
Staat zahlt, Konzern kassiert: Warum BioNTech jetzt seine deutschen Werke schließt – 1.860 Jobs weg, Milliarden für Aktionäre – Kreativbild: Xpert.Digital
Gründer gehen, Werke schließen: Der bittere Absturz des deutschen Impfstoff-Helden – Was vom deutschen BioNTech-Märchen übrig bleibt
„Trickserei“ bei CureVac-Übernahme? Wie BioNTech die deutsche Biotech-Hoffnung abwickelt – Das harte Kalkül hinter dem BioNTech-Umbau
Steuer-Milliarden für nichts? Was vom deutschen BioNTech-Märchen übrig bleibt
Das Mainzer Biotechnologieunternehmen BioNTech galt als das leuchtende Aushängeschild der deutschen Innovationskraft während der Corona-Pandemie. Mit hunderten Millionen Euro an staatlichen Fördermitteln aus dem Bundeshaushalt unterstützt, rettete der mRNA-Impfstoff Millionen Leben und bescherte dem Konzern sowie den Standortkommunen beispiellose Milliarden-Gewinne. Doch wenige Jahre nach dem bejubelten Geldsegen folgt nun das bittere Erwachen: BioNTech kündigt an, seine deutschen Produktionsstandorte zu schließen, streicht fast 1.900 Arbeitsplätze und wickelt den einstigen Konkurrenten CureVac ab. Gleichzeitig fließen Milliarden in Aktienrückkaufprogramme für die eigenen Aktionäre. Dieser Text beleuchtet den rasanten Aufstieg und den drastischen Umbau des Pharmagiganten. Er zeigt auf, warum der Fall BioNTech als historisches Lehrstück für das strukturelle Versagen der deutschen Industriepolitik in die Geschichte eingehen könnte – und was passiert, wenn der Staat unternehmerische Risiken trägt, während die Gewinne privatisiert werden.
Wie Deutschland Milliarden in eine Erfolgsgeschichte investierte – und am Ende mit leeren Händen dasteht
Das Modell der staatlichen Risikoübernahme – und wer am Ende profitiert
Im Herbst 2020 stand die Welt unter dem Eindruck einer globalen Pandemie, und Regierungen rund um den Globus taten das, was in Krisen üblich ist: Sie griffen tief in die öffentlichen Kassen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sagte dem Mainzer Biotechnologieunternehmen BioNTech eine Förderung von bis zu 375 Millionen Euro zu, eingebettet in ein Gesamtprogramm von bis zu 750 Millionen Euro für drei deutsche Biotech-Firmen. Das Geld floss aus dem eigens aufgelegten Covid-19-Sonderprogramm und sollte sowohl die beschleunigte Impfstoffentwicklung als auch den Ausbau der Produktionskapazitäten in Deutschland finanzieren. Allein rund 327 Millionen Euro davon wurden noch im Jahr 2020 abgerufen. Die Logik dahinter war überzeugend: Deutschland investiert in seine biowissenschaftliche Zukunft, sichert Arbeitsplätze, stärkt den Standort und erhält im Gegenzug Produktionskapazitäten, die im nächsten Krisenfall abrufbereit sind.
Die Geschichte, die sich seitdem entfaltet hat, lässt an dieser Logik erhebliche Zweifel aufkommen. Denn knapp sechs Jahre nach der staatlichen Anschubfinanzierung kündigt BioNTech an, seine deutschen Produktionsstandorte vollständig zu schließen. Wer das Verhältnis zwischen öffentlicher Investition und privatem Nutzen analysieren möchte, findet hier ein Lehrstück der modernen Industriepolitik – mit all ihren Widersprüchen, Versprechen und Enttäuschungen.
Der Aufstieg: Gewinne in nie dagewesener Dimension
Um die Tragweite der aktuellen Entwicklungen zu verstehen, muss man die Pandemiephase in Zahlen fassen. BioNTech erzielte 2021 einen Umsatz von knapp 19 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 10,3 Milliarden Euro – eine Größenordnung, die das Unternehmen innerhalb weniger Monate von einem hochspezialisierten Forschungsunternehmen zu einem der wertvollsten Pharmakonzerne Europas katapultierte. Im Jahr 2022 wiederholte sich das Spektakel: Erlöse von 17,3 Milliarden Euro und ein Nettogewinn von 9,4 Milliarden Euro. Noch vor Pandemiebeginn, im Jahr 2020, hatte BioNTech lediglich einen Gewinn von 15,2 Millionen Euro ausgewiesen.
