
Wenn eine Hochschule die Industrie überholt: Warum das XR-Labor in Bielefeld ein Fenster in die Zukunft des Maschinenbaus ist – Bild: Xpert.Digital
Besser als Apple Vision Pro? Sonys neue 4.750-Dollar-Brille verändert die Industrie
Gegen den Fachkräftemangel: Wie Extended Reality die Ingenieure von morgen formt
Siemens und Sony machen Ernst: Warum diese XR-Brille der wichtigste Trend im Ingenieurwesen ist
Virtual Reality galt im Ingenieurwesen lange Zeit vor allem als eines: ein teures, wenn auch faszinierendes Betrachtungswerkzeug. Konstruiert wurde am flachen 2D-Monitor – die VR-Brille kam erst ganz am Ende zum Einsatz. Doch genau dieser fehleranfällige und zeitaufwendige Medienbruch gehört nun der Vergangenheit an. An der Hochschule Bielefeld (HSBI) vollzieht sich aktuell ein technologischer Paradigmenwechsel, der die Zukunft des Maschinenbaus maßgeblich prägen dürfte. Als erste Hochschule Deutschlands setzt sie die neue, speziell für den Enterprise-Sektor entwickelte XR-Brille SRH-S1 von Sony in der regulären Lehre ein. Das Besondere: Durch eine beispiellos tiefe Integration in das CAD-Ökosystem von Siemens wird die Brille vom reinen Anzeige- zum vollwertigen Schöpfungsinstrument. Für die Industrie verspricht dieser Schritt massive Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen, für den Bildungssektor ist es eine wegweisende Antwort auf den chronischen Fachkräftemangel. Ein tiefer Einblick in ein Labor, das der Zeit voraus ist – und in eine Technologie, die unsere Vorstellung vom räumlichen Konstruieren für immer verändert.
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Das Ende des 2D-Monitors: Wie die Sony-XR-Brille das industrielle Konstruieren neu erfindet
Es geschieht selten, dass eine einzelne Lehrstunde an einer deutschen Fachhochschule den Blick auf die Zukunft einer ganzen Industriebranche freigibt. Genau das ist im VR-Labor der Hochschule Bielefeld (HSBI) der Fall, wo Prof. Dr. Jan Robert Ziebart vom Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik erstmals in Deutschland die Sony-XR-Brille des Typs SRH-S1 in der regulären Hochschullehre einsetzt. Das Gerät, das in enger Kooperation zwischen dem japanischen Technologiekonzern Sony und dem Industriesoftware-Riesen Siemens entstanden ist, markiert eine Zäsur: Extended Reality ist nicht länger ein bloßes Betrachtungswerkzeug, sondern ein vollwertiges Konstruktionsinstrument, das direkt mit einer der weltweit führenden CAD-Plattformen verbunden ist.
Diese Entwicklung verdient eine tiefgehende ökonomische, technologische und bildungspolitische Einordnung. Denn hinter einem Studenten, der im Bielefelder Labor mit einer Datenbrille an einem virtuellen 3D-Drucker konstruiert, verbergen sich eine globale Umwälzung im Produktentwicklungsprozess des Maschinenbaus, eine milliardenschwere Marktbewegung im XR-Sektor und eine Antwort auf einen der drängendsten Fachkräfteengpässe Deutschlands.
Das Gerät: Technologische Substanz hinter dem Hype
Bevor die wirtschaftlichen Implikationen betrachtet werden können, lohnt ein nüchterner Blick auf das, womit man es technisch zu tun hat. Das Sony SRH-S1 ist kein Consumer-Produkt und kein Gaming-Zubehör. Es ist ein eigenständiges Enterprise-XR-Headset, das Sony Anfang 2025 zum Preis von 4.750 US-Dollar auf den Markt gebracht hat – ausschließlich im Business-Segment und zunächst direkt über Siemens bestellbar.
