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Hightech statt Behördenknoten: Wie das Innovationszentrum Erding die Bundeswehr endlich kriegstüchtiger machen soll

Hightech statt Behördenknoten: Wie das Innovationszentrum Erding die Bundeswehr endlich kriegstüchtiger machen soll

Hightech statt Behördenknoten: Wie das Innovationszentrum Erding die Bundeswehr endlich kriegstüchtiger machen soll – Bild: Xpert.Digital

Tal des Todes für DefTech-Start-ups: Kann das Innovationszentrum Erding die Lücke zwischen Prototyp und Truppe schließen

Sechs Akteure, ein Zentrum: Wie Erding die zersplitterte Innovationslandschaft der Bundeswehr bündeln soll

Während die Ukraine innerhalb weniger Monate eine hochmoderne Drohnenarmee aus dem Boden stampft und Israel Verteidigung und Hightech nahtlos verschmilzt, droht die deutsche Zeitenwende an den eigenen Vorschriften zu scheitern. Eine Analyse über verlorene Innovationen, frustrierte Gründer und ein Zentrum in Erding, das die Rettung sein soll – aber selbst noch in den Kinderschuhen steckt.

Es klingt wie ein schlechter Scherz aus den Fluren des Beschaffungsamtes: Ein deutsches Start-up entwickelt ein revolutionäres Tarnsystem, gewinnt Innovationspreise und überzeugt bei NATO-Tests in Kanada. Doch statt die Truppe damit auszurüsten, verweist die Bundeswehr auf fehlende „Referenzen bei staatlichen Stellen“ – eine Hürde, die für junge Unternehmen per Definition unüberwindbar ist. Das Ergebnis? Das Start-up sucht sein Glück nun in Israel, während deutsche Soldaten auf veraltete Technik angewiesen bleiben.

Dieser Fall ist kein Einzelschicksal, sondern Symptom einer systemischen Blockade. Trotz des 100-Milliarden-Euro-Sondervermögens und der lautstarken Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ durch Verteidigungsminister Boris Pistorius, verliert sich die Bundeswehr im Klein-Klein der Bürokratie. Das geplante Innovationszentrum in Erding soll nun den Durchbruch bringen und die fragmentierten Zuständigkeiten bündeln. Doch ein Jahr nach der Ankündigung herrschen statt Aufbruchsstimmung vor allem Unklarheit über Strukturen, Budgets und Befugnisse.

Die Zeit drängt. 71 Prozent der Defense-Tech-Gründer bewerten die deutsche Verteidigungsfähigkeit mittlerweile als gering. Sie scheitern nicht an mangelnden Ideen, sondern am sogenannten „Valley of Death“ – der Finanzierungslücke zwischen Prototyp und Serienauftrag, für die der deutsche Staat im Gegensatz zu den USA oder Frankreich keine Lösung parat hat.

Die sechs Akteure, die aktuell die Innovationsaufgaben der Bundeswehr tragen und im geplanten Innovationszentrum in Erding zu einem Wirkverbund zusammengeführt werden sollen

Die sechs Akteure, die aktuell die Innovationsaufgaben der Bundeswehr tragen und im geplanten Innovationszentrum in Erding zu einem Wirkverbund zusammengeführt werden sollen – Bild: Xpert.Digital

  • Planungsamt der Bundeswehr (PlgABw)
  • Zentrum Digitalisierung der Bundeswehr (ZDigBw)
  • Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw)
  • Forschungs- und Innovations-Hub (FIH)
  • Die Teilstreitkräfte (Heer, Luftwaffe, Marine sowie Cyber- und Informationsraum)
  • Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) als Teil des „Digitallaborverbunds“ und Innovationsökosystems

Wie tief die strukturellen Probleme wirklich sitzen, warum der parlamentarische Schwellenwert von 25 Millionen Euro zum Nadelöhr der Sicherheit wird und welche radikalen Reformen jetzt nötig wären, um den Anschluss an die Weltspitze nicht endgültig zu verlieren, beleuchtet der folgende Report.

