen finanziert sich über direkte Verkäufe und Crowdfunding-Kampagnen. Eine Skalierung auf Massenmärkte ist strukturell ausgeschlossen, solange die Kosten für lokale Fertigung und die fehlenden Skaleneffekte die Endpreise weit über das Niveau kommerzieller Konkurrenzprodukte treiben. Aber darum geht es MNT Research nicht. Es geht um die Demonstration eines Prinzips.
Das Machtgefüge bröckelt: Europas Chips-Strategie zwischen Ambition und Realität
Die politische Antwort Europas auf seine strukturelle Halbleiterabhängigkeit ist der European Chips Act, der im September 2023 in Kraft trat. Ziel ist die Verdopplung des europäischen Anteils an der globalen Chipproduktion von derzeit rund 10 Prozent auf 20 Prozent bis zum Jahr 2030. Das dafür mobilisierte finanzielle Volumen ist beträchtlich: Insgesamt über 80 Milliarden Euro an Investitionen wurden im Rahmen des Chip-Gesetzes bereits ausgelöst. Mehr als 85 Prozent der Mittel der Chips-für-Europa-Initiative sind bereits gebunden, fünf Pilotlinien werden mit insgesamt 3,7 Milliarden Euro aus europäischen und nationalen Mitteln unterstützt.
Die ambitioniertesten Einzelprojekte zeigen jedoch, wie steil der Weg zur Selbstversorgung in Wirklichkeit ist. Intel hatte ursprünglich angekündigt, für rund 30 Milliarden Euro eine hochmoderne Halbleiterfabrik in Magdeburg zu bauen — mit knapp 10 Milliarden Euro Subventionen der deutschen Bundesregierung. Im Juli 2025 hat Intel dieses Vorhaben endgültig abgesagt. Der Rückschlag für Deutschlands Ambitionen als Chip-Nation war erheblich. Positiver verläuft die Entwicklung in Dresden: Das Joint Venture ESMC (European Semiconductor Manufacturing Company), bestehend aus TSMC mit 70 Prozent Anteil sowie Bosch, Infineon und NXP mit je 10 Prozent, hat Ende 2025 den Rohbau seiner ersten europäischen Fab fertiggestellt. Der Equipment-Einzug ist für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant, der Produktionsstart für Ende 2027. Das Investitionsvolumen beträgt über 10 Milliarden Euro, davon 5 Milliarden als EU-Beihilfe. Auf der höchsten Fertigungsstufe produziert Dresden allerdings nur 28-/22-Nanometer- und 16-/12-Nanometer-Prozesse — während TSMCs führende Werke in Taiwan bereits bei 3 Nanometern und demnächst bei 2 Nanometern operieren.
Diese technologische Lücke ist die ehrlichste Antwort auf die Frage, wann Europa einen Laptop in Händen halten wird, dessen Prozessor wirklich in Europa belichtet wurde: frühestens nach 2027, und auch dann nur in einer Fertigungsgeneration, die zum Zeitpunkt des Produktionsstarts gegenüber der asiatischen Konkurrenz bereits zwei bis drei Generationen zurückliegt. Die Versorgungssicherheit und die Resilienz der europäischen Lieferketten werden verbessert, der technologische Rückstand wird durch die Dresdner Fab jedoch nicht aufgeholt. Für dieses Ziel bräuchte Europa entweder deutlich mehr Investitionen — einen Chips Act 2.0, den Industrievertreter bereits im März 2025 gefordert haben — oder einen sehr langen Atem.
Über 80 Prozent abhängig: Europas digitale Verwundbarkeit in Zahlen
Das Halbleiterproblem ist dabei nur die sichtbarste Spitze eines strukturellen Eisbergs. Laut einer Analyse des Wirtschaftsdienstes sind über 80 Prozent der kritischen digitalen Technologien in Europa von nichteuropäischen Anbietern abhängig. Das Europäische Parlament hat in einer Studie aus dem Jahr 2025 festgestellt, dass die Abhängigkeit von ausländischer Kommunikationstechnologie, insbesondere aus China, eine ernsthafte Bedrohung für die technologische Souveränität der EU darstellt. Mehr als 80 Prozent der digitalen Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen, die Europa benötigt, stammen aus Drittstaaten.