Die technische Substanz rechtfertigt diesen Preis. Das Gerät verwendet Sonys eigene ECX344A-OLED-Mikrodisplays mit einer Auflösung von 13,6 Megapixeln pro Auge, was einer Auflösung von 3.552 × 3.840 Pixeln entspricht. Damit übertrifft das SRH-S1 sogar Apples Vision Pro, die lediglich auf 11,7 Megapixel pro Auge kommt. Die Farbdarstellung erreicht 96 Prozent des professionellen DCI-P3-Farbraums bei einer Helligkeit von 1.000 Nits und einer Bildwiederholrate von 90 Bildern pro Sekunde. Als Prozessor kommt Qualcomms Snapdragon XR2+ Gen 2 zum Einsatz. Das Gerät verfügt über eine Passthrough-Funktion mit Farbvideodurchsicht sowie einen aufklappbaren Visiermechanismus, der den unmittelbaren Wechsel zwischen realer und erweiterter Realität ermöglicht. Die Steuerung erfolgt über zwei eigens entwickelte Controller: einen stiftartigen Pointer und einen Ring-Controller für die andere Hand – beide für die präzise Interaktion mit dreidimensionalen Objekten konzipiert.
Die entscheidende technische Innovation liegt jedoch nicht in der Hardware allein, sondern in der softwareseitigen Integration. Mit „Siemens NX Immersive Engineering“ bietet das System eine direkte, tiefe Verbindung zum CAD-Ökosystem von Siemens NX, einer der meistgenutzten Konstruktionsanwendungen in der Industrie weltweit. Das System besteht aus drei aufeinander aufbauenden Modulen: NX Immersive Explorer für Design-Reviews und kollaborative Betrachtungen, NX Immersive Designer für die direkte Konstruktionsarbeit in Echtzeit und NX Immersive Collaborator für standortübergreifende Team-Reviews. Die Integration ist dabei so tief, dass der VR-Modus mit einem einzigen Klick aus NX heraus aufgerufen werden kann – ohne Datenexport oder Formatkonvertierung. Genau das ist der Quantensprung gegenüber bisherigen VR-Ansätzen im Ingenieurbereich: Was früher ein aufwendiger Medienbruch war, ist nun ein nahtloser Workflow.
Der ökonomische Kontext: Ein Markt im Aufbruch
Die Investition der HSBI in diese Technologie fällt in eine Phase, in der der globale Markt für Extended Reality eine außergewöhnliche Wachstumsdynamik entwickelt. Marktanalysten beziffern den weltweiten XR-Markt für das Jahr 2025 auf rund 253,5 Milliarden US-Dollar. Bis 2034 soll er auf über 2.100 Milliarden US-Dollar anwachsen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 25,5 Prozent entspricht. Andere Analysten kommen je nach Methodik auf etwas konservativere Werte: Market Research Future beziffert den Markt für 2024 auf 51,3 Milliarden US-Dollar und erwartet bis 2035 einen Anstieg auf knapp 300 Milliarden US-Dollar bei einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 17,4 Prozent. Die Spannweite der Schätzungen erklärt sich durch unterschiedliche Definitionen des Marktes – einige Studien umfassen auch verwandte Hardware-, Software- und Dienstleistungssegmente großzügiger als andere.
Für den deutschen Markt im Besonderen zeichnen sich ebenfalls markante Wachstumspfade ab. Nach Schätzungen des deutschen Maschinenmarktes wird der heimische AR-/VR-Markt bis 2028 ein Volumen von 21 Milliarden Euro erreichen. Außerdem nutzen mittlerweile rund 75 Prozent aller deutschen Unternehmen Virtual oder Augmented Reality im geschäftlichen Alltag, und nahezu alle Anwender berichten von Zufriedenheit mit den erzielten Ergebnissen.