Blamage für die Beschaffung: Was die Ukraine bei der Rüstung besser macht als wir

Die deutsche Bundeswehr steht vor einem fundamentalen Innovationsdilemma: Während Start-ups wie Oberon Systems mit adaptiven Tarnsystemen technologisch wegweisende Lösungen entwickeln und die Ukraine binnen Monaten eine schlagkräftige Drohnenarmee aufbaut, scheitert Deutschlands Armee an strukturellen Hindernissen, die Innovation systematisch blockieren. Das geplante Innovationszentrum in Erding soll Abhilfe schaffen, doch dessen unklare Strukturen und fehlende Finanzierungsmechanismen offenbaren das Kernproblem: Die Bundeswehr versucht, Innovation durch neue Institutionen zu erzeugen, ohne die bürokratischen Fesseln zu lösen, die Start-ups vom Marktzugang abhalten.

71 Prozent der befragten DefTech-Gründer bewerten Deutschlands Verteidigungsfähigkeit als gering oder sehr gering – und nur ein Drittel würde erneut in Deutschland gründen. Diese alarmierenden Zahlen dokumentieren nicht nur ein Beschaffungsproblem, sondern eine systemische Innovationsblockade, die von Referenzanforderungen über parlamentarische Schwellenwerte bis zu fragmentierten Zuständigkeiten reicht.

Das Innovationszentrum Erding: Konzept ohne Durchbruch

Ankündigung und Status

Im Februar 2025 kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius bei der Innovation Night der Münchner Sicherheitskonferenz die Errichtung eines Innovationszentrums der Bundeswehr in Erding an. Der Standort erscheint strategisch gewählt: Das Wehrwissenschaftliche Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) in Erding beherbergt bereits seit 2022 das Innovationslabor System Soldat (InnoLabSysSdt), das als Pilotprojekt für neue experimentelle Vorgehensweisen in der wehrtechnischen Forschung gilt.

Die Vision von BAAINBw-Präsidentin Annette Lehnigk-Emden: Ein “Wirkverbund”, der die derzeit fragmentierten Innovationsakteure zusammenführt – das Planungsamt der Bundeswehr, das Zentrum für Digitalisierung, das BAAINBw, den Forschungs- und Innovations-Hub sowie die Teilstreitkräfte. Diese Akteure arbeiten aktuell “prozessual uneinheitlich” und “strikt getrennt”, was dazu führt, dass Innovationen nicht koordiniert entstehen und der Bedarfsträger – die Truppe – oft außen vor bleibt.

Strukturelle Unklarheiten

Ein Jahr nach der Ankündigung befindet sich das Vorhaben jedoch noch immer in einer “frühen Phase mit noch nicht geklärten Strukturfragen”. Ein Aufbaustab arbeitet an der organisatorischen und inhaltlichen Ausgestaltung, doch weder Zeitplan noch Kosten noch die konkrete Struktur sind definiert. Unklar bleibt auch, ob das bewährte InnoLabSysSdt in das Innovationszentrum integriert wird oder parallel weiterexistiert.

Diese Verzögerung ist symptomatisch: Während andere Nationen – Israel, die USA, die Ukraine – Innovationszentren binnen Monaten operativ machen, verliert sich die Bundeswehr in Planungsschleifen. Das Innovationslabor System Soldat selbst zeigt, dass es funktionieren kann: Dort werden Truppe, Industrie und Forschung bereits erfolgreich verzahnt, etwa bei der Erprobung von Klein- und Kleinstdrohnen. Doch statt dieses Modell zügig zu skalieren, wird eine neue Struktur aufgebaut – ohne dass klar ist, welche Befugnisse und welches Budget sie haben wird.