Diese Gewinne wurden nicht im luftleeren Raum erwirtschaftet. Der staatliche Förderrückenwind war Teil einer Gesamtgemengelage, zu der auch Vorauszahlungen von Regierungen für noch nicht zugelassene Impfstoffe sowie der gesamte Apparat staatlicher Beschaffungssysteme gehörten. Der Marburger Oberbürgermeister Thomas Spies brachte das Kernproblem auf den Punkt, als er feststellte, der einzige Gewinn, den das Unternehmen bisher eingefahren habe, sei letztlich durch Steuergelder finanziert worden. Diese Aussage mag politisch zugespitzt sein, trifft aber einen strukturellen Kern: Die Kombination aus staatlicher Subventionierung der Entwicklung, staatlich garantierten Abnahmemengen und dem vollständigen Rückzug des Unternehmens aus den geförderten Kapazitäten stellt die Grundprämissen staatlicher Industrieförderung infrage.
Die Steuereinnahmen, die BioNTech den Kommunen bescherte, waren ebenfalls beeindruckend. Mainz verzeichnete in den Jahren 2021 und 2022 Gewerbesteuereinnahmen von zusammen fast 3,3 Milliarden Euro. Marburg erwartete allein aus den Vorauszahlungsbescheiden für 2021 und 2022 rund 570 Millionen Euro zusätzlicher Gewerbesteuer. Idar-Oberstein schrieb dank BioNTech-Steuern einen Jahresüberschuss von rund 100 Millionen Euro. Der Bund, die Länder und die Kommunen haben aus diesem Unternehmen erhebliche Steuermittel zurückerhalten – das ist der Konterpart, den manche Kritiker gerne ausblenden. Dennoch bleibt die Frage, ob das Verhältnis zwischen den getragenen Risiken und den einbehaltenen Gewinnen auf unternehmerischer Seite einer demokratischen Gesellschaft gegenüber rechtfertigbar ist.
Der Absturz: Vom Milliardenbetrieb zur Verlustrechnung
Die Wende kam schneller, als viele Beobachter erwartet hatten. Nach dem Ende der akuten Pandemiephase brach die Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen massiv ein. Für 2026 erwartet BioNTech Erlöse zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro – ein Bruchteil der Pandemiespitzenwerte. Im ersten Quartal 2026 sank der Umsatz auf 118,1 Millionen Euro, nach noch 182,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, und der Nettoverlust belief sich auf rund 532 Millionen Euro. Die Forschungs- und Entwicklungskosten für das laufende Jahr werden auf 2,2 bis 2,5 Milliarden Euro veranschlagt und übersteigen damit die erwarteten Einnahmen deutlich. BioNTech verbrennt derzeit Kapital, während es an seiner Krebstherapie-Pipeline arbeitet – eine klassische Transformationsphase, wie sie in der Pharmabranche nicht unüblich ist.
Aus unternehmerischer Perspektive ist die Logik der Entscheidungen, die BioNTech nun trifft, nicht irrational. Überkapazitäten in der Covid-Impfstoffproduktion bei gleichzeitig rückläufiger Nachfrage sind ein wirtschaftliches Problem, das gelöst werden muss. Das Unternehmen beziffert die angestrebten jährlichen Einsparungen durch die Schließungsmaßnahmen auf rund 500 Millionen Euro ab 2029. Die Produktionskapazitäten werden zum US-Partner Pfizer verlagert, der die Covid-Impfstoffherstellung an seinen europäischen und amerikanischen Standorten übernimmt. Für BioNTech selbst, das liquide Mittel und Wertpapieranlagen von insgesamt 16,8 Milliarden Euro hält, ist dies ein strategisch vertretbarer Schritt.
Was die Gleichung aus öffentlicher Sicht jedoch kompliziert, ist das Timing und die Geometrie dieser Entscheidungen. Der Pandemiebereitschaftsvertrag, der BioNTech zur Lieferung von Impfstoffen für Deutschland verpflichtete, läuft im ersten Quartal 2027 aus. Genau in diesem zeitlichen Korridor sollen die deutschen Werke schließen. Die deutschen Steuerzahler haben also Produktionskapazitäten finanziert, die exakt so lange existieren werden, wie die vertraglichen Mindestverpflichtungen dies erfordern – und nicht einen Tag länger. Ob das den Intentionen des ursprünglichen Förderprogramms entsprach, darf bezweifelt werden.