Für den Maschinenbau und die Produktentwicklung im Besonderen sind die Effizienzversprechen von XR dabei nicht mehr nur theoretischer Natur. Systeme wie der NX Immersive Designer sollen die Produktivität in Konstruktionsprozessen mit komplexen Geometrien um bis zu 30 Prozent steigern. Dies geschieht durch die Verkürzung von Iterationszyklen: Anstatt ein Modell am Computer zu bearbeiten, auf die Brille zu übertragen, dort zu prüfen, die Brille abzusetzen, erneut zu bearbeiten und wieder aufzusetzen – ein Prozess, der in der akademischen Forschung toleriert wird, in der Industrie aber als nicht wettbewerbsfähig gilt –, ermöglicht die direkte CAD-Integration in Echtzeit Korrekturen ohne jeglichen Medienbruch. Die wirtschaftliche Logik dahinter ist simpel: Jede Iterationsschleife, die in der virtuellen Konstruktionsphase eingespart wird, reduziert die Kosten für physische Prototypen, Fertigungsänderungen und Freigabeprozesse.
Warum VR allein nicht reicht: Die Grenzen bisheriger Ansätze
Um den Wert des neuen Ansatzes vollständig zu verstehen, muss man sich die Beschränkungen der bisherigen VR-Praxis im Ingenieurwesen vergegenwärtigen. Virtual-Reality-Systeme haben sich in den vergangenen Jahren zwar zunehmend in Industrieunternehmen etabliert, stießen aber stets an eine grundlegende Grenze: Sie waren Betrachtungswerkzeuge, keine Schöpfungswerkzeuge. Die Ingenieurin oder der Ingenieur konnte ein fertig konstruiertes 3D-Modell in der VR begehen, Maßstäbe erleben und räumliche Zusammenhänge intuitiver erfassen – doch sobald eine Änderung nötig war, musste das Headset abgenommen, der Computer geöffnet, die Konstruktion im CAD-System angepasst und dann erneut für die VR-Darstellung aufbereitet werden.
Dieser Medienbruch hat reale Kosten. Er unterbricht den kreativen und analytischen Fluss des Konstruierens, er erhöht den Aufwand für Feedbackschleifen und er macht es betriebswirtschaftlich schwer zu rechtfertigen, VR in frühen, iterativen Konstruktionsphasen einzusetzen, in denen der Mehrwert eigentlich am größten wäre. Hinzu kommt, dass die Erstellung hochwertiger VR-Umgebungen für spezifische Maschinen oder Bauräume traditionell äußerst zeitaufwendig ist. Die Technologie lohnt sich daher wirtschaftlich oft erst dann, wenn es sich um skalierbare Trainingsanwendungen oder die finale Überprüfung fertiger Konstruktionen handelt – nicht jedoch für die eigentliche, iterative Entwicklungsarbeit.
Extended Reality geht über diese Beschränkung hinaus, indem sie die reale Umgebung nicht vollständig ausblendet, sondern mit virtuellen Elementen überlagert. Das hat nicht nur kognitive Vorteile – der Anwender behält die räumliche Orientierung, kann eine physische Tastatur nutzen und läuft nicht gegen Hindernisse –, sondern verändert grundlegend die Art, wie mit digitalen Modellen gearbeitet werden kann. Die Konstruktion, die auf dem Bildschirm entworfen wird, ist im selben Moment im physischen Raum präsent, greifbar, überprüfbar und veränderbar.
Bildungsökonomische Dimension: Die HSBI als Vorgriff auf den Arbeitsmarkt
Die Entscheidung der HSBI, das Sony SRH-S1 als erste Hochschule Deutschlands in die reguläre Lehre zu integrieren, ist nicht nur ein technologischer, sondern vor allem ein bildungsökonomischer Schachzug. Sie antizipiert eine Entwicklung, die der deutsche Arbeitsmarkt für Ingenieurinnen und Ingenieure noch nicht vollständig vollzogen hat, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit vollziehen wird.
