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Bundeswehr verzichtet auf Palantir und prüft Alternativen: Almato (Stuttgart), Orcrist (Berlin) und Chapsvision (Paris)

Bundeswehr verzichtet auf Palantir und prüft Alternativen: Almato (Stuttgart), Orcrist (Berlin) und Chapsvision (Paris)

Bundeswehr verzichtet auf Palantir und prüft Alternativen: Almato (Stuttgart), Orcrist (Berlin) und Chapsvision (Paris) – Bild: Xpert.Digital

Rote Karte für Palantir: Warum die Bundeswehr dem US-Datenriesen absagt

NATO sagt Ja, Deutschland sagt Nein: Der riskante Streit um die Palantir-Software

Zu großes Sicherheitsrisiko: Darum darf US-Software nicht in die Bundeswehr-Cloud

Die Entscheidung fiel mit einem einzigen, knappen Satz – doch ihre Tragweite markiert eine tektonische Verschiebung in der europäischen Sicherheitspolitik. Die Bundeswehr erteilt dem US-amerikanischen Datenriesen Palantir eine klare Absage für den Aufbau ihrer geplanten militärischen Cloud. Der Grund ist nicht fehlende technologische Qualität, sondern eine tiefe Sorge um die nationale Sicherheit: Das Betriebsmodell des Silicon-Valley-Konzerns lässt zu viel Einblick in hochsensible militärische Daten zu. Statt sich in die Abhängigkeit transatlantischer Tech-Giganten zu begeben, ruft Deutschland nun die digitale Zeitenwende aus. Mit Almato aus Stuttgart, dem Berliner Start-up Orcrist und ChapsVision aus Paris stehen drei europäische Herausforderer bereit, um einen der strategisch wichtigsten IT-Aufträge des Landes zu gewinnen. Es geht um Milliardeninvestitionen, den Kampf gegen übermächtige Algorithmen und die fundamentale Frage: Wem vertrauen wir in Krisenzeiten das digitale Nervensystem unserer Verteidigung an?

Bundeswehr sagt Nein zu Palantir

Wenn Daten zur Waffe werden – Europas digitale Verteidigung beginnt mit einer Absage

Vizeadmiral Thomas Daum, Inspekteur des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, hat mit einem einzigen Satz eine weitreichende strategische Entscheidung auf den Punkt gebracht: „Das sehe ich momentan überhaupt nicht.“ Gemeint ist der Einsatz der Software des US-amerikanischen Datenanalysekonzerns Palantir Technologies für die geplante militärische Cloud der Bundeswehr. Was oberflächlich wie eine nüchterne Beschaffungsentscheidung wirkt, ist in Wirklichkeit ein Symptom einer tiefgreifenden tektonischen Verschiebung in der europäischen Sicherheitspolitik: der Abkehr von technologischer Abhängigkeit gegenüber dem transatlantischen Partner und dem Aufbruch in Richtung digitaler Souveränität. Drei europäische Herausforderer – Almato aus Stuttgart, Orcrist aus Berlin und ChapsVision aus Paris – stehen nun im Wettbewerb um einen der strategisch bedeutsamsten IT-Aufträge Deutschlands.

Der Kern des Problems: Wer sitzt am Steuer?

Die Ablehnung Palantirs durch die Bundeswehr lässt sich nicht auf einfache Antiamerikanismus-Klischees reduzieren. Sie gründet auf einem konkreten, strukturellen Sicherheitsproblem, das Daum beim Namen nannte: das Betriebsmodell. Bei der NATO betreiben Mitarbeiter von Palantir selbst die Software – sie sitzen faktisch im Innersten des militärischen Datensystems und haben Einblick in hochsensible Informationsbestände. So sehr die Bundeswehr an der Funktionalität der Palantir-Plattform interessiert sei, so unvorstellbar sei es, Industriemitarbeitern Zugang zum nationalen Datenbestand zu gewähren, erklärte Daum in der Handelsblatt-Befragung.