Die Standorte: Marburg, Idar-Oberstein, Tübingen – ein Abgesang
Die konkreten Auswirkungen der Unternehmensentscheidung treffen drei Bundesländer gleichzeitig. In Marburg, wo BioNTech während der Pandemie einen der wichtigsten mRNA-Impfstoffproduzenten Europas aufgebaut hatte, fallen rund 540 Vollzeitstellen weg. Der Betrieb soll noch im laufenden Jahr eingestellt werden, danach folgt der Rückbau. In Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz ist ebenfalls mit erheblichem Stellenabbau zu rechnen. Am Standort Tübingen in Baden-Württemberg, dem früheren Hauptsitz von CureVac, droht das Ende für rund 820 frühere CureVac-Beschäftigte. Hinzu kommt ein Standort in Singapur. In der Summe sollen bis zu 1.860 Stellen wegfallen – eine Zahl, die allein schon für sich spricht.
Marburg hatte im Zuge der Pandemieprosperität erhebliche Gewerbesteuereinnahmen aus BioNTech-Aktivitäten erhalten und investierte davon sogar 350 Millionen Euro in einen eigenen Spezialfonds. Die Stadt hatte sich auf eine dauerhafte Präsenz des Unternehmens eingestellt. Der Oberbürgermeister Thomas Spies kritisierte die Ankündigung denn auch mit ungewöhnlicher Schärfe für einen kommunalpolitischen Akteur: Das Unternehmen habe mit Steuermitteln Gewinne gemacht, diese Gewinne seien privatisiert worden, und die Arbeitsplätze verschwänden nun trotzdem. Die Gewerkschaft IG BCE ihrerseits kündigte an, die vollständige Schließung des Standorts nicht widerstandslos hinzunehmen.
Das Verhältnis zwischen den geförderten Erwartungen und dem Ergebnis macht Marburg zu einem Musterbeispiel für die Risiken kommunaler Abhängigkeit von einem einzigen Großsteuerzahler. Als Gegenargument ließe sich anführen, dass Marburg aus den Pandemiesteuern erhebliche Rücklagen gebildet hat – nach Angaben der Stadt waren die Einnahmen so ergiebig, dass man den Gewerbesteuerhebesatz zeitweise senken konnte. Der Spezialfonds, der einen Teil dieser Mittel verwaltet, bietet der Stadt einen gewissen Puffer. Dennoch bleibt der strukturelle Verlust von 540 Industriearbeitsplätzen und eines vollständigen Produktionsstandorts ein erheblicher regionaler Schaden.
Die CureVac-Affäre: Übernahme als Deckmantel für Schließung?
Besonders brisant ist im Kontext der BioNTech-Entscheidungen der Fall CureVac. Das Tübinger Biotechnologieunternehmen, ebenfalls ein mRNA-Pionier und einst heiß diskutierter BioNTech-Rivale, war im Frühjahr 2025 von BioNTech als Übernahmekandidat ins Visier genommen worden, bevor die Transaktion im Januar 2026 für 1,25 Milliarden Dollar vollzogen wurde. Die öffentliche Begründung für den Deal lautete, man wolle das mRNA-Know-how von CureVac für die Entwicklung von Krebstherapien nutzen und laufende Patentstreitigkeiten mit dem Konkurrenten beilegen. Damals hieß es explizit, der Forschungs- und Entwicklungsstandort in Tübingen solle erhalten bleiben.
Wenige Monate nach Abschluss der Übernahme verkündete BioNTech jedoch, auch den Tübinger Standort bis Ende 2027 schließen zu wollen. Rund 820 frühere CureVac-Beschäftigte sind betroffen, denen Aufhebungsverträge zum Jahresende angeboten wurden. CureVac-Gründer Ingmar Hoerr reagierte mit offenem Protest. Er bezeichnete das Vorgehen von BioNTech als unlauter und sprach direkt von Trickserei, weil alle im guten Glauben gehandelt hätten, die Übernahme liege im Interesse von CureVac und schaffe ein gemeinsames, starkes Unternehmen. Hoerr äußerte den Verdacht, BioNTech habe die Übernahme primär genutzt, um Patentstreitigkeiten aus dem Weg zu räumen und Investoren mit Versprechungen eingelullt. Die Übernahme hätte aus seiner Sicht nie stattfinden dürfen.
