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Anstatt Managed AI: Warum Rewe bei seiner Logistik auf Camunda setzt – KI-Agenten unter Kontrolle

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Veröffentlicht am: 1. September 2026 / Update vom: 1. September 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Anstatt Managed AI: Warum Rewe bei seiner Logistik auf Camunda setzt – KI-Agenten unter Kontrolle

Anstatt Managed AI: Warum Rewe bei seiner Logistik auf Camunda setzt – KI-Agenten unter Kontrolle – Bild: Xpert.Digital

Angst vor dem Vendor-Lock-in? Der wahre Grund fĂŒr Rewes neue Software-Strategie

Wie sich Rewe digital fĂŒr die nĂ€chste Automatisierungswelle rĂŒstet

Wer steuert den Supermarkt der Zukunft? Rewes genialer Schachzug bei der Prozessautomatisierung

Die digitale Transformation des Lebensmitteleinzelhandels erreicht eine neue Dimension. Wenn ein Gigant wie Rewe entscheidet, seine hochkomplexen Warenwirtschafts- und Logistikprozesse kĂŒnftig ĂŒber die Orchestrierungsplattform Camunda zu steuern, steckt dahinter weit mehr als nur ein routinemĂ€ĂŸiges IT-Update. Es ist eine strategische Antwort auf eine der drĂ€ngendsten Fragen der modernen UnternehmensfĂŒhrung: Wie lĂ€sst sich kĂŒnstliche Intelligenz (KI) produktiv und vor allem rechtssicher in geschĂ€ftskritische AblĂ€ufe integrieren, ohne die Kontrolle an externe Anbieter abzugeben? In einem Umfeld, das durch strenge KRITIS-Vorgaben, drohende NIS2-Regulierungen und die permanente Gefahr von LieferkettenausfĂ€llen geprĂ€gt ist, rĂŒckt die digitale Governance ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der folgende Beitrag analysiert tiefgehend, warum Rewe digital bewusst auf sogenannte „Agentic Orchestration“ anstelle von klassischen Managed-AI-Lösungen setzt, wie sich der Konzern gegen technologische AbhĂ€ngigkeiten absichert und warum diese ökonomische Weichenstellung als Blaupause fĂŒr die gesamte Handels- und Logistikbranche dienen könnte.

Wenn Softwareauswahl zur strategischen Weichenstellung wird

Die Meldung, dass Rewe digital seine Warenwirtschaft und Logistik kĂŒnftig ĂŒber die Plattform Camunda steuert, wirkt auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche IT-Nachricht aus der Handelsbranche. TatsĂ€chlich verbirgt sich hinter dieser Entscheidung jedoch eine grundsĂ€tzliche ökonomische Weichenstellung, die weit ĂŒber den Einzelfall Rewe hinausreicht. Es geht um die Frage, wer kĂŒnftig die Kontrolle ĂŒber die kritischsten AblĂ€ufe eines Handelskonzerns behĂ€lt, wenn kĂŒnstliche Intelligenz zunehmend in operative Prozesse eingreift.

Camunda positioniert sich nicht als klassischer KI-Anbieter, sondern als sogenannte Plattform fĂŒr Agentic Orchestration. Das bedeutet im Kern, dass die Software selbst keine Inhalte generiert, keine Sprachmodelle trainiert und keine eigenstĂ€ndigen kognitiven FĂ€higkeiten mitbringt. Stattdessen ĂŒbernimmt sie die Rolle eines Dirigenten, der festlegt, wann welcher Akteur – ob Mensch, IT-System oder KI-Agent – an welcher Stelle eines GeschĂ€ftsprozesses aktiv wird. Diese Unterscheidung ist entscheidend, um die eigentliche wirtschaftliche Tragweite der Rewe-Entscheidung zu verstehen.