Die aktuelle Lage am deutschen Ingenieurarbeitsmarkt ist von einer strukturellen Paradoxie geprägt. Laut einer Analyse vom Oktober 2025 standen durchschnittlich 194 unbesetzte Stellen für Ingenieure und IT-Fachkräfte jeweils 100 arbeitslosen Fachkräften desselben Bereichs gegenüber – eine Engpasskennzahl, die auf chronischen Fachkräftemangel hinweist. Gleichzeitig verändern sich die Kompetenzanforderungen rasant: In den kommenden zehn Jahren werden rund 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Eine aktuelle VDI-Studie vom März 2026 zeigt, dass 80 Prozent der befragten Ingenieurinnen und Ingenieure davon ausgehen, ihre Kompetenzen in den nächsten drei Jahren erweitern zu müssen, um beruflich relevant zu bleiben. Als Haupttreiber dieses Weiterbildungsbedarfs nennen die Befragten technologischen Fortschritt bei künstlicher Intelligenz und Automatisierung (87 Prozent), gefolgt von Wettbewerbsdruck (57 Prozent).
In diesem Kontext ist die frühe Vertrautheit mit XR-gestützter Konstruktion kein akademischer Luxus, sondern ein handfester Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt. Der VDI hat explizit gefordert, Zukunftskompetenzen wie Digital- und KI-Kompetenz sowie interdisziplinäres Arbeiten systematisch in die Ingenieurausbildung einzubauen. Die HSBI liefert mit dem Einsatz des SRH-S1 genau das: Studierende lernen nicht nur, wie man ein Werkzeug bedient, sondern entwickeln ein konzeptionelles Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen einer Technologie, die ihren beruflichen Alltag prägen wird.
Dass dieses Verständnis auch kritisch sein muss, unterstreicht Prof. Ziebart im Lehrbetrieb ausdrücklich. Nicht jede Anwendung rechtfertigt den Aufwand einer XR-Umgebung. Das Erstellen einer solchen Umgebung erfordert Zeit, technisches Know-how und geeignete Daten. Der Einsatz rechnet sich, wenn der Bauraum zu komplex für die 2D-Betrachtung am Monitor ist, wenn räumliche Kollisionen verschiedener Komponenten von Studierendengruppen kollaborativ geprüft werden müssen oder wenn Gefahrensituationen simuliert werden sollen, die in der Realität nicht zu erproben wären. Diese Abwägungskompetenz – wann ist XR sinnvoll, wann ist sie Aufwand ohne Mehrwert? – ist selbst eine hochgradig marktrelevante Qualifikation.
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Vom Monitor in den Raum – das Ende des 2D-Denkens: Wie eine neue Technologie den Ingenieurberuf für immer verändert
Die industrielle Signalwirkung: Was Siemens und Sony mit ihrer Partnerschaft bezwecken
Die technologische Kooperation zwischen Siemens und Sony ist nicht zufällig entstanden und nicht auf das Gerät SRH-S1 beschränkt. Sie ist Teil einer strategischen Marktpositionierung, bei der beide Unternehmen voneinander profitieren. Siemens, dessen NX-CAD-System zu den global dominierenden Konstruktionsplattformen gehört, erschließt mit der XR-Integration einen neuen Nutzungskanal für seine Software und festigt die Kundenbindung in einer Phase, in der die Transformation hin zum cloudbasierten NX X vorangetrieben wird. Sony wiederum, dessen professionelle XR-Ambitionen unter der neuen Marke XYN gebündelt werden, gewinnt durch die Partnerschaft mit Siemens sofortige industrielle Glaubwürdigkeit und einen klar definierten Anwendungsfall für sein Enterprise-Headset.
