Faktencheck zur FAZ: Warum die Energiewende nicht der wahre Preistreiber ist: Fossile Systemkosten als eigentliche Treiber
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Xpert.Digital bei Google bevorzugen ⓘVeröffentlicht am: 18. Februar 2026 / Update vom: 18. Februar 2026 – Verfasser: Konrad Wolfenstein

Faktencheck zur FAZ: Warum die Energiewende nicht der wahre Preistreiber ist: Fossile Systemkosten als eigentliche Treiber – Kreativbild: Xpert.Digital
Frankfurter Allgemeine Zeitung irreführend: Fossile Systemkosten als eigentliche Treiber der Gesamtkosten des Energiesystems nicht genannt
EWI-Studie enthüllt: Fossile Abhängigkeit sprengt die Stromkosten – nicht Wind & Solar
Anfang Februar 2026 sorgte eine umfassende Analyse des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität zu Köln für Aufsehen in der energiepolitischen Debatte. Unter dem Titel „Ausgaben für das Stromsystem in Deutschland“ untersuchten die Forscher die Kostenentwicklung zwischen 2010 und 2024. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) griff diese Daten auf und titelte in einem Artikel der Journalistin Hanna Decker: „Warum die Energiewende plötzlich so teuer ist“. Diese Schlagzeile wird seither vielfach als Beleg für angeblich ausufernde Kosten der grünen Transformation herangezogen. Doch eine genaue Betrachtung der EWI-Studie zeigt: Dieses Framing ist irreführend und verkennt die tatsächlichen Ursachen.
Zwar bestätigt die Studie einen realen Anstieg der Systemausgaben auf zuletzt 30 Cent pro Kilowattstunde, doch die Treiber dieser Entwicklung sind keineswegs primär Wind- und Solaranlagen. Vielmehr entlarvt die Analyse die teuren Spätfolgen der fossilen Abhängigkeit: Die Verdopplung der Gaspreise nach dem russischen Angriffskrieg und der politisch gewollte Anstieg der CO2-Preise sind die dominierenden Faktoren. Zudem führen sinkende Verbräuche zu statistisch höheren Netzentgelten, während der massive Anstieg des privaten PV-Eigenverbrauchs Verteilungsfragen aufwirft, die in der FAZ-Darstellung gänzlich fehlen. Der folgende Artikel analysiert detailliert, warum die wahren Kostenrisiken im fossilen Sektor liegen und weshalb die Energiewende langfristig sogar als Preisbremse wirkt.
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Was ist der Hintergrund der aktuellen Debatte um die Kosten der Energiewende?
Anfang Februar 2026 veröffentlichte das Energiewirtschaftliche Institut (EWI) an der Universität zu Köln eine umfassende Analyse mit dem Titel „Ausgaben für das Stromsystem in Deutschland – Eine Diskussion der historischen Entwicklung“. Die Studie untersucht, wie sich die verschiedenen Komponenten der Stromsystemausgaben zwischen 2010 und 2024 entwickelt haben. Die Journalistin Hanna Decker griff diese Studie für einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf und versah ihn mit der Überschrift „Warum die Energiewende plötzlich so teuer ist“. Dieser Artikel wird seither in öffentlichen Debatten vielfach als vermeintlicher Beleg für die angeblich ausufernden Kosten der Energiewende herangezogen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Schlagzeile irreführend ist und die eigentlichen Kostentreiber ganz andere sind als suggeriert.
Welche zentralen Ergebnisse liefert die EWI-Studie?
Die EWI-Studie stellt fest, dass die Ausgaben für das Stromsystem in Deutschland seit 2010 real um durchschnittlich 4,1 Prozent pro Jahr gestiegen sind. Besonders auffällig ist dabei die Beschleunigung ab 2018: Während der durchschnittliche Anstieg von 2010 bis 2017 bei lediglich 0,7 Prozent pro Jahr lag, explodierten die Ausgaben danach auf inflationsbereinigt rund 8,1 Prozent jährlich. Im Jahr 2024 betrugen die gesamten Systemausgaben 30 Cent pro abgenommener Kilowattstunde der allgemeinen Stromversorgung. Im Vergleich dazu lag der Wert 2010 noch bei 17 Cent pro Kilowattstunde in Preisen von 2024. Die Studie spricht dabei bewusst und methodisch sauber von „Stromsystemausgaben“ und vermeidet eine direkte kausale Zuschreibung zur Energiewende.