Die unsichtbare Infrastruktur hinter Milliarden Warenbewegungen

Rewe digital ist die Technologietochter der Rewe Group und verantwortet als grĂ¶ĂŸte IT-Einheit des Konzerns mit rund 2.500 Mitarbeitenden an elf Standorten in fĂŒnf LĂ€ndern die digitale Versorgung von wöchentlich mehreren Millionen Kunden und rund 380.000 Mitarbeitenden der gesamten Gruppe. Besonders die Logistik, Warenflusssteuerung und das Supply Chain Management gehören zu den Kernaufgaben dieser Einheit, da sie die tĂ€gliche Versorgung von mehr als 80 Millionen Menschen mit Lebensmitteln absichern muss.

In diesem Umfeld setzt Rewe digital nun auf Camunda, um Bestellungen, Rechnungen sowie logistische AblĂ€ufe mit Lieferanten und Partnern zuverlĂ€ssiger, skalierbarer und transparenter zu steuern. Der entscheidende Punkt aus Sicht des Softwareanbieters war dabei, dass sich die Anwendung im laufenden Betrieb anpassen und ohne grĂ¶ĂŸere SystemumbrĂŒche in die bestehende IT-Architektur integrieren lĂ€sst. FĂŒr ein Unternehmen dieser GrĂ¶ĂŸenordnung, das tĂ€glich enorme Warenmengen durch ein komplexes Netz aus Lagern, Fuhrparks und Lieferantenbeziehungen bewegt, ist diese BetriebskontinuitĂ€t ein Wert, der sich unmittelbar in Euro und Cent niederschlĂ€gt, denn jeder Systemstillstand in der Lebensmittellogistik verursacht sofort messbare Kosten und im schlimmsten Fall VersorgungslĂŒcken.

BPMN als gemeinsame Sprache zwischen Fachbereich und Technik

Ein zentrales Element der Camunda-Plattform ist die sogenannte BPMN-Modellierung, die Business Process Model and Notation. Dabei handelt es sich um eine grafische Notationssprache, mit der GeschĂ€ftsprozesse als Flussdiagramme dargestellt werden, die sowohl von IT-Fachleuten als auch von Mitarbeitenden ohne Programmierkenntnisse gelesen und verstanden werden können. Frank Rothmann, Senior Product Owner Workload Automation bei Rewe digital, betont, dass genau diese gemeinsame Sprache zwischen Technik und Fachbereich in einem Unternehmen dieser GrĂ¶ĂŸe von entscheidender Bedeutung sei, weil komplexe und dynamische Prozesse fĂŒr alle Beteiligten nachvollziehbar abgebildet werden mĂŒssen.

Diese Transparenz ist keineswegs nur ein Komfortmerkmal fĂŒr die interne Kommunikation. Sie erfĂŒllt eine handfeste regulatorische Funktion, denn Rewe zĂ€hlt aufgrund seiner GrĂ¶ĂŸe im Lebensmittelhandel zu den sogenannten KRITIS-Unternehmen, also Betreibern kritischer Infrastrukturen. FĂŒr den Sektor ErnĂ€hrung gelten in Deutschland Schwellenwerte von rund 434.500 Tonnen Lebensmitteln oder 350 Millionen Litern GetrĂ€nken pro Jahr, ab denen Unternehmen als kritische Infrastruktur eingestuft werden und damit strengen gesetzlichen Nachweispflichten unterliegen. AusdrĂŒcklich benannt werden dabei auch Systeme zur zentralen Steuerung und Überwachung wie ERP-, Warenwirtschafts- und Lagerverwaltungssysteme, also genau jener Bereich, in dem Camunda nun zum Einsatz kommt.

Regulatorischer Druck als eigentlicher Treiber der Entscheidung

Die europĂ€ische NIS2-Richtlinie und das deutsche IT-Sicherheitsgesetz verschĂ€rfen die Anforderungen an Betreiber kritischer Infrastrukturen kontinuierlich. Unternehmen mĂŒssen Risikobewertungen durchfĂŒhren, dokumentierte Incident-Response-Prozesse etablieren, SicherheitsvorfĂ€lle innerhalb kurzer Frist an das Bundesamt fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik melden und regelmĂ€ĂŸig Nachweise ĂŒber ihre IT-Sicherheitsmaßnahmen erbringen. VerstĂ¶ĂŸe können mit Bußgeldern bis zu 20 Millionen Euro sowie mit persönlicher Haftung der GeschĂ€ftsfĂŒhrung bei nachweisbarer FahrlĂ€ssigkeit sanktioniert werden.