Die strategische Dimension geht noch weiter: Siemens hat 2025 eine erste internationale „Immersive Design Challenge“ ausgeschrieben, an der über 900 Studierende aus mehr als 230 Universitäten in 38 Ländern teilnahmen. Gewonnen hat dabei ein Team der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, das mit seinem Projekt „BatteryTwin XR“ – einem digitalen Zwilling für den Lebenszyklus von Elektrofahrzeugbatterien – die Jury überzeugte. Diese Challenge ist ökonomisch als klassische Ökosystemstrategie zu lesen: Siemens und Sony investieren in die Ausbildung einer Generation von Ingenieuren, die mit ihrer Technologie vertraut ist, und schaffen so auf lange Sicht eine Nachfrage- und Kompetenzbasis für ihre Produkte. Die HSBI, die das Gerät als erste Hochschule Deutschlands in der Lehre einsetzt, ist damit Teil einer bewussten Markterschließungsstrategie großer Industrieunternehmen.
Der Konstruktionsprozess im Wandel: Vom 2D-Monitor zum dreidimensionalen Arbeitsraum
Um die transformative Wirkung des neuen Ansatzes vollständig zu würdigen, ist ein Blick auf den konventionellen CAD-Konstruktionsprozess nötig. Seit Jahrzehnten findet dieser Prozess vor einem zweidimensionalen Bildschirm statt. Dreidimensionale Körper werden modelliert, aber immer nur in der Projektion auf eine flache Fläche betrachtet. Um alle Seiten eines Modells zu prüfen, muss es manuell gedreht werden. Die Erkenntnisse über räumliche Zusammenhänge, über Kollisionen zwischen Bauteilen und über die ergonomische Zugänglichkeit einer Konstruktion entstehen im Kopf des Ingenieurs – durch mentale Rotation, durch Erfahrung, durch Intuition.
Dieser kognitive Aufwand ist enorm und fehleranfällig. Studien zeigen, dass räumliches Vorstellungsvermögen eine der zentralen, aber ungleich verteilten kognitiven Ressourcen im Ingenieurberuf ist. VR und XR demokratisieren diesen Prozess: Sie externalisieren die mentale Rotation in das physische Erleben. Wer um ein Modell herumgehen kann, als stünde es leibhaftig im Raum, erschließt räumliche Zusammenhänge mit einem Bruchteil des kognitiven Aufwands und einer weit geringeren Fehlerquote.
Noch weitergehend ist die Auswirkung auf kollaborative Konstruktionsprozesse. In einem Projekt, bei dem mehrere Studierende oder Ingenieurteams an demselben physischen Bauraum arbeiten – wie im Bielefelder Beispiel, wo drei Gruppen gleichzeitig den ausrangierten 3D-Drucker umrüsten –, ist die Kollisionsprüfung traditionell ein zeitaufwendiger, fehleranfälliger Prozess. XR ermöglicht es, alle Einzelkonstruktionen im selben virtuellen Raum zusammenzuführen und sofort visuell zu prüfen, ob Bauteile ineinandergreifen, sich behindern oder voneinander abweichen. Der NX Immersive Collaborator geht noch einen Schritt weiter und erlaubt diesen kollaborativen Reviewprozess standortübergreifend, also zwischen Teams an verschiedenen Standorten in Echtzeit.
Grenzen und offene Fragen: Wo die Technologie noch wächst
Eine nüchterne Analyse darf die Grenzen der Technologie nicht ausblenden. Bei einem Preis von 4.750 US-Dollar ist das Sony SRH-S1 eine erhebliche Investition, die für die meisten mittelständischen Unternehmen und erst recht für viele Bildungseinrichtungen eine signifikante Hürde darstellt. Die HSBI kann eine Pionierrolle übernehmen, weil sie das Gerät frühzeitig und zielgerichtet für Forschung und Lehre einsetzt – eine Investition, die bildungspolitisch und strategisch gerechtfertigt ist, aber nicht ohne Weiteres auf breiter Fläche skaliert.