Ob diese Vorwürfe vor Gericht standhalten würden, ist eine andere Frage. Entscheidend für die politische und wirtschaftliche Bewertung ist jedoch die Signalwirkung: Wenn ein milliardenschwerer Unternehmenskauf wenige Monate nach seinem Abschluss zur Schließung der übernommenen Standorte führt, und wenn ein Gründer öffentlich von Täuschung spricht, entsteht das Bild einer strategischen Übernahme, die primär der Beseitigung eines Konkurrenten und dem Erwerb von Patenten diente – nicht dem Aufbau eines stärkeren deutschen Biotechsektors. Auch CureVac hatte in seiner Geschichte erhebliche staatliche Förderung erhalten; der Bund hatte im Rahmen desselben BMBF-Programms auch CureVac mit Mitteln ausgestattet. Das Geld ist nun endgültig weg.
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Vom Pandemie-Helden zum Renditekonzern: Die politische Sprengkraft von BioNTechs Rückzug – Wenn Staat fördert und Firmen abziehen
Das Aktienrückkaufprogramm: Gewinne für Aktionäre, Verluste für den Standort
Während BioNTech Werkschließungen und Entlassungen ankündigt und Quartalsverluste von 532 Millionen Euro ausweist, verabschiedete das Management im Mai 2026 ein Aktienrückkaufprogramm über bis zu eine Milliarde US-Dollar, das bis Mai 2027 umgesetzt werden soll. Finanziert werden soll das Programm aus den vorhandenen liquiden Mitteln des Unternehmens, das Ende März 2026 über rund 16,8 Milliarden Euro an Barmitteln und Wertpapieranlagen verfügte. Aktienrückkäufe sind ein legitimes Instrument der Kapitalallokation: Sie erhöhen den Wert der verbleibenden Aktien, signalisieren Vertrauen des Managements in die eigene Zukunft und können steuereffizient Kapital an Aktionäre zurückgeben.
Dennoch erzeugt die Gleichzeitigkeit dieser Maßnahmen einen erheblichen Kontrast, der politisch schwer zu rechtfertigen ist. Ein Unternehmen, das mit öffentlichen Mitteln aufgebaut wurde, das Milliarden an Steuern auf von staatlichen Beschaffungsverträgen generierte Gewinne abgeführt hat, entlässt fast 1.900 Mitarbeiter und kauft gleichzeitig eigene Aktien für eine Milliarde Dollar zurück. Die ökonomische Rationalität dieser Entscheidung ist für eine kapitalmarktorientierte Führung nachvollziehbar: Das Geld liegt in der Bilanz, die Aktie notiert weit unter Höchstwerten, der Rückkauf ist kalkulatorisch sinnvoll. Die gesellschaftspolitische Wirkung dieser Kombination ist jedoch eine andere: Sie verstärkt das Narrativ, dass Gewinne privatisiert und Risiken sozialisiert werden.
Dieser Punkt verdient eine differenzierte Analyse. BioNTech hat in den Pandemiejahren enorme Steuerzahlungen geleistet – die Zahlen für Mainz allein belaufen sich für 2021 und 2022 auf fast 3,3 Milliarden Euro Gewerbesteuer. Hinzu kommen Körperschaftsteuer, Kapitalertragsteuer auf Dividenden sowie Lohnsteuer und Sozialabgaben der Beschäftigten über die gesamte Laufzeit des Unternehmens. Wenn man diese Rückflüsse in die öffentlichen Haushalte einrechnet, relativiert sich das Bild des reinen Nehmer-Unternehmens. Trotzdem: Die ursprüngliche Förderintention – nachhaltige Produktionskapazitäten in Deutschland – wurde nicht erfüllt. Das ist ein Befund, der unabhängig von der Gesamtbilanz zwischen Steuerein- und -ausgaben bestehen bleibt.
Strukturelles Versagen der deutschen Industriepolitik
Der BioNTech-Fall ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für ein strukturelles Problem der deutschen Industrieförderung: Fördergelder fließen, ohne dass ausreichend Vorsorge gegen das vorzeitige Verschwinden der geförderten Kapazitäten getroffen wird. Dieses Problem ist nicht auf BioNTech beschränkt. Allein an die 40 DAX-Konzerne flossen zwischen 2016 und 2023 rund 35 Milliarden Euro an Subventionen. Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium warnte zuletzt ausdrücklich vor exzessiver Industriesubvention und empfahl, dem Einsatz industriepolitischer Instrumente eine Analyse der Verhältnismäßigkeit voranzustellen. Für 2024 waren allein im Bundeshaushalt Staatshilfen und Steuererleichterungen für Unternehmen von rund 67 Milliarden Euro budgetiert.