Aus dieser Perspektive erscheint die Wahl von Camunda weniger als eine Entscheidung fĂŒr ein besonders innovatives Werkzeug, sondern vor allem als eine Entscheidung fĂŒr rechtliche Absicherung. Der Softwareanbieter selbst verweist ausdrĂŒcklich auf einen einheitlichen, compliance-fĂ€higen und auditierbaren Orchestrierungslayer, der es dem EinzelhĂ€ndler erleichtern soll, mit den strengen gesetzlichen Anforderungen konform umzugehen. Ebenso wichtig war der Enterprise-Reifegrad der Plattform, da Open-Source-Lösungen zwar einen niedrigschwelligen Einstieg bieten, fĂŒr geschĂ€ftskritische Infrastruktur jedoch professioneller Herstellersupport, klare HaftungsverhĂ€ltnisse und garantierte Reaktionszeiten unverzichtbar sind.

Was Camunda technisch tatsÀchlich leistet und was nicht

Um die Frage zu beantworten, ob Camunda eine Managed AI ist, muss zunĂ€chst geklĂ€rt werden, was der Begriff Managed AI tatsĂ€chlich beschreibt. Unter Managed AI versteht man ĂŒblicherweise die Auslagerung von KI-Funktionen und -Verantwortlichkeiten an einen spezialisierten externen Dienstleister, der den gesamten oder Teile des KI-Lebenszyklus ĂŒbernimmt. Dazu zĂ€hlen die Aufbereitung von Trainingsdaten, die Entwicklung und das Training von Modellen, das Deployment in Produktivumgebungen sowie das fortlaufende Monitoring, die Skalierung und die Wartung dieser Modelle. Der Kunde konzentriert sich dabei im Idealfall ausschließlich auf die Nutzung der KI-FunktionalitĂ€t, wĂ€hrend der Anbieter sĂ€mtliche technische KomplexitĂ€t im Hintergrund abfĂ€ngt.

Camunda erfĂŒllt diese Definition nicht, und das ist auch nicht der Anspruch der Plattform. Camunda trainiert keine eigenen Sprachmodelle, betreibt keine eigene KI-Infrastruktur im Sinne von Rechenzentren fĂŒr maschinelles Lernen und ĂŒbernimmt keine inhaltliche Verantwortung fĂŒr die QualitĂ€t von KI-generierten Antworten. Stattdessen positioniert sich das Unternehmen ausdrĂŒcklich als LLM-agnostische Orchestrierungsschicht, die oberhalb bestehender Systeme, Agenten und Automatisierungswerkzeuge sitzt und koordiniert, wann und wie welcher Agent, welches Sprachmodell oder welcher Mensch in einem Prozess aktiv wird. Camunda selbst bezeichnet sich als eine Schicht, die nicht bricht, unabhĂ€ngig davon, welches Modell oder welcher Cloud-Anbieter im Hintergrund ausgetauscht wird.

Die architektonische Trennung von Entscheidung und AusfĂŒhrung

Technisch betrachtet beruht die Camunda-Architektur auf einer bewussten Trennung zweier Verantwortlichkeiten. Auf der einen Seite steht das Sprachmodell, das den Systemprompt, die aktuelle Nutzeranfrage und die verfĂŒgbaren Werkzeugbeschreibungen interpretiert und entscheidet, welches Werkzeug in welcher Reihenfolge und mit welchen Parametern aufgerufen wird. Auf der anderen Seite steht Camunda selbst, das die konkret ausgewĂ€hlten BPMN-AktivitĂ€ten tatsĂ€chlich ausfĂŒhrt, den Prozesszustand dauerhaft speichert, Wiederholungsversuche und Störungsbehandlung ĂŒbernimmt und die Koordination von menschlichen Aufgaben sowie deterministischer Ablauflogik sicherstellt.