Welche drei Kostentreiber identifiziert der FAZ-Artikel von Hanna Decker?
Der FAZ-Artikel leitet aus der EWI-Studie im Wesentlichen drei Kostentreiber ab. Erstens die Verdopplung der Brennstoffkosten seit 2018, insbesondere weil der Gaspreis nach dem Ende der Nord-Stream-Lieferungen dauerhaft bei rund 35 Euro pro Megawattstunde liegt. Das ist etwa doppelt so hoch wie vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, als noch russisches Pipeline-Gas nach Europa floss. Zweitens der EU-Emissionshandel, der nach der Reform 2017 von einem sogenannten zahnlosen Tiger mit Preisen um 5 Euro pro Tonne auf über 100 Euro pro Tonne hochgeschnellt ist. Die Ausgaben für Emissionszertifikate sind von 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf 13,4 Milliarden Euro im Jahr 2023 explodiert. Drittens der sinkende Stromverbrauch, der von 479 auf 388 Terawattstunden gefallen ist, was paradoxerweise die Kosten pro Kilowattstunde nach oben treibt, weil Netzkosten überwiegend Fixkosten sind und sich auf einen geringeren Verbrauch verteilen.
Warum ist die Überschrift „Warum die Energiewende plötzlich so teuer ist“ irreführend?
Die Überschrift ist deshalb irreführend, weil Deckers eigene Analyse im Artikel zeigt, dass die Haupttreiber des Kostenanstiegs gar nicht primär die erneuerbaren Energien sind. Das Framing als „Energiewende-Kosten“ verzerrt den tatsächlichen Befund der EWI-Studie erheblich. Die EWI-Studie selbst ist methodisch deutlich sauberer und spricht neutral von „Stromsystemausgaben“, ohne diese kausal der Energiewende zuzuschreiben. Decker macht daraus die eingängigere, aber eben auch irreführendere Überschrift. Wer nur die Schlagzeile liest, bekommt einen falschen Eindruck davon, was die Studie tatsächlich belegt. Die Kostensteigerungen haben ihre Wurzeln vor allem in geopolitischen Verwerfungen und in einem funktionierenden Klimaschutzinstrument, nicht in Wind- und Solaranlagen.
Inwiefern ist der Gaspreisanstieg eine Folge fossiler Abhängigkeit und nicht der Energiewende?
Der Gaspreisanstieg ist unmittelbar auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und das daraus resultierende Ende der Nord-Stream-Lieferungen zurückzuführen. Deutschland hatte sich über Jahrzehnte in eine massive Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas begeben. Als diese Lieferungen wegfielen, musste Europa auf teureres Flüssigerdgas (LNG) umsteigen, das am Weltmarkt zu deutlich höheren Preisen gehandelt wird. Der Gaspreis liegt seither dauerhaft bei rund 35 Euro pro Megawattstunde, was eine Verdopplung gegenüber dem Vorkrisenniveau darstellt. Laut KfW Research kostet der Import von Erdöl, Erdgas und Steinkohle Deutschland insgesamt rund 81 Milliarden Euro pro Jahr, was etwa 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts oder 1.000 Euro pro Einwohner entspricht. Im Jahr 2024 entfielen allein 19 Milliarden Euro auf Erdgasimporte. Russlands Anteil an den deutschen Energieimporten ist von 35 Prozent im Jahr 2021 auf nur noch 0,1 Prozent im Jahr 2024 gesunken. Hauptlieferanten sind nun Norwegen, die USA und die Niederlande. Dieser Kostentreiber hat also nichts mit Windrädern oder Solaranlagen zu tun, sondern ist eine direkte Folge der jahrzehntelangen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern aus geopolitisch unsicheren Quellen.
Warum ist der CO2-Preis kein Argument gegen die Energiewende?
