Die große Abrechnung: Wie Künstliche Intelligenz das SaaS-Imperium zerlegt
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Veröffentlicht am: 23. Februar 2026 / Update vom: 23. Februar 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein
KI killt Software-Abos: Warum SAP, Oracle & Co. plötzlich in den freien Fall geraten
Vom Tech-Liebling zum Sorgenkind: Warum dem Silicon Valley ein historischer Crash bevorsteht
Über zwei Jahrzehnte lang galt Software-as-a-Service (SaaS) als das absolute Maß aller Dinge in der Tech-Welt. Das simple wie geniale Prinzip – Software mieten statt kaufen und pro Nutzer abrechnen – bescherte Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP astronomische Bewertungen und galt als krisensichere Gelddruckmaschine. Doch dieses Imperium bröckelt derzeit in atemberaubender Geschwindigkeit. Der Auslöser ist eine neue Generation Künstlicher Intelligenz, die nicht mehr nur assistiert, sondern völlig autonom handelt. Wenn KI-Agenten künftig die Arbeit ganzer Abteilungen übernehmen oder Firmen ihren Code einfach selbst generieren lassen, bricht das Fundament des lukrativen Abo-Modells in sich zusammen. An den Börsen hat diese Erkenntnis bereits ein beispielloses Blutbad angerichtet: Die „SaaSpocalypse“ vernichtete innerhalb kürzester Zeit über eine Billion Dollar an Marktwert. Doch der dramatische Kurssturz ist nur der Anfang. Wir stehen vor einer tektonischen Verschiebung, die neben den Preismodellen der Industrie auch den Arbeitsmarkt, das Venture-Capital-Ökosystem und einen Milliarden schweren Kreditmarkt radikal umwälzen wird. Wer heute noch glaubt, das klassische Software-Abonnement sei ein Ewigkeitsmodell, hat den Knall nicht gehört.
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Wer heute noch glaubt, Software-Abonnements seien ein Ewigkeitsmodell, hat den Knall nicht gehört
Die Software-as-a-Service-Industrie durchlebt den schwersten Umbruch seit ihrer Entstehung. Was über zwei Jahrzehnte als unantastbares Geschäftsmodell galt, wird durch die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz in seinen Grundfesten erschüttert. Allein in den ersten Wochen des Jahres 2026 wurde über eine Billion US-Dollar an Marktkapitalisierung bei Softwareunternehmen vernichtet. Der SEG SaaS Index, der die Kursentwicklung börsennotierter SaaS-Firmen abbildet, lag bereits Ende Oktober 2025 mit 12,1 Prozent im Minus, während der NASDAQ 100 im selben Zeitraum um 17,9 Prozent zulegte und der S&P 500 um 14,2 Prozent stieg. Diese Divergenz hat sich seither dramatisch verschärft. Von einer vorübergehenden Korrektur zu sprechen, wäre eine grobe Verharmlosung. Die Softwarebranche steht vor einer tektonischen Verschiebung, deren Auswirkungen auf Unternehmensbewertungen, Arbeitsmarkt und das gesamte Startup-Ökosystem erst in Ansätzen sichtbar werden.
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Das Blutbad an den Börsen: Wenn ehemalige Lieblinge in den freien Fall geraten
Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Ein von Morgan Stanley zusammengestellter Korb von SaaS-Aktien verzeichnete allein bis Mitte Januar 2026 einen Rückgang von 15 Prozent, nachdem bereits 2025 ein Minus von 11 Prozent zu Buche gestanden hatte. Salesforce, lange der Inbegriff des erfolgreichen Cloud-Unternehmens, verlor 26 Prozent seines Börsenwerts. Adobe fiel um 19 Prozent, Atlassian um 30 Prozent. ServiceNow, HubSpot und weitere Branchengrößen verzeichneten Einbrüche von 30, 40 oder gar 50 Prozent gegenüber ihren Höchstständen. Die von einem Jefferies-Händler geprägte Bezeichnung SaaSpocalypse hat sich als treffend erwiesen, und Hedgefonds verdienten 24 Milliarden Dollar durch Leerverkäufe auf Softwareaktien.