Diese Aufteilung erlaubt es, KI-Agenten als gleichwertige Teilnehmer innerhalb eines GeschĂ€ftsprozesses zu behandeln, ohne ihnen uneingeschrĂ€nkte Autonomie zu ĂŒbertragen. Jeder Agent lĂ€uft dabei als sogenannter Ad-hoc-Subprozess mit eigenem Sprachmodell, eigenen Werkzeugen, eigenem Systemprompt und strukturellen Leitplanken. Das zugrunde liegende AusfĂŒhrungssystem Zeebe ist ereignisgesteuert, horizontal skalierbar und speichert den Zustand bei jedem einzelnen Schritt, wodurch ein vollstĂ€ndiger Audit-Trail ĂŒber jede ProzessausfĂŒhrung entsteht.

 

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Warum Rewe bei KI auf Governance statt auf Managed Services setzt

Governance statt Intelligenz als Kernversprechen

Genau in dieser Governance-FĂ€higkeit liegt der eigentliche Wertbeitrag von Camunda – und zugleich der fundamentale Unterschied zu einer Managed-AI-Lösung. WĂ€hrend eine Managed-AI-Plattform primĂ€r darauf ausgelegt ist, Unternehmen schnellen und unkomplizierten Zugang zu leistungsfĂ€higen KI-FĂ€higkeiten zu verschaffen, ohne dass diese eigene technische Tiefe aufbauen mĂŒssen, verfolgt Camunda ein anderes Ziel. Es geht darum, bereits vorhandene oder zugekaufte KI-FĂ€higkeiten, unabhĂ€ngig vom jeweiligen Anbieter, in kontrollierte, nachvollziehbare und regulierungskonforme Bahnen zu lenken.

Camunda selbst formuliert diesen Anspruch mit dem Bild, dass die Plattform Agenten von außen orchestriert und zugleich durchsetzbare Kontrollpunkte von innen in den Prozess einfĂŒgt, sodass Richtlinien, Freigaben und Eskalationspfade fest in den Ablauf eingebettet sind und nicht nachtrĂ€glich aufgesetzt werden mĂŒssen. FĂŒr ein KRITIS-Unternehmen wie Rewe ist genau dieses Versprechen der entscheidende Hebel, denn es erlaubt, kĂŒnftig KI-Agenten in unternehmenskritische AblĂ€ufe zu integrieren, ohne dabei die geforderte menschliche Aufsicht, Auditierbarkeit und Nachvollziehbarkeit zu verlieren, die fĂŒr den Übergang von der Pilotphase in den produktiven Einsatz notwendig ist.

WĂ€re eine Managed AI die bessere Wahl gewesen?

Die Frage, ob eine klassische Managed-AI-Lösung fĂŒr Rewe die bessere Alternative gewesen wĂ€re, lĂ€sst sich aus ökonomischer Sicht klar verneinen, und zwar aus mehreren voneinander unabhĂ€ngigen GrĂŒnden. Erstens adressiert eine Managed-AI-Plattform ein anderes Problem, nĂ€mlich den schnellen und risikoarmen Zugang zu KI-FunktionalitĂ€t fĂŒr Unternehmen, die selbst keine tiefgehende technische Expertise aufbauen wollen oder können. Rewe digital verfĂŒgt jedoch bereits ĂŒber eine der grĂ¶ĂŸten IT-Organisationen im deutschen Einzelhandel mit fast 2.500 eigenen IT-FachkrĂ€ften und hat damit gerade nicht das BedĂŒrfnis, technische KomplexitĂ€t komplett auszulagern, sondern das BedĂŒrfnis, eine wachsende Vielzahl heterogener Systeme und kĂŒnftig auch KI-Agenten unterschiedlicher Anbieter kontrolliert zu orchestrieren.

