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Schwächelnder Dollar, teure Versprechen: Eine scharfe Kritik an IW-Chef Michael Hüthers Plädoyer für gemeinsame EU-Schulden im Focus-Artikel

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Veröffentlicht am: 31. August 2026 / Update vom: 31. August 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Schwächelnder Dollar, teure Versprechen: Eine scharfe Kritik an IW-Chef Michael Hüthers Plädoyer für gemeinsame EU-Schulden im Focus-Artikel

Schwächelnder Dollar, teure Versprechen: Eine scharfe Kritik an IW-Chef Michael Hüthers Plädoyer für gemeinsame EU-Schulden im Focus-Artikel – Bild: Xpert.Digital

Vorbild USA? Warum Europas Traum vom „sicheren Wertpapier“ so gefährlich ist

Warnung vor der Schuldenfalle: Droht Europa die schleichende Transferunion?

Das Ende des deutschen Zinsvorteils? Was neue EU-Anleihen für uns bedeuten

Seit der Eurokrise der 2010er-Jahre galt in der deutschen Finanz- und Haushaltspolitik ein eisernes Gesetz: Keine gemeinsame Haftung für europäische Schulden. Doch dieses Tabu beginnt zu bröckeln. Angesichts massiver geopolitischer Verwerfungen, eines gewaltigen Investitionsbedarfs in Verteidigung sowie Infrastruktur und eines zunehmend politisierten US-Dollars formiert sich eine neue Debatte. Zuletzt sorgte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, für Aufsehen: Er fordert einen großen, liquiden Markt für europäische Anleihen – nicht als Einstieg in die verpönte Transferunion, sondern als strategische Notwendigkeit, um den Euro als globale Leitwährung zu etablieren und die Abhängigkeit von den USA zu verringern. Aber ist das realistisch? Kritiker warnen vor einer „Salamitaktik“, bei der Ausnahmeregelungen stillschweigend zum Dauerzustand werden und die Zinslast für finanziell solide Staaten wie Deutschland in die Höhe treiben. Eine tiefgehende Analyse über finanzpolitische Pfadabhängigkeiten, die wahren Lehren aus dem amerikanischen Treasury-Markt und die weitreichenden Folgen, auf die sich auch europäische Unternehmen jetzt einstellen müssen.

IW-Chef Michael Hüther | Raus aus der Tabuzone: Europa braucht gemeinsame Schulden

Diese Analyse nimmt den Focus-Beitrag zur Forderung des IW-Direktors Michael Hüther auf, das deutsche Euro-Bond-Tabu zu öffnen und den angeschlagenen Dollar als historische Chance für gemeinsame europäische Anleihen zu nutzen. Der Anstoß verdient Widerspruch, nicht weil die Diagnose der Kapitalmärkte falsch wäre, sondern weil die Headline den Preis der Öffnung bei denen ablädt, die ihn nicht aussitzen können.

Raus aus der Tabuzone klingt nach Mut. Es ist vor allem Bequemlichkeit in der Sprache derjenigen, die den Schaden nicht tragen. Wenn der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft verkündet, Europa brauche gemeinsame Schulden, spricht nicht die abhängige Mehrheit. Es spricht eine Position, die vom Irrtum beruflich wenig zu befürchten hat. Das Institut bleibt, der Titel bleibt, das nächste Interview bleibt. Was nicht bleibt, falls die Konstruktion schiefgeht, ist die stille Vermögensposition von Sparern, Beitragszahlern und Betrieben, deren Kalkül nicht in Leitwährungslyrik geführt wird, sondern in Zinsen, Tilgung, Versicherungsprämien und Steuerlast. Genau diese Asymmetrie macht die Formel wirtschaftlich verantwortungslos. Sie verkürzt einen kaum umkehrbaren Systemeingriff zu einer Denksportaufgabe für Gutachter.

Tabu ist hier das falsche Wort. Ein Tabu wäre eine unbegründete Scheu. Die deutsche Abwehr gemeinsamer Haftung war eine Regel, geboren aus der Einsicht, dass eine Währung ohne gemeinsame Steuergewalt (!) nur hält, wenn jedes Land für seine Schulden selbst geradesteht. Wer diese Regel als Tabu verpackt, verschiebt die Beweislast. Plötzlich gilt nicht mehr als waghalsig, wer fremde Bilanzen in einen Topf wirft. Waghalsig wirkt, wer nach dem Deckel fragt. Das ist rhetorisch elegant und institutionell billig. Es kostet den Autor keinen Pfennig Haftung und die Mehrheit genau die Sicherheit, die sie nicht diversifizieren kann.

Gemeinsame Anleihen ohne gemeinsame Haftung

Der Euro sucht ein sicheres Referenzpapier, Deutschland fürchtet die Gewohnheit hinter der Ausnahme

Seit der Schuldenkrise der frühen 2010er-Jahre gilt in der deutschen Finanzpolitik ein Satz als unantastbar: Gemeinsame europäische Schulden sind der Einstieg in eine Transferunion. Wer ihn ausspricht, löst reflexhaft die Erinnerung an griechische Rettungspakete, an Target-Salden und an die Vorstellung aus, italienische oder französische Haushalte könnten über deutsche Bonität refinanziert werden. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, hat diesen Satz Ende August 2026 im Handelsblatt bewusst gebrochen. Er verlangt keine Vollhaftung für den gesamten Schuldenberg der Partnerstaaten. Er verlangt einen großen, liquiden Markt gemeinsamer Anleihen für klar umgrenzte europäische Aufgaben: Verteidigung, Stromnetze, Digitalisierung, grenzüberschreitende Infrastruktur. Der Anlass ist nicht die alte Solidaritätsrhetorik, sondern der Zustand des Dollars.