Hinzu kommt der nach wie vor erhebliche Aufwand bei der Datenvorbereitung und Systemintegration. Zwar vereinfacht die direkte NX-Integration den Workflow erheblich, doch setzt das System eine homogene Softwareumgebung voraus. Unternehmen oder Hochschulen, die mit anderen CAD-Systemen arbeiten – etwa Autodesk Inventor, CATIA oder SolidWorks –, profitieren von der spezifischen Siemens-Sony-Integration vorerst nicht. Der Markt für breit kompatible XR-Konstruktionswerkzeuge ist noch fragmentiert.
Auch ergonomische Fragen bleiben offen. Der Einsatz eines Headsets über mehrere Stunden hinweg stellt physische und visuelle Anforderungen, die je nach Nutzungssituation zu Ermüdungserscheinungen führen können. Das SRH-S1 ist mit einem Halo-Träger und hochklappbarem Visier auf längere Tragezeiten ausgelegt, doch der optimale Nutzungsrhythmus im industriellen Alltag – intermittierend, für intensive Phasen der Kollisionsprüfung oder des Design-Reviews – ist vermutlich nicht der eines achtstündigen Arbeitstages unter dem Headset.
Schließlich ist die Frage der Datensicherheit im Unternehmenskontext nicht trivial. CAD-Daten gehören zu den sensibelsten Informationsgütern eines Industrieunternehmens. Sobald diese Daten in cloudgestützte XR-Plattformen eingespeist werden – wie es das cloudbasierte NX X ermöglicht –, entstehen neue Anforderungen an Datenschutz, Zugriffsmanagement und IT-Sicherheit, die im regulatorischen Umfeld der EU mit besonderer Sorgfalt behandelt werden müssen.
Hochschule als Frühindikator: Was die HSBI-Initiative über den Technologiereifegrad sagt
Es ist kein Zufall, dass die Pionierrolle im Einsatz dieser Technologie einer Fachhochschule und nicht einem Großkonzern zufällt. Hochschulen sind in der Technologieadoption oft früher dran als der Mittelstand, aber auch offener für experimentelle Anwendungen als konservative Industriebetriebe. Die HSBI-Initiative ist in diesem Sinne ein valider Frühindikator für den Technologiereifegrad: Sie zeigt, dass die Technologie reif genug für den regulären Betrieb unter Nicht-Experten ist, aber noch in einer Phase steckt, in der sie primär in Umgebungen mit hoher Lerntoleranz und einem expliziten Bildungsauftrag eingesetzt wird.
Diese Phase – nennen wir sie die Phase der pädagogischen Pionieranwender – ist für die Diffusion einer Technologie in die breite industrielle Praxis von großer Bedeutung. Sie produziert eine Generation von Absolventinnen und Absolventen, die mit dem Werkzeug vertraut sind, seine Stärken und Schwächen kennen und es im späteren Berufsleben aktiv in Industrieunternehmen einfordern und einführen werden. In der Diffusionstheorie nach Everett Rogers entspräche die HSBI den sogenannten „Early Adopters“ – jenen Akteuren, die durch ihren glaubwürdigen Einsatz einer Innovation die entscheidende Brücke zur frühen Mehrheit bauen.
Andere Hochschulen haben ähnliche, wenn auch technologisch weniger fortgeschrittene Wege beschritten: Die HTW Dresden erforscht den VR-Einsatz in der Maschinenbaulehre für Werkstoffsimulationen und Montageprozesse, die Ostfalia erprobt AR-basiertes Lernen in der Produktionstechnik für Wartungs- und Planungsaufgaben und die DHBW Stuttgart integriert AR/VR in technische Studiengänge, um verborgene Prozesse für Studierende sichtbar zu machen. Was die HSBI mit dem SRH-S1 macht, ist jedoch qualitativ anders: Es ist der Schritt vom Betrachtungs- zum Schöpfungsparadigma, der einem echten Paradigmenwechsel gleichkommt.