Besonders aufschlussreich ist der Fall von SAP, Europas wertvollstem Technologieunternehmen. Die Aktie erreichte im Februar 2025 mit einer Marktkapitalisierung von 344 Milliarden Euro ein Allzeithoch und wurde zeitweise zur größten börsennotierten Firma des Kontinents. Seitdem hat SAP rund 130 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren, erreichte im Januar 2026 den tiefsten Stand seit August 2024 und verzeichnete nach der Veröffentlichung enttäuschender Cloud-Prognosen für 2026 den stärksten Tagesverlust seit Oktober 2020 mit einem Minus von über 15 Prozent. Analysten von Citi kommentierten, SAP hätte eine umfassende Beschleunigung benötigt, um gegen die negative Branchenstimmung anzukommen, doch die gemischten Signale im jüngsten Update ließen eine Unterperformance erwarten.
Oracle, einst durch eine 300-Milliarden-Dollar-Partnerschaft mit OpenAI beflügelt, erlebte einen ebenso eindrucksvollen Absturz. Die Aktie fiel im Dezember 2025 um 13 Prozent an einem einzigen Tag, als die AI-Kosten die Erwartungen übertrafen und die Umsatzprognosen enttäuschten. Im Gesamtjahr verlor Oracle laut Analysten rund 53 Prozent seines Börsenwerts, was den Konzern von einem Marktwert nahe 630 Milliarden Dollar auf etwa 550 Milliarden brachte, bevor es weiter abwärts ging. Die Ironie ist offensichtlich: Selbst Unternehmen, die massiv in KI investieren, werden vom Markt abgestraft, weil die Investoren bezweifeln, dass sich die enormen Ausgaben jemals rechnen.
Warum die KI das Fundament des SaaS-Modells angreift
Um die Tiefe dieser Krise zu verstehen, muss man das ökonomische Grundprinzip des SaaS-Geschäftsmodells begreifen. Über zwei Jahrzehnte basierte der Erfolg der Branche auf einem eleganten Mechanismus: Software wird nicht mehr als Einmalprodukt verkauft, sondern als Abonnement vermietet, typischerweise pro Nutzer und Monat. Je mehr Mitarbeiter ein Unternehmen hat, desto mehr Lizenzen werden benötigt, desto höher der Umsatz. Dieses sogenannte Seat-Based Pricing skalierte perfekt in einer Welt, in der menschliche Arbeitskraft der primäre Treiber von Produktivität war.
Künstliche Intelligenz zerstört diese Gleichung auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Erstens ermöglichen KI-Agenten, also autonome Softwaresysteme, die eigenständig Aufgaben erledigen, eine radikale Produktivitätssteigerung. Wenn ein einzelner Mitarbeiter mithilfe eines KI-Agenten die Arbeit von fünf oder zehn Kollegen erledigen kann, sinkt die Zahl der benötigten Softwarelizenzen entsprechend. Satya Nadella, CEO von Microsoft und damit Herr über eines der größten SaaS-Portfolios der Welt, hat diese Verschiebung mit bemerkenswerter Offenheit beschrieben: Geschäftsanwendungen seien im Grunde CRUD-Datenbanken mit Geschäftslogik, und diese Geschäftslogik werde künftig vollständig auf die KI-Ebene wandern.
Zweitens befähigt generative KI Unternehmen zunehmend, Software selbst zu entwickeln, statt zu mieten. Das sogenannte Vibe Coding, bei dem KI-Systeme kompletten Code auf Basis natürlichsprachlicher Anweisungen generieren, senkt die Einstiegshürde für die Softwareentwicklung dramatisch. Wenn eine Marketingabteilung sich ihre eigenen Analyse-Dashboards von einem KI-System bauen lassen kann, warum sollte sie noch ein spezialisiertes SaaS-Produkt abonnieren?
Drittens verändert KI die Rolle des Interfaces selbst. In der ambitioniertesten Version dieser Entwicklung werden KI-Agenten zum primären Berührungspunkt zwischen Mensch und Software. Statt mehrere spezialisierte Anwendungen einzeln zu öffnen und zu bedienen, kommuniziert der Nutzer mit einem zentralen Agenten, der im Hintergrund die APIs verschiedener Dienste anspricht. In diesem Szenario werden SaaS-Werkzeuge zu dem, was die Telekommunikationsbranche als dumb pipes bezeichnet: Sie speichern Daten und stellen Schnittstellen bereit, aber die eigentliche Wertschöpfung wandert auf die Agentenebene. Für die SaaS-Anbieter bedeutet das eine brutale Dynamik: Wenn der Agent das Interface ist, wird die darunterliegende Software austauschbar, Preiskämpfe folgen und die über Jahre aufgebauten Wettbewerbsvorteile verlieren ihre Relevanz.