Belegt ist, dass Hüther den Vertrauensverlust der amerikanischen Währung und Institutionen als historische Chance für den Euro beschreibt. Daraus lässt sich ableiten, dass der Vorstoß weniger eine Wiederholung der Eurokrisen-Debatte ist als ein Versuch, Währungspolitik, Kapitalmarktintegration und geopolitische Autonomie in einem Instrument zu verknüpfen. Unter diesen Bedingungen wäre denkbar, dass die politische Auseinandersetzung in Berlin künftig nicht mehr nur um das Wort Euro-Bonds kreist, sondern um die Frage, ob Europa ohne ein gemeinsames sicheres Papier überhaupt ein eigenständiges Währungssystem aufbauen kann. Genau diese Verschiebung macht den Vorstoß relevant für Unternehmensleitungen. Es geht um Finanzierungskosten, um die Tiefe europäischer Kapitalmärkte, um die Abhängigkeit vom Dollar im Handel und um die Wahrscheinlichkeit, dass nationale Haushalte über Umwege entlastet werden.

Der Vertrag hat Haftung und Markt getrennt

Die europäische Währungsunion ist von Beginn an als Konstruktion ohne Fiskalunion gedacht worden. Der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union enthält die sogenannte No-Bail-out-Klausel. Sie untersagt der Union und den Mitgliedstaaten, für Verbindlichkeiten eines anderen Mitgliedstaats einzustehen. Ergänzt wurde sie durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt mit den Referenzwerten von drei Prozent Defizit und 60 Prozent Schuldenstand, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Die ökonomische Logik war eindeutig: Wer die Geldpolitik abgibt, muss die Haushaltsdisziplin selbst tragen. Der Kapitalmarkt sollte diese Disziplin durch Zinsaufschläge durchsetzen.

Die Staatsschuldenkrise hat diese Architektur nicht aufgehoben, aber ergänzt und teilweise unterlaufen. Der Europäische Stabilitätsmechanismus, Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank und später der Corona-Wiederaufbaufonds NextGenerationEU haben gezeigt, dass die Währungsunion in einer Systemkrise nicht bereit ist, einzelne Staaten unkontrolliert in die Insolvenz zu lassen. Belegt ist zugleich, dass die formale No-Bail-out-Regel weiter gilt. Die politische Praxis hat sie um Ausnahmeinstrumente herumgebaut. Genau hier setzt der Vorwurf der Salamitaktik an. Eine Ausnahme, einmal als einmalig verkauft, erzeugt den nächsten Präzedenzfall. Aus dem Rettungsschirm wird der Wiederaufbaufonds, aus dem Wiederaufbaufonds werden EU-Bonds für Ukraine-Hilfe und Verteidigung, aus befristeter gemeinsamer Kreditaufnahme wird ein dauerhafter Emittent.

Die Zahlenlage stützt diesen Verdacht, ohne ihn bereits zu beweisen. Die Europäische Kommission hat für das Gesamtjahr 2026 ein Emissionsziel von rund 180 Milliarden Euro an EU-Bonds bekannt gegeben, aufgeteilt in 90 Milliarden Euro in der ersten und 80 Milliarden Euro in der zweiten Jahreshälfte. Ende 2025 standen nach Kommissionsangaben rund 702 Milliarden Euro an EU-Bonds aus, zuzüglich kurzlaufender EU-Bills. Im Frühjahr 2026 lag der gesamte ausstehende Schuldenstand der Union bereits bei rund 790 Milliarden Euro, im Sommer bei mehr als 820 Milliarden Euro. NextGenerationEU war als befristetes Instrument nach der Pandemie konstruiert. Die letzte Frist für Zahlungsanträge der Mitgliedstaaten liegt im September 2026. Parallel dazu finanziert die Kommission weitere Programme aus demselben einheitlichen Funding-Ansatz. Belegt ist damit: Europa emittiert bereits gemeinsame Anleihen. Die offene Frage lautet nicht, ob es sie gibt, sondern ob aus einem befristeten Portfolio ein permanentes sicheres Referenzpapier wird.

Hüthers Unterscheidung ist ökonomisch sauberer als die politische Sprache

Hüther besteht darauf, projektgebundene gemeinsame Anleihen von einer Vergemeinschaftung bestehender Staatsschulden zu trennen. Die Unterscheidung ist nicht semantisch. Eine Vollmutualisierung würde bedeuten, dass Italien, Frankreich oder Belgien ihre Altschulden zu einem gemeinsamen europäischen Zinssatz refinanzieren könnten. Dann entfiele der Spread als Preissignal. Eine projektbezogene Emission dagegen schafft ein neues, gemeinsames Aktivum, ohne den Bestand nationaler Anleihen zu ersetzen.