Der EU-Emissionshandel ist ein bewusst eingeführtes Klimaschutzinstrument, das fossile Stromerzeugung gezielt verteuern soll. Zwischen 2012 und 2018 lag der Zertifikatepreis meist unter 10 Euro pro Tonne und galt als zahnloser Tiger, weil er kaum Lenkungswirkung entfaltete. Im Jahr 2017 beschloss die EU eine grundlegende Reform und nahm überschüssige Zertifikate vom Markt. Daraufhin stiegen die Preise kontinuierlich an und überschritten im Februar 2023 erstmals die Marke von 100 Euro pro Tonne. Dass die Ausgaben für Emissionszertifikate von 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf 13,4 Milliarden Euro im Jahr 2023 gestiegen sind, ist also gewollt und politisch so beabsichtigt. Der CO2-Preis verteuert gerade nicht die erneuerbaren Energien, sondern die fossile Erzeugung. Er gibt damit ein Preissignal, das Investitionen in klimafreundliche Alternativen wirtschaftlich attraktiver macht. Erneuerbare Energien wie Wind und Solar unterliegen dem Emissionshandel nicht, weil sie keine CO2-Emissionen verursachen. Den CO2-Preis als Kosten der Energiewende darzustellen, verdreht also die kausale Logik: Der CO2-Preis zeigt vielmehr, wie teuer das Festhalten am fossilen System geworden ist.
Wie erklärt sich der Anstieg der Netzkosten pro Kilowattstunde?
Der Stromverbrauch in Deutschland ist seit 2010 um durchschnittlich 6,5 Terawattstunden pro Jahr gesunken. Zuletzt lag er bei nur noch 388 Terawattstunden. Dies liegt an effizienteren Anwendungen, dem Rückgang energieintensiver Industrieproduktion und der zunehmenden Eigenversorgung durch Photovoltaik-Anlagen. Laut der EWI-Studie verringert eine sinkende Nachfrage die Kapitalauslastung und erhöht so die volkswirtschaftlichen Ausgaben pro verbrauchter Stromeinheit. Dieser Effekt trifft besonders das Stromnetz, da Netzkosten überwiegend Fixkosten sind: Leitungen verursachen auch dann hohe Kosten, wenn sie nicht ständig ausgelastet sind, im Gegensatz zu Kohle- oder Gaskraftwerken, deren variable Kosten mit sinkendem Einsatz ebenfalls sinken. Der Anteil der Netzausgaben an den Gesamtausgaben ist von durchschnittlich 19 Prozent in den Jahren 2010 bis 2014 auf 26 Prozent in den Jahren 2020 bis 2024 gestiegen. Der Netzausbau wäre allerdings auch ohne Energiewende teilweise nötig gewesen, da die bestehende Infrastruktur veraltet ist und ohnehin modernisiert werden müsste. Durch die dezentrale Erzeugung aus erneuerbaren Energien wird der Netzausbau natürlich beschleunigt, aber er ist keineswegs allein der Energiewende geschuldet.
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Die entscheidende Frage fehlt: Was Strom ohne die Energiewende heute kosten würde
Welchen Verteilungseffekt durch den PV-Eigenverbrauch verschweigt der FAZ-Artikel?
Ein bezeichnender blinder Fleck im FAZ-Artikel betrifft den rasant wachsenden Eigenverbrauch von Solarstrom durch Haushalte. Die EWI-Studie weist darauf hin, dass dieser Eigenverbrauch von nahezu null auf einen erheblichen Wert gestiegen ist. Laut Fraunhofer ISE lag der PV-Eigenverbrauch in Deutschland im Jahr 2024 bei 12,28 Terawattstunden und hatte damit einen Anteil von 17 Prozent an der Nettostromerzeugung aus Photovoltaik. Im Vergleich dazu waren es 2020 erst 3,55 Terawattstunden und 2012 lediglich 0,25 Terawattstunden. Für Haushalte mit eigener PV-Anlage senkt dieser Eigenverbrauch die individuelle Stromrechnung erheblich. Sie verbrauchen den selbst erzeugten Strom direkt vor Ort, ohne das öffentliche Netz zu nutzen. Gleichzeitig erhöht sich dadurch aber die Belastung pro Kilowattstunde für die verbleibenden reinen Netznutzer, denn die Netzfixkosten verteilen sich auf weniger abgenommene Kilowattstunden. Diesen sozialen Verteilungseffekt zwischen PV-Besitzern und Nicht-PV-Besitzern thematisiert Decker in ihrem Artikel nicht. Es handelt sich um eine gesellschaftlich relevante Verteilungsfrage, die in der Debatte um angebliche Energiewende-Kosten eine zentrale Rolle spielen sollte.