Der Palantir-Schock und das Erwachen der Märkte
Den Katalysator für den jüngsten Ausverkauf lieferte ein einzelner Earnings Call. Als Palantir-CEO Alex Karp Anfang Februar 2026 verkündete, KI sei inzwischen so leistungsfähig beim Schreiben und Verwalten von Unternehmenssoftware, dass viele SaaS-Firmen Gefahr liefen, irrelevant zu werden, löste das einen Ausverkauf aus, der 300 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung bei Microsoft, Salesforce, ServiceNow und anderen vernichtete. Palantir selbst hatte zuvor ein Umsatzwachstum von 70 Prozent im vierten Quartal 2025 gemeldet und prognostizierte 61 Prozent Wachstum für 2026. Die Botschaft des Marktes war eindeutig: Während Palantir als Orchestrierer von KI-Systemen prosperiert, verlieren klassische SaaS-Anbieter ihren Daseinszweck.
Nur wenige Tage zuvor hatte Anthropic mit Claude Cowork einen KI-Agenten vorgestellt, der eigenständig Berichte erstellt, Tabellen aus Screenshots generiert und Informationen aus verschiedenen Dokumenten extrahiert. Obwohl das Produkt noch im Vorschaustadium war, genügte die Ankündigung, um die Aktien von Intuit um 16 Prozent einbrechen zu lassen, Adobe und Salesforce verloren jeweils mehr als 11 Prozent. Die Analystin von Mizuho Securities formulierte es unverblümt: Viele institutionelle Käufer fänden keine zwingenden Gründe mehr, in Softwareaktien zu investieren, egal wie niedrig die Bewertungen auch fielen, da sie keinerlei Katalysatoren für eine Neubewertung sähen.
Klarnas gescheitertes Experiment und die Grenzen der KI-Euphorie
Während die Märkte panikartig reagieren, liefert die Praxis ein differenzierteres Bild. Der wohl meistdiskutierte Anwendungsfall ist der des schwedischen Zahlungsdienstleisters Klarna. CEO Sebastian Siemiatkowski hatte 2024 und 2025 eine radikale KI-Strategie verkündet: Klarna werde die Belegschaft halbieren, 1.200 SaaS-Werkzeuge abschaffen, darunter Salesforce und Workday, und alles durch interne KI-Lösungen ersetzen. Ein auf OpenAI basierender Chatbot hatte nach Unternehmensangaben die Arbeit von 700 Kundendienstmitarbeitern übernommen und jährliche Einsparungen von 40 Millionen Dollar ermöglicht. Der durchschnittliche Jahresumsatz pro Mitarbeiter stieg von 400.000 auf 700.000 Dollar.
Doch bereits Anfang 2025 ruderte Siemiatkowski zurück. Er gab öffentlich zu, dass der Ansatz zu weit gegangen sei und die Qualität unter der radikalen Kostensenkung leide. Klarna begann, wieder Menschen einzustellen, insbesondere für den Kundendienst, weil die KI-gestützten Systeme Qualitätsprobleme verursacht hatten. Die Investition in menschliche Unterstützungsqualität sei der Weg der Zukunft, erklärte Siemiatkowski gegenüber Bloomberg. Der Fall Klarna zeigt eine wichtige Wahrheit: KI kann enorme Effizienzgewinne erzielen, aber der Versuch, menschliche Arbeit vollständig zu ersetzen, stößt schneller an Grenzen, als die Euphoriker der Branche wahrhaben wollen.
Die tektonische Verschiebung der Preismodelle
Die strukturelle Bedrohung für das SaaS-Geschäftsmodell geht über die reine Disruption durch KI-Agenten hinaus. Das gesamte Preisgerüst der Branche steht zur Disposition. Der Anteil der Unternehmen, die noch auf sitzplatzbasierte Preismodelle setzen, fiel innerhalb eines Jahres von 21 auf 15 Prozent, während hybride nutzungsbasierte Modelle von 27 auf 41 Prozent zulegten. Gartner prognostizierte, dass bis 2025 mehr als 30 Prozent der SaaS-Lösungen ergebnisbasierte Preiskomponenten integrieren würden.