Dieser Einwand trifft einen neuralgischen Punkt in der modernen Verteidigungsarchitektur. Militärische Cloud-Systeme sind keine gewöhnliche Unternehmens-IT. Sie verarbeiten Verschlusssachen verschiedener Geheimhaltungsgrade, von VS-NfD (Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch) über VS-Vertraulich bis hin zu den höchsten Klassifizierungsstufen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schreibt für solche Systeme strenge technische und organisatorische Anforderungen vor – und ein zentrales Prinzip ist die vollständige Kontrolle über den Datenzugang durch staatliche Stellen. Kein privates Unternehmen, gleich welcher Nationalität, darf unkontrolliert Einblick in das Nervensystem der deutschen Streitkräfte erhalten.

Palantir wies die Kritik zurück und betonte, dass Kunden die Software installieren und nutzen könnten, ohne dass Palantir-Mitarbeiter vor Ort sein müssten. Doch diese Aussage trifft nicht den Kern des Problems: Bei der NATO ist das Betriebsmodell eben ein anderes, und genau dieses Modell – mit firmeninternen Operateuren in militärischen Systemen – ist das, was die Bundeswehr ausschließt. Die Enttäuschung des Unternehmens ist verständlich: Für das Deutschlandgeschäft wäre ein solcher Auftrag nach Einschätzung eines Palantir-Sprechers bedeutend gewesen.

Palantir: Ein Unternehmen zwischen Datenmacht und politischen Kontroversen

Um die Tragweite der Bundeswehr-Entscheidung zu verstehen, lohnt ein Blick auf den abgelehnten Bewerber selbst. Palantir Technologies wurde 2003 im Silicon Valley gegründet, maßgeblich durch den deutschen Milliardär und Technologieideologen Peter Thiel. Ursprünglich für die CIA entwickelt, um Finanztransaktionen von Terrornetzwerken zu verfolgen, hat das Unternehmen seine Analysetechnik seither massiv ausgebaut. Die Plattformen verarbeiten Geodaten von Satelliten, biometrische Daten, Geheimdienstberichte und Telefonaufzeichnungen zu Echtzeit-Lagebildern. Damit ermöglicht Palantir nicht nur die Analyse, sondern auch die Bewertung potenzieller militärischer Ziele in Echtzeit.

Finanziell erlebt das Unternehmen eine Phase beeindruckenden Wachstums: Im vierten Quartal 2025 steigerte Palantir den Umsatz auf 1,41 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für das Gesamtjahr 2025 verzeichnete das Unternehmen einen Umsatz von 4,48 Milliarden US-Dollar. Für 2026 prognostiziert das Management einen Umsatz von 7,18 bis 7,20 Milliarden US-Dollar. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 289 Milliarden Euro im April 2026 gehört Palantir zu den wertvollsten Technologieunternehmen der Welt.

Dieser Börsenerfolg korrespondiert mit einer immer engeren Verflechtung mit dem US-Sicherheitsapparat. Ende Juli 2025 unterzeichnete das Pentagon einen Rahmenvertrag mit Palantir mit einem Gesamtvolumen von bis zu zehn Milliarden US-Dollar über zehn Jahre. Dieser Vertrag bündelt 75 Einzelkontrakte und macht Palantir-Software faktisch zum Standardbetriebssystem für zentrale Bereiche der US-Streitkräfte – von der Informationsverarbeitung auf dem Gefechtsfeld über die Logistik der Rüstungslieferketten bis zum Personalmanagement. Parallel dazu erwarb die NATO-Kommunikations- und Informationsagentur (NCIA) das System MSS NATO (Maven Smart System), das KI-gestützte Entscheidungsunterstützung für Kommandeure bietet. Die Beschaffung war eine der schnellsten in der Geschichte der NATO – von der Bedarfsformulierung bis zur Vergabe vergingen nur sechs Monate.

Genau diese Dynamik – die tiefe Verschmelzung eines privaten Unternehmens mit staatlichen Sicherheitsstrukturen – bereitet europäischen Beobachtern Sorgen. Kritiker sprechen von einer „Privatisierung der Souveränität“: Entscheidungen über militärische Ziele und Truppenbewegungen werden zunehmend durch Algorithmen getroffen, die nicht von der militärischen Führung kontrolliert werden, sondern von einem Privatunternehmen, dessen Gründer politische Ansichten vertritt, die mit europäischen Demokratievorstellungen nur schwer vereinbar sind. Die Abhängigkeit von Palantir-Software ist, wenn sie einmal entstanden ist, kaum mehr rückgängig zu machen – darin liegt das eigentliche strategische Risiko für souveräne Staaten.