Welche entscheidende Gegenfrage fehlt im FAZ-Artikel vollständig?
Die wohl wichtigste Frage, die in Deckers Darstellung fehlt, lautet: Was hätte das fossile System ohne Energiewende gekostet? Man muss sich ein hypothetisches Szenario vorstellen, in dem Deutschland keine erneuerbaren Energien ausgebaut hätte und mit voller Abhängigkeit von russischem Gas, ohne den preisdämpfenden Effekt der Erneuerbaren im Großhandel und mit den volkswirtschaftlichen Kosten des ungebremsten Klimawandels konfrontiert wäre. Die Studie des Öko-Instituts für Agora Energiewende hat bereits gezeigt, dass ein Stromsystem mit 95 Prozent Erneuerbaren im Jahr 2050 unter den meisten erwartbaren Energie- und CO2-Preisentwicklungen etwa gleich viel oder sogar weniger kostet als ein fossiles Alternativsystem. Ein kohlebasiertes System ist nur dann signifikant günstiger, wenn für die Zukunft sehr niedrige CO2-Preise von maximal 20 Euro pro Tonne angenommen werden. Ein gasbasiertes System kann nur gewinnen, wenn gleichzeitig niedrige Gaspreise und keine hohen CO2-Preise unterstellt werden. Die Realität hat gezeigt, dass beides extrem unwahrscheinlich ist. Die Erneuerbaren wirken zudem wie eine Versicherung gegen volatile Brennstoff- und CO2-Preise, da bei fossilen Systemen der Anteil variabler Kosten an den Gesamtkosten zwischen 30 und 67 Prozent liegt, während er im erneuerbaren System nur bei etwa 5 Prozent liegt.
Was sind die Social Costs of Carbon und warum sind sie relevant für diese Debatte?
Die EWI-Studie selbst merkt in einer Fußnote an, dass die Social Cost of Carbon, also die volkswirtschaftlichen Schadenskosten des Klimawandels, über den aktuellen ETS-Preisen liegen dürften. Decker ignoriert diesen Hinweis in ihrem Artikel komplett. Die Social Cost of Carbon (SCC) schätzen den Gegenwartswert der wirtschaftlichen Schäden, die durch eine zusätzliche Tonne CO2-Emissionen verursacht werden. Aktuelle wissenschaftliche Schätzungen beziffern den SCC-Wert auf rund 185 US-Dollar pro Tonne CO2, was deutlich über dem aktuellen EU-ETS-Preis von rund 70 bis 80 Euro pro Tonne liegt. Das Umweltbundesamt setzt die kurzfristigen CO2-Schadenskosten bei 80 Euro pro Tonne an, mittel- bis langfristig sogar bei 145 beziehungsweise 260 Euro pro Tonne. Berücksichtigt man Klimarisiken wie extreme Wetterereignisse und die Gefahr irreversibler Kipppunkte, steigt der SCC-Wert sogar auf bis zu 182 US-Dollar pro Tonne. Das bedeutet: Selbst der aktuelle CO2-Preis im EU-Emissionshandel deckt die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten der fossilen Stromerzeugung bei weitem nicht ab. Jede Tonne CO2, die ausgestoßen wird, verursacht in Wahrheit höhere Schäden als der Emissionshandel einpreist. Wer also die CO2-Kosten als Last der Energiewende darstellt, ignoriert, dass die wahren Kosten des fossilen Systems noch sehr viel höher liegen.
Wie hat sich die Rolle des Staates bei der Finanzierung des Stromsystems verändert?