Die Transformation folgt einer klaren Hierarchie: Das alte Modell berechnete den Zugang zur Software, also das Potenzial zu arbeiten. Das aktuelle Übergangsmodell berechnet die tatsächliche Nutzung, etwa API-Aufrufe oder verbrauchte Token. Das Zukunftsmodell berechnet das erzielte Ergebnis, etwa pro generiertem Lead oder abgeschlossenem Vertrag. Salesforce experimentiert bereits mit sogenannten Agentic Enterprise License Agreements, Pauschalstrukturen für Unternehmen, die KI-Agenten im großen Stil einsetzen.
Für etablierte SaaS-Firmen birgt diese Umstellung ein fundamentales Paradoxon: Je besser ihre Software dank KI-Integration wird, desto weniger Lizenzen werden benötigt. Ein CRM-System, das dank eingebetteter KI-Agenten die Lead-Qualifizierung, Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung automatisiert, macht aus zwanzig benötigten Nutzern möglicherweise zwei. Im alten Preismodell bedeutet das einen Umsatzrückgang von 90 Prozent, obwohl das Produkt zehnmal leistungsfähiger geworden ist. Dies ist die sogenannte Incentive Misalignment Trap: Produktverbesserung führt zu Umsatzverlust.
Die Zeitbombe im Kreditmarkt: Private Credit und die 600-Milliarden-Dollar-Wette
Während die Öffentlichkeit auf fallende Aktienkurse blickt, braut sich hinter den Kulissen ein womöglich noch gefährlicheres Problem zusammen. Der Private-Credit-Markt, der in den vergangenen zehn Jahren über 1.900 Softwareunternehmen in Private-Equity-Übernahmen im Wert von mehr als 440 Milliarden Dollar finanziert hat, ist mit geschätzten 600 bis 750 Milliarden Dollar im Softwaresektor engagiert. Zwischen 20 und 25 Prozent aller Private-Credit-Geschäfte betreffen SaaS-Unternehmen, laut UBS sind sogar 25 bis 35 Prozent von KI-Disruption bedroht.
Die Grundannahmen, auf denen diese Kreditvergabe beruhte, stehen nun sämtlich in Frage: stabile wiederkehrende Umsätze, hohe Margen, vorhersehbare Cashflows und hohe Wechselkosten. Anfang Februar 2026 fielen technologiebezogene Unternehmenskredite im Volumen von 17,7 Milliarden Dollar innerhalb von nur vier Wochen auf Distressed-Niveau, also unter 80 Cent pro Dollar. Insgesamt summierte sich das notleidende Technologiekreditvolumen auf rund 46,9 Milliarden Dollar, dominiert von SaaS-Unternehmen. Im Leveraged-Loan-Markt handeln mittlerweile Softwarekredite im Rekordvolumen von 25 Milliarden Dollar unter der Distress-Schwelle.
Besonders alarmierend ist, dass Apollo, einer der erfahrensten Kreditgeber im Markt, seine Software-Exponierung im Jahr 2025 von etwa 20 auf rund 10 Prozent nahezu halbierte. Wenn Apollo aus einem Sektor de-riskt, sollte das als ernstes Warnsignal verstanden werden. Die Deutsche Bank blieb auf 1,2 Milliarden Dollar an Krediten für eine Softwareübernahme sitzen, die sie nicht an Investoren weiterverkaufen konnte, ein sogenannter hung deal, der zeigt, wie schnell die Nachfrage der Kreditgeber verdampft ist.
Die Parallelen zur Bankenkrise 2023, als die Silicon Valley Bank an einer Konzentration im Technologiesektor scheiterte, sind unbequem. Ein einzelnes Marktsegment, massiv übergewichtet in einer Anlageklasse, deren zugrundeliegende Vermögenswerte durch eine technologische Umwälzung an Wert verlieren, und eine Investorenbasis, die bei Stimmungsumschwung gleichzeitig ihre Gelder abzieht. Es wird wahrscheinlich kein einzelnes spektakuläres Wochenende mit staatlicher Rettungsaktion geben, sondern einen schleichenden Prozess von stillen Zahlungsausfällen, Abschreibungen und Kreditverknappung, der Hunderte von Softwareunternehmen trifft.