Die tiefere Bedeutung: Räumliches Denken als Wettbewerbsfaktor
Hinter der technischen und ökonomischen Analyse liegt eine anthropologische Frage verborgen, die für das Ingenieurwesen von grundlegender Bedeutung ist: Wie denken Menschen in drei Dimensionen, und wie kann Bildung dieses Denken fördern? Räumliches Vorstellungsvermögen ist nicht gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Es ist trainierbar, aber im klassischen Lehrbetrieb mit Tafel und CAD-Monitor auf einem zweidimensionalen Bildschirm werden die Grenzen des Trainings schnell sichtbar.
XR-Technologie hat das Potenzial, diese kognitive Ungleichheit zu reduzieren. Wer in der Lage ist, um sein Modell herumzugehen, wer Größenverhältnisse im Maßstab 1:1 erlebt, wer Kollisionen sieht, statt sie berechnen zu müssen, entwickelt ein intuitiveres Raumverständnis – unabhängig davon, ob das angeborene räumliche Vorstellungsvermögen überdurchschnittlich ausgeprägt ist oder nicht. Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Qualität von Konstruktionen, für die Diversifizierung des Ingenieurberufs und für die Inklusion von Personengruppen, die im klassischen Konstruktionsberuf traditionell unterrepräsentiert waren.
Gleichzeitig verändert die Technologie die Arbeitsteilung im Konstruktionsprozess. Wenn Design-Reviews und Kollisionsprüfungen nicht mehr physische Anwesenheit erfordern, sondern über den NX Immersive Collaborator ortsunabhängig stattfinden können, verschiebt sich die Geografie der Ingenieursarbeit. Teams in Stuttgart können mit Konstrukteuren in Bielefeld und Zulieferern in Warschau in einem gemeinsamen virtuellen Bauraum arbeiten. Diese Möglichkeit ist nicht neu – sie wurde mit VR-Kollaborationswerkzeugen schon früher angestrebt –, erreicht aber mit der Integration in ein professionelles CAD-System eine neue Stufe der Praxistauglichkeit.
Ausblick: Vom Experiment zur Praxis
Die HSBI-Initiative steht am Beginn einer Entwicklung, deren Verlauf noch offen ist. Einige Entwicklungspfade sind jedoch mit Blick auf aktuelle Trends identifizierbar. Der XR-Markt insgesamt wird weiter wachsen, angetrieben von sinkenden Hardwarepreisen, verbesserter Displaytechnologie, 5G-gestützter Cloud-Konnektivität und einem zunehmend breiten Ökosystem von Industrieanwendungen. Für das Sony SRH-S1 im Besonderen ist entscheidend, ob und wie schnell Siemens die NX-Integration auf weitere CAD- und PLM-Workflows ausweitet und ob das System auf einer breiteren Nutzerbasis aus industriellen Mittelstandskunden Fuß fassen kann.
Für die Hochschullandschaft ergibt sich eine klare Botschaft: Wer Ingenieurinnen und Ingenieure ausbildet, ohne ihnen die Werkzeuge der nächsten Konstruktionsgeneration in die Hand zu geben, riskiert eine Lücke zwischen Ausbildungsrealität und industriellem Alltag. Diese Lücke ist volkswirtschaftlich teuer, weil sie Einarbeitungszeiten verlängert, Qualifikationsniveaus reduziert und den Druck auf betriebliche Weiterbildungsbudgets erhöht. In einer Situation, in der 80 Prozent der deutschen Ingenieure einen erheblichen Qualifizierungsbedarf sehen und in der 315.000 Fachkräfte in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand treten, ist die Schließung dieser Lücke keine akademische Frage mehr, sondern eine Frage der industriellen Wettbewerbsfähigkeit.
Die HSBI in Bielefeld hat mit einem einzigen Gerät und einem entschlossenen Professor eine Antwort gegeben: Die beste Vorbereitung auf die Zukunft des Konstruierens ist das Konstruieren in der Zukunft. Jetzt. Im Labor. Mit einer Brille, die aus der realen Welt eine erweiterte macht – und aus einem Betrachtungswerkzeug ein echtes Schöpfungsinstrument.
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