Das fehlende Bindeglied: Frühfinanzierung

Brigadegeneral Michael Bender, Leiter des Aufbaustabs, bringt das zentrale Defizit auf den Punkt: “Rasche Vertragsschlüsse aus dem Haushalt sind der zweite Schritt”. Das Problem: Für Projekte, die das Innovationszentrum erreichen, ist kein Budget für Anfangsfinanzierung vorgesehen. Start-ups sollen also innovative Lösungen entwickeln, erproben und bis zur Marktreife bringen – auf eigenes Risiko und ohne finanzielle Absicherung durch die Bundeswehr.

Dieser Ansatz ignoriert die Realität junger Technologieunternehmen. Ohne Brückenfinanzierung zwischen Prototyp und Serienproduktion – das berüchtigte “Valley of Death” – scheitern selbst vielversprechende Innovationen. Die Ukraine löst dieses Problem pragmatisch: Die Plattform Brave1 hat seit 2023 rund 1.500 Unternehmen unterstützt und 3.200 militärbezogene Projekte gefördert – mit direkter staatlicher Finanzierung. Deutschland hingegen verweist Start-ups an das reguläre Beschaffungswesen, wo die eigentlichen Hürden beginnen.

Die bürokratischen Barrieren: Systematische Innovationsverhinderung

Der Teufelskreis der Referenzanforderungen

Das gravierendste Hindernis für Start-ups liegt in den Eignungsnachweisen bei öffentlichen Ausschreibungen. Die Bundeswehr fordert regelmäßig, dass Bieter einen “gleichwertigen Auftrag bereits für eine staatliche Stelle ausgeführt” haben. Diese Anforderung ist für Start-ups per definitionem unerfüllbar: Junge Unternehmen können keine vergleichbaren Referenzen vorweisen, weil sie neu am Markt sind.

Hinzu kommen Zertifizierungsanforderungen: Produkte müssen nach verschiedenen Normen zertifiziert sein oder komplexen NATO-Regularien genügen. Moritz Sümmermann von Oberon Systems kann ein Lied davon singen: Sein adaptives Tarnsystem “Erlkönig” hat bei der Experimentalserie Land des Heeres eine 70 Prozent geringere Aufklärungsquote im Vergleich zu ungetarnten Systemen erzielt. Das System nutzt E-Reader-Technologie, ist modular aufgebaut, energiesparend und kann monatelang ohne Aufladen betrieben werden. Bei einem NATO-Feldtest in Kanada konnte es seine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen.

Doch trotz dieser beeindruckenden Erfolge und der Auszeichnung mit dem Game Changer Award beim Defence Innovation Pitch Day 2025 bleibt der Weg zur Serienproduktion steinig. Das Start-up muss sich auf internationalen Märkten – wie aktuell in Israel – orientieren, weil die deutschen Beschaffungsstrukturen kaum Zugang bieten.

Bitkom schlägt seit Jahren vor, die Mindestanforderungen in Ausschreibungen zu senken und ein Gütesiegel für Start-ups und KMU einzuführen, das von einer unabhängigen Stelle vergeben wird. Die Präqualifikation – ein bereits erlaubtes Instrument zur vorwettbewerblichen Eignungsprüfung – wird kaum genutzt. Stattdessen bleibt die Praxis unverändert: 86 Prozent der DefTech-Start-ups nennen einen leichteren Zugang zu Aufträgen als wichtigste politische Maßnahme.

Der Parlamentsvorbehalt: Politische Kontrolle als Zeitbremse

Jedes Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr mit einem Volumen über 25 Millionen Euro benötigt die Zustimmung des Haushaltsausschusses des Bundestages. Diese demokratische Kontrolle ist verfassungsrechtlich sinnvoll, wird aber zum Flaschenhals: Allein 2025 wurden laut Bundesregierung etwa 100 solcher Vorlagen an den Haushaltsausschuss geleitet – jede einzelne verzögert die Beschaffung um mehrere Monate.