Bis zum Jahr 2020 trugen nach dem Verursacherprinzip die Stromverbraucher, also private Haushalte, Gewerbe und Industrie, alle Kosten des Stromsystems. In den vergangenen Jahren hat der Staat jedoch begonnen, die Verbraucher verstärkt zu unterstützen. Die EEG-Umlage wurde abgeschafft und die Kosten in den Bundeshaushalt verlagert. Allein die EEG-Zuschüsse beliefen sich zuletzt auf über 18 Milliarden Euro. Im Jahr 2023 setzte die Regierung die Kosten zusätzlich mit der Strompreisbremse fest. In den Jahren 2023 und 2024 übernahmen öffentliche Haushalte somit nahezu ein Viertel aller Ausgaben für Erzeugung und Vertrieb. Im Jahr 2026 gibt es einen Bundeszuschuss von 6,5 Milliarden Euro zu den Netzentgelten, der die Netzkosten für Haushalte und Unternehmen deutlich senken soll. Die Netzentgelte sind im bundesweiten Durchschnitt um rund 17 Prozent gesunken. Während der Staat bis 2022 durch die Versteigerung von CO2-Zertifikaten, Konzessionsabgaben sowie Strom- und Mehrwertsteuer mehr einnahm als er ausgab, hat sich dieses Verhältnis inzwischen umgekehrt. Es deutet sich ein grundlegender Wandel in der Finanzierung des Stromsystems an, bei dem der Staat eine immer größere Rolle übernimmt.
Was zeigt die EWI-Studie tatsächlich, wenn man sie korrekt einordnet?
Die EWI-Studie liefert eine methodisch saubere und detaillierte Beschreibung des Kostenanstiegs im deutschen Stromsystem zwischen 2010 und 2024. Sie identifiziert die wesentlichen Treiber: gestiegene Brennstoffkosten durch geopolitische Umwälzungen, den gewollt höheren CO2-Preis durch die ETS-Reform und den Effekt sinkenden Verbrauchs auf die Fixkostenverteilung im Netz. Die Studie spricht dabei konsequent von „Stromsystemausgaben“ und ordnet die Kosten nicht einseitig der Energiewende zu. Sie weist auch auf die wachsende Bedeutung des PV-Eigenverbrauchs hin und merkt an, dass die volkswirtschaftlichen Schadenskosten des CO2-Ausstoßes über den ETS-Preisen liegen dürften. Zusammengefasst zeigt die Studie: Die Energiewende ist nicht „plötzlich so teuer“ geworden. Vielmehr ist das fossile System teurer geworden, der Netzumbau kostet, und der CO2-Preis funktioniert endlich als das Lenkungsinstrument, das er sein soll. Wer die Studie als Beleg gegen die Energiewende anführt, hat sie entweder nicht gelesen oder bewusst falsch interpretiert.
Welche Lehren sollte die Energiepolitik aus diesen Erkenntnissen ziehen?
Die zentrale Lehre aus der EWI-Studie und der sie umgebenden Debatte ist, dass die größten Kostenrisiken im Energiesystem nach wie vor von der fossilen Seite ausgehen. Die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen setzt Deutschland Preisschocks und geopolitischen Risiken aus, wie der Ukraine-Krieg eindrücklich bewiesen hat. Ein auf erneuerbaren Energien basierendes Stromsystem bietet hingegen eine Absicherung gegen volatile Brennstoffpreise, da es kaum variable Kosten hat. Der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien, die Weiterentwicklung von Speichertechnologien und ein intelligenter Netzumbau sind keine Kostentreiber, sondern langfristig Kostenvermeidungsstrategien. Die gesellschaftliche Debatte sollte sich nicht an irreführenden Schlagzeilen orientieren, sondern an den Gesamtkosten verschiedener Energiesysteme unter realistischen Annahmen. Dabei müssen die externen Kosten des Klimawandels ebenso berücksichtigt werden wie die Versorgungssicherheit und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von geopolitisch instabilen Lieferländern. Die Energiewende ist nicht das Problem, sie ist Teil der Lösung für ein bezahlbares und sicheres Energiesystem der Zukunft.