Daraus lässt sich ableiten, dass der Nutzen für den Euro als Leitwährung vor allem vom Volumen, von der Liquidität und von der Rechtssicherheit des neuen Papiers abhängt, nicht von der moralischen Geste der Haftung. Ein Markt, der gegenüber dem amerikanischen Treasury-Markt bestehen will, muss tief, homogen und jederzeit handelbar sein. Ende des ersten Quartals 2026 lag die gesamte Bruttoverschuldung der öffentlichen Haushalte im Euroraum nach Eurostat bei gut 14,2 Billionen Euro oder 88,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Davon entfielen mehr als 12 Billionen Euro auf Wertpapiere. Das klingt nach Tiefe. In der Praxis ist dieser Markt jedoch entlang nationaler Emittenten zersplittert: Bundesanleihen, französische OATs, italienische BTPs, spanische Bonos. Gleiche Währung, unterschiedliche Ausfallrisiken, unterschiedliche Repo-Fähigkeit, unterschiedliche Investorenkreise.

Der IWF weist in seiner Statistik zur Währungszusammensetzung der offiziellen Währungsreserven für das vierte Quartal 2025 einen Dollar-Anteil von 56,8 Prozent und einen Euro-Anteil von 20,3 Prozent aus. Im ersten Quartal 2026 lag der Dollar-Anteil bei 57,1 Prozent, der Euro-Anteil bei 20,0 Prozent. Die Größenordnung ist seit Jahren bemerkenswert stabil. Der Euro ist die klare Nummer zwei, aber er kommt nicht an die Schwelle, an der Zentralbanken, Staatsfonds und private Reservehalter ihn als gleichwertiges Parkinstrument behandeln. Hüther, der frühere EZB-Präsident Mario Draghi in seinem Wettbewerbsbericht von 2024, EZB-Direktor Philip Lane und EZB-Präsidentin Christine Lagarde argumentieren entlang derselben Lücke: Ein eigenständiges Währungssystem braucht einen liquiden sicheren Referenzwert.

Berlin bleibt auf der Bremse, und das hat Gründe

Bundeskanzler Friedrich Merz beruft sich öffentlich auf Draghis Diagnose zur Wettbewerbsfähigkeit, nicht auf Draghis Finanzierungsvorschläge. Die deutsche Linie bleibt: Gemeinsame Schulden nur als Notfall, nicht als Dauerbetrieb. ifo-Präsident Clemens Fuest hat das stärkste Gegenargument formuliert. Gemeinsame Haftung für alle oder für einen erheblichen Teil der Staatsschulden würde die Anreize zur Finanzdisziplin zerstören. Werden hoch verschuldete Staaten vom Druck der Kapitalmärkte abgeschirmt, sinkt der Reformdruck. Fuest hat ergänzt, eine echte Vergemeinschaftung der Staatsschulden würde faktisch verlangen, den nationalen Parlamenten das Budgetrecht zu entziehen. Ohne diese Kompetenzverlagerung bleibt die Konstruktion instabil: Haftung ohne Kontrolle.

Die Spreads sind kein Zufall. Italiens Schuldenquote lag 2025 nach Eurostat bei 137,1 Prozent der Wirtschaftsleistung, im ersten Quartal 2026 nach vorläufigen Angaben bei 138,9 Prozent. Frankreich kam 2025 auf 115,6 Prozent, Belgien auf 107,9 Prozent, Spanien auf 100,7 Prozent. Deutschland lag 2025 bei 63,5 Prozent und im ersten Quartal 2026 bei 64,4 Prozent. Der Markt preist diese Differenzen. Ein gemeinsames Papier tilgt sie nicht, es verschiebt sie. Entweder subventionieren die besseren Adressen die schlechteren über den gemeinsamen Coupon, oder das gemeinsame Papier bleibt so klein und so streng zweckgebunden, dass es den Leitwährungsanspruch nicht erfüllt. Genau dieser Zielkonflikt wird in der öffentlichen Debatte oft übersprungen.

Deutschland liefert zudem das Anschauungsmaterial für Fungibilität. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität im Umfang von 500 Milliarden Euro sollte zusätzliche Investitionen ermöglichen. Das ifo Institut hat für 2025 berechnet, dass der Bund über dieses Sondervermögen 24,3 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aufgenommen hat, die tatsächlichen Investitionen gegenüber 2024 aber nur um 1,3 Milliarden Euro stiegen. Die Zweckentfremdungsquote lag in dieser Abgrenzung bei rund 95 Prozent. Das Institut der deutschen Wirtschaft kam auf 86 Prozent. Die Methodik unterscheidet sich, die Richtung nicht. Geld ist verschiebbar. Wer Verteidigung gemeinsam finanziert, kann nationale Verteidigungsausgaben kürzen und den frei werdenden Spielraum in Soziales, Subventionen oder Steuererleichterungen lenken. Aus einer Ausnahme wird eine Gewohnheit, sobald die politische Kostenrechnung das nahelegt.

Was eindeutig für ein deutsches Nein spricht

Drei strukturelle Gründe sprechen dafür, dass Deutschland bei einer umfassenden Schuldenvergemeinschaftung auf Nein beharrt, auch wenn es projektbezogene EU-Bonds bereits akzeptiert hat.

Erstens die Anreizstruktur. Solange nationale Anleihemärkte existieren, bleibt ein Rest an Marktdisziplin. Er ist unvollkommen, weil die Europäische Zentralbank in Krisen interveniert und weil Banken Staatsanleihen der eigenen Regierung mit geringem oder ohne Eigenkapital unterlegen. Aber er ist nicht null. Ein großes gemeinsames Papier mit impliziter gesamtschuldnerischer Logik schwächt dieses Signal. Die Erfahrung mit den europäischen Fiskalregeln ist ernüchternd. Regeln, die regelmäßig ausgesetzt, umgedeutet oder politisch neu verhandelt werden, ersetzen keinen Marktpreis.