Die drei Herausforderer: Europas Antwort auf Silicon Valley

Statt auf die bewährte, aber umstrittene US-Plattform zu setzen, hat die Bundeswehr drei europäische Unternehmen für eine Evaluierung ausgewählt, deren Software im Sommer 2026 geprüft werden soll – mit einer Vergabeentscheidung bis Ende des Jahres.

Almato (Stuttgart): Semantische Intelligenz aus dem deutschen Mittelstand

Almato mit Sitz in Stuttgart ist eine Tochtergesellschaft des deutschen IT-Konzerns Datagroup. Das Unternehmen ist der etablierteste der drei Kandidaten, was allein schon an einem entscheidenden Vorteil sichtbar wird: Datagroup besitzt als erster Anbieter ein BSI-Zertifikat für eine Managed Private VS-NfD Defense Cloud. Das bedeutet, dass die Infrastruktur bereits nach den strengsten deutschen Sicherheitsanforderungen zugelassen ist – eine Grundvoraussetzung für jede militärische Nutzung.

Das Kernprodukt ist die semantische Datenplattform Bardioc, die unstrukturierte Datenmengen in kontextreiche, handlungsorientierte Erkenntnisse verwandelt. Bardioc nutzt modernste semantische Technologien, KI-gestützte Datenanalyse und maschinelles Lernen, um Muster und Anomalien in Datenbeständen frühzeitig zu erkennen. Besonders für militärische und nachrichtendienstliche Anwendungen ist diese Fähigkeit zur automatisierten Mustererkennung in heterogenen Datenpools von hohem Wert. Die Plattform kann sowohl als Software-as-a-Service in einer Defense Cloud als auch als Container-Lösung für On-Premise-Installationen betrieben werden – ein Flexibilitätsvorteil, der gerade für sicherheitssensible Umgebungen relevant ist.

Orcrist Technologies (Berlin): Lagebild-Intelligenz aus dem Start-up-Ökosystem

Das Berliner Start-up Orcrist Technologies repräsentiert den jüngeren und agileren Typus des europäischen Defence-Tech-Unternehmens. Mit einem Team von 11 bis 50 Mitarbeitern ist es erheblich kleiner als seine Mitbewerber, hat sich aber auf eine klare strategische Nische fokussiert: KI-gestützte Echtzeit-Lagebilderstellung und Sensordatenfusion.

Orcrists Plattform strukturiert millionenfache, ungeordnete Datenpunkte zu einem umfassenden, aktuellen und präzisen Lagebild. Das Unternehmen bezeichnet sich als „data defence technology company“ und arbeitet an der Schnittstelle von Technologie und militärischer Entscheidungsunterstützung. In einem strategischen Gutachten aus dem Jahr 2026 wurde Orcrist als „niche enabler of European information dominance“ charakterisiert, der KI-gestützte Intelligence-Fusion für den Gefechtsraum ermöglicht. Für eine moderne militärische Cloud, die Informationen aus verschiedenen Quellen und Sensornetzwerken integrieren soll, ist diese Kernkompetenz von unmittelbarer Relevanz.

Das Risiko bei Orcrist liegt in der Unternehmensgröße: Ein kleines Start-up trägt naturgemäß höhere Ausfallrisiken und hat möglicherweise begrenzte Kapazitäten für die schnelle Skalierung eines Großauftrages. Gleichzeitig sind Start-ups oft innovativer, wendiger und bereit, kundenspezifische Lösungen zu entwickeln, als große Konzerne mit starren Produktlinien.