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Die Verwüstung im Venture-Capital-Markt
Für Startups, die traditionell auf dem SaaS-Pfad aufgebaut werden, hat sich das Finanzierungsumfeld dramatisch verschlechtert. Im ersten Halbjahr 2025 gingen 53 Prozent aller globalen Venture-Capital-Investitionen an KI-Startups, in den USA sogar 64 Prozent. Dabei machen KI-Unternehmen nur 29 Prozent aller finanzierten Startups aus, was bedeutet, dass sie unverhältnismäßig viel Kapital pro Transaktion absorbieren. Bis Oktober 2025 hatten Risikokapitalgeber insgesamt 192,7 Milliarden Dollar in KI-Startups investiert, und 2025 dürfte das erste Jahr werden, in dem mehr als die Hälfte aller VC-Mittel in eine einzige Technologiekategorie fließen.
Für traditionelle SaaS-Unternehmen bleiben die Reste. Jason Lemkin, Gründer von SaaStr und eine der einflussreichsten Stimmen im SaaS-Ökosystem, analysierte über 1.000 Pitch Decks und kam zu einem vernichtenden Urteil: Der Venture-Capital-Markt habe sich fundamental zweigeteilt. Gewinner seien KI-native Unternehmen mit beispiellosen Wachstumsraten, selbst bei negativen Bruttomargen, sowie außergewöhnliche traditionelle SaaS-Firmen mit über 100 Prozent Wachstum bei mehr als 25 Millionen Dollar jährlich wiederkehrendem Umsatz. Alle anderen befänden sich in einer Finanzierungswüste, unabhängig von der Qualität ihres Geschäfts oder der Zufriedenheit ihrer Kunden.
Die SaaS-Bewertungen im Privatmarkt sind von Multiples um das 18-fache des Umsatzes im Jahr 2021 auf 3- bis 6-fache gefallen. Ein Unternehmen, das von 20 auf 35 Millionen Dollar Jahresumsatz wächst, eine durchaus beeindruckende Leistung mit 75 Prozent Wachstum, gilt in diesem Markt als faktisch nicht finanzierbar. Die Empfehlung der Branchenexperten an nicht-KI-fokussierte Startup-Gründer ist unmissverständlich: Runway verlängern, Fundraising verschieben und auf ein freundlicheres Marktumfeld hoffen.
Das hat auch Konsequenzen für die Exit-Seite des Startup-Ökosystems. Viele SaaS-Gründungen planten, durch Übernahme durch größere SaaS-Unternehmen zum Exit zu gelangen. Wenn diese potenziellen Käufer selbst unter Druck stehen, ihre Bewertungen einbrechen und ihre Kreditlinien sich verteuern, fällt ein wesentlicher Baustein des gesamten Startup-Kreislaufs weg. Die SaaS-M&A-Aktivität erreichte zwar 2025 mit über 2.500 Transaktionen ein Rekordniveau, doch die mediane Dealgröße schrumpfte von 67 Millionen Dollar im Jahr 2021 auf nur noch 41 Millionen Dollar. Transaktionen unter 500 Millionen Dollar machten 82 Prozent des Gesamtvolumens aus. Der Markt hat sich von transformativen Mega-Deals zu kleinen strategischen Bolt-on-Akquisitionen verschoben, was die Gesamtwertschöpfung erheblich mindert.
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Die Arbeitsmarktbombe: Noch leise, aber bereits scharf
Die volkswirtschaftlich möglicherweise folgenschwerste Dimension der SaaS-Krise ist der Arbeitsmarkt. Die Zahlen deuten auf eine Entwicklung hin, deren volle Wucht erst noch zu spüren sein wird. Im Jahr 2025 wurden laut Branchentrackern 170.630 Stellen im Technologiesektor in den USA abgebaut, ein deutlicher Anstieg gegenüber 95.000 im Vorjahr. In der ersten Jahreshälfte 2026 kamen bereits über 62.000 weitere Stellen hinzu, wobei Amazon allein 14.000 Stellen im mittleren Management, Kundendienst, Softwareentwicklung und Personalwesen strich.