Der Bundesrechnungshof und die CDU/CSU-Fraktion fordern eine Anhebung des Schwellenwerts auf mindestens 100 Millionen Euro. Das würde den Bürokratieaufwand senken und Prozesse beschleunigen, ohne die parlamentarische Kontrolle über die wirklich großen Projekte aufzugeben. Die Bundesregierung reagierte mit dem Bundeswehr-Planungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz (BwPBBG), das im Juli 2025 vom Kabinett beschlossen wurde und Anfang 2026 in Kraft treten soll.

Das Problem: Das BwPBBG ist bis Ende 2026 befristet – und läuft damit vor Ausschöpfung des Sondervermögens “Bundeswehr” aus. Zudem werden viele der vorgesehenen Instrumente in der Praxis nicht angewandt. Die Präsidentin des BAAINBw beklagt zwar öffentlichkeitswirksam die Bürokratie, doch strukturelle Reformen bleiben aus. Die Anhebung der Direktvergabegrenze von 1.000 auf 5.000 Euro mag 20 Prozent der Anschaffungen betreffen, doch bei innovativen Technologien geht es um ganz andere Größenordnungen.

Fragmentierte Zuständigkeiten und mangelnde Koordination

Die Innovationslandschaft der Bundeswehr gleicht einem Flickenteppich. Mindestens sechs verschiedene Akteure bearbeiten Innovationsthemen – oft ohne ausreichende Koordination. Der Cyber Innovation Hub (CIHBw), 2017 als “schnelles Beiboot” gegründet, kann zwar Empfehlungen an das BAAINBw abgeben, ob diese aber ankommen oder umgesetzt werden, bleibt unklar.

Diese Fragmentierung führt dazu, dass “die verschiedenen beteiligten Akteure meist nur unzureichend miteinander kommunizieren”. Ein Start-up, das mit dem CIHBw erfolgreich einen Prototyp entwickelt hat, muss dennoch den regulären Beschaffungsprozess beim BAAINBw durchlaufen – inklusive aller bürokratischen Hürden. Der Cyber Innovation Hub hat seit seiner Gründung über 170 Innovationsvorhaben angestoßen, doch nur 19 wurden “verstetigt”, also von der Bundeswehr übernommen.

Inspekteur des Heeres Generalleutnant Christian Freuding fordert mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten für die Teilstreitkräfte. Er begrüßt, dass Heer, Marine und Luftwaffe im Haushalt 2026 jeweils eine Million Euro für Innovationen erhalten sollen – ein Schritt zur Dezentralisierung, der aber das Grundproblem nicht löst. Eine Million Euro mag für die Beschaffung von Kleindrohnen zu Übungszwecken ausreichen, nicht aber für die systematische Integration innovativer Technologien in die Streitkräfte.

 

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Beratung und Informationen

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Bild: Xpert.Digital

Der Hub für Sicherheit und Verteidigung bietet fundierte Beratung und aktuelle Informationen, um Unternehmen und Organisationen effektiv dabei zu unterstützen, ihre Rolle in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu stärken. In enger Verbindung zur Working Group Defence der SME Connect fördert er insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit im Bereich Verteidigung weiter ausbauen möchten. Als zentraler Anlaufpunkt schafft der Hub so eine entscheidende Brücke zwischen KMU und europäischer Verteidigungsstrategie.

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Bundeswehr-Dilemma: Milliarden für Rüstung, doch Innovation bleibt auf der Strecke