ChapsVision (Paris): Das „französische Palantir“ mit europäischem Datenschutzanspruch

ChapsVision aus Paris ist nicht zufällig als das „französische Palantir“ bekannt. Das Unternehmen bietet eine umfassende, KI-gestützte Plattform für Massendatenanalyse, OSINT (Open Source Intelligence), prädiktive Intelligence und souveräne Verteidigungs-KI an. Als europäischer Marktführer im Bereich Datenverarbeitung und agentischer KI hat ChapsVision bereits Kunden aus dem staatlichen und militärischen Sektor in Frankreich gewonnen.

Im September 2025 schloss ChapsVision eine strategische Partnerschaft mit Alcatel-Lucent Enterprise, um europäischen Unternehmen und Behörden eine Alternative zu US-amerikanischen Cloud-Lösungen anzubieten. Der Fokus dieser Partnerschaft liegt zunächst auf Frankreich und Deutschland – ein klares Indiz dafür, dass ChapsVision den deutschen Markt strategisch priorisiert. Weitere Kooperationen mit dem Systemintegrator Capgemini unterstreichen den Anspruch, als vertrauenswürdiger Partner für staatliche Institutionen zu agieren.

ChapsVision betont explizit die Souveränität seiner Infrastruktur: Die Plattform ist für den Betrieb in klassifizierten und nicht klassifizierten Umgebungen ausgelegt und setzt auf eine modulare, skalierbare Architektur, die an die spezifischen Sicherheitsanforderungen von Sicherheitsbehörden angepasst werden kann. Damit adressiert das Unternehmen direkt den Kerneinwand gegen Palantir: vollständige Datenkontrolle beim Betreiber, ohne firmeninterne Operateure.

Ein Vergleich der Kandidaten

Kriterium Almato (Stuttgart) Orcrist (Berlin) ChapsVision (Paris)
Unternehmensgröße Mittelgroß (Datagroup-Tochter) Klein (Start-up, 11–50 MA) Mittelgroß
BSI-Zertifizierung Ja (VS-NfD Defense Cloud) Keine öffentliche Information Keine öffentliche Information
Kernprodukt Semantische Plattform Bardioc KI-Lagebild & Sensorfusion OSINT & agentische KI
Herkunft Deutschland Deutschland Frankreich
Bekannte Partnerschaften Datagroup Defence Cloud Strategische Verteidigungskunden Alcatel-Lucent Enterprise, Capgemini
Marktpositionierung Etablierter Defence-Anbieter Defence-Tech-Start-up „Europäisches Palantir“

 

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Beratung und Informationen

Hub für Sicherheit und Verteidigung - Bild: Xpert.Digital

Der Hub für Sicherheit und Verteidigung bietet fundierte Beratung und aktuelle Informationen, um Unternehmen und Organisationen effektiv dabei zu unterstützen, ihre Rolle in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu stärken. In enger Verbindung zur Working Group Defence der SME Connect fördert er insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit im Bereich Verteidigung weiter ausbauen möchten. Als zentraler Anlaufpunkt schafft der Hub so eine entscheidende Brücke zwischen KMU und europäischer Verteidigungsstrategie.

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Zwischen NATO und Souveränität: Wie Deutschlands Beschaffung die Defence-Tech-Landschaft formt

Das strategische Umfeld: Europas digitale Zeitenwende

Die Entscheidung der Bundeswehr fällt in einen geopolitischen Moment, der kaum dramatischer sein könnte. Deutschland steigert seine Verteidigungsausgaben auf 108,2 Milliarden Euro für das Jahr 2026, aufgeteilt auf 82,69 Milliarden Euro im regulären Wehretat und 25,51 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Allein für die Digitalisierung der Bundeswehr schätzt der Branchenverband Bitkom einen zusätzlichen Investitionsbedarf von 83 Milliarden Euro bis 2029. Die BWI GmbH, der IT-Dienstleister der Bundeswehr, hat bereits ein Investitionsvolumen von sechs Milliarden Euro für die Digitalisierungsagenda bis 2029 angekündigt.

In diesem Kontext ist der Cloud-Auftrag, um den Almato, Orcrist und ChapsVision konkurrieren, weit mehr als ein einzelnes Beschaffungsprojekt. Er ist der Nukleus einer militärischen Digitalinfrastruktur, die in den kommenden Jahren die gesamte Informationsarchitektur der Bundeswehr prägen wird. Eine Software, die Informationen aus verschiedenen Datenbanken integriert und KI-gestützte Analysen ermöglicht, ist das zentrale Nervensystem jeder modernen Streitkraft.