Das BMBF-Förderprogramm für Covid-Impfstoffhersteller war meilensteinbasiert konzipiert – die Zahlung erfolgte schrittweise nach Erreichen definierter Entwicklungsziele. Das ist grundsätzlich ein sinnvolles Design. Was in diesem Design fehlte, waren Standortbindungsklauseln mit ausreichender zeitlicher Tiefe. Wenn eine Förderung den Ausbau von Produktionskapazitäten in Deutschland bezweckt, sollte die Nutzung dieser Kapazitäten – oder eine vertragsgemäße Rückzahlungspflicht bei vorzeitiger Aufgabe – auf einen Zeitraum von mindestens zehn bis fünfzehn Jahren ausgerichtet sein. Stattdessen orientierte sich der Betrieb der geförderten Standorte am Auslaufen des Pandemiebereitschaftsvertrages im ersten Quartal 2027 – also an einer verwaltungsrechtlichen Mindestverpflichtung, nicht an einer wirtschaftlichen Langfristperspektive.
Der Markt hat hier versagt, und der Staat hat sich nicht gegen dieses Versagen abgesichert. Das ist eine Formulierung, die sowohl Ordoliberalen als auch Staatsinterventionisten unbequem sein sollte: Den Ordoliberalen, weil sie auf Regulierungsversagen hinweist, das mit gezielten Vertragsbedingungen hätte behoben werden können; den Staatsinterventionisten, weil sie zeigt, dass auch wohlmeinende staatliche Investitionen scheitern, wenn sie nicht durch hinreichende Rückforderungsklauseln und Nutzungsbindungen abgesichert werden. Das britische Modell des Vaccine Manufacturing and Innovation Centre (VMIC) etwa, das in staatlicher Hand verblieb, zeigt, dass es andere Wege gibt, nationale Produktionskapazitäten dauerhaft zu sichern.
Die Gründer und der strategische Neustart
Ein weiterer Aspekt, der in der deutschen Öffentlichkeit zu wenig Beachtung findet, ist der angekündigte Rückzug der BioNTech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci aus dem Vorstand des Unternehmens, der bis Ende 2026 vollzogen sein soll. Şahin und Türeci, die das Unternehmen 2008 ursprünglich zur Entwicklung von Krebstherapien auf mRNA-Basis gegründet hatten, wollen ein neues Biotechnologieunternehmen aufbauen, das sich auf die nächste Generation mRNA-basierter Medikamente konzentriert. BioNTech soll Rechte und Technologien in die Neugründung einbringen und erhält dafür eine Minderheitsbeteiligung sowie Lizenz- und Meilensteinzahlungen.
Özlem Türeci begründete den Schritt damit, dass BioNTech in eine neue Phase eintrete und sich auf ein industrielles Pharma-Modell vorbereite – das sei notwendig und sinnvoll, aber nicht das, wofür ihr Herz schlage. Diese Aussage enthüllt eine tiefe Wahrheit über die Transformation des Unternehmens: BioNTech ist nicht mehr das Start-up, das mit akademischem Pioniergeist und staatlichem Förderrückenwind einen Pandemie-Impfstoff entwickelte. Es ist auf dem Weg, ein klassischer Pharmakonzern zu werden – mit Kostenoptimierung, Kapitalallokation nach Renditekriterien und strategischer Konzentration auf profitable Segmente. Unter diesen Vorzeichen ist der Rückzug aus unprofitablen deutschen Produktionsstätten eine fast zwingend logische Konsequenz.
Diese Transformation bedeutet nicht, dass das Unternehmen die deutsche Forschungs- und Entwicklungslandschaft vollständig verlässt. BioNTech selbst betont, dass in Deutschland im Wesentlichen Verwaltung und Forschung verbleiben, und die Hoffnungen für die Zukunft ruhen auf einer Pipeline von Krebsmedikamenten in späten klinischen Entwicklungsphasen. Bis 2030 will das Unternehmen mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Therapien stellen. Sollte das gelingen, könnten neue Arbeitsplätze in hochqualifizierten Bereichen entstehen – allerdings kaum in der Größenordnung der verlorenen Produktionsstellen.