Die Beschaffungskrise: Verzögerungen als Normalzustand

Die strukturellen Probleme manifestieren sich in eklatanten Projektverzögerungen. Der Transportflugzeug A400M kam mit 195 Monaten – 16 Jahren – Verspätung und verursachte 1,6 Milliarden Euro Mehrkosten. Der Eurofighter summiert sich auf fast 9 Milliarden Euro Kostensteigerungen. Aktuelle Projekte setzen das Muster fort: Die Fregatten F127 verzögern sich wegen IT-Schnittstellenproblemen, der Skyranger-Boxer kommt 18 Monate später als geplant – erst 2028 statt 2026, und beim D-LBO-Digitalfunksystem kämpft die Bundeswehr mit instabiler Datenübertragung und unzureichender Funkreichweite.
Diese Verzögerungen sind nicht ausschließlich dem BAAINBw anzulasten. BAAINBw-Präsidentin Lehnigk-Emden wehrt sich zu Recht gegen die Vorstellung, das Amt sei der “verkopfte bürokratische Beschaffungsverhinderer”. Das Problem liegt tiefer: Fünf Jahre vor Einbindung des BAAINBw arbeiten andere Stellen an der Produktdefinition. Ständig werden Anforderungen nachgeschoben – die berüchtigten “Goldrandlösungen”, bei denen speziell für die Bundeswehr Sonderlösungen entwickelt werden müssen, statt marktverfügbare Produkte zu beschaffen.

Die Personalfluktuation im BAAINBw wirkt projektverzögernd: Militärisches Personal wechselt nach zwei bis maximal vier Jahren die Position, gerade dann, wenn Expertise aufgebaut wurde. Mehrere hundert Dienstposten sind unbesetzt, vor allem fehlt es an Ingenieuren, Juristen und Ökonomen. Die massive Überalterung der Belegschaft und der hohe Krankenstand infolge Überlastung verschärfen die Situation.

Lehnigk-Emden dreht den Spießß um und wirft der Rüstungsindustrie “teilweise stärkere Fesseln” und “mehr Bürokratie” vor als dem BAAINBw. Die Industrie müsse ihre Produktionskapazitäten hochfahren – auch ohne langfristige Abnahmegarantien. “Wir werden kaufen, das ist im Prinzip jedem klar”, argumentiert die Präsidentin. Doch diese gegenseitige Schuldzuweisung führt zu einem Patt, bei dem Innovation auf der Strecke bleibt.

Das DefTech-Ökosystem: Kapital, Kultur und strukturelle Defizite

Die Finanzierungslücke

Deutschland mag in Europa bei DefTech-Investitionen führend sein, doch im globalen Vergleich ist die Lücke dramatisch: Während zwischen 2018 und 2024 etwa 1 Milliarde US-Dollar Risikokapital in deutsche DefTech-Start-ups flossen, investierten allein die USA von 2021 bis 2024 über 130 Milliarden US-Dollar. Deutschland investiert in einem längeren Zeitraum also nur ein Hundertsechzigstel dessen, was die USA in vier Jahren investieren.
Diese Finanzierungslücke hat strukturelle Ursachen. ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) vieler institutioneller Investoren schließen reine DefTech-Produkte aus. Private Venture-Capital-Fonds scheuen das Reputationsrisiko. Bitkom fordert deshalb staatliche Anschubfinanzierung nach französischem (Fonds Innovation Défense) oder niederländischem Vorbild (SecFund), um privates Kapital zu hebeln. Der Zukunftsfonds könnte um ein DefTech-Modul erweitert werden, doch konkrete Schritte lassen auf sich warten.

Inzwischen haben sich mit Helsing und Quantum Systems zwei deutsche DefTech-Start-ups zu Unicorns entwickelt – mit Bewertungen über eine Milliarde Euro. Helsing erhielt zuletzt 450 Millionen Euro und wird mit 4,5 Milliarden Euro bewertet. Doch diese Erfolge sind Ausnahmen. Die Masse der Start-ups kämpft mit Finanzierungsproblemen, während gleichzeitig die Bundeswehr 2024 einen neuen Höchststand von 97 genehmigten großen Rüstungsprojekten vermeldet – von denen der Großteil an etablierte Rüstungskonzerne geht.

Kulturelle Barrieren und fehlende Vernetzung

Die bürokratischen Hürden werden durch kulturelle Defizite verstärkt. 79 Prozent der befragten DefTech-Gründer wünschen sich bessere Vernetzungsmöglichkeiten und eine Bündelung der vielfältigen privaten Initiativen und Innovationseinheiten der Bundeswehr. 84 Prozent fordern Sandbox-Bereiche, in denen regulatorische Anforderungen für Testzwecke gelockert werden.