Die Umfragedaten sind noch beunruhigender als die bisherigen Entlassungszahlen. Rund 37 Prozent der Unternehmen planen laut einer Erhebung unter US-Wirtschaftsführern, bis Ende 2026 Mitarbeiter durch KI zu ersetzen, und fast 30 Prozent haben dies bereits getan. Das World Economic Forum prognostiziert, dass weltweit 85 Millionen Arbeitsplätze durch KI verdrängt werden. Eine von der Harvard Business Review veröffentlichte Studie zeigt, dass eine Mehrheit der befragten Organisationen bereits geringfügige bis moderate (39 Prozent) oder größere (21 Prozent) Personalreduzierungen in Erwartung von KI vorgenommen hat.
Besonders besorgniserregend ist, dass Unternehmen Stellen auf Basis der projizierten Effizienzgewinne abbauen und nicht auf Basis tatsächlich nachgewiesener Leistung der KI-Systeme. Das bedeutet: Selbst wenn die KI-Agenten hinter den Erwartungen zurückbleiben, werden die Arbeitsplätze nicht zurückkehren, weil die Unternehmen ihre öffentlichen Narrative über KI-getriebene Produktivität aufrechterhalten müssen. Die Arbeitslosigkeit unter 20- bis 30-Jährigen in technologieexponierten Berufen ist seit Anfang 2025 um fast drei Prozentpunkte gestiegen.
Für SaaS-Unternehmen im Besonderen entsteht ein doppelter Druck. Einerseits reduzieren sie selbst Personal, um KI-getriebene Effizienzgewinne zu realisieren und ihre sinkenden Margen zu verteidigen. Workday meldete Entlassungen von 8,5 Prozent der Belegschaft unter explizitem Verweis auf KI. Andererseits führt jede Personalreduktion bei ihren Kunden zu weniger benötigten Softwarelizenzen, was den eigenen Umsatz schmälert. Es entsteht ein Teufelskreis: KI reduziert die Belegschaften, weniger Mitarbeiter brauchen weniger Softwarelizenzen, sinkende Umsätze erzwingen weitere Kostensenkungen, die wiederum zu Entlassungen führen.
Gartner prognostiziert eine Reduktion von 20 bis 30 Prozent bei Kundendienst- und Supportpositionen bis 2026 allein durch Investitionen in generative KI. Die durchschnittliche Zahl der von einem Unternehmen genutzten SaaS-Anwendungen sank von 112 auf 106 bis April 2025, wobei 82 Prozent der Unternehmen aktiv ihre Zahl der Softwareanbieter reduzierten.
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Die BofA-Gegenthese: Ein logischer Widerspruch im Markt?
Nicht alle Analysten teilen den Untergangspessimismus. Die Bank of America hat in einer vielbeachteten Analyse argumentiert, der aktuelle Ausverkauf beruhe auf zwei sich gegenseitig ausschließenden Szenarien. Einerseits fürchte der Markt, dass die KI-Investitionsausgaben sich verschlechterten und die Renditen schwach blieben. Andererseits fürchte er, dass die KI-Adoption so allgegenwärtig und produktivitätssteigernd werde, dass etablierte Softwareworkflows und Geschäftsmodelle obsolet würden. Beides könne nicht gleichzeitig eintreten.
Wenn KI leistungsfähig genug sei, um etablierte Industrien zu stören, könne die sie unterstützende Infrastrukturinvestition nicht zusammenbrechen. Umgekehrt: Wenn die Ausgaben aufgrund schlechter Renditen einbrächen, könne die Technologie nicht allgegenwärtig genug sein, um traditionelle Softwaremodelle zu bedrohen. BofA prognostiziert, dass die KI-Investitionsausgaben sich bis 2030 auf 1,2 Billionen Dollar vervierfachen werden, und sieht die aktuelle Bewertungskompression als attraktive Einstiegsmöglichkeit.
Der Einwand hat intellektuelle Substanz, greift aber möglicherweise zu kurz. Märkte handeln nicht nach logischer Kohärenz, sondern nach der Neubepreisung von Risiken unter Unsicherheit. Investoren diskontieren zukünftige Cashflows, nicht konzeptionelle Widersprüche. Beide Szenarien können durchaus koexistieren, wenn man sie als Ausdruck einer fundamentalen Unsicherheit über die Geschwindigkeit und das Ausmaß der KI-Adoption versteht, nicht als binäre Prognosen. Die aktuelle Volatilität spiegelt womöglich weniger einen logischen Fehler der Marktteilnehmer als vielmehr die rationale Erkenntnis, dass die Bandbreite möglicher Entwicklungen extrem groß geworden ist und fast alle Szenarien für traditionelle SaaS-Anbieter ungünstig ausfallen.