Diese Zahlen kontextualisieren den Wert europäischer Laptop-Hersteller auf eine neue Weise. Wenn Schenker, Tuxedo, Wortmann oder NovaCustom in Europa assemblieren, softwareseitig anpassen und lokal supporten, dann leisten sie nicht nur einen Beitrag zur regionalen Wirtschaft. Sie bilden eine Widerstandsschicht gegen die vollständige Abhängigkeit von externen Anbietern, deren Handeln von europäischen Regulierern nicht kontrolliert werden kann. Die Entscheidung für einen bei NovaCustom konfigurierten Laptop mit Dasharo-coreboot ist damit nicht nur eine technische Präferenz — sie ist ein ökonomisch und sicherheitspolitisch relevanter Akt.
Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zur digitalen Souveränität konstatiert klar: Im Hardware- und Infrastrukturbereich bestehen erhebliche Abhängigkeiten zu nichteuropäischen Anbietern, die als kritisch eingestuft werden. Die Lösung kann nicht allein in milliardenschweren staatlichen Investitionsprogrammen bestehen, die Jahrzehnte brauchen, um Früchte zu tragen. Sie muss auch in der gezielten Nachfragestimulierung für europäische Anbieter auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette liegen — von der öffentlichen Beschaffung über steuerliche Anreize bis hin zu Bildungskampagnen, die das Bewusstsein für die Herkunft und die Wertschöpfungskette digitaler Hardware schärfen.
Was „Assembled in Europe“ wirklich bedeutet: Eine nüchterne Bewertung
Der Begriff „Assembled in Europe“ sollte weder romantisiert noch abgetan werden. Er beschreibt eine reale, wirtschaftlich tragfähige und geopolitisch bedeutsame Wertschöpfungsform, die sich von einer simplen Schraubenmontagehalle fundamental unterscheidet. Die europäischen BTO-Hersteller erbringen Designleistungen bei der Hardware-Konfiguration, entwickeln proprietäre oder freie Software-Stacks, betreiben lokalen Qualitätssicherungsservice, unterhalten Reparaturnetzwerke und investieren in die Weiterbildung von Fachkräften.
Der Wert dieses Modells wird besonders deutlich, wenn man es mit der Alternative vergleicht. Wer bei einem globalen Massenanbieter ein Notebook kauft, erhält ein Gerät, das in China oder Vietnam montiert, in irgendeinem Zentrallager in den Niederlanden oder in der Tschechischen Republik gelagert und über einen Distributionskanal geliefert wurde, dessen Service-Center oft in Osteuropa oder sogar außerhalb der EU sitzt. Im Reparaturfall droht wochenlange Wartezeit, Datenverlust durch den vollständigen Einbehalt des Geräts und keine Möglichkeit, die Reparatur zu verfolgen. Bei einem deutschen Hersteller wie Schenker oder Tuxedo ist die Bearbeitungszeit für Reparaturen deutlich kürzer, der Kundendienst spricht Deutsch und ist per Telefon erreichbar, und die Wahrscheinlichkeit, dass das Gerät tatsächlich in Deutschland angefasst wird, ist hoch.
Ein weiterer unterschätzter Vorteil liegt in der Bloatware-Freiheit. Massenmarkt-Laptops kommen standardmäßig mit einer Sammlung vorinstallierter Software, die von Antiviren-Testversionen über Casino-Spiele bis hin zu OEM-Treiber-Tools reicht, die regelmäßig als Sicherheitslücken identifiziert werden. Europäische Spezialanbieter liefern entweder saubere Windows-Installationen oder — im Fall von Tuxedo, NovaCustom und Slimbook — ausschließlich Linux-Systeme, die von Grund auf auf die jeweilige Hardware optimiert wurden.
Preisfrage und Positionierung: Für wen lohnt sich der europäische Weg?
Das ehrliche Gespräch über europäische Laptops kommt nicht ohne die Preisfrage aus. Ein Gerät von Tuxedo, Schenker oder NovaCustom ist in der Regel teurer als ein vergleichbar ausgestattetes Modell von Lenovo, Acer oder ASUS im gleichen Leistungssegment. Die Gründe dafür sind strukturell und unvermeidlich: höhere Lohnkosten in Deutschland, niedrigere Fertigungsvolumina und damit geringere Skaleneffekte sowie ein aufwendigeres Service- und Konfigurationsmodell.
Ein Tuxedo InfinityBook Pro 14 der aktuellen Generation beginnt bei rund 1.427 Euro inklusive Mehrwertsteuer — ein Aufpreis gegenüber vergleichbarer Konkurrenz aus dem asiatischen Massenmarkt, der jedoch durch messbare Vorteile gerechtfertigt werden kann: Linux Out-of-the-box, keine Bloatware, deutsche Garantieabwicklung, offene Treiber. Das XMG-Angebot von Schenker Technologies richtet sich an Käufer, die bereit sind, für individualisierte Konfiguration und lokale Qualitätskontrolle zu zahlen. NovaCustom verlangt für seine coreboot-Modelle mit maximaler Firmware-Transparenz nochmals einen Aufpreis, der sich an eine informierte Zielgruppe mit konkreten Sicherheitsanforderungen richtet.