Der CIHBw versucht, diese Brücke zu schlagen. Leiter Sven Weizenegger beschreibt den Hub als “Change-Agent”, der nach dem Grundsatz “aus der Truppe – mit der Truppe – für die Truppe” arbeitet. Der Bedarf wird direkt aus der Truppe bezogen, Soldaten werden in die Entwicklung eingebunden. Mit der ukrainischen Innovationseinheit Brave1 wurde eine Partnerschaft geschlossen, um schnell und unbürokratisch Ideen und Lösungen zu teilen.

Doch der CIHBw stößt an Grenzen: Er verfügt nicht über eigene Beschaffungsbefugnisse und ist auf die Zusammenarbeit mit dem BAAINBw angewiesen. Bitkom fordert, den CIHBw mit einem substanziellen Budget auszustatten, das als Finanzkorridor beim BAAINBw hinterlegt ist, und ihm die Befugnis zu geben, weitgehend eigenständig Innovationen in die Truppe zu tragen. Bis 2030 sollen mindestens 30 Leuchtturm-Kooperationen zwischen der Bundeswehr und Start-ups im Verteidigungs- und Dual-Use-Bereich bestehen.

Internationale Vorbilder: Was Deutschland von Ukraine, Israel und den USA lernen kann

Ukraine: Innovation aus Notwendigkeit

Die Ukraine hat binnen zwei Jahren eine schlagkräftige DefTech-Industrie aus dem Boden gestampft. Brave1 unterstützt 1.500 Unternehmen und fördert 3.200 Projekte – mit direkter staatlicher Finanzierung und ohne jahrelange Beschaffungsverfahren. Ukrainische Start-ups liefern direkt an die Front, testen ihre Lösungen unter Kampfbedingungen und verbessern sie in Echtzeit.

Die digitalen Lösungen der ukrainischen Streitkräfte beeindrucken: Die App “Army+” ermöglicht die digitale Abwicklung militärischer Vorgänge, die früher Papierform erforderten. Gefechtsergebnisse können direkt gemeldet werden, Berichte zur Unterschrift übermittelt werden innerhalb von Minuten. Die App “Reserve+” automatisiert die Erfassung von Wehrpflichtigen und optimiert die Rekrutierung. Deutschland, das stolz auf seine Digitalisierungsbemühungen ist, hinkt hier eklatant hinterher.

Im Juli 2025 schloss Deutschland ein Digitalisierungs-Abkommen mit der Ukraine, um von diesen Erfahrungen zu lernen. Stellvertretende Verteidigungsministerin Kateryna Chernohorenko betont: “Technologien werden die Grundlage für einen zukünftigen stabilen Frieden bilden. Die Ukraine entwickelt bereits solche Lösungen und kann diese mit ihren Verbündeten teilen”. Die Frage ist: Wird die Bundeswehr diese Lösungen auch übernehmen können – oder scheitert auch hier die Umsetzung an Beschaffungshürden?

Israel: Das Defense-Tech-Vorbild

Israel verfügt über die höchste Start-up-Dichte pro Einwohner weltweit – und der Hightech-Sektor ist seit jeher eng mit dem Verteidigungssektor vernetzt. Richtungsweisend war die Gründung des Israeli Industry Centre for R&D (MATIMOP) 1970 durch einen IDF-Kommandeur. Heute profitieren militärische und zivile Sektoren wechselseitig voneinander, etwa durch regen Personalaustausch zwischen Streitkräften und Start-ups.

Der CIHBw orientiert sich explizit am israelischen und US-amerikanischen Vorbild. Doch während Israel auf pragmatische Lösungen und kurze Entscheidungswege setzt, verharrt Deutschland in Strukturdebatten. Oberon Systems, das adaptive Tarnsystem-Start-up, reiste im Dezember nicht umsonst nach Tel Aviv auf Einladung der israelischen Außenhandelskammer – dort ist der Marktzugang einfacher als in Deutschland.