Zweitens die Bonität. Deutschland finanziert sich günstiger als der Durchschnitt der Währungsunion, weil Investoren dem Bund eine höhere Rückzahlungswahrscheinlichkeit und eine tiefere Marktliquidität zuschreiben. Eine schleichende Haftungsgemeinschaft kann diesen Vorteil nicht kostenlos erhalten. Bereits die nationale Schuldenwende hat die Zinslast im Bundeshaushalt verschoben. Nach Berichten über die Finanzplanung des Bundes steigen die Zinsausgaben von einem Tiefststand von rund vier Milliarden Euro in der Niedrigzinsphase auf knapp 42 Milliarden Euro im Folgejahr und perspektivisch auf mehr als 80 Milliarden Euro im Jahr 2030. Unter diesen Bedingungen wäre denkbar, dass jede zusätzliche europäische Haftungserwartung als Risikoprämie auf Bundesanleihen durchschlägt.

Drittens die Verfassungs- und Parlamentslogik. Der Deutsche Bundestag hat das Budgetrecht. Das Bundesverfassungsgericht hat in den Urteilen zur Eurokrise Grenzen für unbegrenzte Haftungsübernahmen gezogen. Eine automatische, volumenmäßig offene gemeinsame Kreditaufnahme ohne Rückholrecht der nationalen Parlamente wäre nicht nur ökonomisch, sondern institutionell ein Systemwechsel. Hüthers Vorschlag versucht, diesen Wechsel zu vermeiden, indem er Projekte, Auflagen und Deckel betont. Die Geschichte europäischer Fonds lehrt, dass Deckel verhandelbar sind, sobald der nächste Schock eintritt.

 

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Die heimlichen Giganten der Tech-Welt: Warum EMS-Konzerne heute die Macht besitzen

Der Dollar-Vergleich trägt nur zur Hälfte

Der Kern von Hüthers Argument lautet: Dem Euro fehlt das Gegenstück zur US-Staatsanleihe. Das ist als Marktbeobachtung korrekt. Der Treasury-Markt ist der tiefste und liquideste Staatsanleihemarkt der Welt. Er dient als Reserve, als Sicherheit im Repo-Geschäft, als Benchmark für Unternehmensanleihen, Hypotheken und Derivate. Wer Leitwährung sein will, braucht nicht nur eine Rechnungseinheit, sondern ein Parkinstrument.

Die USA sind trotzdem ein problematisches Vorbild. Belegt ist, dass die gesamte öffentliche Bundesschuld der Vereinigten Staaten im August 2026 die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten hat. Die vom Publikum gehaltene Schuld lag bei rund 32 Billionen Dollar. Die Schuldenquote, gemessen an der gesamten Bundesschuld, bewegte sich Anfang 2026 um 123 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Congressional Budget Office projiziert für das Fiskaljahr 2026 ein Defizit von 1,9 Billionen Dollar, eine vom Publikum gehaltene Schuldenquote von 101 Prozent und Nettozinsausgaben von mehr als einer Billion Dollar. Bis 2036 steigen in dieser Projektion die Zinsausgaben auf 2,1 Billionen Dollar oder 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung, die vom Publikum gehaltene Schuld auf 120 Prozent. Das ist kein Bild fiskalischer Tugend.

Daraus folgt nicht, dass der Treasury-Markt morgen kollabiert. Es folgt, dass Größe und Liquidität eines sicheren Papiers die zugrunde liegende Haushaltslage nicht heilen. Der Convenience Yield, also der Zinsvorteil, den Investoren für Liquidität und Sicherheit akzeptieren, hat den Vereinigten Staaten über Jahrzehnte erlaubt, Defizite zu einem Preis zu finanzieren, den ein vergleichbar verschuldeter Staat ohne Leitwährung nicht erhalten hätte. Genau das ist das von Kritikern so genannte exorbitante Privileg. Es senkt die unmittelbaren Finanzierungskosten und erhöht zugleich den Anreiz, Schulden weiter auszuweiten.

Die Probleme, für die US-Staatsanleihen mitverantwortlich sind, liegen weniger im Papier selbst als in der politischen Ökonomie, die es ermöglicht. Erstens finanzieren ausländische Reservehalter und der globale Bedarf an sicheren Dollaranlagen einen Teil des amerikanischen Haushaltsdefizits. Die Disziplin, die der Markt einem mittelgroßen Staat aufzwingen würde, greift verzögert. Zweitens erzeugt der periodische Streit um die gesetzliche Schuldenobergrenze künstliche Ausfallrisiken in einem Instrument, das als risikofrei gilt. Das erschüttert Vertrauen, ohne die strukturelle Verschuldung zu begrenzen. Drittens können Handels-, Sanktions- und Industriepolitik den Dollar als Machtinstrument nutzen. Genau dieser geopolitische Gebrauch macht Reservehalter nervös und ist der empirische Kern der These vom Vertrauensverlust. Viertens wächst das Risiko fiskalischer Dominanz: Je höher der Zinsanteil im Haushalt, desto größer der politische Druck auf die Notenbank, die Renditen niedrig zu halten.