Zweitens wĂŒrde eine Bindung an eine einzelne Managed-AI-Plattform faktisch eine AbhĂ€ngigkeit von einem bestimmten Modellanbieter oder einer bestimmten KI-Architektur bedeuten. FĂŒr ein Unternehmen, das ĂŒber Jahre hinweg mit unterschiedlichen Lieferanten, Partnern und Systemen arbeitet und dessen technologische Landschaft sich kontinuierlich weiterentwickelt, wĂ€re eine solche Festlegung ein erhebliches strategisches Risiko. Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass ein anderes Sprachmodell fĂŒr bestimmte Aufgaben besser geeignet ist, oder sollte ein Anbieter seine Preise drastisch erhöhen, mĂŒsste im Managed-AI-Szenario im schlimmsten Fall die gesamte Prozesslandschaft neu aufgebaut werden. Im Orchestrierungsmodell von Camunda hingegen lĂ€sst sich das zugrunde liegende Modell austauschen, ohne dass der ĂŒbergeordnete GeschĂ€ftsprozess neu modelliert werden muss.

Drittens ist die regulatorische Situation im Lebensmitteleinzelhandel ein entscheidender Faktor. Als KRITIS-Betreiber benötigt Rewe lĂŒckenlose NachweisfĂ€higkeit darĂŒber, welche Entscheidung wann, von wem und auf welcher Grundlage getroffen wurde. Eine Managed-AI-Lösung, bei der ein externer Dienstleister nicht nur die Infrastruktur, sondern auch wesentliche Teile der operativen Kontrolle und mitunter sogar die Modellauswahl selbst verantwortet, wĂŒrde diese Nachweiskette potenziell verkomplizieren, weil zusĂ€tzliche AbhĂ€ngigkeiten von der Transparenz und Kooperationsbereitschaft eines externen Anbieters entstehen. Der Orchestrierungsansatz behĂ€lt die Kontrolle ĂŒber den gesamten Entscheidungsfluss dagegen im eigenen Haus, wĂ€hrend lediglich die eigentliche kognitive Leistung, also das Sprachmodell, extern bezogen werden kann.

Die ökonomische Logik der HerstellerneutralitÀt

Ein weiterer wirtschaftlich bedeutsamer Aspekt ist die sogenannte Vendor-NeutralitĂ€t der Camunda-Architektur. Das Unternehmen wirbt aktiv damit, dass Kunden beliebige Agentenframeworks, beliebige Sprachmodelle wie GPT-4, Gemini oder Claude und beliebige Cloud-Anbieter einsetzen können, ohne bei einem Wechsel die zugrunde liegende Prozesslogik neu schreiben zu mĂŒssen. FĂŒr ein Unternehmen von der GrĂ¶ĂŸe der Rewe Group, das ĂŒber Jahrzehnte hinweg gewachsene, heterogene IT-Systeme betreibt und gleichzeitig kontinuierlich neue Technologien integrieren muss, ist diese UnabhĂ€ngigkeit von einzelnen Technologieanbietern ein erheblicher strategischer Vorteil, der sich in geringeren Wechselkosten und höherer Verhandlungsmacht gegenĂŒber einzelnen KI-Anbietern niederschlĂ€gt.

Diese Logik lĂ€sst sich mit dem klassischen ökonomischen Konzept der Lock-in-Vermeidung erklĂ€ren. Wer sich vollstĂ€ndig auf eine geschlossene Managed-AI-Plattform eines einzelnen Anbieters verlĂ€sst, begibt sich in eine AbhĂ€ngigkeit, die mittel- bis langfristig die Verhandlungsposition gegenĂŒber diesem Anbieter schwĂ€cht und die FlexibilitĂ€t einschrĂ€nkt, auf technologische Innovationen anderer Marktteilnehmer zu reagieren. Eine herstellerunabhĂ€ngige Orchestrierungsschicht wie Camunda reduziert dieses Risiko erheblich, da sie als neutrale Vermittlungsebene fungiert, die den Austausch einzelner Komponenten ermöglicht, ohne die Gesamtarchitektur zu gefĂ€hrden.