USA: Kapital und Geschwindigkeit

Die USA investieren nicht nur 130-mal mehr Risikokapital in DefTech als Deutschland, sie verfügen auch über schnellere Beschaffungsprozesse. Das Defense Innovation Unit (DIU) kann binnen Monaten Verträge mit Start-ups abschließen. In-Q-Tel, der Venture-Capital-Arm der CIA, investiert strategisch in Technologien mit Dual-Use-Potenzial.

Deutschland versucht, mit dem BwPBBG und dem Innovationszentrum aufzuholen, doch die strukturellen Fesseln bleiben. Während Verteidigungsminister Pistorius auf Veranstaltungen betont, dass “Tempo” das Gebot der Stunde sei, zeigt die Realität ein anderes Bild: Das Innovationszentrum Erding ist ein Jahr nach Ankündigung noch in der “frühen Phase”, das BwPBBG läuft 2026 aus, und Start-ups werden weiterhin durch Referenzanforderungen blockiert.

Dezentralisierung als Lösungsansatz?

Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des Heeres, fordert mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten für die Teilstreitkräfte bei der Beschaffung. Vor der Wiederaufstellung 2016 war die Beschaffung dezentral strukturiert – ein Modell, zu dem Freuding teilweise zurückkehren möchte. Das Heer beschafft bereits dezentral Drohnen zu Übungs- und Ausbildungszwecken über das Handgeld der Kommandeure.

“Ich möchte, dass Truppe und Industrie mehr und direkter miteinander reden”, erklärt Freuding. Gerade bei Drohnen, wo Entwicklungs- und Herstellungszeiten extrem kurz sind, böten sich viele Chancen. Das Heer hat dazu einen Test- und Versuchsverband aufgestellt, in dem neue Ansätze auf Truppentauglichkeit geprüft werden – das “Einfallstor für Innovationen direkt in die Truppe”.

Dieser Bottom-up-Ansatz birgt Potenzial, aber auch Risiken. Ohne zentrale Koordination droht erneute Fragmentierung. Ohne Standards und Interoperabilitätsvorgaben entstehen Insellösungen, die nicht kompatibel sind. Die Lösung liegt nicht in vollständiger Dezentralisierung, sondern in einer intelligenten Balance: Zentrale Rahmenvorgaben und Budgetverantwortung beim BAAINBw, aber mehr operative Freiheit und Beschaffungsautonomie für die Teilstreitkräfte bei kleineren Vorhaben und Rapid-Prototyping-Projekten.

Strukturelle Reformvorschläge: Was jetzt passieren muss

Die Probleme sind bekannt, die Lösungsansätze liegen auf dem Tisch. Was fehlt, ist der politische Wille zur konsequenten Umsetzung:

Erstens: Referenzanforderungen reformieren

Ausschreibungen müssen Start-up-kompatibel werden. Statt abgeschlossener Referenzaufträge sollten technische Machbarkeitsnachweise, Prototypen und Erprobungsergebnisse als Eignungsnachweis ausreichen. Ein Gütesiegel für DefTech-Start-ups, vergeben durch eine unabhängige Stelle nach Überprüfung der technischen und finanziellen Leistungsfähigkeit, könnte das Vertrauen der Beschaffer erhöhen.

Zweitens: Frühfinanzierung institutionalisieren

Das Innovationszentrum Erding braucht ein substanzielles Budget für Brückenfinanzierung zwischen Prototyp und Serienproduktion. Der CIHBw benötigt einen bei BAAINBw hinterlegten Finanzkorridor mit Beschaffungsbefugnissen für Projekte bis 10 Millionen Euro. Nach französischem Vorbild sollte ein “Fonds Innovation Défense” staatlich in DefTech-Start-ups investieren, um privates Kapital zu hebeln.