Sind Treasuries also leicht zu missbrauchen, um Schulden an den Wählerstimmen vorbei auszuweiten? Teilweise ja. Belegt ist, dass große Teile der amerikanischen Ausgaben dynamisch gesetzlich festgelegt sind, während Steuersenkungen und diskretionäre Programme über Defizite laufen. Der Wähler sieht die Leistung, nicht die Barwertrechnung. Der Treasury-Markt macht diese Verschiebung technisch einfach, weil er jederzeit aufnahmefähig wirkt. Die These, die USA seien nahezu bankrott, ist gleichwohl überzogen. Ein Staat, der in eigener Währung verschuldet ist, dessen Anleihen global als Sicherheit dienen und der über eine tiefe Steuerbasis verfügt, ist nicht insolvent im Sinne eines Unternehmens. Er ist verwundbar über Inflation, über abrupte Renditesprünge und über den schleichenden Verlust des Privilegs. Für Europa folgt daraus eine unbequeme Lehre: Ein europäisches Treasury-Äquivalent würde ähnliche Anreize erzeugen, ohne automatisch die amerikanischen Vorteile zu kopieren. Europa hat keine vergleichbare militärische und finanzielle Machtarchitektur, keinen einheitlichen Bundeshaushalt und keine einheitliche Steuerpolitik.

Was Unternehmen aus der Debatte ableiten müssen

Für Industrie, Energie, Logistik und digitale Infrastruktur ist die Debatte keine akademische Übung. Ein tieferer Markt gemeinsamer europäischer Anleihen könnte einen klareren Referenzzins erzeugen, Swap-Märkte vereinheitlichen und grenzüberschreitende Unternehmensfinanzierung verbilligen. Europäische Ersparnisse, die heute in großem Umfang in amerikanische Vermögenswerte fließen, könnten eher im eigenen Währungsraum bleiben. Ein stärker international verwendeter Euro würde Dollar-Absicherungskosten im Rohstoff- und Außenhandel senken.

Zugleich entstehen neue Risiken. Gemeinsame Verteidigungs- und Infrastrukturprogramme verschieben öffentliche Nachfrage. Rüstungs-, Netz- und Digitalunternehmen profitieren, wenn Mittel zusätzlich fließen. Sie verlieren, wenn nationale Haushalte lediglich umetikettieren. Standortentscheidungen hängen davon ab, ob gemeinsame Mittel an Reformauflagen, lokale Wertschöpfung und verlässliche Vergabe gebunden sind. Die Erfahrung mit dem Wiederaufbaufonds zeigt beides: spürbare Investitionsimpulse in einzelnen Ländern und zugleich Umsetzungsstaus, wo Verwaltungs- und Planungsfähigkeit fehlen.

Regulierung bleibt der unterschätzte Hebel. Ohne Fortschritte bei der Banken- und Kapitalmarktunion bleibt selbst ein großes EU-Bond-Volumen ein isoliertes Segment. Solange Banken nationale Staatsanleihen als quasi risikofrei halten, bleibt der Verbund aus Staat und Bankensystem das eigentliche Stabilitätsrisiko der Währungsunion. Ein gemeinsames sicheres Papier kann diesen Verbund lockern, wenn es nationale Anleihen in Bankbilanzen teilweise ersetzt. Es kann ihn verschärfen, wenn es zusätzlich aufgetürmt wird und die nationalen Bestände unangetastet bleiben.

Drei unterbelichtete Mechanismen

Erstens der Bank-Staat-Nexus. In der öffentlichen Debatte erscheinen Euro-Bonds als außenpolitisches oder währungspolitisches Werkzeug. Für die Finanzstabilität zählt vor allem, welches Papier Banken, Versicherer und Pensionsfonds als sichere Anlage und als Sicherheit hinterlegen. Solange italienische und französische Banken überproportional heimische Staatsanleihen halten, bleibt jeder Spread-Schock ein Bankenproblem. Ein gemeinsames Papier ändert das nur, wenn Aufsicht und Eigenkapitalregeln den Anreiz zur Heimatliebe brechen. Diese aufsichtliche Flanke bleibt in der Leitwährungsrhetorik meist unerwähnt.

Zweitens der Unterschied zwischen sicherem Papier und fiskalischer Kapazität. Die USA können Treasuries in fast beliebiger Menge emittieren, weil der Bund Steuern erhebt, die Notenbank in derselben Währung operiert und das politische Zentrum im Zweifel den Schuldendienst priorisiert. Die EU erhebt keine nennenswerte eigene Steuer. Sie bedient ihre Anleihen aus dem Mehrjährigen Finanzrahmen, also aus Beiträgen der Mitgliedstaaten. Das ist rechtlich solide, solange die Mitgliedstaaten zahlen. Es ist kein funktionales Äquivalent zum amerikanischen Bundesstaat. Ein größeres EU-Bond-Volumen ohne eigene Einnahmebasis erhöht die Abhängigkeit vom nächsten Haushaltskompromiss.

Drittens die europäische Ersparnis. Europa erzeugt anhaltend hohe Leistungsbilanzüberschüsse. Ein Teil dieser Ersparnisse finanziert amerikanische Defizite und damit genau jenen Treasury-Markt, den Europa nun kopieren will. Ein tiefer Euro-Anleihemarkt könnte einen Teil dieser Mittel im Währungsraum halten. Er würde damit aber auch europäische Renditen nach unten und Vermögenspreise nach oben drücken. Für Unternehmen verbilligt das Eigen- und Fremdkapital. Für Versicherer und Pensionskassen erschwert es die Suche nach laufender Verzinsung. Die Verteilungsfolge einer Leitwährungsstrategie wird selten ausgesprochen.