Auf europäischer Ebene gewinnt die Entscheidung noch größere Symbolkraft. Im November 2025 betonten Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron beim Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität in Berlin, dass die digitale Eigenständigkeit Europas für die Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zentral sei. Unternehmen aus beiden Ländern vereinbarten Investitionen von über 12 Milliarden Euro in europäische Digitalpartnerschaften. Deutschland und Frankreich gründeten eine gemeinsame Taskforce für digitale Souveränität, die sich explizit auf Cloud-Dienste, künstliche Intelligenz und Cybersicherheit konzentriert. Die Kandidatenliste der Bundeswehr – mit zwei deutschen und einem französischen Unternehmen – liest sich wie eine operative Umsetzung dieser politischen Absichtserklärungen.

Der europäische Defence-Tech-Boom als wirtschaftlicher Kontext

Die Bundeswehr-Entscheidung fällt in eine Phase, in der europäische Defence-Tech-Unternehmen erstmals ernsthaft als Alternativen zu US-amerikanischen Marktführern wahrgenommen werden. Venture-Capital-Investitionen in europäische Defence-, Security- und Resilience-Start-ups sollen 2026 die Acht-Milliarden-Dollar-Marke überschreiten – im Vergleich zu weniger als 500 Millionen Dollar im Jahr 2015 entspricht das einem Wachstum von über 1.500 Prozent in einem Jahrzehnt. Allein für 2025 werden Investitionen von rund zwei Milliarden Euro erwartet – fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Deutschland ist dabei der Markt mit dem stärksten Wachstum.

Das europäische Defence-Tech-Ökosystem umfasst inzwischen rund 384 Start-ups, von denen etwa ein Drittel in den vergangenen zehn Jahren gegründet wurde. Allerdings zeigt sich eine starke Konzentration der Finanzierung auf einige wenige Unternehmen: Mehr als zwei Drittel des gesamten Kapitals fließen zu Helsing, Quantum Systems und ALL SPACE. Die drei Bewerber um den Bundeswehr-Auftrag – Almato, Orcrist und ChapsVision – sind in dieser Statistik eher im Mittelfeld des Ökosystems angesiedelt, was ihre Finanzierungsbasis betrifft, nicht ihre technologische Relevanz.

Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt ein ernüchternder Vergleich: Die gesamte europäische Defence-Tech-Finanzierung ist im Vergleich zu einzelnen US-amerikanischen Deals winzig. Anduril Industries, ein US-Konkurrent von Palantir, sammelte allein in einer Series-G-Finanzierungsrunde 2025 stolze 2,5 Milliarden Dollar ein und wurde dabei mit 30,5 Milliarden Dollar bewertet. Das zeigt, wie groß die strukturelle Lücke zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Verteidigungstechnologie-Ökosystem noch immer ist – und wie wichtig öffentliche Beschaffungsaufträge wie der der Bundeswehr für die Entwicklung und das Überleben europäischer Anbieter sind.

Das Paradox: NATO setzt auf Palantir, Bundeswehr lehnt ab

Die Bundeswehr-Entscheidung wirft eine unbequeme Frage auf, die strategisch nicht leicht zu beantworten ist: Wie souverän kann die nationale Digitalpolitik wirklich sein, wenn das übergeordnete Verteidigungsbündnis – die NATO – denselben Anbieter nutzt, den Deutschland für sich ablehnt?

Die NATO hat mit dem Maven Smart System NATO ein KI-System beschafft, das auf Palantir-Technologie basiert. Es soll Kommandeure und Kampfführer befähigen, modernste KI in zentralen militärischen Operationen einzusetzen – von der Informationszusammenführung über die Zielerfassung bis zur Entscheidungsbeschleunigung. Für einen Bundeswehr-Vizeadmiral, der an NATO-Operationen teilnimmt und dort mit Palantir-Systemen arbeiten muss, während er zu Hause auf europäische Alternativen setzt, entsteht eine operative Komplexität, die langfristig aufgelöst werden muss.