Warum auch KI-SaaS-Firmen nicht sicher sind
Eine verbreitete Annahme lautet, dass zumindest jene SaaS-Unternehmen florieren werden, die KI erfolgreich in ihre Produkte integrieren. Diese Annahme verdient kritische Überprüfung. SAP hat der These von Palantir-CEO Karp direkt widersprochen und erklärt, KI-Agenten würden die Leistungsgrenzen von SaaS-Lösungen massiv erweitern, aber nicht ersetzen. Doch die Marktreaktion auf SAPs eigene KI-Strategie war alles andere als ermutigend: Der Kurs fiel trotz hoher Investitionen in KI-Integration weiter.
Das Problem liegt tiefer. Wenn KI zum Commodity wird, wenn also die großen Sprachmodelle von OpenAI, Anthropic, Google und anderen zunehmend leistungsfähig und austauschbar werden, dann verschiebt sich der Wettbewerbsvorteil weg von der KI-Technologie selbst und hin zur Implementation, Kontrolle, Integration und Compliance. In diesem Szenario profitieren nicht die SaaS-Anbieter, die KI in ihre Produkte einbauen, sondern die Orchestrierungsplattformen, die KI-Agenten über verschiedene Systeme hinweg steuern. Palantir hat sich genau so positioniert und wird vom Markt entsprechend belohnt.
Für SaaS-Firmen, die KI-Funktionen hinzufügen, entsteht ein zusätzliches Kostenproblem. Jede agentengesteuerte Aktion verursacht Token-, Rechen- und API-Kosten. In einem sitzplatzbasierten Modell kann ein intensiver Nutzer, der Hunderte von KI-Agenten einsetzt, ein profitables Konto schnell in ein Verlustgeschäft verwandeln. Die Bruttomargen der SaaS-Branche, die traditionell bei 70 bis 80 Prozent lagen, stehen unter massivem Druck, wenn KI-Inferenzkosten hinzukommen.
Das Sterben des Einheitlichen: Die Bifurkation der Softwarelandschaft
Was sich abzeichnet, ist keine gleichmäßige Erosion, sondern eine fundamentale Zweiteilung des Softwaremarktes. Auf der einen Seite entstehen KI-native Unternehmen, die von Grund auf für eine Welt gebaut sind, in der Agenten den Großteil der Arbeit erledigen. Diese Firmen skalieren mit beispielloser Geschwindigkeit, absorbieren den Löwenanteil des Risikokapitals und definieren neue Bewertungsmaßstäbe. Auf der anderen Seite kämpfen etablierte SaaS-Anbieter mit der Transformation eines Geschäftsmodells, das sie über Jahrzehnte aufgebaut und optimiert haben.
Orlando Bravo von Thoma Bravo, dem wohl bedeutendsten Private-Equity-Investor im Softwaresektor, formulierte in Davos eine bemerkenswert nüchterne Einschätzung: KI werde einen Teil der Softwareunternehmen stören, weniger als die Hälfte sei seine Basisannahme, aber für viele von ihnen, insbesondere solche, deren Kernkompetenz technischer Natur sei, werde es disruptiv. Weniger als die Hälfte als Basisannahme des Bullen. Das sollte zu denken geben.
Die Branche entwickelt sich erkennbar in Richtung einer neuen Architektur, in der die Agentenebene die alte Anwendungsebene als primäre Wertschöpfungsschicht ablöst. SaaS-Unternehmen, die sich als Plattform der Plattformen positionieren können, als zentrales Nervensystem, in dem alle Agentenentscheidungen validiert und protokolliert werden, haben eine Überlebenschance. ERP-Anbieter wie SAP könnten sich in dieser Rolle wiederfinden, wenn sie den Übergang schnell genug schaffen. Punkt-Lösungen, die einen einzelnen Workflow bedienen, stehen dagegen vor der größten Herausforderung.
Das Dilemma der Erfolgskennzahlen: Wenn die alten Metriken lügen
Die SaaS-Industrie hat über zwei Jahrzehnte ein ausgefeiltes System von Erfolgskennzahlen entwickelt: Annual Recurring Revenue, Net Dollar Retention, Customer Acquisition Cost, Lifetime Value, die Rule of 40. Dieses Kennzahlensystem diente nicht nur der internen Steuerung, sondern war die gemeinsame Sprache zwischen Gründern, Investoren und Analysten. Bewertungen wurden auf Basis dieser Metriken berechnet, Finanzierungsrunden strukturiert, Übernahmepreise verhandelt.