Die These trägt nicht unter jeder Bedingung

Hüthers zentrale Behauptung lautet, Europa müsse jetzt den Vertrauensverlust des Dollars nutzen und dafür gemeinsame Anleihen in einer neuen Größenordnung akzeptieren. Diese These trägt nicht, wenn drei Bedingungen ausbleiben.

Sie trägt nicht, wenn der Dollar sein Privileg behält. Die IWF-Reservestatistik zeigt bislang keine Flucht, sondern eine langsame, unvollständige Diversifikation. Gold und nicht identifizierte andere Währungen gewinnen Anteile, der Euro stagniert um ein Fünftel. Ein politischer Schock in Washington kann Reservehalter zum Umschichten bewegen. Er muss es nicht dauerhaft tun, solange es keinen gleichwertigen Parkplatz gibt und solange der Dollar-Markt tiefer bleibt.

Sie trägt nicht, wenn gemeinsame Emissionen die nationalen Haushaltsanreize nicht disziplinieren, sondern ersetzen. Sobald Mitgliedstaaten eigene investive Ausgaben durch europäische Kredite substituieren, entsteht keine zusätzliche europäische Kapazität, sondern eine Verschiebung der Haftung. Das deutsche Sondervermögen ist der aktuelle Beleg, dass Zweckbindung auf dem Papier und Zusätzlichkeit in der Kasse zwei verschiedene Dinge sind.

Sie trägt nicht, wenn Europa die Durchsetzung der eigenen Regeln nicht glaubwürdig macht. Hüther koppelt günstigeres gemeinsames Geld an strengere Haushaltsregeln und Reformauflagen. Das ist die ökonomisch konsistente Gegenleistung. Historisch ist es die schwächste Stelle der Währungsunion. Regeln, die in der Rezession ausgesetzt und in der Hochkonjunktur politisch neu definiert werden, erzeugen keinen nachhaltigen Zinsvorteil. Sie erzeugen Erwartungen auf den nächsten Fonds.

Eine Relativierung ist zwingend. Die Alternative zu gemeinsamen Anleihen ist nicht die reine Marktdisziplin der Lehrbuch-Währungsunion. Diese Disziplin ist bereits durch Anleihekäufe, den Rettungsmechanismus und implizite Beistandserwartungen durchbrochen. Ein kategorisches deutsches Nein ändert nicht die Existenz von EU-Bonds, es begrenzt nur deren Permanenz und Volumen. Umgekehrt ändert ein projektbezogenes Ja nicht automatisch die internationale Rolle des Euro. Dafür fehlen integrierte Kapitalmärkte, einheitliche Insolvenzregeln, tiefe Verbriefungs- und Aktienmärkte und vor allem Wachstum. Ein sicheres Papier ohne produktive Verwendung bleibt ein weiteres Schuldtitelsegment.

Salamitaktik ist keine Verschwörung, sondern ein Pfad

Der Begriff Salamitaktik unterstellt Absicht. Belastbarer ist die Diagnose eines Pfadabhängigkeitseffekts. Jede Krise erzeugt ein Instrument, das formal befristet ist und institutionell bestehen bleibt, weil Tilgung, Refinanzierung und Marktpflege einen Apparat brauchen. Die Kommission ist als Emittentin professioneller geworden, die Orderbücher sind tief, die Green-Bond-Tranche ist etabliert. Märkte gewöhnen sich an den Namen EU-Bond. Politiker gewöhnen sich an die Möglichkeit, nationale Verteilungskonflikte nach Brüssel zu verlagern. Das ist keine geheime Strategie, sondern die normale Ökonomie von Präzedenzfällen.

Deshalb ist die deutsche Position nicht irrational, auch wenn sie unvollständig ist. Sie verteidigt ein Prinzip, das in der Praxis bereits durchlöchert ist, weil das Prinzip immer noch die Verhandlungsposition in der nächsten Runde bestimmt. Wer jedes neue Instrument als bloße Technik behandelt, gibt den Hebel aus der Hand, mit dem Auflagen, Deckel und Tilgungsprofile durchgesetzt werden können. Wer jedes Instrument als Systemwechsel denunziert, ignoriert, dass Europa bereits gemeinschaftlich kreditfähig ist und dass Verteidigung, Netze und Grenzschutz echte europäische öffentliche Güter sind.

Euro-Bonds: Warum „gemeinsam“ riskanter sein kann, als Experten sagen, und so stille Pfadabhängigkeiten wie Ausnahmen zur Schuldenunion werden

Die entscheidende Schwäche der gesamten Euro-Bond-Debatte liegt nicht in diesem oder jenem Prozentpunkt der Reservestatistik. Sie liegt in der Differenz zwischen dem, was sich am heutigen Markt beobachten lässt, und dem, was nach einer institutionellen Öffnung geschieht. Analysen von Hüther, Fuest, Draghi oder der Bundesbank beschreiben den Jetzt-Zustand mit hoher Präzision: Spreads, Liquidität, Reservanteile, Zinslasten, Zweckentfremdung beim Sondervermögen. Daraus folgt nicht, dass dieselben Modelle die Wirkungen eines neuen Haftungs- und Emissionsregimes zuverlässig vorhersagen. Sie kalibrieren die Gegenwart. Die Zukunft eines Systemwechsels bleibt eine andere Kategorie.