Dieser Widerspruch ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für die strukturellen Spannungen in Europas Sicherheitspolitik: das Streben nach strategischer Autonomie auf der einen, die Einbettung in ein transatlantisches Bündnis auf der anderen Seite. Die Lösung liegt nicht im Rückzug aus der NATO, sondern in der Stärkung europäischer Anbieter bis zu einem Reifegrad, der es ihnen erlaubt, auch auf der Bündnisebene konkurrenzfähig zu sein. Genau das macht den Bundeswehr-Auftrag zu einem Präzedenzfall mit weit über Deutschland hinausgehender Bedeutung.

Risiken und Herausforderungen der europäischen Lösung

Die strategische Entscheidung für europäische Anbieter ist politisch richtig – sie ist aber nicht ohne unternehmerische und operative Risiken. Palantir ist ein mit Abstand ausgereifteres Produkt mit jahrelanger Erfahrung im militärischen Einsatz, einem bewährten Ökosystem und enormen Entwicklungsressourcen. Die drei europäischen Kandidaten stehen einer höheren Last gegenüber: Sie müssen beweisen, dass ihre Plattformen unter Echtbedingungen so leistungsfähig sind wie der US-Marktführer – und das in einer Evaluierungsphase im Sommer 2026 mit Vergabe bis Jahresende.

Besonders bei Orcrist als kleinem Start-up stellt sich die Frage der Skalierbarkeit. Ein Bundeswehr-Auftrag in diesem Segment würde das Unternehmen schlagartig transformieren – mit allen Chancen, aber auch den Risiken eines rasanten Wachstums. Kleine Unternehmen haben in der Vergangenheit unter dem Druck staatlicher Großprojekte mitunter Schwierigkeiten gehabt, Qualitätsniveaus zu halten und Lieferversprechen einzuhalten. Die Bundeswehr muss bei der Bewertung daher nicht nur die Technologie selbst, sondern auch die organisatorische Tragfähigkeit der Bewerber beurteilen.

Für alle drei Kandidaten gilt überdies: Der regulatorische Rahmen ist komplex. Die EU hat mit dem Cyber Resilience Act, der KI-Verordnung und der NIS2-Richtlinie ein dichtes Regelwerk geschaffen. Für Systeme mit sowohl zivilen als auch militärischen Anwendungen – Dual-Use-Produkte – gelten besondere Anforderungen: Wer eine KI-Lösung an die Bundeswehr liefert, aber auch im zivilen Markt tätig ist, muss die volle KI-VO-Compliance einhalten, einschließlich Risikomanagement, Daten-Governance und Konformitätsbewertung. Das erhöht den Aufwand für alle Bewerber erheblich.

Ökonomische Dimension: Wenn Beschaffungspolitik Industriepolitik wird

Aus einer wirtschaftspolitischen Perspektive ist die Bundeswehr-Entscheidung ein Akt bewusster Industriepolitik. Indem Deutschland europäische Anbieter gezielt bevorzugt und US-Alternativen ausschließt, nutzt es seine öffentliche Beschaffungsmacht, um das heimische und europäische Tech-Ökosystem zu stärken. Das ist kein Protektionismus im klassischen Sinne, sondern eine Antwort auf die technologische Asymmetrie zwischen Europa und den USA.

Öffentliche Beschaffungsaufträge haben in der Geschichte der Technologieindustrie immer wieder als entscheidende Wachstumskatalysatoren gewirkt. Das US-Verteidigungsministerium hat über Jahrzehnte Unternehmen wie Intel, Google und eben Palantir mit staatlichen Aufträgen groß werden lassen. Europa hinkt in dieser strategischen Nutzung öffentlicher Nachfrage hinterher. Wenn die Bundeswehr jetzt Almato, Orcrist oder ChapsVision den Vorzug gibt, schafft sie einen Referenzkunden von unschätzbarem Wert – der nicht nur die Glaubwürdigkeit dieser Unternehmen auf anderen europäischen Märkten erhöht, sondern auch Signalwirkung für andere nationale Beschaffungsbehörden in der EU entfaltet.