In einer KI-transformierten Welt verlieren diese Kennzahlen ihre Aussagekraft. Wenn der Wert einer Software nicht mehr daran gemessen wird, wie viele Nutzer darauf zugreifen, sondern welche Ergebnisse sie erzielt, dann ist der ARR kein zuverlässiger Indikator mehr für den Unternehmenswert. Wenn KI-Agenten die Kundenbindung erhöhen, aber gleichzeitig die Zahl der benötigten Lizenzen senken, kann die Net Dollar Retention steigen, während der absolute Umsatz fällt. Die gesamte Metrik-basierte Steuerungs- und Bewertungslogik der Branche muss neu gedacht werden.
Für den Venture-Capital-Markt ist das eine tiefgreifende Verstörung. VCs haben über ein Jahrzehnt hinweg ein Repertoire an Due-Diligence-Methoden, Bewertungsmodellen und Portfolio-Strategien optimiert, die auf den Gesetzmäßigkeiten des SaaS-Geschäfts aufbauen. Wenn diese Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten, verliert ein ganzes Ökosystem sein Navigationssystem. Nicht nur stehen viele Startups auf dem SaaS-Pfad und die meisten Erfolgsmetriken sind darauf ausgerichtet, sondern auch auf der Akquisitionsseite stehen häufig SaaS-Unternehmen, die nun selbst unter Druck geraten.
Der Blick nach vorn: Eine unbequeme Prognose
Die Hoffnung, dass sich die aktuelle Lage schnell drehen wird, dürfte enttäuscht werden. Mehrere strukturelle Faktoren sprechen für eine Verschärfung der Situation. Erstens beschleunigt sich die Leistungsfähigkeit der KI-Modelle weiter. Die Veröffentlichung von Anthropics Claude Cowork war kein Endpunkt, sondern ein Zwischenschritt. Jede neue Modellgeneration erweitert das Spektrum der Aufgaben, die autonom erledigt werden können, und damit das Spektrum der SaaS-Produkte, die überflüssig werden könnten.
Zweitens beginnt der Rückkopplungseffekt auf den Arbeitsmarkt erst, sich zu entfalten. Wenn 37 Prozent der Unternehmen tatsächlich wie angekündigt bis Ende 2026 Mitarbeiter durch KI ersetzen, wird dies zu einem messbaren Rückgang der SaaS-Lizenzeinnahmen führen, der bisher in keiner Umsatzprognose der Branche angemessen berücksichtigt ist.
Drittens steht die Private-Credit-Mauer bevor. 23 von 32 bewerteten Business Development Companies haben unbesicherte Schulden in Höhe von 12,7 Milliarden Dollar, die 2026 fällig werden, ein Anstieg von 73 Prozent gegenüber 2025. Die Refinanzierung dieser Schulden in einem Umfeld fallender Software-Bewertungen und steigender Risikoprämien wird für viele Unternehmen extrem schwierig.
Viertens reduzieren Unternehmen aktiv ihre Zahl an Softwareanbietern. Dieser Konsolidierungstrend wird durch KI-gestützte Alternativen zusätzlich befeuert und trifft insbesondere spezialisierte SaaS-Firmen, die einzelne Nischenfunktionen bedienen.
Die Softwarebranche wird nicht verschwinden. Software bleibt der Grundbaustein der digitalen Wirtschaft. Doch das Geschäftsmodell, das die Branche über zwei Jahrzehnte definiert hat, die sitzplatzbasierte Cloud-Subskription, befindet sich in einem irreversiblen Umbruch. Die Gewinner werden jene Unternehmen sein, die sich als Daten- und Orchestrierungsplattformen neu erfinden, ergebnisbasierte Preismodelle einführen und KI nicht als Feature, sondern als Fundament begreifen. Alle anderen betreten eine Ära struktureller Schrumpfung, in der Überkapazitäten abgebaut, Bewertungen komprimiert und Geschäftsmodelle grundlegend transformiert werden müssen. Die ungemütlichen Zeiten haben gerade erst begonnen.
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