Das ist kein populistischer Einwand gegen Expertise. Es ist der Kern wirtschaftspolitischer Verantwortung. Gemeinsame Anleihen sind kein Laborversuch mit begrenztem Schaden. Sie greifen in die Vermögensposition von Sparern, in die Refinanzierung von Banken und Versicherern, in die Tragfähigkeit von Renten- und Versorgungswerken und in die Steuerlast kommender Jahrgänge ein. Ein späteres Eingeständnis, die Anreizwirkungen seien unterschätzt worden, trifft nicht den Gutachter, sondern Haushalte, deren Spielraum bereits durch Zinsen, Inflation und Demografie verengt ist.

Was sich wissen lässt, und was sich nur behaupten lässt

Belastbar sind Mechanismen, nicht Gleichgewichte. Fungibilität von Geld ist ein solcher Mechanismus. Wer eine Ausgabe europäisch finanziert, kann eine nationale Ausgabe streichen. Das ifo-Institut hat das 2025 am deutschen Sondervermögen gezeigt: Zusätzliche Kredite führten nur zu einem Bruchteil zusätzlicher Investitionen. Dieser Befund braucht keine Prophetie. Er folgt aus der einfachen Tatsache, dass Haushalte kommunizierende Röhren sind. Ebenso belastbar ist die Anreizlogik der Marktdisziplin. Ein Zinsaufschlag signalisiert Risiko. Nimmt man das Signal weg oder dämpft man es durch implizite Haftung, sinkt der Preis der Verschuldung für denjenigen, der sie ausweitet. Das ist keine Spekulation über Italien im Jahr 2035. Das ist öffentliche Finanzwissenschaft seit Jahrzehnten.

Unbekannt bleiben Umfang, Tempo und politische Verarbeitung dieser Mechanismen. Niemand kann seriös beziffern, wie schnell aus einer projektgebundenen Ausnahme ein Refinanzierungsinstrument für Altschulden wird. Niemand kann die nächste Krise benennen, die den Deckel sprengt. Niemand kann vorhersagen, welche Lücke zwischen Zweckbindung im Emissionsprospekt und Mittelverwendung in den nationalen Haushalten Gerichte, Kommission und Rat durchgehen lassen. Genau diese Lücke ist die Pandora-Büchse. Nicht weil jemand im Geheimen eine Transferunion beschlossen hätte, sondern weil Institutionen unter Druck das tun, wofür sie gebaut wurden: sie suchen den Weg des geringsten politischen Widerstands.

Pfad ist nicht harmloser als Absicht

Die Formulierung, Salamitaktik sei kein Komplott, sondern ein Entwicklungspfad, klingt beruhigend. Sie ist es nicht. Ein Pfad ohne Rückholrecht ist für die Betroffenen gefährlicher als eine offene Verschwörung. Eine Verschwörung kann man benennen und ablehnen. Ein Pfad erzeugt Vollzugstatsachen. NextGenerationEU war befristet. Die Kommission ist trotzdem zum Dauerschuldner geworden, mit dreistelligen Milliardenbeträgen jährlicher Emission und einem ausstehenden Volumen, das sich in wenigen Jahren der Billionennähe nähert. Jede neue Tranche rechtfertigt sich mit dem vorigen Präzedenzfall. Der Markt gewöhnt sich. Die Verwaltung gewöhnt sich. Die Politik gewöhnt sich. Am Ende steht nicht der große Beschluss „wir mutualisieren die Staatsschulden“, sondern die Feststellung, dass man es faktisch schon getan hat.

Unter diesen Bedingungen wäre denkbar, dass genau die von Hüther betonte Beschränkung auf Verteidigung, Netze und Digitalisierung der Hebel wird, nicht die Bremse. Öffentliche Güter dieser Art sind chronisch unterfinanziert, moralisch schwer angreifbar und volumenmäßig dehnbar. Verteidigung kennt keine natürliche Obergrenze, sobald Bedrohungslagen politisch definiert werden. Infrastruktur lässt sich so schneiden, dass fast jede nationale Maßnahme europäisch klingt. Digitalisierung ist ein Sammelbegriff. Wer den Einstieg über solche Titel wählt, wählt den Titel mit der höchsten Dehnbarkeit.

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Das amerikanische Vorbild verschärft die Warnung, statt sie zu entkräften

Wer den Treasury-Markt als Zielbild aufruft, muss die Kehrseite mitnehmen. Die Tiefe dieses Marktes hat die Vereinigten Staaten nicht diszipliniert. Sie hat Defizite technisch leicht gemacht. Die vom Publikum gehaltene Bundesschuld liegt in der Größenordnung von 32 Billionen Dollar, die Gesamtverschuldung überschritt 2026 40 Billionen Dollar, die Nettozinsen erreichen nach Projektionen der Congressional Budget Office im laufenden Fiskaljahr mehr als eine Billion Dollar. Das Privileg, risikofrei zu gelten, hat die politische Kostenrechnung verschoben: Leistungen heute, Lasten als Anleihebestand. Wählerstimmen honorieren sichtbare Ausgaben. Sie honorieren selten den Barwert der Zinscompoundierung.