Für öffentliche Einrichtungen, Behörden, Gesundheitsorganisationen und Unternehmen mit erhöhten Datenschutzanforderungen ist das Preisargument jedoch weniger entscheidend als das Risikoargument. Ein Laptop mit offenem Firmware-Stack und verifizierbarer Lieferkette ist für diese Käufer nicht optional teurer, sondern strategisch notwendig. Die wachsende regulatorische Verschärfung durch NIS-2, die Cyber-Resilienz-Verordnung und ähnliche EU-Regelwerke wird den Druck auf Unternehmen und Behörden erhöhen, Hardware-Transparenz nicht nur zu wünschen, sondern nachzuweisen.
Der Zeithorizont: Was kommt nach dem Assembled-Modell?
Die mittel- bis langfristige Perspektive für den europäischen Laptop-Markt hängt von drei Entwicklungen ab, die gegenwärtig parallel verlaufen.
Erstens: der Erfolg oder Misserfolg der europäischen Halbleiter-Initiative. Wenn die ESMC-Fab in Dresden ab Ende 2027 ihren Betrieb aufnimmt und Europas erster eigener Foundry-Standort in nennenswertem Umfang Chips produziert, entsteht zumindest in älteren Prozessknoten eine lokale Versorgungsbasis für Embedded- und Industrie-Anwendungen. Für hochmoderne Consumer-Prozessoren bleibt Europa auf absehbare Zeit importabhängig — ein realistisches Ziel wäre hier der Zeitraum nach 2035, wenn überhaupt.
Zweitens: die Frage, ob RISC-V als offene Prozessorarchitektur eine Alternative zu ARM und x86 bieten kann. RISC-V, eine vollständig offene und lizenzfreie Befehlssatzarchitektur, ermöglicht prinzipiell die Entwicklung von Prozessoren, die ohne Lizenzgebühren an ARM oder Intel auskommen. Europäische Forschungsinstitute und Start-ups arbeiten an RISC-V-Implementierungen, und die EU fördert entsprechende Projekte im Rahmen ihrer Chip-Initiative. Bis RISC-V jedoch in Consumer-Laptops performancegleich mit ARM oder x86 konkurrieren kann, werden weitere Jahre vergehen.
Drittens: der Marktdruck durch geopolitische Veränderungen. Die wachsenden Spannungen zwischen China und Taiwan, der zunehmende technologische Entkopplungsdruck zwischen dem westlichen und dem chinesischen Technologieblock sowie die protektionistischen Tendenzen der Trump-Administration in den USA erhöhen allesamt den Wert einer stabilen, lokalen Lieferkette. Unternehmen, die ihre IT-Beschaffung heute regionalisieren, investieren damit nicht nur in Qualität, sondern in Resilienz gegenüber geopolitischen Szenarien, die bislang als unwahrscheinlich galten und nun immer realer werden.
Assembled in Europe: Kein Kompromiss, sondern ein Qualitätsversprechen
Das Konzept „Assembled in Europe“ ist kein Marketing-Label, das eine industrielle Schwäche überdecken soll. Es ist die ehrliche Beschreibung eines Wertschöpfungsmodells, das unter den gegebenen globalen Bedingungen das Bestmögliche aus europäischen Stärken — Ingenieurwissen, Datenschutzbewusstsein, Servicequalität und industrieller Tradition — herausholt. Die vollständige Fertigungsautonomie bleibt eine Perspektive der Zukunft, die politisch angestrebt wird, technologisch aber noch Jahre von der Realität entfernt ist.
Wer bei Schenker, Tuxedo, Wortmann oder NovaCustom kauft, trifft eine Entscheidung, die über das individuelle Gerät hinausgeht. Er unterstützt Arbeitsplätze in der EU, die europäischen Arbeits- und Umweltstandards unterliegen. Er erhält Support in seiner Sprache, von Menschen, die das Gerät selbst zusammengebaut haben. Er bekommt Hardware ohne versteckte Backdoors in der Firmware, ohne Bloatware und mit offenem, erweiterbarem Software-Stack. Und er sendet ein Marktsignal, dass europäische Fertigung, europäische Software-Innovation und europäische Werte in der digitalen Infrastruktur nicht nur gewünscht, sondern aktiv nachgefragt werden.
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