Skalierung als betriebswirtschaftliches Kernthema

Ein oft unterschĂ€tzter Aspekt der Rewe-Entscheidung ist die schlichte BetriebsgrĂ¶ĂŸe des Unternehmens. Mit Millionen von Kundeninteraktionen pro Woche, Hunderttausenden Mitarbeitenden und einem Logistiknetz, das mehr als 80 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgt, bewegt sich Rewe in einer GrĂ¶ĂŸenordnung, in der schon geringe Effizienzverluste in der Prozesssteuerung sich zu erheblichen absoluten Kosten aufsummieren. Ein zentraler, vernetzter Orchestrierungslayer, der Bestellungen, Rechnungen und logistische AblĂ€ufe mit Lieferanten und Partnern koordiniert, verspricht hier direkte Einsparungen durch geringere Fehlerquoten, schnellere Durchlaufzeiten und eine bessere Auslastung der bestehenden Warenwirtschaftssysteme.

Die Aussage, dass die Anwendung sich im laufenden Betrieb anpassen lĂ€sst, ist dabei ökonomisch keineswegs eine NebensĂ€chlichkeit. Jede grĂ¶ĂŸere Systemumstellung in einem Unternehmen dieser GrĂ¶ĂŸe verursacht typischerweise erhebliche Umstellungskosten, ProduktivitĂ€tsverluste wĂ€hrend der Übergangsphase und ein nicht zu unterschĂ€tzendes operatives Risiko. Eine Lösung, die sich schrittweise und im Parallelbetrieb zu bestehenden Systemen einfĂŒhren lĂ€sst, minimiert diese Transformationskosten erheblich und erlaubt es Rewe, die Investition in kleineren, ĂŒberschaubaren Schritten zu tĂ€tigen und zu evaluieren, bevor eine flĂ€chendeckende Ausweitung erfolgt.

Vorbereitung auf die nÀchste Automatisierungswelle

Bemerkenswert an der Kommunikation von Rewe digital und Camunda ist, dass die aktuelle EinfĂŒhrung explizit als Vorstufe fĂŒr eine tiefere KI-Integration beschrieben wird. Als nĂ€chsten Schritt will Rewe digital die Orchestrierungsplattform auf weitere Unternehmensbereiche ausweiten und damit zugleich den regulatorisch abgesicherten Einsatz von KI in der gesamten Prozesskette vorbereiten. Diese Formulierung verrĂ€t viel ĂŒber die tatsĂ€chliche strategische PrioritĂ€t des Projekts, denn sie zeigt, dass die eigentliche transformative Wirkung erst in einer zweiten Phase entstehen soll, wenn autonome KI-Agenten schrittweise in bereits etablierte, ĂŒberwachbare Prozessstrukturen eingebettet werden.

Diese Vorgehensweise entspricht einem in der Unternehmenspraxis zunehmend verbreiteten Muster, bei dem Unternehmen zunĂ€chst die organisatorische und technische Grundlage fĂŒr Governance und Nachvollziehbarkeit schaffen, bevor sie tatsĂ€chlich autonom handelnde KI-Systeme in geschĂ€ftskritische Bereiche integrieren. Der Grund dafĂŒr liegt auf der Hand, denn ein KI-Agent, der in einem Logistikprozess selbststĂ€ndig Bestellungen anpasst, Lieferantenkommunikation steuert oder RechnungsprĂŒfungen vornimmt, kann bei fehlerhaften Entscheidungen erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Ohne eine belastbare Kontrollstruktur, die jeden einzelnen Schritt protokolliert und im Bedarfsfall menschliches Eingreifen ermöglicht, wĂ€re ein solcher Einsatz in einem KRITIS-Unternehmen kaum vertretbar.