Europa würde bei einem großen gemeinsamen Papier denselben Anreiz importieren, ohne denselben staatlichen Unterbau zu besitzen. Die EU hat keine dem amerikanischen Bund vergleichbare Steuergewalt. Sie bedient ihre Anleihen aus Beiträgen der Mitgliedstaaten. Das klingt rechtlich robust, solange alle zahlen. Es wird brüchig, sobald ein großer Nettozahler politisch kippt oder ein großer Nettoempfänger die Konditionalität aufweicht. Modelle, die den heutigen Spread zwischen Bund und BTP in eine gemeinsame Kurve überführen, unterstellen implizit, dass dieser politische Konflikt beherrschbar bleibt. Das ist eine Annahme, keine Erkenntnis.

Verantwortung beginnt dort, wo Prognose endet

Professorentitel erzeugen keine Haftung für Irrtum. Genau das ist der Skandal, den die Kritik zu Recht benennt, wenn sie ihn nicht ins Antiintellektuelle kippen lässt. Expertise ist unverzichtbar, um Mechanismen zu benennen. Sie wird unverantwortlich, wenn sie den Übergang von der Mechanismenkenntnis zur Systemgarantie verschleiert. Sätze wie „klar definierte Projekte“, „strengere Regeln im Gegenzug“ oder „kein Einstieg in die Schuldenunion“ sind unter Unsicherheit keine Beschreibungen. Sie sind Versprechen über das Verhalten künftiger Akteure. Künftige Akteure stehen unter anderem Druck, mit anderen Mehrheiten, vor anderen Krisen.

Ein Mindestmaß an Redlichkeit bestünde darin, Unsicherheit nicht als Residualkategorie im letzten Absatz zu behandeln, sondern als Entscheidungsgröße. Wenn die möglichen Schäden asymmetrisch sind – begrenzter Nutzen in Form etwas niedrigerer Finanzierungskosten und etwas höherer Euro-Reservanteile gegen einen kaum umkehrbaren Haftungsverbund –, spricht die Entscheidungstheorie für eine hohe Beweislast der Befürworter. Irreversibilität verschärft diese Last. Schulden lassen sich rechtlich tilgen. Erwartungen über Beistand lassen sich nicht zurücknehmen, ohne einen Markt zu erschrecken, den man gerade erst aufgebaut hat.

Was die Gegenposition trotzdem nicht leisten darf

Die Unvorhersehbarkeit entbindet nicht von der Pflicht, auch das Unterlassen zu bewerten. Ein kategorisches Nein hat ebenfalls unbekannte Folgen: fragmentierte Kapitalmärkte, anhaltender Abfluss europäischer Ersparnisse in den Dollarraum, höhere Kosten gemeinsamer öffentlicher Güter, möglicherweise mehr nationale Alleingänge bei Schulden, die den Bund über Sondervermögen bereits gegangen ist. Unwissen ist keine Lizenz für Stillstand und keine Lizenz für Öffnung. Es ist ein Argument für Experimente mit Rückbauklausel, hartem Volumenplafond, unabhängiger Prüfung der Zusätzlichkeit und automatischer Beendigung, wenn Substitution nachgewiesen wird.

Genau solche Sicherungen sind in der Praxis der schwächste Teil jeder europäischen Konstruktion. Wer das weiß und trotzdem so spricht, als sei die Zweckbindung ein technisches Detail, behandelt fremdes Vermögen wie eine Modellannahme. Darin liegt die eigentliche Kritik an der gegenwärtigen Debatte. Nicht, dass Ökonomen Position beziehen. Sondern dass sie den Unterschied zwischen einer gut passenden Gegenwartsanalyse und einer nicht versicherbaren Zukunftswirkung sprachlich einebnen.

Die Büchse ist nicht das Wort Euro-Bonds. Die Büchse ist die Gewöhnung daran, dass Ausnahmen den Rahmen ersetzen und dass niemand persönlich für den Rahmenbruch haftet. Solange diese Asymmetrie besteht – konzentrierter intellektueller Gewinn durch Sichtbarkeit, sozialisierte Vermögensrisiken durch Pfadentscheidungen –, ist Skepsis keine Blockadehaltung. Sie ist die einzig angemessene Haltung gegenüber einem Instrument, dessen Folgen niemand kennt und dessen Irrtum sich nicht mit einem Nachsatz korrigieren lässt.

Für die Standortfrage folgt daraus eine nüchterne Einordnung

Gemeinsame Anleihen können europäische Zukunftsinvestitionen verbilligen und die Kapitalmarktintegration beschleunigen. Sie können ebenso nationale Reformen verzögern, Haftungsrisiken verschieben und die Zinslast der solideren Staaten erhöhen. Der amerikanische Treasury-Markt zeigt beides gleichzeitig: unvergleichliche Liquidität und eine Schuldenpolitik, die sich an diesem Privileg berauscht hat. Europa würde gut daran tun, das Erste zu studieren und das Zweite nicht zu kopieren. Hüther hat die Tabuzone geöffnet. Die belastbare Frage lautet nicht, ob der Euro ein sicheres Papier braucht. Sie lautet, unter welchen institutionellen Bremsen ein solches Papier zusätzlichen europäischen Nutzen stiftet, statt lediglich die nächste Scheibe von einer Wurst zu schneiden, die schon längst auf dem Tisch liegt.

 

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