Welche Rolle spielen erneuerbare Energien als Preisdämpfer im Großhandel?
Ein oft übersehener Aspekt in der Kostendebatte ist die preisdämpfende Wirkung erneuerbarer Energien auf dem Stromgroßhandelsmarkt. Wenn große Mengen an Wind- und Solarstrom eingespeist werden, sinkt der Börsenstrompreis, da diese Energiequellen Grenzkosten nahe null haben. Dieser sogenannte Merit-Order-Effekt drückt die teuren Gaskraftwerke aus dem Markt, die den Preis sonst nach oben treiben würden. Ohne den massiven Ausbau der Erneuerbaren wäre der Stromgroßhandelspreis nach dem Wegfall russischen Gases wahrscheinlich noch deutlich höher gewesen. Die Erneuerbaren haben somit in der Energiekrise als eine Art Preispuffer gewirkt und die Belastung für Verbraucher und Industrie gedämpft. Dieser Effekt wird in Deckers Darstellung nicht erwähnt, obwohl er ein wesentliches Gegengewicht zu den beschriebenen Kostensteigerungen bildet. Die steigende Erzeugung aus erneuerbaren Quellen ist einer der Gründe, warum die Großhandelspreise nach der extremen Spitze in der Energiekrise 2022 wieder deutlich gesunken sind.
Wie ist die aktuelle Entwicklung der Strompreise in Deutschland einzuordnen?
Trotz der in der EWI-Studie dokumentierten Anstiege der Systemkosten gibt es für 2026 tatsächlich Anzeichen einer Entspannung bei den Endverbraucherpreisen. Die Strompreise für Neukunden lagen im Januar 2026 bei rund 23 Cent pro Kilowattstunde. Die Netzentgelte sind im bundesweiten Durchschnitt um rund 17 Prozent beziehungsweise etwa 2 Cent pro Kilowattstunde gesunken, maßgeblich getrieben durch den Bundeszuschuss von 6,5 Milliarden Euro. Die Beschaffungskosten am Großhandelsmarkt sind ebenfalls gesunken, was direkt mit der gestiegenen Einspeisung erneuerbarer Energien zusammenhängt. Diese Entwicklung widerspricht dem Narrativ einer unaufhaltsam teurer werdenden Energiewende. Sie zeigt vielmehr, dass die hohen Kosten der Jahre 2022 bis 2024 zu einem großen Teil auf die Energiekrise und die fossile Abhängigkeit zurückzuführen waren und nicht auf strukturelle Probleme der Energiewende. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, die Finanzierung des Netzausbaus und der Systemtransformation sozial gerecht und wirtschaftlich tragfähig zu gestalten.
Warum ist ein differenzierter Blick auf die Kostenstruktur des Energiesystems so wichtig?
Die öffentliche Debatte über die Kosten der Energiewende leidet häufig unter Vereinfachungen und gezieltem Framing. Wenn ein Artikel wie der von Hanna Decker in der FAZ als vermeintlicher Beleg für die Kostenlast der Energiewende instrumentalisiert wird, obwohl er bei genauer Lektüre eigentlich das Gegenteil zeigt, dann schadet das einer sachlichen Energiepolitik. Ein differenzierter Blick auf die Kostenstruktur offenbart, dass die Brennstoffkosten ein fossiles Erbe sind, dass der CO2-Preis die Kosten der Verschmutzung sichtbar macht und dass der Netzausbau eine Investition in die Zukunft darstellt. Die tatsächlichen Kosten der Energiewende, also der Bau von Windkraft- und Solaranlagen, haben sich in den vergangenen Jahren drastisch reduziert. Die Stromgestehungskosten von Photovoltaik und Onshore-Windenergie liegen inzwischen unter denen neuer fossiler Kraftwerke. Was steigt, sind die Systemkosten, die durch die Transformation entstehen, aber auch die Risiken und versteckten Kosten des fossilen Systems. Eine ehrliche Debatte muss beides in den Blick nehmen und darf nicht selektiv nur eine Seite der Bilanz betrachten.
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