Die politische Ökonomie des Vertrauensverlustes
Über die konkreten ökonomischen Zahlen hinaus hat der BioNTech-Fall eine politische Dimension, die in ihrer Wirkung möglicherweise schwerwiegender ist als der unmittelbare wirtschaftliche Schaden. Vertrauen in staatliche Industriepolitik und Förderprogramme entsteht durch die Erfahrung, dass Versprechen eingehalten werden – sowohl von der öffentlichen Hand als auch von den Begünstigten. Wenn ein Unternehmen, das zur nationalen Stärke in einer Krise hochstilisiert wurde, wenige Jahre später seine deutschen Produktionsstandorte schließt und gleichzeitig Aktien für eine Milliarde Dollar zurückkauft, sendet das ein verheerendes Signal an alle, die staatliche Industrieförderung grundsätzlich für sinnvoll halten.
Dieses Signal betrifft nicht nur BioNTech. Es berührt auch die gesellschaftliche Akzeptanz des gesamten staatlichen Subventionsapparates, der in Deutschland inzwischen eine Größenordnung von mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr erreicht hat. Wenn Bürger und Politiker erleben, dass das Risiko beim Steuerzahler liegt und der Gewinn beim Aktionär, wird die politische Unterstützung für künftige Förderprogramme – sei es für Halbleiterwerke, Batteriefabriken oder Pharmastandorte – fragiler. Die Intel-Investition in Magdeburg etwa, die mit bis zu 10 Milliarden Euro staatlicher Förderung verbunden ist, wird durch solche Präzedenzfälle im politischen Raum erheblich komplizierter zu rechtfertigen sein.
Was folgt daraus? Es braucht keine Abkehr von staatlicher Technologieförderung, die in vielen strategischen Bereichen weiterhin sinnvoll und notwendig ist. Es braucht aber eine fundamental andere Vertragsgestaltung: Rückzahlungsklauseln bei vorzeitigem Standortabbau, zeitlich bindende Beschäftigungsgarantien als Fördervoraussetzung, öffentliche Beteiligung an extraordinären Gewinnen aus staatlich subventionierten Entwicklungen sowie umfassende Transparenzpflichten gegenüber dem Fördergeber. Diese Instrumente sind in anderen Ländern längst im Einsatz – Deutschland hat sie beim BioNTech-Deal nicht genutzt.
Bilanzierende Perspektive: Was bleibt?
Eine nüchterne ökonomische Gesamtbilanz des BioNTech-Experiments muss beide Seiten der Rechnung berücksichtigen. Auf der Habenseite stehen: eine nationale Impfstoffproduktion in der schwersten Pandemie seit Jahrzehnten, Steuerrückflüsse in Milliardenhöhe, der Aufbau von mRNA-Kompetenz in Deutschland und ein Biotechunternehmen, das trotz seiner aktuellen Transformationskrise über 16,8 Milliarden Euro Liquidität und eine aussichtsreiche Onkologie-Pipeline verfügt. Der Staat hat seine Investition im engeren steuerlichen Sinne vielfach zurückerhalten.
Auf der Sollseite stehen: das dauerhafte Ende von bis zu 1.860 Arbeitsplätzen in deutschen Produktionsstätten, der Verlust national kontrollierter mRNA-Produktionskapazitäten, eine CureVac-Übernahme, bei der ein Gründer öffentlich Täuschungsvorwürfe erhebt, ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm als begleitendes Signal und ein nachhaltiger Schaden am Vertrauen in die Effizienz staatlicher Industrieförderung. Der strukturelle Befund – Risikoteilung zulasten der Öffentlichkeit, Gewinnmitnahme zugunsten der Aktionäre – bleibt auch dann bestehen, wenn man die Gewerbesteuereinnahmen der Pandemiehochphase gegenrechnet.
Das ist kein Versagen von BioNTech als Unternehmen. Es ist ein Systemversagen in der Konstruktion staatlicher Förderpolitik. Unternehmen handeln nach Marktlogik – das ist weder verwerflich noch überraschend. Die Aufgabe des Staates wäre es gewesen, diese Marktlogik durch kluge Vertragsbedingungen so einzurahmen, dass das öffentliche Interesse dauerhaft gewahrt bleibt. Diese Aufgabe wurde nicht ausreichend erfüllt. Die Lehre aus dem BioNTech-Fall lautet deshalb nicht, dass man keine Impfstoffe mehr fördern sollte – sondern dass man die Bedingungen, unter denen man fördert, grundlegend überdenken muss.