Drittens: Parlamentsvorbehalt anheben

Die 25-Millionen-Euro-Schwelle stammt aus einer anderen Zeit. Eine Anhebung auf 100 Millionen Euro würde den Bürokratieaufwand drastisch senken, ohne demokratische Kontrolle über Großprojekte aufzugeben. Das BwPBBG muss entfristet und seine Instrumente konsequent angewandt werden.

Viertens: Zuständigkeiten klären und Koordination stärken

Das Innovationszentrum Erding darf nicht zur siebten parallelen Struktur werden. Es muss klare Befugnisse, Budget und Entscheidungskompetenzen erhalten – und als Drehscheibe zwischen allen Akteuren fungieren. Die Einbindung des bewährten InnoLabSysSdt ist sinnvoll, sollte aber dessen operative Handlungsfähigkeit nicht einschränken.

Fünftens: “Goldrandlösungen” systematisch vermeiden

Marktverfügbare Produkte müssen Vorrang haben vor Spezialentwicklungen. Anforderungen dürfen während laufender Projekte nicht mehr beliebig nachgeschoben werden. Funktionale Ausschreibungen, die das zu lösende Problem beschreiben statt detaillierte technische Spezifikationen vorzugeben, öffnen Raum für innovative Ansätze.

Sechstens: Sandboxes und Testfelder schaffen

84 Prozent der DefTech-Gründer fordern Bereiche, in denen regulatorische Anforderungen für Testzwecke gelockert werden. NATO-gesponserte Defense Innovation Ecosystem Frameworks, in denen sich Start-ups präsentieren und eine Art Gütesiegel erhalten können, würden ihnen helfen, Investoren zu überzeugen.

Siebtens: Leuchtturm-Kooperationen fördern

Bis 2030 sollten mindestens 30 strategische Partnerschaften zwischen Bundeswehr und DefTech-Start-ups bestehen – mit langfristigen Entwicklungs- und Abnahmeverträgen, die Planungssicherheit schaffen.

Innovation braucht Entschlossenheit, nicht nur Institutionen

Das Innovationszentrum Erding ist ein notwendiger, aber kein hinreichender Schritt. Solange Start-ups an Referenzanforderungen scheitern, der Parlamentsvorbehalt jeden Monat zählt und die Frühfinanzierung fehlt, bleibt Innovation Glückssache statt System. Moritz Sümmermann von Oberon Systems reist nach Israel, weil er dort bessere Chancen sieht als in Deutschland. DefTech-Gründer geben zu 71 Prozent an, dass Deutschland sich kaum verteidigen kann – und nur ein Drittel würde erneut hier gründen.

Die Ironie der Situation: Die Bundeswehr verfügt mit dem Sondervermögen über 100 Milliarden Euro, mit dem Verteidigungshaushalt 2026 über 108 Milliarden Euro – mehr Geld denn je. Doch während Pistorius auf dem Rollout-Event des Leopard 2 A8 von “Tempo” spricht, dümpeln innovative Start-ups im bürokratischen Niemandsland. Das Geld ist da, die Technologien sind da, die Start-ups sind da – was fehlt, ist der politische Wille, die strukturellen Fesseln zu lösen.

Die Ukraine zeigt, dass es anders geht: Innovation aus Notwendigkeit, direkte Beschaffungswege, staatliche Risikobereitschaft. Israel demonstriert seit Jahrzehnten, wie Defense und Hightech verschmelzen können. Die USA investieren 130-mal mehr Kapital in DefTech als Deutschland. Deutschland hingegen plant weiter – während die Zeit davonläuft.

“Kriegstüchtigkeit”, wie Pistorius es nennt, entsteht nicht durch Institutionen, sondern durch Entschlossenheit. Das Innovationszentrum Erding kann nur gelingen, wenn es mit echten Befugnissen, substanziellem Budget und der Freiheit ausgestattet wird, bürokratische Hürden zu überspringen. Ansonsten wird es zur nächsten gut gemeinten Initiative, die im Dickicht deutscher Verwaltungsstrukturen versandet – während anderswo die Zukunft der Verteidigung geschrieben wird.

 

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