Wirtschaftliche Risiken und offene Fragen

Trotz der ĂŒberzeugenden Governance-Argumentation bleiben bei nĂ€herer Betrachtung durchaus kritische Punkte offen. Zum einen bleibt unklar, in welchem konkreten Umfang und mit welchem Investitionsvolumen Rewe die Plattform tatsĂ€chlich einsetzt, da die verfĂŒgbaren Informationen ausschließlich aus einer Pressemitteilung des Softwareanbieters stammen und keine unabhĂ€ngige BestĂ€tigung durch Rewe selbst oder Details zu Kosten und Vertragslaufzeiten vorliegen. Solche AnkĂŒndigungen dienen naturgemĂ€ĂŸ auch der Eigenwerbung des Anbieters, weshalb eine gewisse ZurĂŒckhaltung bei der Bewertung der tatsĂ€chlichen Wirkung angebracht ist.

Zum anderen entsteht mit der zunehmenden Zentralisierung von GeschĂ€ftsprozessen auf einer einzigen Orchestrierungsplattform eine neue Form der AbhĂ€ngigkeit, die zwar nicht an ein bestimmtes KI-Modell, wohl aber an den Orchestrierungsanbieter selbst gebunden ist. Sollte Camunda als Unternehmen finanzielle Schwierigkeiten bekommen, seine Preisstruktur signifikant verĂ€ndern oder strategische PrioritĂ€ten verschieben, wĂ€re Rewe digital mit erheblichem Aufwand konfrontiert, sollte ein Wechsel notwendig werden. Diese Konzentration der operativen Kontrolle auf einen einzelnen Infrastrukturanbieter, selbst wenn dieser modellagnostisch arbeitet, bleibt ein strukturelles Risiko, das in der öffentlichen Kommunikation naturgemĂ€ĂŸ nicht thematisiert wird.

Bedeutung fĂŒr die gesamte Handelsbranche

Über den Einzelfall Rewe hinaus lĂ€sst sich die Entscheidung als Signal fĂŒr die gesamte Handels- und Logistikbranche lesen. Angesichts der wachsenden regulatorischen Anforderungen durch NIS2 und das KRITIS-Dachgesetz, die seit 2025 und 2026 verstĂ€rkt greifen, stehen viele Unternehmen im Lebensmittelhandel vor der gleichen Herausforderung, nĂ€mlich kĂŒnstliche Intelligenz produktiv nutzen zu wollen, ohne die notwendige NachweisfĂ€higkeit und Kontrollierbarkeit ihrer Systeme zu verlieren. Die Positionierung von Camunda als neutrale Governance-Schicht zwischen Fachprozessen und KI-FĂ€higkeiten trifft damit einen Nerv, der weit ĂŒber den Einzelhandel hinausreicht und potenziell fĂŒr alle regulierten, prozessintensiven Branchen relevant ist – von der Finanzwirtschaft ĂŒber die Energieversorgung bis zur Gesundheitsbranche.

Insofern lĂ€sst sich die Camunda-Rewe-Kooperation als exemplarischer Fall eines grĂ¶ĂŸeren Trends verstehen, bei dem Unternehmen zunehmend erkennen, dass die eigentliche Herausforderung der KI-EinfĂŒhrung nicht in der VerfĂŒgbarkeit leistungsfĂ€higer Sprachmodelle liegt, die inzwischen von zahlreichen Anbietern zu wettbewerbsfĂ€higen Konditionen bereitgestellt werden, sondern in der verlĂ€sslichen, auditierbaren und rechtssicheren Einbettung dieser Modelle in bestehende, oft gewachsene und hochregulierte GeschĂ€ftsprozesse. Wer diese Einbettung einem externen Managed-AI-Anbieter ĂŒberlĂ€sst, riskiert den Verlust genau jener Kontrolle, die fĂŒr ein KRITIS-Unternehmen wie Rewe die eigentliche Existenzgrundlage seiner digitalen SouverĂ€nitĂ€t darstellt.

 

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