Besonders für den deutschen IT-Mittelstand ist dieser Aspekt bedeutsam. Almato als Datagroup-Tochter und Orcrist als Berliner Start-up stehen exemplarisch für eine Branchenstruktur, die trotz hoher Qualität oft gegenüber globalen Tech-Konzernen benachteiligt wird, weil ihr der internationale Referenzkunde fehlt. Ein Bundeswehr-Auftrag würde dieses strukturelle Defizit teilweise ausgleichen und könnte den Anstoß für eine neue Schicht europäischer Defence-Tech-Champions geben.

Geopolitische Dimension: Vertrauen als strategische Ressource

Hinter der technischen Diskussion um Betriebsmodelle und Sicherheitszertifizierungen steht eine fundamentale geopolitische Frage: Wie viel Vertrauen kann und darf Europa in amerikanische Technologieplattformen setzen, wenn das politische Verhältnis zwischen den USA und Europa zunehmend durch Unsicherheit geprägt ist?

Unter der Trump-Administration hat sich das transatlantische Verhältnis spürbar verändert. Unilaterale Entscheidungen in der Handelspolitik, die Infragestellung von NATO-Sicherheitsgarantien und die enge Verschmelzung von Technologiekonzernen mit politischen Machtstrukturen haben in Europa ein Bewusstsein für strukturelle Abhängigkeiten geweckt, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Wenn ein Unternehmen wie Palantir als quasistaatlicher Akteur des US-Sicherheitsapparates auftritt, dessen Kerninfrastruktur durch einen Zehn-Milliarden-Dollar-Vertrag mit dem Pentagon verankert ist, dann ist die Frage nach dem Zugriff auf in europäischen Systemen gespeicherte Daten keine theoretische Überlegung mehr.

Bundeskanzler Merz hat im Kontext des Digitalgipfels eine strategisch bedeutsame Formulierung geprägt: „Wir müssen als Staat vorangehen, resilient sein und wir müssen insbesondere für Krisenzeiten vorbereitet sein.“ Dieses Zitat könnte als Leitprinzip über der Bundeswehr-Entscheidung stehen. Resilienz in Krisenzeiten bedeutet nicht zuletzt, dass die eigene Kommandostruktur auch dann funktioniert, wenn politische Spannungen mit dem Anbieterland entstehen – und dass kein ausländisches Unternehmen durch sein Betriebsmodell faktisch eine Vetomacht über den deutschen Datenzugang erlangt.

Was auf dem Spiel steht

Die Evaluierung der drei europäischen Bewerber im Sommer 2026 und die geplante Vergabe bis Jahresende sind nicht der Abschluss, sondern der Beginn eines langen Prozesses. Die Bundeswehr baut in den kommenden Jahren eine eigene, geschützte private Cloud zur Datenverarbeitung und KI-Anwendung auf. Ein wesentlicher Baustein dieser Cloud ist genau die Software, um die Almato, Orcrist und ChapsVision nun konkurrieren: eine Plattform, die Informationen aus verschiedenen Datenbanken zusammenbringt und für operative Entscheidungen nutzbar macht.

Wer diesen Auftrag gewinnt, erhält nicht nur einen Vertrag, sondern eine Gestaltungsmacht über die digitale Infrastruktur der deutschen Streitkräfte für die nächste Dekade. Zugleich wird die Entscheidung Präzedenzcharakter für andere europäische NATO-Partner haben, die ähnliche strategische Weichenstellungen vornehmen müssen. Frankreich, das mit ChapsVision einen nationalen Champion in die Bewerbung schickt, dürfte die Vergabe mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen.

Palantirs Absage durch die Bundeswehr ist damit mehr als ein verlorener Auftrag für ein erfolgreiches US-Unternehmen. Sie markiert einen Moment, in dem Europa beginnt, die Konsequenzen aus der Erkenntnis zu ziehen, dass digitale Abhängigkeit strategische Verwundbarkeit bedeutet. Ob die europäischen Alternativen technologisch und organisatorisch bereit sind, diese Erwartung zu erfüllen, wird der Sommer zeigen. Der politische Wille dazu ist jedenfalls – spät, aber deutlich – formuliert worden.

 

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